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Arkadi Petrowitsch Gaidar - Russische Kindheit - 1917 (1935)
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6. Kapitel

Schon lange war der Frieden zwischen Russland und Deutschland unterzeichnet. Trotzdem überfluteten die Deutschen mit ihren Armeen die Ukraine, drangen in den Donbass ein und halfen den Weißen bei der Aufstellung militärischer Einheiten. Nach Brand und Rauch rochen die Frühlingswinde.
Unsere Abteilung kämpfte, wie Dutzende anderer Partisaneneinheiten, beinahe selbständig auf Gedeih und Verderb im Rücken des Feindes. Am Tage versteckten wir uns auf den Feldern und in Schluchten oder machten Rast an irgendeinem abgelegenen Bauernhof. In der Nacht griffen wir kleinere Bahnstationen an, wo wenig Truppen waren. An den Landstraßen lagen wir im Hinterhalt, überfielen feindliche Trosse, fingen militärische Befehle ab und jagten die Furiere auseinander.
Dass wir größeren Einheiten des Gegners aus dem Wege gingen und ständig einem offenen Kampf auswichen, erschien mir zunächst als eine Schande. Nun war ich schon ein und einen halben Monat bei meiner Abteilung und hatte noch kein einziges richtiges Gefecht mitgemacht. Schießereien waren schon gewesen, Überfälle auf schlafende oder zurückgehende Weiße hatte es gegeben, und Wie viel Nachrichtenkabel wir schon durchschnitten, Wie viel Telegrafenmasten wir schon abgesägt hatten – das ließ sich alles gar nicht zählen. Doch ein richtiges Gefecht hatte ich noch nicht erlebt.
“Dafür sind wir Partisanen”, erklärte mir Tschubuk seelenruhig, als ich ihm einmal gesagt hatte, ich fände es nicht schön, wie wir uns verhielten. “Du stellst dir das wie im Kino vor, mein Junge: In Sturmkolonne antreten, mit gefälltem Bajonett, und dann nichts wie drauf! Seht mal, was für Kerle wir sind! – Aber Spaß beiseite, Wie viel Maschinengewehre haben wir? Eins, und dazu nur drei Gurt Munition. Aber der Shicharew, der hat vier ‚Maxim‘ und noch zwei Geschütze dazu. Willst du den offen angreifen? Wir müssen das anders machen. Wir sind Partisanen, weißt du, wie die Wespen sind wir, klein, aber wir können stechen. Wir greifen an, stechen und sind wieder weg. Was nützt uns da der ganze Schneid? Das wär kein Heldentum, Dummheit wär das!”
Inzwischen war ich mit vielen von uns bekannt geworden. Nachts auf Posten, abends am Feuer oder in der Mittagshitze, wenn wir unter den Kirschbäumen lagen und die Gärten nach Honig dufteten, dann erzählten meine Genossen manchmal aus ihrem Leben.
Da war der finstere, stets mürrische Malygin, der bei einer Explosion in der Grube ein Auge verloren hatte. Er erzählte: “Von meinem Leben ist nicht viel zu berichten, war ein schweres Leben. Die letzten zwanzig Jahre hatte jeder Tag bei mir drei gleiche Teile. Um sechs morgens aufstehen. Der Schädel brummt noch von gestern. Die alten Lumpen anziehen, und dann runter in den Schacht. Da unten Sprenglöcher bohren, Dynamit rein und schießen. Und dann sprengst du und sprengst, taub auf den Ohren, bis du halb blödsinnig wirst – und dann hin zum Fahrstuhl. Er spuckt dich oben wieder aus, nass und dreckig. Das ist der erste Teil des Tages.
Und dann gehst du in die Schnapsbude und holst dir ‘ne Flasche – Geld wollen sie von dir nicht haben: das Kontor bezahlt ja. Dann in den Betriebsladen. Da zeigst du deine Flasche vor und kriegst gleich zwei Salzgurken, ein Stück Brot und ‘nen Hering dazu. Das gehört zu der Flasche! Lass es dir gut schmecken, das Kontor zieht‘s ja vom Lohn ab! Das ist der zweite Teil des Tages.
Und im dritten Teil, da liegst du da und schläfst. Ich hab sehr fest geschlafen, nach dem Wodka schlief ich gut, hab dann immer so schön geträumt. Weiß bis heute noch nicht, was so‘n Traum überhaupt ist.
