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Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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AKADEMISCHE SCHUTZPOLIZEI

Im Schreibzimmer unseres Verbindungshauses hängen außer den „Burschenschaftlichen Blättern" die „Hallischen Nachrichten" und die „Deutsche Tageszeitung". Aus ihnen übernehmen wir unsere Urteile über die allgemeine Weltlage und die Not des Vaterlandes.
Die Zeitungen werden auch häufig gelesen, aber nicht so oft wie ein schmales, hektographiertes Heft, das unser ständiger Verkehrsgast, der Redakteur Dr. Hütten, der Burschenschaft dediziert hat, und das den Titel führt: „Des deutschen Knaben Zotenbüchlein". In diesem Buch hat der Verfasser mit fast wissenschaftlich zu nennender Akribie alle Zoten zusammengetragen, die jemals auf deutschen Hochschulen kolportiert worden sind. Bonifazius Kiesewetter und Frau Wirtin sind mit unzähligen Versen vertreten. Außerdem das „Goldene Alphabet" in vier verschiedenen Fassungen und die beliebtesten Schnapsgebete.
Dass dieses Buch bei uns begehrter und wichtiger ist als die Zeitungen, hat seinen guten Grund darin, dass wir uns um Politik überhaupt nicht kümmern. Viele meiner Bundesbrüder halten die Beschäftigung mit Politik sogar für ausgesprochen unfein. Um die politische Reife der deutschen Studentenschaft zu dokumentieren, dafür ist ja der „Hochschulring deutscher Art" da, dem alle farbentragenden Verbindungen angeschlossen sind.
Diese Organisation dient in der Hauptsache der Befriedigung des politischen Ehrgeizes einiger weniger Studenten, die man tun und treiben lässt, was sie wollen. Hin und wieder rufen sie die gesamte Studentenschaft zu einer machtvollen Kundgebung für oder gegen etwas zusammen. Dann trifft man sich auf dem Vorplatz der Universität, ein Vorstandsmitglied des Hochschulrings hält eine Rede, man singt das Deutschlandlied und geht dann wieder nach Hause, ohne recht zu überlegen, um was es sich eigentlich gehandelt hat.
Eine solcher politischen Kundgebungen hatte den Besuch des sozialdemokratischen Kultusministers Konrad Haenisch zum Anlass.
Der Rektor der Universität hat zu einer Versammlung in die Aula eingeladen, wo der Minister zu der Studentenschaft von der Kulturpolitik des preußischen Staates reden will. Der Hochschulring gibt die Weisung aus, dass wir uns alle daran beteiligen sollen. Aber um dem Minister unsere Verachtung zu zeigen, gehen wir nicht in Couleur hin.
Von zahlreichen humoristischen Zurufen unterbrochen, erzählt der Minister, dass die sozialdemokratische Regierung eminent studentenfreundlich sei. Nach einer halben Stunde ist er bei der Feststellung angelangt, dass die Reichsregierung für die Reichswehr leider immer noch mehr Geld ausgäbe als für kulturelle Zwecke, — da muss die Versammlung geschlossen werden, denn der Minister kann vor dem Protestgeschrei der Studenten nicht weitersprechen.
Er zieht sich dadurch aus der Affäre, dass er mit weitoffenem Munde in das Deutschlandlied einfällt, das plötzlich aus der Versammlung heraus angestimmt wird.
Unser Vertreter im Hochschulring ist der kleine Rosenberger. Er entwickelt viel Eifer und wird von uns wegen seiner politischen Tätigkeit oft gehänselt.
Im Januar des Jahres 1921 entdeckt er, dass vor fünfzig Jahren das Deutsche Reich gegründet worden ist. Da muss etwas geschehen. Er regt beim Hochschulring einen großen Kommers in der Saalschlossbrauerei an.
Wir treffen uns vorher auf dem Hause und gehen in geschlossenem Zuge zum Kommerslokal. Zahlreiche Tische sind in einem riesigen Saal aufgebaut. Ungefähr tausend Studenten aller farbentragenden Verbände wollen die fünfzigste Wiederkehr des Reichsgründungstages durch einen festlichen Trunk feiern.
Es ist furchtbar langweilig. Wir ärgern uns über den verfehlten Abend und trinken stumpfsinnig unser Bier. Dann liest ein Geschichtsprofessor eine lange Rede ab über „Bismarcks Weltanschauung". Wir singen vaterländische Lieder und kommen beim fünften Glas allmählich auch in vaterländische Stimmung. Die Trinksprüche werden immer kriegerischer und feuriger.
