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Willi Bredel - Rosenhofstraße (1931)
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Kapitel I.

Der Brothändler Kuhlmann war schlechter Laune. Soeben war er aus dem Bett gestiegen, hatte sich noch nicht einmal gewaschen und musste schon mit frischen Rundstücken auf die Straße. Während er die Brötchen mit seinen noch von der Nacht schweißigen Händen in den großen Korb zählte, brummte er unaufhörlich vor sich hin.
Er war ein kleines, schwindsüchtig aussehendes Kerlchen, mit einem für sein wachsartiges, schmächtiges Gesicht übergroßen Schnauzbart Seine Augen waren zusammengekniffen, sahen argwöhnisch drein und waren etwas krankhaft gerötet. In seinem groben, grauen Hemd und der mit einem Gürtel viel zu tief gehaltenen Hose, stand er hinter dem Ladentisch und zählte und brummte.
„Was brummst Du eigentlich?" schrie es plötzlich drohend aus einem Nebenraum.
Kuhlmann brummte nicht mehr, aber er zählte emsig weiter.
Doch die Stimme nebenan war nicht beruhigt. „Heh? Heh?" rief sie.
„Ach nichts!" Er hielt einen Augenblick mit dem Zählen an. „Ich hatte mich nur verzählt!"
„73 — 74 — 75 — 76!" zählte er dann laut weiter und warf jedes Rundstück mit einer ärgerlichen Bewegung in den Korb.
Frau Henriette Kuhlmann lag währenddessen noch im Bett. Eine dunkle Kammer, direkt neben dem Verkaufsraum, bildete das Schlafgemach. Es war nur klein; außer den zwei Betten konnte darin fast nichts stehen, aber trotzdem waren an beiden Seiten des Raumes Kisten und Kasten aufgestapelt. An dem Fußende des einen Bettes lag zusammengerollt ein mausgrauer Kater.
„Mach zu, Emil!" rief die Frau aus dem Bett energisch ihrem Manne zu, der sich immer noch im Laden zu schaffen machte.
Geknurr war die Antwort.
Frau Kuhlmann hatte sich schon wütend aufgerichtet und war im Begriff, kräftig loszukeifen, als eine Klingel schrill schellte.
Kuhlmann ging.
Sie neigte sich nun zum Fenster hin und schob die Vorhänge etwas zur Seite. Es war fast noch Nacht, der Morgen begann eben zu grauen. Mit einem tiefen Seufzer warf sie sich dann ins Bett zurück, legte sich mollig auf die Seite und zog sich die Bettdecke bis an den Mund.
„Was Sie nicht sagen?"
„Ja, und die halbe Nacht tobten sie. Kein Auge konnte man zu tun. Ich sage Ihnen, Frau Kuhlmann, bei den Heubergers gehen merkwürdige Dinge vor!"
„Was Sie nicht sagen?" wiederholte aufmerksam zuhörend die Brothändlerin.
„Diese Burschen müssten wieder zum Militär, dann würden sie auch später mal brauchbare Menschen werden, oder Arbeitsdienstepflicht, meint mein Mann. Wissen Sie, vorgestern Abend... ."
Der Mann der Brothändlerin kam aus den Wohnräumen und schlürfte mit einigen leeren Kohlensäcken über dem Arm grußlos durch den Laden. Als er die Tür hinter sich schloss, brummte er wieder; aber diesmal verstand man deutlich: „... Weiberpack!" Dann ging er in die Terrasse zum Kohlenkeller.
Eine alte verhutzelte Frau mit einer altmodischen Haube und einem langen, dunkelgrünen Rock lief vor der Rosenhof-Terrasse hin und her. Angestrengt kniff sie die Augen zusammen, um die Hausnummer erkennen zu können. Schließlich blickte sie unschlüssig in die Terrasse. Eine Frau kam heraus.
„Ach, sagen Sie mir, bitte, ist dies Rosenhofstraße Nr. 3?"
„Ja, hier ist die Rosenhof-Terrasse!"
Die Alte konnte mit dieser Antwort scheinbar nichts anfangen, Ratlos stand sie da.
„Ich wollte zu Herrn Kummerfeld!" sagte sie schließlich zögernd.
„Na ja, dann stimmt's ja. Ganz hinten links, letztes Haus!"
Die Alte murmelte etwas wie „Danke" und trippelte in die Terrasse.
Der letzte Hauseingang links sah fast noch abscheulicher aus als die ersten, noch verfallener. Knapp über der Parterrewohnung klaffte ein breiter Riss in der Hauswand, der den baufälligen Charakter des Hauses noch erhöhte. Alles war schmutziggrau.