Einmal, da hab ich geträumt, der Steiger ruft mich und sagt: ‚Geh ins Kontor, Malygin, und hol dir deine Abrechnung.‘ – ‚Warum soll ich die Abrechnung holen, Herr Steiger?‘ – ‚Weil du die Tochter vom Direktor heiraten willst, darum!‘ sagt er. – ‚Aber, Herr Steiger, hat man denn schon mal gehört, dass ein Bergmann die Tochter vom Direktor heiratet? Mich nimmt nicht mal jedes einfache Mädchen, ich hab doch ein Auge verloren.‘ Aber auf einmal ist alles ganz anders, der Steiger ist plötzlich kein Steiger mehr, er ist ein Hengst und vor den Wagen des Direktors gespannt; und aus dem Wagen steigt der Direktor selbst aus, macht eine höfliche Verbeugung und spricht: ‚Hier hast du meine Tochter, Malygin, und eine Mitgift von zehntausend Rubel, und nimm auch noch den Steiger dazu, den Hengst, wollte ich sagen.‘ Ich komm fast um vor Freude und will gerade auf die Tochter zugehen, da schlägt der Direktor mit einem Rohrstock auf mich los, und noch mal und noch mal, und der Steiger tritt mich mit seinen Hufen und wiehert: ‚Das hast du ja gewollt!‘ und trampelt mit den Hufen auf mir herum. Das tut so weh, dass ich im Traum durch die ganze Baracke schreie. Und schon haut mich einer in die Seite, ich sollte nicht so brüllen und die Leute in der Nacht verrückt machen.”
“War ja ‘n ganz doller Traum!” Fedja Syrzow lachte laut. “Ist doch klar, Mensch, hast immer Stielaugen nach dem Dämchen gemacht, und dann hast du davon geträumt. Ist bei mir auch immer so: Wo ich abends dran denke, da träume ich nachts von. Vor drei Tagen, da wollte ich einem toten Deutschen die Stiefel ausziehen, war‘n gute Stiefel, aus weichem Leder. Hab sie aber nicht runtergekriegt; und nun träume ich jede Nacht davon!”
“Stiefel…! Bist selber so‘n Stiefel!” antwortete Malygin ärgerlich. “Die Tochter vom Direktor hab ich vorher nur einmal gesehen, ein Jahr vorher, als ich besoffen im Graben lag. Da kommt sie zu Fuß mit ihrer Mama den Weg entlangspaziert, hinter den Gärten, die Pferde laufen nebenher. Die Mama, so ‘ne ganze Feine mit grauem Haar, kommt auf mich zu und fragt: ‚Schämen Sie sich nicht, so zu trinken? Sind Sie denn kein Mensch mehr? Sollten lieber an unseren Herrgott denken.‘ – ‚Entschuldigen Sie schon‘, sage ich, ‚aber ein Mensch bin ich wirklich nicht mehr, darum trinke ich auch so viel.‘
Da kriegt Mamachen Mitleid mit mir, steckt mir zehn Kopeken in die Hand und predigt: ‚Sehen Sie doch mal, guter Mann, wie herrlich die Natur ringsum ist, die Sonne scheint, die kleinen Vögelein singen, und Sie – Sie betrinken sich. Gehen Sie jetzt und kaufen sich eine Flasche Sprudelwasser, dann werden Sie wieder nüchtern.‘ Da packt mich die Wut. – ‚Ich, ich bin nicht Ihr guter Mann, ich bin ein Arbeiter aus Ihrem Schacht. Die Natur kann von mir aus herrlich sein, und Sie können auch herrlich sein, solange es Ihnen Spaß macht, aber mir ist nicht herrlich zumute. Sprudelwasser hab ich Zeit meines Lebens noch nicht getrunken, aber wenn Sie mir was Gutes tun wollen, dann legen Sie noch zehn Kopeken dazu. Das langt gerade für ‘ne halbe Pulle, damit kann ich mir dann aus lauter Dankbarkeit, dass ich Sie getroffen habe, meinen Kummer runterspülen.‘
‚Sie Flegel!‘ sagt da die gnädige Frau, ‚ein Flegel sind Sie! Morgen sage ich‘s meinem Mann, dass man Sie hier aus der Grube entfernt!‘ Dann setzt sie sich mit ihrem Töchterchen in die Kutsche und fährt los… Das war alles. Die Tochter hat überhaupt nicht hingeschaut, als wir gesprochen haben; und da sagst du, Stielaugen hätt ich gemacht.”
“Im Traum mein ich doch!” erwiderte Fedja Syrzow schmunzelnd. “Soll ich euch mal den Traum von mir und der Gräfin erzählen? Weiß Gott, durch diesen Traum, kann man sagen, bin ich zur Revolution gekommen. Wenn ich euch den erzähle, schlackert ihr mit den Ohren.”
Fedja schüttelte seinen struppigen Kopf und kniff die Augen zusammen wie ein Kater, der aus der herrschaftlichen Speisekammer kommt.
“Lügst du uns jetzt was vor, Fedja?” fragte Waska Schmakow neugierig und ungläubig zugleich und rückte näher.
“Brauchst es ja nicht zu glauben… kannst du halten, wie du willst, kannst‘s ja doch nicht beweisen.”
