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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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UNRUHE AUF EIS

Ich bin ein tüchtiger Spitzel. Ich besuche eifrig die Versammlungen, und es gelingt mir manchmal, sogar in Funktionärsitzungen der Kommunisten hineinzukommen. Ich liefere meine Berichte pünktlich ab und befleißige mich in ihnen eines gepflegten Stils.
Für die übrigen Aufgaben der Abteilung sind andere Leute da. Ich werde aus dem Ganzen nicht recht klug, denn es gehört zum guten Ton, über dienstliche Angelegenheiten nicht unnötig zu sprechen. Allmählich lerne ich meine Kameraden und ihre Tätigkeit aber doch kennen.
Am undurchsichtigsten ist Hiller. Tagsüber ist er ein kleiner kaufmännischer Angestellter, nach keiner Richtung hin bemerkenswert. Aber er ist Sozialdemokrat, und diese Parteizugehörigkeit ist eine mysteriöse Sache. Man hat uns gebeten, in unseren Äußerungen über die S. P. D. etwas zurückhaltend zu sein, solange Hiller in der Nähe ist, und daraus schließen wir, dass er wirklich Sozialist ist. Aber warum ist er dann in der Nachrichtenabteilung? Das geht doch gar nicht.
Von einem anderen Kameraden höre ich, dass Hiller verschiedene kleine Parteipöstchen hat und in der S. P. D. Halle ein angesehener Mann ist. Über die Frage, ob er nur Parteimitglied ist, um desto ungestörter als Spitzel arbeiten zu können, oder ob er von Hause aus Sozialdemokrat ist und an seiner Partei zum Verräter wurde, diskutiere ich oft mit Webach. Ich mache mir noch lange Gedanken über diesen merkwürdigen Menschen, bis ich schließlich einsehe, dass es im Spitzelhandwerk eine aussichtslose Sache ist, zu entscheiden, ob jemand ein Schwein oder ein „entschlossener und gewandter Kerl" und guter Spitzel ist.
Die Arbeit der Abteilung leidet unter organisatorischen Mängeln. Man stellt mir oft die Anfertigung gefälschter Ausweispapiere in Aussicht, aber im letzten Augenblick kommt immer wieder etwas dazwischen, und darum ist die Spitzelei nicht ganz ungefährlich.
Ich kenne zwar allmählich diesen oder jenen Genossen, und es fällt nicht auf, dass ich mich intensiv um alle möglichen Parteiangelegenheiten kümmere. Aber in jedem Augenblick kann ich doch nach meinem Mitgliedsbuch gefragt werden. Das wäre peinlich.
Ich muss mir jedes Mal erst einen gehörigen inneren Ruck geben, ehe ich es wage, in eine Versammlung zu gehen, zu der nur Parteifunktionäre zugelassen sind. Aber ich habe Glück: hin und wieder werde ich wohl einmal aus einem Zimmer des Volksparks hinausgeworfen, aber in ernsthafte Schwierigkeiten komme ich nie, und oft gelingt es mir sogar, von Anfang bis zu Ende an solchen Sitzungen als unbeteiligter und unbeachteter Zuhörer teilzunehmen. Am nächsten Tag wird man dann für einen guten Bericht belobt. Daher gewöhne ich mich allmählich daran, offiziell die wildesten Geschichten in meinen Berichten zu erzählen, wie ich mir unter unglaublicher Gefahr und mit den kühnsten Mitteln Zugang zu dieser oder jener Versammlung verschafft habe.
Einen wesentlich schwereren Stand haben die Mitglieder der Abteilung, die offiziell Gewerkschafts- oder Parteimitglieder sind und daher unter größerer Kontrolle stehen. Es ist sehr spaßig, einen dieser Kameraden auf der Straße im Gespräch mit anderen „Genossen" stehen zu sehen und fremd an ihm vorbeizugehen.
So ein verkappter Kommunist, Künzel, wird einmal entlarvt und entsetzlich zugerichtet. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt tritt er aus der Abteilung aus und geht mitten im Semester an eine andere Universität.
Eines Abends entschuldige ich mich bei Webach, der mich zum Billardspielen abholen will damit, dass ich Dienst habe.
„Ja, gehst du denn da immer hin?" fragt Webach erstaunt.
„Natürlich," sage ich verständnislos.
Webach lacht herzlich: „Für so dumm hätte ich dich wirklich nicht gehalten."
