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Alexandr A. Bogdanow - Der rote Planet (1908)
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7. Netti

Trotz der Behandlung durch den Arzt Netti dauerte die Krankheit mehrere Wochen. Ich lag im Bett, ruhig und apathisch, und beobachtete gleichermaßen teilnahmslos Wirklichkeit und Gespenster; sogar Nettis ständige Anwesenheit ließ mich nur ein schwaches, kaum merkliches Gefühl der Zufriedenheit empfinden.
Es kommt mir merkwürdig vor, wenn ich mich an meine Halluzinationen erinnere: Obwohl ich mich oftmals von ihrer Unwirklichkeit überzeugt hatte, vergaß ich das jedes Mal, sobald sie erschienen. Selbst wenn mein Geist nicht verworren und getrübt war, hielt ich sie für wirkliche Personen und Dinge. Erst wenn sie verschwanden oder verschwunden waren, wurde mir ihr Wesen bewusst.
Netti versuchte vor allem, mich zum Schlafen und Ausruhen zu bewegen. Auch er wagte jedoch nicht, mir Medikamente zu verabreichen, weil er befürchtete, sie könnten sich bei einem irdischen Organismus als Gift erweisen. Einige Tage versuchte er vergeblich, mich mit seinen üblichen Methoden einzuschläfern: Die Wahnbilder zerstörten die Wirkung der Suggestion. Endlich wurden sie von Netti bezwungen, und als ich nach zwei oder drei Stunden Schlaf erwachte, sagte er: »Jetzt werden Sie bestimmt genesen, obwohl Sie noch ziemlich lange krank sein werden.«
Netti hatte sich nicht getäuscht. Die Halluzinationen kamen seltener, aber sie waren nicht weniger lebendig und klar, sie wurden sogar etwas komplizierter — manchmal unterhielten sich die gespenstischen Gäste mit mir.
Von diesen Gesprächen hatte für mich nur eines Sinn und Bedeutung. Das war vor meiner Genesung.
Als ich morgens erwachte, sah ich wie gewöhnlich Netti an meinem Bett, und hinter seinem Stuhl stand ein alter Genosse, der Agitator Ibrahim, ein bejahrter Mann und boshafter Spötter. Er schien auf etwas zu warten. Als Netti hinausgegangen war, um das Bad zu bereiten, fuhr mich Ibrahim grob an; »Du Dummkopf! Was gaffst du so? Siehst du denn nicht, was dein Doktor ist?«
Ich wunderte mich nicht allzu sehr über die Anspielung, die in den Worten enthalten war, und der zynische Tonfall regte mich nicht auf — von Ibrahim war ich ihn gewohnt. Aber ich erinnerte mich an den festen Druck von Nettis kleiner Hand und glaubte Ibrahim nicht.
»Um so schlimmer für dich!« sagte er mit verächtlichem Lächeln und verschwand.
Netti kam ins Zimmer. Bei seinem Anblick spürte ich eine seltsame Beklommenheit. Er schaute mich durchdringend an.
»Wie schön«, sagte er. »Sie werden bald gesund
sein.«
Danach war er den ganzen Tag besonders schweigsam und versonnen. Am nächsten Tage, als er sich davon überzeugt hatte, dass ich mich wohl fühlte und die Halluzinationen nicht wiederkamen, überließ er mich der Obhut eines anderen Arztes. An den folgenden Tagen erschien Netti nur abends, um mich für die Nacht einzuschläfern. Da wurde mir klar, wie wichtig und angenehm seine Anwesenheit für mich war. Mit den Strömen an Gesundheit, die sich aus der Natur in meinen Organismus ergossen, kamen mir immer häufiger Gedanken über Ibrahims Andeutung. Ich versuchte mich zu überzeugen, dass das Unsinn sei, die Ausgeburt eines kranken Hirns. Warum hätten mich Netti und die anderen Freunde täuschen sollen? Dennoch blieb ein Zweifel, der mir lieb war.
Einmal fragte ich Netti, womit er sich gerade beschäftige. Er erklärte mir, man berate über neue Expeditionen zu anderen Planeten, und er werde dabei als Fachmann gebraucht. Menni leitete die Beratungen, aber weder Netti noch er beabsichtigten, bald abzufliegen. Ich war erleichtert.
»Und Sie wollen nicht wieder heim auf die Erde?« fragte Netti. Hinter seinen Worten verbarg sich Erregung.
»Ich habe doch bisher nichts tun können«, antwortete ich.
Nettis Züge hellten sich auf.
»Sie irren sich, denn Sie haben viel getan... sogar mit dieser Antwort.«
Er schien auf etwas anzuspielen, was ich nicht wusste, was aber mich betraf.
»Kann ich nicht an einer Beratung teilnehmen?« fragte ich.
»Auf keinen Fall!« erwiderte Netti entschieden. »Sie brauchen unbedingte Ruhe und müssen noch mehrere Monate alles vermeiden, was mit Ihrer Erkrankung zusammenhängt.«
Ich stritt nicht mit ihm. Mir war in meiner Lage so wohl, und meine Pflicht gegenüber der Menschheit rückte in weite Ferne. Immer stärker beunruhigten mich jedoch seltsame Gedanken an Netti.
Eines Abends stand ich am Fenster und blickte auf das geheimnisvolle rote »Grün« des Parks, alles kam mir herrlich vor, dort gab es nichts, was meinem Herzen fremd war. Jemand klopfte zaghaft an meine Tür, und ich spürte gleich, dass es Netti war. Er kam mit seinen schnellen, leichten Schritten herein und streckte mir lächelnd die Hand entgegen — eine vertraute irdische Begrüßung, die ihm gefiel. Ich drückte seine Hand mit solcher Kraft, dass ich ihm bald die Finger brach.
»Nun, ich merke, meine Rolle als Arzt ist zu Ende«, sagte er lachend. »Trotzdem muss ich Sie noch ein bisschen ausfragen, um das zweifelsfrei festzustellen.«
Er stellte viele Fragen, ich antwortete ihm in unverständlicher Verwirrung und las ein heimliches Lachen in seinen großen Augen. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und fragte: »Erklären Sie mir, warum es mich so stark zu Ihnen hinzieht? Warum bin ich so glücklich, wenn ich Sie sehe?«
»Am ehesten wohl, weil ich Sie geheilt habe, und Sie übertragen die Freude über Ihre Genesung auf mich. Und vielleicht noch... weil ich eine Frau bin.«
Ein Blitz zuckte, mir wurde schwarz vor Augen, mein Herz schien stillzustehen. Eine Sekunde später presste ich Netti wie ein Wahnsinniger an mich, küsste ihre Hände, ihr Gesicht, ihre großen Augen.
Netti ließ sich großmütig meine ungezügelten Zärtlichkeiten gefallen. Als ich aus meiner Verzücktheit zu mir kam und wiederum ihre Hände küsste, Tränen der Dankbarkeit in den Augen, sagte Netti mit liebem Lächeln: »Mir war eben so, als hätte ich Ihre ganze junge Welt in Ihrer Umarmung gespürt. Ihr Despotismus, ihr Egoismus, ihr heftiges Glücksverlangen — all; das war in Ihren Liebkosungen. Diese Liebe ist dem Mord verwandt. Aber... ich liebe Sie, Lenni.«
Das war das Glück.

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