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Berta Lask - Leuna 1921 (1927)
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3. Szene

Nacht. Großer Raum im Leunawerk. Ein Teil des Raums ist mit Stroh und Matratzen bedeckt. Schlafende Arbeiter. Bruno, 1. Chemiearbeiter und der alte Arbeiter sitzen in einer schwach beleuchteten Ecke.

Bruno: Heute morgen war's erst, dass Hoelzmax kam. Der Tag und die Nacht sind so lang wie ein Menschenleben. Man wartet von Stunde zu Stunde, dass sie uns rufen. Ich bin müde vom Warten, und doch ist mir, als könnt' ich nie mehr schlafen.

1. Chemiearbeiter: Wir von der Chemie sind das Warten und die Stille gewohnt. Was durch unsere Röhren geht, das hört man nicht und sieht man nicht, und auch der Gifttod kommt leise. Du fällst um und hast nichts gemerkt.

Bruno: Der Gifttod. - Wir wollen nicht! Wir wollen leben! Und wenn gestorben sein muss, dann einen anderen, besseren Tod. - Warum kommt eigentlich niemand von der Partei aus Berlin?

Alter Arbeiter: Partei! Ist wohl da, die Partei, sammelt sich, kämpft und sucht den Weg. Alles noch am Anfang, Kameraden, alles noch keine große Herrlichkeit. Aber den Anfang sehen, das ist auch schon was. Darum stehen meine alten Knochen neben eurem jungen Ungestüm. (Er reckt sich) Das gibt Kraft, so im Kampf stehen, nicht wie ein Tier allein im Dunkeln verrecken.

(Eine Schar von bewaffneten Arbeitern dringt ein)

Fremder Arbeiter: Holla! Schläft denn das ganze Leunawerk? Wo ist euer Aktionsausschuss? Der ist nirgends zu finden.

Bruno: Wer seid ihr? Von wo kommt ihr, Kameraden?

Fremder Arbeiter: Wir sind Mansfelder Truppen und Versprengte von überall, kommen eben auf Autos aus dem Geiselthal, an zweihundert Mann mit Gewehren und Sprengstoff. Wir sind hundemüde, können nicht mehr. An die hundert sind drüben in den langen Bau hinein. Schafft uns ein Lager! Ein paar Stunden Ruhe, dann sind wir wieder wach und helfen euch, das Leunawerk verteidigen. Bei euch geht's auch bald los. Es zieht sich zusammen von überall her. Habt ihr Geschütze?

Bruno: Dort sind Matratzen und Stroh. Ruht euch aus, Kameraden!

(Die fremden Arbeitersoldaten stellen die Gewehre zusammen und legen sich schlafen. Ein Verwundeter kommt wankend.)

Verwundeter:  Kameraden,  komme  vom  Ammendorfer Gefecht per Rad durch die Grünen. Schlafen-

(Er sinkt aufs Stroh. Karl reißt die Tür auf.)

Bruno: Von wo kommst du, schwarz von Ruß?

Karl: Aus dem Panzerzug. Probefahrt gemacht. Alles ist voll von Grünen, haben geschossen wie toll. Nach Bau 15  jetzt,  kleine  Ausbesserung.  Morgen  früh geht's wieder los mit dem Panzerzug in den Kampf, in die Freiheit, Kameraden.

Alter Arbeiter: Den hältst du nicht.

(Wieland   reißt   die   Tür   auf,   spricht   nach draußen)

Wieland: Hier liegen sie im Bau, als wär' nichts geschehen. Wisst ihr noch nicht?

Bruno: Was denn?

Wieland: Malchow, Kessel, der ganze Aktionsausschuss ist fort und fast alle bewaffnete Mannschaft.

Bruno: Fort? Wohin? In den Kampf ohne uns?

Wieland: Ob zum Kampf,  ob zur Flucht, keiner weiß es.

(Sechs Mann Feldwache kommen)

1. Feldwache: Hier Feldwache Neu-Rössen. Es ist Befehl gekommen: alle ins Werk hinein. Was gibt's? Wo ist der Aktionsausschuss? Wer gibt Befehl aus?

(Grasser und Matrose, Revolver in der Hand, der Heizer mit einer Handgranate, stürmen herein)

Die drei: Wo ist der Aktionsausschuss? Wir wollen abrechnen.

Wieland: Der Aktionsausschuss ist fort und hat die Waffen mitgenommen.

(Einen Augenblick Schweigen. Dann brüllt der Matrose auf, dass alle zurückweichen und die Schlafenden sich aufrichten.)

Matrose: Verrat!

Alle drei: Verrat!

Matrose: Ohne Waffen eingeschlossen! Wir sprengen das Werk in die Luft.

Viele: Das Werk in die Luft!

Matrose: Sprengstoff heran! Minen gelegt!

Viele: Minen gelegt!