So trinken wir nach dem Liede „Sind wir vereint zur guten Stunde" darauf, dass der alte Gott bald wieder „unserer Feinde Trotz zerblitzen möge."
Bald aber vergessen wir den feierlichen Anlass, der uns heute zum Trinken vereint, und wir tausend Studenten singen zur Feier der Reichsgründung „Im Arm ein frisches ros'ges Kind" und „In jedem vollen Glase Wein".
Die Stimmung ist schon sehr weit vorgeschritten. Das Präsidium wird an den Vertreter einer theologischen Verbindung abgegeben, der immer noch vor vaterländischer Begeisterung glüht. Wir singen unter seinem Kommando das „Lied vom Rodenstein":
„Der Schmied von Kainsbach steht am Herd Rum, plum, plum.
Mein Schmied, putz blank mein scharfes  Schwert!
Rum, plum, plum."
Dann hebt der Theologe sein Glas und lässt uns darauf trinken, „dass der Schmied von Kainsbach bald wieder unsere Schwerter schärfen möge!"
Er ist immer noch bei der vaterländischen Begeisterung, die wir andern schon längst hinter uns haben. Darum donnert ihm ironisches Beifallsgeschrei entgegen.
Einige Minuten später bekommt mein Bundesbruder Körnig eine Kontrahage mit einem Korpsstudenten, der ihm in der Tür zur Toilette nicht ausgewichen ist...
Mit der Beteiligung an solchen politischen Kundgebungen ist unser Interesse an Dingen des öffentlichen Lebens restlos erschöpft. Alles andere versteht sich ja so sehr von selbst, dass wir kein Wort darüber zu verlieren brauchen.
Darum legen wir auch kein Gewicht auf Rosenbergers Mitteilung, dass sich der Hochschulring korporativ einer geheimnisvollen Organisation angeschlossen habe, die ein bayerischer Forstrat gründete, um Deutschland vor dem Bolschewismus zu bewahren. Wir wissen von der „Organisation Escherich", der nun jeder einzelne von uns angehört, nur soviel, dass es sich da um eine ordentliche nationale Sache handelt, an der man sich als anständiger Mensch beteiligen muss.
Während dieser Zeit besucht uns einmal auf unserem Verbindungshaus ein fast völlig idiotischer Straßenmusikant „Zither-Reinhold", mit dem wir von Zeit zu Zeit unseren Spaß treiben, und der uns dafür heiß liebt.
Ein Pfarrer hat ihm seine verbogene und verbeulte Zither weggenommen und ihm dafür einen Leierkasten gekauft, den er uns heute — wir sitzen gerade beim Mittagessen — zeigen will. Reinhold hat es gewissermaßen kontraktlich, dass er alle vierzehn Tage einmal uns zum Mittagessen Musik vormacht, dafür Essen bekommt und soviel Geld, wie er es oft in einer Woche nicht zusammen betteln kann.
Zither-Reinhold singt uns schöne alte Lieder vor, mit einer unsäglich albernen und zittrigen Kinderstimme, die zu seinem Vollbart in sonderbarem Kontrast steht: „Heinrich schläft bei seiner Neuvermählten" oder „Bei ihrem schwererkrankten Kinde, da sitzt die Mutter still und weint".
Heute ist er ganz aufgeregt: „Bei mir zu Hause, da sagen sie alle: die Studenten wollen wieder schießen. Ich hab' gleich jesagt: das jloob' ich nich. Meine Studenten machen da nich mit, die sin ja soo jut."
Meine Bundesbrüder schweigen plötzlich merkwürdig. Keiner wagt, einen der üblichen Scherze zu machen, mit denen Zither-Reinholds Aussprüche quittiert zu werden pflegen. Wie soll man es auch diesem armen Irrsinnigen klar machen, dass man einem Leierkastenmann Geld und Essen schenken und doch zu gegebener Zeit auf Arbeiter und Leierkastenmänner schießen kann?
Keiner antwortet. Keiner ist roh genug, einem
Kind seinen Glauben an die Güte der Menschen zu nehmen. Aber Zither-Reinhold gibt nicht Ruhe: „Nich wahr, das machen Sie ja nich. Sie sin ja soo jut, nich wahr?"
Das Schweigen wird peinlich. Reinhold sieht uns ängstlich an und wartet auf Antwort. Endlich brüllt ihn einer an: „Halt' die Schnauze, Reinhold! Sag' uns lieber noch ein Gedicht auf!"
