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B. Traven - Der Karren (1930)
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ACHTES KAPITEL

1

Es war die letzte Woche im Januar. Mitte Februar wurde in Balun Canan das Fest des heiligen Caralampio gefeiert.
Der heilige Caralampio war der Schutzpatron der Stadt Balun Canan. Er war gleichzeitig auch der Schutzpatron für Sapalut, ein Städtchen, das auf der weiten Prärie von Balun Canan lag, etwa zwanzig Kilometer entfernt.
Wie der Heilige Caralampio dazu gekommen war, Schutzpatron von Balun Canan zu werden, hätte er wohl schwerlich beantworten können. Es gab auch sonst niemand, der gewusst hätte, warum San Caralampio die Stadt Balun Canan vor dem Teufel und allen übrigen Fährnissen zu schützen auserkoren war und wer ihn zum Schutzpatron bestimmt hatte. Auch die Curas, die Geistlichen, in Balun Canan, wären in Verlegenheit gekommen, wenn sie kurz und klar die Gründe hätten angeben müssen, warum Caralampio für die Stadt ein so wichtiger Heiliger geworden war. Und niemand, die Curas alle eingeschlossen, wusste mit Sicherheit zu sagen, wer San Caralampio überhaupt war, wann er gelebt hatte, und was er getan hatte, dass er zu einem Heiligen gemacht worden war. jeder begnügte sich mit der Tatsache, dass seine Figur aus Holz in der Hauptkirche in Balun Canan und in der Kirche in Sapalut stand, wo ihn jedermann leibhaftig vor sich sehen konnte, um sich davon überzeugen zu können, dass es einen San Caralampio wirklich gab.
Die Feier zu Ehren des heiligen Caralampio war ausschließlich eine reine und nackte Geschäftsangelegenheit.
Das Fest dauerte eine volle Woche. Und weil da noch Vorfeiern und Nachfeiern damit verknüpft waren, so währte es eigentlich reichlich zwei Wochen lang. In diesen zwei Wochen machte die Kirche ihr fettestes Geschäft im ganzen Jahr.
Ein vorzügliches Geschäft machten die Hunderte von herumziehenden Händlern und Spielbankhaltern, die aus allen Orten und Ecken des Staates zu diesem Feste hinwanderten, um die frommen Festteilnehmer an Geld, Hab und Gut zu erleichtern.
In Scharen fanden sich ein: Bettler, Krüppel, Taschendiebe, Spitzbuben, Kartenschneider und Würfelpolierer, Wahrsager, Feuerfresser, Säbelschlucker, Schlangenmenschen.
In den Kantinen wurde das Geschäft gefördert durch Kellnerinnen, die in Trupps mit ihren Müttern und Ammen eintrafen. Die Mütter und Ammen waren die Geschäftsführer jener Mädchen. Alles, was unter der Sonne nur möglich ist, wurde bei diesem so frommen Feste von den städtischen Behörden erlaubt. Denn auch für den Bürgermeister, den Steuereinnehmer, den Steuermarkenverwalter, den Polizeipräsidenten waren diese zwei Wochen das wichtigste und größte Geschäft im Jahr. Dieses großen Geschäftes wegen wurden die Wahlen für die städtischen Beamten und für den Polizeichef mit Hunderten von Revolverschüssen und mit erschossenen und verwundeten Gegenkandidaten und Wählern belebt. Denn alle Händler hatten kräftig Abgaben für ihre Stände zu entrichten. Spielen um Geld war laut Gesetz in der ganzen Republik verboten. Und weil nur der Bürgermeister, der Polizeichef und der politische Chef hierfür außerordentliche Erlaubnis geben konnten, so mussten die Spieltischhalter jene Erlaubnis mit schwerem Gelde erkaufen. Und besonders mussten tüchtig bezahlen die Cantineros, die Kantinenbesitzer, für die zweiwöchige Erlaubnis, Kellnerinnen zur Bedienung haben zu dürfen. Und die Mütter der Kellnerinnen mussten gut an den Bürgermeister und die übrigen Obrigkeiten bezahlen, damit sie die Erlaubnis erhielten, die Kellnerinnen gelegentlich mit einem Gast für eine Stunde in ein Quartier gehen zu lassen. Auch die frommen Bürger, die ihre guten Stuben und ihre Ehebetten stundenweise an die Kellnerinnen vermieteten, mussten diese Erlaubnis mit gutem Gelde von den Obrigkeiten erkaufen. Denn umsonst ist nichts auf dieser Welt. Auch der Arzt, der das Privileg von den Obrigkeiten erhielt, die Kellnerinnen zu untersuchen und ihnen einen Gesundheitsschein auszustellen, musste sich mit dem Bürgermeister hinsichtlich jenes Privilegs einigen, damit es nicht etwa ein anderer Arzt erhielt, der besser bezahlte. Jede Kellnerin hatte dreimal in der Woche ihren Gesundheitsschein zu erneuern. Das war Vorschrift, die Bürgermeister und Polizeichef gegeben hatten. Und jeder Gesundheitsschein musste von der Kellnerin mit drei Pesos bezahlt werden. So betrachtete auch der Arzt die fromme Feier zu Ehren des heiligen Caralampio als sein bestes Geschäft im Jahr. Seine gute bürgerliche Kundschaft ließ sich nur auf Rechnung kurieren; und diese Rechnungen blieben zuweilen drei und vier Jahre unbezahlt. Die Kellnerinnen dagegen waren anständige Kundschaft, die sofort bezahlte und kein saures Gesicht zog.
Die Obrigkeit tat etwas für das Geld, so dass niemand in der Stadt sagen konnte, das Geld wandere in die Taschen der Männer, die Obrigkeit waren. Die Obrigkeiten kauften für zweihundert Pesos oder so Raketen und Schwärmer und veranstalteten Feuerwerke, um die Bevölkerung zu erfreuen. Sie hatten nie römische Geschichte studiert, aber aus angeborener Klugheit richteten sie sich nach der altrömischen Staatsphilosophie: Brot und Zirkus. Auch das Brot vergaßen sie nicht. Es wurden ein Rind und einige Schweine auf einem Platze gebraten, und alle Armen erhielten ihr Stück Barbacoa. Auch an diesem Feuerwerk und an diesem Barbacoa verdienten die Obrigkeiten; denn der Mann, der das Feuerwerk an die Stadt verkaufen wollte, und der Mann, der die Barbacoa für die Armen lieferte, musste an den, der diese Aufträge vergab, eine Ehrensumme bezahlen, damit nicht ein anderer, der auch hinter diesem Geschäft her war, den Auftrag erhielt. Niemand auf Erden erwartet, dass jemand das Volk umsonst belustigt und die Armen umsonst beköstigt. Das kann auch kein Mensch tun, ohne für einen Dummkopf gehalten zu werden. Und weil jene Männer auf ihre Kosten kommen wollten und mussten, so lieferten sie kaum die Hälfte dessen, wofür die Obrigkeiten sie bezahlten, oder sie lieferten die Waren so minderwertig, dass sie noch viel weniger als die Hälfte wert waren. Da jeder von der Obrigkeit irgendwo oder irgendwie seine Hand drin hatte, so prüfte auch niemand nach. Das macht sowieso nur Umstände und Ärger, und man schafft sich unnötig Feinde. Warum auch. Das Leben ist viel sonniger, wenn nichts nachgeprüft wird. Der Bürgermeister, der Steuerverwalter und der Polizeichef, alle haben genug der Kümmernisse auf Erden, warum soll man ihnen noch das an sich so traurige Leben verdüstern dadurch, dass man ihre Kassen und Rechnungsbücher und Quittungen und Lieferungsscheine einer genauen Durchsicht unterzieht. Und wenn wirklich eine Revision angeordnet werden sollte - der Teufel mag wissen, von wem -, so wissen ja diejenigen Leute, die jene Revision vornehmen sollen, auch recht gut den Wert von fünfzig Pesos, die man so leicht nebenbei verdienen kann, zu schätzen. Wir sind ja alle Brüder und haben ein jeder unsern Dreck am Kragen, und es bleibt ja unter Brüdern, und es bleibt im Lande. Viva La Patria! Hoch lebe das schöne Vaterland! Und wo das geliebte Vaterland deinem Geschäft nicht günstig ist, da fabriziere Kanonen und Munition für den Erbfeind, der auf der Lauer liegt.

