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Arkadi Petrowitsch Gaidar - Russische Kindheit - 1917 (1935)
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2. Kapitel

Seit dem Tage, da ich Dohle getroffen hatte, waren einige Monate vergangen.
In der Salnikowstraße, neben dem riesigen Bau des Priesterseminars, stand in einem Garten ein kleines Haus. Wolken von Machorkarauch umhüllten die Menschen hinter seinen offenen Fenstern. Wer vorüberging, eilte, dass er weiterkam, aber an der nächsten Straßenecke spuckte er aus und schimpfte: “Da sitzen sie wieder, die Provokateure!”
Hier war der Klub der Bolschewiki. Sie waren nur zwanzig in der ganzen Stadt, aber ihr Häuschen war stets brechendvoll. Jedermann hatte Zutritt, doch seine ständigen Besucher waren Soldaten aus dem Lazarett, österreichische Kriegsgefangene und die Arbeiter aus den Lederwaren- und Filzstiefelfabriken.
Auch ich verbrachte fast alle meine freien Stunden dort. Zuerst war ich nur aus Neugierde mit Dohle hingegangen, dann aus Gewohnheit, schließlich aber zog es mich dorthin; mein ganzes Inneres war aufgewühlt. Wie Kartoffelschalen unter einem scharfen Messer, so fiel alles von mir ab, was man mir bisher eingepaukt hatte.
Die Bolschewiki beteiligten sich nicht an religiösen Streitereien und an Kundgebungen des Krämervolks; sie hatten ihre Versammlungen bei den Baracken draußen vor der Stadt und in den Dörfern, die unter dem Krieg schwer gelitten hatten.
Ein Meeting werde ich nie vergessen; es war draußen in Kamenka.
“Da müssen wir unbedingt hin! Da ist was los! Der Kruglikow von den Sozialrevolutionären wird selbst sprechen. Wenn der erst anfängt zu tönen, kann man sich gar nicht satt hören”, meinte Dohle zu mir. “In Iwanowskoje hätten uns die Bauern nach seiner Rede beinahe verprügelt, so waren sie aus dem Häuschen.”
“Da müssen wir hin!” Ich war gleich Feuer und Flamme. “Aber sagen Sie mal, Semjon Iwanowitsch, haben Sie eigentlich nie Ihren Revolver bei sich? Der ist immer verschwunden: mal liegt er in der Tabaksdose, und gestern, da sah ich ihn im Brotkasten. Meine Pistole habe ich immer bei mir, und wenn ich schlafe, liegt sie unter meinem Kopfkissen.”
Dohle lachte laut auf, dass sein Bart, voller Machorkakrümel, nur so zitterte.
“Ich will dir was sagen, mein Junge”, meinte er, “wenn wir jetzt mal Pech haben, und es kommt zu einer Prügelei, versuch nur nicht, den Revolver zu ziehen, sonst kannst du nachher deine Knochen einzeln zusammensuchen! Es kommt die Zeit, da brauchen wir einen Revolver, aber bis jetzt ist immer noch das Wort unsere beste Waffe. Von uns spricht heute Baskakow.”
“Wie? Baskakow? Aber der kann doch gar nicht reden. Der kriegt ja kaum einen Satz zusammen. Bei dem kann man zwischen zwei Worten zu Mittag essen.
“Du kennst ihn nur von hier. Aber du musst ihn mal hören, wenn er auf einer Versammlung spricht!”
Der Weg nach Kamenka führte über eine alte, morsche Brücke, vorbei an überschwemmten Wiesen, auf denen noch das Gras stand, und an niedrigen, dicht mit hohem Schilf bewachsenen Gräben. Ein paar Bauernwagen fuhren die Straße entlang; sie kamen aus der Stadt. Barfüßige Bauernweiber kehrten mit ihren leeren Milchkrügen vom Markt nach Hause zurück. Wir hatten es nicht eilig, beschleunigten aber unsere Schritte, als uns ein Wagen voller Sozialrevolutionäre überholte.
Von allen Seiten kamen die Bauern aus den umliegenden Dörfern und zogen in dichten Scharen auf den breiten Straßen zum Versammlungsplatz. Das Meeting hatte noch nicht begonnen, aber schon von weitem war der Lärm vieler Stimmen zu hören.
In dem Menschengewühl traf ich Fedka. Er ging hin und her und verteilte irgendwelche Flugblätter. Als er mich sah, kam er gleich angelaufen.