Fedja reckte sich, wiegte den Kopf hin und her, als überlege er, ob er es nun erzählen solle oder nicht. Schließlich schnalzte er mit der Zunge und fing entschlossen an: “Vor drei Jahren ist es gewesen. Ich war damals ein hübscher Bursche, mehr noch als heute, das steht fest. Na, und wie es so das Schicksal will: Ich nahm Arbeit an als Hirte auf ‘nem gräflichen Gut. Ja, der Graf hatte eine Frau, die hieß Emilie, und eine Gouvernante, die hieß Anna, Jeannette haben sie die genannt.
Eines schönen Tages – ich sitze gerade neben meiner Herde am Teich –‚ da kommen die beiden an, mit Sonnenschirmen in der Hand, zum Schutze gegen die Sonne. Der von der Gräfin ist weiß und der von Jeannette rot.
Die Jeannette sah immer aus wie ein vertrockneter Fisch, spindeldürr und eine Brille auf der Nase. Wenn die durchs Dorf ging, dann hielt sie sich mit ihrem Taschentuch die Nase zu, von dem Mistgeruch kriegte sie Kopfschmerzen.
Ich hab noch vergessen: In meiner Herde hatten wir einen Bullen, einen echten Simmentaler, ‘nen Riesenkerl. Als der den roten Sonnenschirm sieht, geht er gleich im Galopp auf Jeannette los! Ich spring hoch und werfe mich dazwischen. Die Dämchen schreien laut auf, und die Gräfin läuft in die Büsche; Jeannette weiß nicht, wo sie hin soll, und springt vor lauter Angst ins Wasser, mein Simmentaler hinterher. Und sie in ihrer Blödheit versteckt sich vor dem Bullen hinter dem Schirm, anstatt ihn wegzuwerfen – dann wär ihr nichts mehr passiert – und schreit dabei irgendwas auf deutsch oder französisch – wer kann das schon verstehen! Kurz und gut – ich also auch rein ins Wasser, reiß ihr den Schirm weg und knall ihn dem Bullen auf die Schnauze. Jetzt wird der erst richtig wütend und geht auf mich los. Ich schwimm bis in den Teich hinein und schmeiß den Schirm weg, am anderen Ufer kletter ich raus und hau mich in die Büsche. Jetzt kommen die anderen Hirten angelaufen, schreien und machen Krach und jagen den Bullen fort. Die Jeannette ziehen sie aus dem Schlamm raus ans Ufer, und da ist sie in Ohnmacht gefallen.”
Fedja atmete schwer, als wäre die Geschichte mit dem Bullen eben erst passiert. Er schnalzte mit der Zunge und wollte schon weitererzählen, da rief jemand vom Hof herüber: “Fjodor… Syrzow! Zum Kommandeur!”
“Jaaa, sofort”, Fedja machte eine ärgerliche Handbewegung, lachte und fuhr dann fort: “Also, als Jeannette fortgegangen ist, kommt die Gräfin auf mich zu, ganz weiß im Gesicht, mit Tränen in den Augen und schrecklich aufgeregt. ‚Junge‘, spricht sie, ‚wer bist du?‘ ‚Ich, ich bin einer von den Hirten, Euer Gnaden, Fjodor heiß ich, Fjodor Syrzow.‘ Die Gräfin seufzt und sagt zu mir: ‚Theodor, komm doch mal her.”‘
Was weiter die Gräfin zu Fedja gesagt hatte und wie es kam, dass Fedja darauf zu den Roten ging, das konnte ich nicht mehr erfahren, weil plötzlich hinter mir Sporen klirrten und der wütende Schebalow neben uns stand.
“Fjodor”, fragte er barsch und stützte sich auf seinen Säbel, “ich habe dich gerufen, hast du nicht gehört?”
“Hab schon gehört”, brummte Fedja und richtete sich ein wenig auf. “Was ist denn los?”
“Was los ist? Sollst du nicht kommen, wenn der Kommandeur es verlangt?”
“Zu Befehl! Euer Gnaden wünschen?” fragte Fedja frech und spöttisch statt einer Antwort.
Schebalow, ein geduldiger und gutmütiger Mensch, hatte diesmal die Geduld verloren und erwiderte mit ernstem Gesicht: “Ich bin nicht ‚Euer Gnaden‘, und du bist nicht von niederem Range. Aber ich bin der Kommandeur der Abteilung und muss verlangen, dass mir gehorcht wird. Eben sind die Bauern vom Hof Temljukow zu mir gekommen.”
“Na und?” Fedjas schwarze Augen blickten zur Seite, schuldbewusst und doch frech.
“Beschwert haben sie sich. Haben gesagt: ‚Da ist ‘ne Streife von euch gekommen, und wir hatten uns schon gefreut – sind doch unsere Genossen. Der Anführer von ihnen, so‘n Schwarzer, hat ‘ne Versammlung gemacht, vom Boden und von den Gutsbesitzern hat er gesprochen. Und als wir so zugehört und eine Resolution gefasst haben, da sind seine Leute in die Keller gegangen, haben nach Sahne gesucht und Hühner gestohlen.‘ Stimmt das, Fjodor, wie? Hast dich wohl geirrt bei uns, wärst besser zu den Haidamaken gegangen. Bei denen ist das so üblich, aber bei mir gibt‘s so ‘ne Schweinerei nicht!”
