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Berta Lask - Leuna 1921 (1927)
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4. Szene

Leunagrundstück und Baugerüst wie in der ersten Szene. Das Gerüst ist leer. Ein Teil des Gerüstes ist heruntergebrochen. Erregte Gruppen von Arbeitern davor. Alter Arbeiter kommt.

Alter Arbeiter: . Schon  wieder ein  Unfall?  Schon wieder ein Gerüst eingestürzt?

Zimmermann: Die Stütze gebrochen.

Alter Arbeiter: Tote?

Zimmermann: Ja, zwei.

Matrose: Mein Kamerad aus Hamburg und ein Berliner.

(Wärter kommen mit zwei Bahren. Im Hintergrund werden die zwei Toten auf die Bahren gelegt und fortgetragen.)

Zimmermann: Ich habe gestern erst dem Polier gesagt, die Stütze ist zu schwach. Aber der hat nur so mit den Achseln gezuckt: keine andere da.

Wieland: Für die Firmen ist unsereins ja doch nur Arbeitsvieh. Wir sind billig und immer zu haben. Auf einen mehr oder weniger kommt's denen nicht an.

Matrose: Überhaupt diese Baufirmen hier im Leunawerk, die kehren sich den Teufel an die Vorschriften. Auf die Verordnungen zu unserer Sicherheit da pfeifen die drauf.

--- So ein Kerl, mein Kamerad, so ein braver Jung. Waren als Matrosen zusammen im Dienst, bei der Arbeit, in der Revolution, immer zusammen, und jetzt-----weg.

(Er wendet sich ab. Malchow kommt.)

Malchow: Das ist hier noch immer das Schlachtfeld an der Somme.

(Zwei Arbeiter mit Gasmasken vor dem Gesicht kommen eilig)

1. Chemiearbeiter: Ist's wahr? Je, je, je! Da sieht man's ja, eingestürzt und zwei Tote.

Zimmermann: Ein Hamburger und ein Berliner aus den Baracken. Ihr denkt wohl, nur bei euch in der Chemie gibt's Tote?

1. Chemiearbeiter: Vorige Woche bei uns die Gasexplosion mit sechs Toten, und heute schon wieder die Zimmerleute.

2. Chemiearbeiter: Die Toten ziehn die anderen nach sich. Es ist unheimlich in den Bauten. Es ist unheimlich im Leunawerk. Die Toten gehen um.

Malchow: Das ist Narrheit.

Alter Arbeiter: Die Toten gehen um.  Die Toten rufen. Es liegt was in der Luft. Es kommt was über uns. Die Toten geben keine Ruhe.

Malchow: Um die Lebenden wollen wir uns kümmern.

Karl: Für die Lebenden! Gegen das Sterben! Gegen das Morden der Arbeiterschaft!

(Martha kommt schluchzend)

Zimmermann: Dem Matrosen seine Braut.

Martha: Mein Wilhelm! Wo ist er? Ich glaub's noch nicht. Ich will ihn sehn. Wo haben sie ihn hingebracht?

Zimmermann: In die Totenkammer.

Martha (schreiend): Nein - nein! Er war doch die Nacht bei mir! Morgens ist er weggegangen, froh und gesund. (Sie schluchzt, dann leise) Ich will ihn sehn!

Matrose (Marthas Hand fassend): Lass, Mädchen! Du sollst ihn nicht sehn. So wie er bei dir war, so denk an ihn! Wir werden ihm alle Ehre erweisen. Wir werden ihn zu Grabe tragen mit Trommeln und Pauken. Wir werden ihn--------(plötzlich wild ausbrechend), wir werden ihn rächen!

Martha (schreiend): Rächen!

(Sie geht langsam, wankend ab)

Zimmermann: Dort kommt der Werksarzt zur Untersuchung.

Matrose: Der Leichenriecher.

1. Chemiearbeiter: Der Giftknecht!

Werksarzt (gleichgültig, geschäftsmäßig): Sind die Toten schon weggeschafft?

Zimmermann: Ja.

Werksarzt: Und die Verletzten in die Ambulanz?

Zimmermann: Es sind keine Verletzten, nur Tote.

Werksarzt: Wie viel?

Zimmermann: Zwei.

Werksarzt: Nur zwei?

Matrose: Nur zwei, du Schuft, du Leichenriecher.

Sind das nicht genug?

Karl: Wenn zwei Augen brechen, stürzt eine Welt

zusammen! Wir sind Menschen, du Unmensch!

1. Chemiearbeiter: Vorige Woche hat er bescheinigt, dass im Bau 105 sehr gute Luft ist und dass unsere Arbeit nicht gesundheitsschädlich ist.

Wieland: Man sollte ihn mit Giftgas füttern, bis er krepiert, der Kapitalsknecht, der Brillenaffe!

2. Chemiearbeiter: Herr Doktor, arbeiten Sie mal einen Monat im Bau 105!

Malchow: Da seht ihr's, Kollegen, wie alles verfault und vergiftet und verkehrt ist in der kapitalistischen Gesellschaft. So ein Mensch hat sein Handwerk gelernt, hat die Wissenschaft studiert und sollte den Menschen die Gesundheit bringen. Aber er steht im Sold des Kapitals und jagt die Menschen in den Giftgastod.

Matrose: Ich mag deine große politische Schnauze sonst nicht, aber diesmal hast du recht.

