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Ludwig Turek - Ein Prolet erzählt (1930)
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Desertion

Ich wusste, dass damit eine Ruhezeit zu Ende ging und ein Transport an die Front unmittelbar bevorstand. Wie ein Fels stand es bei' mir fest, nie wieder an die Front zu gehen. Zwei Mann brachten mich zur Arreststrafe nach Posen. Aber wie lachte ich, als dort nirgends ein Käfig für mich frei war. Nach Warthelager zurückgekommen und wieder in unsere Baracke einquartiert, legte ich mir kurzerhand einen Plan zurecht, mit dessen Ausführung sofort begonnen wurde. Noch in der darauf folgenden Nacht ging ich eigenmächtig für drei Wochen auf Urlaub. Die achtzehn Kilometer nach Posen trabte ich mit meinem Gaul, stellte ihn in der Magazinstraße in einen Stall, sagte dem Stallwachthabenden, dass ich vom Warthelager sei, er solle das Pferd ein paar Tage füttern, und schlich mich hintenherum auf den Bahnhof. Anderentags amüsierte ich mich in Berlin und in der Nacht gelangte ich noch unbehelligt nach Stendal.
Drei Wochen Urlaub, vergnüglich verlebt, waren verflossen. Im Warthelager guckten die Schreibstubenspinner recht dumm aus der Wäsche, als ich mich vom Urlaub zurückmeldete. „Solche Frechheit ist noch nicht dagewesen, Sie wissen doch, was Ihnen blüht?" — „Mir vollständig wurscht!" Mit zwei Mann mit Karabinern als Begleitung wieder ab nach Posen. Diesmal hielt man mein Verbrechen für groß genug, um mit mir ins Grolmann-Gefängnis zu gehen. Der Gerichtsoffizier tobt. — „Sind die denn verrückt im Warthelager oder denken sie, wir haben hier für jeden, der mal drei Tage nicht bei der Truppe war, ein Asyl, damit so ein Strolch seinen Rausch ausschlafen kann? Hinaus, marsch, marsch!" —
Der Mai war gekommen, die Bäume schlugen aus. In einer stockfinsteren Nacht packte es mich wieder. Gegenüber dem Übungsplatz liegt ein Dorf, Glinienko, darinnen wohnte eine Polin, Veronika
Jagodczinska, die ließ mich nicht schlafen. Ihre rosaroten Bänder in den blonden Haaren, die weiche klingende Stimme, wenn sie polnisch sprach, und vieles, vieles andere mehr war die Veranlassung, um in meine Reitstiefel zu steigen, meinen Fuchs aus dem Stall zu holen und über die Heide zu fliegen, bis mein braver Max mit schäumender Schnauze an dem Fenster der schönen Veronika schnupperte. Andrzej — Veronika! Drei Tage blieb ich bei ihr.
Nunmehr fasste ich den Entschluss, endgültig unterzutauchen. In Posen wohnte ein Onkel und ein Kusin meines Stiefvaters. Dorthin ging ich, um mein Militärzeug mit Zivilkleidern zu vertauschen. Die guten Leute waren über mein Ansinnen nicht wenig erstaunt; als sie dann hörten, dass es das allerschlechteste Zeug sein könnte, was sie in dem Lumpensack finden würden, machten sie sich mit vie| Lachen und Scherzen daran, mich als Gentleman der Landstraße auszustaffieren. Die Hose war noch entschieden zu gut, eine schlechtere nicht vorhanden, darum half ich nach, um das auszubessern, was mir an ihrer Vollkommenheit noch fehlte. Die Jacke passte ausgezeichnet, d. h. sie war für jemand gefertigt, dessen Kreuz die Ausmaße eines schmalen Handtuches hatte. Ich zwängte mich gewaltsam hinein, ein paar Freiübungen ließen deutlich die Stellen erscheinen, wo noch Stoff fehlte. Das Hemd, wie geschaffen für mich, reichte nicht weit über den Nabel und schien einmal längere Zeit einem Kavallerieregiment als Lanzenzielscheibe gedient zu haben. Übrigens waren die dazugehörigen Wanzenflecke gleich drin. Strümpfe lehnte ich überhaupt ab. Ein zerrissenes Taschentuch mit einem eingestickten polnischen Vornamen und einen gestrickten Topflappen nahm ich um die Füße, die ich zuvor mit Fett und Asche in Berührung brachte, damit sie einen an mir irgendwie interessierten Menschen nicht darüber zum Nachdenken bringen konnten, wann sie zum letzten Mal Seife verspürt hätten.
Eine alte Wichsbürste benutzte ich als Puderquaste und an meinen Haaren betätigte ich mich selbst als Friseur. Die Bartstoppeln von fünf Tagen genügten, um glaubhaft erscheinen zu lassen, dass ich kein großer Freund des Rasierens war. Stiefel hatte ich natürlich auch. Hier machte der ganze Kerl eine Kurve nach oben. Die Stiefel waren gut. Noch besser war die Pelzmütze, zwar alt, aber echt polnisch. Über die Ohren gezogen, konnte man das Gesicht nur sehen, wenn ich den Kopf auffällig hob.
Also ging die Reise los. Morgens, es war noch völlig Nacht, machte ich die erste Probe, ob ich echt wirkte, indem ich mich zum Bahnhof begab. Im Wartesaal durchwühlte ich den Papierkorb; ein schmutziges polnisches Bilderbuch, total zerrissen, steckte ich in die Tasche, das bildete neben einem dolchartigen Messer und einer alten, extra gegen meine neue umgetauschten, zerkauten Tabakspfeife mit etwas Tabak mein Gepäck. Als die ersten Sonnenstrahlen kamen, bestrahlten sie einen Menschen, der, einem Maikäfer ähnlich, soeben diese Welt betreten hatte und dem sein Vorleben als erdenbeschwerter Wurm aus der Finsternis nicht ins Bewusstsein zurückkehrte.
Auf der Landstraße nach Pinne, fünfzig Kilometer nördlich von Posen, schritt ich wacker aus. Alles, was mir begegnete oder mich überholte, versäumte nicht, ein mitleidiges Lächeln mit meinen scheinbar vollständig teilnahmslosen Blicken zu kreuzen. Das Wichtigste, Fundamentale für meinen Plan war gelungen; in mir vermutete kein Mensch einen Deserteur der deutschen Armee. Ja, als ich durch das kleine Städtchen Pinne tippelte und dort in einigen Schaufenstern mein Spiegelbild sah, musste ich unbedingt daran glauben, dass ich der aus dem dunkelsten Polen in ein noch nie geschautes Land gewanderte Antek Kaczmarek bin, ein Kerl, so dumm, so faul und gefräßig wie ein hinterpommerscher Landgendarm.
Der Hunger meldete sich. Ein Haus, vor dem sich Kinder auf polnisch herumbalgten, ermunterte mich, einmal nachzufragen. Mit der Pelzmütze über die Augen, den Kopf auf der Brust liegend, brummte ich, kaum für mich selbst hörbar, etwas von „Chleba i Woda". Bereitwilligst brachte eine Frau ein großes Stück Brot und Käse und in einem Glas frisches Wasser. Ich brummte ein unverständliches „Dzienkuje" und aß mit heimlichem Feixen das Brot. Im nächsten Dorf glückte es ebenso.
Achtzig Kilometer Marsch lagen hinter mir, als ich in einem schäbigen polnischen Gasthof nach Quartier fragte. Der Wirt war einer von den wenigen Wirten, die einen solchen Gast nicht blitzartig vor die Tür setzten. Wahrscheinlich wusste er, wie wenig das Ruhebedürfnis von dem Besitz einer wohlgefüllten Geldbörse abhängig ist. Er sagte viel zu mir, ich verstand fast nichts, aber ich hatte nicht das Gefühl, verduften zu müssen. Im Pferdestall auf einem Bund Stroh verbrachte ich die Nacht.
Mit frischen Kräften, in der Hand ein Stück Brot, trat ich wieder auf die Landstraße. Ein deutsches Dorf, das erste (ich überschritt also die Sprachgrenze), mit Namen Kupferhammer, zeigte mir den Vorzug der deutschen Bevölkerung gegenüber den Polen; sie äußerten sich kritisch zu mir. Ein Mann mit einem Kaiserbart schritt auf mich zu. Mit einem Spaten in der Hand, den er drohend erhob, versperrte er mir den Weg und fragte: „Wo kommst du her, mit dir machen wir gleich mal kurzen Prozess", mit diesen Worten wollte er mich greifen. Kurzerhand machte ich kehrt, und in der Richtung, aus der ich gekommen war, lief ich davon.
Meine Absicht, mich erst in Küstrin greifen zu lassen, zwecks Erlangung von irgendwelchen Papieren, wollte ich mir hier noch nicht durchkreuzen lassen. Bald merkte ich, dass ich verfolgt wurde, auf Fahrrädern sausten zwei Mann heran. Sofort nahm ich querfeldein Richtung auf einen Wald. Ich ließ sie ziemlich nahe an mich heran, etwa fünfzig Meter. Sie bildeten sich ein, als es zum Laufen nicht mehr langte, dass ich stehen bleiben würde, wenn sie mit Schießen drohten. Langsam legte ich ein immer schärferes Tempo vor, bis auch ihr dämliches Brüllen nicht mehr zu hören war. Als ich glaubte, diese eifrigen Stümper nie wieder zu sehen, änderte ich meine Richtung wieder nach Nordwest.
Das kleine Städtchen Meseritz kam in Sicht. Es wäre schade gewesen, herumgehen zu müssen. In einer Feldscheune fand ich eine Mistforke. Die nahm ich über die Schulter, meinen ausgezogenen Rock legte ich hinten über die Forke, die Pelzmütze steckte ich darunter, und siehe, von den fünf- oder zehntausend Meseritzern, die Polizei extra gerechnet, merkte niemand, dass es hier galt, ein entsetzliches Verbrechen aufzudecken: das spurlose Verschwinden einer Mistgabel aus einer auf gewaltsame Weise geöffneten Feldscheune.
Mit aufgekrempelten Hemdärmeln stand ich vor der Druckerei des Ortes und grinste über den Gedanken, was wohl die Kollegen am Setzkasten für Augen machen müssten, wenn ich meine Mistforke mit einem Winkelhaken vertauschte und etliche Zeilen mit schönen Grüßen vom Kollegen Kaczmarek aus Russisch-Polen in Korpus Fraktur zurückließe. Später habe ich mit einem Kollegen aus der betreffenden Druckerei im Ruhrgebiet gearbeitet. Ein paar Kinder interessierten sich auffällig für mein durchlöchertes Hemd.
Als sie anfingen, sich über die genaue Anzahl der Löcher zu streiten, verschwand ich.