Fedja schaute verächtlich zu Boden und schlug mit seiner Nagaika gegen die Stiefelsohlen.
“Ich sag dir das jetzt zum letzten Mal, Fjodor”, fuhr Schebalow fort und spielte mit der roten Quaste seines blitzenden Säbels. “Ich bin nicht Euer Gnaden, ich bin ein Schuster, ein einfacher Mensch; aber da sie mich nun mal zum Kommandeur ernannt haben, verlange ich auch Gehorsam. Und zum letzten Mal sage ich dir, vor allen anderen, wenn du dich weiter so benimmst, dann schmeiß ich dich raus, ganz egal, ob du ein guter Soldat oder Genosse bist!”
Fedja blickte Schebalow herausfordernd an; dann sah er sich um im Kreise der Rotarmisten, die hinzugetreten waren, fand aber bei niemandem Unterstützung, nur drei seiner Reiter lachten ihm aufmunternd zu. Das alles machte ihn noch wütender, und mit schlecht verhohlener Wut antwortete er Schebalow: “Gib nur acht, Schebalow, spring nicht zu sehr mit den Leuten rum, die sind jetzt nicht billig zu haben!”
“Dich schmeiß ich noch raus!” erwiderte Schebalow ruhig. Mit gesenktem Kopf schritt er langsam auf das Haus zu.
Der Wortwechsel zwischen Schebalow und Syrzow hinterließ in mir ein unangenehmes Gefühl. Ich wusste, Schebalow hatte recht, aber trotzdem war ich auf Seiten Syrzows. “Sagen konnte er‘s ihm ja, er durfte aber nicht drohen”, war meine Ansicht.
Fedja war einer unserer Besten, immer guter Dinge, keck und übermütig. War irgend etwas auszukundschaften, sollte ein Troß überfallen werden oder ein Gutshof, auf dem die Weißen lagen, dann war Fedja dran. Durch Schluchten und Gräben hindurch fand er stets den richtigen Weg.
Er verstand es, sich heimlich und leise an den Gegner heranzuschleichen, ohne Hufgetrappel und Sporenklirren. Wenn ein Pferd wieherte, bekam es eins mit der Faust auf die Schnauze, seine Reiter spürten schon die Peitsche auf dem Rücken, wenn sie auch nur leise miteinander flüsterten. Daher wieherten Fedjas Pferde nicht, darum sprachen auch seine Reiter nicht, die wie angewachsen im Sattel saßen. Fedja selbst war immer ganz vorn; wie er so gebeugt über die zottige Mähne seines Paßgängers im Sattel saß, glich er einer Eidechse, wie sie sich durch Risse und Sprünge im Boden an die dicke Fliege im Grase heranschleicht.
Doch war dann die feindliche Postenstellung erreicht und kamen die völlig überraschten Weißen kaum noch dazu, Alarm zu schlagen oder die Hosen anzuziehen, wusste der schlaftrunkene Schütze am Maschinengewehr nicht, wie er den Gurt einführen sollte – dann preschte die kleine, wendige Schar mit lautem Gebrüll und schrillem Pfeifen heran, dass dem Gegner Hören und Sehen verging, dann krachten ihre Gewehre und Handgranaten, dann konnte es auch Fedja nicht laut genug sein.
Mochten auch die Kugeln am Ziel vorbeigehen und die Handgranaten umsonst im Grase krepieren, dass die verstörten Hühner und fetten Gänseriche bis zum Schornstein hinaufflatterten! Je größer der Radau, desto größer der Schrecken! Dann glaubte der verwirrte Gegner, die Roten wären in riesiger Zahl ins Dorf eingebrochen, dann zitterten seine Hände beim Laden des Gewehrs, dann konnten die Maschinengewehre nicht schießen, weil sich bei all dem Durcheinander der Gurt verheddert hatte, dann stürzten die Soldaten ins Freie, geblendet und halb noch im Schlaf, warfen die Gewehre weg, hielten sich am Zaun fest und brüllten ohne Sinn und Verstand: “Wir sind umzingelt! Die Roten haben uns umzingelt!”
Und dann, die Handgranate hinter das Koppel gesteckt und das Gewehr auf dem Rücken, machten sich die Reiter Fedja Syrzows an die Arbeit. Schweigend verrichtete der kalte Stahl ihrer haarscharfen Säbel sein blutiges Werk. So ein Kerl war unser Fedja Syrzow!
Kann man denn um ein paar Hühner und saurer Sahne willen so einen Soldaten aus der Abteilung hinauswerfen? dachte ich bei mir.

*

Die Auseinandersetzung zwischen Fedja und Schebalow wollte mir nicht aus dem Kopf…
Plötzlich rief Tschubuk, der vom Dach des Hauses aus die Gegend beobachtete, eine starke Infanteriekolonne sei im Anmarsch auf den Hof.