Und dann erfahre ich, dass man sich die Sache viel bequemer machen kann. Die Berichte prüft nämlich kein Mensch nach. Die Hauptsache ist, dass überhaupt welche da sind. Man kann auch einen Bericht über Dinge schreiben, die niemals geschehen sind, und die tüchtigsten Spitzel verlassen sich ganz und gar auf ihre Phantasie.
Ich probiere es einige Male. Ich gehe nicht zu Versammlungen und schreibe trotzdem einen Bericht, nachdem ich mir die nötige Terminologie der Versammlungsredner aus dem „Klassenkampf' angeeignet habe. Es geht sehr gut,
und von nun ab wird der Dienst bedeutend bequemer. Er nimmt fast gar keine Zeit mehr in Anspruch, und Sold und Spesen gibt es trotzdem.
Die Hauptsache ist, dass immer etwas los ist, damit das Garnisonkommando nicht zur Ruhe kommt und von der treuen und fleißigen Arbeit seiner Spitzel überzeugt ist.
Da ist z. B. in unserer Abteilung ein gewisser Werner. Er ist wahrscheinlich nicht ganz zurechnungsfähig. Ein schwerer Psychopath. Ein langer, dürrer und schwächlicher Mensch mit einem Kindergesicht, über den wir uns alle lustig machen, weil ihm bei der geringsten Kleinigkeit die Tränen in die Augen kommen. Er ist so feige, dass er sich von einigen unserer Leute schlagen und stoßen lässt, ohne auch nur den Versuch zu machen, sich zu wehren.
Aber Werner hat bei den maßgebenden Stellen einen sehr guten Ruf. Er bringt fabelhafte Berichte, an denen nach unserer Ansicht, die wir den Betrieb doch kennen, kein wahres Wort sein kann. Werner leidet an Beziehungswahn. Seine gigantische Feigheit lässt ihn in jeder Lächerlichkeit Gefahren wittern. Die belanglosesten Gespräche, deren Zeuge er zufällig wird, verbinden sich bei ihm mit den Angstvorstellungen, um die sein kümmerlichen Gedanken kreisen, und es entsteht eine fulminante Meldung von irgendwelchen Umsturzplänen, die unmittelbar vor ihrer Ausführung stehen.
Werner weiß vermutlich gar nicht, dass er lügt. Aber Walter weiß es und freut sich darüber, denn ihm ist die Aufregung, die Werners Tatarennachrichten vielleicht hervorrufen, sehr angenehm. Das Garnisonkommando hält es nämlich für gut, dass es über so wichtige Dinge rechtzeitig informiert wird. Und wenn nachher gar nichts passiert, dann liegt das natürlich daran, dass das Kommando rechtzeitig seine Gegenmaßnahmen getroffen hat und die Latjer infolgedessen Angst bekommen haben.
Werners Spezialität sind Waffenlager. Er hat einmal in einem unbewachten Augenblick ein Bündel mit Karabinern gestohlen, das, flüchtig in Packpapier eingeschlagen, bei der Gepäckaufbewahrungsstelle des Hettstedter Bahnhofs abgegeben worden war. Seit dieser Zeit steht sein Ruf als Waffenspezialist fest. Im übrigen ist er eifrig bemüht, sich auf einer Presse die Berechtigung zum Einjährigen zu erwerben, dabei ist er schon dreiundzwanzig Jahre alt.
Da ist Hoffmann. Kein Mensch weiß etwas von ihm. Er selbst sagt, er sei Leutnant bei den Karlsruher Dragonern gewesen, aber niemand glaubt es ihm. Hoffmann überwacht gefährliche Kommunisten. Er weiß immer ganz genau, wo sich der oder jener zu einer bestimmten Tageszeit aufzuhalten pflegt. Auch das glaubt ihm kein Mensch, weil er furchtbar faul und dauernd betrunken ist. Aber er lebt von seinen Nachrichten, und er lebt sehr gut davon.
Da ist Kurz, der auch plötzlich von irgendwoher auftauchte, und der eine Weile die Geschäfte der Abteilung und die Auszahlung der Besoldung besorgte. Eines Tages ist er mitsamt der Kasse verschwunden. Er wird nicht verfolgt, weil die Polizei von der Existenz einer Nachrichtenabteilung nichts wissen darf.
Bevor er verschwindet, versucht Kurz aber noch, den Verdacht von sich abzulenken und sich gleichzeitig eines unbequemen Nebenbuhlers zu entledigen.