Rosenthal nennt sich ein Gutshof in der Nähe von Meseritz, das ist ein Fleckchen Erde, in das sich ein Flüchtling verlieben könnte, wenn solche Sentimentalitäten nicht das ganze Unternehmen in Frage stellten. Etliche Polinnen kratzten auf* einem Feld herum. Ich ging ohne Argwohn auf sie los und bettelte auf polnisch um Brot und Wasser. Sie lieferten alles, was sie in ihrem Korbe hatten, an mich ab. Ich bettelte nun, sie möchten wenigstens etwas behalten, es war vergebens, sogar ein Tuch opferten sie, damit ich alles sauber fortbrachte. Eine kleine Blonde machte plötzlich den Vorschlag, ich könnte doch hier bleiben; alle stimmten sofort dafür, dass ich gleich zum Verwalter gehen solle und dort um Arbeit nachfragen. Beinahe hätte ich mich verleiten lassen, aber dann siegte die Vernunft; man konnte unmöglich dieser Lockung nachgeben, wollte man sich nicht den ganzen Plan vermasseln. Kurz entschlossen trabte ich ab.
In Poppe oder Zoppe, so ähnlich heißt ein Dorf bei Landsberg an der Warthe, kam ich den lieben Bauern wieder einmal so vor, als müsste man mit mir unbedingt eine Verbrecherjagd beginnen. Von den Liebesgaben der Polenmädel war schon fast die Hälfte verzehrt, diese Hälfte hätte für einen normal hungrigen Magen mindestens für drei Mahlzeiten reichen müssen; für mich war es jedoch nur eine Mahlzeit gewesen, kein Wunder, dass ich auch einen Durst für drei Mahlzeiten bekam. Also in diesem besagten Zoppe wollte ich diesen Durst löschen. An ein Haus mit frommer Inschrift hätte ich mich nicht wenden sollen; durch meinen Durst ließ ich mich verleiten, ging hinein und machte die Bewegung des Trinkens, was von einem etwa elfjährigen Mädchen den Eltern sofort übersetzt wurde. „He will Woter drinken", meinte die Kleine. Ohne darauf zu achten, sprang der Alte auf mich zu, packte mich derb am Arm und wollte alles mögliche wissen. Nachdem er so ein Weilchen gequasselt hatte, merkte er, dass ich kein Wort verstehe. — „Dat is en weggeloofener Kriegsgefangener, den müssen wa mal jleich zu'm Schandarin bringen." —
Nun fing der Mann zu schwindeln an, dass sich das Haus hätte verbiegen müssen mitsamt dem frommen Spruch. — „Du willst", hier machte er die Bewegung des Essens, „und sowat?" — er machte die Bewegung des Trinkens. — „Alles kriegst du, verstehste? Ja, alles, viel, haha, hier setz dich mal." Er drückt mich auf einen Stuhl und sagt zu seiner Frau: „Gib ihm mal'n paar Kartoffeln, ich fahre schnell mit'n Rad nach'n Schandarm, oder meinste, ich nehme ihn gleich mit?" — „Äh, lass doch den Kerl loofen! Du steckst deine Näse in jeden Quark." „Bist verrückt, — loofen lassen, geht doch nicht, dass sich solche Strolche hier herumtreiben!" — Plötzlich kommt ihm eine andere Idee. Er sucht mir begreiflich zu machen, dass er im Gasthof für mich einen Wudki spendieren will. — „Da werden ma den Burschen schon fassen." —
Seine Frau spektakelt: „Ich weeß nich, wat du für ne Marke bist, las dir man noch eens auswischen von dem Kerl, der sieht nämlich ganz so aus, als wenn er sich aus nischt wat macht!" — „Komm, Panje! Wudki, 1, 2, 3, komm, komm!" Ich tue, als würde ich begreifen und lache ein bisschen. — „Wudki — na siehste endlich, mein Freund, dir werd'n ma bald feste hamm." Wir sind noch auf dem Hof, als ich blitzschnell auf ihn losspringe und ihm mit der rechten Faust einen festen Hieb in den Magen, mit der linken einen unter das Kinn versetze. Wie ich das Hoftor schließe, sehe ich, wie der Kaffer sich auf seinem Misthaufen wälzt und gern schreien möchte, aber durch den Magenschlag keinen Ton herausbringt.
Mit unauffällig schnellen Schritten gehe ich bis an das Dorfende und dann im langsamen Laufschritt zum Bahnhof. Eine Kleinbahn fährt nach Landsberg, aber erst in einer Stunde. „Man wird den Attentäter bald suchen", denke ich. „Wenn sie dich erwischen, schlagen sie dich halb oder ganz tot." Einen Bahnbeamten, der mich schon misstrauisch beobachtet, frage ich: „Schwerin-Meseritz?" Er fragt gleich, was ich in Meseritz will. Ich deute mit dem Finger in Richtung Schwerin-Meseritz und wiederhole meine Frage. „Ja, ja, da, jetzt fährt aber kein Zug!" — „Nix jechacz?"
Mit Riesenschritten verschwinde ich auf der Chaussee in Richtung Schwerin-Meseritz. Als ich mich einigermaßen sicher fühle, drücke ich meine Pelzmütze mit den daruntersteckenden Brotstücken fest ins Gesicht und erklettere einen Chausseebaum. Der Baum ist ziemlich dick, nur mit großer Mühe gelange ich an die ersten Äste. Kaum habe ich ganz oben in der Spitze einen Sitzplatz eingenommen, als ich deutlich sehen kann, wie fünf Mann auf Rädern aus dem Dorfe herausjagen. Als sie in die Chaussee einbiegen, verschwinden sie. Wahrscheinlich sind sie von dem Beamten unterrichtet, dass ich mich in Richtung Schwerin entfernt habe. Von der Straße sehe ich absolut nichts, das beste Zeichen, dass man von der Straße auch von mir nichts sehen kann. Ich horche. — Drei Minuten sind noch nicht verflossen, als unten die fünf Räder vorbeizischen.
Hier oben, wo sich die Finkenhähne grüßen, wo die Maikäfer, die gefräßigen, Abendbrot essen, herrscht Frieden. Unten haben die Menschen eine Straße gebaut, eine Bahn, eine Ader, wo das Leben fließt, das Leben, das so grundverschieden ist, dass man glauben kann, es sei nicht das Leben einer einzigen Gattung. Ein Maikäfer lebt wie der andere, ein Fink so wie sein Nachbar. Doch der Mensch, die Krone aller Schöpfung, lebt unterschiedlich. Hat mein Leben auch nur den Schatten einer Ähnlichkeit mit dem Leben desjenigen, der unter mir im Auto dieselbe Straße zieht? Dieselbe Erde schuf nicht dieselben Menschen. Was ist schuldig, verantwortlich für diese Klassifizierung? Warum muss hier unten auf dieser Straße der, der den Staub aufwirbeln macht, ihn nicht selber schlucken? Warum schluckt ihn der andere, der ihn nicht aufwirbelt, so widerspruchslos?
Bimbimbimbim. Die Kleinbahn stolperte vorbei. Mir gefiel es ausgezeichnet auf meinem Ast, ich verspürte einen Graul, wieder auf die Erde hinabzusteigen, wo man mich totschlagen wollte, weil ich keinen guten Anzug besaß und nach einem Krug Wasser gefragt hatte. Erst als sich die Maiennacht über die Landschaft legte, rutschte ich hinunter, zog meine Jacke aus, wickelte meine Pelzmütze hinein, krempelte die Hemdärmel hoch, bis sämtliche Löcher der Ärmel unsichtbar wurden, und sobald ich hinter oder vor mir etwas gewahrte, fing ich deutlich hörbar im Berliner Jargon an zu trällern: „Der Mai is jekommen!" — „O wandern, o wandern, du freie Burschenlust, da weht Jottes Odem so frisch in die Brust." Ich sang die ganze Nacht.
In Landsberg an der Warthe stülpte ich meine Pelzmütze wieder über die Ohren und damit hörte jede Verbindung mit dieser Nation auf, an deren Wesen die Welt gerade im Begriff war zu genesen. Bis Küstrin waren es noch etwa vierzig Kilometer. In einem Weißdorngestrüpp stärkte ich mich durch Schlaf zu diesem letzten Marsch; bevor jedoch die Sonne unter den Horizont gesunken war, erwachte ich. Kleine rote Spinnen, goldige Käferlein, einige Zaunkönige und zarte Gräser waren meine Gespielen. Die Käfer gingen
schlafen unter den Blättern, während ich mein letztes Stück Brot verzehrte. Ein großer Durst, der nicht mehr zu bändigen war, trieb mich noch einmal nach Landsberg hinein. Ohne groß aufzufallen, bekam ich Wasser. Nun trollte ich, die Pelzmütze unter dem Arm, die vierzig Kilometer herunter. Eine solche Wanderung durch den Wonnemonat ist interessant. Ich wusste, dass man mich in Küstrin hinter Eisenstäbe setzen würde. Meine einzige Hoffnung war, dass es nicht allzu lange dauern würde. Deutschland brauchte doch dringend Arbeitskräfte, und es wäre großer Blödsinn, mich etwa vier Wochen einzukerkern; — wie gern wollte ich arbeiten, ganz gleich, was und wo. Das einzige, was ich nicht wollte und warum ich dieses Abenteuerleben führte, war, nie wieder dort hinzugehen, wo man täglich sein Leben oder seine gesunden Knochen riskieren musste für eine Gesellschaft, die es nicht wert war. •
Unbehelligt gelangte ich nach Küstrin. Aber es war bereits Mittag geworden und immer lief ich noch in Küstrin herum, ohne dass das Auge des Gesetzes von mir greifbare Notiz genommen hätte. An der Zorndorfer Straße, dort, wo die Pferdebahn nach der Altstadt hält, steht ein Schutzmann; der sieht mich zwar ziemlich beißlustig an, doch er beißt nicht an. Vielleicht will er sich mit mir an einem Sonntag keine Arbeit machen. Ganz in Weiß gekleidete junge Mädchen gehen spazieren. Eine mir von der Lazarettzeit her sehr gut bekannte Schwester geht mit einem deutlichen Blick voller Abscheu und Ekel an mir vorüber. Spießerfamilien amüsieren sich. Ich setze mich zwischen Küstrin-Altstadt und Küstrin-Neustadt auf das Geländer der Warthebrücke. Der Hunger nagt in mir. Bald sammelt sich eine Menge Sonntagsspaziergänger im Halbkreis um mich. Sonntagsnachmittagsvergnügen. —
— „Hallo! Du Dreckschwein, da unten is Wasser, wasch dich mal!" „Wasser kennt die Art nich, ja wenn's Schnaps wäre." — „Na, dem krabbeln die Läuse ooch schon aus sämtliche Knopplöcher." — „Mensch, setz dein' Helm ab, du kriegst Maden drunter." — „Jeh uff die Krankenkasse und las dir mal rasieren." Ich springe vom Geländer und alles macht fluchtartig Platz, als ich durch den Menschenhaufen gehe. Eine Schar Kinder hängt sich an. Mit diesem Kreis eifriger Verehrer lässt dich der Schutzmann bestimmt nicht ungeschoren, so kalkuliere ich, und gehe zurück zur Neustadt. In seiner Nähe trete ich an eine Ladentür und sehe durch das Schlüsselloch. Nun endlich kam der Ordnungshüter und fragte in einem Schnauzton, der jedem Feldwebel Ehre gemacht haben würde, nach meinen Papieren.
