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B. Traven - Der Karren (1930)
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ZWEITES KAPITEL

1

Andres war inzwischen fünfzehn Jahre alt geworden. Er ging noch immer barfuss. Und er schlief noch immer auf einem Petate, den er in einem Winkel der Küche oder in einer trockenen Ecke des Porticos ausbreitete und am Morgen, wenn er aufstand, wieder zusammenrollte und irgendwo unter einen Sparren schob. Der Petate, die Matte aus Bast, war nicht mehr derselbe, den er von Hause mitgebracht hatte.
Auch die Wolldecke, mit der er sich zudeckte, war nicht mehr die gleiche. Der Petate war doch endlich durchgelegen worden. Aber Don Leonardo hatte ihm keinen neuen gegeben; denn ein Petate kostete einen Peso zwanzig Centavos.
Dona Emilia hatte zweimal in dieser Zeit ihren Vater in der Finca besucht, um ihre beiden Kinder, die sie inzwischen zur Welt gebracht hatte, zu Hause zeigen zu können und bewundern zu lassen. Auf diesen Reisen hatte sie Andres begleitet. Er war ja nun ein großer Junge schon, dem Don Leonardo seine Frau und seine Kinder ruhig anvertrauen durfte.
So hatte Andres seinen Vater und seine Mutter und seine Geschwister und die ganze Sippe wieder gesehen.
Und sein Vater hatte ihm einen neuen Petate und eine neue Wolldecke gegeben, als er sah, wie armselig die Sachen des Jungen aussahen.
Die Wolldecke hatte der Vater aus der Bodega des Patrons kaufen müssen. Sie kostete neun Pesos, denn sie war eine gute Wolldecke, gefertigt von den Indianern in Chamula. Auch den Petate hatte der Vater von seinem Patron kaufen müssen, und diese Matte kostete einen Peso fünfundsiebzig. In der Bodega des Finqueros waren alle Dinge um fünfzig und hundert Prozent teurer als in einem Laden in der Stadt.
Vater Criserio konnte natürlich die Wolldecke und den Petate nicht bezahlen, denn er bekam ja nie Lohn. Er musste infolgedessen die Dinge von dem Patron borgen und auf sein Konto anschreiben lassen.
Don Arnulfo sagte: »Die Decke kostet neun Pesos.«
»Das ist sehr teuer, Patron«, antwortete Criserio, »in Simojovel kann ich eine Decke für fünf Pesos kaufen.«
»Das kannst du, Criserio, wenn du Geld hast.«
»Ich habe aber kein Geld, Patroncito, mein Herrchen«, sagte darauf Criserio.
»Du brauchst die Decke nicht zu kaufen, Criserio, wenn sie dir zu teuer ist«, sagte Don Arnulfo, und er schob die Decke wieder zurück in das Regal.
»Ich muss aber doch die Decke haben für meinen Hijito, für mein Jungchen, der friert sich ja doch zu Tode«, sagte Criserio, ohne dabei eine Miene seines Gesichtes zu verziehen.
»Die Decke kostet neun Pesos, Criserio. Billiger kann ich sie nicht lassen. Wenn sie dir zu teuer ist und du anderswo eine Decke billiger kaufen kannst, das steht dir frei. Du bist nicht gezwungen, die Decke bei mir zu kaufen. Glaubst du vielleicht, ich will, dass du Schulden machst? Das will ich gewiss nicht. Ich habe es lieber, wenn meine Muchachos, hier meine Arbeiter auf der Finca, keine Schulden haben. Dann habe ich keinen Ärger, und meine Muchachos sind frei und können gehen, wann sie wollen.
Hier gibt es keine Sklaverei.«
»Das weiß ich wohl, Herrchen«, sagte Criserio. »Wir sind keine Esclavos, wir sind frei und können gehen, wann wir wollen und wohin wir wollen.«
»Wenn ihr keine Schulden bei mir habt, nicht wahr, das weißt du doch?«
»Das weiß ich wohl, Patron. Wenn wir keine Schulden beim Patron haben.« Criserio sprach das dahin wie auswendig gelernt. Über den Sinn dachte er nicht nach. Der Sinn lag ihm zu fern.
Don Arnulfo aber machte kurze Sache. Er hatte keine Zeit, mit einem seiner Peones zu handeln und sich mit ihm in Gespräche über Fragen von Schuldabhängigkeit oder Freizügigkeit einzulassen. Solche Fragen waren weder für ihn noch für irgendeinen andern Finquero Probleme. Es war kalte trockene Sachlichkeit. Staat, Regierung, Soldaten und Polizei schützten seine Rechte als Gläubiger.
»Willst du nun die Decke haben oder nicht? Sage, was du willst, und wenn du nichts willst, gehe deiner Wege. Die Decke kostet neun Pesos. Brauchst sie nicht zu nehmen, wenn du keine Schulden machen willst.«
»Ich nehme die Decke und den Petate«, sagte Criserio.
»Gut«, meinte Don Arnulfo, »also dann schreibe ich es in das Buch auf dein Konto.«
»Ja, Herrchen, schreibe es auf mein Konto, ich brauche die Decke und den Petate für mein Jungchen, der ja jetzt so weit fort ist.«
Don Arnulfo klappte das Buch auf, blätterte nach dem Konto Criserio Ugaldo, und während er in das Buch schrieb, sagte er: »Warte, bis wir das hier richtig in Ordnung haben.«