Unsere Rotarmisten liefen aufgeregt durcheinander; es schien, kein Kommandeur könne in diesen wilden Haufen wieder Ordnung bringen. Aber niemand wartete auf einen Befehl, jeder wusste, was er zu tun hatte. Von allen Seiten kamen die Leute aus Haldas Kompanie herbei, überprüften im Laufen, ob sie Patronen im Magazin hatten, schlangen hastig die Reste des Frühstücks hinunter und rannten einzeln, tief gebückt, bis an den Rand des Gehöfts. Hier warfen sie sich hin und bildeten eine Schützenkette, die immer dichter wurde. Unsere Aufklärer zogen den Sattelgurt an, zäumten die Pferde auf, lösten ihnen die Beinfesseln oder schlugen sie einfach mit der Säbelklinge durch. Die Maschinengewehr… schützen rissen das Maschinengewehr und die Gurte vom Wagen. Mit rotem, schweißbedecktem Gesicht rannte Sucharew an der Spitze seiner zweiten Kompanie auf dem Weg zum Waldrand hinüber. Schon kam Schebalow die Treppe herunter und rief im Laufen Fedja einen Befehl zu. Fedja nickte nur mit dem Kopf: “Gut, wird gemacht!”
Die Fensterläden wurden zugeschlagen, und der Bauer verschwand mit Frau und Kindern in einem Erdloch neben dem Haus.
Da sah mich Schebalow und rief mir zu: “Halt! Du bleibst hier, gehst zu Tschubuk aufs Dach! Meldest mir, was er beobachtet! Ich bin am Waldrand. Ja, und er soll auch nach rechts rüber sehen, was auf der Straße nach Chamurskoje los ist!”
Träge schnatterten die Enten in der warmen Sonne; auf dem Zaun saß der rote Hahn und krähte unbekümmert, sein mit Wagenschmiere verklebter Schwanz stand steil in die Höhe. Er schwieg, schlug noch einmal schwer mit den Flügeln und flatterte hinunter in die staubigen Kletten. Jetzt war es totenstill auf dem Hof, so still, dass man auf einmal die Lerche singen hörte und das eintönige Stimmen der Bienen, die den warmen Seim aus den Blumen holten.
“Was ist?” fragte Tschubuk, ohne sich umzudrehen, als ich zu ihm auf das Strohdach kletterte.
“Schebalow hat mich geschickt.”
“Gut, bleib da sitzen, aber Kopf runter!”
“Du sollst auch nach rechts rüber sehen, Tschubuk, was auf der Straße von Chamurskoje los ist!”
“Bleib ruhig sitzen”, antwortete er kurz, nahm die Mütze ab und streckte vorsichtig seinen dicken Kopf neben dem Schornstein hervor.
Die feindliche Abteilung war nicht mehr zu sehen. Sie musste jetzt in der Talsenke sein, konnte aber jeden Augenblick wieder hervorkommen. Das Stroh auf dem Dach war glatt; vorsichtig, ohne meinen Körper zu bewegen, bohrte ich mit der Stiefelspitze ein Loch hinein, in dem ich mich halten könnte. Tschubuk war mit dem Kopf ganz dicht an mein Gesicht herangekommen, da sah ich zum ersten Mal, dass durch seine schwarzen Haare an einigen Stellen graue Fäden hindurchschimmerten. – Das kann doch nicht sein, ist denn der schon so alt? wunderte ich mich.
Dass Tschubuk schon ein alter Mann war, mit grauem Haar und mit Falten um die Augen, dass er neben mir auf dem Dach lag und vorsichtig die Beine bewegte, damit er nicht hinunterfalle, dass er jetzt seinen großen struppigen Kopf hinter dem Schornstein hervorstreckte – all das kam mir plötzlich so seltsam vor.
“Tschubuk!” flüsterte ich.
“Was hast du?”
“Tschubuk… du bist ja schon ein alter Mann”, sagte ich, ohne zu wissen, warum.
“Dummes Zeug…”, ärgerlich drehte Tschubuk sich um. “Was quatschst du da?”
Im gleichen Augenblick zog Tschubuk den Kopf zurück und glitt ein Stück nach unten. Aus der Talsenke kam die Abteilung herauf. Ich fühlte, wie Tschubuk unruhig wurde. Er atmete erregt, rutschte hin und her.
“Boris, sieh mal da unten!”
“Ja, ich sehe.”
“Los, runter! Sag Schebalow, sie kommen jetzt, aber sag ihm auch, da stimmt was nicht. Zuerst, da waren sie in Marschkolonne, aber in dem Loch da unten, da haben sie sich in Züge aufgeteilt. Ich weiß, warum. Vielleicht wissen sie schon, dass wir hier sind. Jetzt rasch weg und dann zurück!”
