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Martin Andersen Nexø - Die Passagiere der leeren Plätze (1938)
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DIE MAUERN

Er hätte sich auch in der eigentlichen Stadt niederlassen und Werkstatt mit Gesellen und Lehrjungen und einen kleinen Laden mit Fabrik haben können — es stand dem nichts im Wege. Er war tüchtig genug dazu, und einige Hundert, um die Geschichte in Gang zu setzen, hätten sich wohl auch auftreiben lassen. Schlimmstenfalls gab der Fabrikant das Geld her, wenn man sich ihm dafür mit Haut und Haar verkaufte.
Aber Blank hatte keine Lust, sich an wen oder was zu verkaufen. Er liebte die Freiheit, und deshalb ließ er sich am Rande der Stadt nieder, in einem jener Häuser mit zwei Stockwerken und Mansarde, die den Übergang von den Feldern zur Großstadt angenehmer machen.
Von seinem hoch liegenden Keller aus hatte er bei seiner Arbeit alles vor Augen: erst einige trostlose Lehmschollen, dann Weiden, die im Nebel tropften und zerzausten Vögeln Obdach gaben, und weiter draußen Felder, wo richtiges Getreide wuchs. Noch weiter draußen gab es — er wusste es — herrliche Wälder mit Seen und mit Blumen auf dem Waldgrund. Indes, Blank war kein Schwärmer, und das hier war ja das Eigentliche — das Land.
„Du lieber Gott! Ist das alles?" sagten die Kameraden, wenn er sie mit nach Hause nahm, damit sie sähen, wie großartig er wohne. Dann wurde er mürrisch. Verteidigen konnte er seine Herrlichkeit nicht; es war ja nicht durch den Verstand, sondern durch Herz und Atem, dass er seine Freude empfing. Aber das nächste Mal wich er diesen Menschen aus und behielt das Seinige für sich allein; wenn sie nur darauf ausgingen, ihm das Beste zu nehmen, konnte er sie entbehren.
Nach und nach fügte es sich so, dass er mit niemand mehr verkehrte. Das Misstrauen war in ihm aufgestiegen, und daran hielt er fest - als Schutz seines Besitzes. Wenn die Leute ihm Arbeit brachten und davon zu sprechen begannen, wie frei er wohne, antwortete er nicht darauf, sondern hielt sich an die Sache — und achtete darauf, dass er sie so rasch wie möglich wieder vor der Tür hatte. Über das rein Fachliche hinaus hatte er mit den Menschen nichts zu besprechen; jedes gewöhnliche Gespräch würde früher oder später ja doch auf das hinsteuern, was sein Geheimnis war. Es zeigte sich als fliehende Unruhe in seinem Blick, wenn er anderen gegenüberstand; und er richtete — ein wenig auffallend — die Werkstatt so ein, dass es den Leuten unmöglich war, ans Fenster zu treten.
Sobald er allein war, senkte sich tiefer Frieden über ihn; einsam fühlte er sich nie. Das Bewusstsein, sich das Eigentliche errungen zu haben, erfüllte ihn ganz; es war alles so, wie es sein sollte. Er grübelte nicht, aber sein Gemüt sog seltsam bunte Eindrücke aus dem Wolkenhimmel, wo der Weltenraum so unendlich abwechslungsreich vorüberzog. Und die Sonne umfasste das Ganze als ein übergewaltiges Herz!
Die meiste Zeit des Jahres standen seine Fenster offen; und wenn die Sonne schien, ging sein Pfeifen wie Flimmern über die geborstene Lehmkruste hin. Er konnte pfeifen wie ein Halbverrückter, ein Berauschter — konnte sich hinauf trillern zu ohrenbetäubendem Jubel wie ein Stubenvogel, der auf die Mauer in den Sonnenschein hinausgehängt worden ist.
Eines Herbstes fingen sie an, gerade vor seinen Fenstern den Boden auszuheben. Blank sah ihnen aus seinem Nest neugierig zu; er hatte seine Wohnung wie ein Vogel gewählt, und es war etwas Vogelähnliches darin, wie er den Hals reckte und der Erdarbeit zusah. Irgendwelche Unruhe verspürte er nicht; das war etwas, was in der Landschaft geschah, es waren neue Seiten, die sie zeigte — ihm zur Freude.