 

2

Andres brachte eine kleine Karawane von Carretas von Socton nach Sapalut.
Don Laureano hatte ihm die Führung dieser Karawane anvertraut, weil dieser Weg nur wenig Schwierigkeiten bot und es in der Trockenzeit war. Don Laureano konnte auch gerade in jenen Wochen keinen der älteren Carreteros entbehren, weil er außerordentlich viel Fracht auf dem Wege von Arriaga nach Tullum hatte und die Güter von einer Art waren, die sehr erfahrene Carreteros benötigten, um nicht Schaden zu leiden.
Die Karawane war auch darum leichter Natur, weil sie von zahlreichen Händlern, Männern und Frauen begleitet wurde, die ihre Waren in den Carretas nach Sapalut schafften. Diese Händler hatten ein persönliches Interesse daran, dass ihre Waren gut ankamen. Wenn irgendetwas auf dem Wege geschehen sollte, Radbrüche oder notwendiges Ausbessern abgerutschter Wegstrecken, so legten sie kräftig mit Hand an, um ihre Ware zu retten und zurzeit auf dem Markte anzukommen.
Sapalut, das denselben Schutzheiligen Caralampio hatte wie Balun Canan, vielleicht darum, weil die Leute nicht genug Phantasie oder Kenntnis von Heiligen hatten, um sich einen eigenen Schutzheiligen auszusuchen, feierte das Fest zwei Wochen vorher, ehe es in Balun Canan gefeiert wurde. Gute Geschäftsgründe hatten die frommen Leute von Sapalut bewogen, ihr Fest nicht mit dem Fest in Balun Canan zusammenfallen zu lassen. Sie hätten sich sonst mit dem viel größeren Balun Canan in die Geschäfte teilen müssen. jetzt hatten sie das Geschäft ganz für sich allein, und sie konnten die erste fette Sahne abziehen.
Zu dem Feste in Sapalut kamen viele Hunderte von Besuchern von Balun Canan. Sie nahmen die Gelegenheit des Festes wahr, um ihre Freunde und Verwandten zu besuchen, die sie lange
Zeit nicht gesehen hatten und doch so sehr liebten. Dadurch gewannen sie freie Kost und freie Wohnung und sparten das Hotel. Dass hinter ihnen hergeredet wurde, weil sie so sehr zur Last gelegen hatten, daraus machten sie sich nichts, weil sie es ja nicht hörten. Die guten Leute von Sapalut aber machten sich bezahlt dadurch, dass sie dann zwei Wochen später alle zu dem Fest in Balun Canan angerückt kamen und hier bei ihren Verwandten und Freunden Kost und Wohnung suchten und fanden.
Aber alles das half dem Geschäft. Denn die Hunderte von Besuchern von der einen Stadt zu der andern vergrößerten in erheblicher Weise die Zahl der Konsumenten. Und wo viele Konsumenten sind, da ist Aussicht auf ein blühendes Geschäft.
Die ganze Gegend, in einem Zirkel von etwa hundert Kilometern im Durchmesser, blieb durch diese zwei Feste vier Wochen lang in einem Taumel, aus dem sie erst wieder erwachte, wenn die Vorbereitungen zur Semana Santa, der Heiligen Woche, getroffen werden mussten. Die Heilige Woche wurde von jedem einzelnen Orte, mochte er auch noch so klein sein, für sich selbst, ohne die Mitwirkung Auswärtiger, gefeiert. In jener Woche war der Kernpunkt des Vergnügens, die Judios, die Juden, zu verbrennen oder ihnen Raketen in ihre Pappkörper zu stecken und sie in die Winde zu sprengen.
Bei diesem Doppelfest des San Caralampio kam besonders auch die Kirche reichlich auf ihre Kosten.
Das wird ihr niemand übel nehmen wollen. Sie hatte neben den vierundvierzigtausend anderen Heiligen auch den San Caralampio geschaffen, darum war es nur recht und billig, sie bei dem Feste nicht darben zu lassen. Die Hunderte von Besuchern, die aus Balun Canan nach Sapalut kamen, hielten es für ihre erste Pflicht, den San Caralampio in der Kirche von Sapalut zu begrüßen und der Kirche zu geben. Und wenn die Gegenbesucher von Sapalut zu dem Fest nach Balun Canan kamen, so war es für die Rettung ihrer Seelen notwendig, dass sie dem San Caralampio in der Kathedrale von Balun Canan ihre Ehrfurcht bezeigten und der Kirche abermals gaben. Die ganz Frommen der Gegend, auch wenn sie weder in Sapalut noch in Balun Canan Heimatrecht hatten, pilgerten zu beiden Festen, um nichts in der Anbetung des San Caralampio etwa zu vernachlässigen. Besser zweimal der Kirche gegeben als keinmal. Sicher ist sicher. In Sachen der Religion ist es bei weitem besser, des Guten zuviel und übermäßig zu tun als zuwenig. Kein Centavito, der der Kirche geopfert wurde, wird vergessen, wie man es auf den Opferstöcken genügend deutlich lesen kann.
