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Karl Grünberg - Brennende Ruhr (1928)
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13. KAPITEL

Ernst Sukrow hatte an diesem Morgen einen Spaziergang in Richtung Süderholt unternommen. Die Sonne kämpfte mit einem feinen Nebel, der noch die den Horizont zerhackenden Schlote, Halden, Fördertürme und Hochöfen verhüllte. Auf den Wiesen am Kanal leckten ein paar magere Ziegen das schüchterne Grün ab, und eine Lerche trillerte in unsichtbarer Höhe dem Licht entgegen. Der Frühling hat sich auch in diese trostlose Gegend verirrt, dachte der einsame Wanderer, dessen Gedanken seinen Schritten weit vorauseilten, dorthin, wo es keine hässlichen, von kranken Menschen überfüllte Industriestädte gab. Seine wanderfrohen Gefühle sammelten sich schließlich in einem Vagantenliedchen, das er früher oft mit frohen Gesellen auf freier Fahrt gesungen hatte:
„Mein Schatz nahm einen andern Wohl um das schnöde Geld. Drum will ich als Spielmann wandern In die weite, weite Welt."
Jetzt mit den ersten Frühlingslüften kam ihm erst zu Bewusstsein, was den ganzen Winter so schwer und dumpf auf ihm gelastet hatte. Er gehörte hier nicht her, würde sich nie an Kohlenstaub und Aschenregen, an diesen ständig grauverhangenen Himmel gewöhnen. Wenn hier die Schornsteine wieder zu rauchen anfingen, war es mit dem bisschen Frühling sowieso schnell vorbei.
Im rüstigen Weiterschreiten wuchs in ihm ein Entschluss. Er würde nicht bleiben! Seine Träume hier waren endgültig ausgeträumt, sowohl die von der Bergarbeiterpoesie als auch die von der sozialen Republik. Und auch das Liebeslied war zu Ende, das kitschige Kindermärchen von dem armen Hirtenknaben und der schönen Prinzessin! Er lachte und schämte sich zugleich, fand eine stille Genugtuung darin, vor sich hin zu variieren: Du bist ein Esel, du bist ein großer Esel, du bist ein so großer Esel, wie es ihn noch nie gegeben hat!"
Aber Gott sei Dank! Das alles lag nun weit hinter ihm. Umsonst war diese harte Schule hier nicht! Er hatte versucht, das Leben bei den Hörnern zu packen und war Sieger geblieben! Er war sichtbar gereift, und dies machte ihn so froh, dass er singen konnte.
Sowie der Generalstreik zu Ende war, ging er fort! Seine „Alma Mater" sollte jetzt draußen die Landstraße sein. Den Rhein hinauf auf Schusters Rappen, wie Grothe es so oft erzählt hatte. Mit seiner Klampfe und zwei Händen, die zuzupacken gewöhnt waren, würde er wohl überall durchkommen. Vielleicht, dass er seelisch noch eben so frei werden konnte wie der Freund, den er so oft darum beneidete.
Hier hielt ihn ja nichts zurück. „Mary?" -
Ein leiser Stich in der Brust zeigte, dass da noch ein kleiner Stachel saß. Aber der würde sich draußen ausheilen. Sie und Grothe passten entschieden besser zusammen. Grothe hatte sich in der Welt genügend umhergetrieben, um hier vor Anker gehen zu können. Mochten die beiden glücklich werden, er wünschte ihnen alles Gute. Mit einem trockenen und einem feuchten Auge konnte er scheiden.
Durch die Luft zitterte von fern her ein singender Ton. Betroffen aufhorchend blieb er stehen. Das war doch die Sirene von „Deutsche Erde"?
Das Alarmsignal? -
Er begann mit großen Schritten den Weg zur Stadt zurückzugehen. Jetzt unterschied er auch deutlich das grelle Pfeifen von „Beate", den dumpfen Brummton von „Kaltenborn und Opler"! Wie von selbst setzten sich seine Füße in Dauerlauf.
Plötzlich stockte sein Fuß und Herz zugleich. Durch das nervenaufpeitschende Heulen der Alarmsirenen drang ganz deutlich das wohlbekannte „Taktaktak" eines Maschinengewehrs an sein Ohr. Kein Zweifel, in Swertrup ging es los!
