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Bela Illes - Die Generalprobe (1929)
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X.

Gleich am ersten Abend befreundete sich Antalfy mit zwei tschechischen Offizieren. Die Offiziere suchten ursprünglich nicht Antalfys Bekanntschaft, aber die Schauspielerinnen sprachen weder deutsch noch tschechisch, und die Herren Offiziere konnten nicht ungarisch, so übernahm Antalfy die Rolle des Dolmetschers. Die Offiziere bestellten Rotwein, Antalfy machte den Dolmetsch, trank und sang:
„ Die Nacht verbirgt mich Der Regen wäscht meinen Mantel rein Und doch sind tausend klingende Taler Auf meinen Kopf gesetzt..."
Als der Dolmetsch überflüssig wurde, setzte sich Antalfy an meinen Tisch, wo ich mir bei einem Glas Sodawasser die Schreckensgeschichten über die Bolschewiken anhörte. Die erste Nacht verbrachten wir in einem Hotelzimmer.
— Diese Tschechen sind nicht einmal so dumm, wie man denkt — sagte Antalfy während des Auskleidens. — Sie haben keinen von den hiesigen Bolschewiken festgenommen, alle laufen noch frei herum. Diese Nachsicht kostet sie nicht viel, aber um so mehr bringt sie ein. Die Bergarbeiter schuften wie die Tiere, nur damit die tschechischen Herren zufrieden sind und die Magyaren nicht hineinlassen.
— Du musst heiraten — sagte Antalfy plötzlich, ohne jeden Übergang. — Du musst unbedingt heiraten. Auswahl gibt es genug. Welche immer von den vier Chormädchen du wählst, jede spielt gern für einige Monate die anständige Frau.
Am nächsten Morgen half ich auf Antalfys Zureden die Flugzettel austeilen. Theaterdirektor Gustav Sarkadi wandte sich mit Flugzetteln an das hochverehrte Publikum und bringt zur Kenntnis, dass er heute Abend — mit seiner aus hervorragenden künstlerischen Kräften bestehenden Schauspielertruppe — die auf drei Wochen berechnete Theatersaison eröffnet, und bittet mit vaterländischem Gruß um wohlwollende Unterstützung. Auf mich entfiel der leichtere Teil der Arbeit: ich teilte die Aufforderungen nicht in den Wohnungen, sondern in den Geschäften aus. In den Geschäften wie überall — waren Juden, die die ungarische Schauspielertruppe mit heller Freude begrüßten. Sie fragten, — wer die Primadonna sei, was wir spielen würden, wie groß das Orchester sei? An mehreren Stellen wurden mir Zigaretten angeboten. Am liebenswürdigsten aber empfing mich ein alter sommersprossiger Barbier.
— Na endlich! Gott sei Dank! Dass man endlich wieder Magyaren sieht. Wenn's auch nur Schauspieler sind, die Hauptsache, dass es Magyaren sind. Mit Gottes Hilfe werden auch die anderen kommen. Ich rasiere einen ganzen Tag umsonst, wenn ich den ersten magyarischen Gendarmen erblicke.
Und um mir zu beweisen, dass er nicht prahlte, rasierte er eins, zwei, drei mein Gesicht und schor meinen Kopf kahl — aus lauter Freude.
Auf meiner Tour durch die Geschäfte ging ich — trotzdem ich dazu keinen Auftrag hatte — über den Eisenbahndamm hinüber, in der Richtung nach dem Eingang der Kohlengrube. Neben dem Eisenbahndamm — links von der Barriere — lag Kohle in zwei riesigen Haufen, wie zwei hohe Hügel aufgestapelt. Die Arbeit war im Gange. Wagen auf schmalen Geleisen beförderten die Kohle aus der Grube heraus. Je ein Pferd zog die Wagen. Eins — zwei und schon lag die frische Kohle zwischen der anderen. Nacheinander kamen die einspännigen Wagen, aber die Kohlenberge wurden nicht höher, denn auf der anderen Seite wurde stets geschaufelt. Was auf der einen Seite die vielen kleinen Wagen ausspieen, das verschluckte auf der anderen Seite ein großer Eisenbahnwaggon. Ein unendlich langer Güterzug stand auf dem toten Geleise. Tschechoslowakische Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten hielten Wache.
Von der Sperre aus sah ich lange zu, wie gearbeitet wurde. Die Menschen bewegten sich müde, die meisten hielten die Kohlenschaufel, wie wenn nicht sie selbst die Kraft aufbringen müssten, sondern die Schaufel sie nach sich zöge. Es war kein Schwung in der Arbeit, und wie wenn keiner sich darum kümmerte, was sein Nachbar tat: arbeitete jeder für sich.
Der eine wachestehende tschechische Soldat rief mir etwas zu, nur verstand ich nicht, was er auf tschechisch sagte. Als der Soldat mich darauf wütend anschrie, dachte ich, es sei verboten, am Eisenbahndamm zu stehen und wandte mich langsam nach der Stadt zurück. Ein anderer tschechischer Soldat stellte sich mir in den Weg. Einen Augenblick später standen schon zwei Soldaten neben mir, und während der eine das Gewehr auf mich richtete, riss der andere die Flugzettel unter meinem Arm heraus. Er sah sich die Flugzettel genau an, aber er verstand genau so viel ungarisch, wie ich tschechisch. Er fragte mich etwas, ich verstand zwar nicht, was er sagte, es war aber nicht schwer zu erraten, was er wollte, und so erklärte ich ihm bereitwilligst, was ich vorhatte. Die Tschechen verstanden das gesprochene ungarische Wort gerade so wenig wie das geschriebene, und daher schrie mich der tschechische Soldat noch wütender an. Noch zwei Soldaten kamen zur Hilfe — der eine schien ein Unteroffizier zu sein — sie versuchten, ohne mich zu befragen, herauszubekommen, was der Inhalt der Flugzettel sei. Sie diskutierten untereinander, aber das Wort Bolschewiki sprachen sie fast genau so aus, wie bei uns. Sie lieferten mich bei der Stadtkommandantur ab und hielten mich bis fünf Uhr nachmittags da. Wer weiß, wie lange ich noch hier gesessen hätte, wenn mich Antalfy nicht abgeholt hätte. Der Inspektionsoffizier kannte Antalfy von gestern Abend, und da mein Freund den Flugzettel vorzeigte, auf dem der Stempel des Militärkommandos angebracht war — war die Sache in Ordnung.
— Jeden Menschen, auch den anständigsten halten sie für einen bolschewistischen Agitator, — die blöden Kerle! — brüllte der Offizier und befahl die zwei Soldaten, die mich bisher bewacht hatten, für den nächsten Tag zum Rapport. Diese verteidigten sich mit einem unendlichen Wortschwall, dass sie ja gar nicht gewusst hätten, wer ich sei und weshalb ich hier sei, sie könnten nichts dafür, es sei ihre Pflicht, die eingelieferten Gefangenen zu bewachen. Aber diese unmilitärische Hin-und Herrederei brachte den Leutnant noch mehr in Wut, er drohte den Soldaten, sie gefesselt abführen zu lassen.
— Marsch!
Bei der Eröffnungsvorstellung am nächsten Abend — sang ich mit vier anderen Choristen zusammen im Chor, ich sprach sogar einige Worte ganz selbständig. Nach dem zweiten Akt kanzelte mich der Direktor fürchterlich ab, weil ich ein Glas hatte hinfallen lassen. Natürlich war das Glas zerbrochen. Da Antalfy den Schaden auf sich nahm, war der Frieden wieder hergestellt. Die Bühne — an deren Zusammenkleisterung auch ich teilnahm — stand im großen Saal des Hotels Pannonia. Der Saal war voll gestopft von Menschen, alles was Namen und Glanz hatte, war vertreten. Der Erfolg war ungeheuer.
Wenn der Barbier, der mich kahl geschoren hatte, tatsächlich Wort halten wollte, hatte er am vierten Tag Gelegenheit, von morgens bis abends unentgeltlich zu rasieren: zwei magyarische Honvedoffiziere und vierzig magyarische Gendarmen trafen in der Stadt ein. Wir, Antalfy und ich, wohnten schon in einer Privatwohnung: wir mieteten ein Zimmer beim Küster. Die Frau unseres Hauswirts erzählte uns, dass die magyarischen Soldaten am Bahnhof von zwei tschechischen Offizieren empfangen worden seien. Die Gendarmen wurden in einer Schule untergebracht. Die zwei Honvedoffiziere tranken bis zum Morgen mit den tschechischen Offizieren in der Wohnung des Stadtkommandanten. Unsere Wirtin wusste das alles so genau, weil ihr Mann, der Küster, die ganze Nacht Wein für die Herren Offiziere aus dem Keller des hochwürdigen Herrn Pfarrer heraufgeschleppt hatte.
— Die Herren Offiziere bevorzugen den süßen Rotwein — sagte die Frau.