Reinhold faltet gehorsam die Hände und leiert mit starrem Gesicht: „Wenn du noch eine Mutter hast..."
Dann packt er hastig seinen Leierkasten auf und stolpert aus dem Kneipzimmer. Sein Gehl müssen wir ihm förmlich aufdrängen. Er schüttelt fortwährend den Kopf und stammelt unverständliche Worte vor sich hin: „...nee, nee, die sin doch viel zu jut."
Es ist zuviel für sein kleines Hirn: wir sind so gut, wir schenken den Armen Geld, wir lachen wie die Kinder über die blödesten Witze, wir weinen manchmal vor allgemeiner Rührung, wenn wir betrunken sind, wir küssen unsere Mütter beim Gute-Nacht sagen, der eine oder der andere macht sogar lyrische Gedichte, und die drei Theologen unter uns beten des Abends, wenn sie schlafen gehen.
Und doch. Reinhold, und doch werden sie alle schießen, wenn es soweit ist.
Du kannst dich trösten, Zither-Reinhold, das sind Dinge, die nicht nur für einen infantilen Idioten zu schwer sind. Das sind Dinge, die wir alle nicht verstehen, weil wir nicht wissen, dass es auf unsere kleinen Gefühle nicht ankommt, und dass wir nach Gesetzen handeln, die außerhalb unserer Seele liegen. Nach Gesetzen, die uns unsere Zugehörigkeit zu einer Klasse von Bürgern und Herren vorschreibt, und die so stark sind, dass wir ihrem Zwang erliegen, ohne es auch nur zu wissen.
Du hast recht, Zither-Reinhold. Und darum muss ich mich nun betrinken und verschlafe am nächsten Morgen Paukboden und Kolleg und muss Strafe zahlen, und meine Bundesbrüder halten mich für einen liederlichen Strolch, weil ich ihnen doch nicht erzählen kann, dass Zither-Reinholds fassungsloses Erstaunen und sein angstvoller Blick schuld waren an dieser wüsten Nacht...
Kurz vor den Universitätsferien, im März 1921, wird uns von der „Orgesch" ein merkwürdiges Angebot gemacht. Man befürchtet, dass während der Ferien kommunistische Unruhen ausbrechen könnten. Und die versprächen, sehr gefährlich zu werden, falls sich die Studenten nicht als Zeitfreiwillige an der Niederwerfung des Aufstands beteiligen könnten. Darum macht man uns den Vorschlag, in Halle zu bleiben. Die Organisation will uns dafür ein Tagegeld von zwanzig Mark zahlen.
Fast alle meine Bundesbrüder lassen sich das Tagegeld der Orgesch auszahlen und fahren in den Ferien nicht nach Hause. Ein wüstes Leben beginnt: wir haben nichts zu tun und Geld genug, um den ganzen Tag in den Kneipen herumzuliegen. Manche von uns werden die nächsten Wochen eigentlich nie ganz nüchtern.
In der ersten Zeit geschieht nicht das Geringste. Wenigstens nicht von Seiten der Kommunisten. In der Orgesch dagegen ereignet sich eine Skandalaffäre, die uns ungeheuer peinlich ist: der Vorsitzende des Hochschulrings unterschlägt von den Tagegeldern der Orgesch eine große Summe. Leider ist er Burschenschafter, und darum bemühen wir uns, die Sache so still und unauffällig wie möglich zu erledigen.
Endlich hören wir, dass in Mitteldeutschland ein Aufstand ausgebrochen ist und bereits sehr gefährliche Formen annimmt. Der berüchtigte
„Mordbrenner" Max Hoelz soll wieder im Lande sein und die „rote Armee" organisieren.
Die Leitung der Orgesch wird nervös. Die Unruhen spielen sich zwar zunächst nur im Mansfelder Seekreis ab, und unmittelbare Gefahr für Ruhe und Ordnung in der Stadt Halle besteht nicht. Aber man befürchtet täglich ein Übergreifen der Bewegung.
Wir müssen Tag und Nacht auf unserem Verbindungshaus zum Abruf bereit sein. Dieses Warten ist entsetzlich langweilig und aufregend zugleich. Genaue Nachrichten über Art und Umfang der Unruhen bekommen wir nicht, aber dafür schwirren fortwährend die tollsten Gerüchte umher. So soll eine technische Hundertschaft der Schutzpolizei Halle von der Hoelzschen Bande unter unsagbaren Grausamkeiten zu Tode gemartert worden sein.