Die Kirchen in Sapalut und in Balun Canan nahmen das Geld nicht nur von den Frommen. Die Kirche sieht nicht hin, von wem es kommt und wie es erworben wurde. Sie ist mehr darauf bedacht, das Eingegangene zu zählen, um der Schätze willen, die von den Motten und dem Rost gefressen werden. Alle Händler und alle Spieltischbankiers gingen, sobald sie ihren Stand aufgeschlagen und mit den Obrigkeiten das Standgeld und die Steuer verrechnet hatten, sofort in die Kirche, um San Caralampio, zu dessen Ehren und auf dessen Einladung sie hier hergekommen waren, anzuflehen, ihr Geschäft mit reichem Gewinn zu segnen, weil sie seinetwegen diese weite und beschwerliche Reise gemacht hätten und lieber daheim bei Weib und Kind geblieben wären. Sie opferten Kerzen und legten gute und reichliche Münze in den besonderen Opferstock des San Caralampio, weil sie wussten, dass nichts umsonst getan wurde auf Erden. Auch nicht im Himmel. Man muss geben, solange man noch Taschen am Leibe hat. Wenn man auf der Reise nach oben ist, fehlen gewöhnlich die Taschen, und dann ist es zu spät.
Auch die Cantineros begannen ihr Geschäft mit einem demütigen Gebet zum heiligen Caralampio und mit guter Münze. Sie gedachten sich einen guten Gewinn aus dem Verkauf ihres Comitecos und ihrer übrigen alkoholischen Getränke zu sichern. Erst recht die Kellnerinnen, die Meseras, beteten einige Stunden vor dem heiligen Caralampio und opferten oder, wenn sie nichts bei sich hatten, weil sie noch nichts verdient hatten, versprachen ihm feierlichst einen prozentualen Anteil am Geschäft. Und mit geziemender Würde knieten nieder vor dem Heiligen die Anstandsdamen, die Mutterstelle bei den armen, unwissenden, unberührten Kellnerinnen vertraten. Sie zogen mit adliger Geste ihre schwarzen Kopftücher weit über das Gesicht und beteten gleich auf einen Sitz ein halbes Dutzend Rosarios herunter.
Sie mussten des Guten besonders reichlich tun, auch im Opfern. Und besonders im Opfern. Denn sie beteten nicht nur für sich und für ihr eigenes Seelenheil. Sie waren alt genug, um jetzt mit leichter Mühe unschuldig und unberührt bleiben zu können. Aber sie waren nicht egoistisch. Sie beteten für das Seelenheil ihrer armen, ihnen anvertrauten Schützlinge, die ständig von den Fängen des Bösen umgarnt waren und sich nicht wehren konnten, weil sie eine hübsche Fratze hatten und doch auch nicht verhungern wollten. Durch ihre Gebete und ihre reichlichen Opfer befreiten sich die Mütter jener Mädchen von aller Schuld, und gleich im voraus. War das geschehen, so war der Weg zu einem blühenden Geschäft offen; denn es war ihnen gesagt worden: Glaubet und betet und opfert, so wird euch vergeben; wer da glaubet und vertrauet, dem stehet das Himmelreich offen. Amen.
Die Krüppel und Bettler gaben auch ihr Scherflein und vergaßen nicht, dass es San Caralampio war, der ihnen das bevorstehende Geschäft angeboten hatte. Sobald sie mit ihren Gebeten zu Ende waren, krochen sie aus der Kirche heraus und blieben von dem Zeitpunkte an gleich bei der Tür und auf den Stufen sitzen, um das Geschäft zu beginnen. Sie stritten sich erst eine gute Weile um die Plätze am dichtesten zur Tür. Aber dann bekamen sie Einsicht und organisierten sich so, dass jeder von ihnen das Recht haben sollte, je zwei Stunden am nächsten zur Tür zu sitzen mit genau festgesetzten wechselnden Schichten und Ablösungen.
Nachdem das Fest so von allen irdischen und himmlischen Obrigkeiten zu aller Zufriedenheit endlich vorbereitet war, konnte das Geschäft beginnen. Und es begann mit einer großen feierlichen Messe, mit verweinten Augen und gerührten Herzen, und mit dem Gelöbnis, von nun an nie mehr etwas Übles zu tun auf Erden und sich nur vorzubereiten auf das ewige Leben. Tedeum laudamus.
Als die große feierliche Messe vorüber war und die fromme Gemeinde begann, die Kirche zu verlassen, spielten auf dem Platze vor der Kathedrale bereits die Musikbanden und die Marimberos. Die Spieltischbankiers schrieen: »Se fue!«, und die Roulettescheiben auf ihren Tischen schwirrten lustig los. An den Ständen der Händler grölte es: »Soy el mas barato del mundo! Ich allein bin der Billigste der Welt!« Aus den Kantinen hörte man rufen:»Otra copita! Noch einen Kleinen für den trockenen Rachen!« Die Krüppel und Bettler auf den Stufen der Kirche wimmerten: »Tengo hambre, caridad, por Dios, me muero! Gott zu Liebe, geben Sie mir einen kleinen Centavito, ich sterbe vor Hunger!«
Die Kellnerinnen nahmen ihre Lippenstifte und färbten sich knallrote Mäulchen.
Das Geschäft zu Ehren des heiligen Caralampio hatte begonnen.