Während des Winters hatte er das Vergnügen zuzusehen, wie sich die Kinder des Viertels in der gefrorenen Ausgrabung herumtummelten, und als es Frühjahr wurde, kamen die Handwerker und begannen zu bauen. Es war recht lustig anzusehen, denn Blank saß von Anfang bis zu Ende ganz allein bei seinem Kram; in seine Arbeit sollte niemand anders seine Finger hineinstecken wollen! Und da draußen wimmelten sie wie in einem Ameisenhaufen. Dass sie aus so vieler Hände Arbeit ein Ganzes zusammenbrächten — darüber wunderte er sich am meisten.
Aber dort draußen wuchs die Arbeit von Tag zu Tag und kehrte ihm in ein paar Meter Entfernung eine kahle Brandmauer zu. Das Land wurde ausgesperrt! Eines Tages verschwand der letzte Weidenwipfel, und Blank überlegte staunend, wie viel sie wohl vom Himmel übriglassen würden.
Die Brandmauer gab keinen Klang, und Blank hörte zu singen auf; ab und zu pfiff er noch — um die Luft zu reinigen. Aber wie die Jahre vergingen, nahm die einförmige graue Mauerfläche von Feuchtigkeit und Schatten Farbe an, und große Fliegen krochen drüber hin und belebten sie — emsige Kellerasseln und der eine oder andere Tausendfuß! Sobald er morgens aus dem Bette kroch, suchte sein Blick die Mauer; aus Art und Färbung der Flecke konnte er ablesen, wie das Wetter werden würde. Einige Schritte weiter nach links erhob sich eine zweite, ebenso hohe Mauer, mit drei verzinkten Müllkästen davor; und wenn er halb zum Fenster hinauskroch und sich auf den Rücken legte, konnte er direkt in den Himmel hinaufsehen.
Das ließ sich nicht sehr häufig bewerkstelligen, es war aber auch nicht nötig. Drüben, weit rechts, ließen die Mauern einen schmalen Spalt offen, der alles in sich barg. Ganz zuoberst der Himmel, dann einige Lindenzweige, die hinter den Mauermassen hervorragten, und eine schnurrige kleine Landschaft, hochkant gestellt! Und schließlich - quer über den Boden des Spalts -ein kurzes Stück Straße mit ihrem unaufhörlichen Verkehr. Er konnte es von seinem Schemel aus nicht sehen, aber wenn er eine Spiegelscherbe aufs Fensterbrett stellte, hatte er alles darin eingefangen.
Blank richtete es sich mit seinem Stückchen Gottes freier Natur im Spiegel ganz gemütlich ein. Er brauchte nur den Kopf von der
Arbeit zu heben, um an allem teilzuhaben, an Sonne und Regen und dem kleinen Ausschnitt aus den Äckern, der in der Spalte hochkant stand und an den Schnitt durch eine Schichttorte erinnerte. Und als einige Jahre vergangen waren, hatte er ganz vergessen, dass da jemals etwas anderes als die fleckige graue Brandmauer vor ihm gewesen war.
Als er seinerzeit hier herauszog, hatte ein armseliger Ladenhändler an der Straßenecke gewohnt. Dieser war es, der das Stadtviertel baute und in die Höhe brachte; jetzt war er reich und wohlgenährt und nannte sich Großkaufmann. Schuhmacher Blank machte keinen Versuch, in die Einzelheiten der Entwicklung einzudringen; er begriff nur, dass es der Großkaufmann war, der die Aussicht versperrte, und setzte das ganz richtig mit der Leibesfülle des Mannes in Verbindung.
Er fasste die Dinge auf, wie sie lagen. Der Großkaufmann war ein sehr ordentlicher Mensch, als Hauswirt anständig und den kleinen Leuten gegenüber freundlich; sonntags lag er auf allen vieren auf dem Teppich und spielte mit seinen Kindern. Er hatte bloß den Fehler, dass er anschwoll und zu viel Platz beanspruchte, so dass er einem die Aussicht nahm!
Genauso fasste Schuhmacher Blank es auf: als ein handgreifliches Phänomen, das so einfach wie sonst was war. Wenn er seinen Hauswirt sah, bemerkte er jedes Mal dessen Fülle und stellte bei sich beunruhigt fest, dass der Mann immer dicker wurde. Er empfand das als eine dringende Gefahr für seinen Atem; es war, als wollte man ihm die Luft abschnüren.