»Ja, Patroncito, ich warte.« Criserio packte die Sachen zusammen und schob sie unter den Arm.
Don Arnulfo kratzte an der Feder herum, weil sie nicht schreiben wollte, und rechnete laut: »Die Decke ist neun Pesos. Ist das richtig, Criserio?«
»Ja, das ist richtig, Patron. Neun Pesos.«
Don Arnulfo schrieb und sagte dann: »Der Petate ist ein Peso fünfundsiebzig Centavos.«
»Patron«, unterbrach ihn Criserio, »der Petate ist aber sehr teuer. In Yajalon kostet ein guter Petate nur sieben Reales.«
»Por Diablo, zum Teufel nochmal, willst du den Petate haben oder nicht. Mache deinen Kopf klar, was du willst und was du nicht willst. Ich habe hier keine Zeit mehr.« Don Arnulfo wurde sehr unwillig.
Und um ihn nicht noch mehr ungehalten zu machen, sagte Criserio: »Ja, aber natürlich, Patron, will ich den Petate haben, für meinen Jungen, den Andres.«
»Bueno, das sind ein Peso fünfundsiebzig. Richtig, Criserio?«
»Das ist richtig, Patron.«
»Muy bien - sehr gut«, sagte Don Arnulfo schreibend. »Das ist dann rund gerechnet elf Pesos. Ist das richtig, Criserio?«
»Das ist richtig, Patron.«
»Das sind also elf Pesos. Und weil du mir elf Pesos schuldig bleibst und nicht bezahlst, macht das elf Pesos, und das sind zweiundzwanzig Pesos. Elf Pesos für die Decke und für den Petate und elf Pesos, weil du das nicht bezahlst und mir schuldig bleibst. Ist das richtig, Criserio?« Criserio konnte nicht rechnen. Auf keinen Fall konnte er so schnell summieren. Und die Zahlen machten ihn verwirrt, weil er nicht so schnell mitkonnte, und er wollte auch seinen Patron nicht unwillig machen, und der Patron sagte die Zahlen auch alle in Spanisch, die Criserio in Spanisch wohl verstand, sie aber in seinem Hirn nicht auffassen konnte.
So war es durchaus natürlich, dass Criserio sagte: »Das ist richtig, Patron.«
Weil es der Patron sagte, so musste es richtig sein. Denn der Patron, ein so stolzer und reicher Herr, bereichert sich nicht auf unredlichem Wege an einem armen Indianer.
»Bestätigt, Criserio?« fragte Don Arnulfo. »Bestätigt, Patron«, antwortete Criserio.
Don Arnulfo ließ Criserio das Konto nicht mit einem hingeschmierten Kreuzchen bestätigen. Criserio hätte das schöne saubere Kontobuch, das >Mit Gott!< eröffnet war, ja doch nur mit Tinte dick bekleckst.
Es war auch nicht notwendig, dass da Kreuzchen der Bestätigung standen. Wenn es zu einer Auseinandersetzung kommen sollte, was nie geschah, hätte kein Beamter nach den Kreuzchen gefragt.
Die Kreuzchen wären auch überhaupt wertlos gewesen; denn weder Criserio noch irgendein anderer Peon der Finca konnte lesen, was er mit Kreuzchen bestätigen sollte. So war es völlig gleich, ob da Kreuzchen standen oder nicht. Don Arnulfo hatte gefragt: »Ist das richtig?«, und Criserio hatte geantwortet:
»Ja, Patron, das ist richtig.« In einem Rechtsverfahren zwischen einem Finquero und einem Peon erkannte jeder Richter in Mexiko diese wörtliche Bestätigung als rechtsgültig an. Der Peon hatte bestätigt, und er war damit für die Schuld, die er gemacht und bestätigt hatte, verantwortlich.
Don Arnulfo war ein anständiger und ehrenhafter Herr. Er behandelte seine Peones besser als viele andere Finqueros, die erkannte. Andere Landherren waren weniger weichherzig zu ihren Peones. »Das Hemd kostet fünf Pesos. Richtig, ja? Gut. Und weil du das Hemd nicht bezahlst, so sind das fünf Pesos.
Und weil du mir die fünf Pesos schuldig bleibst, so sind das fünf Pesos. Und weil ich von dir nie das bare Geld bekommen kann, so sind das fünf Pesos. Macht also fünf und fünf und fünf und fünf, das sind zwanzig Pesos. Bestätigt?« - »Ja, Patron, bestätigt.« Der Peon kann ja nirgends anderswo ein Hemd kaufen, wenn er eins braucht; denn er hat ja nirgends Kredit in der Welt, nur bei seinem Herrn, bei dem er arbeitet und den er nicht verlassen darf, wenn er auch nur einen Centavo, Schulden bei ihm hat.
Sie sind keine Sklaven, die Peones. Die Sklaverei wurde in Mexiko   bei   der  Unabhängigkeitserklärung   von   Spanien abgeschafft. Das Nichtbestehen der Sklaverei in Mexiko ist durch die Konstitution bestätigt.
In einer Abteilung der göttlichen Weltordnung macht es sich bezahlt, wenn die Proletarier lesen, schreiben und rasend schnell rechnen können; in einer andern Abteilung dieser klugen Weltordnung macht es sich besser bezahlt, wenn die Proletarier nicht rechnen können und kein Spanisch lernen.
Wer Geld verdienen will, braucht sich nur zu entscheiden, welche Abteilung er auszunutzen wünscht. Beide Abteilungen enthalten Goldminen.