— Ich bewundere ihren guten Geschmack — sagte Antalfy.
— Am Abend hatten wir dann auch Gelegenheit, den süßen Rotwein des hochwürdigen Herrn kennen zu lernen. Unser Hauswirt lud uns zu einem Gläschen ein, zum Dank für die zwei Freikarten, die wir ihnen geschenkt hatten. Das „Gläschen" wäre auch als Bierkrug groß genug gewesen — und nach einer kleinen halben Stunde erschloss unser Hauswirt uns auch sein Herz.
— Ehrlich gestanden — sagte er — ich hätte früher um keinen Preis Komödianten in meine Wohnung aufgenommen, aber heute sind die Zeiten so, dass die Magyaren fest zusammenhalten müssen, und Sie können mir glauben — dass mein Herz lacht, dass ich magyarische Herren in meinem Hause sehe, auch wenn die Herren bloß Komödianten sind. Na, noch ein Gläschen, meine Herren!
— Denn ich muss sagen — fuhr der Küster Nagy weiter fort — nirgends ist es so dringend nötig, wie hier bei uns in dieser unglücklichen Stadt, dass alle Menschen, die ein magyarisches Herz besitzen, die an das tausendjährige Ungarn glauben, fest zusammenhalten — wie der hochwürdige Herr Pfarrer zu sagen pflegt, und ich selbst bin auch der Ansicht. Denn in dieser Stadt leben die Menschen, wie wenn sie der Allmächtige nur dazu geschaffen hätte, einander zu zerfleischen. Denn nicht nur die Hände, das Gesicht und die Kleidung sind schwarz bei dem zahllosen Kohlenbergwerksgesindel, das in unserer Stadt wohnt, — auch ihre Seele ist so schwarz, wie wenn sie aus Kohle wäre. Die Herren mögen den hochwürdigen Herrn Pfarrer befragen, wenn ihnen meine Worte nicht glaubhaft genug erscheinen.
— Was Sie uns sagen, Herr Nagy, das ist uns heilig — sagte Antalfy.
— Meine Herren, ich kann Ihnen sagen, dass aus meinem Mund in diesem Leben noch kein unredliches Wort gekommen ist, und wenn ich es sage, können Sie mir's glauben, dass der kein Magyar ist, der für die Tschechen auch nur einen Finger rührt. Wenn die Bergarbeiter ehrliche Magyaren wären, würden sie die Kohlenhacke zu Boden werfen und sagen: für einen Hund, für einen Tschechen arbeite ich nicht, verschwindet von hier und geht dahin zurück, von wo ihr gekommen seid, ihr lumpiges Tschechengesindel. So würden die Bergarbeiter handeln, wenn sie ehrliche Magyaren wären, aber statt dessen — na, noch ein Gläschen, meine Herren, auf das Wohl des magyarischen Vaterlandes!
— Möge der Allmächtige dem magyarischen Vaterland viel solcher Söhne schenken, wie wir hier einen begrüßen können, lieber Herr Nagy — sagte Antalfy feierlich.
— Meine Herren, an mir kann wirklich keiner was aussetzen — was die vaterländische Gesinnung und die magyarische Moral anbetrifft. Aber ich sage — und Hochwürden verkünden es auch — dass Gott nicht mit dem Stock schlägt, und jeden trifft seine belohnende oder strafende Hand, wie er es verdient!
Hierbei lachte der Alte verschmitzt und blinzelte mit dem linken Auge Antalfy zu.
— Mit den Tschechen sind aber die Bergarbeiter tüchtig hereingefallen — fuhr Herr Nagy mit gedämpfter Stimme fort.
— Na, na — meinte Antalfy zweifelnd. — Die Tschechen sind große Gauner, sie stecken mit den Bergarbeitern unter einer Decke.
— Ja, mit Worten, meine Herren, mit Worten — sagte Herr Nagy lächelnd. — Aber wenn es sich um Taten handelt... Gewiß, viel Mut hat der Tscheche nicht, er sieht in dem Bergarbeiter auch den Magyaren, und das wissen die Hunde, mit Magyaren ist nicht gut anzubinden, deshalb ducken sie sich... Aber hintenherum ... Denn was glauben denn die Herren, wozu haben die Tschechen die magyarischen Gendarmen hierher geholt? Etwa vielleicht, um die Zahl der Theaterbesucher zu vergrößern? He— he, nein, nicht darum, ich kann den Herren versichern, sie haben sie nicht darum hierher geholt. Ganz etwas anderes wird in den Köpfen der Tschechen gebraut, meine Herren, es handelt sich hier um ganz etwas anderes, wenn ich es sage, können Sie's ruhig glauben.
— Na — na, sagte Antalfy, — auch ein Blinder sieht, dass Herr Nagy sich auf Politik versteht — uns Künstlerleuten wurde diese Wissenschaft nicht gerade eingelöffelt, und damit wir den Lauf der Welt nicht nur so sehen, wie der blinde Bettler den falschen Sechser, so erzählen Sie uns doch, lieber Herr Nagy, weshalb denn eigentlich die Tschechen die magyarischen Helden hierher geholt haben?
— Das hat schon einen wichtigen Grund, he— he— he — lachte der kleine Mann, aus dem nur noch der Rotwein des hochwürdigen Herrn sprach, — meine Herren, wenn ich es sage, können Sie's schon glauben. Nicht umsonst ist der Tscheche ein roter Fuchs. Es dauert nicht zwei Tage — zwei Tage? — o nein, die Herren werden's vielleicht schon morgen erfahren, welch ein schlauer Hund so ein Tscheche ist. Sie werden's schon erfahren — wiederholte er fast schreiend — aber nicht von mir. In meinem Innern ist das Geheimnis tief vergraben. Denn ich befolge denselben Wahlspruch, wie der Hochwürdige Herr Pfarrer: die rechte Hand darf nicht wissen, was die linke tut. He— he— he — Na, noch ein Gläschen, meine Herren!
Mehr hätte man selbst mit Zangen nicht aus Herrn Nagy herausgezogen. Ein- zweimal versuchte er aufzustehen — der Wein auf dem Tisch ging zur Neige — als er aber sah, dass er nicht mehr Herr über seine Beine war, ergab er sich in christlicher Demut dem unabänderlichen Schicksal und begann mit krächzender Stimme, den Kopf zwischen den Händen, über den Tisch gebeugt, zu singen:
„ Weinet Christen, Trauert, schauert, Zerknirscht sei jedes Herz, Das seinen Jesus ruft."
Frau Nagy schnarchte nach Noten. Wir legten den Mann neben sie ins Bett, natürlich so wie er dasaß, mit Kleidern und Schuhen.
— Da, krepiere du Aas — und gute Nacht — Antalfy und spuckte aus.
Antalfy setzte sich auf den Bettrand und nahm seinen Kopf in die Hände. Sein Kopf war auch schwer von dem Rotwein des hochwürdigen Herrn.
— Den ganzen Abend geht mir's im Kopf herum — fing Antalfy an — dieses Schwein — dieser Nagy — schaut neben seiner Frau aus, wie eine lungenkranke Ziege im Schatten einer Mutterfreuden entgegensehenden Kuh. Meinst du nicht?
— Du — antwortete ich mit einer Frage an Stelle einer Antwort — was zum Teufel mag dieser alte Gauner noch wissen? Was für eine Niederträchtigkeit kann das sein, zu der die Tschechen so großartige Vorbereitungen treffen?
— Ich kann mich auch nicht hinlegen, weil ich mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbreche. Ich will nie im Leben einen gehenkten Pfaffen sehen, wenn ich mich täusche: die Magyaren sind hier, um die hiesigen Kommunisten zusammenzufangen. Klare Sache: die Herren Tschechen bleiben auch weiter liebe Kerle, und die Genossen werden irgendwo in Ungarn zu Tode gepeinigt. Ganz gewiss, dass diese lungenkranke Ziege darüber etwas erschnüffelt hat. Das haben die Herren Offiziere gestern ausgekocht.
— Ja, das ist sehr wahrscheinlich.
Einige Augenblicke später schlüpfte ich hastig wieder in meine Kleider.
— Irgendwie müsste man die Genossen von der drohenden Gefahr verständigen.
— Aber wie? — fragte Antalfy achselzuckend. — Wir kennen sie doch nicht einmal dem Namen nach, geschweige ihre Adressen.
— Irgend etwas müssten wir doch unternehmen...
— Wir können nichts machen. Auf keinen Fall heute Nacht. Vielleicht morgen.
Ich nahm meinen Hut und eilte auf die Straße hinaus, wie wenn ich Antalfys Befürchtungen gar nicht gehört hätte. Ein paar Augenblicke später stand Antalfy neben mir.
— Du bist wohl ganz von Sinnen — sagte er wütend.