“Hallo! Du bist ja auch da… heute ist was los! Da, hast du auch ‘nen Packen, kannst mir helfen beim Austeilen.”
Ich steckte mir ein Dutzend dieser Zettel in die Tasche. Einen faltete ich auseinander: Es war ein Flugblatt der Sozialrevolutionäre für den Krieg und gegen das Desertieren. Ich gab Fedka seine Zettel zurück.
“Nein, Fedka, die verteil ich nicht, das kannst du selber machen, wenn du willst.”
Fedka spuckte vor mir aus.
“Du Idiot… bist wohl für die da?” Er deutete mit dem Kopf auf Dohle und Baskakow. “Nicht schlecht … muss ich schon sagen. Aber auf dich hatte ich fest gerechnet!”
Geringschätzig zuckte er die Schultern und verschwand in der Menge.
“Auf mich hat er gerechnet!” sagte ich lachend. “Er meint wohl, ich wüsste nicht, was los ist.”
“Bis zum Siege…”, hörte ich auf einmal eine leise Stimme. Ich wandte mich um und sah hinter mir einen Bauern mit blatternarbigem Gesicht stehen. Er hatte keine Mütze auf dem Kopf und war barfuss. In der einen Hand hielt er ein Flugblatt, in der anderen ein zerrissenes Halfter. Er hatte es wohl gerade wieder zusammenflicken wollen und war nun aus seinem Hause getreten, um zu hören, was es draußen gebe.
“Bis zum Siege … sieh mal einer an!” wiederholte er verwundert und ließ den Blick erstaunt über die Menge gleiten.
Er schüttelte den Kopf, setzte sich auf die Erhöhung an seinem Hause und schrie dem schwerhörigen Alten, der neben ihm saß, ins Ohr: “Schon wieder bis zum Siege … Seit dem Jahre vierzehn, immer nur bis zum Siege. Wie soll das mal enden, Vater Prochor?”
Inzwischen hatte man einen Wagen bis zur Mitte des Platzes geschoben. Ein von irgendwem gewählter Versammlungsleiter, ein kleiner, wendiger Mensch, kletterte hinauf und begann:
“Mitbürger! Ich erkläre das Meeting für eröffnet. Das Wort hat der Sozialrevolutionär Genosse Kruglikow. Er spricht zu uns über die Provisorische Regierung, über den Krieg und über die allgemeine politische Lage.”
Dann verschwand er vom Wagen, und für einen Augenblick war die Tribüne leer. Plötzlich sprang Kruglikow hinauf, richtete sich hoch empor und hob die Hand. Das Stimmengewirr verstummte.
“Bürger des großen und freien Russlands! Im Namen der Partei der Sozialrevolutionäre entbiete ich Ihnen allen die herzlichsten Grüße!”
Dann begann Kruglikow zu reden. Ich hörte angespannt zu, in Wort sollte mir entgehen.
Er erzählte von den schwierigen Verhältnissen, unter denen die Provisorische Regierung arbeiten müsste. Der Druck der Deutschen an der Front würde immer stärker, und dunkle Kräfte – deutsche Spione und Bolschewiki – arbeiteten insgeheim für Wilhelm.
“Früher hatten wir einen Zaren, der hieß Nikolai, und diesmal soll es der Wilhelm werden. Wollt ihr wieder einen Zaren?” fragte er.
“Nein, nie wieder, wir haben genug davon!” scholl es hundertfach aus der Menge.
“Wir haben den Krieg satt”, sprach Kruglikow weiter. “Hängt er uns nicht zum Halse heraus, dieser Krieg? Ist es nicht Zeit, Schluss zu machen?”
“Höchste Zeit!” kam es wie aus einem Munde.
“Was ist denn das für‘n komisches Programm?” flüsterte ich Dohle empört zu. “Sind die denn auch für Beendigung des Krieges?”
Er stieß mich leicht in die Seite: “Sei still und hör lieber zu!”