In einem Frühling schließlich trat das Verhängnisvolle ein. Der Großkaufmann vermochte sich nicht mehr innerhalb seines alten Rahmens zu fassen, es wuchs eine hohe Herrschaftsmauer vor dem Ausguck empor. Der letzte Rest Erde verschwand, in Blanks Spiegelscherbe standen jetzt fünf Küchenfenster in einer Säule übereinander. Der Bau hatte aber die Eigenschaft, dass seine Rückwand die Vormittagssonne einfing und sie an die Spiegelscherbe weitergab, und fünf Mädchenzimmerfenster konnte er ahnen, wenn eins davon so weit zurückschlug, dass es von der Brandmauer freikam. Dann kam auch ein nackter rundlicher Arm zum Vorschein und fing das Fenster ein, kam und verschwand in einem Nu und ließ sich zur Not mit einem Sonnenstrahl verwechseln.
Alles in allem bedeutete das aber nichts. Eines Tages fiel die Spiegelscherbe um, und Blank ließ sie liegen; er hatte keine Verwendung mehr dafür. Er hatte den Zusammenhang mit den versperrenden Mauern durchschaut; jetzt behielt er die Augen bei sich und übte sich in der Kunst, durch alles hindurchzusehen.
Jetzt wusste er mehr als früher, kam auch auf bequemere Art zu seinem Wissen. Wenn die Mückenschwärme über den drei Müllkästen wie drei graue Schattentänzer auf- und niederwogten, wusste er, dass stilles Wachstumswetter war. Durch Schlafen an der feuchten Wand hatte er sich das Reißen zugezogen und spürte deutlich an sich selber, wenn der Nordwind, der gute Freund der Gicht, seinen Walzer tanzte. Und wenn die Müllkästen schlecht zu riechen begannen, war der Sommer nahe; der Geruch wurde ihm geradezu willkommen: des Sonnenscheins wegen, den er in ihm zum Leben erweckte. Er erwarb sich immer mehr Kennzeichen, so viele schließlich, dass ständig Sommer in ihm war. Er hatte zur Phantasie seine Zuflucht genommen und konnte die Sonne hervorzaubern, wann immer er wollte.
Blank pfiff niemals mehr — er hatte kein Bedürfnis danach. Die Stille hatte für ihn Bedeutung erlangt, und mit einem leeren, lauschenden Ausdruck im Gesicht saß er stumm bei der Arbeit. Aus der Leere vor seinen Augen wuchsen neue Welten hervor, so dass er nichts entbehrte. Sein Blick erfasste die äußeren Dinge merkwürdig unbeholfen, die trostlose Mauer hatte seine Sehkraft geschwächt; Menschen, die ihm in die Augen sahen, glaubten, er wäre verrückt, und machten einen Bogen um ihn. Aber er sah vortrefflich nach innen und fand alles in sich selber.
Er hatte nach und nach allerlei aufgegeben, was andere aufrechterhält. Für sich selbst verlangte er nichts und meinte trotzdem, ein gemachter Mann zu sein. Aber alle, die rings um ihn waren, taten ihm leid. „Sie sind eingemauert", sagte er bei sich und schüttelte traurig den Kopf. „Die Sonne kann sie nie bescheidenen!" Es fiel ihm nicht ein, dass er sich in der gleichen Lage befände. Er hatte alles von sich abgestreift, Wünsche wie Bedürfnisse, und hatte nur ein einziges erwärmendes Gefühl als seinen Anteil zurückbehalten: das Mitgefühl mit allen, die unter den Schatten der schweren grauen Mauern litten. Er allein wusste, woher das Übel stammte; deshalb nannten sie ihn ja verrückt, er wusste das sehr wohl. Die anderen glaubten, dass die Mauern versperrten, und schimpften auf sie. Aber Blank kannte das Geheimnis — er allein! Deshalb lächelte er immer so eigentümlich.
