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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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SKRUPEL

Aber es geht nicht los.
Das Jahr 1919 nähert sich seinem Ende, und immer noch gehe ich morgens ins Gymnasium, nachmittags in den Ruderklub oder mit Kameraden in Konzertcafes und führe weiter ein phantastisches Doppelleben, von dem nur meine nächsten Freunde wissen.
Abends mache ich dann manchmal Dienst. Immer öfter wird mir mein Leben zum Ekel. Aber ich finde keine Kraft zu einer wirklichen Änderung. Einmal versuche ich es. Ich gehe einfach nicht mehr aufs Garnisonkommando und zur Geschäftsstelle der Abteilung. Mir ist alles über.
Aber dann wird mir das Geld knapp. Ich muss billige Zigaretten rauchen und kann mit meiner Freundin nicht ins Kino gehen. Ihre Eltern sind zwar schwerreiche Leute, aber sie wird sehr knapp gehalten. Es bleibt mir also nichts weiter übrig, als wieder Berichte zu schreiben. Und auch das geht nicht ohne Erschütterungen ab.
So muss ich einmal zu einer Versammlung einer kommunistischen Jugendgruppe gehen. Es wird wohl nicht viel los sein, aber ich soll in Gesprächen die Stimmung unter den Jungens und Mädels sondieren.
Ich finde den Saal, in dem sie tagen, nicht gleich. Nachdem ich durch alle Räume des „Volksparks" gegangen bin, entdecke ich sie schließlich in einem Gartenzimmer. Es ist schwer, sofort zu übersehen, worum es sich handelt. Überall ein heimliches Gekicher und Gemurmel, das von der Stimme des Vortragenden nur schwer übertönt wird. Man versteht ihn schlecht, es ist zu laut im Saal, und außerdem stößt er noch mit der Zunge an.
Ich rücke näher heran und betrachte ihn. Es ist ein Mensch etwa in meinem Alter. Er hat ein paar Bücher vor sich liegen und ein Blatt Papier, von dem er seinen Vortrag abliest. Er spricht über Heinrich Heine. Nicht gut, denn was er sagt, klingt trocken und hat kein Leben. Er erläutert Heines Bedeutung für die deutsche Literatur und bleibt dabei im Unwesentlichen stecken.
Ich will mich zuerst über ihn amüsieren, denn es ist ein Bild von rührender Komik, wie sich dieser junge Fanatiker die Kehle ausschreit, während kein Mensch ihm zuhört. In einer verschwiegenen Ecke haben zwei junge Leute ein hübsches Mädchen mit frechem Gesicht auf ihren Schoß gezogen und knuffen und patschen auf ihr herum, während sie sich mit unterdrücktem Quieken wehrt.
Dann tut mir aber der arme Kerl leid. Seine Augen brennen, seine Lippen zittern vor Erregung, und plötzlich bricht er seinen Vortrag ab.
„Genossen!" schreit er mit fistelnder Stimme. „Es ist traurig, dass Ihr nichts lernen wollt. Ihr habt andauernd die Weltrevolution und die Diktatur des Proletariats in der Schnauze und tut nichts dafür. Ihr seid dumm! Herrgott noch mal, begreift doch endlich: Wissen ist Macht!" Dann packt er seine Bücher zusammen und geht an den betreten Schweigenden vorbei aus dem Saal.
Du armer Kerl! Wissen ist Macht! Er schreit diese Lüge wie ein Evangelium heraus und glaubt daran als an eine letzte Wahrheit. Ich möchte ihm nachrufen: Das ist Schwindel! Ich weiß so viel, viel mehr als mir lieb ist, ich kann dir von mystischen Zahlen erzählen, von der Entwicklung Englands zur Kolonialmacht oder von der Wirkung der Romantik auf die katholische Weltanschauung, — ich weiß so viel, und bin doch ein armer Hund, genau wie du.
Ich möchte ihm so Vieles sagen. Aber er ist ja ein Kommunist, und ich bin ein Spitzel...
Ich gehe. Draußen an der Haltestelle der Straßenbahn treffe ich ihn wieder. Er sieht mich unsicher an. Dann scheint er mich zu erkennen. Er sagt höflich:
„Entschuldigen Sie, waren Sie nicht eben auch im Volkspark?"
Ich zögere einen Moment. Vielleicht weiß er, dass ich ein Spitzel bin? „Jawohl, ich habe Ihren Vortrag über Heine mit angehört," sage ich dann entschlossen.