Verständnislos glotzte ich ihn an. — „Papiere!?" — Er fasst frech in meine Brusttasche und holt das polnische Bilderbuch hervor. — „Mit!" — Wie eine Zange packt er mich am Handgelenk und schiebt mit mir ab. Die Kinder johlend hinter mir her. In unmittelbarer Nähe ist die Wache. Hineinschubsen und einen Höllenlärm veranstalten, ist ein Werk: „Auf dich Polacke hab ich heute gerade noch gewartet, du gottverdammtes Vehikel. Hier, Hund verfluchter, stell dich mit der Nase an die Wand. Du Rabe elender. Wie heißt du, Lausekerl? Wie heißt du, Penner verlauster?" — Kein Wort kommt über meine Lippen. — „Ihr verdammtes Viehzeug kommt nach Deutschland und kennt kein Wort Deutsch! — Na, nach mir sollte es nicht gehen, euch Biester, euch Schweinebande würde ich rausleuchten! — Himmelkreuz, verdammtes Pack, wie heißt du, Kanaille? Sag Mensch, blöder Hund, wie du heißt?" Er pufft mich fortwährend mit der Faust vor die Brust, ich gehe etliche Schritte zurück, er reißt mich am Jackett, das in den letzten Nähten platzt, wieder nach vorn. — „Blöder Hammel, wie heißt du, aus welcher Hundetürkei kommst du her? — Gottachgottachgott, hat man schon jemals solche Menschen gesehen?! — Stanislaus, Nikolaus, Iwan?! Du! du, wie heißt du, Hundesohn? Dich steck ich in Ketten, du Aas?!
— Was soll man denn nun bloß niederlegen hier, möchte wirklich wissen, was ich da schreiben soll. So was Dummes ist mir doch wirklich noch nicht dagewesen." —
Er schreibt. Da kommt ihm ein Gedanke. — „Aha! Pass auf, du Blödhammel, hier hast du, kannst du schreiben?" — „Tak, tak." — „Du kannst schreiben hiermit? So, richtig schreiben?" — „Tak, tak."
— „Idiot, warum sagst du das nicht gleich! — So, schreibe deinen Namen." Ich fasse den Halter sehr krampfhaft und drücke so sehr, dass die Feder abbricht. — „Jetzt is es aus, du Lump, du infamer!"
— Er springt auf mich los und haut mit der Faust auf mich ein. Ich springe zurück. Er droht mit dem Revolver. — „Das wäre doch zum Kuckuck. — Lausebagage, verdammtes Gesindel." —
Mit Handeisen werde ich von Neustadt nach Altstadt geführt. — „Da, der Kerl schon wieder! — Was hat denn der Vagabund ausgefressen, Herr Wachtmeister?" — „Den suchen wir schon lange, na, jetzt is es aus, mein Lieber, du hast lange genug geräubert!" — In der Altstadt geht es in ein uraltes Gebäude. Ohne ein Verhör stößt mich dort der Beamte in ein stockfinsteres Loch und schlägt die Tür dröhnend hinter mir zu.
Gleich nach den ersten Schritten merke ich, dass der Bunker nicht nur für mich allein ist. Eine Stimme, die sich wie die letzten Worte eines Sterbenden anhört, trommelt aus der Tiefe zu mir heran. Kein Wort ist verständlich. Aus dem Tonfall jedoch höre ich, dass die Stimme Antwort haben will. Weiter trommelt die Stimme, wieder will sie Antwort. Ich antworte: „czego? (was ist los)". Die Stimme aus der stinkenden Tiefe: „Popolski?" Ich antworte: „tak". Schweigen. Eine Stunde nur das scharrende Geräusch einer Hand, die über die Haut kratzt. Nicht so, als wenn sich zufällig jemand einmal kratzt, sondern so, als kratze die Hand seit Jahren den Körper.
Ich weiß, dass es draußen noch eine Sonne gibt; hier drinnen glaubt man nicht mehr dran. Pestartig wie nach Leichen stinkt der Raum. Der Raum, welcher Raum? Ist es überhaupt ein Raum? Ich fühle an den eiskalten Wänden entlang, der Raum ist nicht abzutasten, ein Gegenstand verhindert das, er steht an der Stelle, wo die Wand eine Ecke macht. Ich fühle, auf diesem Gegenstand liegt ein Mensch. Er ist barfuss, eisigkalt sind seine Füße, aber ebenso eisig sein Gesicht. Es platzt heraus aus mir wie ein Geschoß: „Panje, stacs! (Mann, steh auf)". Eine Stimme, dieselbe wie vor einer Stunde, sie kommt aus einer anderen Ecke, sie kommt nicht aus dem Munde, den ich wie einen trockenen, eiskalten Gegenstand zwischen meinen Fingern fühle, sie rasselt, als säßen verrostete Nägel im Rachen: Sapalki (Streichhölzer)? Papyrosi (Zigaretten)?" — „Niemosz (keine)." Ich gehe an die Stelle, wo diese verrostete Stimme herkommt. Dasselbe. Barfuss, das Gesicht fieberheiß. Ich frage: „Germanski? — njet Poruski?" — „Da (ja)." Er spricht wieder lange Zeit, ich verstehe kein Russisch, nur etliche Worte fallen heraus aus der Trommel: „Towarisch, Woda! (Genosse, Wasser) — Matj, sawtra, doma (Mutter, morgen zu Hause)." —
Durch meinen Kopf geht plötzlich ein Gedanke, der eine ist schon tot und der hier wird es bald sein, und du? Mit Händen und Füßen schlage ich gegen die Tür. Zwei Stunden vergebens. Nun suche ich kriechend auf dem Boden einen passenden Gegenstand, ich finde einen dreibeinigen Schemel, damit schlage ich wuchtig auf die Tür
ein. Nachdem ich etwa zehn Minuten spektakelt habe, kommt ein Wärter wild fluchend und brüllt, was los ist. Ich antworte: „Scheißen." — „Äh, scheiß doch!" Er will sich entfernen; da kommt eine unbändige Wut über mich, ich schlage mit dem Schemel, der bereits sein drittes Bein eingebüßt hat, wie ein Tobsüchtiger auf die Tür ein. Der draußen droht mit totschlagen, ich brülle, so laut ich kann: „scheißen" — und schlage, dass von dem schweren Schemel die Splitter fliegen. Trotzdem entfernt er sich, kommt aber sofort zurück mit noch jemand.
Jetzt rasselt der Schlüssel, ein Riegel wird gezogen. Sowie der erste Lichtspalt sichtbar wird, werfe ich mich aus voller Gewalt gegen die Tür. Ich stehe draußen, mache keine Miene zum Spaßen und sage fortwährend, mit der Hand in die Zelle zeigend: „Kamerad tot, Kamerad tot!" — „Ah! So! Deshalb musst du scheißen." Die beiden wollen mich fassen, der eine hat mich erwischt, er bekommt einen Schlenker von mir. Jetzt stürzen beide auf mich, um mich in die Zelle zurückzubringen. Ich wehre mich aus Leibeskräften und schreie fortwährend: „Kamerad tot, Kamerad tot!" Der eine von beiden, ein etwas fetter Alter, macht schlapp. Sie schaffen es nicht mehr. Ich schreie immer noch: „Kamerad tot, Kamerad tot!" — Ich schreie so laut ich kann. Noch einmal packen sie an. Wieder tobt der Kampf. Der Alte ist kaputt, er sagt: „Wir bringen ihn rüber, oben bei die acht wird er sich wohl beruhigen." —
Ich werde über einen Platz geführt. Bürger mit ihren Frauen gehen nach Hause, es ist Zeit zum Abendbrotessen. Tauben picken emsig nach Essbarem. Kleine dünne Grashalme wachsen zwischen den Steinen. Ganz oben am Himmel segeln weiße Federwölkchen. An einer Hausecke sehe ich noch einmal die tiefstehende Sonne für Sekunden. Eine heiße Sehnsucht überkommt mich, ich möchte immer die Sonne sehen. Schon will ich losspringen, aber, verdammt, ich sehe, wie der Kerl neben mir den Revolver entsichert.
Die acht in der Zelle waren sehr erfreut, einen neuen Kollegen zu sehen. So ein Käfig hat wenig Verbindung mit der Außenwelt. Kommt nun jemand, so wird er nach den Geschehnissen, die draußen vor sich gehen, ausgefragt. Auf jeden Fall ist Zuwachs eine Unterbrechung in der Monotonie des Gefängnislebens. Schon die Person selbst interessiert lebhaft. Dann sein Fall. Warum ist er hinter Schloss und Riegel? Seine körperliche und geistige Verfassung, je nachdem sie respektabel oder minderwertig ist, verschafft dem Neuling schon am ersten Tage die entsprechende „gesellschaftliche Stellung". Alle Achtung vor meinen Leidensgefährten im Küstriner Gefängnis, sie fühlten sich als bessere Menschen, als ich einer war. Ein Alter führte dort das Wort und nach ihm richtete sich alles. Dieser Alte war es auch, der schon nach einer Stunde den Stab über mich gebrochen hatte. — „Es ist ein Skandal, dass man sich sowas gefallen lassen muss. — Ich lege Beschwerde ein. — Nee, das gibt's doch überhaupt nich, zweiundzwanzig Jahre Knast habe ich ehrlich abgesessen, aber mit solchen Bowken bin ich noch nicht in einer Zelle gewesen." — Sein Leib- und Magenfreund, ein halbverhungerter Lahmer, dem man die Schwindsucht ansah, stimmte bei, die übrigen, teils jüngere schwächliche Gesellen, ließen sich ebenfalls mitreißen, und so hatte ich die ganze Meute gegen mich in hellem Aufruhr.
Ein Glück, dass sich niemand mit mir verständigen konnte. Ich setzte mich auf ein Bett und wurde von dem Alten laut angebrüllt, dass das Sitzen auf dem Bett verboten sei. Natürlich nehme ich keine Notiz davon. Finster sitze ich da. — Ich denke an die beiden armen Schlucker drüben in der Pesthöhle. Vielleicht war er noch zu retten, der mit dem Fieber! Was kannst du tun? Nichts! Die Gesellschaft bemüht sich auf das heftigste, mich davon zu überzeugen, dass ich dort nicht sitzen dürfe, übrigens sei das ein belegtes Bett, eine Schweinerei sondergleichen. Der Alte entschließt sich, den Aufseher zu alarmieren. Der kommt in der ersten halben Stunde nicht. Das scheint ein ganz normaler Zustand zu sein, denn niemand verliert ein Wort des Unwillens über die schlechte Bedienung. Endlich erscheint er. — „Ihr seid wohl meschugge, legt euch doch in die Klappe, is doch dunkel!" — „Hier der Neue, Herr Aufseher, der scheint nich normal zu sind, der sitzt auf Karl'n seiner Falle und geht nich weg, der kann doch überhaupt keen Deutsch! — Das is nich schön hier, Herr Aufseher, mit den!" — „Ach, bescheißt euch man nich, ihr habt immer was zu mäkeln. Haltet jetzt Ruhe und schlaft, ich mache jetzt nich mehr uff!" — Nachdem er das gesprochen hatte, kobolzt er die Treppe hinunter.
