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Willi Bredel - Maschinenfabrik N.& K. (1930)
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Die Streikleitung wird verhaftet.  

„Der ,Scharfe' ist kein schlechter Kerl, nur eine verrückte Nudel -steckt bis an den Hals in Schulden!"
„Wie kann denn der Schulden haben? Der isst aus Mutters Kochtopf, raucht nicht, trinkt nicht?"
„Stimmt, aber Motorradfahren ist sein halbes Leben. Diese Kerle sind ja total meschugge. Erst wird monatelang trocken Brot gefressen, um die Anzahlung für ein Rad zu erhungern, dann wird monatelang gehungert, um die Abzahlungen aufzubringen. Soviel ich weiß, hatte der noch eine hübsche Stange nach."
„Aber der ist doch so 'n Wandervogel!"
„Na, Mensch, ein moderner Wandervogel trillert doch nicht mehr mit Klampfengezirpe, sondern pufft mit einigen PS die Landstraße hinunter!"
„Der sah wirklich nicht so aus!"
„Nee!" lachte der andere, „aber die langen, wilden Haare und die krausen, wilden Gedanken darunter bleiben darum doch die gleichen!"
„Hallo, Karl, schenk uns beiden noch 'n kleinen ein!"
„Übrigens gibt es doch schon Motorrad-Wandervogel-Lieder!"
„Ach was!"
„Aber, Mensch, natürlich! Kennst du nicht das Lied: Bin ein fahrender Gesell?"
Und dann brüllte er selbst auf vor Vergnügen über seinen Witz und bekam es dabei mörderisch in der Kehle, dass er mit geschwollenem Kopf hustete, als sollte der Schädel zerspringen.
„Aber ich sage dir, der ,Scharfe' ist kein schlechter Kerl!" wiederholte er noch einmal.
Melmster, der in diesem Augenblick an die Theke trat, hörte das.
„Hast du den ,Scharfen' gesehen?"
„Gestern Abend", antwortete der Schlosser.
„Weißt du, warum der sich hier nicht meldet?"
„Der arbeitet doch!"
„Der arbeitet?"
„Bei Henkel und Söhne. Es gefällt ihm ganz gut. Er sagte, er könne doch bei uns nicht mehr weiterarbeiten."
„Kann ich mir denken!" lachte Melmster.
„Was ist denn eigentlich vorgefallen?" fragte nun der Schlosser.
„Er sollte damals entlassen werden, aber nachdem er das Versprechen abgab, sich der politischen Tätigkeit im Betrieb zu enthalten, durfte er bleiben!"
„Hm! Hm!"
Melmster kaufte zwei Selters und ging dann ins Klubzimmer zurück.
„Was ich dir sagte!" wandte sich der Schlosser an seinen Nachbarn. „Das Motorrad! So 'n Motorrad kann den besten Kerl versauen! Aber trotzdem, der ,Scharfe' ist kein schlechter Kerl!"
„Die Parteileitung hat uns heute Abend zu einer Sitzung beordert; trotzdem du offiziell nicht zur Streikleitung gehörst, ist es selbstverständlich, dass du dabei bist!"
„Ich werde schon kommen!" erwiderte Melmster.
„Wir müssen alles versuchen, um die Kampfbasis zu erweitern. Die ziehen uns den Strick immer enger!" redete der
Hobler weiter. „Die Partei will sämtliche Genossen der Metallbetriebe zusammenrufen!"
„Das hätte schon längst geschehen können!"
„Du kennst doch die Schwierigkeiten, Drohn! - Morgen Vormittag müssen unbedingt einige hier sein. Um elf Uhr ist wieder IAH-Verteilung."
„Einer muss auch zu den Eltern des ,Gottsuchers' gehen!"
„Melmster!"
„Ausgeschlossen!" rief der. „Ich wäre der letzte, der sich dazu eignet!" „Dann muss Dresen gehen, ich kann es auch nicht!" „Die Streikorganisation lockert sich!" „Wieso?"
„Es kommen nicht mehr alle zur Kontrolle!" „Einige wohnen aber auch sehr entfernt!" „Das kann es allein nicht sein."
„Das Leben ist beschissen, wenn du arbeitest, und es ist beschissen, wenn du nicht arbeitest, also lass das Arbeiten sein!"
„Wie lange soll der Dreck noch so laufen? Ich habe nie gewusst, dass ein Tag so lang ist!"
Zwei Streikende, ein Bohrer und ein Schlosser, saßen auf den hohen Böcken an der Theke.
„Die meisten wühlen wie die Maulwürfe in ihren Schrebergärten. Verrückte Bagage!"
„Der Boldt hilft schon den dritten Tag seiner Ollen beim Großreinemachen. Der muss büßen."
„Hohohohoho!" brüllten die beiden los, dass die Gläser auf dem Schanktisch hüpften.
„Die da spielen schon den ganzen Morgen Skat!"
„Wie hoch?"
„Drei Streichhölzer! Anschreiben!" Und wieder brüllten die beiden und prusteten vor Lachen. Nach einer Weile fragte der eine: „Kannst du mir 'n Taler pumpen?"
„Du bist wohl wahnsinnig!"
„Auf sechsundfünfzig Pfennig bin ich abgebrannt!" Der hagere Schmied und sein Berufsnachbar Hennings traten in die Gaststube.
„Verdammt ekelhaftes Wetter! Überall lauert die Grippe. Die einzige Arznei ist Rum!"
„Mir sitzt das Wetter in allen Gliedern!"
„Zwei Grogs! Nicht zu wenig Rum!"
„Hallo, guten Tag!"