Vor der Parterretür mit dem Schild: Adolf Kummerfeld — suchte die Alte nach einer Klingel. Sie fand keine. Ihr Klopfen schien niemand zu hören. Da rüttelte sie kräftig am Türdrücker.
Die stockhagere Frau Kummerfeld öffnete leise.
„Ich habe einen Brief vom Wohlfahrtsamt!" Die Alte zeigte den blauen Umschlag.
Wortlos wurde die Tür innen aufgeriegelt und geöffnet. Über einen schmalen Vorplatz, wo allerlei Gerümpel stand, wo Kleiderstücke und Hüte lagen, wurde die Alte in ein Zimmer geführt. Auch hier proletarische Armseligkeit. Es war eng und dumpf in diesem Raum.
„Es ist doch hier richtig bei Wohlfahrtspfleger Kummerfeld?" fragte zweifelnd die Alte.
„Ja!" erwiderte leise die Frau. „Sie haben Glück. Mein Mann ist krank und im Hause. Sonst ist er um diese Zeit doch auf Arbeit. Setzen Sie sich nur!"
Die Alte zwängte sich an einem Stuhl vorbei ins Sofa.
Frau Kummerfeld war in den Nebenraum gegangen. Die Alte schnappte nach Luft und blinzelte in der Stube umher. Ihr gegenüber stand eine alte Kommode mit Bildern, Figuren und Erinnerungen.
Darüber hingen zwei große Bilder in breiten Rahmen. Sie waren schon gelblich. Die Alte grübelte, wer der mächtige Kopf mit den schlohweißen Haaren sein könnte. Es waren alte Photographien von Marx und Lassalle. Aber den Fritz Ebert, der dazwischen hing, den kannte sie. Auch den Spruch über dem Sofa konnte sie buchstabieren: „—Edel sei der Mensch, hilfreich und gut —".
Jetzt entdeckte sie auch noch eine große schwarze Katze, die links vor ihr auf der Fensterbank lag und schlief.
Die Alte saß in Gedanken versunken, die Hände übereinander gelegt, da. Die Wohnung des Wohlfahrtspflegers hatte sie sich so ganz anders vorgestellt. Große helle Räume mit Klavier, einem großen Bücherschrank und wertvollem Mobiliar, und nun war sie bei Leuten, die so ärmlich hausten, wie sie selbst.
Durch das Eintreten des Wohlfahrtspflegers wurde sie in ihren Betrachtungen unterbrochen.
„Guten Tag!" begrüßte er sie. Er sprach ebenso leise wie seine Frau. Um den Hals hatte er einen alten Wollschal gewickelt. Die Alte machte eine Bewegung, als wenn sie sich erheben wollte. „Aber bleiben Sie sitzen!" Kummerfeld nahm den blauen Brief vom Wohlfahrtsamt, riss ihn auf, setzte seine Brille zurecht und las.
Er war ein kleiner, schmächtiger Mensch. Die langen, weißen Haarsträhnen legten sich im Scheitel zur Seite. Man sah ihm auf den ersten Blick an, dass er zur ganz alten Generation der Sozialdemokratie gehörte. Die Alte betrachtete ihn ununterbrochen.
„Na, Frau Wendt, dann wollen wir mal ein kleines Formular ausfüllen!" sagte er und sah sie, als er das Schreiben gelesen und die Brille auf die Stirn geschoben hatte, mit seinen wasserhellen Augen freundlich an. Er kramte aus einem alten Karton, der auf einem kleinen viereckigen Tisch in der Ecke stand, einen weißen Bogen und Tinte und Feder hervor und setzte sich, nachdem er einen voll gepackten Stuhl freigemacht hatte, der Alten gegenüber.
„Sie heißen Frieda Wendt?" Langsam malte er die Buchstaben aufs Papier. „Ihre sämtlichen Vornamen?"
„Pauline, Wilhelmine!"
Die Feder kratzte hörbar. „Ihr Geburtsname?"
„Kramer!"
„Sind Witwe?"
„Ja!"
„Wohnen Gerhardstraße 6, bei Helmke?"
„Ja!"
Vorsichtig tauchte er die Feder ins Tintenfass und zupfte ein Fädchen von der Spitze.
„Haben Sie Kinder?"
„Zwei!"
„Die heißen?"
„Paul Wendt und Erna Helmke!"
„Beide verheiratet?"
„Ja!"
„Was ist Ihr Sohn von Beruf?"
„Klempner!"
„Und Ihr Schwiegersohn?"
„Kaiarbeiter!"
„Haben Sie Vermögen?"
„Wie?" fragte die Alte, die annahm, nicht recht verstanden zu haben.
„Ob Sie Vermögen haben?"
„Nee!" antwortete sie erstaunt.