Wir kommen ins Gespräch. Der junge Kommunist sagt „Genosse" zu mir und redet sich seinen Jammer von der Seele. Er spricht von der Weltrevolution, entwickelt die Theorien des Marxismus, erzählt Einzelheiten aus dem Leben im neuen Russland. Und immer wieder bricht die Enttäuschung darüber durch, dass die „Jugendgenossen" nicht reif sind für die Diktatur des Proletariats, dass sie nichts lernen wollen, dass sie nicht begreifen, in welch furchtbar ernster Zeit das Proletariat lebt.
Und dann redet er wieder von der Freiheit des Willens, von der kommunistischen Idee im Urchristentum, und ich muss plötzlich an den komischen Theologen Korbmacher denken. Der sagte schließlich so ungefähr dasselbe. Der verlangte von seinen Kampfgenossen auch reine Herzen und reine Hände.
Aber der hatte ein Gewehr in der Hand und wollte auf die Kommunisten schießen, weil die Revolution eine Schande und ein Unglück sei. Und der junge Genosse neben mir hat ebenso wenig zu essen und ist von seiner Sache ebenso überzeugt wie Korbmacher.
Und beide sind sie anständige und ehrliche Menschen, die sich für ihre Idee in Stücke hauen lassen und jedes Opfer bringen werden. Und beide werden sie eines Tages aufeinander losgehen und sich das Messer in den Bauch rennen.
Wollen sie nicht schließlich dasselbe? Haben sie nicht beide recht? Können sie denn nicht sehr gut friedlich neben einander leben, ohne sich weh zu tun? frage ich mich.
Hastig und verlegen verabschiede ich mich von dem Kommunisten, gehe still nach Hause und komme mit meinen Gedanken nicht zurecht...
Einmal höre ich das Referat eines kommunistischen Reichstagsabgeordneten über das Betriebsrätegesetz mit an und erschrecke sehr, wie ich mich darauf ertappe, dass mich fast alle Argumente des Redners überzeugen. Ich empfinde peinlich scharf das Ungehörige meiner Regung und zwinge mich, nicht mehr hinzuhören.
Manchmal, wenn die Versammlung sich zum Schluss erhebt und die Internationale anstimmt fühle ich etwas von der ungeheuren Suggestion des Solidaritätsgedankens. Ich schauere zusammen und fürchte die Frage, ob diese fröstelnde Ergriffenheit Angst ist oder Ansteckung.
Und immer muss ich mich nachher mit Selbstvorwürfen quälen, denn es geht doch nicht an, dass mir die Arbeiter manchmal sympathisch sind!
Ein älterer Arbeiter, den ich nur unter dem Namen Robert kenne, imponiert mir geradezu. Ich treffe ihn fast auf jeder Versammlung und höre zu, wenn er — was häufig geschieht — mit jüngeren Genossen über politische Tagesereignisse diskutiert. Ich höre, dass er ein sehr tüchtiger Arbeiter ist, der in seiner Fabrik so-
gar Meister werden sollte. Robert hat aber diese Beförderung, die für ihn eine recht erhebliche Verbesserung seiner Lebensführung bedeutet hätte, abgelehnt aus Furcht, er könnte eines Tages als Werkmeister mit den Interessen seiner Genossen in Konflikt geraten.
Robert spricht manchmal auch mich an. Beschämt lüge ich ihm vor, ich sei Schreiber bei einem Rechtsanwalt. Er hat mich augenscheinlich gern, denn oft kommt er nach einem Vortrag zu mir und fragt mich, ob ich auch alles verstanden habe. Hin und wieder frage ich ihn dann wohl auch, und er gibt mir freundlich Bescheid.
Oft spricht Robert von Karl Marxens „Kapital". Ich habe schon viel von diesem Buch gehört als von einem Schand- und Schmutzwerk, das an der ganzen Aufsässigkeit und Anmaßung der Arbeiter schuld ist. Es selber zu lesen, kam mir noch nie in den Sinn. Die Feststellung meiner Verwandtemund Lehrer, wonach die von Marx propagierte Gemeinwirtschaft Verbrechen, Unfug, Utopie bedeute, genügte mir.
