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Sunao Tokunaga - Die Straße ohne Sonne (1931)
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DAS FLUGBLATT

Die Straßenbahn hielt an, Autos wurden jäh gebremst - Lastwagen und Beiwagenmaschinen, die eben noch über die Straßen rasten, stoppten und standen in einer langen Reihe. "Was gibt's?" "Was ist los?"
Die grelle Sonne, die durch den Straßenstaub brach, brannte auf den Gesichtern der sich zusammenballenden Menschen. Die Massen wogten von rückwärts heran wie Kaulquappen. "Eine Parade! Der Prinzregent mit seinem Gefolge fährt zum Seminar. " Flüsternd wurde die Nachricht blitzschnell nach allen Seiten weitergegeben. Die Autos stoppten ihre Maschinen, der Lärm brach ab. Die Leute zogen die Hüte.
Nach ungefähr einer Viertelstunde sahen die in der vordersten Reihe und hinter der goldstrotzenden Uniform eines Polizeileutnants und den salutierenden Händen der Polizisten fünf Autos, die lautlos wie auf einem Filmstreifen vorüberfuhren. An der lackschwarzen Karosserie glänzte im staubigen Licht das kaiserliche Wappen, die goldene Chrysantheme, und blendete, einen Sonnenstrahl brechend, die Augen. Aber die Leute in den hinteren Reihen sahen nur die Mützen der Polizisten. Die Absperrung wurde aufgehoben. Wie ein Strom sprengten die Menschenwellen die Schleusen.
" Au, Teufel, gib doch acht, "schrie in diesem Augenblick ein Mann, der einen japanischen Überwurf (Anm.: Kreisrunde Pellerine, in die für den Kopf ein Loch geschnitten ist.) trug. Ein anderer, mit einem gelben Regenmantel bekleidet, hatte ihn getreten und vor die Brust gestoßen. "Was soll das?"
Einige Leute, die der rücksichtslos Vordrängende gleichfalls gestoßen oder getreten hatte, schrien mit. Der mit dem japanischen Überwurf schob seinen starken Arm vor und packte den andern am Zipfel seines Mantels.
" Verhaftet ihn!" rief der so Angegriffene, und reckte seine rechte Hand über die Menge. "Verhaftet ihn!" Brüllend mühte er sich, gleichsam in der Masse schwimmend, den Angreifer zu erreichen. Im selben Augenblick flatterte eine Menge weißer Papierblätter über allen und fiel langsam auf die Köpfe nieder. "Das war dieser Arbeiter - man soll ihn verhaften!", schrie der Mann, der wie ein Kommissar aussah. Erstaunt ließ der im' japanischen Überwurf den Rock des anderen los; da sprang schon ein uniformierter Polizist vor und gab ihm einen Fußtritt. Er schrie auf. Um sie stieß sich die Menschenmenge. Der Spitzel fiel über ein gestürztes Fahrrad und über ihn hinweg ein Teil der Leute. Man schrie: "Koreaner!"(Anm.: Die Koreaner gelten, als nationale Minderheit, im japanischen Bürgertum als aufrührerisches Element.) "Nein, ein Sozialist!"
Polizei und Zivilbeamte rannten umher und drängten die Massen zurück. Den Arbeiter konnten sie aber nicht wiederfinden. "Habt ihr die Blätter, die eben geworfen wurden, beschlagnahmt?" fragte keuchend der Mann mit dem gelben Mantel die Polizisten. "Ich habe keine mehr gesehen. " "Ich auch nicht." "Unmöglich! Dummheit!"
Bös und unzufrieden wollte er sich umdrehen. "Ach, da ist eins"
Eine alte Frau, die gestürzt war, wollte mit dem Papier ihre Kleider reinigen. "Das ist es!"
Um die ahnungslose Alte drängten die Menschen. Ein Zivilbeamter riß der Frau das Flugblatt aus der Hand.

An die lieben Bürger vom Verwaltungsbezirk Koishikawa und alle Bürger Tokios!
Wir 3000 streikenden Arbeiter von der Daido-Druckerei, mit unseren 15000 Familienmitgliedern, kämpfen schon 50 Tage gegen den Großkapitalisten Okawa, der in gemeinster Weise 38 Schriftgießer entlassen hat, um so die besten Kräfte unserer Druckereigewerkschaft zu vernichten und unseren 15000 Familienangehörigen den Mund vertrocknen zu lassen. Mit der stärksten Unterstützung des Hyogikai, des Rates der revolutionären japanischen Gewerkschaften und der anderen Arbeiterorganisationen werden wir bis zum Sieg gegen den großen Finanzblock des Okawa kämpfen und unser Bollwerk, das in der vordersten Reihe der japanischen Arbeiterbewegung steht, bis zum Tod verteidigen. Bürger des Verwaltungsbezirks Kotshikawa und Bürger Tokios, wir glauben, daß ihr an unserer Seite steht und das Recht der Streikenden unterstützen werdet.
Seiner privaten Interessen wegen ließ Okawa die 15000 Leute hungern, wurden die Händler der Straßen Tosaki, Hisakata, Hakusangoten in die Not gejagt. Okawa, der sich dieses Zustandes nicht schämt, soll endgültig geschlagen werden.
Wir bitten euch im Namen des Rechtes, daß ihr durch eure Unterstützung für uns und durch eure öffentliche Meinung diesen schamlosen Kerl beseitigen hellt und für unseren Sieg eintretet.
Oktober 1926.

Die Versamm1ung der streikenden Arbeiter der Da i do-Druckerei .
Die Kommission der sympathisierenden Bürger des Verwa1tungsbezirks Kotshikawa .

Die Augen des Kriminalkommissars sprangen über die Zeilen wie Vogel zwischen den Ästen. "Ja, das ist es. "
Er flüsterte mit den Polizisten ging in einen Laden, schleppte ein Fahrrad heraus und verschwand.
Die Sirenen der Autos lärmten wieder, die Straßenbahn setzte sich in Bewegung, aber die Massen blieben in Gruppen an der Straßenkreuzung stehen, wie schmutzige Flecken auf einer Kinderzeichnung. Angstvoll flüsterte man untereinander.
" Bestimmt wird heute noch etwas passieren."
" Wegen eines Blattes solchen Lärm zu machen. "
Von der Verkehrspolizei verjagt, stellten sich die Menschen unter die Vordächer der Läden und hinter die Briefkästen. "Es kommt - es kommt was!"
Ungeduldig knatternd kam eine Beiwagenmaschine mit dem Bezirkshauptmann herangeschossen. Der Bezirkshauptmann hatte den Säbel zwischen den Beinen. Die Maschine fuhr in weiter Kurve um den Platz. Ein Polizist sprang heran und legte salutierend die Hand an die Mütze. Der Hauptmann gab ihm hastig flüsternd seine Befehle und fuhr weiter in das Tor zum Seminar. Etwa zehn Minuten später kam in eiligem Lauf eine halbe Hundertschaft Polizisten, die vom Haupttor des Seminars bis zum Platz in zwei Reihen Aufstellung nahmen. Sie standen mechanisch und ausdruckslos und sahen aus wie gestellte Photographien.

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