 

2

Criserio machte sich keine Gedanken darüber, ob hier alles mit Recht zugegangen war oder nicht. So weit, um derartige Geschäfte erfassen und verstehen zu können, vermochte er nicht zu denken. Es hätte jemand stundenlang mit ihm darüber reden können, um ihm klarzumachen, dass er hier schmählich übervorteilt worden sei, er würde das nicht eingesehen haben. Er hätte zugehört und zugehört, und wenn es zum Ende gekommen wäre, würde er gesagt haben: »Der Patron hat recht; denn der Patron ist ein vornehmer Mann, und der betrügt keinen armen Indianer. Und es ist ganz richtig gerechnet worden, denn ich bleibe die elf Pesos ja schuldig, und dann sind es eben zweiundzwanzig Pesos. Das ist ganz richtig.«
Don Arnulfo hätte das freilich anders machen können, um ebenfalls auf zweiundzwanzig Pesos zu kommen. Er hätte einfach sagen können, Decke und Petate kosten zusammen zweiundzwanzig Pesos, kaufe sie oder kaufe sie nicht. Aber das hätte der Indianer verstanden, dass dies ein Wucherpreis gewesen wäre. Dann hätte er nicht gekauft und sich mit einem Ersatz, den er sich selbst beschaffen konnte, etwa mit Fellen von erjagten Tieren, ausgeholfen. Denn Preise für Dinge verstand er. Er verstand auch, dass auf der Finca alle Waren etwas teurer sein mussten als auf dem Markte in der Stadt, denn der Finquero hatte ja Transportkosten, und er wusste ja auch nicht, zu welchem Preise der Finquero eingekauft hatte. Die schlichten Preise begriff der Peon; was er nicht begriff und was er nicht verfolgen konnte, waren die schnellen Manipulationen, die der Finquero mit Zahlen und mit Verrechnungen vornahm.
Wenn nun gar eine Rechnung mit Zahlen über fünf hinausging, dann hörte für den Peon jegliches Begreifen auf. Ob es dann fünfzehn oder zweiundzwanzig oder siebenundsechzig Pesos waren, das bedeutete für ihn alles das gleiche. Er wurde bei solchen Zahlen so verwirrt, dass er in eine Art von Hypnose verfiel. Und diese Hypnose würde sich noch vertieft haben, wenn es etwa wirklich dazu gekommen wäre, dass Richter oder andere Beamte die Konten des Finqueros nachgeprüft hätten, um festzustellen, ob den indianischen Landarbeitern unrecht getan wurde oder nicht. Sie kannten in der ganzen Welt ja auch nur einen einzigen Menschen, an den sie sich mit einer Beschwerde wenden konnten, und das war ihr eigener Patron.
Aber armer Indianer oder nicht armer Indianer. In hochzivilisierten Ländern besteht das gleiche göttliche System: Der Soldat, der von seinem Hauptmann geprügelt wurde, darf sich nur bei seinem Hauptmann beschweren, und dieser Hauptmann entscheidet, ob die Beschwerde zu Recht besteht und weitergeleitet wird oder nicht. Darum hat der Soldat in einem zivilisierten Lande durchaus kein Recht, von einer stolzen Höhe auf den armen unwissenden Peon, der sich alles geduldig gefallen lassen muss, mit Grienen herabzublicken.
Es gibt auf Erden zahlreiche Systeme der Versklavung und der Ausraubung von Menschen, die, wenn sie nicht wirklich existierten, von keinem vernünftigen und normalen Menschen erfunden werden könnten.