Eine unsagbare Wut überkam ihn, Wut über seine eigene Ohnmacht. Erst gestern abend noch hatte Grothe ihm gesagt:
„Wird es ernst, wirst du Kommandeur und ich dein Adjutant." Dann hatten sie sich eine volle Stunde über organisatorische und technische Einzelheiten unterhalten, wobei ihn die guten militärischen Kenntnisse des jungen Kommunisten, der nur einfacher Infanterist gewesen war, überraschten. Unzweifelhaft würden sie beide zusammen Ersprießliches leisten. „Halte dich nur bereit, wir werden dich schon noch brauchen", hatte Grothe beim Abschied gesagt. Jetzt brauchte man ihn... und er war ganz in Gedanken und Gefühlen erstickt hier hinausgelaufen, weil er keine Ausdauer zum Abwarten gehabt weil er nicht mehr im Ernst an Kampf geglaubt hatte. Den Treidelweg am Kanal herab kam ein Radfahrer. Sukrow lief über eine alte Schuttabladestelle hinweg auf ihn zu.
„In Swertrup wird gekämpft; ich muss dabeisein; nehmen Sie mich mit!" rief er dem Mann entgegen, ehe dieser noch abgebremst hatte.
„Steige hinten auf", sagte der andere, indem er mit dem rechten Fuß das Gleichgewicht stützte. Ein dumpfes Rollen aus der noch etwa zwei Kilometer entfernt liegenden Stadt schütterte herüber.
„Das sind doch Minenwerfer?" rief der Arbeiter und begann unter Einsatz des ganzen Körpergewichts zu treten. In wenigen Minuten waren sie zwischen den Mietshäusern. Die von Sonnenglanz erfüllte Straße lag wie ausgestorben, aber an der nächsten Ecke kam ihnen ein aufgeregter Schwarm Männer, Frauen und Kinder entgegen. Fluchen, Weinen und wilde Verwünschungen! Inmitten der heulenden Weiber und gestikulierenden Männer humpelte ein alter Mann, über die rechte Schulter ein armseliges Bündel Flicken geworfen, aus dem es rot heruntertropfte.
„Hövelmann! — Um Gottes willen, was ist denn geschehen?"
Der Alte glotzte ihn mit irren Blicken an, als kenne er ihn nicht.
„Vier Jungen sind im Kriege gefallen, den letzten haben voriges Jahr die Noskes in Bottrop erschossen und jetzt noch das Hannchen!" murmelte sein zahnloser Mund. Das leblos baumelnde Kinderköpfchen mit den verglasten Augen zeigte, dass hier jede ärztliche Kunst zu spät kam. Ein Mann erzählte:
„Ein Panzerauto kam die Gräfrather Straße heruntergefahren und begann plötzlich aus den Maschinengewehren links und rechts in die Häuser zu schießen. Das kleine Ding da wurde in seinem Bettchen getroffen."
Durch die Menge ging ein tierhaftes Auf brüllen. Ein Arbeiter schwenkte einen verrosteten Karabiner.
„Rache! Rache!"
„Gib mir!" keuchte Sukrow und griff impulsiv nach der Waffe.
„Du bist wohl geck!" Der Mann gab ihm einen Stoß, dass er gegen einen Bretterzaun prallte und lief dem Knattern der Maschinengewehre entgegen.
Kurz vor dem Einsetzen der Alarmsirenen hatte eine Kompanie der „Hacketäuer" auf dem Hindenburgmarkt haltgemacht, wo sie, ohne Gewehr und Gepäck abzulegen, aus dem Bergmannsbrunnen tranken. Die Soldaten zeigten unter den unförmigen Stahlhelmen blutjunge, aber aschgraue Gesichter. Viele stützten, bis die Reihe an sie kam, ihre schweren Tornister auf die Gewehre.
Die Offiziere liefen, halblaut zur Eile treibend, auf und ab. Die um sie herum sich ansammelnde Menschenmenge machte sie sichtbar nervös.
Hinter der Kompanie kam ein Zug schwerer Maschinengewehre; dann mit Planen verdeckte Krümperwagen. Ein Sanitäter mit einem Pferdeeimer voll Wasser schlug die Plane eines Wagens zurück; Gestalten mit erdfarbenen Gesichtern und blutigen Verbänden kamen zum Vorschein. Die Mitleidsäußerung einer alten Frau ging restlos in dem Zorn der anderen unter.