Ich antwortete nichts, er sagte auch nichts mehr. An der katholischen Kirche bogen wir nach der Pannonia ein, von dort wieder zur Hauptstraße zurück. Wir stürmten vorwärts, wie wenn wir etwas Dringendes zu erledigen hätten, dabei wusste keiner von uns, wohin wir eilten. Die Straßen waren leer, die Häuser alle dunkel. Ein leichter Wind blies und jagte den Weindunst aus meinem Kopf. Da ließ auch meine Besorgnis von vorher nach. Wir haben uns durch Altweibergeschwätz schrecken lassen — dachte ich beschämt. Mitten in der Hauptstraße kehrten wir plötzlich um, aber jetzt eilten wir nicht mehr, wir schlenderten nur so dahin.
— Der alte Gauner hat sich wichtig gemacht, er wollte den Eingeweihten mimen. Wonach der Schweinekerl lechzt, das prophezeit er.
— Möglich, dass du recht hast, vielleicht aber auch nicht — entgegnete Antalfy. Eins steht fest, tun können wir gar nichts.
— Halt!
Aus einer Querstraße bog eine magyarische Gendarmenpatrouille in die Hauptstraße ein. Sie schlichen so leise heran, dass wir sie erst bemerkten, als sie unmittelbar an uns vorbeikamen.
— Halt! — schrie uns der die Patrouille führende Offizier an.
Antalfy wartete gar nicht, bis ihm der Offizier irgendwelche Fragen stellte, er begann sofort zu reden.
— Wir sind Schauspielkünstler — sagte er und lachte laut auf. — Wir genießen die nächtliche Stille. Hier ist meine Legitimation, leider ist sie nur mit einem tschechischen Stempel versehen. Zeig doch auch du, mein Sohn, deine Legitimation vor.
— Was suchen Sie so spät auf der Straße?
— Eigentlich suchen wir gar nichts, wir lüften nur unsere Köpfe aus, bisher haben wir nämlich die Wahrheit gesucht, und dabei bekommt man meistens Kopfschmerzen.
— Die Wahrheit haben Sie gesucht? — fragte der Offizier streng.
— Ja. Nur die Wahrheit. Und wie es einem guten Magyaren ziemt, suchten wir die Wahrheit im Wein, he— he. Roter Wein, weißer Wein, saurer Wein, süßer Wein, alter Wein, neuer Wein. Wo steckst du, Wahrheit? Komm hervor! Mit einem Wort, was ist da noch zu beschönigen, wir bekamen Kopfschmerzen.
Der Offizier lachte und gab uns unsere Legitimation zurück.
— Es wird Zeit, nach Hause zu gehen — sagte er jetzt in freundlichem Ton. — Wer das Trinken nicht verträgt, der soll es lieber lassen. Und außerdem — mit einem Wort, es ist Zeit, dass Sie nach Hause gehen.
— Zu Befehl, Herr Oberleutnant.
— Ich bin nur Leutnant.
— Entschuldigen. Ich sehe scheinbar doppelt.
— Na, genug davon. Eins — zwei, Marsch! Ein Gendarm begleitete uns bis nach Hause.
— Gott behüte unser magyarisches Vaterland vor jedem Unglück — verabschiedete sich Antalfy mit Hebenswürdigem Händedruck.
— He— he— he— he — lachte der Gendarm.
— Wir haben uns nicht geirrt — sagte Antalfy, als wir wieder in unserem Zimmer waren. — Diese Halunken !
Ich kleidete mich nicht aus, ich hoffte noch immer, dass 6ich etwas tun ließe. Ich bohrte meinen Kopf in die bunten Kissen, in meinem Gehirn jagten sich phantastische Träume. In der Früh erwachte ich mit starken Kopfschmerzen.
Unsere Wirtin war schon vom Markt zurück, sie hatte
sogar schon eine saure Katersuppe fertig. Die Suppe war für Herrn Nagy — nach dem Rezept des hochwürdigen Herrn Pfarrers — aber wir bekamen auch einen Teller.
— In der Stadt heißt es, dass heute Nacht...
— He— he— he — , mir willst du das erzählen? — unterbrach Herr Nagy seine Frau. — Ich wusste das schon vorgestern Abend! Magyarische Gendarmen verstehen keinen Spaß! He— he. Sie haben die Halunken zusammengefangen. Na, jetzt sollen die Schurken noch einmal versuchen, aus dem Hause Gottes einen Pferdestall zu machen!
— Was ist denn los? Was haben Sie denn? Schmeckt die Suppe nicht?
Ich stand auf und ging in den Hof hinaus. Dort lehnte ich mich gegen den alten Aprikosenbaum, um nicht umzufallen.
— Was ist denn? Die Suppe ist doch nicht schuld daran?
— Oh, die Suppe ist fabelhaft, noch nie habe ich eine so vorzügliche Suppe gegessen — kam mir Antalfy schnell zu Hilfe — aber der gestrige Wein war zu gut. Der Junge arbeitet noch nicht lange im Künstlerberuf, aber der Wein des Herrn Nagy hat auch mich alten Weltenbummler zu Boden gebracht. Na, Junge, jetzt ist aber Schluss, bring' keine Schande über die Schauspielertruppe.
Noch einen Teller Suppe, Frau! — schrie Herr Nagy aus der Küche, die zugleich als Speisezimmer diente. — Mein Magen verträgt nämlich kleine Bissen nicht, he— he— he.
Die Straße war den ganzen Vormittag durch so menschenleer, als sei Nacht. Das helle Sonnenlicht ließ die kahlen Straßen noch deutlicher hervortreten. Auf dem Weg zum Theater trafen wir nur tschechische Soldaten. Die Schauspieler, die sich zur Probe eingefunden hatten, wussten schon alle, dass in der Nacht etwas vorgefallen war.
— Die Kommunisten wollten die Kohlengruben in Brand stecken — erzählte gleich zuerst ein Chormädchen. — Aber Gott sei Dank, die Gendarmen haben sie noch rechtzeitig erwischt.
— Im letzten Augenblick — sagte ein Schauspieler. — Sie hatten schon die Zündhölzer in der Hand.
— Zweiundsechzig wurden festgenommen, die übrigen sind nach Russland geflüchtet.
— Nicht zweiundsiebzig, nur achtunddreißig sind festgenommen.
— Wie ich gehört habe, waren es einundachtzig. Ich weiß es aus zuverlässiger Quelle, mein Hauswirt ist Bezirksgerichtsvollzieher, und seine Frau hat es mir erzählt: genau einundachtzig Kommunisten haben die Gendarmen festgenommen. Unter ihnen befand sich auch der, der Stephan Tisza ans Kreuz geschlagen hat.
— Stephan Tisza ist nicht ans Kreuz geschlagen, sondern erhängt worden.
— Das willst du mir erzählen? Ich weiß es doch vom Gerichtsvollzieher.
— Der Teufel hat sie gezählt — antwortete Herr Nagy, als ich mich beim Mittagessen erkundigte, wie die Sache in Wirklichkeit stand. Eines stand fest: insgesamt sind elf Mann erschossen, die übrigen kamen mit ein paar Hieben davon.
— Vorläufig — fügte er nach einer Weile hinzu. — Die elf Rädelsführer sind aber erschossen, das ist das Wichtigste.
— Und woher wussten die gestern angekommenen Gendarmen, wer die Hauptbolschewiken sind?
— Woher sie es wussten? Haben Sie keine Angst, die irren sich nicht. Der hochwürdige Herr Pfarrer, der Herr Bezirkskommissar Nedeczky, na, und — ich will nicht eden, nein. Soviel aber kann ich mit Bestimmtheit behaupten, ein magyarischer Gendarm irrt sich nicht. Der magyarische Gendarm — den gibt es nicht noch einmal auf der Welt.

Ich stand in Salgotarjan nicht zum ersten Mal einer Gefahr gegenüber, es bestand eigentlich nicht einmal eine so große Gefahr für mich, — trotzdem verlor ich völlig den Kopf. Ich hatte Angst, wahnsinnige Angst. Mich überfiel eine derartige Furcht, dass ich mich nach dem Mittagessen, als Herr Nagy aus vollem Herzen das Lob der magyarischen Gendarmen sang, nicht mehr auf die Straße traute.
— Nimm dich zusammen — Junge — wies mich Antalfy zurecht, als wir allein waren.
— Ich weiß selbst nicht, ich weiß wirklich nicht, was mit mir los ist. Bisher — bisher hatte ich nie Angst, trotzdem...
— Ja, gewiss, damals bewegte sich die Revolution in aufsteigender Linie, jetzt gleitet sie abwärts: sie liegt hinter uns. Glaube mir, ich habe das schon einmal mitgemacht: es geht auch wieder aufwärts, man muss nur nicht gleich die Hosen voll machen.