“Höchste Zeit! Jawohl, das ist euer aller Meinung”, fuhr der Sozialrevolutionär fort. “Aber die Bolschewiken lassen es nicht zu, sie wollen nicht, dass wir den Krieg bald siegreich beenden. Sie zersetzen die Kampfkraft unserer Armee. Hätten wir nur eine schlagkräftige Armee, wir würden den Feind mit einem entscheidenden Stoß vernichten und Frieden schließen. Aber jetzt können wir keinen Frieden schließen. Und wer ist schuld daran? Wer ist schuld, dass eure Söhne, eure Brüder, eure Männer und eure Väter im Schützengraben verrecken, anstatt zu friedlicher Arbeit zurückzukehren? Wer rückt den Sieg in weite Ferne und verlängert den Krieg? Wir, die Sozialrevolutionäre, erklären in aller Öffentlichkeit: Es lebe der letzte, entscheidende Schlag gegen den Feind, es lebe der Sieg der revolutionären Armee über die Armeen der Deutschen! – Und dann, dann: Nieder mit dem Krieg, es lebe der Frieden!”
Schwer ging der Atem der Menge, dichte Wolken von Machorkarauch standen über den Köpfen, einzelne zustimmende Rufe wurden laut.
Kruglikow sprach von der Konstituierenden Versammlung; sie allein habe die Gewalt über das Land, und es könne nicht geduldet werden, sich den Boden der Gutsbesitzer auf eigene Faust anzueignen. Er sprach weiter von der Notwendigkeit, Ordnung zu halten und den Anweisungen der Provisorischen Regierung Folge zu leisten. Er hüllte seine Zuhörer in ein feines, kunstvolles Wortgespinst ein.
Zuerst zog er die Bauern auf seine Seite, als er von ihren Nöten sprach. Die Menge ging mit: “Richtig!”, “Der hat recht!”, “Schlimmer kann‘s nicht mehr werden!” Doch langsam drehte Kruglikow das Steuer herum. Eben noch war die Menge mit ihm einig gewesen, ohne eigenen Boden gebe es für den Bauern keine Freiheit; dann wurde ihr plötzlich klar: In einem freien Lande dürfe man nicht den Gutsbesitzern den Grund und Boden wegnehmen.
Nach ein und einer halben Stunde schloss er seine Rede unter lautem Beifallsgebrüll seiner Zuhörer und mit wüsten Drohungen gegen die Spione und Bolschewiki.
Na, dachte ich, wie will Baskakow jetzt noch mit Kruglikow fertig werden?
Zu meinem größten Erstaunen stand Baskakow ruhig neben mir und zog an seiner Pfeife; er verriet auch nicht die geringste Absicht, auf die Tribüne zu steigen.
Dicht um den Wagen gedrängt standen die Sozialrevolutionäre; sie wussten nicht recht, was sie von den Bolschewiki halten sollten. Nach kurzer Beratung kamen sie zu dem Schluss, die Bolschewiki warteten wohl noch auf jemanden. Ein weiterer Sprecher trat auf. Er war nicht so ein guter Redner wie Kruglikow, sprach stockend, leise, und – was das Dümmste war – er wiederholte noch einmal das schon Gesagte. Als er vom Wagen hinunterstieg, war der Beifall schon geringer.
Baskakow aber stand immer noch da und rauchte. Seine schmalen Augen hielt er halbgeschlossen, und auf seinem Gesicht lag so ein gutmütig-einfältiger Ausdruck, als wolle er sagen: Sollen sie doch reden! Mich geht das nichts an! Ich rauche meine Pfeife und stehe niemandem im Wege.
Der dritte Sprecher war nicht besser als der zweite, und als er hinabstieg, begannen die meisten zu pfeifen und zu johlen.
“He! Vorsitzender, was soll das?”
“Wir wollen andere Redner hören! Verdammt noch mal!”
“Sollen doch mal diese… Bolschewiki sprechen! Die lässt du wohl nicht ran, was?”
Der Versammlungsleiter erklärte entrüstet, er erteile jedem das Wort, der es wünsche; die Bolschewiki wollten aber nicht. Sie hätten wohl Angst, und er könne sie schließlich nicht zum Reden zwingen.
“Aber wir können das!”
“Die sind doch hier, die verkriechen sich bloß!”
“Schleif sie doch ran an den Wagen! Sollen mal auspacken, was sie haben!”
Die Wut der Menge ängstigte mich. Ich schaute auf Dohle. Er war blass geworden, aber er lächelte.
“Baskakow”, sagte er, “es ist genug jetzt, sonst nimmt‘s ein böses Ende!”
Baskakow räusperte sich, als zerspringe ihm etwas im Halse, steckte seine Pfeife in die Tasche und ging mit großen Schritten auf den Wagen zu. Die erregte Menge machte ihm Platz.
