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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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FÜR ODER GEGEN WEN?

Ich bin also wieder Soldat. Es ist nicht so stumpfsinnig wie im vorigen Jahr, denn in dem weitläufigen Gebäude der Oberrealschule liegen etwa vierhundert Menschen: unsere Kompanie, eine Wachkompanie der Einwohnerwehr und eine Abteilung von Schülern, die in aller Eile für den Straßenkampf ausgebildet werden sollen. Sie wollen auch durchaus für Kapp-Lüttwitz kämpfen, und man konnte ihnen ihren Wunsch nicht abschlagen.
Wenn wir nicht in unserem ausgeräumten Klassenzimmer auf den Strohsäcken hocken, unzählige Zigaretten rauchen, Skat spielen oder an unseren Maschinengewehren herumbasteln, gehen wir im Hause spazieren. Es gibt viel zu sehen.
Da ist zunächst unsere Kompanie. Sie besteht fast ausschließlich aus studentischen Korporationen: vier Korps, eine Landsmannschaft, eme Turnerschaft und eine agronomische Verbindung bilden ihr Hauptkontingent. Unter den Studenten sind viele ehemalige Offiziere, und infolgedessen ist der Ton akademischkorrekt. Man nennt sich „Herr Kam'rad" oder „Herr Kommilitone" und ist sehr höflich zu einander. Die einzelnen feindlichen Verbände haben Bmgfrieden geschlossen.
Allerdings haben die vier Korps die Turnhalle, wo zugleich der Kompanieappell stattfindet, für sich reserviert. Nur die Agronomen dürfen auch dort schlafen. Aber die haben immer schon sehr freundschaftlich mit den Korps gestanden.
Der Burgfrieden hat auch seine Nachteile. Da ist z. B. eine farbentragende katholische Verbindung in der Kompanie. Man kann den Leuten nichts nachsagen: sie haben sich gleich bei dem ersten Aufruf zur Verfügung gestellt, und ihr militärischer Führer hat sogar viele hohe Orden. Aber wir empfinden sie als einen Fremdkörper. Katholisch, — das ist für uns so ungefähr gleichbedeutend mit unzuverlässig oder falsch oder republikanisch. Die Koalition zwischen Zentrum und Sozialdemokraten macht uns die braven Katholiken verdächtig, und wir passen scharf auf sie auf.
Wir kämpfen ja für Kapp-Lüttwitz, und die Katholiken sollen doch eigentlich Republikaner sein. Über diesen Widerspruch kommen wir nicht hinweg, und schon am ersten Tag ereignet sich ein peinlicher Zwischenfall: ein betrunkener Korpsstudent rempelt einen Katholiken mit der Frage an, ob er nicht lieber auf der anderen Seite kämpfen wolle. Die kleine Kontroverse wird damit beigelegt, dass der Korpsier vom Kompanieführer gerüffelt wird.
Aber was heißt kämpfen? Und was heißt Kapp-Lüttwitz? Wir liegen in der Kaserne und warten auf die Dinge, die da kommen sollen. Wir können gar nicht kämpfen, weil kein Feind da ist. Die Zivilbehörden arbeiten ruhig weiter, kein Mensch greift uns an, und wir wissen überhaupt nicht, woran wir sind.
Einmal wird des Abends beim Appell eine kurze Mitteilung verlesen, dass in Berlin schwere Kämpfe zwischen den Truppen und der Arbeiterschaft im Gange seien, und wir beneiden die Kameraden in Berlin glühend um ihre Tätigkeit. Die Chancen, dass es bei uns zum Kampf kommen wird, sind gleich Null.
Es passiert überhaupt nichts, und wir werden langsam nervös, denn dazu sind wir ja schließlich nicht hierher gekommen, um Karten zu spielen und uns faule Witze zu erzählen.
Der Kompanieführer hat gegenüber unseren ungeduldigen Fragen keinen leichten Stand. Es ist ein älterer Herr, der im Zivilberuf Ordinarius für alte Sprachen an der Universität ist. In grauer Vorzeit war er einmal Hauptmann der Reserve oder der Landwehr. Er ist von einer militärischen Unbeholfenheit, die uns viel Spaß bereitet.
Jeden Abend ist Appell. Da steht dann Hauptmann Leuze vor der Front der Kompanie und kann sich kein Gehör verschaffen. Nachdem er einigemale „Stillgestanden" kommandiert hat und das allgemeine Gespräch trotzdem ruhig weiter geht, klatscht er schließlich erregt in die Hände und ruft: „Nu seien Sie doch endlich mal ein bisschen stille, meine Herren Kommilitonen!"