Abends erfasste auch Antalfy die Angst. Er blieb auf offener Bühne stecken, trotzdem der Souffleur brüllte, wie ein besoffener Feldwebel. Nach der Vorstellung sprach er über die Angelegenheit mit dem Direktor unter vier Augen, er machte ihm klar, dass wir hier nicht länger bleiben könnten, die Situation sei auch für uns brenzlig, aber wir könnten auch die ganze Truppe in Schwulitäten bringen, wenn die Gendarmen nur vermuteten, dass unsere Sache nicht in Ordnung gehe. Der Direktor bekam natürlich einen noch größeren Schreck als wir selbst.
— Siehst du — sagte er vorwurfsvoll — siehst du, in welche dreckige Situation du mich gebracht hast. Es wird wohl am besten sein, wenn ihr sofort, noch heute, mit dem Nachtschnellzug nach Budapest zurückfahrt. Ich trage die Fahrtkosten.
— Nach Budapest? Nein. Wir fahren in die Slowakei. Du beabsichtigst doch ohnehin diese Route zu nehmen, schick uns als Quartiermacher voraus.
— Die Tschechen geben keine Reisebewilligung.
— Das überlasse mir. Ich besorge die Bewilligung schon.
— Und Geld hab ich auch keins — sagte der Direktor mit griesgrämigem Gesicht. — Ein solcher Ausflug kostet viel Geld. Das Beste ist, ihr fahrt nach Budapest zurück.
— Wir fahren in die Slowakei, auf eigene Kosten — beendete Antalfy die Diskussion.
Am nächsten Mittag war die Bewilligung in unseren Händen. Der tschechische Inspektionsoffizier gab Antalfy auch noch verschiedene Ratschläge.
— Sagen Sie nur dem Rimaszombater Stationskommandanten, Herrn Hauptmann Riedl, dass in der Truppe ein paar schöne Schauspielerinnen sind. Nehmen Sie ein paar Photographien mit und Sie werden sehen, alles geht glatt.
Die Fahrt von Salgotarjan bis Rimaszombat war nicht sehr angenehm. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung verkehrte ein Panzerzug zwischen den zwei Städten. An den Panzerzug wurden drei Viehwagen angekuppelt. Wer Fahrkarte, Reisebewilligung und genügend Kraft hatte, sich einen Platz zu erobern, der fuhr in einem der Viehwagen mit. Da der Panzerzug täglich nur einmal hin- und zurückfuhr, war diese Rauferei um den Platz nicht ganz ohne Gefahr. Als es mir gelang, mich in den mittleren Viehwagen hineinzudrängen, haute der wachhabende Soldat der hinter mir stehenden Bäuerin eine derartige Ohrfeige herunter, dass ihr das Blut aus dem Gesicht spritzte. Ich hatte keine Zeit, mich zu erkundigen, was denn eigentlich geschehen war, aber es wäre auch nicht ratsam gewesen. Eines stand fest: als der Zug abfuhr, waren wir beide im Wagen. Der größte Teil der Passagiere blieb zurück, der Waggon war halb leer.
— Benötigen die Herren nicht vielleicht tschechisches
Geld?
— Wie wechseln Sie es? — fragte Antalfy den beweglichen tschechischen Eisenbahner mit dem Spitzbart, der gebrochen ungarisch sprach und in singendem Tonfall, wie wenn er auch zur Bühne gehen wollte.
— Nach dem offiziellen Kurs — wie die Herren wahrscheinlich wissen werden, machen zwei ungarische Kronen eine tschechische Krone aus. Ich habe die tschechischen Kronen noch früher zu einem billigeren Kurs gekauft, ich bin also in der Lage, den Herren zehn tschechische Kronen für fünfzehn ungarische Kronen zu geben.
Antalfy wartete ein paar Augenblicke, ehe er antwortete.
— Also, wenn Sie's nicht benötigen — sagte der Eisenbahner, und wollte schon weitergehen.
— Zeigen Sie mal das tschechische Geld her — rief ihm Antalfy nach.
Der Tscheche zog ein Bündel Geldscheine aus seiner Hosentasche.
— Hier.
Antalfy nahm einen Hundertkronenschein in die Hand, untersuchte ihn, drehte ihn hin und her, ja, er beschnupperte die zerknitterte Banknote.
— Wieso ist das tschechisches Geld? — fragte Antalfy misstrauisch. Das ist doch altes österreichisches Geld, es sieht doch genau so aus wie meine ungarischen Noten.
— Woher denn, mein Herr, woher, sagte der Tscheche etwas gekränkt. Schauen Sie doch, da ist die Abstempelung. Hier: sehen Sie doch, hier ist der Löwe mit dem doppelten Schwanz.
— Ich sehe ihn — sagte jetzt Antalfy etwas vertrauensvoller. — Tatsächlich hat das Biest zwei Schwänze. Na, hol's der Teufel: ich gebe zwölf ungarische für zehn von Ihren Scheinen.
— Glauben die Herren vielleicht, ich sei ein Narr? Nach einer Viertelstunde Herumhandeln schlossen wir
das Geschäft ab. Für die tausendfünfhundert ungarischen Kronen, die mir Pojtek beim Abschied gegeben hatte, gab mir der Eisenbahner tausendeinhundertfünfzig tschechische Kronen.
— Sehen Sie, bitte — zeigte der Eisenbahner auf ein tschechisches Wächterhaus — ein Ort von historischer Bedeutung: hier brachen die tschechischen Legionen die Übermacht der Bolschewiken. Die Roten rannten zurück, rannten... Die moralische Überlegenheit der Demokratie besiegte sie. Die Demokratie...
Mittags fuhren wir von Salgotarjan ab, am Abend waren wir in Rimaszombat.
— Gehen wir in irgendein Hotel — sagte Antalfy. — Das ist der sicherste Platz, denn das weiß auch der dümmste Gendarm, dass ins Hotel kein Mensch geht, dessen Sachen nicht ganz in Ordnung sind. Wer etwas zu verbergen hat, wessen Papiere nicht einwandfrei sind, der geht nicht an eine Stelle, wo man Meldezettel ausfüllen muss. Ich weiß nicht, wie hoch die Kaufkraft der doppelschwänzigen Krone ist, ich bin in meinem Leben zum ersten Mal im Tschechenland, aber auf alle Fälle gehen wir in ein anständiges Lokal. Und weil ich, trotzdem ich noch nie im Tschechenland war — Rimaszombat ganz gut kenne, mit einem Wort, gehen wir ins Hungaria.
Das Hotel Hungaria nannte sich jetzt Hotel Sokol und war bei weitem nicht so elegant, wie ich mir's nach Antalfys Schilderungen vorgestellt hatte. Teuer genug war es aber: ein zweibettiges Zimmer kostete pro Tag dreißig Kronen. Wir wuschen uns rasch und gingen zum Abendessen in den Speisesaal.
Der Speisesaal war fast leer. In einer Ecke spielte eine ungarische Zigeunerkapelle. An einem großen Tisch saßen tschechische Offiziere in Gesellschaft von stark geschminkten Damen. Die Offiziere tranken Sekt. Am anderen Ende des Saales saß mit aufgestützten Armen bei einem Glas Bier ein Herr in schwarzem Anzug und lauschte der Musik. Die übrigen Tische warteten vergebens auf Gäste. Von der Wand, die dem Eingang gegenüber lag, blickten die bekränzten Bilder Massaryks und Wilsons auf uns herab.
— Der tschechischen Demokratie zu Ehren schlucke ich ein Dutzend Klöße herunter — sagte Antalfy, als er die Speisekarte durchstudierte. — Dir kann ich auch nichts Besseres raten. Und um auch beim Trinken loyal zu sein: trinke ich Pilsner.
Wir aßen und tranken. Als es dann ans Zahlen ging, nahm Antalfy einen doppelschwänzigen Hundertkronenschein heraus. Der Kellner drehte das Geld hin und her, er zog ein Vergrößerungsglas aus seiner Westentasche und untersuchte damit den Löwen mit dem doppelten Schwanz, dann schüttelte er verwundert den Kopf und legte das Geld auf den Tisch.
— Falsch — sagte er.
— Wie zum Teufel sollte die Note falsch sein — sagte Antalfy entrüstet. — Sehen Sie denn nicht, dass der Löwe zwei Schwänze hat?
— Die Herren sind Ausländer — sagte der Kellner. — Die Abstempelung ist falsch. Es sind viele falsche Stempel im Verkehr, aber einen so schlechten habe ich noch nicht gesehen. Magyarische Arbeit. Die Magyaren wollen auf diese Weise das Vertrauen zum tschechischen Geld diskreditieren.
— Das ist wohl meine größte Sorge, mich mit dem Kredit des tschechischen Geldes zu befassen! Aber, egal. Da, ein anderer Hundertkronenschein, der wird doch nicht auch falsch sein?
— Aber ja. Der ist auch falsch. — Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass der tschechische Eisenbahner mit dem Spitzbart uns lauter solches Geld aufgehalst hatte, mit dem die Ungarn den Kredit der Tschechen vernichten wollten.