 

3

Criserio war glücklich, dass er seinem Jungen die Decke und den Petate geben konnte. Er sagte ihm, dass die Sachen elf Pesos gekostet hätten. Aber er sagte ihm nicht, dass er dadurch eine Schuldpflicht von zweiundzwanzig Pesos übernommen hatte.
In seinem Kopfe baute sich das Bild anders auf. Die Waren kosteten elf Pesos. Das war richtig. Dass er aber in Wahrheit zweiundzwanzig Pesos schuldete, hatte nichts mit der Decke zu tun, sondern das war deshalb, weil er die elf Pesos nicht in bar bezahlen konnte. Aus diesem Grunde hielt er es nicht für nötig, darüber mit seinem Sohne zu sprechen.
Andres hätte daran nichts ändern können, auch wenn er es gewusst hätte. Aber es war ihm wohl bekannt, was für eine unerhört hohe Summe elf Pesos für seinen Vater bedeutete. Denn er kannte ja die wirtschaftlichen Verhältnisse der Peones einer Finca. Er hatte sie vielleicht nicht gekannt oder nicht erfasst, als er von Hause fortkam.
Aber er war nun reifer geworden, und während seiner zwei Besuche auf der Finca war ja in der Hütte seiner Eltern wie in den Hütten anderer Peones über alle Dinge gesprochen worden.
Wenn in den Hütten der Peones über solche Verhältnisse geredet wurde, so geschah es nicht in einer kritischen Weise. Die Dinge wurden hingenommen, wie sie waren. Sie wurden betrachtet wie eine ewige Fügung des Schicksals, woran man nichts ändern könne, so wie der Mensch nichts daran ändern kann, dass das Wasser eines Flusses abwärts und nicht aufwärts fließt. Der Patron war der Patron, und der Peon war der Peon. So war es, und so wird es bleiben. Der Sohn des Peons wird wieder Peon. Und wenn der Patron die Finca seinem Sohne übergibt oder die Finca verkauft, so ändert sich der Name des Patrons, aber an den Verhältnissen ändert sich nichts. Wenn wirklich etwas kritisiert wurde, so war es nur, dass das Land, das dem einen oder dem andern vom Patron zugewiesen war, zu mager sei, zu viele Steine habe, zu bergig sei oder dass man gern ein kleines Stückchen Land mehr haben möchte oder dass der Preis für die Schweine, die von den Händlern aufgekauft wurden, um fünfundzwanzig oder fünfzig Centavos höher sein sollten, denn zwei Pesos achtzig Centavos für ein gutes ausgewachsenes Schwein sei wirklich zuwenig.
Dass der Patron ein Vorkaufsrecht an allen Schweinen, Ziegen oder Schafen hatte, die seine Peones verkauften, und dass er den Preis selbst bestimmte für die Schweine, die er von seinen Peones kaufen wollte, um sie weiterverkaufen zu können, und dass die Peones von ihm erst Erlaubnis erbitten mussten, wenn sie ihr kleines Vieh an vorbeiziehende Händler verkaufen wollten, und dass sie von jedem Stückchen, das sie an die Händler verkauften, dem Patron fünfzig oder fünfundsiebzig Centavos oder gar einen Peso abgeben mussten, das wurde nicht kritisiert. Denn das war altes gutes Recht des Patrons.
Die Schweine, Schafe und Ziegen waren auf seiner Finca groß geworden, aber die Peones hatten die Ferkelchen und die Zickelchen mit eigenem Gelde kaufen müssen, und es war der von ihnen gebaute Mais, den die Tiere zu fressen bekamen.
Die Peones konnten auch keinen überschüssigen Mais oder keine überschüssigen Bohnen von ihren Feldern beliebig an herumziehende Händler oder auf dem Markte des nächsten Ortes verkaufen. Auch hier hatte der Patron Vorkaufsrecht, und auch hier musste um seine Erlaubnis, verkaufen zu dürfen, gebeten werden, und sie mussten einen Teil des erhaltenen Geldes an ihn abgeben. Wenn sie Schulden bei ihm hatten, und sie alle hatten Schulden bei ihm, so durften sie überhaupt nichts verkaufen, sondern mussten alles ihm geben. Und der Patron rechnete von der Schuld so viel ab, wie er den Preis bestimmte.
Das war gerecht, es war Gesetz und Fügung des Himmels, und es war alles von der Kirche bestätigt.
Die Götter waren ja Blutsverwandte des Patrons, und sie waren in keiner Weise verwandt oder verschwägert mit den Indianern.
Das war so, und daran ließ sich nichts ändern. Das war immer so gewesen und wird immer so bleiben.
Die Peones wussten das nicht besser. Sie wussten nur das eine, dass es überall auf der Welt so sei; denn wohin sie auch immer kommen, wohin sie auch immer gehen, auf allen Fincas der Nachbarschaft war es genauso. Also musste es auf der ganzen Erde so sein. Ihre Erde oder, genauer gesagt, was sie als Erde und als Welt kannten, war der Bereich, wo die Indianer wohnten, die die gleiche Sprache redeten.
Wo ihre Sprache nicht geredet wurde, war eine Welt, die ihnen fremd und unbekannt war. Und was dort für Verhältnisse herrschten, wussten sie nicht und konnten es auch nicht erfahren.
Es lagen in ihrem Distrikt viele Dörfer, die unabhängig waren. Dies waren zumeist Dörfer, wo Indianer wohnten, die nie zu Peones einer Finca gepresst worden waren. Entweder war das Land so dürftig, dass sich kein Spanier danach gesehnt hatte, es zu besitzen, oder die Indianer waren stets so aufsässig, so störrisch, so mörderisch gewesen, dass sich kein Spanier hier halten konnte. So war das in Bachajon gewesen und in vielen anderen Dörfern. Aber wenn die Peones hinsahen, fanden sie, dass jene unabhängigen Indianer noch viel armseliger lebten als sie.
Diese unabhängigen Indianer lebten zuweilen so dürftig, dass sie freiwillig ihr unabhängiges Dorf verließen und freiwillig auf eine Finca als Peones zogen.
Der Gründe waren unzählige. Die Mehrzahl jener Gründe wurzelten in den Charaktereigenschaften, den Gewohnheiten und den Sitten jener Menschen. Aber der Hauptgrund war ihre verzweifelte Unwissenheit und die Geschicklichkeit der großen Landherren und der mit ihnen verbundenen Kirche, sie in jener
Unwissenheit zu erhalten.

