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Berta Lask - Leuna 1921 (1927)
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VORSPIEL 1926

Lichtbild, Frontansicht des Leunawerkes mit den dreizehn Schornsteinen: Auf der B√ľhne vor der Leinwand steht der Heizer mit zerfurchtem Gesicht, dem man schwere Leidensjahre ansieht. Leunaarbeiter in Arbeitskleidung gehen einzeln und in Gruppen in einiger Ent¬fernung am Heizer vor√ľber.

Heizer (mit dem Blick aufs Leunawerk): Alles wie damals, die Schornsteine, die Kesselh√§user. Die Kohlenwagen. Die Generator√∂fen sind voll. Um eins lassen sie den gl√ľhenden Koks ab. Das K√ľhlwasser spritzt siedend hoch. (Er reckt sich mit einer kraft¬vollen Geb√§rde. Alle Arbeiter sehen im Vorbeigehen scheu, misstrauisch oder fragend zum Heizer hin√ľber.)

1. Arbeiter: Was ist das f√ľr einer?

2.  Arbeiter: Wie er aussieht! Und spricht mit sich selbst.

3. Arbeiter: Was soll's f√ľr einer sein? Ein Spitzel.

1. Arbeiter: Der sieht nicht so aus.

3. Arbeiter: Alle sind Spitzel, alle, die uns begegnen, alle, die uns anreden bei der Arbeit, beim Essen, im Abort, in der Bahn, auf der Straße, alles Leunaspitzel.

2. Arbeiter: Er hat recht. So ist es.

1. Arbeiter (nähert sich dem Heizer, fragt halblaut): Wer bist du? Von wo kommst du?

Heizer: Aus dem Zuchthaus.

1. Arbeiter (halblaut): Du kommst aus dem Zuchthaus, und wir gehen ins Zuchthaus.

Heizer: In welches Zuchthaus?

1. Arbeiter: Dort.

Heizer: Ins...

1. Arbeiter: Still! Still! Es sind √ľberall Spitzel.

(Bruno st√ľrzt auf den Heizer zu)

Bruno: Das ist ja der Heizer von 1921, dem Matrosen sein Freund. Wie geht's dir, Paul?

Mehrere: Wir wissen nichts von 1921. Wir haben hier unser Brot; weiter k√ľmmert uns nichts. Kommt!

(Sie gehen schnell weiter. Um den Heizer hat sich eine kleine Gruppe gebildet.)

1. Arbeiter: Also du lebst noch? Sie haben dich doch damals halb totgeschlagen.

Heizer (d√ľster lachend): Aber nicht ganz. Auch im Zuchthaus haben sie's nicht geschafft. Nun bin ich raus. Da trieb's mich hierher, das rote Leunawerk zu sehen.

Die Arbeiter: Das rote Leunawerk! Zuchthaus Leuna, Leunahölle!

Heizer: Ha, das dacht' ich mir. Mit Artillerie schießen die nicht umsonst. Habt ihr noch Schupo im Werk?

Bruno: Werkspolizei und Werksfeuerwehr und eine Armee von W√§chtern und Oberw√§chtern und Spit¬zeln und Oberspitzeln.

4. Arbeiter: Und Kontrolluhren √ľberall. Jeder Gang, den du tust, nach Kontrolluhr.

5. Arbeiter: Und nach Akkord wird geschunden wie besessen. Weil der Lohn nicht reicht, jagen alle nach Akkordprozenten. Und hast du die letzte Kraft aus dir herausgeschunden, dann werden die Prozente heruntergedr√ľckt.

Bruno: Es ist ein teuflisches System und kann im Zuchthaus nicht schlimmer sein. Nur, dass unsre Ketten nicht klirren.

Heizer: Gibt's noch immer so viele Ungl√ľcksf√§lle?

Bruno: Alles dasselbe. Manche Schutzvorrichtungen haben wir durchgesetzt. Aber was hilft's? Die Leute werden so gehetzt, dass sie vor √úberanstrengung verungl√ľcken. Und immer werden neue Maschinen erfunden und Arbeiter daf√ľr entlassen.

Heizer: Was wird mit den Arbeitern?

Bruno: Gehn zugrunde. Rationalisierung.

Heizer: Also die dort oben haben alle Macht?

Bruno: Macht haben sie und koppeln sich alle zusammen, dass sie noch mehr Macht kriegen. Immer neue Giftbuden haben sie gebaut, alles ein Klump, alles ein Geldsack. Wen sie auf die schwarze Liste setzen, der findet in ganz Deutschland keine Arbeit mehr. Daf√ľr haben sie ihre juristische Abteilung.

Heizer: In den Baracken, wohnen da noch Kerls?

1. Arbeiter: Die ganze Barackenstadt haben sie abgerissen. Das war 'ne zu st√ľrmische Ecke. Jetzt ist alles eingez√§unt, und kein Mensch darf ins Werk.

Heizer: Hätten wir doch die verfluchte Giftbude damals in die Luft gesprengt!

Bruno: Das h√§tte nichts gen√ľtzt. Sie h√§tten noch schlimmere aufgebaut. Wir m√ľssen sie erobern von innen her.

Heizer: Wie steht's damit? Alles ganz nieder?

Bruno: Nieder sind sie, und keiner darf sich mucksen, und doch wird gearbeitet - zwei Drittel der Betriebsräte Kommunisten.

Heizer: Ich werde mit euch arbeiten. Auf mich könnt ihr rechnen zu jeder Stunde, Tag und Nacht. Weißt du noch damals im Silo, wie wir gelobt haben: Das Leunawerk muss einmal unser sein?

Bruno (gedämpft): Ja, ich weiß es. Darum bin ich noch hier. Darum halt' ich aus in dieser Hölle. Wir machen's wahr.

4. Arbeiter: Langsam vorw√§rts, Schritt f√ľr Schritt, z√§he.

Heizer (die H√§nde der beiden fassend): Wir alle zusammen, Schritt f√ľr Schritt, bis zum Ende.

(Eine   kleine   Gruppe   von   Arbeitern   singt einen Choral)

Heizer: Was sind denn das f√ľr welche?

Bruno: Bibelforscher.

Heizer: Chemiearbeiter und Bibelforscher?

Bruno: Ja, sie sagen, das Chemiekapital ist so mächtig; dem gehört die Erde. Darum wollen sie den Himmel erobern.

1. Arbeiter: Die Narren!

Heizer: Lache nicht! Bei uns im Zuchthaus wurden auch welche so.

Bruno: Ein Himmelreich √ľber der Chemiegifth√∂lle.

Heizer: Wir wallen die Gifthölle zunichte machen. Dann wird ihr Himmelreich zerplatzen wie eine giftige Seifenblase. (Er starrt auf das Leunawerk)

1. Arbeiter: Was blickst du so starr?

Heizer: Damals März 1921

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