Eines Tages komme ich in einer nebensächlichen Angelegenheit in seine Wohnung, die der Abteilung als Geschäftsstelle dient. Außer
Kurz treffe ich da drei andere ältere Kameraden, die mein Eintreten augenscheinlich als sehr störend empfinden. Sie begrüßen mich kurz und unwillig, und da ich ihren Wunsch, mich bald wieder loszuwerden, merke, will ich gleich wieder gehen.
Plötzlich aber kommt noch Werner, jener hysterische Schwächling und Waffenspezialist, der uns allen ein Dorn im Auge ist. Nachdem wir ihn kurz begrüßt haben, tritt Kurz nahe an ihn heran und sagt laut und ruhig: „Du Lump hast mich bestohlen."
Werner hält diese Beschuldigung für einen guten Witz und lacht unmäßig. Aber nach einem prüfenden Blick auf die ernsten und abweisenden Gesichter der drei Kameraden wird er verwirrt und fängt an, sich aufgeregt zu verteidigen.
Kurz hält ihm alle Verdachtsmomente vor, die dafür sprechen sollen, dass er eines Tages in einem unbewachten Augenblick in das Geschäftszimmer gekommen, einen Schrank erbrochen und die Kasse ausgeraubt habe.
Werner weint fast vor Erregung. Mir kommt die ganze Sache reichlich sinnlos vor; ich habe das unheimliche Gefühl, dass hier etwas Schlimmes geschehen soll. Außerdem tut mir Werner leid, denn sein ganzes Benehmen zeigt ganz unverkennbar, dass an der Beschuldigung kein wahres Wort ist.
Da sagt plötzlich einer der Drei, die bisher schweigend dagesessen haben, zu Werner: „Du hör' mal, du kannst dir doch das nicht so einfach gefallen lassen, dass dir Kurz einen Diebstahl vorwirft. Wenn du ein anständiger Kerl bist, dann weißt du, was du jetzt zu tun hast."
„Was denn?" fragt Werner unsicher und verwirrt.
„Es bleibt dir nichts anderes übrig, als Kurz zu fordern. Die Sache kann gleich abgemacht werden: wir gehen in die Heide, du als Beleidigter hast den ersten Schuss, und für einen Unparteiischen und für Sekundanten ist ja auch gesorgt", schließt er mit einer Handbewegung auf uns.
Ich merke, dass die Sache ernst wird. Jeder von uns weiß, dass Kurz ein ungewöhnlich guter Pistolenschütze ist, und dass Werner bei seiner Aufgeregtheit und seiner kindischen Angst todsicher vorbeischießen wird. Dies fragwürdige Duell, dass sich die vier Leute ausgedacht haben, würde ein glatter Mord werden.
Werner schreit erregt: „Ich denke gar nicht daran, mich mit Kurz zu schießen. Das ist ja alles Unsinn!"
Berger, ein Mediziner im vierten Semester, sagt kühl: „Wenn du feige bist, dann können wir dich in der Abteilung nicht gebrauchen. Wenn du Kurz jetzt nicht sofort auf Pistolen forderst, dann werden wir dich schon aus der Abteilung herausbesorgen. Diese Kneiferei ist ja geradezu ekelhaft!"
Die anderen brummen zustimmend. Werner weint nun wirklich und sieht sich hilfeflehend nach mir um. Ich mische mich in die Unterhaltung, und da die Verdachtsmomente gegen ihn so weit hergeholt sind, dass sie auch der oberflächlichsten Untersuchung nicht standhalten können, gelingt es mir, Werners Unschuld soweit darzulegen, dass man ihn — wenn auch widerwillig — gehen lässt.
Ich schließe mich ihm an. Mein Abschiedsgruß wird nicht erwidert, und Berger zischt mir leise zu: „Du hättest wirklich was Gescheiteres tun können, als diesem Idioten beistehen."
Ich zucke die Achseln. Auf der Straße wartet Werner auf mich. Er ist immer noch ganz aufgeregt: „Die wollten mich um die Ecke bringen!", stammelt er fassungslos.
Mir kam es zwar auch so vor, aber diese Verdächtigung scheint mir so ungeheuerlich, dass ich unwirsch abwehre: „Ach, quatsch' doch nicht!"