 

4

Der Vater des Andres war nun keineswegs verpflichtet, seinem Sohne eine neue Decke und einen neuen Petate zu kaufen. Er tat es, weil er seinen Sohn liebte und weil er es nicht ertragen konnte, seinen Sohn leiden zu sehen.
Der Mann, der verpflichtet war, dem Andres diese Sachen zu kaufen, war sein Herr, Don Leonardo.
Aber dem war es völlig gleich, ob Andres fror oder ob er auf der nackten Erde schlief oder ob er sich eine schwere Erkältung zuzog und erkrankte oder ob der Junge gesund und lebenskräftig blieb. Was kümmerte er sich schon um das Wohlergehen eines Indianerjungen! Wenn der Junge Lungenentzündung oder Fieber bekommen und sterben sollte, was war es ihm? Es gab Tausende von Indianerjungen.
Er hätte seine Frau ersucht, an ihren Vater zu schreiben und einen neuen Jungen zu fordern. Wohin hätte das führen sollen, wenn er sich mit der Sorge für einen barfüßigen Indianerjungen hätte abgeben wollen?
Elf Pesos war der Junge nicht wert. Zudem schadet es einem Indianerjungen gar nicht, auf der nackten Erde zu schlafen. Die sind daran gewöhnt, und die sind so zäh wie ihre Hunde. Die elf Pesos brauchte er in seinem Geschäft.
Lohn bekam Andres noch immer nicht, und Don Leonardo dachte nie daran, dem Jungen jemals irgendwelchen Lohn zu geben. Er würde ihm auch keinen Lohn gegeben haben, wenn er zwanzig oder dreißig Jahre alt geworden wäre und das Geschäft ebenso gut besorgt hätte wie ein junger Mann aus Jovel, der die Arbeit nicht unter zwanzig Pesos im Monat und das Essen getan hätte.
Der einzige Unterschied, den er mit dem Jungen in den letzten zwei Jahren gemacht hatte, war, dass Andres jetzt, wenn eine
Fiesta in Joveltó war, nicht fünf oder zehn Centavos bekam, sondern einen Toston, fünfzig Centavos.
»Kaufe dir keinen Unsinn dafür, und besonders keinen Aguar diente, keinen Branntwein«, ermahnte ihn Don Leonardo, wenn er ihm die fünfzig Centavos verabreichte mit einer Miene, als gäbe er ihm ein goldenes Zwanzig-Peso-Stück.

 

