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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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MITTELDEUTSCHLAND BRENNT!

Immer noch quälendste Ungewissheit. Aus Berlin hören wir überhaupt nichts mehr. Tatenlos liegen wir herum und wissen im Grunde nicht, wozu wir auf der Welt sind. Wir kommen uns bald lächerlich vor. Etwas muss doch nun endlich geschehen!
Zeitungen gibt es nicht mehr. Hin und wieder erscheint noch einmal ein kurzes Nachrichtenblatt, das einige Streikbrecher im Betrieb einer bürgerlichen Zeitung gedruckt haben. Aber diese spärlichen Extrablätter enthalten nur dürre Nachrichten, die uns wenig sagen.
Einmal zirkuliert bei uns eine solche Ersatz-Zeitung. „Mitteldeutschland brennt!" heißt eine fette Schlagzeile. Und dann lesen wir von grauenhaften Szenen, die sich allenthalben in der Provinz Sachsen und in Thüringen in diesen Tagen abgespielt haben.
In Bitterfeld, Golpa, Wolfen und Zschornewitz blutige Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Mitgliedern der Technischen Nothilfe, die die großen Werke, die Berlin mit elektrischem Licht versorgen, wieder in Gang bringen wollten. Mehrere Tote und viele Verwundete. Man hat Nothelfer gefunden, denen die Geschlechtsteile abgeschnitten und in den Mund gesteckt worden sind! Wir glauben alles!
In Naumburg und Weißenfels sind die Garnisonen nach schweren Verlusten in ihren Kasernen eingeschlossen worden; das Reichswehrbataillon Merseburg liegt seit Tagen in schwerstem Kampf mit „Aufständischen". In Sangerhausen hat man sinnlos einen Pfarrer ermordet. In Eisleben wollten einige Rote bei dem Generaldirektor der Mansfeld A. G. ein Automobil beschlagnahmen. Als die Herausgabe verweigert wurde, hat man den Direktor Vogelsang und seinen Chauffeur einfach totgeschlagen. Die Schupo ist in einer Schule eingeschlossen, die Arbeiterschaft des Mansfelder Seekreises hat sich bewaffnet...
Alles, um die Militärdiktatur zu bekämpfen.
Und nicht die geringste Nachricht aus Berlin!
Diese hilflose, trostlose, lähmende Abgeschlossenheit, in der wir uns seit Tagen befinden, ist auf die Dauer unerträglich.
Wir glauben alles, was uns erzählt wird. Ein Besonnener weiß zwar zu bemerken, dass die Geschichte mit den in den Mund gesteckten Geschlechtsteilen eine sehr beliebte Gräuelnachricht ist, die aus dem ersten Balkankrieg stammt. Wir sind zu erregt und zu besorgt, um auf seine Worte zu hören.
Uns überfällt plötzlich die fröstelnde Erkenntnis, dass es dieses Mal blutiger Ernst werden wird. Ganz schüchtern denke ich auch daran, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wäre ich still und bescheiden zu Hause geblieben und hätte den Kriegsruhm anderen überlassen. Aber es ging ja leider nicht. Auch habe ich keine Zeit, mir dies alles klar zu machen. Plötzlich werden wir alarmiert. Im fahlen Morgengrauen ziehen wir durch die schlafende Stadt zum Hauptbahnhof. Niemand weiß, wohin es geht.
Abenteuerliche Gerüchte kommen auf und werden geglaubt. Wir sollen nach Berlin, alle Truppen aus Mitteldeutschland sollen Berlin einschließen, um den Widerstand der Roten gegen die neue Regierung endgültig zu brechen. Wir sollen nach Leipzig fahren, um die dortige Garnison aus einer verzweifelten Lage herauszuhauen. Im Süden Halles sind schwere Kämpfe mit einer Roten Armee im Gange, bei denen man uns braucht...Wir glauben alles.
Der Hauptbahnhof ist von Zeitfreiwilligen besetzt. Das stärkste Kontingent der Besatzung wird hier von der theologischen Verbindung Warteburgia gestellt. Ein älterer Herr, der über der Uniform eines Felddivisionspfarrers das bunte Band dieser Verbindung trägt, beglückwünscht uns ironisch: wir sollen nach Eisleben. Ordnung schaffen.