— Wollen die Herren bitte mitkommen — sagte der Herr im schwarzen Anzug, der auf einen Wink des Kellners sein Bier am Tisch verlassen und unser Geld ebenfalls mit dem Vergrößerungsglas untersucht hatte.
— Mit wem haben wir die Ehre? — fragte Antalfy. Der Schwarzgekleidete zeigte seine Legitimation als Polizeibeamter. Wir fuhren mit einem Wagen zur Polizei. Der Polizeibeamte bezahlte den Kutscher mit einem von unseren falschen Hundertkronenscheinen, das Geld, das der Kutscher zurückgab, legte er als corpus delicti zu unserem konfiszierten Vermögen. Wie sich später herausstellte, mit vollem Recht, denn das Geld, das der Kutscher herausgab, war genau so falsch, wie der Hundertkronenschein, mit dem der Kriminalbeamte bezahlt hatte.
Der Inspektionspolizeioffizier spielte in Hemdärmeln mit zwei Militäroffizieren Karten. Als der Kriminalbeamte uns in das eingeräucherte, qualmige Zimmer führte, blickte der Polizeioffizier für einen Augenblick vom Kartenspiel auf, ließ sich aber weiter nicht stören, er spielte ruhig die Runde zu Ende. Er hatte gewonnen, er nahm das Geld, füllte drei Gläser mit Wein, stieß mit den Spielkumpanen an, trank und wandte sich erst dann zu uns hin.
— Na? — fragte er den Kriminalbeamten.
— Geldfälscher — antwortete dieser. — Tausendeinhundert Kronen hatten sie bei sich!
— In die gemeinsame Zelle — sagte der Polizeioffizier.
— Ich bin am Geben — wandte er sich wieder der Spielgesellschaft zu.
Die gemeinsame Zelle war ein besonders unfreundlicher Ort, aber um so freundlicher waren die Menschen da. Vier Strohsäcke, ein Toilettekübel und etwa zwanzig Gefangene — Frauen, Männer durcheinander.
— Politisch, oder... fragte eine Frau mit blondgefärbtem Haar, sie saß auf einem hohen Fensterbrett und zeigte ihre in Seidenstrümpfe gehüllten Beine.
— Und wenn politisch, welcher Farbe — ergänzte die Frage ein älterer Herr, in einem Sportanzug und mit einem Strohhut auf dem Kopf.
— Geldfälscher — sagte Antalfy voller Ruhe.
— Haben Sie Zigaretten mitgebracht? fragte die Frau.
— Man hat sie uns abgenommen. Was ist denn hier los?
— Nichts — antwortete ein kleiner schwarzer Mann in Militärkleidung und Zivilhut. — Die Zelle ist eigentlich nur eine Übergangsstation für ein, zwei Tage. Die Bolschewiken werden nach Ungarn zurückbefördert. Wer für die ungarischen Weißen arbeitet, wird nach Nordtschechien gebracht, die berufsmäßigen Einbrecher, Taschendiebe, aber auch Raubmörder — das Fach spielt keine Rolle, die Berufsmäßigen werden zwischen Ungarn und Rumänien verteilt. Was nun Sie anbetrifft, meine Herren, wenn Sie vielleicht falsches Geld in den Verkehr gebracht haben, das von Bela Kun stammte, dann werden Sie nach Ungarn zurückgebracht und in Ihren Papieren wird vermerkt, Sie hätten den Bischof von Neutra ans Kreuz geschlagen. Wenn Sie aber das falsche Geld von den ungarischen Weißen bekommen haben, dann werden Sie nach Rumänien geschickt und in Ihren Papieren wird stehen, dass Sie eine Freiwilligen-Armee organisieren wollten für einen Krieg gegen Neurumänien.
— Wirklich — sagte Antalfy kühl — wir sind richtige Geldfälscher.
— Das macht nichts — sagte der Mann im Militäranzug — in Tschechien ist heute jeder ein Geldfälscher, der Unterschied ist nur, dass der eine es im kleinen, der andere im großen macht. Die meisten fallen wegen der Farbe der Stempel herein. Wenn Ihnen zufällig mal echtes Geld in die Hand gerät, sehen Sie sich die Farbe der Stempelmarke genau an: der Löwe ist weder orangegelb noch zitronengelb, sondern er hat eine Übergangsfarbe zwischen beiden. Auf dem Geld, das Kun Bela fabrizieren ließ, war der Löwe zitronengelb, bei den ungarischen Weißen war er orangegelb, bei den Polen strohgelb, bei den Rumänen blassrot. Ich will nicht behaupten, dass es so leicht ist, die echte Farbe zu erraten, aber Sie können mir glauben, meine Herren, es ist nicht einmal so schwer, wie sich das der Fremde vorstellt. Wollen die Herren vielleicht einen Zigarettenstummel?
— Wenn Sie so gut sein wollen... Sind Sie auch Geldfälscher?
— Man beschuldigt mich dessen, aber glauben Sie mir, meine Herren, die Anklage hat keinerlei ernste Grundlage, vollständig aus der Luft gegriffen. Man wird mich bestimmt rehabilitieren. Sie müssen wissen, bis vorgestern war ich Oberkontrolleur beim Geldwechselamt. Wenn ich fragen darf, welche Farbe hatte Ihr Löwe, meine Herren?
— Weiß der Teufel. Ich weiß nur soviel, er hatte einen doppelten Schwanz.
— Pas hat nichts zu sagen. In der Republik hat jeder
Löwe einen doppelten Schwanz.
— Bitte, sehen Sie für eine Minute beiseite — schrie
die auf dem hohen Fensterbrett sitzende Dame mit den Seidenstrümpfen. — Ich muss auf den Kübel.
Ich lag dicht neben Antalfy auf dem bloßen Fußboden. Die Politiker wurden still, nur das Schnarchen störte die Ruhe und von einem Strohsack her das Weinen der Frau mit den Seidenstrümpfen. Antalfy beugte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr:
— Wenn's brenzlig wird — sagte er — sind wir Weiße. Verstehst du?
— Nein.
— Hör zu! Wenn wir Weiße sind, schickt man uns gewiss nicht zu den Weißen zurück. Und vorläufig ist das das Wichtigste. Also, wenn's schlimm wird...
— Ich verstehe
— Ich bin Hauptmann, du bist Leutnant.
— Was für einen Sinn hat das?
— Verlass dich auf mich.
— Ich glaube, das Schlaueste wäre, wenn wir ganz einfach sagen, wie wir zu dem Geld gekommen sind.
— Das wäre die blödeste Verteidigung. Ich kann mir keinen Polizisten vorstellen, der so dumm ist, dass er uns das glaubt, und — ehrlich gesagt — schäme ich mich auch selbst darüber. Also: du bist magyarischer Leutnant, ich bin Hauptmann. Du wirst sehen, es wird ganz gut gehen.
Ich mag solche Geschichten nicht.
— Tja, die Gegenrevolution ist kein Hochzeitsschmaus. Aber dann... Versuchen wir, für den Augenblick etwas zu schlafen. Gute Nacht, Peter.
Etwa um zwölf Uhr mittags wurde in einer Schüssel das Frühstück hereingebracht: vom Krieg zurückgebliebener, stinkiger, bitterer Kaffeesatz. Eine halbe Stunde später wurde in derselben Schüssel das Mittagessen hereingebracht. Dieses Essen hatte dieselbe bräunliche Farbe wie der Frühstückskaffee, wie es schmeckte erfuhr ich aber nicht, denn bevor wir noch zu essen begonnen hatten, öffnete sich wiederum die Tür.
— Peterfy! zum Verhör. Emil Balint! zum Verhör — brüllte ein tschechischer Unteroffizier in die Zelle hinein.
Während Antalfy verhört wurde, wartete ich im Vorzimmer. Eine Sitzgelegenheit war nicht vorhanden: ich ging auf und ab, dann starrte ich — da ich nach der schlaflosen Nacht zu müde war — an die Wand gelehnt, auf die Bilder des Kaisers Franz Joseph und des Erlösers Wilson, die einander gegenüber an den Wänden hingen. Ein mürrischer tschechischer Gendarm mit rotem Gesicht bemerkte mich, und wollte sich um keinen Preis mit mir in ein Gespräch einlassen, es ist möglich, dass ihm der gute Wille dazu nicht einmal fehlte, er verstand einfach nicht ungarisch.
Die Tür, hinter der Antalfy verhört wurde, war nicht tapeziert, zeitweise hörte ich die schallende Stimme meines Freundes, aber ich konnte nicht entnehmen, wovon die Rede sein mochte. Nach einer ganzen Stunde endlich öffnete sich die Tür. Ein großer schlanker Gendarmeriehauptmann erschien in der Tür.
— Kommen Sie herein, Herr Leutnant — sagte er höflich. — Kommen Sie herein — wiederholte er und nickte, mit dem Kopf auf mich deutend.