Wenn es ihm stark bewusst war, ließ er die Arbeit ruhen und hantierte mit dem Abziehstahl. Es haftete alter Aberglaube daran. Der Stahl hatte so manchen seiner Vorgänger im Beruf geholfen und sie geschützt; die Spitze des Abziehstahls, richtig gedreht, hielt das Böse fern und das Glück im Hause. Blank selbst glaubte nicht an solches Zeugs; er bekam den Abziehstahl sozusagen von ungefähr zwischen die Finger und wusste nicht recht, was er damit anfangen sollte; es war eine Handlung ohne Sinn. Dann machte er sich daran, den Stahl spitz zuzufeilen; das wurde allmählich die einzige Beschäftigung, die seinem Gemüt Ruhe verschaffte. Er empfand das selber als nutzlose Zeitvergeudung und schlug zornig nach dem Stahl, wenn er ihm in die Hände glitt, trotzdem konnte er es nicht unterlassen.
Eines Tages wurde Blank und den anderen Mietern in dem alten Haus am Stadtrand gekündigt. Es war nun ganz von Mietskasernen umgeben und sollte abgerissen werden, um einem modernen Mietshaus Platz zu machen.
Merkwürdigerweise hatte Blank nie an diese Möglichkeit gedacht. Wäre er eines Morgens aufgewacht und hätte entdeckt, dass die sperrenden Mauern wieder in die Erde versunken wären, würde ihn das gar nicht gewundert haben; er hätte es einfach als einen Ausfluss von Recht und Billigkeit hingenommen. Dass aber die baufällige Hütte hier abgerissen werden sollte, um einer Mietskaserne Platz zu machen, wollte ihm nicht in den Kopf. Es war, als wollte man die Welt selber wegsprengen, um Platz für noch mehr Firlefanz zu schaffen; es hieß, alle Begriffe auf den Kopf zu stellen.
Aber Blank wusste ja sehr genau, was dahintersteckte! Jetzt war der Großkaufmann so aufgebläht, dass es ihm nicht mehr genügte, die Leute von der Welt abzusperren; sie mussten aus dem Wege geräumt werden, damit Platz für ihn wäre!
Er zog seinen guten Anzug an, steckte den spitzen Abziehstahl unter die Jacke und ging hinüber und klingelte bei dem Großkaufmann. Er hatte in der letzten Zeit eine sonderbare Unruhe im Blick, die den Leuten Furcht einflößte.
„Es ist der verrückte Schuhmacher", hörte er das Mädchen drinnen in der Stube sagen.
Dann kam der Großhändler selber herausgestürzt und starrte ihn verwundert an.
„Es handelt sich bloß um die Kündigungen", stotterte Blank und trat in die Wohnung.
„Ja, zum Teufel, was ist denn damit los? Meinen Sie vielleicht, sie wären nicht rechtmäßig?"
„Doch, aber — du bist zu aufgebläht, du schwillst an, du!----
Die anderen kriegen keine Luft! — Und jetzt steche ich dich an, damit die viele Luft heraus kann — du! — du! — du!" Blank sprach in Stößen und stieß ihm den Abziehstahl in den Bauch.
Schuhmacher Blank kam ins Gefängnis, aber seine Gedankenwelt war zu seltsam, als dass man ihn dort mit einigermaßen Aussicht auf Erfolg hätte behalten können. Eine Brandmauer mit einem dicken Großkaufmann verwechseln war zu blödsinnig, als dass man ihn auf die Dauer als denkendes Wesen behandeln und an den normalen Gütern der Gesellschaft teilhaben lassen durfte. Er wurde rasch in eine Irrenanstalt gebracht.
Dort sitzt er nun und glaubt, er habe mit seinem Abziehstahl die Mauern gesprengt. Die Tiefe hat sich ihm offenbart; er sieht den großen Zusammenhang und klammert sich nicht an gleichgültige Nebensächlichkeiten. Deshalb behalten sie ihn immer noch in der Anstalt.
Manchmal hat er lichte Augenblicke, wo er seine Gedanken aus dem großen Gemeinschaftsgefäß schöpft. Dann wird davon gesprochen inwieweit er der Gesellschaft wieder übergeben werden kann. Doch zum Glück fragt er dann plötzlich, ob die Sonne jetzt auf die alte Hütte herabscheinen kann, oder ob sie meinen, dass er den Großkaufmann nochmals anzapfen müsse.
1907


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