Ich bin zwar fest überzeugt, dass an diesen Gräuelnachrichten kein wahres Wort ist, aber in der trostlosen Unausgefülltheit dieser Tage begrüßen wir selbst eine Tatarennachricht freudig: man hat endlich wieder einen Diskussionsstoff.
Wir spielen Tag und Nacht Karten und trinken.
In einer solchen Nacht, in der uns ein strikter Befehl der Orgesch-Leitung daran hindert, in unseren Wohnungen ins Bett zu gehen, feiern Webach und ich ein wehmütiges Wiedersehen mit Leutnant Walter von der Nachrichtenabteilung.
Wir haben ihn monatelang nicht mehr gesehen, darum begrüßen wir sein plötzliches Auftauchen jetzt mit großem Hallo. Sein Apparatist aufgelöst worden, und seitdem hat Walter ein Pöstchen in der Orgesch.
Aber er lehnt unsere Zurufe mit ernstem Gesicht ab und ruft in den Lärm des Kneipzimmers, in dem wir auf Tischen und Bänken liegen und sitzen: „Ruhe!"
„Ich wollte Ihnen nur ausrichten, dass vor einer halben Stunde das Haus des Corps Borussia von einer Mine in die Luft gesprengt worden ist. Hoelz hat Sprengkommandos organisiert, die sämtliche Verbindungshäuser Halles niederlegen sollen. Ich würde Ihnen daher raten, Wachen auszustellen."
Webach lacht herzlich und rücksichtslos: „Du bist komplett verrückt! Ich denke gar nicht daran, wegen deiner Latrinenparolen vielleicht noch draußen Posten zu stehen."
Walter ist immer noch der Alte. Er kann gar nicht anders leben als in dem ewigen Hin und Her falscher Meldungen. Ich bin überzeugt, er ist jetzt sehr glücklich. Denn er kann sich überall wichtig machen und ist wieder der große Mann mit den dicken Informationen.
Aber trotz Webachs Protest werden Wachen ausgestellt. Ein paar Bundesbrüder wollen nun sogar die Detonation der Mine gehört haben. Sie sind erst von der Unwahrheit dieser Mitteilung überzeugt, wie sie am Morgen das Haus des Corps Borussia völlig unbeschädigt auf seiner alten Stelle stehen sehen.
Am nächsten Tag werden wir dann überraschend von der Orgesch angefordert. In der Rossplatzkaserne begrüßt uns ein Schupooffizier sehr höflich und fragt uns, ob wir bereit seien, für einige Zeit die Schutzpolizei zu unterstützen. Er gibt auch genau an, was wir dabei verdienen.
Selbstverständlich sind wir alle bereit. Aber der Offizier hat seine Bedenken: ein paar von uns, deren Gesichter allzu auffallend von Schmissen entstellt sind, werden wieder nach Hause geschickt. Wir anderen, die wir die Zeichen unserer akademischen Würde nur auf dem Schädel tragen, werden der Obhut eines Wachtmeisters übergeben und verwandeln uns auf der Kleiderkammer in Polizeibeamte.
Es gibt ein großes Hallo, wie man uns die Uniformen verpasst. Damit wir nicht alle gleich aussehen, bekommt einer die Uniform eines Hilfswachtmeisters, der andere darf als Oberwachtmeister herumgehen, und ein ganz besonders Bevorzugter erhält sogar die silberdurchwirkten Raupen eines Hauptwachtmeisters.
Aus irgend einem Grunde bestimmt der dicke Wachtmeister mich zum Vorgesetzten der zwanzig Mann, mit denen ich zusammen eingekleidet worden bin, und schickt mich zum Adjutanten des Schupokommandos, Polizeileutnant Rabe.
Dort melde ich vorschriftsmäßig: „Zwanzig Freiwillige der sechsten Kompanie Organisation Escherich Halle."
Rabe grüßt höflich und freundlich und dankt uns in kurzer Rede für unser aufopferungsvolles Eintreten für Ruhe und Ordnung. Er sagt mit todernstem Gesicht: „Ich weiß, wie hoch ich Ihnen die Bereitwilligkeit anzurechnen habe, mit der Sie Ihr Studium auf einige Wochen unterbrechen."
Wir lachen laut los, da sagt er gemütlich: „Na schön, dann will ich sagen: hoffentlich amüsieren Sie sich gut bei uns!"
