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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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RUHE UND ORDNUNG...

Im nächsten Semester gehe ich nicht wieder nach Halle zurück. Ich bitte von Jena aus meine Burschenschaft um meine Entlassung. Sie wird mir in Form des nicht eben ehrenvollen „Rats zum Austritt" gewährt.
Aber trotz meinem Ausscheiden aus der Korporation komme ich von meiner Vergangenheit nicht so schnell los. In jeder neuen Universitätsstadt, in die ich übersiedle, treffe ich alte Bekannte, die es mir einfach nicht glauben wollen, dass ich ein Andrer geworden bin...
In einem einfachen, billigen Restaurant in Jena werde ich beim Mittagessen auf einen Streit aufmerksam, der sich an einem Nebentisch erhebt. Der Kellner schimpft auf einen Herrn, der sein Essen nicht bezahlen kann. Der Gast kommt mir bekannt vor. Es ist Schiebel.
Ich helfe ihm aus der Verlegenheit, und er erzählt mir von seinem Schicksal. Er ist zum zweiten Mal durchs Referendarexamen gefallen; sein Vater hat ihm jede Unterstützung entzogen.
„Wovon lebst du denn?" frage ich ihn.
Schiebel lächelt: „Das wirst du gleich sehen," sagt er und geht in eine Buchhandlung. Nach einigen Minuten kommt er mit einem dicken wissenschaftlichen Werk unter dem Arm wieder heraus. Er hat es auf Kredit gekauft und verkauft es sofort beim nächsten Antiquar, an dem wir auf unserm Wege vorbeikommen.
„Lange kann ich das allerdings nicht mehr machen," sagt er besorgt. „Ich bin jetzt bald bei allen Buchhändlern in Jena bekannt."
Er sieht schlecht aus. Sein Anzug ist abgetragen und sein Gesicht mager und ungesund. Ich frage ihn vorsichtig:
„Das kann doch mit dir nicht so weiter gehen?"
„Gott sei Dank ist jetzt in Oberschlesien gerade wieder was los," sagt Schiebel erleichtert. „Ich habe mich schon als Freiwilliger gemeldet. Soll heute Bescheid bekommen. Willst du nicht mit?"
Ich schüttle den Kopf, aber Schiebel lässt nicht locker. Ich soll wenigstens mitkommen und mir anhören, was der Werbeoffizier sagt. Schiebel tut sehr geheimnisvoll. Es darf nämlich keiner wissen, dass überhaupt Freiwillige für Oberschlesien angeworben werden. Die
Regierung versichert bei jeder Gelegenheit, die Freiwilligen, die in Oberschlesien kämpfen, seien da beheimatet.
Wir halten vor dem Hause einer Verbindung. Der Portier öffnet uns und fragt nach unseren Wünschen. Schiebel legt die Hand an den Mund und flüstert: „O. S."
Wir werden eingelassen und gehen eine Treppe hinunter. In einem Kellerzimmer, das als Trinkstube ausgestattet ist, sitzen an langen Tischen etwa zwanzig Studenten. Bei unserm Eintritt erhebt sich ein Herr und stellt sich als „Oberleutnant Scholz" vor.
Wir nehmen Platz. Der Werbeoffizier erzählt weiter, und ich habe Muße genug, ihn mir zu betrachten. Ein noch sehr junger Mann mit frischem Gesicht, hoher Stirn und stechenden, kleinen Augen. Die Studenten — meist ungediente Leute — hängen wie gebannt an seinen Lippen.
„Es ist eine Freude, zu sehen, wie jeder einzelne von unseren Freiwilligen sich für die gute Sache einsetzt. Meine Herren, ich bin vier Jahre im Felde gewesen, aber solche Heldentaten wie in Oberschlesien habe ich selten zu Gesicht bekommen. Das liegt natürlich daran, dass wir uns unsere Leute ganz genau aussuchen. Wir können da selbstverständlich nur erstklassige Kerle gebrauchen, entschlossene und gewandte Leute, die wissen, was sie Deutschlands Ehre schuldig sind."
Und dann erzählt der Freikorpsoffizier von wütenden Kämpfen mit den Polacken; von Strolchen, die man einfach ohne Gnade an Chausseebäumen aufknüpft, oder denen man eine Kugel vor den Kopf schießt; von einem Vorgesetzten, der auf seinem Schimmel wie der Teufel durch wahnsinniges Feuer reitet, und den niemals eine Kugel trifft; von Polenmädchen, denen man den Hintern vollhaut und das Nötige besorgt.
„Also, meine Herren, wenn Sie uns helfen wollen, in Oberschlesien Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, dann sind Sie uns willkommen. Wir können jeden echten deutschen Mann gebrauchen."
