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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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„BÜRGER ERWACHE!"

In den nächsten Monaten ist immer etwas Neues los: ein Demonstrationszug löst den andern ab, Streiks, Krach in der Stadtverordnetenversammlung, Frauen schlagen sich vor den Bäckerläden um Brot, republikanische Soldatenformationen werden gebildet und gleich darauf wieder aufgelöst.
Hin und wieder wird geschossen. Die Gründe sind niemals so recht klar. Es fallen auch Opfer. Meist unschuldige. Unsere Waschfrau, eine Frau von über sechzig Jahren, gerät auf dem Bahnhofsplatz in die Garbe eines Maschinengewehrs, das dort die Gegend bestreicht. Sie wird wie ein Sieb durchlöchert, und ich nehme zur Kenntnis: die Revolution mordet alte Frauen.
Im übrigen hat der Latjer gesiegt; er beherrscht die Straße. Viel mehr aber auch nicht: Behörden und Gerichte arbeiten wieder, nachdem wegen der Besetzung des Polizeipräsidiums durch Truppen des Arbeiter- und Soldatenrats die Lebensmittelversorgung einige Tage geruht hat. Man spricht viel von Sozialisierung und Enteignung, doch wir Primaner lächeln überlegen dazu, denn die Revolution hat schon jetzt ihre Schrecken für uns verloren. Aber es ist ein ewiges Hin und Her, und man kommt nicht zur Ruhe.
In der Stadt Halle an der Saale haben sich schon von jeher alle sozialen und politischen Bewegungen besonders scharf ausgeprägt. Kaum in einer zweiten deutschen Stadt stoßen die gesellschaftlichen Extreme so unmittelbar auf einem engen Raum gegeneinander. Schon äußerlich: es gibt keine abgeschlossenen vornehmen Viertel. Der Weg zu den Villenstraßen führt durch ein Arbeiterviertel; der „Volkspark", das Zentrum der meisten proletarischen Organisationen, liegt nur wenige Schritte von einem Diakonissenhaus und den Häusern einiger vornehmer studentischer Korps entfernt.
Ein ungeheures Industrieproletariat ist rings um die Stadt angesiedelt: im Süden nebelt das Leuna-Werk mit seinen gelben Rauchschwaden. Die Schacht- und Fabrikanlagen des Geiseltals ziehen sich endlos und ohne
Unterbrechung durch eine verwüstete Landschaft. Zahlreiche Kalischächte, die Kupfergruben der Mansfeld A.-G., Zuckerfabriken, Maschinenindustrie, Papierfabriken geben einigen Hunderttausend Arbeitern Brot.
Und Halle ist gleichzeitig der Sitz vieler großer Konzernverwaltungen. Generaldirektoren und Bankiers haben hier ihre luxuriösen Villen, von deren Fenstern aus man wieder auf öde, graue Proletarierstraßen sieht. Behörden und Gerichte, Schulen und die Universität sorgen für ein ganzes Heer von Beamten. Die Universität wird im Frühjahr des Jahres 1919 von tausenden ehemaligen Offizieren besucht, die nun einen bürgerlichen Beruf ergreifen wollen.
Dies alles drängt sich auf einem schmalen Raum zusammen, der von der Saale und dem riesigen Bahnhofsgelände begrenzt wird, und der in seiner größten Ausdehnung nur etwa drei Kilometer breit ist.
In dies Gewirr von Hass, Unruhe, Verbitterung und wahnsinniger Hoffnung wird an einem Märztage des Jahres 1919 die Nachricht geschleudert, dass das Freiwillige Landesjägerkorps unter Führung des Generals Maerker
in einigen Stunden von Braunschweig aus heranrücken wird, um die Stadt zu besetzen. Ich höre dieses Gerücht an einem Nachmittag in der Stadt und fühle ein angenehm aufregendes Gruseln, denn ich weiß, das bedeutet Kampf und Blut. Und ich bin siebzehn Jahre alt und fühle nichts außer dieser nicht unangenehmen Erregung.