 

3

In Erfüllung seiner Aufgabe hatte Andres seine Karawane von Sapalut nun nach Balun Canan geführt, um die Händler mit ihren Waren zu dem Feste, das jetzt in Balun Canan begann, zu bringen. Hier sollte er warten, bis das Fest vorüber war. Sein Auftrag war, die Leute wieder heimzufahren nach Tullum oder Suchiapa oder wo sie gerade her sein mochten.
Das Gewicht der Waren verringerte sich nur wenig, weil die Händler, wo immer sie auf ihrem Wege oder auf Plätzen ihr Geschäft ausübten, Gelegenheit dazu fanden, neue Waren aufzukaufen, die in der Gegend angefertigt oder angebaut wurden. Das war, je nachdem, Tabak, Kaffee, Wolle, wollene Tilmas, Felle, Matten, Bastwaren, Korbwaren, Comiteco, Spielwaren aus Ton. Diese hier billig aufgekauften Waren führten sie mit sich zurück und verkauften sie entweder in den Orten am Wege oder brachten sie bis hinunter zu den größeren Städten an der Eisenbahn, wo sie hohe Gewinne erzielten.
Andres' Karawane hatte in Sapalut während des Festes nicht müßig gelegen. Die Carretas waren zurückgefahren nach Tsobtajal, das auf halbem Wege zwischen Balun Canan und Jovel liegt. Hier hatte die Karawane eine volle Fracht von Töpferwaren, die in Tsobtajal von Indianern gefertigt wurden, aufgenommen und die Fracht an die Kommissionäre, die Don Laureano in jenen Städten hatte, geliefert.
Dagegen hatte Don Laureano bei der Abreise der Karawane von Socton angeordnet, dass während des Festes in Balun Canan die Ochsen ruhen und weiden sollten, um die Rückfahrt in guter Zeit und ohne große Ermüdung der Tiere machen zu können. Er hatte bereits wieder reichlich Fracht übernommen und brauchte die Tiere in gutem Zustande. Diese Rast von beinahe zwei Wochen gebrauchten die Carreteros, um sich einmal gründlich zu waschen, ihre persönlichen Sachen wieder in Ordnung zu bringen und sich so häufig, wie das nur immer anging, zu betrinken.
Wenn der Proletarier auf der niedersten Stufe der wirtschaftlichen und der sozialen Rangleiter steht, nicht zu arbeiten braucht, weil er Feiertag oder Ruhetag hat, so betrinkt er sich.
Er weiß es nicht besser. Niemand hat ihn gelehrt, seine Zeit zu seinem eigenen Vorteil anzuwenden.
Niemand hat ihm gesagt, dass er lernen möge, für sich selbst zu denken und nicht sein ganzes Leben lang andere für sich denken zu lassen. Er hat nur eine Sache gelernt, und die hat er gut gelernt; und die ist: zu gehorchen. Das ist ihm eingeprügelt worden von Jugend auf. Sein Vater hat damit begonnen, ihm Gehorsam einzuprügeln. Und weil er nur gelernt hat, zu gehorchen und immer nur zu gehorchen, so hat er darüber verlernt, selbst für sich zu denken. Und wenn er sich betrinkt, so hat er eine Entschuldigung für seinen Feiertag, und er redet sich ein, dass er nun fröhlich sei.
Es dient dem großen Wohlgefallen seines Herrn, wenn er sich betrinkt. Vorausgesetzt, die Arbeit leidet nicht darunter. Und weil er an seinen Ruhetagen nicht weiß, was er Besseres mit sich anfangen soll, so trinkt er eben jeden Ruhetag. Dadurch wird er im Kopf wenigstens nicht klüger, und, was besonders dem Herrn nützlich ist, er bleibt verschuldet. Trinken mag er, soviel er immer will. Denn er ist ein freier Mann, der tun und lassen darf, was er will. Als freier Mann hat er das gute Recht, sich zu betrinken und sein Geld so auszugeben, wie es ihm beliebt. Aber er muss sich immer so frühzeitig betrinken, dass er, wenn die Arbeit wieder beginnt, seine Pflichten nicht vernachlässigt.

 

4

Die Ruhetage und gar Feiertage waren sehr dünn im Leben des Carretero gestreut. Nur wenn die Ochsen unbedingt Ruhe benötigten, so konnte der Carretero vielleicht auch einen Ruhetag abbekommen, wenn nicht etwa Wagenbrüche ausgebessert werden mussten. Die Ochsen erhielten volle Ruhetage und sogar Ferien, und von ihrem Essen wurde während ihrer Ferien nichts abgezogen. Sie bekamen ihren Lohn voll ausbezahlt, ob sie Ferien hatten oder nicht. Dafür waren sie ja auch Ochsen. Sie durften sich ausschlafen, weil sie keine Wagenbrüche auszubessern verstanden. Wenn reichlich Fracht zu fahren war und es konnten Reserveochsen in den Karawanen mitgeführt werden, so gab es für die Carreteros überhaupt nie einen Ruhetag und nie einen Sonntag. Oft während eines vollen Jahres nicht. Der Carretero konnte seinen Ruhetag genießen, wenn er vom Fieber geworfen sich auf seinem Petate wälzte und krümmte oder wenn er seine Beine nicht rühren konnte, weil er unter eine Carreta gekommen war.
Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Dinge beschicken, aber am siebenten Tag sollst du nicht arbeiten, sondern den Herrn preisen. Das ließ sich sehr gut machen für Adam und Eva im Paradiese, die sechs Tage in der Woche nichts anderes zu tun hatten, als sich den Apfelbaum im Garten Eden anzusehen.
Aber die Carreteros lebten nicht im Garten Eden, sondern in der göttlichen Wirtschaftsordnung, wo Fracht nicht warten darf, weil sonst die Zivilisation leidet. Sie hatten keine Zeit, den Herrn zu preisen dafür, dass er ihnen das Leben gegeben hatte. Das Leben eines Carreteros. Bete für die Rettung deines ewigen Lebens und arbeite, die Schätze der Welt zu vermehren. Davon wird dein Magen zwar nicht voller, aber du bleibst wenigstens hier auf Erden immer Knecht, und die himmlischen Freuden und
Lobgesänge sind dir dereinst gewiss. Trachte nicht nach Freiheit und Wohlergehen hier auf Erden, Carretero, du fällst sonst in die Schlingen des Bösen, bringst die wohlgeordneten Verhältnisse des Staates in Aufruhr und verfehlst den dornigen Pfad. Ein treuer und gehorsamer Knecht zu sein, ist mehr wert, als nach den Schätzen der wohlgerundeten Herren zu trachten.
Die Karawane des Andres lag draußen vor der Stadt, auf weiter Ebene, dicht am Wege, der nach El Puente führte. Die Carretas waren sauber aufgefahren, und die Carreteros machten ein geräumiges Lager.
Die Ochsen weideten weit verstreut auf der Prärie.
Mehrere Male wurden die Ochsen eingefangen und zu dem kleinen Flusse getrieben, wo sie stundenlang badeten, um die Tausende von Zecken, die sich in ihre Haut gebohrt hatten, absterben zu lassen.
Nach dem Bade wurden sie zum Lager gebracht. Die Carreteros suchten die Körper der Tiere sorgfältig nach Wunden ab, um die Wunden, wenn nötig, zu doktern.
Dann erhielten die Tiere ihre Rationen an Mais, und wenn sie sich vollgefressen hatten, wurden sie wieder freigelassen, um zu grasen.
Auf der Prärie weideten ungezählte Hunderte von Rindern, von Pferden, Mules, Eseln. Die Pferde, Mules und Esel weideten nie in der Nähe der Rinder und die Rinder nie in Nähe der Pferde. Die Tiere, die hier weideten, hielten in gewissen Gruppen zusammen. Meist waren es die Gruppen, die denselben Herrn hatten. Die frei weidenden Tiere halten sich zusammen, wie sie aneinander gewöhnt werden durch Aufwachsen im gemeinsamen Korral ihres Besitzers und durch gelegentliches Zusammentreiben und Heimbringen zu ihrem Rancho, wo sie ihr Salz empfangen. Das ist altes gutes und ausgeprobtes Gesetz. Darum gibt es mehr Knechte als Herren.
Die Herrlichkeit der Carreteros bestand darin, dass sie über solche Fragen nicht nachdachten. Sie hatten keine Zeit, über irgend etwas anderes nachzudenken, als über das Wohlergehen ihrer Ochsen und über den guten Zustand ihrer Karren. Sie waren auch immer zu müde, um überhaupt etwas zu denken. Zufrieden wollten sie sein. Nichts mehr. Alles andere ermüdete sie nur um so mehr.
Und sie waren zufrieden, wenn ihnen die Centavos nicht fehlten, an einem Ruhetage genügend Branntwein zu kaufen, um sich einen Tüchtigen anzuschwipsen. In diesem Zustande verlangte niemand von ihnen, dass sie denken sollten.