— Ich? — fragte ich verwundert.
— Sie, Herr Leutnant.
Ich sah mich um, für wen wohl die Einladung gelten mochte. Der Hauptmann kam auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter:
— Es hat gar keinen Sinn zu leugnen, Herr Leutnant.
Ich bin über alles informiert.
Ich hätte mich vielleicht noch immer nicht vom Platz gerührt, wenn mich der Gendarmeriehauptmann nicht — mit einer fast zärtlichen Höflichkeit — aufgefordert hätte, in das Nachbarzimmer zu gehen, in dem Antalfy verhört wurde, wobei er mich sogar vorangehen ließ.
Er sagte dem Gendarmeriekorporal etwas auf tschechisch, der salutierte stramm vor mir und trat von der Schwelle zurück. Der Hauptmann schloss die Tür hinter sich.
Im Zimmer standen ein Schreibtisch aus lackiertem Tannenholz und ein paar gebogene Rohrstühle. An der einen der geweißten Wände hing ein vielfarbiges Massaryk-Bild, an den anderen drei Wänden waren Landkarten befestigt: Landkarten der früheren ungarischtschechischen, ungarisch-rumänischen und ungarischjugoslawischen Front. Budapest war mit einer weißen Fahne bezeichnet.
— Nehmen Sie Platz, Herr Leutnant, nehmen Sie eine Zigarette.
— Sprechen Sie zu mir, Herr Hauptmann?
— Ich hatte ihnen doch schon gesagt, Herr Leutnant, ich bin genau informiert. Herr Major Peterfy hat alles ehrlich ausgesagt. Das wird auch für Sie das richtigste sein.
— Ich habe alles gestanden, Herr Leutnant — wandte sich jetzt Antalfy zu mir, der mir bisher den Rücken gezeigt und die Karte der Slowakei an der Wand studiert hatte. — Der Herr Hauptmann wird die Freundlichkeit haben, ihnen meine Aussagen vorzulesen und Sie, Herr Leutnant, wollen auch alles offen erzählen. Schließlich sind wir doch unter uns: alle drei kaiser- und königliche Offiziere. Vielleicht beginnen Herr Hauptmann gleich mit der Verlesung.
— Das ist nicht ganz vorschriftsmäßig, Herr Major — sagte der Hauptmann mit schwankender Stimme.
— Versteifen wir uns nicht so sehr auf die Vorschriften, Herr Hauptmann. Auf das Wesentliche kommt es an. Und schließlich sind wir ja unter uns. Alle drei trugen wir des Kaisers Rock.
Es war nicht schwer zu erraten, was Antalfy ausgesagt hatte. Es war mir auch klar, dass ich jetzt genau in dem Sinne lügen musste wie Antalfy, trotzdem stand ich in größter Verlegenheit da. Der Gendarmeriehauptmann war so übertrieben höflich uns gegenüber, dass ich an seiner Aufrichtigkeit zweifelte. Wahrscheinlich hatte er sofort den Schwindel durchschaut, jetzt spielt er nur noch mit uns und sobald er genug hat, wird er uns schon richtig versorgen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte: ich schwieg.
— Geben Sie mir doch keinen Korb, Herr Leutnant, nehmen Sie doch eine Zigarette!
Ich wollte den Hauptmann tatsächlich nicht beleidigen, ich nahm eine deutsche Zigarette mit Goldmundstück und steckte sie an.
— Na? — wandte sich Antalfy an den Hauptmann.
— Ja — sagte der Hauptmann und verbeugte sich vor Antalfy.
— Ja, Herr Major! Also...
Er nahm ein dicht beschriebenes Blatt Papier zur Hand, wandte sich zu mir und begann zu lesen. Ich war auf manches gefasst, aber einen solchen Unsinn, wie ihn Antalfy dem Hauptmann zu Protokoll gegeben — hätte ich mir doch nicht vorgestellt. Es kam irgendwie so heraus, dass Antalfy ein österreichischer Adeliger war, der zur Bekämpfung der Bolschewiken erst nach Ungarn, dann in die Tschechoslowakei gefahren ist, weil sich in Ungarn das Gerücht verbreitet hat dass die bolschewistischen Agitatoren hier ungehindert ihre Wühlarbeit verrichten können. Der Major spricht sich deshalb so offen aus, weil ihn das Gespräch mit dem Hauptmann vollständig beruhigt hat und die Persönlichkeit des Hauptmanns ihm genügend Garantien bietet, dass die Tschechoslowakei vor den Bolschewiken bewahrt ist und das Schicksal des tschechischen Volkes in den besten Händen liegt.
Als der Hauptmann soweit gekommen war, hielt er für einen Augenblick inne und reichte Antalfy die Hand. Antalfy schüttelte die Hand fest und fast hätte er den Gendarmeriehauptmann umarmt.
— Nein, so dumm kann einer doch nicht sein, dass er das alles glaubt — dachte ich bei mir, und sah Antalfy vorwurfsvoll an, der uns mit diesem Unsinn wahrscheinlich das Genick gebrochen hatte. Antalfy sah mich an, wie wenn er sagen wollte: warte nur den Schluss ab, du Angstmeier.
Als die Vorlesung zu Ende war, gab Antalfy auch meine Aussage zu Protokoll, sie war nicht so lang wie die seine, aber genau so unglaubhaft.
— Es tut mir leid, es tut mir unendlich leid, es tut mir wirklich unaussprechlich leid, dass ich im Interesse der Herren nur so wenig tun kann, aber die Vorschrift... Die Herren wissen ja wahrscheinlich, dass in der tschechischen Armee den Offizieren, die des Kaisers Rock getragen haben, mit großem Mißtrauen begegnet wird, meine Lage wird dadurch noch schwieriger, dass ich ungarisch spreche, mit einem Wort...
Der Gendarmerieoffizier schüttelte uns fest die Hand, dann rief er den Korporal hinein. Der Korporal kam herein, aber inzwischen hatte sich der Hauptmann die Sache überlegt, er schickte ihn wieder hinaus. Als wieder nur wir drei im Zimmer waren, nahm der Hauptmann die Telefonmuschel in die Hand und verhandelte da mit jemandem auf tschechisch. Nach dem Ton der Stimme zu urteilen, verlangte er zuerst irgend etwas, dann drohte er. Er brüllte, wie wenn er ein ganzes Regiment kommandierte, dann wurde er wieder leise. Scheinbar hatte das Brüllen Erfolg gehabt. Wir zwei rauchten friedlich am Tisch sitzend während des langen Telefongesprächs.
— Die Sache ist in Ordnung, meine Herren — wandte sich der Hauptmann zu uns, als er den Hörer hinlegte. — Solange die Herren hier bleiben, wenn ich so sagen muss — auf alle Fälle bekommen Sie gleich ein anständiges Zimmer und genießbares Essen — ja. Was das Geld anbelangt, da...
— Das ist nicht wichtig — fiel ihm Antalfy ins Wort.
— Ich weiß, aber immerhin... die Sache ist noch nicht erledigt. Die Herren können sich aber darauf verlassen, dass ich in ihrem Interesse nichts unterlassen werde. Ja. Einige Augenblicke müssen sich die Herren noch gedulden, wenigstens so lange, bis Ihr Zimmer in Ordnung gebracht wird, bis die Betten usw....
Vier Tage wohnten wir in einem geweißten, geräumigen, zweifenstrigen Zimmer, nur das vergitterte Fenster und die verschlossene Tür erinnerten uns daran, dass wir Gefangene waren. Täglich konnten wir drei Stunden spazieren gehen. Das Essen, das wir bekamen, war gut und ausreichend. Zigaretten konnten wir uns für unser eigenes Geld besorgen. Geld hatten wir dadurch, dass uns die falschgestempelten tschechischen Kronen als richtiges ungarisches Geld berechnet wurden, wir erhielten dafür etwas über fünfhundert echte tschechische Kronen.
Am vierten Tag ließ der tschechische Hauptmann, der unsere Angelegenheit in Händen hatte, Antalfy zu sich rufen.
— Morgen fahren wir — sagte Antalfy, als er in das
Gefängniszimmer zurückbegleitet wurde. — Nur die Feigheit des Herrn Hauptmann ist größer als seine Dummheit. Wenn er noch so sehr die alten Kameraden in uns ehrt, so hat er doch Angst, der Hund. Er hat keinen Mut, uns freizulassen, er lässt uns nach Kaschau überführen. Na, macht nichts. In Kaschau treffen wir hoffentlich bessere Kameraden. Hauptsache ist, dass wir ins Innere des Landes fahren und nicht nach Ungarn zurück.
Wir waren vier im Wagenabteil: wir zwei und zwei begleitende Unteroffiziere. An der Polsterung, an der wir saßen, war das Leder herausgeschnitten und durch den abgebrauchten Leinenüberzug guckten überall die Stahlfedern heraus. Das Fenster war hochgezogen — aber im Rahmen fehlte die Glasscheibe. Die zwei Unteroffiziere passten ausgezeichnet zusammen: der eine war aus der Marmaroser Gegend und sprach russinisch und ungarisch, der andere, ein Deutscher aus Reichenberg, verstand nur seine Muttersprache.