5

Don Leonardo vertraute dem Andres zuweilen jetzt schon sehr verantwortungsvolle Aufgaben an. Er schickte ihn mit größeren Geldsummen nach Jovel, der nächsten größeren Stadt, wo Andres Waren einzukaufen hatte, wo er mit Arrieros, den Muletreibern, die jene gekauften Waren nach Joveltó zu bringen hatten, verhandelte, die Waren begleitete und darauf sehen musste, dass sie vollzählig waren und unbeschädigt in Joveltó ankamen.
Diese Arbeiten erweiterten den Erfahrungskreis des Jungen in erheblicher Weise. Er lernte eine richtige größere Stadt kennen, sah die Fülle und die Verschiedenartigkeit von Waren aus aller Welt und hörte von Städten, die tausendmal größer seien, als Jovel war, das ihm, als er zum ersten Mal hier hergekommen war, erschien, als könne es keine größere und schönere Stadt auf Erden geben. Sie hatte kilometerlange Straßen, Haus dicht an Haus gesetzt, alle Häuser aus Stein und viele Häuser mit Fenstern.
Dass es Häuser mit Fenstern gab, hatte er vorher nicht gewusst, denn er hatte vorher ein solches Haus nicht gesehen. In Joveltó gab es einige, aber die Fenster waren nur vergitterte Luken. Und hier sah er Fenster mit Glasscheiben, und er sah sogar Ladenfenster mit riesengroßen Glasscheiben, hinter denen die Waren aufgebaut waren und es aussah, als ob man die Waren gleich so angreifen könnte.
Er sah hier Ochsenkarren, die Carretas, zum ersten Male. Bisher hatte er nie gewusst, dass es Karren oder Wagen gab und dass diese Karren von Tieren gezogen werden könnten. Denn Zugtiere hatte er vorher auch nicht gekannt. Auf den Feldern der Finca, wie auch auf den Feldern in Joveltó, wurde nicht gepflügt, sondern es wurden nur mit einem Stabe in die Erde Löcher gestoßen, in die man die Maiskörner oder die Bohnen legte. Wenn wirklich leicht gepflügt werden musste, etwa für Tomaten oder für Chili, so geschah das mit einem Pfluge, der nur ein Holzknüppel war und von einem Peon gezogen wurde. Wo hätte also Andres die Kenntnis von Zugtieren herhaben sollen? Wege, auf denen Wagen oder auch nur Karren fahren konnten, gab es in dem ganzen großen weiten Distrikt nicht einen einzigen. Alle Wege waren nur schmale Pfade, die oft so schmal, so steinig, so zerlöchert, so bröcklig waren, dass es selbst für Mules mit Traglasten schwierig war, auf ihnen gefahrlos zu gehen. Andres hörte von einem Carretero, dass die Carretas Reisen machten, fünfzehnmal so weit, wie die Entfernung von Joveltó nach Jovel war. Und von Joveltó nach Jovel war für Packmules ein guter Tagesmarsch.
Der Junge sah den Carretero, der ihm das erzählte, ungläubig an. Aber andere Carreteros sagten dasselbe.
Und einen indianischen Salzhändler, der seine Ware auf der Straße verkaufte und den er fragte, sagte ihm, das sei richtig, und er wisse es, weil er einmal eine Ladung Salz mit einer Carreta nach Arriaga begleitet habe.
So bekam Andres den ersten Begriff von der Größe der Erde, auf der er lebte.
Bisher hatte er sich von der Größe der Erde nie eine Vorstellung gemacht. Um die Wahrheit zu sagen, er hatte nie darüber nachgedacht. Wenn in dem Hause oder in dem Laden des Don Leonardo von Tullum, von Tonalja, von Tapachula, von San Geronimo, von Veracruz, von Mexico City gesprochen wurde, so stellte er sich diese Städte so vor, wie Joveltó war, die einzige Stadt, die er kannte. Und wenn davon gesprochen wurde, dass diese Städte sehr entfernt waren, so rechnete er sich das so aus, dass sie wohl zweimal oder dreimal oder viermal soweit entfernt sein mochten, als seine heimatliche Finca Lumbojvil von Joveltó entfernt war. Dennoch war er sicher, dass die Städte auf jeden Fall noch innerhalb des Horizontes liegen müssten, denn dort war, wie jeder wusste, die Welt überhaupt zu Ende.
Ein anderer Carretero, den er im Portico des Cabildo, des Rathauses, traf und mit dem er gemeinschaftlich bei einer Indianerin, die hier auf einem kleinen Öfchen aus Blech Tortillas und Frijoles wärmte, zu Abend aß, sagte ihm, dass am Ende der Reise der Carretas Arriaga liege und dass Arriaga die Eisenbahnstation sei. Und als Andres fragte, was das bedeute, da erklärte ihm der Carretero, dass da riesengroße Wagen die Waren aus fernen Ländern heranbringen, um auf die Carretas geladen und in das Innere des Landes geschafft zu werden. Er sagte ihm mehr. Er sagte ihm, dass diese Wagen viel größer seien als eine Carreta, dass ein Wagen so groß sei wie ein steinernes Haus und dass ein einziger Wagen soviel Güter enthalte, dass man damit vierzig oder gar fünfzig Carretas bis an den Rand volladen könne. Diese Wagen laufen auf Wegen, die aus Eisen gemacht sind, und vierzig solcher Wagen und noch viel, viel mehr werden von einem andern großen Wagen gezogen, der viel Rauch macht und mächtig stöhnt und schwitzt wie ein großes Tier. Und das heiße Ferrocarril, die Eisenbahn.