„Guten Tag!"
„Immer noch fidel?"
„Unser Streik ist der reinste Hungerstreik. Nichts zu fressen!"
„Das geht uns ja allen so!" erwiderte der dürre Schmied. „Da musst du eben um so mehr trinken!" sagte er lachend.
„Ich glaube, du bildest dir noch ein, du wärst der Schuldige?"
„Es geht mir auch mächtig an die Nieren!" Sie probierten beide ihren Grog.
„Wer lässt sich schließlich wehrlos niederknallen? Ich nicht!" brüllte plötzlich Hennings.
„Nun sei doch ruhig!" herrschte ihn der Hagere an.
„Schuss kriegen und auf der Stelle weg sein. Glänzende Sache!" mischte sich der Montageschlosser ins Gespräch. „Aber verwundet werden, Schmerzen, Bein ab, Arm ab oder gar gelähmt oder blind - huh, das ist ekelhaft!"
„Das ist alles noch gar nicht so schlimm, aber verhaftet und dann im Polizeikeller verprügelt werden", begann nun auch noch der Bohrer. „Damals, neunzehnhundertdreiundzwanzig - die haben uns geprügelt noch und noch. Mit Kolben, Revolvern, Stangen, Knüppeln - und wenn du am Boden lagst, mit den schweren Kommissstiefeln ins Kreuz, in den Leib, in die Fresse. Das ist viel schlimmer. Sadistische Bestien gibt es unter den Grünen. Wir haben sie um standrechtliche Erschießung angebettelt, denn diese Misshandlungen waren unerträglich!"
„Du lebst ja noch!" grinste der Schmied.
„Mich kriegen sie nicht ein zweites Mal. Lieber Kopfschuss als so etwas noch einmal!"
„Mensch, ich Rindvieh - ich dachte, das As wäre schon weg. So 'n Massel!" fluchte ärgerlich einer der Skatspieler.
„Polizei-ei!" schrie einer. Jeder blieb wie angewurzelt an seinem Platz. Der Schmied Hennings war der einzige, der gelassen sein Grogglas nahm und es bis auf den letzten Tropfen leerte.
Etwa zehn Sipos drangen in die Wirtschaft. Draußen postierten sich weitere, das konnte man von der Theke aus durch die Gardinen sehen.
„Keiner verlässt das Lokal!" schnarrte die Stimme eines gestriegelten und geschniegelten Offiziers.
„Wo tagt die Streikleitung?" Keiner der Arbeiter antwortete. Der Schmied Hennings bestellte sich noch einen Grog.
„Da drinnen!" wies der Wirt. Zwei Sipos blieben in der Gastwirtschaft am Eingang stehen. Der Offizier riss die kleine Klubzimmertür auf.
„Die Streikleitung der Belegschaft von N. & K. ist verhaftet!"
Der Hobler bewahrte eine bewundernswerte Ruhe. „Auf wessen Anordnung?" fragte er. „Machen Sie keine Umstände. Hier ist der Haftbefehl!"
Der Hobler warf einen flüchtigen Blick hinein. „Schön!" lächelte er dann. „Ich bin Vorsitzender der Streikleitung. Weiter gehören ihr an dieser und jener Kollege!" „Es sollen vier sein!"
„Der vierte ist der Tischler Ahrnfeld, aber der wurde ja gestern von Ihnen erschossen!"
„Dann ersuche ich Sie und Ihre beiden Kollegen, mir zu folgen!"
Der Offizier ging als erster. Der Hobler warf Melmster noch einen Blick zu, der völlig verstanden wurde, dann folgte er und ebenfalls der junge Schlosser und der Dreher mit der gespaltenen Nase. Der alte Dreher Dresen blieb durch des Hoblers Geistesgegenwart von der Verhaftung verschont.
„Ausharren!" rief der Hobler, als sie durch die Gaststube schritten.
Ein zustimmendes Knurren war die Antwort.
„Sie haben still zu sein!" keifte der Offizier, und bevor er die Gaststube verließ, wandte er sich plötzlich an den ihm am nächsten sitzenden Arbeiter.
„Kennen Sie den Schmied Hermann Hennings?"
„Jawohl!"
„Wissen Sie, wo er ist?" „Nein!"
Der Offizier ließ noch einmal seinen Blick über alle Anwesenden schweifen, drehte sich dann kurz um und ging hinaus.
Draußen hatten sich bereits zahlreiche Neugierige angesammelt. Unter knallendem Auspufflärm fuhr das Überfallauto davon.
Melmster handelte sofort. Eine neue provisorische Streikleitung wurde gebildet. Der alte Dresen blieb drin, der hagere Schmied wurde herangezogen. Melmster übernahm vorerst die Leitung. Ein junger Schlosser, der sein Fahrrad draußen stehen hatte, wurde sofort von Melmster zur Kommunistischen Partei und Presse geschickt. Für morgen Vormittag wurde eine allgemeine Belegschaftsversammlung angesetzt.
Inzwischen verschwand der Schmied Hennings unauffällig.
Am Nachmittag bekam die Streikleitung einen überraschenden Besuch:
Bleckmann!
Als er eintrat, sagte er kein Wort, selbst der Gruß blieb ihm anscheinend im Halse stecken. Er ging langsam auf Melmster zu.
„Ich möchte mich als Streikender eintragen lassen!"
„Du kommst reichlich spät, Bleckmann!"
„Was zuviel ist, ist zuviel. Ich möchte nicht mit einem Betriebsspitzel identifiziert werden!"
„Das ist anständig von dir!" Melmster reichte ihm die Hand.


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