Antalfy befreundete sich natürlich gleich mit dem Marmaroser Russinnen. Sie sprachen russisch miteinander, ich und der Deutsche verstanden keinen Ton vom Ganzen. Ich sah durchs Fenster hinaus: ich bewunderte die in der Ferne sichtbaren Bergriesen der Hohen Tatra. Hinter dem Gebirge ist Galizien, hinter Galizien befindet sich die Ukraine und dahinter...
Ich seufzte tief und betrübt.
— Ein Genosse — sagte Antalfy zu mir gewandt. — Ein russinischer Genosse.
— Ja — sagte der blonde blauäugige Korporal auf magyarisch. — Ich spreche auch ungarisch, in der Slatinaer Salzgrube spricht man ungarisch.
— Zum Teufel noch mal, wie kommen Sie in die tschechische Armee?
— Ich wurde einfach eingezogen. Es war nicht meine Schuld. Sie würden es vielleicht gar nicht glauben, wenn ich's Ihnen erzählte, wie man mich in diese Montur gesteckt hat.
— An den Worten eines Genossen sollten wir zweifeln? — sagte Antalfy etwas entrüstet. — Erzählen Sie mir, Genosse, uns interessiert Ihr Los.
Der Korporal blickte misstrauisch auf Antalfy, dann blieb sein Auge auf mir haften. Er hatte ein offenes, ehrliches Gesicht: über dem linken Auge war eine lange tiefe Narbe. Einige Augenblicke sahen wir uns an.
— Hm. Ich kann's ja erzählen. Es ist kein Geheimnis, keine Schande. Der sollte sich schämen, der eine solche Sache verschuldet hat. Ja. Wie soll ich nur beginnen? Ja, Slatina war schon von den Rumänen besetzt, als wir die Nachricht erhielten, dass in Ungarn die rote Welt errichtet wurde. Die Rumänen — diese Hunde! — Sie wissen ja wahrscheinlich auch, wer die Rumänen sind. Die Schweine hätten auch die Sterne am Himmel abgeleugnet — aber trotzdem wussten wir, wir wussten es stets, dass die Herren drüben tüchtig in die Enge getrieben wurden! Eines Abends kam Szederkenyi, der Maschinenschlosser, auf mich zu. Guten Abend, Kamerad. Zuerst sprachen wir von den Rumänen, dann kamen wir auf die Russen — ein Wort folgte dem anderen und schließlich fragte mich Szederkenyi, ob ich keine Lust hätte, nach Budapest zu gehen und mich bei den Roten einzureihen. — Gewiß habe ich Lust dazu — sagte ich. — Na, wenn du wirklich nach Budapest fahren willst, dann pack deine sieben Sachen zusammen, denn morgen abend gegen elf gehen wir los. Aber du musst stumm sein, die Rumänen prügeln uns tot, wenn sie irgend etwas erfahren.
Der Russine mengte urechte magyarische Ausdrücke dazwischen, doch hörte sich seine Sprache irgendwie fremdartig an. Der Reichenberger schnarchte friedlich.
— Na? — mahnte Antalfy den Russinnen, als er für einige Augenblicke aussetzte.
— Am nächsten Abend taten wir uns zu zweiundfünfzig zusammen und gingen los. Der Weg war nicht leicht. Erst die rumänischen Wachposten, dann die tschechischen. Am Tage schliefen wir im Wald, nachts marschierten wir. Ich muss sagen, es war ein harter Weg und als wir endlich nach Bereg kamen, waren die Roten schon drüben am anderen Ufer der Theiß, und als wir zur Theiß gelangten, waren am anderen Ufer auch schon Rumänen, die Roten kämpften irgendwo um Szolnok herum. Es war nichts zu machen, als umzukehren und zurückzugehen. Der Hinweg war schwer, ihr könnt euch vorstellen, wie es uns auf dem Rückweg erging! Auf dem Hinweg war uns nichts zu viel, beim Rückweg haben wir unter allem zehnfach gelitten. Kein Wunder, dass uns die Tschechen erwischten. Ich will's nicht leugnen: wir erschraken sehr, aber später stellte es sich heraus, dass die Tschechen nur halb so gefährlich sind wie die Rumänen; drei von uns wurden willkürlich ausgewählt und erschossen, einer wurde mit dem Gewehrkolben erschlagen, wir übrigen wurden in diese Montur gesteckt. Das ist alles. Etwa drei Monate war ich oben an der deutschen Grenze und erst seit kurzer Zeit bin ich hier, wo ohnehin alles aus ist.
— Na — na — sagte Antalfy. — Der Tanz ist noch nicht zu Ende.
Plötzlich, ich weiß nicht weshalb, fing ich laut zu lachen an. Ohne dass ich irgendeinen Grund dazu gehabt hätte, lachte ich, dass mir die Tränen kamen.
Antalfy sah mich verwundert an, der Soldat wurde misstrauisch. Während des Gesprächs hatte der Junge sein Gewehr in eine Ecke des Abteils gestellt und sich —
trotzdem genügend Platz im Abteil war — so nah an mich herangesetzt, dass sich unsere Schultern berührten. Jetzt rückte er plötzlich weiter von mir ab und nahm das Gewehr — wie wenn ihm eine Gefahr drohte — fest in die Hand.
— Sie sind Offiziere! sagte er plötzlich entfremdet.
— Der Teufel ist Offizier! — entgegnete Antalfy. — Ich sagte schon: wir sind Genossen. Wenn wir Offiziere wären, würden uns Offiziere begleiten.
— Das war früher mal! Womit können Sie beweisen, dass Sie zu uns gehören?
— Womit?
Ich hielt ihm meine Hände hin. Seit mehr als zwei Wochen schmierte ich auf Antalfys Rat — meine Hände mit allem möglichen Dreck ein, ich putzte sogar täglich meine Nägel, aber jeder, der einen Blick dafür hatte, merkte sofort, dass meine Handflächen nicht nur von der Benutzung des Gewehrs schwielig waren. Der Soldat sah sich meine Hand an. Die rechte Handfläche betastete er sogar.
— Ja — ja! — sagte er. — Einmal ist es mir schon schlimm ergangen. Ein rumänischer Soldat — der mir auf Himmel und Hölle beteuert hatte, er wäre Genosse — hat mir zwei Ohrfeigen heruntergehauen, dass ich mein Leben lang seine Faust nicht vergessen werde. Die war noch härter als Ihre! — sagte er, zu mir gewandt. — Das kann mir also nicht genügen. Zeigen Sie mir irgendwelche Dokumente, wenn Sie wirklich Genossen sind.
— Dokumente, die das beweisen, können wir nicht vorzeigen, weil wir einfach keine haben — sagte Antalfy — aber .,. jetzt wird sich's gleich zeigen, ob du ein wahrer Genosse bist, oder ob du nur dein Maul aufreißt? Also, jetzt sperr die Ohren auf!
Nicht nur der russinische Korporal, auch ich sah Antalfy verwundert und erwartungsvoll an. Eine Weile sah er nachdenklich vor sich hin, dann begann er leise zu sprechen. Er sprach über Moskau. Er erzählte von Rotgardisten, vom Genossen Lenin, von der Samstagnachmittagarbeit, vom Kreml, von den Arbeiteruniversitäten — vom Roten Moskau. Er sprach leise und wir hörten leise zu — aber, je mehr Antalfy in das Gespräch kam, um so mehr glühte das Gesicht des russinischen Genossen, dann spannte er den Mund weit auf und keuchte laut, wie wenn er wenigstens eine Stunde mit voller Ausrüstung Laufschritt gemacht hätte.
— Wirklich? Wirklich? fragte er von Zeit zu Zeit. Antalfy redete, redete immerfort, und je länger er erzählte, um so interessanter wurde das Thema.
— Genosse Lenin versteht die Sache schon richtig! — sagte der russinische Genosse mit strahlendem Gesicht, als Antalfy schließlich mit seiner Erzählung zu Ende war.
Auf der andern Bank lag lang ausgestreckt der Reichenberger Deutsche und schnarchte fest.
Auf der Kaschauer Polizei saßen wir sechs Wochen in der gemeinsamen Zelle. Da wir keine Papiere hatten, kümmerte sich kein Hund um uns. Nicht ein einziges Mal wurden wir verhört. Wer weiß, wie lange wir noch in dem Lausestall geblieben wären, wenn es nicht einem französischen General eingefallen wäre, die Gefängnisse zu inspizieren. Der hohe Besuch war für Sonntag angesagt, bis Sonnabend mussten also alle, die vor dem Antlitz des vornehmen hohen Herrn störend wirken konnten, verschwinden. Die Säuberung des Gefängnisses leitete ein Oberleutnant von den Legionen.