Das Wort Ferrocarril kannte Andres, er hatte es bei dem Lehrer schreiben gelernt. Aber der Lehrer konnte ihm die Sache nicht erklären, denn der Lehrer selbst hatte nie eine Eisenbahn gesehen, auch kein Bild von ihr, und er konnte sich keine Vorstellung von dem Dinge machen. Er musste sich damit begnügen, dass die Schüler das Wort lernten und fehlerfrei zu schreiben wussten. Das Wort war in der Lesefibel. Aber weil Andres das Wort kannte und richtig schreiben konnte, so fühlte er sich mit dem Dinge in einer merkwürdigen Weise verwandt. Als ihm der Carretero die Eisenbahn, ihr Aussehen und ihr Stöhnen, Schwitzen, Husten, Bellen und Schnaufen beschrieb, kam es dem Jungen beinahe so vor, als ob er eine Ferrocarril wirklich schon einmal irgendwo gesehen hätte. Sie schien ihm nichts Fremdes, nichts Neues, nichts Unerwartetes, weil er ihren Namen, mit dem sie gerufen und bezeichnet wurde, kannte und sogar zu schreiben verstand. Trotz des Stöhnens und Brüllens des Ungeheuers erregte es in ihm keine Furcht. Ganz im Gegenteil, er wünschte, das Ungeheuer dicht vor sich zu sehen.
Und er machte die Entdeckung, ohne sich des Vorganges bewusst zu werden, dass ein ungewöhnliches Ding zu kennen und seinen Namen zu wissen diesem ungewöhnlichen Dinge die Macht raubt, Schrecken zu verbreiten. Und dass er nicht nur den Namen wusste, sondern dass er diesen Namen sogar schreiben konnte, flößte ihm ein starkes Gefühl der Sicherheit ein und gab ihm ein Selbstbewusstsein, wie er es vorher nie in sich gekannt hatte.
Durch dieses an sich so unscheinbare innere Erlebnis, das er in diesen wenigen Minuten gehabt hatte, dass ein fürchterliches Ungeheuer, das der Carretero, um zu prahlen, viel fürchterlicher und schreckenerregender schilderte, als es in Wirklichkeit war, zu einem nüchternen Dinge zusammenschrumpft nur darum, weil man seinen Namen kennt und diesen Namen sich durch Schriftzeichen verständlich und sichtbar machen kann, überkam den Jungen wie mit einem Schlage das völlige Verständnis für den Wert, den Bildung hatte. Er hätte das niemand klarmachen können, was in ihm vorging. Er konnte es nur fühlen.
Und je mehr er darüber nachdachte, umso klarer wurde es für ihn, umso klarer wurde es um ihn, und umso klarer wurde mit einem Male die ganze Welt. Das Wort, das er kannte, erklärte und zergliederte ja das ganze Ding so völlig, dass nichts Geheimnisvolles mehr damit verknüpft war. Ferrocarril. Sehr deutlich. Ferro heißt Eisen, Carro heißt Wagen, Riel heißt Schiene; also ein Wagen aus Eisen, der auf Schienen läuft. Das alles war in dem Wort nur ein wenig verdunkelt, jedes Wort war gekürzt worden, um das ganze Wort nicht zu lang werden zu lassen.
Er kam dadurch auf den Gedanken, dass es wohl so mit allen Wörtern sei, dass jedes Wort jedes Ding und jeden Vorgang genau erklärt und die Geheimnisse der Dinge und Vorgänge sehr nüchtern auflöst.
Er suchte in seinem Hirn nach einigen anderen Wörtern. Und richtig, es war, nach seiner rasch aufblitzenden Meinung, bei allen Wörtern so.
Von nun an stand er der Bildung völlig anders gegenüber. Er dachte jetzt nicht mehr, dass Bildung nur nützlich sei, um in Geschäften erfolgreicher und rascher arbeiten zu können. Er fühlte, dass Lernen und Bildung noch einen anderen Wert habe, der vielleicht größer war als die reine Nützlichkeit in Geschäften.
Seine Gedanken sprangen ihm davon.
Es ging ihm wie jemandem, der aus gewissen scharf begrenzten Beziehungen im wirtschaftlichen oder sozialen Leben der Menschen eine kleine philosophische Theorie ableitet. Er weiß nicht, dass diese gleiche Theorie vor ihm schon tausend Menschen aufgestellt haben und dass unter diesen tausend Menschen ein halbes Hundert sind, denen der Grundgedanke jener kleinen Theorie schon bekannt war, als Aristoteles noch Sandalriemen in den Straßen von Athen verkaufte, um sein Leben fristen zu können.
Denn schon zu jener Zeit konnte ein Philosoph von seinen weltumstürzenden Lehren allein nicht leben; er brauchte einen Haupterwerb, der ihm Brot und Salz sicherte, einen Handel mit Gebrauchsartikeln für das unphilosophische tägliche Leben. Und so, wie es allen geht, die eine neue Idee erhascht zu haben glauben, so ging es auch Andres. Er glaubte, dass Bildung die drohende und Furcht einflößende Macht von Götzen, von Priestern und von den Gespenstern des Aberglaubens jeglicher Art, die jene Fratzen auf Menschen ausüben, zerstören könnte. Und er dachte, dass, wenn Bildung unbekannte Ungeheuer, wie die Eisenbahn eines schien, ungefährlich machen konnte, wenn Bildung Götzen und drohende Gespenster von ihren Fundamenten werfen könnte, dass dann Bildung auch wohl fähig sein müsste, seinen Vater und alle Peones der Finca daheim aus einer ewig lastenden Knechtschaft zu befreien.