Die Verlesung der Mitteilungen des Garnisonkommandos wird übrigens mit akademischen Beifalls- und Missfallensäußerungen entgegen genommen. Einige Zeit haben der Professor und der Hauptmann Leuze wegen dieser Frage in schwerem Kampf mit einander gelegen, ob diese Kundgebungen statthaft seien oder nicht. Der Professor hat endlich gesiegt: wir dürfen in der Kompaniefront trampeln und scharren.
Es bildet sich allmählich eine Tradition heraus: jedes Mal, wenn die Regierung Ebert-Noske erwähnt wird, scharrt man lang anhaltend. Der Name Kapp ist das Signal zu einem minutenlangen Beifallsgetrampel, das vielfach auch durch Aufstoßen des Gewehrkolbens auf den Boden wirksam unterstützt wird.
Eigentlich wäre das Soldatenspielen ganz amüsant, wenn nur nicht diese unerträgliche Ungewissheit wäre! Wir wissen bald überhaupt nichts mehr von dem, was außerhalb der Stacheldrahtverhaue vorgeht, die die Reilkaserne und die Oberrealschule zu einer kleinen Festung machen.
Wir erfahren, dass die Moritzburg, der Bahnhof, die Frankeschen Stiftungen und die Artilleriekaserne ebenfalls von Zeitfreiwilligen, Reichswehrtruppen und Einwohnerwehr besetzt und stark befestigt worden sind. Das ist alles. Von Kämpfen, auf die wir sehnlich warten, hören wir nichts.
Die zahllosen Diskussionen auf den Korridoren und in den Klassenzimmern bleiben gegenstandslos. Wir wissen nicht, gegen wen wir
kämpfen sollen. Die Regierung Kapp sitzt in Berlin, und wenn wir sie unterstützen wollen, dann müssen wir ihre Gegner aus dem Felde schlagen. Aber die rechtmäßige Regierung ist in Stuttgart, und hier in Halle gibt es nur eine große Menge Unzufriedener, und niemand, der gegen uns die Waffen erhebt.
Endlich geschieht doch etwas. In der Stadt ist zwar immer noch alles völlig ruhig, aber eines Abends werden wir alarmiert.
Das geht nicht ohne Schwierigkeiten vor sich, denn die einzelnen studentischen Korporationen wollen unbedingt auch in derselben militärischen Formation zusammenbleiben, und es gibt ein großes Protestgeschrei, wenn ein Korpsstudent einem Zug oder einer Gruppe zugeteilt wird, in der nur Landsmannschafter oder gar Katholiken sind.
Große Aufregung verursacht der Türke Ismael. Er kann kaum Deutsch sprechen, aber er ist Mitglied des hochfeudalen Korps Guestphalia und hat sich mit seinen sechs Korpsbrüdern bereitwillig der Regierung Kapp zur Verfügung gestellt.
Der Alarm hat ihn völlig außer sich gebracht. Er ist etwas angezecht, hat sich wie ein kurdischer Viehtreiber das Koppel mit unzähligen Handgranaten von rechts nach links über die Schulter gehängt und fuchtelt mit seinem Karabiner wie mit einem Kloben Holz in der Luft herum. Er tobt auf dem halbdunklen Schulhof umher und stößt von Zeit zu Zeit ein misstönendes Gebrüll aus, das er augenscheinlich für dieser Situation angemessen hält. Seine Korpsbrüder bringen ihn schließlich zur Ruhe.
„Türke, du Rindvieh! Du bist hier nicht im Kaukasus!" schreit ihn der erste Chargierte seines Korps an.
„Ich schießen! Immerzu schießen!" versichert Ismael kampfwütig.
Ismael aus Kleinasien kämpft für Ruhe und Ordnung. Der Teufel mag wissen, was er sich darunter vorstellt...
Aber wir wissen es ja schließlich alle nicht viel besser. Erst auf dem Marsch erfahren wir, wohin es geht. Wir sollen den Volkspark besetzen.
Warum? Keiner weiß es. Wir fragen auch nicht mehr. Uns ist alles recht. Wenn nur überhaupt etwas geschieht.
Wir umzingeln das Gebäude, lösen einige Funktionärversammlungen auf, räumen das Restaurant und bringen unsere M.G.s in Stellung. Die paar harmlosen Arbeiter, die wir aus ihrem Stammlokal vertrieben haben, leisten keinerlei Widerstand. Es ist ein billiger Sieg.
