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Berta Lask - Leuna 1921 (1927)
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4. Szene

Konferenzzimmer. Direktor Oster, allein, geht unruhig hin und her, sieht auf die Uhr.

Diener: Herr Direktor Weinbrand.

(Direktor Weinbrand kommt)

Direktor Oster: Endlich! Ich dachte schon, die Kerls haben Sie erschlagen.

Direktor Weinbrand (lacht): So schnell erschlagen die Proleten nicht, so wild sie sich auch gebärden.

Direktor Oster: Halten die Arbeiter wirklich das Werk in Gang? Produzieren sie?

Direktor Weinbrand: Nur so viel wie nötig ist, damit die Apparate nicht kaputtgehen. Meine Vertrauensleute berichten mir täglich zweimal. Es soll alles tadellos funktionieren, trotzdem die meisten Ingenieure sich weigern, mitzumachen. Betriebsrat Könne, der Elektriker, ist technischer Leiter.

Direktor Oster: Wirklich? Sie bringen es fertig? Ist ja erstaunlich. Und doch - dadurch wächst ihre Macht. Dadurch haben sie uns noch viel mehr in der Hand. Die Arbeiter als Leiter der Produktion. Die Arbeiter als Herren des Betriebes. Sie können uns ihre Bedingungen diktieren wie nach dem Kapp-Putsch.

Direktor Weinbrand: Das ist's ja, was sie wollen, uns die Bedingungen diktieren wie nach dem Kapp-Putsch. Der Konne ist ein schlauer Fuchs.

Direktor Oster: Wir sind in einer Zwickmühle. Halten die Arbeiter den Betrieb in Gang, so sind wir in ihren Händen und müssen ihre Bedingungen annehmen. Legen wir den Betrieb still, so haben wir ungeheure Verluste und noch dazu vor Volk und Regierung das Odium dieser Tat. Ich sehe keinen Ausweg.

Direktor Weinbrand (steckt sich eine Zigarre an): Man wird sich doch wohl zu einer Gewaltkur entschließen müssen.

Direktor Oster: Abwarten!

(Knappe kommt)

Nun, lieber Knappe, was bringen Sie?

Knappe: Herr Direktor, ich bitte Sie dringend, nehmen Sie offizielle Verhandlungen mit der Leunabelegschaft auf, bevor es zu größeren Kampfhandlungen kommt.

Direktor Oster: Wir haben auch schon den Plan erwogen, einen Vertreter der Regierung zu Verhandlungen ins Werk zu schicken.

Knappe: Bitte, Herr Direktor, zögern Sie keinen Augenblick!

Direktor Oster: Was haben Sie sonst zu melden?

Knappe: Nichts Neues. Herr Direktor Weinbrand ist orientiert.

Direktor Oster: Verzeihen Sie, Herr Knappe, wenn ich Sie bitte, uns allein zu lassen. Der Oberpräsident wird gleich hier sein.

Knappe: Ich gehe schon. (An der Tür) Herr Direktor, eine Vermittlung hat natürlich dann nur Sinn, wenn den Arbeitern

annehmbare Vorschläge gemacht und Garantien für die Durchführung gegeben werden. Darf ich vielleicht -

Direktor Oster: Ist nicht nötig. Wir wissen, was wir zu tun haben.

Knappe: Ich empfehle mich. (Knappe ab)

Direktor Oster (am Fenster): Der Oberpräsident.

(Hörsing kommt)

Hörsing:   Guten   Tag,   meine   Herren.   Hoffentlich haben Sie vom Leunawerk bessere Nachrichten als ich von den Mansfeldern. Bei dieser Schweinebande sieht es traurig aus.

Direktor Oster: Traurig?

Hörsing: Polizeimajor Kranz ist in Eisleben mit seinen drei Hundertschaften eingeschlossen. Sie sind nicht aufgerieben. Den roten Hunden fehlt's an Waffen; aber sie wurden in ihre Standquartiere zurückgedrängt und wagen sich nicht heraus. Die Höhen rings um Eisleben sind von bewaffneten Banden besetzt. Im ganzen Waldgebiet des Mansfelder Gebirgskreises, Klostermansfeld, Helbra, Bischofrode bis nach Querfurt hinunter finden Partisanenkämpfe statt. Das Geiselthal ist in hellem Aufruhr.

Im Unstruttal gärt es stark. Kleine, bewaffnete Banden stoßen vom Unstruttal ins Kampfgebiet. Auch der Räuberhauptmann Max Hoelz tobt dort herum mit fliegenden Sturmkolonnen, bald hier, bald dort. Aber die Kerntruppen sind die kommunistischen Arbeiter, bringen der Schutzpolizei schwere Verluste bei. Augenblicklich beschießen sie Hettstedt konzentrisch mit Maschinengewehren und haben die Truppen ins Innere der Stadt zurückgedrängt. Die Lage im ganzen Industriegebiet ist bedrohlich und ungeklärt.

Direktor Oster: Diese Kühnheit der Aufständischen ist unbegreiflich. Die Lage im Reich ist doch wenig ermutigend. Oder sehen Sie die Lage im Reich als gefahrdrohend für uns an?

Hörsing: Arbeitslosenkrawalle, große Teilstreiks, unruhige Elemente an vielen Stellen im Reich auf der Straße.

Direktor Oster: Es scheint doch keine großangelegte kommunistische Revolte im Reichsmaßstabe zu sein?