Ich stehe nun auf und gehe ans Fenster. Meine Fresse! Dreimal Gitter, einmal Kreuzgitter, und was für dicke Mauern. Es dunkelt. Mit einem Satz springe ich ins Fenster, setze mich mit verkreuzten Beinen mit dem Rücken an die Eisenstäbe und blickte hinunter in die Zelle. Dadurch wird es da unten plötzlich dunkel. Der Alte und der Lahme gehen ins Bett. — „Das is doch unheimlich, sowas, — ich schlafe da keene Minute, da muss man doch immer gewärtig sin, der springt een' von da oben an de Gurgel!" — Alles liegt in der Klappe. Die Zelle ist finster. Von unten ist nur noch mein Schattenriss zu sehen. Mich plagt entsetzlich der Hunger und beinahe noch mehr der Durst.
Noch immer wird unten geraten, wer ich wohl sei. Der Alte beglaubigt oder verwirft diese oder jene Mutmaßung. Nach einiger Zeit bleibt seine eigene Meinung als feststehend zurück. — „Nee, wie ich den Kerl unten bei der Einlieferung mit der Fellmütze gesehen habe, muss es sowas wie'n Sibirier sin, und ich lasse mich nicht davon abbringen, das is schon so, nee, nee, Kinder, sowas is es, gloobt mir das. — Seine Lumpen, das waren welche von eener Vogelscheuche. Jetzt, wo die Erbsen und das Mengkorn rauskommt, gibt's doch draußen Vogelscheuchen in Hülle und Fülle." Der Lahme ergänzt: „Jawoll, Wilhelm, so stimmt et! — Diese Kosaken, det sin janz verwejene Banditen. — Jaja doch, die werden groß beim Rauben und Morden." — „Emil, nun sage du, haste schon eemal sowas in en anständjen Bau angetroffen? Ich wette, der geht die ganze Nacht nich runter von't Fenster." — „Nee, nee, schlafen tut'a ooch nich, er bewegt sich manchmal 'n bisken." — Ich hatte einen gesunden Schlaf da oben.
Als die ersten Lichtflecke in das Dunkel unter mir Gestaltung brachten, erhoben sich der Alte und der Lahme. Wieder drehte sich die Unterhaltung um meine Wenigkeit. — „Willem, det Dumme is hier, det der Bengel keen Wort Deutsch kann. — Junge (zu mir gerichtet), komm doch runter von dein Turm. — Mensch, du frierst doch fürchterlich da oben. — Lass doch mal 'n vernünftiges Wort mit dir reden." — Der Aufseher kommt und lässt den Alten raus. Nach etlichen Minuten erscheinen beide wieder mit Kaffee (Marke Kohlrübe) und Brot. Jeder bekommt einen Topf Kaffee und ein Stück Brot. Der Aufseher ruft: „Hat jeder Salz?" Der Alte erwidert: „Alles noch da!" Klapp rrr — zu ist der Laden. „Also nu, mein Junge, nimm dir dein Karo, einfach aus de Hand geschnitten (Bezeichnung für trockenes Brot)." Gierig fasse ich zu. Emil kommt mit seinem Salznapf und streut mir Salz auf das Brot. Ich danke ihm, indem ich militärisch die Hand hebe. Den Kaffee lasse ich stehen und trinke dafür einen halben Krug Wasser; das schmeckte entschieden besser als die Kohlrübenjauche.
Jetzt wird ausgefegt, ich sehe interessiert zu. Willem, der Alte, meint: „Solche feinen Besen gibt's bei euch nicht!" Emil, der Lahme. erklärt: „In Sibirien jibt's überhaupt keene Besen! Schade, dass der keen Deutsch kann, ick jloobe, der könnte janz so allerhand erzählen, wat?" Ein kleiner Blasser wirft dazwischen: „Mehr könnt er schon wissen wie du." — Emil sagt beleidigt: „Na, ihr Rotznäsen, habt doch überhaupt noch nischt jesehen als wie euer bisschen Schlesien, ihr Lärgen, ihr müsst erst mal dahin kommen, wo ick schon hinjeschissen habe, dann könnt ihr ooch mal 'n Wort mit mir reden."
Wieder kommt der Aufseher. Der Alte stellt die Müllschippe raus und trägt den Abortkübel weg. Als er zurückkommt, hat er eine Kiste, worin kurze Enden Schiffstaue liegen. Auf den Tisch schüttet er die Enden aus. Nun nimmt er den Wascheimer und den Wasserkrug mit hinaus, den Krug bringt er gefüllt wieder mit herein. Jetzt beginnt die Arbeit. Sie besteht darin, die Schiffstauenden mit den Fingern so zu zerteilen, dass sie sich in die einzelnen Hanffasern auflösen. Eine langweiligere Arbeit kann ich mir nicht denken, darum machte ich schon in der ersten halben Stunde Feierabend, legte mich aufs Bett und schlief ein. Im Einschlafen höre ich, wie Emil spricht: „Wenn'a pennt, woll'n ma'n doch mal jenauer bekieken, ob'a Bien' hat?" Willem sagt: „Natürlich, Mensch, hat der Läuse!" Emil darauf: „Na ja doch, Läuse, Läuse, aber wie viel? Läuse harn wa alle 'e paar!" — „Emil, bei mir gibt's keene, wenn ick dir sage!" — „Äh, Willem, mache keenen solchen Kohl, du hast ooch welche. Ick möchte nich kieken bei dir!" —
Ich werde geweckt vom Aufseher. Er feixt mich an: „Du nix arbeiten, du nix fressen!" — Bald merkte ich, dass man mir kein Essen geben will, weil ich nicht beteiligt war am Hanfzupfen. Da hieß es aufpassen. Zunächst markierte ich den Bemogelten, der nicht weiß, warum er nichts bekommt. Willem erscheint mit dem zweiten Tablett, worauf wie beim ersten nur vier Näpfe stehen. Noch als er es in den Händen hielt, nehme ich einen Napf, setze ihn hoch ins Fenster und springe selber nach. Ei verdammt, nun begann ein Gezeter, der eine Schlesier war der Geleimte. Alles wurde durch den tonangebenden Alten in eine humorvolle Situation umgedichtet. Die Schadenfreude blitzte allen aus den Augen. Vor allem wusste ich jetzt, dass niemand ernsthaft mit mir anbinden wollte. Dem Paul schlug man vor, zu klingeln und um eine Portion anzuhalten. Diese Memme brachte aber nicht den Mumm auf. Am Abend sagte der Alte alles dem Aufseher mit einer deutlichen Verdrehung der Tatsachen. Er schilderte die Sache so, als hätte sich der Paul den Napf widerspruchslos von mir vor der Nase wegnehmen lassen. Obgleich jeder wusste, wie der Vorgang war, machte keiner einen Einwand.
Nachmittags gab es keine Arbeit, darum bekam ich meine Schüssel Suppe. Ein Futter, wie es geschmackloser und wertloser nicht verabfolgt werden konnte. Am nächsten Vormittag zupfte ich mit, in der Quantität und Qualität blieb ich weit hinter dem Faulsten zurück. Doch der Alte stellte mir, vom Aufseher befragt, ein blendendes Zeugnis aus. Um zehn Uhr etwa mussten alle hinunter auf den Hof. Hierbei ließ sich feststellen, dass außer uns neun Mann nur noch wenige diese Gaststätte bevölkerten. Das Wetter war schlecht, nach einer halben Stunde ging's wieder hinauf. Ein Leben voller Eintönigkeit. Die Erzählungen ließen erkennen, wegen welcher Vergehen jeder einzelne seine Freiheit eingebüßt hatte. Die Schlesier brummten, weil sie eine missglückte Getreideschiebung auf einem Gute auf dem Gewissen hatten. Der Lahme war bei einer geschlachteten Ziege erwischt worden, die nicht aus seinem Stalle stammte. Und der Alte war das Opfer einer Liebesaffäre. Im Altersheim zu Königsberg in der Neumark wohnte seine Liebste, die hatte er des Nachts besucht. Auf dem Wege durchs Fenster ging eine Scheibe in die Brüche. Der Alte und der Lahme waren wegen unzähliger Vergehen vorbestraft.
Zoten bildeten fast immer den Gesprächsstoff, des öfteren wurde fürchterlich geschwindelt. Auch Witze erzählte man sich. Bei all diesen Debatten blieb ich vollständig teilnahmslos. Will man sich in diesem Sinne tagelang behaupten, muss man wirklich eine große Anstrengung auf sich nehmen. Auch Bücher gab es. Gesangbücher, Katechismen und die — Bibel. Mit den Büchern spielte ich viel. In unauffälliger Weise hielt ich sie beispielsweise verkehrt in der Hand. Im Innern konnte ich das Lachen kaum noch verbergen, wenn in solchen Momenten jemand mit den beleidigendsten Worten darauf hinwies, dass ich Ochse doch die Bücher liegen lassen solle: wer nicht lesen könne, brauche auch keine Bücher anzufassen. Alle Vorwürfe reichten immer nur bis zu einer gewissen Grenze.
Eines Tages wurde einer der Schlesier etwas zu aufdringlich, er bekam eins auf seine Nuss, dass er in sehr zweifelhafter Stellung unter dem Tische landete. Ich war auf eine Schlägerei mit seinen Landsleuten gefasst, niemand rührte sich, im Gegenteil: sie sagten noch, er wäre selber daran schuld. Der Lahme und der Alte beglückwünschten ihn ebenfalls zu seiner geschwollenen Schnauze. Nach einer kurzen Verlegenheitspause war ich bald wieder aller Freund.
Man unterließ es nie ganz, mich wegen meiner angeblich östlichen Heimat und der vermeintlichen Sprachunkenntnis durch den Kakao zu schleppen. Diese harmlosen Witze ließ ich anstandslos über mich ergehen. So habe ich Bartwichse, die der Lahme in meine Suppe drückte, mit einem dankbaren „Hand an die Mütze" quittiert. Er zeigte mir die Tube und ich las deutlich: Bartwichse, er aber sagte: „Sardellenbutter"; die Fettaugen auf der Suppe sollten seine Rechtschaffenheit beweisen. Du armseliger Schwindsuchtskandidat, dachte ich, ich werde mir nicht, um der Sehnsucht wegen, dir deine zwei letzten Zähne herauszuhauen, meine Pläne verpfuschen. Falls es zwischen uns an anderer Stelle ein Wiedersehen geben sollte, so wird es meinerseits ein besonders herzliches sein. Ich hatte eine bodenlose Wut auf diesen lebenden Leichnam. Den Schutzmann, der mich zur Wache genommen hatte, und diesen Krüppel trug ich lange mit mir herum.
Jahre danach wollte ich von Berlin nach Küstrin fahren, in der Hoffnung, einen dieser lieben Freunde anzutreffen, leider bin ich noch nicht dazu gekommen, aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden.