Die große Nummer der Abteilung ist Kunze. Er ist Mitglied der K. P. und hat dort mit behördlicher Genehmigung erzählt, dass er auch Mitglied der Nachrichtenabteilung des Garnisonkommandos ist. Er liefert von der Parteileitung frisierte Berichte an das Kommando und empfängt von dort frisierte Berichte für die K. P. Außerdem soll er die K. P. auch noch regulär bespitzeln. Aber er ist viel zu dumm, als dass er sich durch dieses Tohuwabohu durchfinden könnte. Er kassiert die Gelder von beiden Seiten ein, tauscht die Berichte aus und lügt einiges dazu. Im übrigen ist er Stammgast im Puff und liegt andauernd mit einem frischen Tripper zu Bett, der bei ihm immer sehr bedrohliche Formen anzunehmen pflegt.
Dann taucht eines Tages Herr Hartung bei uns auf. Wir kennen seinen Namen, denn Hartung ist ein Spitzel von ungewöhnlichem Format. Ein großer, stattlicher Mensch in den
Dreißigern, nicht ohne Bildung und Benehmen und von großer Körperkraft. Er trägt eine undefinierbare Phantasieuniform. In Berlin und in München soll er die fabelhaftesten Sachen geleistet haben. In Halle hat er einige Zeit gewirkt, bis ihm auch hier der Boden zu heiß wurde.
Jetzt besucht er uns und erzählt uns kleineren Geistern seine Heldentaten. Ich gehe mit Hartung zum Kaffeetrinken. Wir kommen am Gewerkschaftshaus vorbei. Einige Leute, die aus einem Fenster sehen, erkennen Hartung und rufen Schimpfworte hinter ihm her.
Hartung bleibt stehen, greift in die Tasche, zieht eine Pistole und schießt lächelnd das Oberlicht des Fensters entzwei, aus dem die Gewerkschaftsleute gesehen haben.
Das ist Hartung. Zwei Monate später ist er tot. Er ist in München von Spitzeln der eigenen Couleur erschossen und in die Isar geworfen worden.
Dann gibt es bei uns noch den Beamten einer Gewerkschaft, der von Zeit zu Zeit in unseren Zusammenkünften erscheint und uns Informationen für ein paar Groschen verkaufen will.
Das sind unsere Kameraden. Wir — d. h. Webach, Zarnke, Hennig und ich — betrachten
sie mit Geringschätzung und Misstrauen. Die Drei sind Studenten und von Hause aus anständige Menschen, deren Moralbegriffe in dieser Gesellschaft aber auch schon zu leiden anfangen. Wir halten uns etwas abseits, aber fingierte Berichte und erfundene Meldungen liefern auch wir schon ganz bedenkenlos. Wir entschuldigen uns bei jedem neuen Auftrag mit Arbeitsüberlastung und tun bald überhaupt nichts weiter, als dass wir uns von Wolter unser Geld abholen und uns danach erkundigen, wann es endlich losginge.
Denn es ist uns zur fixen Idee geworden, dass sich über kurz oder lang irgendeine große Aktion ereignen müsse. Von rechts kann sie nicht kommen, — wir wissen Bescheid, dass es da traurig aussieht: Eifersüchteleien unter den Führern, Demoralisation unter der Mannschaft, kein Geld, keine Disziplin. Aber der Bolschewismus will ja Deutschland erobern, und darauf warten wir.
Ich lebe wie in einem Rausch. Es ist immer etwas los. Ich habe zwar ein dunkles Gefühl, als ob diese ganze gespannte Erwartung vor der nächsten Zukunft Unsinn sei. Ich kenne nun genug proletarische Organisationen, immer habe ich nur von dem endlichen Sieg der Weltrevolution reden hören und habe nirgendwo Anzeichen gesehen, die daraufhindeuten, dass man für die nächste Zeit eine gewaltsame Aktion vorbereitet.
Aber die sterile Aufgeregtheit um uns herum umnebelt mir den klaren Blick. Und außerdem verdiene ich so viel Geld, dass ich keine Zeit habe, mich um diese ganzen Fragen ernsthaft zu bekümmern.
Zu Hause schmeckt mir das Essen nicht mehr. Ich esse hinterher immer noch einmal in einem anständigen Restaurant. Dazu kommen Konditorei und Kinobesuche mit meinen Freunden aus der Abteilung, die viel Zeit wegnehmen.
Ich verheimliche meinen großen Verdienst vor meinen Verwandten. Anschaffungen mache ich nicht, sie würden auffallen. Und außerdem hätte es keinen Zweck: es muss ja doch bald losgehen.

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