(Mehrere stürmen mit diesem Ruf hinaus)

Matrose: Kein Stein soll bleiben von den verfluchten Bauten, kein Balken von den verfluchten Gerüsten! (Er entreißt dem Heizer die Handgranate) Deine Handgranate! Wir reißen den Deckel vom Inselbehälter und werfen die Handgranate ins Ammoniakwasser.

(Lichtbild des Inselbehälters)

Heizer: Wir stecken den großen Ofen an, das ganze Werk ein glühender Koks, ein Feuerklump.

(Sie wollen fort. Der alte Arbeiter stellt sich mit ausgebreiteten Armen ihnen entgegen.)

Der alte Arbeiter: Halt, Kameraden! Erst müssen alle Arbeiter aus dem Werk heraus und alle Bewohner aus den Baracken, eh' darf der Inselbehälter nicht auf! Sonst sterben alle den Giftgastod.

Viele: Er hat recht. Wir dürfen die eigenen nicht töten.

(4. Kompanieführer kommt)

4. Kompanieführer: Da sind ja noch welche vom Aktionsausschuss und Mannschaft und Waffen. Es findet sich in den Bauten und Winkeln noch allerlei zusammen. Gute Nacht, Herr Malchow! Du kommst wohl auch nicht heil nach Thüringen.

Wieland: Nach Thüringen? Was weißt du?

4. Kompanieführer: Wisst ihr nicht? Konitzky kam mit Flüchtlingen aus Ammendorf. Sie sind geschlagen durch große Übermacht, der Angriff auf Halle gescheitert. Da beschlossen sie, mit allen Bewaffneten abzuziehen und sich nach Thüringen durchzuschlagen und gaben Befehl, das Leunawerk kampflos zu übergeben, damit's nicht beschossen wird. Autos und Waffen, alles ist weg.

Rufe: In Nacht und Nebel fort, und keiner weiß was!

Wieland: Sind die Befehle durchgegangen? Sind Wachen draußen oder alles weg?

4. Kompanieführer: Es ist alles durcheinander, manche Wachen noch draußen, manche Bauten leer! In der Dunkelheit findet man sich schwer durch. Leute rennen herum und suchen Anschluss. Fremde Gesichter tauchen auf. Geldschränke erbrochen und ausgeraubt, Weinkeller erbrochen, Besoffene drin.

Grasser: Meine dreißig Eisenbahner stehen noch am Südeck und das leichte Maschinengewehr auf dem Wasserturm. Ich gehe auf meinen Posten.

(Grasser ab. Die schlafenden Leunakämpfer

sind aufgestanden. Nur ein Teil der fremden liegt noch.)

Wieland: Abstimmen, Kameraden, wollen wir kampflos übergeben oder kämpfen? Wir haben nur wenig Waffen. Die Maschinengewehre sind auch fort.

Die meisten: Kämpfen! Kämpfen!

Wieland: Einen Boten in jeden Bau, Nachricht geben, sammeln, was da ist!

(Die Verwirrung ist beendet. Alle sammeln sich.)

Matrose: Drei Mann mit mir zum Bunker mit Gewehren!

Karl: Morgen ist's und der Panzerzug fertig. Jetzt geht's in den Kampf um die Freiheit!

(Man hört ganz nah eine Granate einschlagen)

Rufe: Artilleriefeuer!

(Rasch hintereinander weitere Einschläge)

Bruno: Sie beschießen das eigene Werk, und wir haben keine Geschütze.

(Willi kommt)

Willi: Genossen, Kameraden! Wir fahren jetzt mit dem Panzerzug gegen die angreifenden Truppen von Sipo und Reichswehr. Vier MGs mit Munition haben wir und halten euch die Feinde vom Leib, die unter Artillerieschutz angreifen. Bleibt fest! Verteidigt euch bis zur letzten Patrone!

Alter Arbeiter: Wir kämpfen bis zur letzten Patrone. Lebt wohl, Genossen!

(Willi und Karl schnell ab)

Alter Arbeiter: Ins eigene Werk, wo die Arbeiter drin Notstandsarbeiten machen.

Wieland: Dazu haben wir das Werk geschont, dazu die Notstandsarbeiten verrichtet! Und die schießen Werk und Menschen in Klump!

Rufe: Die Bluthunde! Die Mörder! Hinaus! Kämpfen!

Matrose: Die Handgranate ins Ammoniak!

Alter Arbeiter: Nein! Der Wind trägt's in die Baracken. Wir morden die eigenen. Hinaus! Kämpfen!

Alle: Kämpfen!

(Die meisten stürmen hinaus. Donnerndes Geschützfeuer, Explosionen. Ein Stück der Wand fällt ein. Mächtiges Sausen und Zischen der stillgelegten Maschinen. Das ganze Werk hüllt sich in Dampf und Nebel. Lichtbild des in Dampf und Rauch verschwindenden Leunawerkes.)

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