— Weshalb sind Sie hier? — wandte er sich an Antalfy.
— Ich bin ungarischer Staatsangehöriger — fing Antalfy an — ich bin Grundbesitzer in der Umgebung von Budapest. Ich und mein Vetter — er deutete auf mich hin — flüchteten vor den Bolschewisten hierher in die Slowakei. Als die bolschewistische Invasion zu Ende war, wollten wir nach Hause fahren, und um uns irgendeinen Fahrtausweis zu verschaffen, gingen wir zum Landesamt nach Pressburg. Dort wurden wir — ich weiß heute noch nicht weshalb — verhaftet, man nahm uns unser Bargeld von sechstausend Dollar und unsere goldenen Uhren ab, dann wurden wir unter Gendarmeriebegleitung hierher gebracht. Seit dieser Zeit hat sich niemand um uns gekümmert.
— Hm. Das haben Sie sich gut ausgedacht. Ich will Ihre Akten nachsehen.
— Ich bitte Sie vielmals darum — sagte Antalfy untertänig.
Dies geschah am Donnerstag vormittag. Freitag früh teilte uns ein Wachtmeister von der Legion mit, dass wir beide für ewige Zeiten aus dem Bereich der Republik ausgewiesen seien. Wir müssten sofort weg. Wir würden nach Österreich abgeschoben.
— Weshalb nicht nach Ungarn? — sagte Antalfy entrüstet.
Der Wachtmeister lachte.
Ja, gewiss. Na ja, nächstens machen wir die Ausweisungen auf Bestellung. Ja nächstens...
Um elf Uhr vormittags saßen wir schon im Zug. Außer uns wurde noch ein Gefangener nach Österreich abgeschoben: ein großer blonder Kerl. Ein kleiner dickbäuchiger Polizeibeamter, ein älterer Herr, begleitete uns, der weniger Angst davor hatte, dass wir entfliehen könnten, als dass er fürchtete, wir könnten ihm was antun.
— Sechs Kinder und eine kranke Frau warten zu
Hause auf mich — sagte er wenigstens hundertmal während der anderthalb Tage dauernden Reise. — Sechs Kinder bleiben als Waisen zurück, wenn ich ein Opfer meines Berufs werden sollte. Meine Frau, das unglückselige kranke Weib — sagt mir immerfort: Richard, du wirst sehen, dass dir noch einmal etwas zustößt! Du wirst sehen, dass dich noch einer von den Halunken erschlägt. Denn woher soll dieses Gesindel, mit dem du zu tun hast, wissen, woher könnten sie es auch erfahren, dass du ihnen nichts Böses wünschest, dass du ein so guter Mensch bist, dass du bist wie ein Stück Brot, dass dich nur dein Beruf so streng macht, und dass dein Herz nicht böse ist. Der Beruf, meine Herren, der Beruf. Sechs Kinder, eine kranke Frau und ein solcher Beruf! O weh! Wir leben in schweren Zeiten. In Friedenszeiten war ich Lehrer und als ich im Fünfzehner Jahr aus dem Heer entlassen wurde, gab ich weiter Unterricht, aber jetzt, nachdem die Tschechen die Schule gesperrt haben, finde ich gar keine andere Arbeit. Alles vergebens! Ich kann doch die sechs Kinder nicht Hungers sterben lassen? Und meine Frau, die unglückliche kranke Frau...
Die Fahrt dauerte anderthalb Tage, weil wir nicht auf dem direkten Weg über Pressburg fuhren, sondern erst — mit riesigen Umwegen — nach Brünn und von dort hinunter nach Znaim an die österreichische Grenze. Damit wir uns unterwegs nicht langweilten, erzählte Antalfy schon zum dritten Mal, wie man uns die sechstausend Dollar und die goldenen Uhren in Pressburg abgenommen hatte. Diese Geschichte machte den armen Kriminalbeamten ganz krank.
— Wenn wir armen Teufel nur ein Auge auf irgendeine Kleinigkeit werfen, gleich ist die Hölle los — sagte der Mann in weinerlichem Ton. — Die Herren können sich alles leisten. Sie glauben natürlich, dass die sechstausend Dollar die armen Gendarmen oder Polizeibeamten gestohlen haben? Das ist ausgeschlossen, meine Herren, ganz ausgeschlossen! Ich höre die Sache jetzt zum ersten Mal, aber ich könnte drauf schwören, bei meinem Seelenheil, dass das ganze Geld die Herren Offiziere gestohlen haben. Keinen Pfennig davon haben die Gendarmen oder die Polizeibeamten gesehen. Nur der Landeshauptmann nahm sich seinen Teil davon, das übrige — ich könnt's beschwören, alles was da war, alles bis zum letzten Pfennig haben die Herren Offiziere in die Tasche gesteckt.
— Ich weiß es nicht — sagte Antalfy — , aber es interessiert mich auch nicht besonders. Das wichtigste ist, dass wir endlich — wenn auch auf Umwegen — , endlich einmal nach Hause kommen.
— Zu Hause natürlich...
— Gibt es alles in Hülle und Fülle — sagte Antalfy stolz.
— Was ist mit Ihnen los? — fragte der Kriminalbeamte den dritten Gefangenen.
Wir sprachen ungarisch. Unser dritter Kollege konnte kein Wort ungarisch. Er erzählte seine Geschichte auf tschechisch. Antalfy verständigte sich irgendwie mit ihm, dann erzählte er uns die Sache auf ungarisch.
— Eine einfache Sache. Der Junge war tschechischer Legionär, drei Jahre hatte er in Frankreich gegen die Deutschen gekämpft. Er kam als Invalide nach Hause, und hier kam ihm der unglückliche Gedanke, sich um eine Stellung als Gerichtsvollzieher zu bewerben, auf die der Neffe eines Gendarmerieoberleutnants ein Auge geworfen hatte. Der Gendarmerieoberleutnant brachte heraus, dass der Junge irgendwo in der Nähe von Wien geboren war, und trotzdem der arme Kerl kein Wort deutsch verstand, wurde ihm angedichtet, dass er Österreicher sei und jetzt wird er einfach nach Österreich gebracht. Als er sagte, dass er nicht deutsch kann, beruhigte man ihn, es sei eine leichte Sprache, mit ein wenig Fleiß könne er's binnen einem Jahr erlernen.
Früh am Morgen kamen wir nach Znaim, an die Grenzstation. Der Bahnhof war genau so wie die anderen tschechischen Bahnhöfe, nur dass er von einem Drahtzaun umgeben war und beim Durchgang ein spanischer Reiter als Türe diente. Ein Gendarmeriewachtmeister übergab uns einem Korporal, der brachte uns in irgendeinen Stall: in eine dunkle, feuchte, stinkige Holzbaracke. Dort legten wir uns auf das nach Dünger stinkende Stroh, rauchten Zigaretten und sprachen miteinander. Viel Neues hatten wir uns nicht mehr zu erzählen, aus Langeweile schliefen wir bald ein. Gegen Abend weckte uns der Korporal mit einem zarten Rippenstoß.
— Na! Los!
Der Korporal brachte uns zum Wachtmeister. Der Wachtmeister erledigte uns jetzt nicht so kurz wie am Morgen, trotzdem er auch jetzt in militärischer Wortknappheit seine Anweisungen erteilte.
— Sie gehen um den Zug herum, der auf dem zweiten Geleise steht und klettern auf den Kohlenwagen hinauf. Der Heizer weiß, dass Sie da sind, aber niemand anders darf davon etwas erfahren, also verhalten Sie sich ruhig. Geben Sie acht darauf, dass Sie bis Wien niemand da bemerkt. Dort können Sie dann meinetwegen machen, was Sie wollen. Haben Sie mich verstanden?
— Ja, wir verstehen.
— Sind Sie hungrig?
— Gestern abend haben wir zum letzten Mal gegessen.
— Ja. Haben Sie Geld?
— Ich habe noch etwas — sagte Antalfy.
— Geben Sie's her. Und steigen Sie schnell da hinauf, ich hole für Sie etwas und schicke es Ihnen nach.
Antalfy gab ihm eine tschechische Zwanzig-Kronen-Note.
— Na, beeilen Sie sich!
Das war unser letztes Abenteuer in der tschechischen Republik. Den Feldwebel sahen wir natürlich nie wieder. Den Zwanzig-Kronen-Schein hat er sich wohl zum Andenken aufgehoben.
Kaum hatten wir uns im Kohlenwagen versteckt, da pfiff auch schon der Zug. Einige Minuten später fuhren wir an den Lagerfeuern vorbei, die die Grenze bezeichneten und hinter denen auf der einen Seite die Maschinengewehre der tschechischen Legionäre, auf der anderen Seite die österreichischen Gendarmen mit aufgepflanzten Bajonetten den Frieden hüteten.

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