Ich zog meine Stiefelspitze aus dem Loch im Strohdach, rutschte hinunter und fiel genau auf ein dickes Schwein, das quietschend davonlief. Dann suchte ich Schebalow. Er stand hinter einem Baum und schaute durch sein Fernglas. Ich meldete, was Tschubuk mir gesagt hatte.
“Das weiß ich”, antwortete Schebalow in einem Ton, als hätte er sich über mich geärgert, “hab ich schon selbst gesehen.”
Mir war, als verwirre ihn das unerwartete Manöver des Gegners.
“Nun lauf zurück, aber komm nicht wieder runter, und schaut mehr zur Seite rüber, auf die Straße von Chamurskoje.”
Ich lief über den leeren Hof und kletterte auf den klapprigen Zaun, um von da wieder auf das Dach hinaufzusteigen.
Unsere in Schützenlinie ausgeschwärmte Abteilung verhielt sich ruhig und erwiderte das Feuer nicht.
Plötzlich lösten sich vom Gegner fünf Reiter auf schwarzen tänzelnden Pferden und ritten, ohne Rücksicht auf die Gefahr, im leichten Trab auf uns zu. Dreihundert Meter vor uns machten sie halt, und einer von ihnen suchte unser Gehöft mit einem Fernglas ab. Ich sah, wie sein Glas am Rande des Gartens entlangglitt und sich langsam das Dach hinaufbewegte bis zu dem Schornstein, hinter dem Tschubuk und ich uns verborgen hielten.
Die Züge der Weißen hatten wieder aufgeschlossen und schwärmten jetzt in Schützenketten nach rechts und links aus. Der letzte der fünf Reiter war noch nicht wieder auf der Höhe angekommen, wo die Weißen lagen, als er vom Pferd hinunter auf den Weg stürzte. Nachdem der Wind die Staubwolke vertrieben hatte, sah ich, wie er, tief gebückt, zu seinen Leuten zurückhinkte. Sein Pferd war liegen geblieben.
Ein Geschoß schlug gegen den Schornstein, dass uns die Mörtelbrocken um die Ohren flogen. Der Schornstein war ein gutes Ziel, und wir zogen den Kopf ein. Gewiss konnten wir dahinter nicht getroffen werden, wir durften uns aber nicht rühren und konnten auch nicht den Kopf hervorstrecken. Hätte nicht Schebalow befohlen, den Weg nach Chamurskoje zu beobachten, wir wären hinuntergesprungen.
Die wilde Schießerei war in ein richtiges Feuergefecht übergegangen. Als das Schützenfeuer der Weißen abbrach, ratterten ihre Maschinengewehre los. Unter ihrem Feuerschutz stürmte die Schützenkette vor und warf sich wieder hin. Jetzt schwiegen die Maschinengewehre, und das Schützenfeuer begann von neuem. Langsam, aber sicher kamen die Weißen immer näher und näher. Ihr Verhalten verriet Disziplin und eine gute Ausbildung.
“Die können was, die verdammten Hunde!” brummte Tschubuk. “Wie auf dem Schachbrett gehen sie vor. Das sieht mir nicht nach Shicharews Leuten aus; ob das Deutsche sind?”
“Tschubuk!” schrie ich ihn an. “Schau mal dahinten, nach Chamurskoje, am Waldrand, da bewegt sich was.”
“Wo?”
“Nein, da nicht… etwas weiter nach rechts, direkt über den Teich weg… da!” rief ich und sah, wie es am Waldrand aufblitzte, als fiele ein Sonnenstrahl auf eine Glasscherbe.
Ein seltsamer Laut war in der Luft: wie das Röcheln eines Pferdes, das einen Schuss durch die Kehle bekommen hat. Das Röcheln wurde zum Heulen. Die Luft dröhnte wie eine gesprungene Kirchenglocke; krachend schlug es neben uns in die Erde.
Im ersten Augenblick war mir, als bräche ganz in meiner Nähe ein brauner Blitz aus einer Wolke von Rauch und schwarzem Staub hervor. Die Luft dröhnte, und wie von einer Welle warmen Wassers erhielt ich einen federnden Stoß in den Rücken. Als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich, wie im Garten nebenan das trockene Strohdach der zusammengestürzten Scheune im hellen Sonnenschein mit bleicher, fast unsichtbarer Flamme aufloderte. Das zweite Geschoß schlug mitten im Garten ein.
“Jetzt aber runter!” rief Tschubuk, aschgrau im Gesicht. “Nichts wie weg, die gehen aber ran; das sind nicht die von Shicharew, das sind die Deutschen. Auf der Straße nach Chamurskoje steht ihre Batterie.”
Den ersten, den ich am Waldrand fand, war ein junger Rotarmist; Wiesel nannten wir ihn.
Er saß auf dem Boden im Gras und trennte mit einem österreichischen Bajonett einen Ärmel von seiner blutbeschmierten Bluse ab. Sein Gewehr lag mit offenem Schloss daneben. Die abgeschossene Hülse steckte noch in der Kammer.
