Nemesis-Archiv   WWW    

Willkommen bei Nemesis - Sozialistisches Archiv für Belletristik

Nemesisarchiv
Hans Marchwitza - Schlacht vor Kohle (1931)
http://nemesis.marxists.org

XV

Die Kumpels der zwölften Rutsche beklagten sich schon seit langer Zeit über schlechte Luft.
Schacke hatte wieder einige der Verbauer Böß melden müssen; denn die Direktion gab Böß den Auftrag, erneut einen Schwung »Unproduktiver« zu kündigen. Die Strecken wurden dadurch immer verwahrloster. Schramm, der Ortsälteste, schüttelte bedenklich den Kopf, denn er stellte in den Löchern im Bergeversatz Anhäufungen von schlagenden Wettern fest, die ihm Sorge machten.
Die Wetterstrecke, durch die die frische Luft geleitet wurde, war derart zusammengedrückt, dass ein Mann nur mit Mühe auf dem Bauch hineinkriechen konnte. Das Loch brach jeden Augenblick ein. Schramm kroch von Zeit zu Zeit hinein und scharrte, um die Luft hindurchzulassen, kam mit zerkratztem Leib und zerschundenen Händen zurück, begab sich zu dem Ort, an dem die Kumpels hockten und nicht mehr arbeiten wollten.
Karl Lüdke, der in der oberen Strecke den Stein nachbrechen und ausbauen musste, kroch in das Kohlenfeld und suchte Schramm.
»Schramm, was soll ich machen? Ich muss schießen, ich krieg den Stein nicht fort!«
»Um Gottes willen, mach keinen Unsinn!« warnte Schramm. Er schraubte die Flamme seiner Benzinlampe ganz winzig und hielt sie in ein Bruchholz hinein. Sofort füllte sich der feine Drahtkorb der Lampe mit einer blauen Flamme. Schramm zog die Lampe vorsichtig zurück, sah Lüdke bedenklich an und sagte: »Hier, siehst du, es steht alles voll Feuer!«
Lüdke fluchte und kroch wieder in seine Strecke hinauf. Dort legte er sich lang hin und machte gar nichts mehr. Er wollte warten, bis der Steiger kam.
Erich Ragnitzki, der mit seinen beiden Brüdern in der Rutsche arbeitete, kam herauf gekrochen. Ein Stein hatte ihm den Kopf aufgeschlagen. Er sah Lüdke liegen. »Anders kommst nicht aus dem Dreckloch heraus, als bis sich ein Stein erbarmt!« knirschte er, bewickelte sich den Kopf, der blutete, mit einem Hemdstück und begab sich zum Schacht, um hinauszufahren.
Steiger Schacke kam und sah, dass die Hauer nicht förderten, sondern herumlagen. Er wurde wild. »Was ist denn mit euch wieder los?«
»Es hält doch kein Teufel in der Hitze aus!« grollte Franz Ragnitzki.
»Zum Kuckuck, habt euch doch nicht so! Ihr seid doch nicht zum ersten mal im Pütt!« brauste Schacke auf.
Schramm kam hinzu. Sofort brüllte Schacke los: »Schramm, sehen Sie denn nicht, dass die Leute herumliegen und keine Kohle fördern?«
Schramm war vor Staub nicht wiederzuerkennen; denn er hatte wieder in dem Wetterloch herum gekratzt. »Die ganze Bude steht voll Feuer!« erklärte er missmutig.
»Blödsinn!« schrie Schacke. »Die Mütze voll Feuer!«
»Das Wetterloch fällt immer zu!« sagte Schramm.
»Kommen Sie mal mit!« sagte Schacke ungehalten. Beide krochen hinunter zum Wetterloch.
Die zwei roten Lichter entschwanden den Augen der wartenden Hauer.
Der alte Ragnitzki, der eine Strecke ausgebaut hatte und die schlechte Luft nicht mehr ertragen konnte, kroch aus der Strecke und begab sich zum Bremsberg. Aber auch dort war die Luft nicht besser, und er ging den Bremsberg hinunter bis zur Hauptförderstrecke, wo er endlich frische Luft bekam.
Aus der Strecke kam Mondreck, ein Gesteinshauer. »Na, geht's nicht mehr?« fragte er. »Mann, da oben ist es mir zu heiß geworden!« sagte Ragnitzki.
»Für dich wär es besser, du ließest dich zum Invaliden machen, Ragnitzki!« sagte Mondreck und wies mit der Hand nach dessen Brust, die in Atemnot schnaufte.
»Bis die Jungens besser verdienen!« erwiderte Ragnitzki. »Kannst noch lange drauf warten!« Mondreck lachte. »Du kannst froh sein, wenn man dir später die Rente belässt, denn auch an der wird herumgedoktert!«
Ragnitzki hockte eine Weile und begab sich wieder zum Bremsberg. Er dachte gerade an Mondrecks Worte, als ihn ein harter Stoß mitten im Berg zurückwarf. Er schlug lang auf die Schienen hin. Donner erschütterte das Gestein. Ragnitzki hielt sich mit beiden Händen an den Schienen fest. Eine dichte, heiße Staubwolke hüllte ihn ein. Nochmals erfasste ihn eine furchtbare Macht, riss ihn von den Schienen los und warf ihn weit fort gegen einen Haufen Steine. Dort verlor er die Besinnung.
Die zehnte Rutsche befand sich unterhalb der zwölften. Die Hauer schlugen Kohle. Ein Sausen zerriss die Hölzer wie Spreu, ergriff den Ortsältesten, der zur oberen Strecke hinauf wollte, fegte ihn wie einen Lappen durch das halbe Rutschenfeld und klatschte ihn gegen ein festes Kohlestück. Ein Lehrhauer, der Steine schaufelte, flog hinter ihm her; sein Kopf riss im Flug an einer Steinplatte ab. Der Rumpf presste sich unter die Rutsche.
Die anderen Hauer lagen von dem Luftdruck getötet oder schwerverletzt in ihren Kohlenlöchern. Ein Stoß nach dem anderen erschütterte das Gebirge, und Steinmassen brachen krachend herunter.
Oben, in der zwölften Rutsche, brannte das Feuergrab. Die tödlichen Schwaden fraßen sich an der Leiche des Lüdke vorüber, brachen kreuz und quer durch geborstene Strecken, über die toten und tödlich verletzten Kumpels der sechsten Rutsche, zogen weiter über die Teilstrecke bis zum Bremsberg hin, darüber hinaus in die fünfte und vierte Rutsche.
Auf der Flucht wurde ein Kumpel nach dem anderen von den Schwaden ergriffen und sank um.
Der alte Ragnitzki erwachte aus der Betäubung und konnte sich nur schwer besinnen, was vorgefallen war. Sein Kopf war ihm zentnerschwer. Tiefste Finsternis umhüllte ihn. Beklemmend legte sich die dumpfe Luft auf seine Brust. Er stützte sich auf seinen Arm, versuchte aufzustehen. Der Arm war gebrochen und knickte unter furchtbaren Schmerzen ein. Er stützte sich auf den anderen Arm, versuchte es noch einmal, die Beine gehorchten ihm nicht, waren steif und schwer wie Eisenklötze. Was war geschehen?
Mit Hilfe der Ellenbogen schleifte er sich bis zur Förderstrecke. Als er frische Luft atmete, verlor er wieder die Besinnung.

Sozialismus • Kommunismus • Sozialistische Belletristik • Kommunistische Unterhaltungsliteratur • Proletarisch-Revolutionäre Literatur • Utopische Klassiker • Arbeiterroman • Agitationsliteratur