Ich liege im großen Versammlungssaal unmittelbar unter einem umflorten Wandbild, das den im vorigen Jahr ermordeten Meseberg darstellt. Ein gutmütiges Gesicht, dem auch ein martialisch aufgedrehter Schnurrbart keinen anderen, kriegerischen Ausdruck geben kann, ein rührend unmoderner Kragen, ein kleiner schwarzer Schlips. Das ist also der Verbrecher, der für Ruhe und Ordnung umgebracht werden musste. Jetzt sieht er leer und fremd lächelnd auf seine Mörder herab, und ich schäme mich, dass ich überhaupt an den Toten denken muss.
Posten kommen und gehen. Man erwartet einen Angriff. Die Arbeiter können es sich doch nicht so ohne weiteres gefallen lassen, dass man ihr Versammlungslokal besetzt? Ohne jeden Grund!
„Schließlich werden sich die Brüder mal zu irgendwas entschließen müssen," knarrt neben mir die Stimme eines Kameraden. „Wenn sie den Volkspark stürmen wollen, dann können wir ihnen endlich mal zeigen, was 'ne Harke ist."
Aber sie lassen es sich gefallen. Wir warten die ganze Nacht. Niemand wagt zu schlafen: sie müssen nun doch bald kommen. Die Maschinengewehre starren drohend aus den Fenstern. Auf den Treppen und im Flur stehen die Posten, schwerbewaffnet. Aber es wird immer später, und sie kommen nicht.
Die Stimmung verschlechtert sich von Minute zu Minute.
Ein Landsmannschafter hält Vortrag über die politische Lage. Nur wenige hören ihm zu, denn was ist da viel zu sagen? Einer weiß ebenso wenig wie der andere, und ob wir hier überhaupt noch einmal etwas zu tun bekommen werden, wissen der Himmel und die Parteileitung der K.P. Dass die Sozialdemokraten sich zu keiner Kampfhandlung aufraffen werden, gilt bei uns als ausgemacht.
In das gelangweilte Schweigen, das sich im Laufe der Nacht in dem Saal ausbreitet, tröpfelt plötzlich eine müde Stimme: „Das Beste wäre es, wir gingen alle nach Hause."
Ein Augenblick höchster Verblüffung.
Dann knallt aus dem Hintergrund eine schneidige Frage: „Wer spricht denn da überhaupt, wie?"
Die gelangweilte Stimme antwortet noch um eine Nuance gleichgültiger: „Regen Sie sich nicht auf, Herr Kamerad."
Der Angeredete springt auf, ein sehr junger Korpsstudent: „Ich muss Sie dringend um Aufklärung bitten, Herr Kommilitone. Was haben Sie vorhin mit Ihrer — äh — sagen wir — höchst eigentümlichen Bemerkung sagen wollen?"
Michael, ein Zugführer, der das goldene Verwundetenabzeichen auf dem Waffenrock trägt, und der im Zivilberuf Elementarlehrer ist, wendet sich seinem Angreifer zu.
„Und ich möchte Sie, zwar etwas höflicher aber ebenso dringend, um Aufklärung bitten, was Sie mit Ihrem inquisitorischen Ton bezwecken. Wollen Sie sich vielleicht an mir reiben, junger Herr?"
Der Student Fischer verliert die Nerven: „Der Teufel ist Ihr junger Herr, verstehen Sie mich! Ich wollte mit meinem Ton Ihnen zum Bewusstsein bringen, dass ich es außerordentlich merkwürdig finde, wenn einer fünf Minuten vorm Kampf plötzlich Lust zum Nachhausegehen bekommt. Nichts weiter."
Wir lauschen atemlos vor Spannung. Michael ist ein älterer, sehr ruhiger Mensch, der eigentliche Führer der Kompanie, der uneingestanden jedem von uns wegen seiner Gelassenheit und seiner Orden imponiert. Wie wird er sich benehmen?
Er steht nicht einmal auf. „Sie wollen also gewissermaßen Ihre persönliche Meinung dahin zum Ausdruck bringen, dass Sie mich für feige halten, nicht wahr?" fragt er beinahe gemütlich.
Fischer stottert in sinnloser Wut: „Das ist allerdings meine Meinung."
„Glaub', was du lustig bist, mein Junge!" sägt Michael ganz nebenbei und dreht sich auf die andere Seite.
Fischer kreischt, weint fast vor Erregung: „Sie werden mir Satisfaktion geben, Sie — Sie..."
Andere mischen sich ein und bringen Fischer zur Ruhe. Michael hat bedeutend bei uns an Terrain verloren.