Aber er fing nicht gleich an. Gleichmütig blickte er auf die Sozialrevolutionäre, die sich um den Wagen drängten, und wischte sich mit der Hand über die Stirn; sein Blick ging weit über das Volk. Dann ballte er seine schwere Hand zur Faust, hielt sie so, dass sie jeder sehen konnte, und fragte höhnisch mit ruhiger, weithin vernehmbarer Stimme: “Das habt ihr wohl nicht gesehen?”
Mich ärgerte dieser ungewöhnliche Anfang seiner Rede. Auch die Bauern wussten nicht, was sie davon halten sollten. Schon wurden empörte Stimmen laut:
“Was soll das?”
“Du willst uns wohl drohen?”
“He du, mach doch den Mund auf! Sonst hauen wir dir die Hucke voll!”
“Habt ihr das wirklich nicht gesehen?” fing Baskakow von neuem an. “Die da…”, er deutete mit dem Kopf nach den Sozialrevolutionären, “die da werden euch noch ganz was anderes sehen lassen. Denkt doch mal naaach!” Er dehnte das Wort in die Länge, kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. “Denkt doch mal naaach…! Die Ohren gespitzt habt ihr, Bürger des freien Russlands, als die Revolution kam – aber seid doch mal ehrlich, Bürger, welchen Nutzen habt ihr jetzt von der Revolution? Vorher war Krieg, und jetzt ist immer noch Krieg. Früher hattet ihr kein Land, und jetzt habt ihr immer noch keins. Früher saß der Gutsbesitzer im Dorf, jawohl. Und heute? Heute sitzt er immer noch dort. Ist ihm was geschehen? Nein! Ihr müsst das Maul halten. Die Regierung tut ihm nichts zuleide. Fragt mal die Bauern aus Wodowatowskoje. Die wollten ans Gutsbesitzerland ran, aber da lagen schon Soldaten. Da standen sie nun… hatten sich soviel Mühe gegeben, ein guter Boden, jawohl, aber sie kriegten nichts ab davon. Dreihundert Jahre lang habt ihr ausgehalten, sagt ihr, aber das ist noch zuwenig, wollt noch weiter aushalten, wie? Na schön, dann haltet weiter aus. Selig sind die Sanftmütigen. Wartet nur, bis der Gutsherr selbst zu euch kommt und eine Verbeugung macht: ‚Braucht ihr keinen Boden? Nehmt ihn euch doch, um Christi willen.‘ Ach, darauf wartet ihr nur? Habt ihr schon gehört: Wenn die Konstituierende Versammlung zusammentritt, da wollen sie beraten, wie man den Bauern den Boden geben soll, ob sie ihn umsonst kriegen oder ob sie ihn kaufen müssen. Gut, wenn ihr jetzt nach Hause kommt, dann zählt mal eure paar Kröten nach, ob ihr euch dafür Land kaufen könnt! Ihr glaubt also, die Revolution sei gekommen, damit ihr von den Gutsbesitzern Land kaufen könnt? Aber verflucht noch mal, ich frage euch, wozu brauchten wir denn da eine Revolution? Dafür brauchtet ihr doch keine Revolution, um denen für euer Geld Land abzukaufen.”
“Was sollen wir abkaufen?” kamen zornige Stimmen aus der Menge.
“Hier steht‘s schwarz auf weiß…” Mit diesen Worten zog Baskakow ein zerdrücktes Blatt Papier aus der Tasche und las vor:
“‚Die Gerechtigkeit verlangt, dass die Grundbesitzer für ihren Boden, der in die Hände der Bauern übergeht, eine Entschädigung erhalten.‘ Jawohl, das steht hier. Das schreibt die Partei der Kadetten, und die wird auch an der Sitzung teilnehmen und ihre Forderungen stellen. Aber wir Bolschewiki, wir sagen ganz einfach: Wir warten nicht auf die Konstituierende, wir wollen den Boden sofort haben, ohne langes Gerede; wir dulden keinen Aufschub mehr und wollen das Land auch nicht kaufen! Uns langt‘s… wir haben lange genug dafür bezahlt.”
“Richtig, lange genug!” klang es wie ein Stöhnen aus Hunderten von Kehlen.
“Was soll denn da noch diskutiert werden? Dann wird ja wieder nichts draus.”
“Haltet doch mal die Schnauze…! Jetzt redet der Bolschewik. Vielleicht weiß er noch mehr.”