Weil nun aber Robert immer wieder auf das „Kapital" zurückkommt, und ich mich bei ihm wegen meiner völligen Unkenntnis nicht verdächtig machen will, leihe ich mir das Buch von einem Bekannten aus und bin maßlos enttäuscht. Zunächst einmal langweilen mich die trockenen ökonomischen Auseinandersetzungen erheblich. Dann sage ich mir, dass diese Behauptungen wissenschaftliche Thesen sind, die falsch sein mögen, die aber doch immerhin diskutiert werden könnten. Nur weil vor siebzig Jahren einmal ein gewisser Karl Marx ein Buch geschrieben hat, deshalb braucht man doch nicht gleich zu prügeln und zu schießen?
Und doch wird diese Lektüre für mich zu einer schweren und nachhaltigen Erschütterung. Ich habe mir bis jetzt immer eingebildet, sehr klug zu sein, während der Arbeiter ein absolut ungebildeter Mensch sei, der zu keinerlei wissenschaftlicher Arbeit fähig ist. Aber ganze Kapitel dieses Buches verstehe ich einfach nicht, über die Robert und seine Freunde ohne Schwierigkeit diskutieren. Offenbar ist ein langwieriges Spezialstudium dazu nötig, die Marxschen Thesen auf ihre Stichhaltigkeit hin zu untersuchen. Man darf doch nicht einfach über eine Sache urteilen, von der man nichts versteht? Haben denn wirklich alle meine älteren Bekannten, die auf Marx und den Sozialismus schimpfen, dies Buch gelesen? Ich komme mir dumm und unreif vor, dass ich eine so einfache Sache nicht begreifen kann, und lese das „Kapital" immer wieder, mache mir Auszüge daraus und versuche, mit Freunden darüber zu sprechen.
Aber ich habe kein Glück damit. Immer, wenn ich von Marx und seinem Werk zu reden anfange, sagt mir jemand: „Lass doch den Unsinn!" Oder er hört gar nicht zu und spricht von etwas anderem.
Einmal trifft mich auch mein Onkel über der Lektüre. Er sieht sich den Titel an und lächelt nachsichtig: „Warum liest du solch Zeug?" fragt er mehr belustigt als neugierig.
„Man muss sich doch ein Urteil bilden," antworte ich verlegen. Und dann erzählt er mir, dass das gar nicht nötig ist. Über Marx und seine blödsinnigen Theorien seien schon von „verständigen" Leuten so viele Bücher geschrieben worden, dass ich mein Urteil ruhig von denen übernehmen könne. Er will mir mal so ein Buch besorgen. Aber daraus wird nie etwas. Er vergisst es, hält es anscheinend nicht für so wichtig...
Ich lerne viel. Ich habe immer geglaubt, die Latjer seien eine kompakte Masse, in der sich der Eine in nichts vom Andern unterscheidet Und nun weiß ich, dass es Sozialdemokraten gibt und Unabhängige und Kommunisten, und dass sie alle etwas verschiedenes wollen. Einer hält den Andern für einen Verräter.
Und dann höre ich immer und immer wieder, wie sie von den Menschen meiner Klasse wie von ekelhaften und bösartigen Tieren sprechen. Genau so, wie meine Verwandten und Bekannten von den Spartakisten.
Ganz allmählich, und ohne dass ich mir darüber klar bin, fange ich an zu vergleichen, halte die Augen offen und sehe vieles, was mir altgewohnt ist und mir plötzlich doch ganz neu erscheint. Anderes, worüber ich mir niemals Gedanken gemacht habe, gewinnt auf einmal fremde und überraschende Bedeutung.
Ich habe zuviel gesehen und weiß nicht mehr, wer recht und wer unrecht hat. Ich habe zuviel gesehen und weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.
Lehrer und Verwandte reden von einem Leben, in dem alles gut und schön ist. Ich habe den Glauben an dieses Leben verloren. Sie sehen eine Bühne, auf der sich große und edle Gefühle zu heroischen Taten ballen. Und ich
stehe hinter den Kulissen und sehe die nackte graue Rückseite, sehe mit erschreckender Deutlichkeit den ganzen theatralischen Apparat, der dieses falsche Pathos erst ermöglicht.
Ich weiß mehr als sie alle.
Ich weiß von Lohntarifen und von Akkordarbeit, von Spitzeln und Mördern, von Huren und Säufern, von geldgierigen Offizieren, von fetten Bürgern, die den Hunger nicht kennen und nichts als fressen wollen, von Pastoren, die Demut predigen, und die in frömmelndem Hochmut ersticken, von Lehrern, denen das Gesicht im Genick sitzt, die nur rückwärts sehen können und sich begeistern an Dingen, die nicht mehr da sind, — und über diesem allem steht in fetten Lettern „Vaterland", und ich soll es lieben und verehren und soll mich in dieses Gewirr und Geschiebe einfügen und nicht nach rechts oder links sehen.