 

5

Aber viele Gruppen bilden sich aus Sympathie. Und andere Gruppen bilden sich aus Notwendigkeit, weil sie von ihren Besitzern vernachlässigt werden und ganz vergessen, wo sie hingehören.
Diesen mehr losen Gruppen schließen sich jene Tiere an, die nur gelegentlich auf diese große Prärie kommen. Also die Ochsen der rastenden Carreteros und die Pferde, Mules und Esel der wandernden Händler.
Obgleich auf der Prärie Hunderte von Tieren weiden, so sieht man doch nur wenige Gruppen, weil die Prärie soweit ist, dass die Tiere sich in der Ebene für das Auge völlig verlieren. Man sieht sie kaum als Pünktchen. Es war nicht allzu schwer für die Carreteros, ihre Ochsen auf der Prärie zu suchen und zu finden. Auf ihren Wegen und Rastplätzen gewöhnten die Carreteros die Ochsen daran, in Gruppe zu bleiben und von den Carretas nicht zu weit abzuschweifen. Die Tiere liefen ja auch nur dann weit, wenn sie in der Nähe nicht genügend Gras fanden, oder es war bitter, oder die Weide war von Tieren, die vorher hier gegrast hatten, verdreckt. Die Ochsen der Carretas unterschieden sich auch von den übrigen Rindern in so erheblichem Maße, dass es für erfahrene Carreteros leicht war, selbst auf sehr weite Entfernungen hin sofort zu erkennen, ob es Carreta-Ochsen sind oder gewöhnliches Vieh. Die Carreta-Ochsen sind mächtige und starke Tiere, mit gewaltigen, sehr breit ausliegenden Hörnern, die mit anderem Vieh kaum verwechselt werden können.
Aber es lagen hier vor der Stadt noch vier andere Karawanen von Frachtunternehmern in Ruhe. Und weil auch die Ochsen jener übrigen Karawanen auf derselben Prärie weideten, so mochte es freilich geschehen, dass beim Heranholen der Tiere die suchenden Carreteros fünf oder acht Kilometer auf eine gesichtete Gruppe von Carreta-Ochsen losmarschierten, und wenn sie herankamen, fanden sie, dass es die Tiere einer anderen Karawane waren, und der weite Weg war umsonst gewesen. Da aber Carreteros die Brandzeichen aller Frachtunternehmer im Staate kennen, so sagten die einen Carreteros den anderen, wo sie die Tiere beim Suchen der eigenen angetroffen hatten.
In den letzten drei Tagen des Festes begann das allgemeine Absuchen der Prärie nach den weidenden Tieren. Nach allen Richtungen hin sah man Männer zu Fuß und zu Pferde, die ihre Reit- und Packtiere auf der Prärie suchten. Es geschah, dass manch ein Reisender, der zu Pferde zu dem Feste gekommen war, eine volle Woche nach seinem weit abgeirrten Tier suchen musste und es oft selbst nach dieser langen Zeit nicht fand und einem Ranchobesitzer in der Nähe den Auftrag zurückließ, ihn zu benachrichtigen, sobald das Tier sich irgendwo eingefunden habe, weil er nicht länger warten könne.
Ging es an die letzten Tage des Festes, so schickten auch die Besitzer der Herden, die auf der Prärie weideten, ihre Leute aus, um ihre Viehherden und Pferdeherden zu bewachen. Denn jetzt kam die gefährliche Zeit, wo Räuber von Pferden und Mules die Prärie nach unbewachten guten Tieren abstreiften.
In dem Getümmel der vielen abreisenden Händler und Festbesucher konnte niemand sofort sehen, ob die gerittenen oder bepackten Tiere den Abreisenden gehörten oder ob sie auf der Prärie gestohlen waren. Diejenigen, die fremde Pferde und Mules mit sich gehen hießen, marschierten ja nicht auf den breiten Wegen, auf denen die Carretas fuhren. Wer zu Pferde ritt, konnte von der Prärie aus nach jeder Richtung, die ihm beliebte, abwandern. Wenn er nicht gerade einem Farmer des Bezirks begegnete, der die Brandzeichen aller seiner Nachbarn kannte und ihn so beiläufig fragte, ob er die Tiere gekauft habe und für wie viel, dann waren die gestohlenen Tiere in wenigen Tagen in Tabasco oder gar in Guatemala.
Es war nur während solcher Feste, wo viele Hunderte von unbekannten Leuten am Ort sich befanden, dass Tiere von der Prärie gestohlen werden konnten. Denn zu den anderen Zeiten waren der Reisenden so wenige, dass jeder Bewohner des Ortes genau wusste, wie der Reisende aussah, wie er gekleidet war, welche Tiere er mit sich brachte und mit welchen Tieren er wieder abreiste. Wenn er auch nur ein Pferd bei sich hatte, das den Verdacht erweckte, er könne es irgendwo auf seinem HerÂoder Hinwege gestohlen haben, so kam er wohl kaum drei Tagereisen weit, wenn er überhaupt zwei Stunden weit kam.
Aus diesem Grunde waren in den gewöhnlichen Zeiten die Herden auf der Prärie so sicher, als ständen sie in einem Stalle. Aber bei den großen Kirchenfesten der beiden Städte, die durch die große Prärie getrennt waren, mussten die Besitzer der Herden während der letzten Woche des Festes Tag und Nacht im Sattel sitzen und ihre Herden zusammenhalten.

 