Pfingsten musste ich im Bau verleben. An einem Vormittag wurde ich von einem Aufseher aus der Zelle geholt. In einem Zimmer stellte sich mir ein siebzehnjähriges Mädel als Dolmetscherin vor und fragte mich auf polnisch, ob ich Pole sei. Nachdem ich von ihr erfahren hatte, dass sie nicht russisch spreche, sagte ich auf polnisch, ich sei Russe, aber es wäre wohl eine Verständigung möglich, da ich ein wenig Polnisch könnte. Der Untersuchungsrichter kommt, macht dem Mädel einige tölpelhafte Komplimente und fragt, wie sie sich zu Pfingsten amüsiert habe, ob sie einen Bräutigam habe, ob sie abends öfter spazieren gehe, und noch andere Dinge, die einen Richter interessieren, nebenamtlich kam auch einmal das Gespräch auf mich. Das Mädel fragte nach meinem Namen und Geburtsort, meinen Absichten, mit denen ich nach Deutschland gekommen sei usw. Wo ich die Grenze überschritten habe? Ich lüge wie ein Offizier aus dem Großen Hauptquartier. Nach zehn Minuten hat sich alles erledigt. Der Bauer „Antek Kaczmarek" aus Schepankowitsch in Weißrussland kann gehen. Die Siebzehnjährige muss dem Richter noch einige wichtige Fragen beantworten.
Weitere Tage muss ich durch dreifaches Gitterwerk meine Gedanken schicken, will ich den Frühling ahnen. Das entsetzlich minderwertige Essen macht uns alle schlapp. Es ist eine Gemeinheit sondergleichen, wenn man die Verpflegung wehrloser und rechtloser Menschen in der Hand hat und daraus Vorteile zieht, indem man seinem Vieh das gibt, was die Menschen nur unter großer Schädigung ihrer Gesundheit entbehren können.
Endlich naht für mich der Erlöser in Gestalt eines Ackerbürgers aus Küstrin. Ich soll bei ihm arbeiten. Wie ein nützliches Zugtier werde ich verschachert. Der Bauer: „So, das is er. Na, 'n bisschen verhungert sieht er aus. Aber bei mir frisst er sich schon raus." Der Beamte: „Deutsch kann der Kerl kein Wort." Der Bauer: „Was er bei mir machen muss, sieht er alles an den Fingern ab. Wird schon gehen." Der Beamte: „Natürlich, der macht sei'n Kram, ist doch noch jung und ganz gut gebaut. Na und wenn nich, schicken Sie ihn wieder her." Über den Lohn reden sie nichts weiter, bloß: „Den Kerls nicht viel Geld in die Finger geben, denn sonst werden sie liederlich!" Der Bauer: N' paar Pfennig kriegt er, so für Zigaretten und mal 'n Schnaps. Wie heißt er denn überhaupt?" — „Kaczmarek, mit Vornamen Antek!" — „Antek, na ja, ein'n Iwan habe ich ja schon da, die werden sich schon verstehen! Morgen, Herr Wachtmeister!" „Morgen, morgen!"
Der Bauer hatte fünf Milchkühe, drei Pferde, einen großen Gemüsegarten, Rübenfelder und Wiesen. Um vier Uhr morgens aufstehen und arbeiten bis zehn Uhr abends. Das Essen war für die Hungerzeit des Krieges erstklassig zu nennen. Es gab Wurst und Speck, Milch, Käse und gutes Brot. Mein Äußeres hatte sich wesentlich verbessert. Den Bart, welcher wie ein zarter Pelz um meine Backen lag, hatte ich dazu benutzt, um riesige Kotelletten auszurasieren, sie reichten bis an die Kinnladen und waren nach dem Kinn zu spitz. Von der Frau erhielt ich auf Wunsch einen alten schwarzen Damenfilzhut mit sehr breiter Krempe. Um den Hut legte mir das Dienstmädchen ein breites Band aus braunem Samt, und je nachdem, wo der Wind herkam, saß er abwechselnd tief in der Stirn, im Genick oder auf einem Ohr. Eine Jacke erhielt ich auch von der Frau, jedoch zog ich sie nur sonntags an, bei der Arbeit trug ich nur Hose und Hemd. Das Hemd lieferte ebenfalls die Frau.
Von der Sonne gebräunt, sah ich nicht aus, als hätte meine Wiege im Sachsenwald gestanden. Viele Kameraden aus dem Lazarett traf ich, aber niemand erkannte mich. Einen ewigen Kampf führte ich mit der Dienstmagd. Sie schloss daraus, dass ich nicht deutsch sprach, ich müsse unbedingt dümmer sein als sie es war, und viel Arbeit, welche zu ihrem Ressort gehörte, sollte ich machen, wenn ich ihr Wohlwollen erringen wollte. Iwan dagegen, ein kriegsgefangener Russe, wurde mir ein lieber Freund. Er war der einzige, welcher vielleicht durchschaute, wer ich wohl sein könnte. Eines Tages sagte er mir frei ins Gesicht, ich sei von der deutschen Armee getürmt; ich erwiderte, den Finger auf den Mund legend: „Przsepraszam, Iwan, ty me opowjecsicz inazi (Entschuldige, Iwan, aber erzähle mir etwas anderes)." Nie wieder hat Iwan das Thema berührt.
Eine Mark packte der Bauer aus für eine Woche Arbeit. Als ich mich gehörig ausgegessen hatte, bürstete ich aus meinem Kalabreser den Staub und fuhr auf einer Bahnsteigkarte nach Berlin. Im Wartesaal vierter Klasse des Schlesischen Bahnhofes mischte ich mich unter die Sachsengänger, — das sind Polen, die Saisonarbeit in der Landwirtschaft verrichten. Dort bekam ich auch Brot. In Berlin wurde es mir bald klar, dass man arbeiten musste, um leben zu können. Bei einem Kohlenhändler schleppte ich Kohle für vornehme Leute; die Armen holten sich die Kohlen selbst. Dieser Unterschied ärgerte mich. Von den Reichen genügte ein Telefonruf und schon erschienen Kohlen in jeder gewünschten Menge. Die Armen erhielten nur auf Karte, und trotz Bitten und Betteln gab's kein Brikett mehr. Beim Bauern in Küstrin hielt ich die Stellung drei Wochen, hier nur drei Tage.
Ich meldete mich bei einem Malermeister in der Philippstraße, Charlottenburg. „Sind Sie Maler?" fragte er mich, ich sage mit stark polnischem Einschlag: „Ja, bin Maler." Als er aber merkt, wie wenig Deutsch ich kann, winkt er ab. In einer Brauerei in Spandau frage ich nach Arbeit. „Kommen Sie morgen früh wieder." Beim Portier der Geschoßfabrik wird mein Name notiert und man schickt mich, als man erfährt, dass ich Pole bin, auf das Rathaus, zwecks Erlangung einer Aufenthaltsgenehmigung, da Spandau für gewisse Ausländer gesperrt ist. Auf dem Rathaus will man mich in den Hintern treten, wenn ich nicht sofort das Lokal verlasse.
Ein Beamter erwischt mich auf dem Flur und erklärt: „Geh du nach Schönwalde, da viel Polen arbeiten mit Karr und Schipp!" Schönwalde liegt in Richtung Nauen, zehn bis fünfzehn Kilometer von Spandau entfernt. Abends spät komme ich dort an. Im hohen Kiefernforst stehen Baracken, das sind die Villen der Fremdenlegionäre. Diese Bezeichnung für das Völkchen, das da hauste, ist absolut treffend. Die verwegensten Burschen fanden dort Unterschlupf. Die Firma Neukranz-Posen baute in dieser echt brandenburgischen Streusandbüchse Rieselfelder, ob für Berlin oder Spandau, weiß ich heute noch nicht. Polen, aus der k. und k. Armee getürmte Tschechen, aus dem Internierungslager Ruhleben verduftete Engländer, deutsche Deserteure, entsprungene Zuchthäusler, abhanden gekommene Kriegsgefangene, Brennspiritus saufende alte Penner, blutjunge Burschen mit Kinderstimmen und alle dazwischenliegenden Variationen menschlicher Qualifikation bildeten die Kerntruppen dieser Legion. Eine Rasselbande, wie man sie sich wilder, zerrissener, undisziplinierter nicht denken kann.
Der Schachtmeister, genannt der „Psia Krewje" (Hundeblut), trug stets den Revolver in der Tasche. Bezahlt wurde nach geschätzter Leistung. Erst bis Mittag arbeiten, dann sagte dir der „Psia Krewje", ob du in der Stunde den Höchstlohn 1,20 Mark oder 1,10 Mark, 1,— Mark, 0,90 Mark, 0,80 Mark oder nur den Mindestlohn 0,70 Mark verdient hattest. Wer nicht den Mindestlohn verdiente, bekam eins mit dem Schippenstiel ins Kreuz und musste wandern, wenn er nicht freiwillig ging. Papiere waren Luxus, was hätte es auch genutzt, wenn im Baubüro ein Haufen von Fieppen gelegen hätte.
Zuständiger Amtsbezirk ist Pausin. Man stelle sich den Herrn Amtsvorsteher von Pausin vor; ein guter alter Herr; — bevor es dem Rat der Stadt Berlin eingefallen war, gerade in seinen Amtsbezirk hinein die verdauten Leckerbissen oder Stullen (ob arm, ob reich, im Kote alle gleich) der Berliner abzulagern, war seine hauptsächlichste Beschäftigung neben dem Essen, Trinken und Schlafen, Ackerbau und Viehzucht gewesen. Er besitzt scharfe Augen dafür, wie viel Fuder Mist ein Morgen Kartoffelacker gebrauchen kann, und er sieht auf den ersten Blick, was eine Kuh will, wenn sie „muh" sagt. Aber was so ein verfluchter Ratzimausifallikerli, so ein Dudelsackpfeifenmacher, so eine Zigeunergesellschaft für Ränke ausgeknobelt hat, wenn sie in das Allerheiligste seiner Amtsstube jeden Tag dutzendweise treten, das weiß der gute alte Herr aus Pausin nicht, darum lässt er die Fünf gerade sein und denkt: „Gott wird sie schon strafen".
Nur wenn „Hundeblut" einmal allzu viel Geld des Sonntags in Berlin versoffen oder verhurt hatte und deshalb eine außeretatmäßige Auffrischung seiner Finanzen für dringend erforderlich erachtet, schreibt der gute alte Herr aus Pausin einem der Legionäre einen eindeutigen Brief „zwecks Feststellung Ihrer Personalien... ", worauf sich der Empfänger sofort auf den Weg macht, — natürlich in entgegengesetzter Richtung von Pausin. Eine Lohnzahlung außer an den Lohntagen findet nicht statt. Der Rubel rollt, es schmunzeln die Banditen. Auch hier wieder dasselbe Spiel; die wirklichen Strolche sitzen in sauberer Wäsche und gutem Anzug mit den Bauern, Förstern, Verwaltern und anderen ordentlichen Männern am Tisch beim Bier und versaufen das Geld desjenigen, der wie ein gehetztes Tier, als Lump und Vagabund, die Welt abstreift nach einer Gelegenheit, endlich einmal Ruhe zu finden.