Dann erläutert er uns die Kampflage. Die Abteilung Hoelz sei südwestlich von Halle aufgerieben worden, ein Trupp unbestimmter Stärke sei nach Osten ausgewichen. Wir sollten versuchen, den Verbleib dieser „Banditen" festzustellen.
Eine Radfahrpatrouille wird zusammengestellt. Rabe überträgt mir das Kommando, obgleich ich darauf hinweise, dass viele von den neu eingetretenen „Beamten" weit ältere Soldaten sind.
Es hilft nichts: ich bin der Führer einer Radfahrpatrouille von zehn Mann. Die Leute, mit denen ich fahren soll, kenne ich kaum, es ist keiner meiner Bundesbrüder darunter. Wie wir uns in einer Garage die Räder abholen, nähert sich mir unauffällig ein älterer Mensch: „Gestatten: Meyer. Verzeihen Sie, Herr Kommilitone, wissen Sie, wie eine Radfahrpatrouille fahren muss?"
„Keine Ahnung!" gebe ich hastig und leise zurück.
Meyer klärt mich auf: „Die eine Hälfte der Patrouille fährt auf der linken, die andere auf der rechten Straßenseite, der Führer in der Mitte."
Ich danke ihm herzlich und lasse vor unsrer Abfahrt meine Kameraden noch einmal antreten. Mit möglichst selbstverständlicher Stimme sage ich zu ihnen: „Meine Herren, ich nehme an, Sie wissen über eine Radfahrpatrouille Bescheid? Scheint nicht so. Also: die eine Hälfte der Abteilung fährt auf der rechten, die andere auf der linken Straßenseite. Verstanden?"
Dann fahren wir in die Nacht hinein. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wie wir an der letzten Straßenpatrouille der Schupo vorüberfahren und die beiden Leute vor mir stramm salutieren.
Von Hoelz sehen wir nichts. Wir fahren etwa zehn Kilometer nach Norden. Mir ist sehr unbehaglich zumute, und ich habe furchtbare Angst, mich zu blamieren.
Nachdem wir etwa eine Stunde auf der Chaussee gefahren sind, hören wir in einiger Entfernung Schüsse. Ich lasse halten. Die anderen „Beamten" zeigen nicht gerade übertriebene Lust, dem Schall der Schüsse nachzufahren. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Damit nur überhaupt etwas geschieht, lasse ich Meyer mit drei anderen Leuten in einen Seitenweg abbiegen, nachdem wir einen bestimmten Treffpunkt verabredet haben.
Dann besetzen wir den Bahnhof Teicha. Es macht mir großen Spaß, dem Stationsvorsteher meinen Ausweis zu zeigen und das Bahntelefon für unsere Zwecke zu beschlagnahmen. Der arme Kerl saß gerade bei seiner Monatsabrechnung, als wir ans Fenster klopften, und atmete erleichtert auf, als er statt Hoelz eine Schupopatrouille erblickte.
Ich telefoniere an Leutnant Rabe, dass wir Schießen hören, und bekomme den Befehl, weiterzufahren.
Wieder auf der dunklen Chaussee, überlege ich mir unsere Lage. Höchstens fünf Kilometer vor uns müssen sich Leute der Hoelzschen Truppe befinden. Ich weiß nicht, wie viele es sind. Kann ich meine sechs Kameraden in die Gefahr bringen, aufs Geratewohl eine überlegene Abteilung anzugreifen?
Wenn sie nur nicht dem Schall der Schüsse nachfahren und die Abteilung angreifen wollen! Ich darf mich doch nicht so blamieren!
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Da tritt ein Kommilitone namens Bauer an mich heran: „Sie, sagen Sie mal, sollen wir uns da wirklich in unangenehme Sachen einlassen? Ich habe offen gestanden nicht die geringste Lust, mir hier ein Ding vorn Brägen zu holen. Sie vielleicht? Für die paar Pfennige, die die Schupo uns zahlt?"
„Nee," sage ich ehrlich und erleichtert.
Es ergibt sich, dass die anderen meinen Entschluss, Hoelz Hoelz sein zu lassen und an dem verabredeten Treffpunkt auf Meyer und seine Leute zu warten, durchaus begrüßen. Wir fahren also zu der Chausseekreuzung zurück und warten.
Wir warten eine Stunde, zwei Stunden.
Ich mache mir entsetzliche Vorwürfe. Wie konnte ich die vier Mann auch einfach ins Ungewisse schicken? Gewiss, — Meyer ist ein alter Soldat. Aber wenn ihnen nun etwas passiert? Ich könnte mein Leben lang nicht wieder froh werden.