Viele von den Studenten schlagen sofort in die Hand ein, die ihnen der Werber entgegenstreckt. Heute Abend schon soll ein Transport nach Oberschlesien abgehen. Schiebel will auch mit.
Wir bleiben bis zur Abfahrt des Zuges zusammen. Der Werber hat Schiebel ein paar Mark gegeben, die er jetzt vertrinkt. Er glüht vor Begeisterung:
„Mensch! Endlich mal wieder ein anständiges Leben! Ich verstehe gar nicht, warum du nicht auch mitkommst. Kannst du dir denn was Schöneres vorstellen, als so'n kleinen Krieg mit Zubehör? Denk' doch mal an unsere Zeit im Freikorps, war das nicht großartig?"
Schiebel redet sich in immer größere Begeisterung hinein und wird immer betrunkener. Ich fürchte, nach ein paar Minuten wird er anfangen, zu weinen und sein elendes Leben zu bejammern. Ich schleppe ihn in ein Kino, bis die Zeit zur Abfahrt gekommen ist.
Schiebel ist jetzt ganz still geworden: „Was soll ich denn sonst tun, was? Sag' mir einen Ausweg, und ich bleibe hier. Was soll ich denn sonst tun, wie?"
Ich weiß es nicht. Mir ist elend vor Mitleid. Schiebels Gepäck besteht aus einer Zahnbürste und einem Paar wollner Strümpfe, die er in der Manteltasche trägt.
Am Bahnhof trinken wir noch einige Gläser Bier. Endlich ist es soweit. Die fünfzehn Mann besteigen den Zug. Außer mir sind noch andere Studenten da, die ihre Freunde begleitet haben.
Der Zug setzt sich in Bewegung. Ein junger Kerl stimmt das Deutschlandlied an. Das letzte, was ich von den Freiwilligen sehe, ist dieses kinderjunge Gesicht, das sich in unheimlicher Begeisterung förmlich verzerrt:
„...von der Etsch bis an den Belt..."
Wenige Wochen später finde ich in den Hallischen Nachrichten, die ich aus alter Anhänglichkeit immer noch lese, eine Todesanzeige: „Unser hoffnungsvoller Sohn". „Im Kampf um Deutschlands Ehre". Darüber ein Eisernes Kreuz und der Bibelspruch: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde."
Schiebel ist bei der Erstürmung des Annabergs in der Nähe von Kandrzin gefallen.
Jahre später, zur Zeit der Ruhrbesetzung, treffe ich in München auf der Straße den Freiherrn von Vogel. Er erzählt mir, dass er in der Zwischenzeit in Oberschlesien gewesen ist und schwer verwundet wurde.
„Was machst du hier in München?" frage ich.
Vogel sieht scheu an mir vorbei: „Ich habe die unbedingte Gewissheit, dass von München noch einmal die Erneuerung Deutschlands aus-
gehen wird," sagt er. „Wir werden endlich mal in dem roten Berlin Ordnung schaffen. Es kann nicht mehr lange dauern. Hitler und Ludendorff werden es schon schaffen."
Ich äußere meinen Zweifel daran, dass sie es schaffen werden. Vogel sieht so maßlos erstaunt aus, dass ich fast lachen muss.
„Vollkommen irrsinnig!" stellt er fest. „Komm mal mit, sieh dir mal die Leute an, die für unsere gerechte Sache kämpfen wollen, und dann urteile!"
Wir gehen nach Schwabing. In einer obskuren Kneipe tagt da ein Stammtisch von etwa zwanzig Studenten, die sämtlich der Brigade Ehrhardt und den nationalsozialistischen Sturmabteilungen angehören. Fast alles Norddeutsche. Sie haben schon oft in Berlin, in München, Hamburg, Leipzig und in Oberschlesien für Ruhe und Ordnung gekämpft.
Da sitzen dreißigjährige Mediziner, die das Physikum noch nicht gemacht haben, ebenso alte Techniker, die sich auf das Vorexamen vorbereiten wollen, arme Kerle, die wegen einer Maß Bier, die sie nicht bezahlen können, sich mit der Kellnerin streiten...
Und alle reden sie mit funkelnden Augen von dem bevorstehenden Marsch nach Berlin, wo sie Ordnung schaffen wollen.
Später sprechen sie von militärischen Dingen. Ein, aufgesoffener Mecklenburger ist der Kommandant von Ehrhardts schwerer Artillerie. Er raucht eine halblange Pfeife und gibt sachverständige Auskünfte über die Schusswirkung seiner Mörser, die einstweilen von der Reichswehr in Ordnung gehalten werden.
Ein andrer junger Herr ist schon sehr betrunken. Er heißt von Brose und beschwert sich darüber, dass er immer noch nicht weiß, ob seine Minenwerfer Pferdebespannung bekommen, oder ob sie auf Autos gesetzt werden sollen.