Leutnant Michael, der uns führt — der Professor ist zu Hause geblieben —, sagt gleichmütig: „Na schön!" Seine Ruhe steckt an. Ich fühle mich sicher, ich habe die Gewissheit, dass mir nichts passieren kann, solange Michael uns führt. Ich weiß: das ist sinnlos, aber ich glaube doch daran.
Auf dem Bahnsteig hält ein Panzerzug. Die Lokomotive ist bereits unter Dampf. Wir steigen ein.
Die Waggons reichen nicht aus, und das bisschen Platz, das für uns übrig ist, wird zudem noch von Maschinengewehren und einer Unmenge von Handgranaten verengert, die überall herumliegen.
Webach und ich kommen mit unserm Gewehr in einen Waggon, der früher einmal als Viehwagen gedient hat, dann aber notdürftig mit Panzerplatten ausgeschlagen worden ist. Die Sehschlitze sind viel zu klein.
Die schweren Eisentüren schlagen hinter uns zu, und ich fühle die beklemmende, die würgende Drohung des Eingeschlossenseins wie einen körperlichen Schmerz und wie eine unmittelbare Gefahr.
Es ist fürchterlich heiß. Bei der Abfahrt fühlen wir jeden Schienenstoß als dumpfe Erschütterung im Gehirn, denn die Wagen haben keine Federung.
Wir fahren sehr langsam. Fortwährend werden wir aufgehalten, weil eine Weiche mit der Hand gestellt werden muss, oder weil sich das Lokomotivpersonal über den richtigen Weg nicht einig werden kann.
Bald bekommen wir — Truppen, die die Militärdiktatur aufrichten wollen — auch Feuer. Wir merken es daran, dass aus dem Nachbarwagen plötzlich ein M. G. zu belfern beginnt.
Dann höre ich das ominöse Pfeifen einer Kugel, die durch einen Sehschlitz gedrungen ist. Kein Mensch wagt, das Feuer zu erwidern, denn solange man sich nicht an den Schiessscharten zeigt, ist man einigermaßen sicher.
Die größten Schreier, die vorher immer mit Wonne sich die kommenden Kämpfe ausgemalt haben, werden langsam still. Es sind nur ganz wenige, die sich auf die alten Feldsoldaten ausspielen, denen nichts mehr imponieren kann, und die jede neue Kugel mit einem „Hoppla!" oder einem dummen Witz begrüßen.
Auch sie verstummen bald. Sie merken, dass sie kein Publikum haben. Es ist auch zu unheimlich, so zwischen Stahlwänden eingeschlossen zu sein, keinen Feind zu sehen, und sich wie ein Stück Vieh irgendwohin fahren zu lassen.
Webach stößt mich ironisch lächelnd an:
„Mensch, ich komme mir vor wie so'n Ochse, den se hier früher mal in dem Wagen in die Knochenmühle gefahren haben."
„Nur, dass der Ochse hier hereingetrieben wurde, während wir freiwillig hineingegangen sind," sage ich, ohne zu wissen, was ich sage.
Webach schimpft: „Red' doch keinen Stuss! Was sollen wir denn sonst machen, was?"
Ja, was sollen wir sonst machen? Ich weiß es auch nicht, und es ist höchst töricht von mir, dass ich plötzlich an eine Ruderfahrt denken muss: faulendes Wasser, das in der Sonne glitzert, grünende Büsche und Bäume mit herabhängenden Zweigen.
Und an mein Elternhaus. An die Blütensträucher und den Rasen, ein Hahn kräht, und unser Hund liegt schläfrig auf der Veranda und blinzelt träge in die Sonne...
Was soll das jetzt hier? Hier wird etwas anderes gespielt:
Jemand erzählt nüchtern, dass man Panzerzüge am besten bekämpft, indem man eine geballte Ladung Handgranaten auf die Schienen legt. Und ein anderer sekundiert ihm brummend
„Hier im Bergwerksrevier gibt es doch genug: hochbrisante Sprengstoffe..."
Wer weiß, ob wir überhaupt unser Ziel erreichen werden.
Dann wieder ein Aufenthalt. In der plötzlichen Stille hören wir heftiges Schießen. Ein Kommando:
„Aussteigen!"