„Die Frage steht hier auf dem Formular vorgeschrieben!" erklärte wie zur Entschuldigung der Wohlfahrtspfleger. „Haben Sie mal eine Erbschaft zu erwarten?"
„Nein!"
„Sie haben also bisher bei Ihrem Schwiegersohn gewohnt!"
„Jetzt auch noch!"
„Richtig! Ich meine, Sie haben dort gelebt und er hat für Ihren Unterhalt gesorgt. Durch anhaltende Erwerbslosigkeit ist er nicht mehr dazu in der Lage und Sie beantragen nun Wohlfahrtsunterstützung?"
„Ja!"
„Was bekommen Sie von Ihrem Sohn?"
„8 Mark monatlich!"
„Ist das nicht reichlich wenig?"
„Er hat nicht mehr über, sagt er!" erwiderte die Alte verlegen.
Nachdem alles langsam und bedächtig eingetragen war, erhob sich der Pfleger und erklärte, dass er in den nächsten Tagen bei ihr vorsprechen würde.
„Muss denn das alles wegen der paar Mark aufgenommen und auch noch nachgeforscht werden?"
„Die Wohlfahrt wird oft von habgierigen Menschen missbraucht, beste Frau, und alles muss doch seine Ordnung haben!"
Die Alte schwieg.
„Wir tuns persönlich doch nur aus Liebe zu den Armen! Abend für Abend müssen alle die vielen Pfleger opfern und keiner bekommt einen roten Heller dafür!" Man sah deutlich, dass die Alte etwas erwidern wollte, aber sie zögerte.
„Der Staat ist arm, bitterarm!" schloss der Wohlfahrtspfleger und geleitete die alte Frau langsam zur Tür. —
Bevor die Witwe Wendt die Terrasse verließ, sah sie sich noch einmal die grauen, unfreundlichen Häuser an. Aus einem der vielen geöffneten Fenster drang, entsetzlich in die Länge gezogen, der Gesang einer Frauenstimme von dem ,treuen Husaren, der sein Mädel ein ganzes Jahr und noch viel mehr liebte'. Aus einem anderen Fenster wurde nasse, bunte Wäsche herausgehängt. Auf dem Treppenaufgang des ersten Hauses spielten kleine, blasse Mädel und Jungen »Mutter und Kind'. Überall sah man Not und Elend. Mittendrin aber wohnte der Wohlfahrtspfleger, der den Armen zu helfen glaubte, und er war doch selbst einer der Ärmsten der Armen.
Else Langfeld war ein etwas rundliches Nähmädel, mit derbem, bäuerischem Gesicht und lebhaften grauen Augen. Sie hatte, wie viele Proletarierkinder, durch mangelhafte Ernährung und ungenügende Aufwartung in frühester Kindheit — nicht ganz gerade Beine.
Jahrelang war sie über ihre missratenen Beine verzweifelt gewesen. Misserfolge, die sie in der Liebe erlebte, führte sie, auf diese dummen Beine zurück. Was hatte sie für Bekanntschaften gehabt! Aber sobald ein Mann ihre gekrümmten Beine bemerkte, verschwand er. Den meisten Männern sind gerade Beine eben mehr wert, als ein gerader Charakter, dachte Else oft. Wenn sie auch vor ein paar Jahren noch oft unter Tränen nachts ihre Mutter verwünschte, weil sie nicht genügend Obacht auf ihre Beine gegeben hatte, als sie noch klein war; wenn sie auch nächtelang verzweifelnd die oberflächlichen Männer verflucht hatte, die den Wert einer Frau nach den Formen ihrer Beine maßen, so hatte sie sich doch im Laufe der Zeit von diesen selbstquälerischen Vorwürfen fast befreit. Jetzt lachte sie, wenn blasierte Gecken ihr erst freundlich ins Gesicht und dann erschreckt nach ihren Beinen sahen und lächelte über den frechen Witz flegeliger Schuljungens, die oft, wenn sie sich sehen ließ, den Schlager; — Dein Mund sagt nein, doch deine Beine sagen o — umdichteten. Else war jetzt sozusagen über ihre unschönen Beine erhaben. Wer sie nach ihren Beinen einschätzte, zeigte ihr nur, was er selbst wert war. Im übrigen war sie freundlich zu jedem, immer zu Gefälligkeiten bereit und arbeitete wie ein Pferd.
Ihre Mutter war schon viele Jahre tot. Der Vater und sie hausten allein in einer Zweizimmerwohnung der Rosenhof-Terrasse, Als sie Beschäftigung hatte, musste sie noch nach neun- und zehnstündiger, aufreibender Schneiderarbeit abends die Wohnung in Ordnung halten, für ihren Vater und sich für den kommenden Tag kochen, Geschirr reinigen, Wäsche waschen, also die ganze Arbeit einer Hausfrau erledigen.