„Wie viele von unseren Kollegen haben die wieder auf dem Gewissen?"
„Habt ihr denn vergangene Ostern schon vergessen?"
„In Hamborn haben sie schon ordentlich Dunst gekriegt."
„Schade um jede Kugel, die danebenging!"
Die Bemerkungen erfolgten so laut, dass die Soldaten sie wohl verstehen konnten.
„Fertigmachen!" rief der Führer, dem die wachsende feindselige Stimmung nicht entging. Den letzten noch zum Wasser Herandrängenden schlug er die Becher aus den Händen.
„Kompanie ohne Tritt, marsch!" Johlen und Pfeifen der Menge folgte.
„So ist's richtig; jetzt lasst ihr sie ruhig abziehen, damit sie unsere Brüder wieder abschlachten. Ihr seid ja auch keine Männer, Scheißkerle seid ihr", höhnte ein hageres Weib den mit geballten Fäusten drohenden Männern. Da begannen die Sirenen zu heulen. -
Der erste Zusammenstoß erfolgte an der über die tiefliegende Eisenbahn hinwegführenden Brücke. Ein großes Lastauto, auf dem Kopf an Kopf Sicherheitssoldaten standen, bahnte sich, fortwährend hupend, seinen Weg durch die von Menschen gefüllte Straße. Hinten angebunden war ein Minenwerfer.
Auf der steilen Brückenrampe geriet der Minenwerfer seitlich ins Rutschen und kippte an der Bordschwelle um. Die Menge drängte näher heran, und ein junger Bursche versuchte, mit seinem Taschenmesser das Seil zwischen Auto und Geschütz zu durchschneiden.
In diesem Augenblick flog vom Auto herab ein kleiner Gegenstand einer Frau mitten in den Einholekorb. Mehr einer instinktiven Eingebung folgend, schleuderte die erboste Korbträgerin das schwarze Ding mit dem blanken Metalldraht augenblicklich zurück. Die Eierhandgranate krepierte nach Art eines Schrapnells mit dumpfem Krachen dicht über den Köpfen der Soldaten. Die Wirkung war eine doppelte. Man sah blutbespritzte Uniformierte kopfüber herunterspringen. Für die Menge aber, von der die wenigsten überhaupt die Ursache bemerkt hatten, war die Detonation das Signal zum Losbruch des so lange zurückgehaltenen Grolls. Kaum einer hatte eine andere Waffe als seine Fäuste, aber man riss die bestürzten Soldaten mit bloßen Händen nieder, trat sie mit Füßen, entriss ihnen die Waffen.
„Ihr Hunde wollt auf uns schießen?" -
Fäuste, Markttaschen, Taschenmesser, Hausschlüssel, Gewehrkolben, Seitengewehre sausten nieder, aber das Ungestüm der herandrängenden Menge war so groß, dass in dem wüsten Knäuel bald kaum noch einer die Arme heben konnte.
„Schlagt sie tot, die Bluthunde!"
Plötzlich peitschten von der anderen Seite in schneller Folge Schüsse die Straße entlang. Im Nu stob die Menge auseinander, aber die Männer, die die Karabiner an sich genommen hatten, begannen aus Hausfluren und hinter Mauervorsprüngen hervor die anrückenden Truppen zu beschießen. Der Straßenkampf begann!
Von allen Seiten eilten bewaffnete und noch mehr unbewaffnete Arbeiter herzu. Das heftige Knattern des Gewehrfeuers, das nervenerschütternde Bellen der Maschinengewehre, untermischt von den dumpfen Schlägen zerspringender Handgranaten, alarmierte bis in die Außenviertel hinein. Aber noch aufpeitschender wirkte das sich fortwährend wiederholende Aufheulen sämtlicher Werksirenen.
Von der evangelischen Kirche läutete es Sturm!