Mancher feste Kerl lässt nicht so leicht den Kopf hängen, er klopft sich auf die braune Brust, macht hier und da einen schnellen Griff, falls seinen leiblichen Bedürfnissen eine legale Befriedigung auf die so genannte „ehrliche Art" versagt bleibt. Alle mit bürgerlicher Moral schwer belasteten Untertanen, welche solch einem Menschen begegnen, sehen sich ängstlich um nach Polizei und Gesetz und — „Oh, Eduard, um Gottes willen, sieh doch mal den Mann, der dort kommt" — und wenn er dann vorbei ist: „O Gott, Eduard, diese entsetzlichen Augen, hast du bemerkt, wie er uns ansah?" — so oder ähnlich sind ihre Bemerkungen.
Entsetzliche Augen? Diese Augen dienen dazu, kilometerferne Punkte abzutasten, zu untersuchen, ob es lohnt, die Schritte dahin zu lenken. Um diese Augen pfeift der Wind der Landstraße. Sie zählen die Fabrikschlote einer Stadt. Sie durchdringen nachts Forst und Flur nach einer Lagerstätte. Madame! Ein Wolf auf freier Steppe hat andere Augen als ein parfümduftendes Schoßhündchen auf Seidenkissen! Wollen Sie entsetzliche Augen sehen, dann gehen Sie in die Privatkabinen der Trustgenerale, deren Augen sind das Spiegelbild einer Mischung aus Machtwillen, Profitgier, Skrupellosigkeit und Weltenraumkälte, die dazu ausreichen würde, wenn es im Interesse ihrer Geschäfte läge, die andere Erdenhälfte zu den Sternen zu schicken.
Auch ich bekam eines Tages eine Einladung zum Amtsvorsteher in Pausin. Auch ich verspürte keine Lust, meine Freiheit gegen eine Pension in Moabit einzutauschen, darum zog ich meiner Straße. Ich besaß etwas Geld, kaufte in Berlin am Lehrter Bahnhof von einem „fliegenden Händler" (wenn er erwischt wird, „fliegt" er ins Kittchen) eine gute Hose und ein Hemd, ließ meine Koteletten rasieren, meinen Kalabreser frisch ausbürsten, hing meine Jacke mit der besten Seite nach oben über die Schulter, nahm meine Tabakspfeife fest zwischen die Zähne und fuhr im D-Zug nach Stendal.
Durch die Knipsschalter gehen hat keinen Sinn, wenn man sämtliche Schutzleute am Orte persönlich kennt und darum eine extra freundliche Begrüßung vermeiden will.
Was will ich in Stendal? Allen Angehörigen nächtlicherweise die Hand drücken, drei- bis viermal in einem richtigen Bett schlafen. Ein Mädel besuchen. Meinen Freund Artur Seidenstücker die Brieftasche abmogeln mit sämtlichen Ausweisen, wie: Dienstbuch der Eisenbahn, Legitimationen, Lohntüten, Musterungspapieren, Briefen, Postkarten und vielen anderen Dingen, und im Gummistehkragen die Reise zur holländischen Grenze mit vorläufigem Bestimmungsort Leer/Ostfriesland antreten!
Mein Geld ist zwar nicht sehr knapp, aber ich spare. In Bremen schlafe ich in einem Bahnwaggon, der auf totem Gleise steht. Am nächsten Tag zwischen sieben und acht Uhr lande ich in Leer.
Schwere Gewitterwolken hingen über dem vielleicht 20 000 Seelen zählenden kleinen Städtchen. Es wetterleuchtete stark, als ich durch die sauberen Straßen ging. Heute abend noch musste ich über die Ems nach der Ortschaft Weener, und von da etwa ein bis zwei Stunden Fußmarsch zur Grenze. Hinein nach Holland! Die ganze Nacht Gewaltmarsch, so dass ich bei Tagesanbruch mindestens vierzig bis fünfzig Kilometer von der Grenze entfernt bin. Dann den Gummikragen wegschmeißen und in Hemdärmeln, wenn möglich mit Holzschuhen und einer requirierten Schippe oder Forke, wie seinerzeit zwischen Posen und Küstrin, mich durchschlagen bis Amsterdam. Das war mein Plan.
Durch Befragen von Kindern auf Plattdeutsch erfuhr ich, dass eine Fähre über die Ems gehe. Dorthin ging ich. Es war bereits dunkel, als ich dort ankam. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit! Ein Mädel sucht mit der Laterne zwischen Sträuchern Regenwürmer zum Angeln. Ich spreche sie an, meiner Stimme möglichst undeutlichen Klang gebend, da ich wohl weiß, dass das Platt hier schon stark ans Holländische anlehnt. Ein sehr großer Unterschied zwischen dem in Hamburg und an der Unterweser in meinen Kinderjahren erlernten Platt besteht aber nicht. — „Ick häw min Pass vagäten, ob ick ooek moal ohne Pass äöbersetten kann?" — „Nä, ohne Pass is hier nix to maken, de hier ohne Pass koamt, dat sünd meist Deserteurs!" — „So, so, na denn mutt ick erst min Pass hoaln!" — Die Kleine hatte aber schon zuviel gesehen. Sie lief so schnell sie in ihren holländer Holzschuhen laufen konnte zum Fährhaus hinunter und rief schon von weitem: „En Deserteur is hier, en Deserteur is hier!" — Das wirkte auf mich wie ein Startschuss. Ich flitzte quer über die Wiesen und Gräben. An dem äußersten Ende einer Buhne (eine zwecks Regulierung des Flussbettes in den Fluss eingebaute, zehn bis zwanzig Meter lange Landzunge) lege ich mich trotz Dreck und Schlamm auf den Bauch, meine Brieftasche halte ich zwischen den Zähnen, denn für den Fall, dass man die Buhne absuchen sollte, habe ich vor, mich geräuschlos nach hinten ins Wasser zu schieben und bis zur nächsten Buhne zu schwimmen.
Es blitzt, schlagartig rollt der Donner. Da sehe ich im Leuchten der Blitze drei Gestalten auf dem Deiche patrouillieren. Das leise Knurren eines großen Hundes macht sich auf der Buhne, auf der ich liege, bemerkbar. Langsam wie eine Schlange gleite ich nach hinten ins Wasser ab. Aber ich kann der starken Strömung nicht widerstehen und muss, dem Wasserstrudel nachgebend, hinter die Buhne. Mit den Händen kralle ich mich in den Gräsern fest. Dieses kalte Bad war nicht notwendig gewesen, der Hund kam nicht bis an das Ende der Buhne, aber sicher ist sicher.
Als das Gewitter seinen Höhepunkt erreichte, platzte es in großen schweren Tropfen vom Himmel. Meine Verfolger zogen sich wahrscheinlich infolge dieses Brausebades etwas schneller zurück, als es sonst üblich war.
Mich störte der Regen nicht, bei mir gab es nur einen Wunsch: eine Gelegenheit ausfindig zu machen, um über die Ems zu kommen.
Nach einer Karte ging bei Irhove eine Eisenbahnbrücke über die Ems, doch wusste ich aus Erfahrung, dass Brücken besetzt waren. Trotz scharfem Auslugen, während es blitzte, entdeckte ich jenseits keinen Uferstreifen. Aber ein Ufer muss die Ems doch drüben haben, mit diesem Gedanken zog ich meine Schuhe aus, band sie zusammen und befestigte sie mit dem Schnürsenkel am Hosenträger. Meine Brieftasche steckte ich unter die Mütze, die ich fest über die Ohren zog, und langsam stieg ich ins nasse Element. Nach fünf bis sechs Metern verlor ich bereits den Grund. Ich sparte meine Kraft, es kam nicht auf einige hundert Meter Abdrift an. Durch das lange Verweilen bei der Verfolgung im Wasser hatte ich viel Wärme eingebüßt, das Wasser der Ems war hundekalt. Wahrscheinlich war es hier so wie an der Unterweser, dass Ebbe und Flut noch zu ihrer Auswirkung kamen.
An etlichen Punkten am Ufer konnte ich feststellen, mit welch großer Geschwindigkeit ich abwärts trieb. An Ebbe und Flut dachte ich nicht, als ich ins Wasser stieg. Nun wurde es mir doch etwas ungemütlich, denn mit der Ebbe etwa in den sehr nahen und kilometerbreiten Emsbusen abzutreiben bei der kalten Temperatur des Wassers, das hieße Schiffbruch leiden. Aus Leibeskräften schwamm ich zurück zum Ufer, meine Hände waren so steif, dass ich kaum noch die Finger richtig zusammenbrachte. Ziemlich kaputt stieg ich auf den Deich. Mich fror sehr. Ich überlegte, was zu tun sei. Das einzig mögliche war: ausschlafen bis morgen und dann weitersehen. Das Gewitter hatte sich verzogen, die Sterne flimmerten am Himmel, breit wie die See lag die Ems. Leise gurgelte der Strom, dem ich soeben entstiegen war. Verdammt! Drüben sein und lausige zwei Stunden Marsch, das bedeutete, das Ziel erreicht zu haben! Ich war nicht gewöhnt, mein gestecktes Ziel nicht zu erreichen. Ein stiller Zorn flackerte in mir.
Wo jetzt schlafen? Schnellen Schrittes ging ich nach Leer zurück. Auf dem Deich kam mir eine Gestalt entgegen. Ich bog aus. Ein frischer Wind blies mir meinen Anzug einigermaßen trocken. Natürlich war ich immer noch quatschenass, als ich in die Straßen von Leer trat. Von dem Turm schlug es ein Uhr. An einer Straßenecke standen zwei Schutzleute. Obgleich sie Dienst machten, gingen sie in Mützen. Einen Augenblick vermutete ich Eisenbahner, jedoch noch im selben Moment sah ich bei einem den Säbel unter dem Mantel
vorstehen. Da ich ohne aufzufallen nicht mehr umkehren konnte, ging ich an sie heran und fragte nach einem Hotel. In Ostfriesland gehen die Leute früh schlafen, und darum erschien es den beiden äußerst verdächtig mit mir. Auf Platt fragten sie nach meiner Herkunft. Ich verstand sie nicht und bat sie, Hochdeutsch zu sprechen, da ich kein Plattdeutsch verstehe. Sie machten kein langes Federlesen, kurz und bündig wollten sie, nach voraufgegangener plattdeutscher Entschließung, mir erklären, dass ich mit zur Wache müsse; ich kam ihnen aber zuvor und sagte, sie sollten mich doch mit auf die Wache nehmen. Ich sei vom Regen vollständig nass, und wenn doch kein Hotel mehr offen wäre, sei es das beste, ich bliebe auf der Wache sitzen.