Aber ich frage mich doch, warum dieser Einmarsch notwendig ist. Wir haben einen Streik. Gut, aber den haben wir fast alle Tage. Der Latjer beherrscht die Straße. Aber das ist ja doch der Sinn der Revolution? Was heißt nun das: „Regierungstruppen"? Ich denke, „Regierung" und „Latjer" ist dasselbe? Ich verstehe nicht, was das Landesjägerkorps in Halle will, aber sein Führer ist ein General, der weiß, ob der eventuelle Erfolg dieser Besetzung den Einsatz lohnt. Und ich freue mich auf die Landesjäger.
Die Stadt ist nicht wieder zu kennen. Es regnet, aber die Straßen sind gedrängt voll. Jeder Torweg, jede Seitenstraße speit neue Menschenmengen aus. Und das drängt und presst sich in den Hauptstraßen zusammen, geht wie unter einem übermächtigen Zwang bald in diese, dann in jene Richtung. Bleibt stehen, drängt sich weiter.
Die Geschäftsleute schließen ihre Läden, der Verkehr ruht am frühen Nachmittag, und man hört nichts als das Schleifen und Stampfen der Schritte auf dem schwitzenden Pflaster. Und ein undeutliches, entsetzlich aufregendes Gemurmel. Hin und wieder steigt aus einer Ansammlung ein Fluch auf. Oder ein Schrei. Ich sehe drohend gereckte Fäuste, und das Herz klopft mir im Halse...
Durch diese unheimlich bewegten Straßen geht ein Herr. Hohe schwarze Lacklederstiefel, an denen Sporen klirren, ein feldgrauer Zivilrock, eine Reitpeitsche mit silbernem Griff in der Hand, das Einglas im Auge, und betrachtet interessiert die Menge.
„Um Gotteswillen!" Ich schreie es unwillkürlich laut, als ich diesen Wahnsinnigen bemerke, dessen Gesicht wie festgebügelt in den Falten verächtlicher Arroganz liegt.
Einer sieht ihn an, ein anderer, — und plötzlich stürzt sich eine Menschenmenge auf den Herrn mit der Reitpeitsche. Der stutzt einen Augenblick, zieht eine Pistole, ein Schuss knallt, und in langen Sätzen rast er die Straße hinunter auf die Anlagen am Saaleufer zu.
Ich sehe nicht, was aus ihm wird. Mir wird schwindlig. Ich höre aus der Ferne verworrenes Geschrei und gehe still und schnell nach Hause.
Es ist ein Oberstleutnant, den der General Maerker, offenbar in völliger Verkennung der Sachlage, in dieser Maskerade in die Stadt geschickt hat, um die „Stimmung zu sondieren". Man hat ihn auf der Saalebrücke eingeholt, wo er von zwei Kugeln getroffen niedergesunken ist. Man hat ihn in den Fluss geworfen und weiter nach ihm geschossen, bis er unterging.
Einige Monate später werden zwei Arbeiter wegen dieser Tat zum Tode verurteilt.
Die Landesjäger rücken ein. Man drängt sich um die Einziehenden. Johlen, gellendes Pfeifen, Steinwürfe und Schüsse.
Ein Proviantwagen hat sich verfahren. Plötzlich steht er mitten auf dem Marktplatz in einer tobenden Menge. Man stutzt einige Sekunden, — unter einem einzigen irrsinnigen Aufschrei schnellt die Menschenwoge über dem Wagen zusammen. Man schlägt die Bemannung tot wie räudige Hunde. Noch tagelang steht der zertrümmerte Wagen auf dem Markt. Einige große, dunkle Flecken auf dem Pflaster bleichen bald im Regen.
Blutgeruch umnebelt die Gehirne. Singende, johlende, pfeifende Menschen ziehen durch die Hauptgeschäftsstraße. Es sind Frauen darunter, denen sich der Zopf auf dem Kopf gelöst hat, und die mit fast rhythmischen, ekstatischen Sprüngen die Menge begleiten.