1. Chemiearbeiter: Ja, so ist es, alles gegen den Arbeiter. Alles im Sold gegen uns.

(Der Kesselheizer, von Aschenstaub bedeckt, mit russbeschmiertem Gesicht, ist dazugekommen)

Heizer: Wir aus den Kesselhäusern, wir aus der Gasfabrik, wenn wir oben auf dem Generatorofen stehn überm offnen Loch und schütten auf und die Glut schießt hoch, und Hitze röstet die Sohlen, und Giftqualm wirbelt um den Kopf, oder wir stehn unten an der Feuerung und lassen den glühenden Koks ab in den Abflussgraben, und das Kühlwasser spritzt siedend hoch und verbrüht dich, und du reißt mit der Stange den Koks heraus, dann ist alles eins, alles rote Glut. Du weißt nicht, ob Leben ist oder Tod oder Hölle, wo die Pfaffen von erzählen. Wer da schuftet, dem verschlägt's Worte und Gedanken. In Giftqualm und Glut fragst du nicht mehr nach Leben und Tod.

Zimmermann: Ich verstehe nicht, was der Kamerad sagt.

Karl: Ich versteh' schon - unser höllisches Leben im Betrieb, schuften, schuften, im Giftqualm schuften, Tag um Tag, ohne Ende, und immer die Peitsche hinter uns.

Malchow: Warum soll's so weitergehn? Es muss nicht so weitergehn. Ihr sollt's nicht ertragen. Es ist bald Zeit, dass es anders wird. Die Kommunistische Arbeiterpartei wird euch bald zu den Waffen rufen. Wir sind Revolutionäre.

Karl: Mit dem Mund seid ihr Revolutionäre, ihr von der KAPD. Anarchisten seid ihr.

Heizer: Euer Gerede da - politisch oder wie ihr's nennt, das schiert mich nicht, aber wenn's mal soll anders kommen, das Unterste soll zuoberst werden, dann sind wir da, wir aus den Kesselhäusern, wir aus der Gasfabrik. Mit den langen Eisenstangen rei­ßen wir die Glut raus, und den Giftqualm lassen wir ab, für immer. Da wird ein großer Qualm kommen und Giftgestank, und dann ist die Luft reine.

Zimmermann: Der hat wohl getrunken? Ich versteh' ihn nicht.

2. Heizer (ruft von hinten): Komm, den Koks ablassen!

(Heizer geht ab. Arbeiter tragen einen Schreibtisch und einen Schrank dem Ausgang zu.)

Zimmermann: Seht doch, seht doch! Da wird wieder eine Möbelgarnitur herausgetragen!

Malchow: Du, Kollege, für wen ist der neue Schreibtisch?

Arbeiter Bertram: Für den Betriebsleiter.

Malchow: Und der Schrank?

Arbeiter Bertram: Für den Obermeister.

Malchow: Da seht ihr's wieder, Pfuscharbeit. Das Holz gehört dem Werk, die Arbeitskraft gehört dem Werk. Die Beamten stehlen's dem Werk.

Zimmermann: Die lassen sich alle neu aussteuern. Denen schmeißen sie ganze Wohnungseinrichtungen nach. Da drückt man beide Augen zu. Aber wenn ein Arbeiter sich den Rucksack voll Abfallholz steckt, dann ist das Diebstahl, und ist der Teufel los.

Wieland: Jetzt haben sie doch die Wachen an den Ausgängen verstärkt gegen den  diebstahl"  und wollen scharf kontrollieren.

Matrose: Zum Teufel, ich steck' mir den Rucksack voll Holz. Ich will sie kontrollieren lehren.

Wieland: Ich auch, Kollegen.

(Sie holen ihre Rucksäcke und füllen sie mit Holz)

Matrose: Bei dem Lohn, den wir haben, bei dem Hungerlohn.

Wieland: Und alle Tage wird das Geld schlechter.

Man bekommt bald nichts mehr zu kaufen für seine paar Groschen.

Matrose: Kaum langt's für Brot und Speck.

Wieland: Womit soll man die Stiefel besohlen? Womit soll man den Herd feuern?

Matrose (den vollen Rucksack umhängend): So, der wär' voll. Jetzt kann's losgehn.

(Die Sirene ertönt. Arbeitermassen strömen dem Ausgang zu, unter ihnen Matrose und Wieland. Die Pförtner halten sie an.)

Pförtner: Macht mal eure Rucksäcke auf! Was ist da drin?

Matrose: Holz ist drin, kein Schreibtisch und kein Schrank.

(Gelächter)

Pförtner: Dann her mit dem Rucksack! Das Holz bleibt hier.

Matrose: Das Holz geht mit.

Pförtner (zum andern Pförtner): Komm doch hierher, Kollege! Hier wird Holz gestohlen.

Matrose (gibt dem Pförtner eine Ohrfeige): Gestohlen?! Du räudiger Wachhund! Ich will dich lehren. Lauf! Leck deinem Herrn den Hintern!

(Großer Tumult. Die Pförtner werden niedergeschlagen. Die Arbeiter strömen aus dem Tor.)

1. Arbeiter: Die Knochen zerschunden -

1. Chemiearbeiter: Die Lungen kaputt -

Karl: Jeden Tag in Lebensgefahr ums bisschen Brot. Da setzt man uns noch solche Spitzelkerls, solche Aufpasserpolizei vor die Nase.

Malchow: Die Blutsauger verhöhnen uns noch.

Viele Rufe: Nieder mit der Leunadirektion!

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