Hörsing: Leitung der kommunistischen Parteien schwach und schwankend, obwohl russische Kampfleiter anwesend sein sollen. KAP treibt nach links. Wo kommunistische Parolen ausgegeben werden, arbeiten Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Unabhängige scharf dagegen. Ich bitte um Bericht aus dem Leunawerk.

Direktor Oster: Das Werk ist weiter in den Händen des Arbeiteraktionsausschusses, der alles zum Werk Gehörige beschlagnahmt hat. Die Ausgänge sind streng bewacht. Vorgeschobene Feldwachen sichern das Werk. Der Betrieb wird in Gang gehalten. Die Arbeiter machen in drei Schichten Notstandsarbeiten unter Leitung einer technischen Kommission.

Hörsing: Richten sie sich auf Verteidigungskämpfe ein? Schützengräben, Unterstände weit vorgeschoben?

Weinbrand: So viel ich weiß, wird nur im Süden, am Güterbahnhof nach Corbetha zu geschanzt und planvoll verteidigt. Sie haben keinen militärischen Führer von Belang. Nur der Nachrichtendienst funktioniert. Bewaffnung noch sehr schwach, besonders an Munition fehlt's. Aktionsausschuss uneinig. Der ganze Apparat schwerfällig und von unseren Vertrauensleuten durchsetzt. Unser Spitzelchef führt eine Kompanie. Durch unsere Agenten wird Verwirrung in die Soldatengruppen getragen, werden Befehle sabotiert und Nachrichten gefälscht.

Direktor Oster: Wir hoffen, morgen einen wichtigen Posten im Aktionsausschuss durch einen unserer Vertrauensleute zu besetzen. Oskar ist sein Deckname.

Hörsing: Ist denn dieser großmäulige Führer von der KAP, dieser Malchow, nicht zu kaufen? Ein begabter, ehrgeiziger Mensch. Man könnte ihn gebrauchen.

Weinbrand: Er ist eine schwankende Gestalt, aber nicht zu kaufen. Doch dient er uns durch seine Haltlosigkeit. Ein fester, energischer Führer, der alle um Haupteslänge überragte, scheint zu fehlen. Dennoch merkt man energische und wohlüberlegte Handlungen und große Solidarität.

Hörsing: Und Ihre rechte Hand, der Betriebsrat Dammel?

Direktor Oster: Darf sich nicht im Betrieb sehen lassen, wird mit Erschießen bedroht.

Hörsing: Wie denken sich Herr Direktor die Sache weiter?

Direktor Oster: Abwarten.

Hörsing:   Welche   Gesichtspunkte   sind   ausschlaggebend?

Direktor Oster: Das Ergebnis der Polizeiaktion muss sein: Verdrängung der Arbeiter aus ihren Machtpositionen bei möglichster Schonung von Sachwerten. Inwieweit sich dieses Ziel erreichen lässt, ohne Bauten und Maschinen des Werkes erheblich zu gefährden, müssen die nächsten Tage zeigen, notfalls fordere ich Hinzuziehung der Reichswehr.

Hörsing: Reichswehr mit Vorsicht! Sonst gehen uns die eigenen Genossen durch die Lappen. Übrigens habe ich für alle Fälle eine Reichswehrbatterie angefordert.

Diener: Herr Polizeimajor Graf von Zechlinsky aus Düsseldorf.

Alle drei (freudig): Düsseldorfer Schupo!

(Graf von Zechlinsky tritt ein. Rohes Gesicht, arrogante Pose.)

Von Zechlinsky: Bin, soeben mit Hundertschaften aus Düsseldorf eingetroffen, Herr Oberpräsident.

Hörsing: Sie kommen wie von Gott gesandt, lieber Major. Ihr Kamerad Kranz ist in Eisleben eingeschlossen. Eilen Sie ihm so schnell wie möglich zu Hilfe. Die Bevölkerung wird Sie als ihren Retter begrüßen.

Von Zechlinsky: Werden uns sofort in Bewegung setzen, Herr Oberpräsident, Richtung Sandersleben nach meiner Karte. Herr Major Kranz soll etwas zu milde auftreten, wie mir berichtet wird. Rotem Gesindel muss man die Faust zeigen.

Direktor Oster: Ganz meine Meinung.

Oberpräsident: Es ist möglich. Major Kranz glaubt, auf Stimmung der Bevölkerung Rücksicht nehmen zu müssen. Und seine Mannschaft sind zum Teil Landeskinder.

Von Zechlinsky: Schlappheit! Stimmung geht zu beeinflussen. Empfehle, Berichte von Grausamkeiten der Aufständischen durch Presse zu verbreiten.

Hörsing: Ich will Ihnen hier keine Vorschriften machen, Herr Major. Tun Sie, was Ihnen zweckmäßig erscheint. Sie haben bewährte Truppen, Herr Major?

Von Zechlinsky: Jawohl, Herr Oberpräsident, im Kapp-Putsch gegen die Arbeiterschaft bewährt, auch Baltikumer darunter.

Hörsing: So brauche ich Ihnen keine Verhaltungsmaßregeln zu geben. Unsere schwer heimgesuchte Provinz braucht Ruhe. Die wird am schnellsten durch eine starke Hand hergestellt. Je blutiger der erste Tag ist, desto besser.

Von Zechlinsky: Freut mich, Ihre kernige Gesinnung kennen gelernt zu haben, Herr Oberpräsident. Empfehle mich.

 

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