Er besaß die Bildung, und er war frei.
Aber in seine wirren Gedanken hinein platzte Lucio, der Muletreiber, der mit ihm am nächsten Morgen die Waren nach Joveltö bringen sollte.
»Wo schläfst du denn, Andres?« fragte Lucio.
»Ich kann hier im Portico des Cabildo gut schlafen«, sagte Andres. Er hatte sein Petate schon ausgebreitet, nur drei Schritte entfernt von jener Indianerin, die hier die ganze Nacht für Muletreiber und Carreteros bescheidene Mahlzeiten warm hielt.
»Das lasse nur bleiben«, sagte Lucio. »Kommst mit mir. Wir schlafen im Toreingang des Don Ambrosio, wo die Waren sind. Die Mules stehen im hinteren Hof gleich zur Hand. Wir laden um zwei Uhr früh. Sind wir schon um vier gut auf dem Wege.«
Das erinnerte Andres daran, dass er nicht frei war, dass er nicht tun konnte, was er wollte, dass er nicht einmal hier im Portico schlafen durfte, wo es die ganze Nacht hindurch lebhaft zuging von ankommenden und abreisenden Männern zu Pferde, von Carreteros, von Muletreibern, von wandernden indianischen Topfhändlern und Korbmachern, wo es viel zu sehen und viel zu hören gab. Er musste schlafen, wo ihn der Muletreiber Lucio am schnellsten zur Hand hatte, ohne ihn suchen zu müssen. Denn für den Heimmarsch mit den Waren kommandierte Lucio, der für den Transport von seinem Herrn verantwortlich gemacht worden war. Und Andres hatte ebenfalls seinen Herrn, der ihm befohlen hatte, die Waren zu begleiten, ob es ihm gefiel oder nicht. Denn der Herr gab ihm das Essen und erlaubte ihm, in einem Winkel seines Hauses die Matte auszubreiten.
Andres, in seinen wild hin und her sausenden Gedanken, hatte für sich die Idee herausgefunden, dass die Bildung, die er zu haben glaubte, jegliche Furcht vor Ungeheuern und vor Götzen zerstörte. Aber als er von Lucio, der nüchtern und sachlich von den täglichen Aufgaben sprach, an seinen Herrn erinnert wurde, verfiel er wieder in Furcht. Er wusste aus Erfahrung, wie grimmig und wütend Don Leonardo werden konnte, wenn etwas versehen wurde oder wenn etwas nicht so ging, wie es nach seinem Wunsche gehen sollte. Er wusste, dass Leonardo ohne Zögern ein Brett oder einen dicken Knüppel oder ein eisernes Kistenband oder was er zur Hand bekommen konnte ergriff und es dem Jungen über den Kopf hieb, wenn er wütend wurde.
Was konnte ihm hier Bildung helfen, dachte Andres, als er mit Lucio durch die dunklen Straßen zu Don Ambrosios Haus trottete. Dass er, Andres, lesen, schreiben und rechnen konnte, diente nur seinem Herrn, Don Leonardo, nicht ihm selbst. Er blieb, der er war, ein Peon, der keinen Lohn bekam, der zu gehorchen hatte, was immer ihm auch befohlen wurde, der während der vierundzwanzig Stunden des Tages jede Stunde zur Stelle sein musste, wenn er gerufen und gebraucht wurde.
Aber er war frei. Denn er wusste, was Freiheit war. Frei war der Peon, der nicht in dem schmierigen Loch eingeschlossen war, das Carcel oder Gefängnis hieß. In dieses Loch konnte der Patron einen Peon schicken, wann er wollte. Und Freiheit war, wenn einem nicht während des Sonntags die Hände und die Füße auf dem Rücken zusammengebunden wurden für Faulheit während der Woche oder wegen Ungehorsams oder weil ein Kalb entlaufen war.
Andres konnte nicht sagen, dass er unfrei war. Er lag weder in einem Gefängnis, noch lag er gebunden in der Sattelkammer auf der Finca. Er war frei. Wenn er am nächsten Morgen mit den beladenen Mules zog und der Weg zur Linken war zu brüchig oder zu morastig, so war er frei, den Weg zur Rechten zu wählen, um die Mules heil durchzubringen. Und er war frei, dem gelben Mule einige Kilos mehr aufzuladen als dem grauen Mule. Und er war frei, auf dem Wege einige Zigaretten zu rauchen, vorausgesetzt, er hatte sie. Welch eine andere Freiheit erwartete ein Peon vom Leben! Vielleicht noch die Freiheit, zu heiraten, wenn er im Alter war und ihm ein anderer Peon seine Tochter zur Frau gab. Und dann hatte er die letzte große Freiheit, recht viele Kinder zu zeugen und sie von den Erträgnissen des kleinen Feldes, das ihm der Patron zuwies, großzubringen und so den Patron mit frischen Peones zu versorgen.
Er hatte alle die Freiheit, die er kannte. Und würde er gefragt worden sein, so hätte er das, was den Kindern als Glaubenssatz in der Schule eingedrillt wurde, mit lauter Stimme hergeschnattert: »Ich bin ein freier Bürger in einer unabhängigen Nation. Viva La Patria, Viva!«
Und er hätte an das geglaubt, was er herschnatterte.

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