Niemand auf Seiten der Arbeiter hatte in diesem elementar aufbrennenden Kampf zunächst eine Führung. Jeder tat, was ihm nach Lage der Dinge selbst als richtig erschien. Erst allmählich im Laufe des dreistündigen Kampfes setzten sich Beispiel und Rat einzelner in lokale Führung um, bildeten sich planmäßig vorgehende Gruppen. Zwar wurde die Ratinger Straße, die den nach Norden drängenden Truppen allein als Abzugsstraße übrig blieb, von diesen in der Längsrichtung beherrscht, aber überall wurden jetzt die Seitenstraßen aufgerissen, wuchsen Barrikaden aus Pflastersteinen, Mülleimern, Karren und Gerümpel, von wo aus die vorbeimarschierenden Soldaten unter Feuer gehalten wurden. Zwar erstürmten einige Abteilungen solche Barrikaden, fanden aber, wenn sie das Hindernis besetzten, dieses geräumt und die Gegner in die nächsten Häuser geflüchtet.
Eine Abteilung von dreißig Mann, die sich hierbei zu weit in die Lichstraße hinein vorwagte, sah sich plötzlich rückwärts abgeschnitten und warf auf Zuruf die Gewehre bin. Aber nicht genug damit, die Arbeiter machten auch erfolgreiche Gegenangriffe, wobei ihnen an einer Stelle mehrere Brot- und Munitionswagen und fünf schwere Maschinengewehre in die Hände fielen.
Die bereits nach Norden durchgekommenen Truppen machten wieder Front gegen die Stadt und begannen mit schweren Minen zurückzuschießen. Unter furchtbarem Krachen schlugen die auf gut Glück gerichteten Geschosse durchweg in außerhalb der Kampfzone liegende Häuser.
Aber weder diese unsinnige Bombardierung noch das Vorstoßen Feuer speiender Panzerwagen in Seitenstraßen vermochte irgendwie die Kampfeswut der Arbeiter zu dämpfen. Auch die weiter nördlich gelegenen Zechen begannen jetzt den Truppen zuzusetzen, so dass der Ab-
marsch immer mehr ins Stocken geriet. Alles kam durcheinander, und in wilder Panik warfen ganze Züge der durch fortwährende Kämpfe, Märsche und Gerüchte zermürbten Truppen ihre Gewehre vor einigen schlechtbewaffneten Kumpels hin und gaben sich gefangen.
Ein Hauptmann von den 135ern versuchte angesichts der verstopften Brücke mit seiner Kompanie seitwärts entlang der Bahn einen Übergang zu gewinnen. Sie fanden auch nur wenig Widerstand, aber die Straße mündete bald in einen schmalen Engpass. Links lag der Bahnkörper mit hohem stachligem Eisenzaun, jenseits der Bahn der Kanal, rechts aber zogen sich weithin die hohen Mauern der Schlackensteinfabrik.
Eine riesige, von Betonmauern gestützte Schlackenhalde sprang wie ein Sperrfort rechteckig in die Straße hinein.
„Da oben sind welche", rief ein Unteroffizier, dessen scharfe Augen den unheimlichen Berg ängstlich abtasteten.
„Die Kerls haben ja keine "Waffen", beruhigte der Offizier, der, sich im Sattel aufrichtend, durch das Fernrohr ein halbes Dutzend fäusteballender Arbeiter erblickt hatte. Aber plötzlich begann es dort oben zu rutschen und zu prasseln, Steine und Schlackenbrocken bis zur Größe eines Quadratmeters brachen hernieder.
„Auseinander! Marsch, marsch!" brüllte der Hauptmann, da schmetterte schon ein scharfzackiger Schlackenbrocken seinem Pferd in die Vorderfüße, dass sich Roß und Reiter überschlugen. Rettung vor den Lawinen gab es nur vorne! Als sie aber die Straße durch einen quergestellten Wagen verriegelt fanden, warfen auch sie die Gewehre hin und ergaben sich.
Sukrow war im Weiterlaufen auf die rückwärtige Mauer der Berg- und Hüttengesellschaft „Deutsche Erde" gestoßen, an der entlang er bis zur Ratinger Straße kommen musste. Immer heftiger wurde das Geschieße, aber die Mauer wollte und wollte kein Ende nehmen. Kurz vor der Ratinger Straße lag eine alte Abraumhalde, nach den Straßen hin mit einer schräggestellten Betonmauer abgesteift. Unten standen an zwanzig Arbeiter, von denen einer ein Infanteriegewehr mit abgesplittertem Kolben, ein anderer einen Pferdeeimer aus Segeltuch mit Stielhandgranaten trug. Gierig streckten sich die Hände danach aus. Sukrow erwischte die letzte.