Wir drängen uns vorsichtig durch die Türen auf den Bahndamm hinaus. Ein freundliches Gelände: Täler, sanfte Höhen, Wiesen, keimende Blätter an Büschen und Bäumen. Im Tal ein Dorf.
Wir werden stark beschossen, aber wir sehen niemanden.
Ich ziehe immer noch den Kopf ein, wenn ich eine Kugel pfeifen höre. Aber Michael steht mitten auf dem Bahndamm und gibt in aller Ruhe seine Kommandos. Ich muss doch wohl sehr feige sein. Ich beiße die Zähne zusammen und sage zu Reicke, der neben mir steht, mit möglichst gleichgültiger Stimme:
„Schießen nicht gut, die Strolche, wie?"
Reicke spuckt kräftig aus und stimmt mir bei: „Alles zu hoch!"
Ich bewundere ihn und beschließe, keine Angst mehr zu haben.
Wie wir dann unser M. G. Schussfertig machen und zwei Gurte auf die gegenüberliegenden Höhen abfeuern, bin ich auch wirklich ganz ruhig und freue mich sachlich darüber, wie gut mir die kleinen Handgriffe an der Waffe gelingen.
Die Schienen sind wenige Meter vor unserem Zuge aufgerissen, wir haben noch vier Kilometer bis Eisleben zu gehen. Nur noch vereinzelt beschossen, machen wir uns auf den Weg.
Die Straße ist ziemlich dicht bebaut Überall sehen uns Menschen nach, sie kommen uns entgegen, folgen uns in einiger Entfernung, gehen
vor uns her, weichen nur langsam und widerwillig zurück. Es werden immer mehr. Sie betrachten uns mit höhnischen Blicken, stoßen sich an, lachen, spucken aus.
Endlich stehen wir auf dem Marktplatz. Die Eingänge der Straßen, die auf den Platz münden, sind im Nu von wimmelnden Menschenhaufen verstopft. Dann stehen wir und warten, denn Michael ist mit einigen Leuten ins Rathaus gegangen.
Es werden nicht einmal mehr Witze gemacht. Wir haben seit dem frühen Morgen nichts gegessen, aber jetzt hat niemand Lust dazu.
Aus den Straßen dringt drohendes, verworrenes Gemurmel. Hin und wieder gellt ein Pfiff, dem johlendes Gelächter folgt.
Endlich kommt Michael wieder heraus. Sein Gesicht ist noch immer unbewegt, er gibt seine Anordnungen mit schwerfälligen, gelassenen Handbewegungen: „Zurück!"
Ein irrsinniges Hohngeschrei schrillt hinter uns her, wie die letzte Gruppe den Platz verlässt. Die Menge folgt uns, drängend und stoßend. Dann fliegen ein paar Steine.
Wir halten und machen ein M. G. Schussfertig. Die Menschen stehen und starren. Webach zieht so ruhig den Patronengurt durch das Schloss, als wäre er auf dem Truppenübungsplatz. Dann dreht er den Kopf zu Michael: „Soll ich?" fragt er lächelnd.
...Ich habe Angst vor meinem Freund Webach: da vor uns, kaum zwanzig Meter entfernt' stehen Menschen...
Michael nickt: „Auf das Kirchdach halten."
Wir schießen, eine Serie von fünfzig Schuss knattert, die Menschen laufen entsetzt davon. Dann können wir weitergehen.
Als wir uns dem Halteplatz unseres Zuges nähern, bekommen wir Feuer, plötzlich und überraschend. Aus den Häusern vor uns, aus den Gebüschen an der Straße, aus Gärten, hinter Mauern hervor.
Im Laufschritt suchen wir Schutz hinter den Häusern, die am Fuß des Bahndamms stehen. Eins unserer M.G.s rattert blind in die Gegend. Wieder ist kein Mensch zu sehen.
Einzelne Schreie steigen auf. Flüche. Verwundete. Ein dicker Student — Blut sickert ihm aus dem Ärmel — schüttelt seine Faust und brüllt mit wutverzerrtem Gesicht in den Höllenlärm: „Ihr Lausejungens! Ihr Scheißkerle! Ihr..." Dann wird er ohnmächtig.