“Deutsche!” schrie er, achtete nicht auf unsere Frage. “Wir müssen abhauen!”
Ich gab ihm meinen Blechbecher, dass er sich Wasser holen konnte, und rannte weiter.
Sein blutiger Ärmel und der Ruf: “Deutsche!” waren das letzte, was ich nachher von meinem ersten Gefecht noch in der richtigen Reihenfolge behalten hatte. Alles, was dann kam, wusste ich nur noch von dem Augenblick an, als unten im Grund Waska Schmakow auf mich zugelaufen kam und meinen Becher haben wollte, um daraus zu trinken.
“Was hast du denn da in der Hand?” fragte er.
Ich bekam einen roten Kopf; in der Linken hielt ich fest umklammert einen großen grauen Stein. Wie ich dazu gekommen war, wusste ich nicht.
“Warum hast du denn einen Helm auf, Waska?” fragte ich.
“Den hab ich einem Deutschen weggenommen. Gib mal deinen Becher her.”
“Meinen Becher hat Wiesel.”
“Der Wiesel?” Waska pfiff durch die Zähne. “Na, mein Junge, den bist du los.”
“Den bin ich los? Er soll sich doch bloß Wasser holen.”
“Dein Becher ist weg”, entgegnete Waska und grinste; er ging zum Bach und schöpfte Wasser mit dem Stahlhelm. “Den Becher siehst du nicht mehr wieder und den Wiesel auch nicht.”
“Ist er tot?”
“Jawohl”, antwortete Waska und lachte wieder, ich wusste nicht, warum. “Gefallen zum Ruhme der roten Waffen!”
“Was lachst du denn, Waska?” Ich war empört. “Tut dir das denn gar nicht leid?”
“Mir?” Waska zog die Luft durch die Nase ein und wischte sich mit seiner schmutzigen Hand über die feuchten Lippen. “Um Wiesel tut‘s mir leid, mein Lieber, jawohl! Und um Nikischin, um Serjoga – und auch um mich selbst. Die Hand haben sie mir kaputtgeschossen, die verdammten Hunde.”
Er zuckte mit den Schultern, ich sah, seine linke Hand war mit einem schmutzigen Lappen verbunden.
“Bloß ‘ne Fleischwunde… das geht vorbei”, erklärte er. “Brennt nur ‘n bisschen.” Wieder zog er die Luft durch die Nase hoch. Er schnalzte mit der Zunge, wurde auf einmal heftig: “Was gibt‘s denn da zu reden von leid tun und so? Hat uns doch niemand hier hergetrieben, haben doch selbst gewusst, wohin wir gegangen sind. Da gibt‘s nichts zu bedauern!”
Fedja wurde das Pferd unter dem Leib erschossen.
“Der Fedka heult”, sagte Tschubuk. “So‘n Idiot, steckt den Kopf ins Gras und heult. Ich bin hingegangen, hab ihm gesagt: ‚Mach doch keinen Kohl, kannst doch nicht hier vor allen Leuten heulen!‘ Da dreht er sich um und zieht die Pistole. ‚Hau ab‘, brüllt er, ‚sonst leg ich dich um.‘ Und Augen macht er dabei! Da hab ich ausgespuckt und bin weggegangen. Was soll man noch lange reden mit so ‘nem Verrückten?! Ist sowieso nicht viel los mit ihm”, fuhr Tschubuk fort und steckte sich seine Pfeife an. “Ich trau diesem Burschen nicht über‘n Weg.”
“Wie, du traust ihm nicht?” warf ich ein. “Das ist doch ein Draufgänger, so einen gibt es nur einmal.”
“Aber was nützt das alles, wenn er keine Disziplin hat? Ordnung, die mag er nicht, Parteibeschlüsse erkennt er nicht an. ‚Mein Programm‘, sagt er immer, ‚heißt: schlag die Weißen, bis sie krepieren, und was dann kommt, werden wir ja sehen.‘ Das gefällt mir nicht, so‘n Programm. Das ist so was Verschwommenes, aber kein Programm, lauter Wind ist das, weiter nichts!”

*

Zehn Mann von uns waren gefallen, vierzehn verwundet, davon starben noch sechs. Hätten wir ein Lazarett gehabt, Ärzte, Medikamente – dann wären nicht so viele gestorben.
Unser Lazarett: eine Wiese im Wald; unser Arzt: der Sanitätssoldat Kalugin, der den Krieg gegen die Deutschen mitgemacht hatte; an Medikamenten hatten wir nur Jod, einen ganzen Petroleumkanister voll. Mit Jod wurde bei uns nicht gespart. Ich habe selbst gesehen, wie Kalugin einmal dem Lukojanow einen großen Holzlöffel voll in seine breite, klaffende Wunde hineingoss.
