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Willi Bredel - Maschinenfabrik N.& K. (1930)
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Ein Kapitel über Faschismus.

Melmster hatte sämtliche Abendzeitungen gekauft. Die deutschnationalen „Nachrichten" schrieben:
Blutige Streikhetze der Kommunisten Heute früh kam es vor der Maschinenfabrik von N. & K. zu blutigen Zusammenstößen zwischen streikenden Arbeitern und der Polizei. Die Belegschaft dieser Firma steht seit einigen Tagen im Streik. Einige arbeitswillige Elemente wurden von den Streikenden misshandelt. Als die Polizei eingriff, gingen die kommunistischen Unruhestifter auch gegen die Polizisten vor. Diese mussten von der Schusswaffe Gebrauch machen. Nach dem Polizeibericht wurden zwei Arbeiter verwundet. Der demokratische „Generalanzeiger" schrieb: Schießerei vor der Maschinenfabrik N. & K. -Ein Toter, ein Verwundeter
Bei Zusammenstößen zwischen streikenden und arbeitswilligen Arbeitern, in deren Verlauf die Polizei eingreifen musste, kam es zu Schießereien. Bedauerlicherweise wurde ein junger Arbeiter durch Halsschuss tödlich getroffen. Wer geschossen hat, ist noch nicht einwandfrei erwiesen. Die Ruhe ist wiederhergestellt. Das Organ der SPD schrieb: Die Blutschuld der Kommunisten -Ein Todesopfer der Moskauer Gewaltanbeter Mit terroristischen Methoden ist es einer Handvoll junger Kommunisten in der Maschinenfabrik N. & K. gelungen, die Belegschaft zu einem wilden Streik zu provozieren. Die gemeinsten und verruchtesten Mittel wurden gegen alte,
ergraute Gewerkschaftler angewandt. Vor einigen Tagen erst wurde ein alter Gewerkschaftler vom kommunistischen Janhagel in der Dunkelheit überfallen und blutig geschlagen.
Natürlich grenzen sich die Gewerkschaften von diesen verbrecherischen Methoden der kommunistischen Gewaltanbeter scharf ab. Sie haben diesen wilden Streik sofort als eine planmäßige Putschisterei gekennzeichnet, die kein organisierter Arbeiter unterstützen darf. Als heute morgen der Betrieb (nach einer Aussperrung seitens der Firma) wieder geöffnet werden sollte, fiel eine Rotte Halbstarker über die alten Gewerkschaftler her. Polizei musste den kommunistischen Janhagel zurückdrängen. Während der Schlägerei wurde auch geschossen. Ein junger Tischler wurde tödlich und ein älterer Arbeiter leicht verletzt. Es steht einwandfrei fest, dass auf Seiten der Kommunisten geschossen wurde.
Melmster, der die Zeitungsberichte vorgelesen hatte, sah auf. Der Hobler lächelte. Der Schlosser Drohn machte Anstalten, etwas zu sagen, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Der Lehrling Fritz drückte sich ganz in die Ecke. „Seht ihr jetzt, was Faschismus ist?" fragte Melmster.
Und da keiner antwortete, fuhr er fort: „Die herrschende Bourgeoisie kennt viele Methoden zur Erhaltung ihrer Klassenherrschaft. Die blutige Unterdrückung aller revolutionären Strömungen durch ihre eigenen staatlichen Machtmittel ist der offene robuste Ausdruck ihrer Klassenmacht. Darüber hinaus aber kauft sie sich durch alle Arten der Korrumpierung Verbündete, die sie durch deren eigene Interessen an den Bestand ihrer Herrschaft fesselt, und schafft sich so Prätorianergarden. Sind die Hitler-Leute, die Stahlhelmer etwas anderes als Prätorianer des deutschen Unternehmertums, als die besoldete Schutztruppe des um seine Klassenherrschaft besorgten Bürgertums?"
Keiner erwiderte etwas auf Melmsters Ausführungen, aber jeder wunderte sich, wie er jetzt davon sprechen konnte.
„Warum erzählst du uns so etwas und stellst uns solche Fragen?"
„Ist das, was wir heute erlebten, nicht Faschismus in Reinkultur, ist das nicht modernes Prätorianertum?" Alle schwiegen.
„Glaubst du, dass sich die Kühne und Schmachel dessen bewusst sind?" fragte Drohn.
„Kaum", erwiderte Melmster, „vielleicht nicht einmal die besoldete Bonzokratie, ich sage vielleicht, aber darauf kommt es bei der Feststellung der Dinge ja nicht an, sondern auf die Wirkung ihrer Handlungen. Dass sich die sozialdemokratischen Arbeiter dessen bewusst werden, ist ja der Sinn unserer Arbeit."
„Das werden wir auch jedem Arbeiter einhämmern müssen!" stimmte der Hobler zu.
„Was wir erlebten, ist ja kein Einzelfall", begann noch einmal Melmster, „sondern der Ausdruck der allgemeinen Entwicklung. Durch unseren revolutionären Widerstand haben wir sie nur gezwungen, alle Trümpfe gegen uns auszuspielen!"
„Was schreibt nun eigentlich unsere Presse?"
„Sie bringen das, was wir heute Vormittag zusammenstellten, und den Bericht von Alfred!"
„Bis um sieben Uhr sollen wir die Plakate haben!"
„Wir kleben den ganzen Stadtteil, aber hauptsächlich die Fabrik!"
„Vier Kolonnen habe ich organisiert!" „Ist der Hennings dabei?" fragte Melmster. „Ja!" antwortete Drohn.
„Der sollte sich im Augenblick lieber etwas zurückhalten." Als Melmster und der Hobler durch die Straßen schlenderten, fragte Melmster nach Dora.
„Wir sind jetzt natürlich außerordentlich vorsichtig, denn im Kontor traut einer dem andern nicht. Aber es ist seltsam, Dora sagt, keiner erwähnt noch etwas von der Affäre. Es ist, als wenn sie vergessen oder aufgeklärt wäre!"
„Beides wird wohl nicht stimmen!"
„Bestimmt nicht. Ich glaube sogar, dahinter steckt eine bestimmte Absicht der Betriebsleitung. Dora wird die Ohren spitzen und steifhalten!"
Drüben auf der andern Seite lag die Fabrik. Im Pförtnerhaus brannte Licht.
„Dort wird die Sipo einquartiert sein!"
„Möglich!"
Scharf zeichneten sich die Umrisse des massigen Fabrikgebäudes mit den Schnörkeleien des kitschigen wilhelminischen Baustils vom mondhellen Nachthimmel ab. „Ob er wirklich tot ist?"
„Er war auf dem Wege, ein guter Revolutionär zu werden!"


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