Atemlos keuchend bringen wir unser Gerät an einer Gartenmauer in Stellung. Neben uns steht ein junger Mensch, den ich noch vom Gymnasium her kenne. Schenk, ein Jurist.
Plötzlich knickt er in den Knien zusammen und sinkt plump und schwer auf Webachs Körper, der ihn unwillig abschüttelt: der Tote stört ihn beim Schießen. Ich friere, und gleichzeitig ist mir unerträglich heiß.
Das Schießen lässt nach. Wir klettern die Böschung des Bahndamms hinauf und sitzen endlich im Zug. Zwei Mann schieben den toten Schenk in unseren Wagen. Ein älterer Offizier drückt ihm die Augen zu und faltet seine schon erstarrenden Hände über dem Leib zusammen. „So, mein Junge," sagt er dabei wie tröstend.
Dann fahren wir. Der Tote liegt unmittelbar neben mir. Dann und wann sehe ich ihn scheu an. Einmal bei einer Kurve rüttelt der Wagen stark, ich stütze mich mit einer Hand auf und fasse dabei an Schenks Bein. Ich ziehe meine Hand zurück, als hätte ich in Feuer gegriffen
Zigaretten glimmen auf. Gesprächsfetzen wirbeln durch den Wagen. Irgendwo klirrt bereits ein Lachen. Ein Verwundeter stöhnt und wird von seinen Nachbarn herzhaft und ermutigend bedauert.
Webach schläft neben mir. Wie kann man nur jetzt schlafen!
Ich höre und sehe alles wie im Traum. Es ist, als hätte sich zwischen mich und meine Umgebung eine dicke Glaswand geschoben. Die Dinge sind mir fremd und unwirklich, sie schmerzen nicht, sind nur erstaunlich und unheimlich neu und sonderbar.
„Wenn die Fettköppe ihre Arbeiter besser behandeln würden, dann brauchten wir uns jetzt hier nicht krumm schießen zu lassen. Kein Aas hätte den Direktor totgeschlagen, wenn er nicht ein schlechter Hund gewesen wäre."
Der so spricht, ist ein verwundeter Korpsstudent. Ich wundere mich über ihn. Noch mehr darüber, dass viele ihm recht geben.
Manchmal kommt einer zu dem toten Schenk herangekrochen, fragt mich nach seinem Namen, sagt „Armer Kerl!" und geht wieder zurück
Einige erzählen ihre Heldentaten: „Kann dir sagen, Mensch, grade wie das Aas da über den Zaun sah, pautz,—hatte er ein Ding in der Fresse. Bestimmt, quatsch' doch nicht, ich hab' genau gesehen, dass ich getroffen habe."
„Verfluchter Kram, das Ganze, ich hab' einen saumäßigen Durst."
„Da fällt mir übrigens ein, ich glaube, es war am Kemmel..."
„Mach' ich nie. Wenn man sich richtig ausgekotzt hat, braucht man keinen sauren Hering. Ich mache das immer ganz anders..."
„Spiel doch das As aus, du Idiot! Verschenkt der Dussel glattweg achtzehn Augen."
Wie der Zug eine jähe Biegung nimmt, kollert Schenks Kopf schwer von rechts nach links. Es hat keiner außer mir darauf geachtet.
Bei der Ankunft auf dem Bahnhof in Halle erzählt jemand gerade von einem fabelhaften Mädchen, das er neulich in der „Fledermaus" kennen gelernt hat.
Wir helfen den Verwundeten aus den Wagen, dann heben wir Schenk heraus.
Die Theologen, die noch immer den Bahnhof bewachen, fragen uns aus. Wir spielen die Gleichgültigen:
„Schöne Scheiße, kann ich Ihnen versichern, verehrter Herr!"
Ein Offizier spricht mich wegen Schenk an, und ich höre mich mit merkwürdig fremder Stimme antworten:
„Kopfschuss! War gleich tot."
Dann fahren wir auf einigen Lastwagen zur Kaserne zurück. Dort werden wir bestaunt und hoch aufgenommen. Die Zurückgebliebenen beneiden uns um unsere Erlebnisse, und wir fragen uns dabei, was wir eigentlich in Eisleben zu suchen hatten.
Aber wir wissen es ja doch nicht, und darum fragen wir bald nicht mehr danach.

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