Auf. einen solchen Fall der polizeilichen Festnahme in Leer war ich tadellos vorbereitet. Der Schwindel, den ich bei einem eventuellen Verhör vorzusetzen gedachte, war glaubwürdig genug, um mich zu retten. Eine Entlarvung an den Grenzen als Deserteur kostete fünf Jahre Festung. Auf der Wache ankommend, hatte ich Geld, Messer und Papiere auszupacken, alsdann ging es hinunter in den Keller. Schon wieder hinter eisernen Gardinen. Unverzüglich zog ich meine nasse Garderobe aus, hängte alles, so gut es ging, zum Trocknen auf und kroch unter die Decke. Ich schlief wiederum den Schlaf des Gerechten. Um acht Uhr weckte mich ein alter Herr mit eisgrauem Bart; er verlangte von mir auf Platt, ich solle den Abortkübel hinaustragen. In solchen Fällen verstehe ich keinen plattdeutschen Dialekt, zumal ich doch den Kübel selbst im kleinen Geschäft nicht benutzt hatte. — „Wenn Sie sich mit mir zanken wollen, mein Herr, dann bitte in deutscher Sprache." Er wurde hundsgemein frech. Ich verlangte mit allem Nachdruck, dem Kommissar vorgeführt zu werden.
Der Kommissar war ein leutseliger Mensch. — „Guten Morgen, Herr Seidenstücker!" — „Guten Morgen, Herr Kommissar! — Herr Kommissar, dort unten verlangte man von mir, ich solle den Abortkübel ausleeren, ich habe dagegen protestiert, da ich das Ding überhaupt nicht benutzt habe. Dann bin ich der Meinung, dass ich doch nicht etwa als Gefangener registriert werde?! Sondern, da ich nur Quartier benötigte und mir Ihre Beamten keins nachweisen konnten, bin ich hier auf der Wache verblieben." — „Herr Seidenstücker, seien Sie ganz imbesorgt. Sie sind natürlich nicht unser Gefangener, aber etwas interessiert uns doch an der Sache, und das wäre der Zweck
Ihres Hierseins. Wie ich aus Ihren Papieren ersehen habe, sind Sie in Stendal beheimatet, nun sind Sie vielleicht einmal so freundlich und erklären mir, was Sie zu uns führte?" „Ich kam mit der Absicht hierher, meinem Onkel einen Besuch abzustatten." „Wo wohnt denn Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf?!" „Deppstedter Chaussee 36!" „Da sind Sie wahrscheinlich im Irrtum, eine Deppstedter Chaussee gibt's hier nicht." „Herr Kommissar müssen das ja schließlich besser wissen, aber das ist doch fast unmöglich, gestatten Herr Kommissar doch bitte meine Brieftasche, ich habe da eine genaue Anschrift; einen Moment, sehen Sie bitte hier." — „Aha! Herr Seidenstücker, nun wissen wir, wo der Hase im Pfeffer liegt; haha, das kommt hier von Zeit zu Zeit doch immer wieder vor. Lesen Sie doch die Adresse einmal deutlich vor!" — „Karl Baake, Lehe, Deppstedter Chaussee 36." — „Na, und? Ist Ihnen da nichts aufgefallen, Herr Seidenstücker?" „Ich wüsste nicht, Herr Kommissar." „Auch bezüglich des Ortes, wo Ihr Herr Onkel wohnen soll, nicht?" — „Ich bin ganz ahnungslos." — „Bitte lesen Sie mal den Kalender dort an der Wand und vergleichen Sie bitte doch die Orte." — „Allerdings muss ich sehen, dass auf Ihrem Kalender ,Leer' steht, und auf meinem Zettel ,Lehe\" — „Nun, ich denke, Herr Seidenstücker, das ist schon ein kleiner Unterschied, nicht wahr?" — „Bitte, Herr Kommissar, erklären Sie." — „Also, wie schon gesagt, diesen Irrtum haben wir hier des öfteren zu verzeichnen, bei Reisenden, die über Bremen kommen. Es ist meistens so, dass auf den Abfahrtsstationen, namentlich auf kleineren, keine direkte Fahrkarte bis Lehe zu haben ist und da löst man dann bis Bremen. An den Schaltern wird nun so wie auf den Bahnsteigen der speziell im Plattdeutschen ziemlich gleichklingende Name manchmal verwechselt. Wo Ihr Onkel wohnt, das ist ungefähr sechzig Kilometer nördlich von Bremen. Dagegen unser Leer liegt etwas entfernter, westlich Bremen. Lehe gehört zu den Unterweserorten, hat etwa 30 000 Einwohner, Leer liegt an der Ems und ist kleiner."
„ Aber das ist doch eine sehr fatale Geschichte, da konnte ich gestern lange eine Deppstedter Chaussee suchen. Das Dumme an der ganzen Sache ist, Herr Kommissar, dass ich hier keinen Menschen verstehen kann. Man fragt und fragt, die Leute antworten, und knapp die Hälfte davon versteht man." „Ja, Herr Seidenstücker, das müssen Sie entschuldigen, denn Sie sind hier an der holländischen Grenze." — „An der holländischen Grenze? Wo bin ich denn bloß hingeraten? Ich war schon mal mit fünf Jahren bei meinem Onkel, ich hatte von damals her leider kein Bild mehr von Lehe. So eine dumme Geschichte, ich verliere von meinen fünf Tagen Urlaub doch glattweg zwei Tage!"
„ Nun muss ich, um den vorgeschriebenen Weg zu gehen, Ihnen leider noch eine Stunde unfreiwilligen Aufenthalt in unseren Mauern vorschlagen. Durch die Nähe der Grenze haben wir hier fast täglich Festnahmen von Deserteuren zu verzeichnen, und Sie müssen, bevor ich Ihnen ,glückliche Reise' sagen kann, einen kurzen Anruf bei Ihrer Heimatbehörde gestatten; ich mache es dringend und hoffe in einer Stunde fertig zu sein. Wie war Ihr Vorname doch gleich, ich habe momentan Ihre Legitimationen ins Nebenzimmer gegeben." — „Artur." — „Und geboren sind Sie?" — „28. 12. 97." — „Ihr Vater heißt mit Vornamen?" — „August." — „Sie wohnen jetzt bei Ihren Eltern?" — „Jawohl." — „Und Ihre Eltern wohnen in Stendal, wo?" — „Bergstraße 67, III." — „So, ich danke sehr. Also einstweilen . .. Herr Seidenstücker, ich lasse Sie gleich rufen."
Noch zwei Stunden schlafe ich in der Zelle, in der ich übernachtete. Der Abortkübel war sauber, nun benutzte ich ihn. Nach etwa zweieinhalb Stunden, — meine Uhr hatte in der Nacht Wasser geschluckt, was ich jetzt erst bemerkte, da ich nach der Zeit sehen wollte, — rasselte es im Schloss. — „Herr Seidenstücker, nun haben wir Sie genug gepeinigt, Ihre Personalien haben sich laut telephonischem Bescheid Ihrer Heimatbehörde als richtig erwiesen. Sie können 7,22 Uhr nach Bremen abfahren. Hier sind Ihre Papiere, Ihr Geld, Ihre Brieftasche, Schlüssel, Taschenmesser. Hatten Sie nicht auch eine Uhr?" „Die hatte ich nicht abgegeben, Herr Kommissar." „So, also nun endgültig ,glückliche Reise' und entschuldigen Sie, aber wir haben nur unsere Pflicht erfüllt." „Keine Ursache, Herr Kommissar. Auf Wiedersehen!" „Guten Tag!" Händedruck. -------Hinaus.
Ich bin bis zum Platzen voller Lachen. Auf einer Wiese spielen Kinder Fußball. Wie wild stürze ich mich mit hinein. Schieße kurz hintereinander drei Tore und gehe langsam zum Deich. Da liegt die verdammte Ems, breit wie ein Meer. Auf dem Deich weiden große Milchschafe. Sie sind an langen Stricken festgebunden. Über eine bestimmte Grenze können sie nicht hinaus. Verfluchte Pest. Es geht den Menschen wie den Schafen. Neben einem Hause steht eine Windmühle. — „Verzeihung, wenn ich störe, darf ich mir mal den Betrieb ansehen?" „Jeau, dat lek sick maken." — Ganz vorsichtig gehe ich auf eine Unterhaltung über die Grenzverhältnisse über. Bald jedoch fragt er mich, — als handele es sich um den Ankauf von einem Pfund Mehl, — ob ich desertieren wolle? Erstaunt winke ich ab und bemerkte, dass ich im Gegenteil gern Soldat sein möchte, ich sei schon viermal gemustert und noch nicht für tauglich befunden. Ohne auf meine Worte zu antworten, sagte er, ich würde nicht über die Grenze kommen, sie sei zu sehr besetzt. Und käme ich trotzdem rüber, die Holländer sähen es mir an der Nasenspitze an, dass ich kein Holländer sei, dann flöge ich wieder raus. Das beste wäre, ich versuchte als Soldat von der Seeseite her nach Holland zu kommen, dann wäre der Krieg für mich vorbei, denn jeder Soldat wird interniert.
Sofort reifte in mir ein neuer Plan. Um sieben Uhr war ich auf dem Bahnhof. Hinter mir stand eine verdächtige Person, höchstwahrscheinlich ein Kriminaler. Als er auch hinter mir an den Schalter trat, um zu horchen, wohin ich fuhr, stand es bei mir fest, dass ich richtig vermutet hatte. Umständlich verstaute ich die Karte unmittelbar am Schalter, jetzt wollte ich wissen, wohin der Kerl fahren wollte. Er holte nur eine Auskunft ein, und zwar, wie lange der Zug in Oldenburg hält. An den Augen des Bahnbeamten sah ich genug, die beiden kannten sich aus in ihrem Geschäft.
Ich fuhr wirklich bis Bremen. Nahm mir einen Tag, um die Sehenswürdigkeiten zu studieren und, nebenbei gesagt, hatte dabei Glück, denn ich fand etwas ganz Wertvolles, wertvoller noch als der Roland von Bremen: ein kleines rothaariges Mädel, Hausangestellte bei einem Konsul. Ich weiß heute nicht mehr viel von ihr, als dass sie sehr lieb zu mir war und dass sie sagte, der Konsul sei ein großes Schwein. Er klatsche sie immer mit der Hand auf den Hintern und fasse sie an den Busen, aber mehr lasse sie sich von ihm nicht gefallen. Wenn ich erst bei den Kulis wäre in Wilhelmshaven und mal nach Bremen käme und wir dann schon eine Weile verkehrten miteinander, dann sollte ich dem Konsul richtig eine runterhauen, damit sie endlich wegkäme von da.