„Oben haben sie zwei Maschinengewehre eingebaut, damit können sie die ganze Ratinger- und Lichstraße beherrschen, wir müssen sie runterholen", sagte jemand. Sukrow hatte gewohnheitsgemäß den Handgranatenstiel herausgeschraubt und traute seinen Augen nicht. „Wisst ihr denn überhaupt mit den Dingern Bescheid?"
Ein junger Bursche machte die Bewegung des Handgranatenwerfens: „Einundzwanzig - zweiundzwanzig -dreiundzwanzig! -"
„Ja, ihr Schafsköpfe, aber die Sprengkapseln fehlen, so gehen sie nicht los", rief ein kleiner Kerl in verschmutzter Marineuniform.
Sukrows Blick fiel auf einen Jungen, der eine Holzschachtel in der Hand hielt und erkannte sofort die gefährlichen Dinger. Schnell waren die Wurfgranaten geschärft.
Oben begannen die unsichtbaren Maschinengewehre zu hämmern.
Der Matrose maß prüfend die Höhe der Wand. „Ach was, die acht Meter kommen wir schon hinauf", rief er, steckte die Granate in die Tasche und begann, ohne sich umzusehen, geschickt die schräglaufenden Regenrinnen auf allen vieren emporzuklimmen. Die anderen folgten. Einige rutschten zwar zurück, aber die meisten kamen doch bis zur Mauerkrone.
Die Schützen an dem MG., die sich durch den hinter ihnen klaffenden Abgrund gesichert glaubten, bekamen keinen schlechten Schreck, als hinter ihnen eine Detonation ertönte. Alle hoben die Hände hoch bis auf einen Unteroffizier, der die Pistolentasche aufriss. Aber ehe er zum Schuss kam, schlug ihm eine Stielhandgranate über das Gesicht, dass das Blut spritzte.
Sukrows geübter Blick erkannte sofort die strategische Wichtigkeit dieses Postens. „Alles hört auf mein Kommando!"
Die Arbeiter blickten ihn erstaunt an - und gehorchten.
„Die Gefangenen legen sich drüben am Mauerrand platt auf die Erde, zwei Mann als Bewachung dazu. Sowie sich einer rührt, Handgranaten dazwischen! Wer ist am MG. ausgebildet?"
Der Matrose und zwei Mann meldeten sich. Sukrow richtete das eine Gewehr eigenhändig auf die etwa dreihundert Meter entfernte Straßenkreuzung, die gerade von dichten Infanteriekolonnen passiert wurde. Schon nach der ersten Geschoßgarbe, die etwas zu hoch ging, stockte der Durchmarsch. Während ein Teil der Soldaten die kugelspritzende Halde unter Feuer zu nehmen versuchte, machten die anderen gegen die nachdrängenden Arbeiter einen wütenden Gegenangriff, wobei sie aus den Kellern der Häuser alle Einwohner heraustrieben. Und nun geschah das Unglaubliche: Sie jagten die Gefangenen in das Schussfeld der gegnerischen Maschinengewehre, damit der Durchmarsch weiterhin ungehindert vonstatten gehen konnte.
„Verdammt", schrie der Matrose, „jetzt stellen wir unsere Gefangenen auch vor die Gewehre."
„Das nutzt uns einen Dreck, wenn wir uns dann gegenseitig nur angaffen. Die ganze Gruppe rückwärts hinter die Halde", kommandierte Sukrow.
„Solche Schufte!" keuchten die Arbeiter, die nicht übel Lust hatten, ihre Erbitterung an den Gefangenen auszulassen.
„Acht Mann mit einem MG. halten den Posten besetzt, damit sich die Noskes nicht wieder einnisten. Wir anderen müssen sehen, ihnen wieder in die Flanke zu kommen", sagte der Führer. Durch die verödeten Werkanlagen hindurch gelangten sie auf eine Seitenstraße, wo sich ihnen neue Arbeitergruppen anschlossen.