Einen dritten redet man nur mit Spitznamen an. Er ist an dem Salzsäureattentat auf Scheidemann beteiligt gewesen, hält sich unter falschem Namen in München auf und ist im Büro der Reichswehrinfanterieschule angestellt.
Augenblicklich schimpft er auf den Senatspräsidenten Schmidt vom Reichsgericht. Der soll zu einem völkischen Angeklagten, der sich aus einer Sache herausschwindeln wollte, gesagt haben: „Lügen Sie nicht! Das mag völkisch sein, — deutsch ist es nicht." Der Scheidemann-Attentäter knurrt zwischen
Dann schlägt der Student Saiten mit seinem Spazierstock eine Gaslaterne ein...
Vogel besucht mich häufig und macht mich mit anderen seiner Kameraden bekannt. Jeden neuen Freund, den er mir vorstellt, kenne ich, obgleich ich ihn nie gesehen habe. Sie studieren, waren früher Offiziere, haben jetzt in irgendeiner nationalen Organisation eine meist kümmerlich bezahlte Stellung und warten auf das Wunderbare, das sie diesem kleinen Alltagsleben entreißen soll.
Ich kenne sie alle, denn sie sind sich alle gleich, und ich war selbst einst wie sie.
Einer dieser Bekannten Vogels, Schuster, kommt eines Tages in meine Wohnung gestürzt. Er hat einen funkelnagelneuen Sportanzug an. In der Hand schwenkt er triumphierend einen Fünfzigtausendmarkschein. Soviel Geld hat er eigentlich im ganzen Monat nicht zu verzehren.
„Wollen Sie mit?" fragt er drängend.
„Wohin?"
„Ins Ruhrgebiet, Brücken sprengen." Und dann erzählt mir Schuster freudestrahlend, er sei zu einem Kommando ausersehen worden, das im besetzten Gebiet Sabotageakte ausführen soll. Er ist ganz außer sich:
den Zähnen hervor: „Das Schwein ist der Nächste, der dran kommt!"
Redakteure vom „Völkischen Beobachter" erscheinen, schimpfen und trinken in einem fort. In Abständen von zehn Minuten sagt der eine von ihnen: „Der gehört geschächtet!" Das gilt jedes Mal einem Politiker, den man sich gerade durch die Zähne zieht.
Zwei Stunden später sind alle sinnlos betrunken. Ein sehr junger Student legt plötzlich seinen Kopf an meine Schulter und schluchzt: „Ahes, was mein lieber, lieber Führer von Brose befiehlt, das tue ich!"
Von Brose ist sehr aufgeregt: er soll kein Bier mehr bekommen, weil die Polizeistunde schon vorbei ist.
„Meine braven Minenwerfer werden schon noch eine Maß besorgen," brüllt er, un sofort springen zwei junge Leute auf und reden beschwörend auf die Kellnerin ein.
Freiherr von Vogel schläft, den Kopf auf di Tischplatte gelegt. Er wartet auf die Befreiung Deutschlands, die von München ausgehen wird.
Ich gehe. Noch auf der Straße höre ich durch die geschlossenen Fenster Broses Kreischen: „...endlich mal Ordnung schaffen..."
„Mensch, fein! Endlich mal wieder ein anständiges Leben! Endlich kann man sich mal wieder nützlich machen! Ich bekomme ein Motorrad und zwanzigtausend Mark täglich. Heute Abend fahre ich schon ab nach Karlsruhe, wo ich eingeteilt werden soll."
Gestern Abend hat draußen in Prinz-Lüdwigshöhe eine Besprechung stattgefunden. In der Villa eines berühmten Generals, der die Sache organisiert.
Ich frage Schuster nicht nach dem Namen. Ich weiß ja, dass es Ludendorff ist.
„Wie ist es, wollen Sie nicht mit?"
Ich schüttle schweigend den Kopf.
Schuster sieht mich ganz verständnislos an, aber er ist viel zu glücklich, um sich irgendwelche Gedanken über den Grund meiner Weigerung zu machen. Ich versuche auch gar nicht, ihn zum Bleiben zu bewegen. Ich weiß ja doch: ich würde Phrasen zu hören bekommen, gegen die es keine Argumente gibt, und würde ihm niemals die Überzeugung, dass durch solche Sabotageakte das Ruhrgebiet von den Franzosen befreit werden könne, ausreden.
Er braucht ja diesen Glauben. Sonst müsste er beschämt und entsetzt erkennen, dass hinter seinen Gefühlen, die er in jene Phrasen kleidet, ein Rest steht, den kein tönendes Pathos auflösen kann.
Und dieser Rest heißt: „Ein Motorrad und zwanzigtausend Mark täglich."

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