War es nicht überhaupt eine Gemeinheit von mir, aus purer Eitelkeit die Führung dieser Patrouille zu übernehmen?
Vom Bahnhof Teicha aus telefoniere ich mit Leutnant Rabe und erzähle ihm von dem Unglück. Er befiehlt mir, sofort zurückzukommen, und wir machen uns auf den traurigen Heimweg.
Hinter mir höre ich Bauer sagen: „Ich hatte gleich so ein dummes Gefühl, als ob wir heute Nacht noch Pech haben würden."
Vollkommen zerschlagen mache ich meine Meldung. Rabe tröstet mich: so etwas könne jedem mal passieren, und ich sollte mir keine Gedanken machen...
Aber was hilft das alles?
Wie ich mich schlafen lege, höre ich gerade die Lastautos abfahren, die die Hoelzsche Truppe abfangen wollen.
Nach zwei Stunden werde ich geweckt: Meyer und seine drei Leute hocken stumpfsinnig um einen Tisch. Sie sehen bleich und verstört aus.
„Um Gotteswillen, was ist geschehen?" rufe ich sie an.
Bauer lacht: „Besoffen sind sie, weiter nichts."
Die vier haben sich in einem Dorf, das auf ihrer Route lag, bei Grog und Schnaps festgetrunken und sind eben erst angekommen.
Ich sage Rabe sofort Bescheid. Aber trotzdem lese ich in der Abendzeitung, dass auf das Konto der Hoelzschen Bande wahrscheinlich auch noch vier Schupobeamte kommen, die von einer Patrouille nicht zurückgekehrt sind...
Der mitteldeutsche Aufstand des Jahres 1921 wird mit Hilfe von Reichswehrtruppen und Schutzpolizei niedergeworfen. Eine große Anzahl Arbeiter wird im Leuna-Werk gefangen genommen, nachdem man die Fabrik ausgiebig mit schwerer Artillerie beschossen hat.
Uns berührt das wenig: wir machen Straßendienst, freuen uns, wenn ein Bekannter uns in unsrer Schupouniform erkennt, bewachen Eisenbahnbrücken und Fabriken und langweilen uns schändlich.
Vierzehn Tage später werden wir entlassen. Ein Schupooffizier erscheint bei uns und dankt uns mit wohlgesetzten Worten für unsern Opfermut. Wir hören ihn gelangweilt an und streichen unsern Sold ein. Bald denkt keiner von uns ehemaligen Schupobeamten mehr an diese Zeit.
Aber in der Orgesch denkt man daran. Ich bekomme plötzlich die Aufforderung, einen Bericht über die Radfahrpatrouille zu schreiben, den ich persönlich dem Vorstand der Ortsgruppe Halle überreichen soll.
Ich verabrede mich mit meinen Kameraden und dichte einen hochdramatischen Bericht, der zugleich dem Mut der Mannschaft wie der Umsicht des Führers ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. Ich bekomme wegen dieses Berichts, an dem kaum ein wahres Wort ist, ein großes Lob des Orgesch-Vorsitzenden.
Das ist ein Oberstleutnant, der eben erst aus dem Dienst der Reichswehr ausgeschieden ist...
In den Ferien, die diesem Intermezzo bei der Schutzpolizei folgen, verreise ich. Halle kaum im Rücken, befällt es mich wie eine Krankheit: ich beginne über mich und mein Tun nachzudenken, über alles, was ich in den letzten drei Jahren erlebte. Dunkel und schmerzlich erkenne ich, dass ich die Brücken hinter mir zerstören muss, dass ich verloren bin für den Weg, der einem „jungen Mann aus gutem Hause" vorgezeichnet ist.
Warum kann ich diesen Weg nicht wie alle meine Freunde und Verwandten ruhig gehen? Warum muss ich überall nach Sinn und Ziel fragen? Warum fühle ich mich trostlos, fremd und verlassen unter diesen Menschen, die doch „meinesgleichen" sind? Zu denen ich doch gehöre?
Gehöre ich wirklich noch zu ihnen? Habe ich noch etwas mit ihnen gemein? Wecken die tönenden Worte, die mich mit ihnen verbinden, nicht schon seit Jahr und Tag ein stummes Echo des Zweifels in mir?
Ich habe zu früh und zu lange für Ruhe und Ordnung gekämpft, nun kann ich in dieser Ordnung — zwischen Saufgelagen, Weibern und Mensuren — nicht mehr leben...

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