6

Ebenso wie der Seemann, dessen Schiff im Hafen liegt, um Fracht auszuladen oder einzunehmen, keineswegs etwa müßig gehen kann, wie der unschuldige Landbewohner vielleicht glaubt, sondern meist mehr und härter arbeiten muss, als wenn das Schiff auf hoher See ist, ebenso erging es den Carreteros.
Wenn sie die Ochsen gebadet, gedoktert und gefüttert hatten, dann nahmen sie sich die Carretas vor.
Geschah den Burschen von hier aus in den nächsten zwölf Wochen ein Bruch, dann ging es heiß über sie her. »Da habt ihr gottverfluchten Faulenzer zwei volle Wochen in Balun Canan gelegen und nichts getan als geschlafen und gesoffen, statt eure Carretas in Ordnung zu bringen. Dieser Radbruch kostet dich einen Monat Lohn, damit du lernst, deine Carreta in Ordnung zu bringen«, sagte Don Laureano.
»Was denkst du dir denn, wofür ich dir dreißig Centavos den Tag bezahle? Ich sollte dir besser den Knüppel über deinen Schädel schlagen, Sohn einer gottverdammten Hündin!«
Und wie die Carretas aussahen, wenn ein halbes oder gar ein volles Jahr kein Ruhetag gewesen war und die Carretas ständig auf dem Wege waren!
Die Carreta war vor zweihundert Jahren gebaut worden. Natürlich war von dem, was der Carreta vor zweihundert Jahren ein neues Aussehen gegeben hatte, heute auch nicht ein Stück mehr an ihr. Zuerst war das linke Rad völlig zerbrochen worden, dann das rechte; dann die Deichsel, dann das Obergestell.
Das letzte neue Stück an ihr war vielleicht fünf Wochen alt, während das älteste Stück sicher vierzig Jahre alt war.
Und darum, weil alle einzelnen Teile der Carreta in ihrem Alter und deshalb in ihrem Gebrauchswert weit auseinander lagen, je nachdem sie erneuert worden waren, gehörte gute Übung und genaue Kenntnis des Wesens einer Carreta dazu, herauszufinden, welche Teile wohl auf dem nächsten Marsch brechen würden. Diese Teile zu erneuern, war die Aufgabe der Carreteros, wenn sie in Ruhe lagen.
Don Laureano wusste recht gut, dass auf dem Marsche etwas nicht in Ordnung gewesen sein musste, auch wenn er nicht bei der Karawane war, auch wenn ihm niemand von den Carreteros etwas verriet.
Keiner von den Carreteros vertratschte seine Kameraden, weder um sich zu rächen, noch um sich gut Freund beim Herrn zu machen. Das war gegen ihre Natur. Sie dachten nicht einmal daran, so schäbig zu sein.
Unter sich, während des Marsches oder im Lager, fochten sie zuweilen böse Kämpfe aus. Sie gingen mit Messern, mit Machetes, mit Knüppeln aufeinander los, und es floss reichlich Blut, gab zahlreiche Beulen und blau angelaufene Gesichter. Proletarier, überall auf Erden, finden ein besonderes Vergnügen daran, sich gegenseitig die Köpfe zu zerhacken. Deshalb bleiben die Köpfe ihrer Herren heil.
Denn die Wut, die sich unter dem Einfluss ihrer elenden und aussichtslosen wirtschaftlichen Lage ansammelt, verraucht sich in dem brüderlichen Zerfleischen der Proleten. Das ist der Grund, warum es ihnen an genügender Stoßkraft und an gesunder Wut fehlt, wenn die Gelegenheit sich bietet, die Wirtschaftsordnung einmal in eine heilsame Unordnung zu bringen. Nicht aus einer vortrefflichen Ordnung, sondern nur aus einer aufgewühlten Unordnung kann eine neue gesunde Ordnung sich zum Dasein ringen.
Aus diesen heißen Kämpfen der Carreteros blieb aber niemals ein Hass zurück, dass einer von ihnen je daran gedacht hätte, sich dadurch zu rächen, dass er seinen Companero beim Herrn verquiekte. Das war gegen ihre Ehre und gegen ihre Moral.
Aber Don Laureano erfuhr dennoch ziemlich genau, was auf dem Marsche geschehen war und warum es geschehen war.
Einmal waren da immer Reisende zu Pferde, die bei einer haltenden Karawane vorüberkamen und natürlich sehen konnten, was vor sich ging. Sie kamen nach Socton und trafen Don Laureano irgendwo auf der Straße, oder sie hatten gar ein Geschäft mit ihm.
»Ich habe dicht bei Santa Catarina Ihre Karawane liegen sehen, Don Laureano. Sie waren hart am Arbeiten und kamen nicht von der Stelle.«
»Was war denn geschehen, Don Cesar?«
»Radbruch, und ein Ochse ausgebrochen, weiß der Coyote, wie weit die Muchachos zu rennen hatten, um ihn hereinzukriegen.« Auch die Händler oder Familien, die in den Carretas reisten, beschwerten sich bei Don Laureano: »Hören Sie, Don Laureano, das ist ein Jammer mit Ihren Carretas. Dreimal sind die Jungen auf dem Wege zusammengebrochen, weil sie schliefen, die Muchachos tan flojos, diese Faulenzer. Das nächste Mal werde ich doch besser mit Don Mauricio wegen meiner Fracht verhandeln.
«Oder ein Kaufmann in Shimojol schrieb Don Laureano einen derben Brief, weil die Fracht zwei Tage zu spät angekommen war.
»Warum seid Ihr denn zwei Tage auf dem Marsch verspätet gewesen? Antwort!« fragte Don Laureano den Encargado.
Dann mussten sie eben mit der Sprache heraus, welcher Karren Bruch gehabt hatte und warum, und wer die Schuld trug.
Und derjenige, dessen Carreta zusammengebrochen war und den Marsch aufgehalten hatte, bekam einen Monat oder zwei Monate Lohnabzug. Das half erheblich, dass, soviel er auch arbeiten mochte, so sparsam er auch zu leben versuchte, sowenig er sich auch irgendein Vergnügen gönnte, seine Schuldenlast bei seinem Herrn sich nie verringerte, sondern sich immer mehr erhöhte. Solange er Schulden hatte, musste er arbeiten und aushalten bei seinem Herrn, dem er schuldete. Er konnte nicht gehen und sich einen Platz suchen, wo er mehr verdiente oder wo er leichter zu arbeiten hatte und wo er mehr Hoffnung haben durfte, endlich einmal frei und unabhängig zu werden und zu tun, was ihm beliebte und was sein Dasein hätte verschönern können.
Der Bruch eines Rades oder das Abgleiten einer Carreta vom Wege hielt nicht nur den Marsch zuweilen halbe Tage auf und verspätete die Fracht, sondern es geschah auch sehr häufig, dass durch den Bruch oder durch das Abrutschen einer Carreta Waren, die in der Carreta geführt wurden, zerbrachen oder entwertet wurden. Eine Kiste mit Porzellanwaren oder mit Medizinen war schnell wertlos geworden durch ein Versehen des Carreteros. Und wenn ihm gar das Unglück eines Bruches zustieß, während die Carreta sich mitten in einem Fluss, der zu kreuzen war, befand, so war oft die ganze Ladung vernichtet, wenn es sich um Güter handelte, die nicht nass werden durften.
Nicht der Absender der Waren, der die Sachen schlecht verpackt hatte, trug den Schaden. Er übernahm keinerlei Haftpflicht für Sendungen auf Carretas. Das machte er gleich klar in seinen Verkaufsbedingungen.
Die Haftpflicht für das gute Ankommen der Waren wurde dem Frachtunternehmer aufgebürdet. Er konnte freilich die Übernahme der Fracht, wenn sie schlecht gepackt war, verweigern.
Aber dann übernahm ein anderer Unternehmer das Risiko, und Don Laureano verlor Kundschaft.
Wofür hatte er denn erfahrene Carreteros? Wofür bezahlte er sie denn erträglich. Wofür übernahm er denn ihre Schuld bei ihrem früheren Herrn, wenn sie zu ihm kommen wollten, um sich zu verbessern?
Wofür behandelte er sie denn nicht als unfreie Peones, sondern als freie Arbeiter, die er nicht auspeitschte und nicht in den Stock spannte? Wofür denn alle diese Rücksichtnahme eines zivilisierten Unternehmers für seine Arbeiter, wenn diese Arbeiter nicht auch ein wenig darauf sahen, dass er nicht geschädigt wurde? Es war nur gerecht, dass er allen Bruch, der sich auf den Reisen ergab, seinen Carreteros auf deren Schuldkonto schrieb. Wenn sie ihre Carretas immer gut in Ordnung hielten, kam kein Bruch vor. Und wenn sie ihren Weg gut kannten und nicht schliefen auf dem Marsche, sondern sorgfältig Acht gaben, so kamen keine Verluste vor. Es war nur Fahrlässigkeit der Carreteros, wenn die Marschzeiten nicht eingehalten wurden oder Radbrüche geschahen und Waren verdorben wurden.
Fahrlässigkeit soll man nie unterstützen. Und er hätte die Fahrlässigkeit und Unachtsamkeit seiner Carreteros gefördert, wenn er die Leute nicht für jeden Schaden, der durch ihre Schuld entstand, haftbar gemacht haben würde. Er bezahlte die Carreteros nicht dafür, dass sie schlafen und trinken konnten, sondern dass sie arbeiteten und zu seinem Nutzen arbeiteten. Wohin möchten Welt und Zivilisation gelangen, wenn der Arbeiter tun und lassen dürfte, was er wollte. Jedem Arbeiter wurde ja ein Kopf gegeben, mit dem er denken konnte. Von den Ochsen würde er keinen Schadenersatz verlangen. Denn das wäre töricht gewesen, weil jeder vernünftige Mensch weiß, dass ein Ochse nicht denken kann.
Darum wird ja auch den Ochsen kein Lohn bezahlt. Aber weil die Carreteros denken konnten, darum zahlte er ihnen Löhne. Und weil er ihnen Löhne zahlte, darum hatte er ein gutes Recht, von ihnen zu verlangen, dass sie an seinen Nutzen dachten.