Gegen drei Uhr zog sich der Kampf nach Norden hinaus. Hinter den geschlagenen Truppen aber stießen die einmal in Wallung geratenen Arbeiter scharf her. Die Ratinger Straße dröhnte von den verfolgenden Lastkraftwagen; schussfertig drohende Maschinengewehre auf den Führerhäuschen. Auf Trittbrettern und Kühlern, ja selbst auf den Kupplungen der Anhänger standen und hockten in lebensgefährlichen Stellungen, den Hut weit im Genick, die Knarre schussgerecht in der Faust, die schwarzen, verwegenen Gestalten der Hamborner und Ruhrorter Kumpels. Ein Kommandoruf - und wie die Katzen sprangen sie ausschwärmend herunter. Unter großem Jubel folgte ein Panzerauto mit roter Flagge.
Auch Sukrows Abteilung hatte ein Lastauto requiriert. Die Arbeiter brannten darauf, sich der Verfolgung anzuschließen, aber der umsichtige Führer ließ vorerst auf einem benachbarten Hof Benzin zapfen. In der Nähe des Bahnüberganges musterte er inzwischen seine auf ungefähr fünfzig Mann angewachsene Schar, die sich willig seinem Kommando untergeordnet hatte. Bei Ausgleichung der Bewaffnung, Gruppenteilung usw. unterstützte ihn wiederum Kleinjohann, der Matrose, ein ehemaliger Angehöriger der Berliner Volksmarinedivision. Aus den umliegenden Häusern aber eilten Frauen herbei, um die tapferen Streiter mit Kaffee und Brot zu laben. Ein Kaufmann verteilte Zigarren.
Plötzlich rief eine bekannte Stimme Sukrow beim Namen. Max Grothe, das Gewehr über den Rücken, zwei halbgeleerte Patronengurte um den Hals, und eine blutige Binde um die Stirn, begrüßte ihn stürmisch. „Bist du verwundet?" fragte Sukrow besorgt. „Nicht der Rede wert, mein Junge, ein Steinsplitter streifte mich, als bei der katholischen Schule eine Mine einschlug, - aber wo hast du nur gesteckt, wir suchten dich schon überall."
„Wir haben die Halde bei ,Deutsche Erde' gestürmt! Zwei Maschinengewehre erbeutet", prahlte ein junger Arbeiter.
„Dann wart ihr die, die den Abmarsch auf der Ratinger Straße ins Stocken brachten? - Unterdessen haben die Hamborner zwei Kanonen erbeutet", schmunzelte der junge Kommunist. „Aber jetzt musst du mit zum Volkshaus, wo der Vollzugsrat über den militärischen Oberleiter beraten wird."
In diesem Augenblick fuhr das Auto vor, und die Arbeiter sprangen, noch ehe es richtig hielt, hinauf. Sukrow machte ein unschlüssiges Gesicht. „Ich möchte meine lieben Kerle doch jetzt nicht im Stich lassen!"
Grothe widersprach. „Dudo, der militärische Oberkommandierende aus Mülheim, dem wir uns unterstellt haben, ist hier und besteht darauf, dass wir uns eine vernünftige militärische Organisation schaffen. Es sind genug unterwegs, um die Noskes weiterzujagen. Aber was wir brauchen, ist eine richtige Rote Armee, die uns ein festes Rückgrat gibt, um den Stoß weiterzuführen, wenn die Kappisten sich setzen. Wir haben eine ganze Menge Waffen erbeutet. Du musst jetzt das Einteilen unserer Formation übernehmen."
Sukrow zauderte noch immer. „Gerade aus dem Grunde wird es gut sein, wenn ich mitfahre, um die Noskes auf dem laufenden zu halten. Das Einteilen kannst du ebensogut vornehmen, da wir ja erst neulich die Sache eingehend besprochen haben. Außerdem kennst du die Leute alle besser als ich."
Die Kumpels auf dem Auto wurden schon ungeduldig, und der Chauffeur ließ den Wagen langsam anlaufen. „Also topp, dann Hals- und Beinbruch zur fröhlichen Jagd, ich komme dir spätestens morgen früh mit dem formierten Haupttrupp nach", entschied Grothe, kurz entschlossen ihm die Hand drückend. Ein Dutzend Hände streckten sich Sukrow beim Aufsteigen hilfreich entgegen.
Die Zurückbleibenden schwenkten ihre Kappen. „Hoch!" - „Hoch!" - „Gebt's ihnen noch ordentlich, Kumpels!" - „Wir kommen nach!" riefen sie den Abfahrenden nach. Lustig flatterte der rote Wimpel im Winde.

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