Zu unserer aller Überraschung steht er plötzlich auf und geht auf Fischer zu: „Entschuldigen Sie, Herr Kamerad, wenn ich Sie beleidigt habe. Meine Bemerkung war vielleicht etwas missverständlich, und ich hätte sie besser unterlassen. Aber es hat doch keinen Zweck, dass
wir uns hier untereinander noch in die Haare geraten."
Er streckt Fischer die Hand hin. Der zögert einen Augenblick, sieht sich wie hilfesuchend nach uns um und schlägt schließlich halb unwillig ein.
Dann spricht Michael langsam in die Stille: „Wir sollten nach Hause gehen, sagte ich. Denn ganz offenbar haben die Arbeiter doch keine Lust, mit uns anzubinden. Außerdem halte ich die Besetzung des Volksparks für einen taktischen Fehler, weil wir damit der Gegenseite einen Grund zum Kampf geben. Das war meine Ansicht."
Wieder schweigen alle betreten.
„Aber das ist doch die Hauptsache, dass wir die Leute endlich zum Kampf herauslocken," sagt schließlich jemand zögernd. Ein zweiter fällt ein, ein dritter, und plötzlich ist eine erregte Diskussion im Gange.
„Natürlich, die Hauptsache ist, dass es endlich zum Kampf kommt."
„Nur so können wir die Regierung Kapp-Lüttwitz unterstützen."
„Lächerlich, wozu wären wir denn sonst überhaupt hier?"
Ich verfolge die Auseinandersetzung mit höchster Spannung. Michael lächelt ganz merkwürdig. Dann fragt er einen neben ihm sitzenden Studenten: „Wofür kämpfen Sie eigentlich?"
Der sieht sich verlegen im Kreise nach Unterstützung um und murmelt unsicher: „Für Kapp natürlich."
„Und Sie?" wendet sich Michael an einen anderen.
„Für Ruhe und Ordnung," antwortet der prompt. „Und Sie?"
Der Führer der katholischen Verbindung gibt klar und bestimmt zurück: „Für die rechtmä­ßige Regierung Ebert-Noske."
Ein Irrtum ist nicht möglich: Jeder hat die Antwort klar und deutlich verstanden, und jeder sieht sich verlegen nach seinem Nebenmann um, was der wohl für ein Gesicht dazu macht.
Aber nur im Hintergrund brummt einer halblaut: „Schöne Sauerei!" Im Ernst wagt niemand etwas zu sagen. Denn der Führer der Katholiken ist ein älterer Oberleutnant, der den Hohenzollern hat. Und gegen einen solchen Mann kann man doch nichts unternehmen!
Außerdem stellt die katholische Verbindung immerhin einen sehr beträchtlichen Teil der gesamten Kompanie dar.
Michael lächelt immer noch. Die Situation wird unendlich peinlich: jeder von uns fühlt das Beschämende, dass wir im Grunde nicht einmal wissen, wofür wir kämpfen wollen. Aber statt irgendeines Entschlusses ist das Resultat unserer Gefühle eine dumpfe Wut auf Michael, der uns in diese bedrückende und unangenehme Lage gebracht hat.
Wir atmen alle erleichtert auf, als draußen plötzlich in großer Nähe ein paar Schüsse fallen.
Ein kurzes Kommando Michaels, und wir stürzen zu den Plätzen, die uns vorher zugewiesen wurden.
Wie ich mit Webach hinter unserm M. G. hocke, kommt mir wohl noch einmal der Gedanke an die eben erlebte Szene. Aber er wird schnell erstickt von der ungeheuren Gespanntheit, mit der ich den Patronengurt in das Schloss des Gewehrs einziehe.
Wir warten vergebens. Die Schüsse wiederholen sich nicht. Müde, verärgert und übernächtig erwarten wir den Morgen. Da kommt dann der Befehl, dass wir den Volkspark wieder räumen sollen.
Wir fragen uns, was denn die Besetzung überhaupt für einen Zweck gehabt hat, wenn wir sie doch gleich wieder aufgeben müssen. Ich wage nicht, mir eine Antwort darauf zu geben, und tue so, als hätte ich es nicht gehört, wie jemand in meiner Nähe mit hämischen Lächeln sagt:
„Da haben sich die Herren vom Garnisonkommando wieder einmal geschnitten. So dumm sind die Latjer denn doch nicht, dass sie blindlings in ihr Verderben rennen. Wir werden doch wohl den Angreifer spielen müssen."
Im Quartier legen wir uns dann schlafen.
Nirgends in der Stadt ist es bisher zu Kämpfen gekommen.

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