Und soll glauben, dass Kommunisten wilde Tiere sind, die stehlen und morden, die „panem et circenses" schreien, die nicht an Gott glauben, die platte Dummköpfe und widerwärtige Materialisten sind und meine Feinde — die mich wie einen tollen Hund totschlügen, wenn ich ihnen in die Hände fiele —, verkommene
Menschen, die aus dem Munde riechen und vor Schweiß und Schmutz starren.
Ich weiß plötzlich, dass das Leben ganz anders ist, als man mir immer erzählt. Ich bin klüger als meine Eltern und Lehrer, ich kenne das Leben besser als sie, die sich immer nur in der eng vorgezeichneten Bahn von Klasse und Beruf bewegen.
Ich bin ein Außenseiter und weiß, dass die Reinheit des Wollens und der Segen Gottes nicht einzig gebunden sind an jene Gedanken und Gefühle, die auf der bürgerlichen Ideologie beruhen. Ich sage mir, dass es Märtyrer und Propheten auf beiden Seiten gibt, ebenso wie kalte Rechner und brutale Idioten.
Und ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt und finde durch meine Gedanken nicht hindurch; denn es ist niemand da, der mir hilft, und der mir klar machen kann, warum diese ungeheure Spannung von Wut und Abscheu, dieser riesenhafte Vorrat von Erregung und Kampfgier sein muss.
Ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt und weiß, dass meine Lehrer lügen, wenn sie mich ein Leben von Opferwillen und Gottesfurcht lehren.
Es ist überall dasselbe. Und ich habe Angst vor mir selbst, wage keine Entscheidungen und laufe weiter den gewohnten Weg. Müde und traurig.
Dann sagen Erwachsene, ich sei sentimental, ich leide an Weltschmerz, ich sei ein unbequemer Schüler, und reden viele Worte, die mir lächerlich erscheinen...
Manchmal denke ich noch an den jungen Kommunisten, aber das Erlebnis kommt mir schon fern und unwirklich vor. Ich weiß, dass ich ihn bald vergessen werde.
Es ist ein Notwehrakt, wenn ich mir den Gedanken an ihn aus dem Kopf schlage. Ich wäre verraten und verkauft, wenn ich die Konsequenzen aus jenen Überlegungen zöge, die mich in den letzten Wochen und besonders an jenem Abend überfallen haben. Ich habe übrigens auch keine Zeit dazu:
Webach besucht mich und bringt mir mein Geld von der Abteilung mit. Er erinnert mich daran, dass wir uns am Abend mit Freiherrn von Vogel verabredet haben. Das ist ein neuer Mann in unserer Abteilung, der Nachrichten über Rechtsverbände herbeischafft.
Die schießen jetzt nämlich wie Pilze aus der
Erde: Stahlhelm, Deutschnationaler Jugendbund, die Kriegervereine rühren sich, die Einwohnerwehr bildet übergeordnete Verbände, und alle wollen etwas anderes. Vogel ist der richtige Mann dafür. Ein gewandter, sehr vornehmer Herr, der sich überall der größten Beliebtheit erfreut.
Nachmittags muss ich in den Deutschnationalen Jugendbund. Ich habe versprochen, zur Weihnachtsfeier einen gemischten Chor einzustudieren. Außerdem will ich da den Geschäftsführer der Partei treffen, der mir ein paar Bücher versprochen hat.
Dann ruft Walter mich noch an und bestellt mich „in dringlichster Angelegenheit" zu sich.
Ich vergesse den Kommunisten schneller als ich gedacht habe. Bei Walter erinnere ich mich noch einmal schmerzhaft an ihn. Ich habe nämlich neulich einen Bericht geliefert über eine Rede, die der Kommunist Lemck gehalten hat. Walter fragt mich, ob dabei nicht vielleicht der Ausdruck „Auf die Barrikaden!" gefallen sei.
Ich weiß genau, dass das nicht der Fall ist. Walter ist sehr ungehalten über meine Halsstarrigkeit. Lemck ist nämlich ein „gefährlicher
Mann". Man hält ihn aus irgendwelchen Gründen für den militärischen Leiter der K. P. Halle.