Plötzlich klirrt ein Fenster. Ein Delikatessengeschäft wird gestürmt. Schinken, Konserven, Wein- und Sektflaschen werden herausgereicht, ein wüstes Gebalge um die Trophäen beginnt. Mehl stäubt auf. Einige fallen, weil sie auf Speckseiten ausgeglitten sind, die im Rinnstein liegen. Man trinkt.
Der Laden ist leer. Zerbrochene Tische und Regale liegen in den Schaufenstern. Nebenan ein Hutladen. Es wird geplündert. Juwelengeschäfte, Restaurants, Teppichhandlungen. Haus bei Haus, Laden bei Laden. Die Glasscherben liegen zentimeterhoch auf dem Pflaster.
Dann schlagen aus einem Warenhaus Flammen hervor, Schüsse knallen irgendwo, und der Vernichtungsrausch dauert die ganze Nacht.
Die Landesjäger haben ihr Ziel erreicht: jeder weiß jetzt, dass ihr Erscheinen dringend nötig war, um das Chaos zu verhüten.
Ich kann in der Nacht nicht schlafen. Das scheppernde Gezänk der Maschinengewehre macht mich verrückt. Eine ungeheure, sinnlose Erregung überkommt mich. Ich schleiche mich heimlich aus dem Hause. Gehe an jungen Burschen vorbei, die das Gewehr an einem Bindfaden über der Schulter hängen haben.
Die Truppen haben sich in der Hauptpost verschanzt. Von dort kommt das Feuer, das von allen gegenüberliegenden Dächern erwidert wird. Ich unterscheide Pistolen- und Gewehrschüsse und den dumpfen Krach krepierender Handgranaten. Dann ein Donnerschlag, der die Straße zittern lässt: Aus der Hauptpost wird mit schweren Minen auf das Stadttheater geschossen, wo sich die Arbeiter festgesetzt haben.
Es sind viele Menschen auf den Straßen. Bürger wie ich. Sie drängen sich im trüben Licht der Straßenlaternen an den Ecken, halten die Ohren gierig in das Dunkel und lauschen auf den Lärm des Gefechts. Bewaffnete Arbeiter kommen an uns vorbei. Wir sind so viele, dass wir sie mit Leichtigkeit entwaffnen könnten, aber keine Hand rührt sich: der Bürger ist noch nicht erwacht.
In den frühen Morgenstunden gehe ich nach Hause, klettere über die Gartentür und bin mit einem Schwung in meinem Zimmer. Erschöpft, nicht von der Nachtwache sondern von dem Blutrausch der Stadt, schlafe ich bis in den hellen Morgen.
Es war wunderschön. Denn ich bin ein gebildeter Mensch und habe einen ästhetischen Genuss an der entfesselten Wildheit menschlicher Leidenschaften. Wie ich aufstehe, geht mir der Sophokles-Vers im Kopf herum: „Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch."
Die Straßen zeigen die lähmende Erschlaffung eines Neujahrsmorgens. Die wenigen Spaziergänger haben rote Augen und sind unrasiert. Alles ist ruhig, es fällt kein Schuss mehr. Abteilungen von Landesjägern ziehen demonstrierend durch die Straßen.
Die geplünderten Läden werden schon mit Brettern verschalt. Sie werden bald wieder aufgemacht werden.
An einen solchen Bretterverschlag kleben ein paar Soldaten ein buntes Plakat an: Ein idealisierter Kleinbürger mit achtundvierziger Schlapphut und edlen Zügen schleudert eine Handgranate gegen ein kriechendes rotes Untier, das sich über einen einstürzenden Häuserblock wälzt. Darunter steht mit grellroter Schrift: „Bürger erwache!" Und dann die Adresse eines neu gebildeten „Freikorps Halle" und einer Einwohnerwehr.

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