Am andern Tag fuhr ich nach Wilhelmshaven. Wo man die Fahrkarten abgibt, standen zwei Matrosen und verlangten von jedem einen Pass. Ich musste warten, bis alle durch waren. „Warum haben
Sie denn keinen Pass?" — „Ick weeß doch nich, det man hier so'n Pass braucht." — „Ja, was willst du denn hier in W-haven?" „Freiwillig zu de Marine." — „Ach, du! haha häh, hier Hein, hier is een, de will schnell noch, eh die Krieg all geiht, affsupen mit U-Boot! — Herr Kapitänleutnant, sehn Se da die Bude, da gehn Se man rein. . Au Mann! au Mann! dat dat auck noch sowat giwt, ha' ick mi nich dacht!" —
Ein Posten brachte mich in die Kaserne. W-haven-Rüstringen. In der Stube 76 wies man mir eine Koje an. Erst ratzte ich gehörig aus. Am andern Vormittag hieß es für mich antreten und einkleiden. Welch ein Unterschied, wenn ich an den Drill in der Kaserne in Magdeburg denke. Reinschiff machen dauert bis Mittag. Nachmittags gehe ich mit etlichen Kulis in W-haven spazieren. Ich spreche offen mit meinen Kameraden und sage, dass ich im Landheer gedient habe und auch an der Front war. Sie sollten nicht glauben, dass ich aus Patriotismus hierher gekommen sei, sondern, wenn's mal klappt, haue ich ab. Wohin? Mal seh'n! Holland vielleicht. „Ja, Junge du, das is nicht leicht. Neulich, vor 14 Tagen, haben se erst 6 Mann mit Boot erwischt, die wollten auch abhauen. Was meinste, wie viel Polizei- und Patrouillenboote draußen rumsausen? Wenn das so schön ginge, Junge, dann wäre kein Mensch mehr hier."
Schlechte Aussicht! Nach etlichen Tagen muss ich zum Kapitänleutnant Schmidt von der Sechsten kommen! Ich bin einigermaßen überrascht von dem kameradschaftlichen Ton, den er mir gegenüber anschlägt. Ebenfalls im preußischen Landheer noch nicht dagewesen. „Turek, was wollen wir nun machen? Sie sind doch schon ausgebildet, waren an der Front und sind verwundet. Ich kann Sie doch nicht zu den Rekruten stecken?!" Nachdem er sich ausgiebig den Kopf gekrault hatte, sagte er: „Gehen Sie einstweilen nochmal auf Stube 76 zurück, das sind ja alles solche Halbfertige oder auch schon Ganzfertige." Ich war, obwohl auf den Namen Turek gemeldet, nicht als Deserteur erkannt worden, worüber ich mich noch heute wundere; wahrscheinlich kam man infolge allzu zahlreicher Deserteure mit dem Listenschreiben für das Fahndungsblatt nicht nach. Eine wirklich einzige Gesellschaft war auf Stube 76 vertreten. Des Abends wurde laut und kräftig die Internationale gesungen. Viele gute Freunde, die hier auf der Stube ihre Koje hatten, saßen jetzt in Köln auf Festung. Man holte sich Essen, Brot und Fleischbüchsen, wann man Lust hatte. Kam wirklich mal ein Vorgesetzter auf die Bude, so wurde er höchstens veräppelt. „Reinlichkeit muss sein!" dieser Grundsatz blieb oben und darum machte die Kolonne jeden Tag, auch ohne Befehl und wo es ihnen beliebte, Reinschiff. Nachmittags flog alles aus. An die Zeiten hielt sich keiner, manche kamen erst morgens nach Hause, jedoch standen sie auf und halfen mit, wenn die Bude ordentlich gemacht wurde.
Der ganze Betrieb bei der Marine war ein wesentlich anderer als im Heer. Das schien mir daher zu kommen, dass sich die Kulis nicht alles gefallen ließen. Der Kameradschaftsgeist war viel besser. 1917 war eine größere Meuterei gewesen. Dabei hatten einige allzueifrige Chargen einen zünftigen Abreiber bekommen, das saß ihnen noch zu sehr in den Knochen. Die Verpflegung war zwar nicht gut, aber doch um vieles besser und reichlicher als in Magdeburg. Die Tage vertrödelte ich mit Umherstreifen nach Gelegenheiten zum Entwischen, aber leider war nichts zu machen. Allmählich wurde es mir langweilig in W-haven. Ziemlich trocken trug ich meinem Kapitänleutnant den Wunsch vor, nach Hause fahren zu wollen. Kurzerhand, indem er scherzhafte Bemerkungen machte, dass ich so schnell schon wieder die Nase voll hätte, schrieb er mir einen Fahrschein bis Stendal aus. Zweck der Reise: Meldung beim Bezirkskommando Stendal. Wer die Militärgeschichte damals persönlich miterlebt hat, muss zugeben, wie ungewöhnlich diese Handlung war.
Mit zwei Kommissbroten, zwei Fleischbüchsen und zwei Portionen Butter ging ich auf die Reise. Das war ein lustiges Leben. So schnell sollte mich Stendal noch nicht wieder sehen. Keine Polizei, kein Mensch konnte mich irgendwie nach Dingen fragen, die ich nicht hören wollte. Mein Fahrschein war mir eine treffliche Legitimation. In Bremen traf ich das Fräulein vom Konsul noch einmal. Diesmal dauerte die Liebe zwei Tage. „Soll ich dem Konsul mal eine klatschen?" — „Ach, lieber nich, er hat sich schon gebessert. Ich hab ihm gesagt, wenn mein Bräutigam aus Wilhelmshaven kommt, dann sag ich ihm alles, wenn er mich nochmal an die Brust fasst." In Stendal fühlte ich mich nicht recht sicher; es war klar, dass das Bezirkskommando von meiner Desertion unterrichtet sein musste. Eins stand fest bei mir: sehr lange würden die Fronten dem Druck der besser und reichhaltiger ausgestatteten Armeen der Feinde nicht mehr standhalten. Das Volk war ausgeblutet bis auf den letzten Tropfen, kein gutes Wort mehr wurde über den Krieg gesprochen. Niemand im unteren Volke glaubte noch an den Sieg. Der Gesundheitszustand der arbeitenden Schichten war auf einem Niveau angelangt, von dem man wusste: weiter geht's nicht mehr runter. Mit einem neuen Kriegswinter konnten selbst die kurzsichtigen Generalesel nicht mehr rechnen.
Ich begann bereits nachzudenken, wie sich der Zusammenbruch vollziehen werde. In diesen Erwägungen unterschied ich mich haarscharf von den älteren Genossen, die noch in Stendal zurückgeblieben waren. Diese Leute glaubten selbst jetzt noch nicht an eine Revolution. Es war aber auch wirklich hanebüchen, dass man von der Sozialdemokratischen Partei, d. h. ihrer Führerschaft, noch immer kein Sterbenswörtchen von Umsturz oder Revolution hörte. Bei dem bloßen Gedanken an solche Laumeierei überkam mich jedes Mal heller Zorn. Noch immer nannte man mich einen Phantasten. Ganz Gebildete, z. B. unser ehemaliger Jugendleiter, der Genosse Lohse, ein Buchbinder, gebrauchte für mich den Ausdruck „Revolutionsphraseur!"
In Stendal wurde mir der Boden zu heiß. Ich ging aufs Land zu einer Verwandten bei Arendsee in der Altmark. Es wurde mir auch dort zu heiß, nicht der Boden, aber das Bette. Der Gemahl dieser heißen Ottilie war nicht anwesend, er war auf Frankreichs blutigen Schlachtfeldern. Des Tags war das Leben angenehm, ich wurde mit Ei auf Schinkenschnitten, saurer Sahne, gebratenen Hühnern, hausbackenen Konditoreiwaren usw. traktiert. Aber, aber, des Nachts! Ich brauche keine Angst zu haben, sagte Ottilie, und solle mich ruhig neben sie in das Bett ihres Gemahls legen. Angst hatte ich keine, aber furchtbar kitzlig war ich. Nach acht Tagen hatte ich genug von der Kitzelei.
Ich sitze in der Kleinbahn Arendsee—Stendal, als ein Gendarm hereintritt, mich eine Sekunde von der Seite beillert, und da sich ein Theater lohnt, weil genügend Zuhörer anwesend sind, legt er los: „Zeigen Sie doch mal Ihre Papiere, sind Sie denn kein Soldat? So'n Kerl wie Sie müsste doch eigentlich Soldat sein?!"
Ich hielt gerade eine Kornblume zwischen den Zähnen und, anstatt einer Antwort, drehte ich die Kornblume in die andere Mundecke und sah zum Fenster hinaus. Diese Geste, unterstützt durch eine äußerst nervöse halbe Drehung auf meinem Sitz, blieb nicht ohne Wirkung auf den Schnauzbärtigen. Er besann sich auf seinen
Säbel, packte ihn fest mit der Linken und fragte halb schnauzend, ob ich nicht gehört hätte, dass er mit mir redete! Ich antwortete ganz schnauzend, mit einer ruckartigen Drehung zu ihm: „Gottverdammig, Gottverdammig, Gottverdammig, was wollen Sie denn, hä? Ist es nicht genug, dass man sich an der Front die Knochen kaputt schießen lässt?" — Laut brüllend, den Übernervösen markierend, meine Kornblume dem ziemlich verdutzt dreinschauenden Gendarm vor die Füße werfend: „Verdammig, verdammig, was ist denn schon wieder los, hä, hä?"
Meine Mutter, die mit im Abteil saß, wurde leichenblass. Etliche Passagiere nahmen bereits Partei für mich. Der Fatzke mit dem Säbel Wurde immer verlegener, er sagte nur noch halb so laut: — „Langsam, langsam, junger Mann, nich so aufgeregt, man wird doch mal fragen können. Das ist doch unsere Pflicht." — „Da sind wir gar nicht aufgeregt", sagte ich halblaut, „ich gehe gerne mit, gerne, desto eher wird der Krieg alle, man hat sowieso keine große Lust mehr." — Der Schnauzbärtige sucht Hilfe bei den Mitfahrenden. Er begründet seinen Standpunkt einem alten Herrn; der ist wahrscheinlich bedeutend älter, als er aussieht, er sagt nur immer: „Ja ja, hm hm, ja ja". Ich hatte mich wieder dem Fenster zugewendet und war fest entschlossen, auf die ersten drei Fragen überhaupt nicht zu antworten, auf alles übrige explosiv zu reagieren. Mein Entschluss war überflüssig, der Gendarm verkrümelte sich ohne besondere Empfehlung.
In Stendal sann ich auf neue Ränke. Ich meldete mich beim Bezirkskommando und mimte dort eine sehr konfuse Figur. Ein Leutnant: „Rätselhaft, verstehe ich nicht! Erst bei der Armee, dann bei der Marine!?" Sehr vorsichtig, etwa als hätte ich ein Drittel vom § 51 (Unzurechnungsfähigkeitsparagraph) gefrühstückt, gab ich meine Erklärungen. Das Männchen war hart. Endlich kam er mit der Frage, .auf die ich schon lange gewartet hatte: „Sind Sie verwundet?" „Ja, en bisschen, leicht." — „Wo denn?" — Ich zeigte die knallrote Narbe am Unterschenkel. „Sonst noch irgendwo?" — „Noch'n bisken am Kopp" — ich zeige ihm eine kleine haarlose Stelle am Hinterkopf, die ich schon als Säugling hatte. — „Ahso! Und was wollen Sie denn nun hier bei uns?" „Ja, ick weeß nich, ob ick nu wieder an die Front komme!" „Unsinn! Wir schicken doch von uns aus niemand an die Front!" — Nach längerer fruchtloser Debatte empfiehlt er mir, ins Garnisonkommando zu gehen und dort das Weitere abzuwarten.

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