Ich stand mit offenem Mund neben Dohle. Ich war mit einem Mal so froh, richtig stolz war ich auf Baskakow.
“Semjon Iwanowitsch!” rief ich und packte Dohle am Ärmel. “Ich hab gedacht… Mensch, wie der mit denen redet… der hält überhaupt keine Rede, der spricht ganz einfach mit ihnen.”
Junge, Junge, ist das ein tüchtiger Kerl, und klug ist er, der Baskakow, dachte ich bei mir, als ich hörte, wie seine Worte, ruhig und schwer, den erregten Menschen durch und durch gingen.
“Frieden erst nach dem Sieg?” erklärte Baskakow. “Das ist großartig. Erobern wir doch gleich Konstantinopel dazu! Hat uns doch noch gefehlt, dieses Konstantinopel! Auch Berlin brauchen wir! Ich frage dich” – bei diesen Worten zeigte Baskakow mit dem Finger auf den pockennarbigen Bauern, der immer noch das Halfter in der Hand hielt und sich jetzt bis an den Wagen herangeschoben hatte – “ich frage dich, was schuldet dir der Deutsche oder der Türke? Haben die dir was weggenommen und wollen es jetzt nicht wiedergeben? Wirklich, sei so gut und sag mir doch, lieber Mann, was hast du in Konstantinopel zu suchen? Willst du dort deine Kartoffeln auf dem Basar verkaufen? Warum antwortest du nicht?”
Der Pockennarbige wurde rot im Gesicht, blinzelte, breitete die Arme aus und antwortete empört: “Da hab ich überhaupt nichts zu suchen…”
“Du hast da nichts verloren, ich auch nicht, niemand von uns braucht diese Länder! Aber die reichen Kaufleute, die brauchen sie; da können sie Geschäfte machen, das bringt was ein. Wenn sie aber diese Länder brauchen, dann sollen sie sie auch selbst erobern. Was hat der Bauer damit zu tun? Warum haben sie bei euch das halbe Dorf an die Front geschickt? Damit die Händler dran verdienen! Narren seid ihr, jawohl, Narren! Seid große Kerle, und einen Bart habt ihr auch; aber jeder kann euch um den kleinen Finger wickeln.”
“Gott ja, recht hast du!” flüsterte der pockennarbige Bauer und schlug die Hände zusammen. “Recht hat er, weiß Gott!” Er seufzte tief auf und ließ den Kopf hängen.
“Wir Bolschewiki, wir sagen euch”, schloss Baskakow, “wir wollen keinen Frieden nach dem Sieg, auch nicht erst am nächsten Donnerstag, wenn der Regen aufhört, und auch nicht, nachdem noch vorher Tausende von Arbeitern und Bauern zu Krüppeln geschossen wurden – nein, wir Bolschewiki wollen sofort Frieden haben, wir brauchen keine Siege dazu! Wir haben ja im eigenen Land noch nicht einmal den Gutsbesitzer besiegt. Hab ich recht, meine Brüder, oder nicht? Und wenn jetzt einer nicht einverstanden ist, dann soll er hier herkommen und soll sagen, ich hätte gelogen, ich hätte nicht die Wahrheit gesagt – mehr habe ich euch nicht zu sagen, das ist alles!”
Ich weiß noch, wie die Menge tobte, wie sie aufstöhnte. Bleich im Gesicht, sprang Kruglikow auf den Wagen, fuchtelte mit den Armen in der Luft und wollte etwas sagen; sie stießen ihn hinunter. Baskakow stand daneben und rauchte seine Pfeife. Der pockennarbige Bauer, den Baskakow gefragt hatte, wozu er Konstantinopel brauche, zog ihn am Ärmel und lud ihn in sein Haus ein, mit ihm Tee zu trinken.
“Mit Honig!” sagte er; es klang wie eine Bitte. “Es ist noch was da! Das dürfen Sie mir nicht abschlagen, Genosse! Und die da, Ihre Freunde, die können auch mitkommen.”
Wir tranken heißen Tee, aus getrockneten Himbeeren aufgebrüht. Im ganzen Hause duftete es nach Honigwaben.
Auf der staubigen Straße vor unserem Fenster fuhr der Wagen mit den Sozialrevolutionären vorbei … Ein trockener, heißer Abend brach an. In der Ferne läuteten die Glocken der Stadt. In dreißig Kirchen beteten die schwarzen Mönche, dass wieder Ruhe werde in dem aufrührerischen Land.

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