 

7

In dem Zustande, in dem sich die Carretas eigentlich immer befanden, hätte nur eines helfen können, Brüche zu vermeiden. Und das wäre gewesen, die Carretas, die lange genug gedient hatten, durch völlig neue zu ersetzen. Weil aber einige Teile einer jeden Carreta ja so gut wie neu waren, weil sie erst vor einigen Monaten eingesetzt worden waren, so wäre das eine sinnlose Verschwendung von Gebrauchswerten gewesen, die das Geschäft nicht ertragen konnte. Wenn Don Laureano die Zahl seiner Carretas vergrößern musste, weil die Fracht zunahm, so versuchte er immer erst, irgendwo alte Carretas aufzukaufen. Nur wenn er keine alten Carretas kaufen konnte, bestellte er neue.
Es blieb den Carreteros eben kein anderer Ausweg übrig, als die Carretas auszubessern und in gute Ordnung zu bringen, wenn immer sie eine Stunde Zeit fanden.
Dieses Ausbessern der Carretas wäre ja an sich leicht gewesen, wenn Don Laureano den Carreteros das Material geliefert oder ihnen Geld gegeben hätte, Material zu kaufen, wenn es notwendig wurde.
Wenn die Carretas in ihrem heimatlichen Standort, in Socton, sich befanden, dann freilich waren da zwei Wagenbauer, die die Carretas mit gutem Material auffrischten. Außerdem bekam jede Karawane einige neue Reserveräder, Jochbalken und Deichseln mit auf den Weg. Aber es geschah, dass einzelne Kolonnen oft zwei oder gar drei Monate den Heimatort nicht berührten, sondern immer nur auf dem Wege zwischen Arriaga und Tullum blieben, oder zwischen Jovel und Balun Canan, oder wo sie sonst gerade genügend Fracht aufnahmen.
Geld, um Material auf dem Wege zu kaufen, bekamen die Carreteros nicht mit.
»Wenn ich das tun würde«, sagte Don Laureano, »dann wäre ich dumm genug. Die Muchachos würden das Geld gleich alles in der ersten Tienda, die sie am Wege antreffen, vertrinken, oder sie würden es beim Würfeln oder beim Peso-Aufwerfen verspielen. Ich kenne die doch, wie sie sind.«
Vielleicht hatte er Erfahrung gesammelt dieser Art. Aber Tatsache blieb, dass eben die Carreteros kein Geld mitbekamen. Er gab ihnen nur Gutscheine, damit sie auf dem Wege Mais für die Tiere einkaufen konnten. Seine Gutscheine, die er persönlich unterschrieben und unterstempelt hatte, nahm jedermann im Staate an, weil sie so sicher waren wie bares Geld.
Die Ochsen mussten gut im Futter gehalten werden. Denn wenn ein Ochse auf dem Marsche fiel, konnte er keinen Carretero haftbar machen, weil der Ochse ja auch irgendwo auf einer Weide giftige Blätter gefressen haben konnte, oder eine Schlange konnte ihn gebissen haben. Die gefallenen Ochsen konnten nicht durch neu eingesetzte Stücke wieder aufgefrischt werden; und darum konnte der Carretero nichts dafür. Denn was einen Ochsen traf, das geschah mit dem Willen des Höchsten, der die Sperlinge bewacht, damit ihnen ohne seinen ausdrücklichen Befehl keine Feder aus dem Schwanz fällt.
Da die Carreteros weder Geld hatten noch Gutscheine, um notwendiges Material zum Ausbessern der Carretas kaufen zu können, blieb es ihnen überlassen, wie und auf welche Weise sie sich das Material beschafften.
In Ordnung halten mussten sie die Carretas, damit sie nicht einige Monate Lohn verloren.
Darum mussten sie das Material hernehmen, wo sie es nur immer finden konnten. Selbst die ihnen eingedroschene Gläubigkeit an eine fürchterliche Vergeltung im jenseits vermochte sie nicht davor zu bewahren, sich das Material auf eine Weise zu verschaffen, die weder mit irdischen noch mit himmlischen, am wenigsten mit staatlichen Gesetzen in Gleichklang zu bringe n war. Sie hatten zuerst einmal an das
Zunächstliegende zu denken, das war, Wagenbrüche auf jeden Fall zu vermeiden. Denn die erste Pflicht eines guten, treuen und gehorsamen Knechtes ist, seinem Herrn zu dienen, seinen Wohlstand zu fördern und ihn vor jeglichem Schaden zu bewahren. Alle übrigen Pflichten können warten.
Sowenig wie alle einzelnen Teile einer Carreta aus demselben Jahrgang ihres Einfügens waren, sowenig waren auch ihre Teile alle aus demselben Material.
Einige Teile waren aus Mahagoniholz, andere aus Ebenholz, wieder andere aus Zedernholz, andere Eichenholz, andere Tannenholz. Alle Hölzer, die jene Karawanen auf ihren Wegen antrafen, waren in den Carretas zu finden.
Einige Kilometer von Balun Canan entfernt, auf dem Wege nach El Puente, war ein wunderschöner Tannenwald mit den herrlichsten Bäumen, die man sich nur vorstellen kann. Es ist wahrscheinlich die Schönheit dieses Waldes, die Indianer weit zurückliegender Zeiten bewog, diesen herrlichen Wald ihren Göttern zu einer Heimat anzubieten. Sie errichteten in seiner Mitte eine Gruppe von Pyramiden und Altären, an denen sich die Götter erfreuen sollten. Dass die indianischen Götter in jenem Walde heute noch wohnen, ist kaum anzunehmen; aber die Pyramiden sind noch alle da.
Dieser Wald gehörte weder Don Laureano noch seinen Carreteros, noch den übrigen Carreteros, die hierauf der Prärie lagen und ihre Carretas ausbesserten.