“Ist nicht schlimm”, beruhigte er ihn. “Das musst du aushalten… Jod ist gut. Ohne Jod wär‘s aus mit dir. So aber, siehst du, kommst du vielleicht noch mal davon.”

*

Wir sollten abrücken, nach Norden, wo lauter reguläre Einheiten der Roten Armee standen. Unsere Patronen waren schon knapp geworden. Nur die Verwundeten banden uns noch an diesen Ort. Fünf von ihnen konnten gehen, drei aber konnten nicht leben und nicht sterben. Zu ihnen gehörte Jaschka, das Zigeunerchen. Dieser Jaschka war ganz plötzlich bei uns aufgetaucht.
Eines Tages, wir wollten gerade von dem Hof Archipowka abrücken, war unsere Einheit an der Straße angetreten.
Beim Abzählen rief der linke Flügelmann, unser Wiesel, der jetzt gefallen war: “Hundertsiebenundvierzig!”
Bis jetzt war er immer der hundertsechsundvierzigste gewesen. Schon brüllte Schebalow: “Blödsinn! Noch mal abzählen!”
Wir zählten wieder ab, und wieder war unser Wiesel der einhundertsiebenundvierzigste.
“Verflucht noch mal!” Schebalow wurde ärgerlich. “Wer zählt denn da immer falsch, Sucharew?”
“Da zählt keiner falsch”, antwortete aus dem Glied Tschubuk, “hier ist bloß einer dazugekommen.”
Wir schauten uns um – richtig: zwischen Tschubuk und Nikischin stand ein Neuer. Er mochte achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. So ein dunkler war es, mit krausem Haar.
“Wo kommst du denn her?” fragte ihn Schebalow verwundert.
Der Bursche schwieg.
“Der stand auf einmal neben mir”, erklärte Tschubuk. “Ich dachte, du hättest einen Neuen aufgenommen. Mit einem Gewehr ist er angekommen und hier eingetreten.”
“Ja, aber verflucht noch mal, wer bist du denn überhaupt?” fragte Schebalow ärgerlich.
“Ich… Zigeuner… roter Zigeuner”, antwortete der Neue.
“Ein ro-o-o-ter Zigeu-eu-ner?” fragte Schebalow und riss erstaunt die Augen auf, dann aber setzte er lachend hinzu: “Ein Zigeuner willst du sein? Bist ja nur ein Zigeunerchen!”
So blieb er bei uns in der Abteilung, und den Spitznamen Zigeunerchen wurde er nicht mehr los.
Nun lag er da, ein Geschoß hatte seine Brust durchschlagen. Fahle Blässe schimmerte durch die Haut seines braunen Gesichts, und über seine trockenen Lippen kamen immer wieder Worte in einer fremden, unverständlichen Sprache.
“Nun bin ich schon so lange Soldat… hab den halben Krieg gegen die Deutschen mitgemacht und bin auch jetzt wieder dabei”, meinte Waska Schmakow, “aber einen Zigeuner hab ich noch nie bei den Soldaten gesehen. Tataren ja, Mordwinen und Tschuwaschen, die hab ich gesehen, aber keine Zigeuner. Ist doch ein unnützes Volk, sie säen kein Korn, sie haben kein Handwerk gelernt, nur Pferde stehlen, das können sie gut, und ihre Weiber, die verdrehen den Leuten den Kopf. Ich versteh überhaupt nicht, warum der zu uns gekommen ist. Wegen der Freiheit? Davon haben sie selbst genug! Unser Land zu verteidigen? Das ist doch nicht ihre Sache. Auch mit den Arbeitern haben sie nichts zu tun. Was haben sie überhaupt davon, wenn sie bei uns mitmachen? Vielleicht springt doch was dabei heraus, wir merken‘s nur nicht!”
“Aber vielleicht ist auch er für die Revolution; woher soll man das wissen?”
“Das will mir nicht in den Kopf, ein Zigeuner – und für die Revolution! Vor dem Umsturz hat man sie bestraft, wenn sie Pferde geklaut hatten, und jetzt wird das genauso sein!”
“Vielleicht stehlen sie aber nach der Revolution nicht mehr?”
Waska lächelte ungläubig: “Das ist noch nicht raus. Bei uns zu Hause im Dorf, da haben wir sie mit dem Knüppel verhauen, hat aber nichts geholfen, sie sind nicht anders geworden. Und da soll jetzt die Revolution was ändern?”
“Bist schon ein großer Dummkopf, Waska”, begann Tschubuk, der bis jetzt nichts gesagt hatte. “Du kennst nur deine Bude und deinen alten Gaul, aber sonst gar nichts. Du glaubst, wenn du ein Stück vom Herrenland kriegst und noch ein Dutzend Stämme aus dem Herrenwald dazu, das wär dann die ganze Revolution. Der Starost im Dorf verschwindet, dafür kriegt ihr einen Vorsitzenden, und dann geht das Leben so weiter, wie es immer gewesen ist, meinst du!

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