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Berta Lask - Leuna 1921 (1927)
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2. Szene

Raum in Kantine 2. Aktionsausschuss von elf Arbeitern, darunter Malchow, Wieland, Freimann, Willi, einige Mitglieder des Betriebsrats: Konne, Bromme, einige Vertrauensleute. Sitzung.

Freimann: Ich sage euch, man muss das Werk ganz stilllegen. Dann haben wir freie Hand, können kämpfen im Werk und außerhalb, wie wir wollen. Wenn das Werk in Betrieb ist, dreht sich alles um die Produktion, und der Kampf kommt zu kurz.

Rufe: Unsinn! Der Betrieb muss aufrechterhalten bleiben - wir schneiden uns sonst ins eigene Fleisch, wenn die kostbare Apparatur kaputt ist und der Betrieb monatelang stilliegt.

Konne: Ganz richtig, Genossen. Wenn keine Notstandsarbeiten gemacht werden, dauert es nachher

Monate, bis die unbrauchbar gewordene Apparatur erneuert werden kann, und die Belegschaft ist solange arbeitslos. Wir müssen so produzieren, dass für die Direktion kein Pfennig Verdienst herauskommt, aber die Apparate erhalten bleiben. Das geht zu machen. Einverstanden?

Mehrere: Ganz richtig! So soll's sein!

Wieland: Jawohl, das ist im Interesse der Arbeiter.

Freimann: Aber wenn wir das Werk stilllegen, dann haben wir ganz freie Hand, wenn's zu größeren Kämpfen kommt.

Konne: Wir sind Revolutionäre, Genossen. Keinen Tag, keine Stunde werden wir hier Notstandsproduktion machen, wenn die Lage es erfordern sollte, draußen mit vollem Einsatz zu kämpfen.

Freimann: Dann ist's recht, Bernd. Dann bin ich einverstanden. Und du, Malchow, mach die Ohren auf, dass du's nicht wieder anders auslegst oder drehst.

Malchow: Wieso denn?

Freimann: Weil du 'ne Wetterfahne, bist. Mal brüllst du -Freiheit und Anarchie", dann ein andresmal duckst du dich wie ein geschlagener Köter.

Malchow: Ich!? Ich!?

Willi: Ruhe, Genossen!

Konne: Außerdem muss die Direktion, wenn wir arbeiten, auf die Notstandsarbeiter Rücksicht nehmen und kann nicht gewaltsam gegen sie vorgehen. Sie kann zum Beispiel nicht mit Artillerie reinschiessen.

Malchow: Mit Artillerie! Auch wenn stillgelegt ist, wird sie nicht mit Artillerie das eigne Werk kaputtschiessen. Denkt doch an die Inselbehälter! Das wär' doch Giftgaskrieg gegen die Barackenstadt.

Konne: Jetzt wird abgestimmt. Wer ist für Aufrechterhaltung der Notstandsarbeiten? Ich stelle fest, dass die überwiegende Mehrheit für Aufrechterhaltung der Notstandsarbeiten ist.

Rufe: Konne muss die Betriebsleitung übernehmen.

Konne: Gut, ich übernehme sie. Ich brauche sechshundert Mann für jede Schicht und gehe jetzt, sie einzustellen. Ich werde mit den Chemikern und Ingenieuren verhandeln. Sie müssen sich zur Verfügung stellen. Kameraden: im Leunawerk soll kein Kontaktofen unbrauchbar werden. Nach dem Kampf soll kein Arbeiter arbeitslos werden.

Zurufe: Mach's gut, Konne!

(Konne ab)

Freimann: Vorhin war wieder einer von der Direktion hier.

Wieland: Der Direktor Oster?

Freimann: Nein, der ist doch getürmt. Der Angestelltenrat Knappe war, hier. Der ist jetzt Vermittlungsmann zwischen uns und der Direktion, ein ehrlicher Kerl.

Malchow: Eine militärische Kommission haben wir nun und eine technische. Nun müssen die anderen Kommissionen gebildet werden.

Freimann: Ach was, Kommissionen! Quatscht doch nicht so viel! Holt Waffen heran, und hört auf zu quatschen! Kommissionen und Resolutionen,  und von den Feinden - blaue Bohnen.

Rufe: Waffen! Waffen!

Malchow: Selbstverständlich Waffen, Genossen. Aber lasst uns noch schnell über die wichtigsten Kommissionen beraten. Wie kann man sonst Tausende dirigieren und verpflegen? Das Wichtigste ist der Nachrichtendienst. Ich schlage als Nachrichtenleiter Genossen Kalk vor.'

Alle: Angenommen.

Malchow: Später die Verpflegungskommission, die Finanzkommission, die Pressekommission, den Samariterdienst. Und jetzt an die Arbeit!

(Alle gehen hinaus außer Wieland. Matrose kommt.)

Matrose: Nun, was habt ihr zustande gebracht?

Wieland: Das gefällt mir alles nicht, Kamerad. Einer zäumt den Gaul am Kopf und einer am Schwanz auf. Mir wird ganz wirblig. Hätten wir doch einen Kerl mit einem Mut und einem Kopf, einen Starken, der alle führt und die Sache schmeißt.

Matrose: Dir fehlt's doch an Mut nicht.

Wieland: Aber an Kopf, und bei anderen, wie bei dem Malchow, da ist das Herz nicht auf dem rechten Fleck.

Matrose (die Arme reckend): Es muss werden. Aber jetzt Waffen!

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