Walter lässt durchblicken, dass man Lemck an diesem Ausspruch aufhängen kann. Wenn ich bezeugte, dass er „Auf die Barrikaden!" gesagt hat, könnte man ihn verhaften und ihn unter Anklage stellen. Dem Garnisonkommando wäre das sehr erwünscht.
Walter gibt mir zwei Minuten Zeit. Ich soll es mir noch einmal genau überlegen.
Dann fragt er mit ernstem Blick: „Kannst du nun auf deinen Eid nehmen, dass Lemck den Ausspruch getan hat?"
Ich grinse ihm höhnisch in die Zähne: „Nee, mein Lieber!"
Wir scheiden nicht eben freundlich von einander.
Am Abend spendiert von Vogel Sekt, den wir mit Schwedenpunsch mischen. Der Freiherr ist strahlender Laune und erzählt unausgesetzt die haarsträubendsten Geschichten von dem Straßburger Kavallerieregiment, bei dem er aktiv war.
Er ist bald vollständig betrunken. Für die Nacht hat er noch einen Hauptspass vor: neulich hat ihn ein — wie er sagt — jüdischer
Zigarettenhändler aus seinem Laden hinausgeworfen, weil er da monarchistische Brandreden gehalten hat.
Auf dem Nachhauseweg, es ist gegen drei Uhr nachts, schneidet er mit seinem Taschenmesser ein großes Viereck aus den Plakaten einer Litfasssäule. Dann zieht er sich zurück und erleichtert sich auf das Papier.
Nach einer Weile kommt er wieder, die Plakate sorgfältig zusammengefaltet. Er klatscht das besudelte Papier an die Schaufensterscheibe des betreffenden Ladens und beschmiert das ganze Fenster unter wieherndem Gelächter mit Kot.
Sein Vater war im Kriege der Führer einer Heeresgruppe im Osten...
Den Kommunisten habe ich bald wirklich vergessen.
So vergeht das Jahr 1919. Im Februar 1920 falle ich durchs Abitur. Es macht keinen sehr großen Eindruck auf mich. Nur habe ich bisher die Absicht gehabt, Theologie und Philosophie zu studieren, und dazu habe ich nun keine Lust mehr, wo ich noch ein halbes Jahr auf der Schulbank sitzen soll.
Aber es ist mir auch gleichgültig, was ich werde. Geld verdiene ich jetzt so viel, wie als Akademiker noch nicht in vier Jahren.
Ich gleite langsam aus der mir vorgezeichneten Bahn. Der Bazillus „Ruhe und Ordnung" hat mich infiziert.
Meine Mitschüler diskutieren Platon. Ich mache manchmal mit, aber im Grunde amüsiere ich mich darüber. Was haben wir heute mit Platon zu tun?
Ich bemitleide die Jungen, die sich jetzt überlegen, wie sie am schnellsten zu ihrem Lebensziel kommen können. Assessor oder Assistenzarzt. Wichtigkeit! Ich fühle mich lebenskräftig und verwegen. Irgendwie werde ich schon durchkommen. Wenn sich mit der Spitzelei so viel Geld verdienen lässt, dann bleibe ich eben dabei. Vielleicht werde ich auch Reichswehroffizier, das sind heute die angesehensten Leute.
Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt und fülle einen Platz im Leben aus, der allen Menschen Respekt einflößt. Ich bin achtzehn Jahre alt und habe immer Geld in der Tasche. Ich rauche anständige Zigaretten, und wenn ich will, kann ich mir Sekt mit Schwedenpunsch leisten.
Wie kann mir da mein Direktor imponieren, wenn er mich „aus pädagogischen Gründen" durchs Abitur fallen lässt? Ein armer Mensch, ein seltsames Gemisch von preußischem Hauptmann und alexandrinischem Bücherwurm. Ein kalter Bürger, ein hellenistischer Irrer, der sich als Grieche fühlt, wenn er sich die Hosen auszieht.
Ich fühle mich turmhoch über ihn erhaben und widme mich eifriger als in den letzten Wochen der Spitzelarbeit. Das ist eben mein Beruf, in dem ich etwas Tüchtiges leiste. Ich komme mir sehr heldenhaft vor, weil ich alle meine Skrupel unterdrücke und mich in die Rolle eines wilden Landsknechts hineinsteigere, indes mir der Ekel und ein kindhaftes Weinen im Halse würgt.
Ich bin achtzehn Jahre alt und weiß, die Macht und das Geld entscheiden. Es gibt keine anderen Götter.
Also arbeite ich weiter für Ruhe und Ordnung...

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