Sich jene Pyramiden anzusehen, hatten die Carreteros keine Zeit. Sie hatten auch kein Interesse daran, sie zu sehen, weil all ihr Interesse nur auf den guten Zustand der Carretas gerichtet war. Es tut Proletariern niemals gut, sich für irgend etwas zu interessieren, das nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat. An ihre Arbeit sollen sie denken und Pyramiden und Geschichte denen überlassen, die vom Staate auserkoren wurden, die Weltgeschichte nach den vorhandenen Bedürfnissen des Staates zurechtzumachen.
Der Wohlstand eines jeden Staates wird gefördert und seine Ruhe und Ordnung gewährleistet, wenn der Schuhmacher bei seinem Leisten bleibt, der Arbeiter ein gehorsamer Knecht ist und der Wissenschaftler die Probleme des wirtschaftlichen Lebens verschleiert.
Es war auch für die Carreteros viel zu weit bis zu den Pyramiden. Sie gingen nur gerade so tief in den Wald, bis sie solche Bäume fanden, wie sie brauchten, um sich daraus ihre Deichseln, Jochbalken und Speichen zurechtzuhacken.
Dann holten sie die Ochsen herbei und schleiften die gebrauchsfertigen Ersatzstücke zum Lagerplatz.
Der Besitzer des Waldes war während jener Zeit wahrscheinlich in den Fängen einer Kellnerin zu Ehren des heiligen Caralampio. Darum kümmerte er sich nicht viel darum, wer in seinem Walde stahl. Es fehlten den Carreteros aber auch noch andere wichtige Dinge, um für ihren Herrn die Carretas in guter Ordnung zu halten. Darum schlichen sie sich nachts hinaus auf die Prärie und schlachteten mehrere Stück Rinder. Sie brauchten die Häute, um sich daraus neue Riemen schneiden zu können, weil die alten brüchig wurden.
Die Carreteros stahlen nie für sich. Leicht hätten sie hier ein Huhn, dort ein kleines Schwein auf ihrem Wege stehlen können, um ein kräftiges Mahl, das sie immer so sehr benötigten, haben zu können. Aber weil hier die Rinder nun doch schon einmal geschlachtet waren, so änderte es wenig an einem etwa erwachenden Gewissen, wenn sie nun auch noch gleich einige gute Stücke Rindfleisch mit zum Camp nahmen.
Weil jede Karawane, die hier lag, unter gleichen Verhältnissen leben musste, so brauchte jede Karawane eine neue Rindshaut. Darum blieben mehrere Rinder für das Wohlergehen der Frachtunternehmer auf der Strecke.
Bäume stehlen war eine peinliche Sache für die Carreteros, wenn sie erwischt wurden. Es gab wilde Worte und vielleicht eine Anzahl kräftiger Hiebe mit der Reitpeitsche über den Kopf. Aber Rinderabschlachten war eine ganz böse Sache, wenn etwa gar ein Kuhbursche es gesehen haben sollte. Dann sausten sie ins Gefängnis. Don Laureano freilich ließ seine Carreteros nicht drin im Gefängnis, denn er brauchte sie zum Arbeiten, und sie hatten Schulden, die sie abarbeiten mussten. Wenn sie keine Schulden gehabt hätten, wäre es ihm vielleicht gleichgültig gewesen. Aber er musste sein Kapital retten.
Darum, wenn es herauskam, bezahlte er dem Herdenbesitzer den Wert des Rindes, und er bezahlte an den Bürgermeister und an den Polizeichef des Ortes, wo sein Carretero in der Carcel Municipal saß, zwanzig Pesos Freundschaftsgeld, und sein Carretero wurde freigelassen.
Die Unkosten, die Don Laureano gehabt hatte, sowohl für das bezahlte Rind wie für die Freundschaftsgelder, wurden dem Carretero auf sein Schuldkonto geschrieben.
Und ganz mit Recht.
Denn Don Laureano hatte seinen Carreteros niemals den Auftrag gegeben, Bäume zu stehlen, Rinder zu schlachten, Nägel aus Häusern zu ziehen, bei Schmieden in der Nacht Eisen zu rauben. Solche Aufträge würde Don Laureano auch nie in seinem Leben erteilen, selbst wenn eine seiner Karawanen eine Woche lang auf derselben Stelle im Wege liegen bleiben sollte. Denn er war ein hoch geachtetes und wohlangesehenes Mitglied seiner Gemeinde. Er lebte in Demut vor der Heiligen Kirche und betrachtete die Gesetze des Landes zwar in einzelnen Fällen für reformbedürftig zugunsten der Besitzenden, aber im Ganzen für vortrefflich; denn sie beschützten sein gerecht erworbenes Eigentum und hielten diejenigen, die kein Eigentum besaßen, in geziemenden Schranken.
Doch von dem allen abgesehen, die Carreteros, die hier auf der Prärie lagerten, brachten die Carretas in gute Ordnung.
Da alle die Leute, die störend hätten einwirken können, sich im Festrausch des heiligen Caralampio befanden, so war die Beschaffung des notwendigen Materials leichter gewesen und rascher gegangen, als die Carreteros erwartet hatten.
So blieb ihnen endlich reichlich Zeit übrig, sich das Fest auch näher anzusehen und nicht ständig hier draußen auf der ewig windigen Prärie zu liegen, so weit von der Stadt entfernt, dass sie eben gerade noch zuweilen das Läuten der Glocken und das Böllern der Feuerwerke hören konnten.
Wie jeder, der zu einem Feste geht, hatten sie die unausgedachte Hoffnung, dass dort etwas Besonderes und Interessantes sich ereignen oder dass ihnen eine willkommene Gabe in die Hände fallen möchte.
Aber bei Festen geschieht nur dann etwas Ãœberraschendes, wenn man nichts erwartet.
Jedenfalls hatten die Carreteros das dringende Bedürfnis, einmal für einige Stunden etwas anderes zu hören, zu sehen und zu riechen als nur immerund dauernd Carretas und Ochsen. Selbst der intelligente Mensch verwandelt sich ungemein rasch in einen Ochsen, wenn er tagein, tagaus nichts anderes um sich sieht als Ochsen.

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