Der alte Langfeld war ein wortkarger, stets unzufriedener Mensch. Als Gelegenheitsarbeiter fand er in seinem Alter nur noch selten Arbeit. Es kam vor, dass er tagelang in den Wirtschaften herum lag und trank. Aber nur, wenn ihn mal so richtig die Wut und Verzweiflung über sich und über alles packte. Verdiente er einige Mark, gab er sie fast immer restlos der Else zur Führung des Haushalts. Auch die paar Mark Unterstützung, die er erhielt, bekam sie bis auf einige Groschen, die er wöchentlich für seinen billigen, beißenden Tabak verbrauchte. Im Grunde hatte Else aber die ganzen Jahre den kleinen Haushalt allein aufrechterhalten. Viereinhalb Jahre hatte sie als Schneiderin in einem großen Warenhaus gearbeitet und bei den vielen Überstunden verhältnismäßig gut verdient. Zwar musste sie sich vieles gefallen lassen. Die Direktricen waren meistens herrschsüchtige, hinterhältige Menschen, und die Bourgeoisweiber, die die gekauften Konfektionswaren in der Schneiderei des Warenhauses nach ihren Wünschen ändern ließen, waren hochnäsig und grob, und behandelten die Schneiderinnen wie ihr Dienstpersonal.
Else hatte alle Wut über die Behandlung und die schamlose Ausbeutung die ganzen Jahre schweigend hinuntergeschluckt, bis — der Streik der Schneider und Schneiderinnen ausbrach. In einer Branchenversammlung hatte sie sich hinreißen lassen und die sklavenartige Behandlung, die mangelhaften sanitären und hygienischen Einrichtungen in dem bekannten Warenhaus angeprangert und Abhilfe gefordert. Als der Kampf dann mit gutem Erfolg durchgekämpft war, wurde sie vierzehn Tage später plötzlich ,wegen Mangel an Arbeit' entlassen. Und nun sah es schlimm für sie und ihren Vater aus. Von nun an war bittere Not ein ständiger Gast. Der alte Langfeld erhielt sechs Mark wöchentlich von der Wohlfahrt. Else bekam neun Mark Arbeitslosenunterstützung. Und von diesen fünfzehn Mark mussten jede Woche sieben Mark für Miete zurückgelegt werden. „Die Miete ist das Wichtigste", sagte der Alte immer, „ist man erst wohnungslos, verkommt man ganz." Und aus Angst, in Mieterückstand zu kommen und dann vom Hauswirt auf die Straße gesetzt zu werden, bekam die Vizenfrau jeden Ersten im Monat prompt achtundzwanzig Mark auf den Tisch gezählt; mochten die Gedärme bei Vater und Tochter noch so rumoren und das Herz beim letzten Anblick des vielen Geldes sich noch so sehr zusammenkrampfen.
Den Weg zum Pfandleiher musste Else nun auch manchmal machen. An der Ecke der Rosenhof- und der Kollbergstraße wohnte einer. Zu dem ging sie jedoch nie. Eine Art Scham über ihre Not trieb sie in einen ganz anderen Stadtteil, wo niemand sie kannte. Im Pfandhaus lernte sie erst den ganzen Jammer menschlichen Elends kennen. Abgearbeitete und doch verhungert aussehende Frauen brachten ihre ,Sonntagskleider', abgewaschene Schürzen, geflickte Bett- und Kissenbezüge, die dem Pfandleiher nichts wert schienen und den Besitzern alles waren. Ein alter, vertrockneter Mann, mit Filzlatschen an den Füßen, brachte sein einziges Paar Stiefel. Eine Frau stand mit einer Petroleumlampe aus Messing in der Ecke. Eine andere hielt einen Wecker in der Hand. Stapelweise konnte man die versetzten Sachen auf Stühlen und Tischen sehen. Es kam gar nicht selten vor, dass der Pfandleiher das Pfandstück nicht annahm. Dann wurde gebeten und gebettelt und der Verleiher unter Tränen angefleht, doch wenigstens ein paar Groschen darauf zu geben.
Ganz elend kam Else immer wieder nach Hause. Die paar Mark, die sie erhielt, musste sie, mit nicht geringen Zinsen, wieder zurückzahlen, wenn sie nicht ihr bestes Kleid und ihren Sommermantel verlieren wollte.
Der Vater wusste nichts von diesen Gängen zum Pfandhaus. Er kümmerte sich auch nicht darum, woher plötzlich Geld kam. Er aß mit, wenn etwas vorhanden war und hungerte schweigend oder knurrend, wenn nichts da war.
Da Else trotz allen Bemühungen keine Arbeit fand, versuchte sie durch Schneidern für Bekannte und Verwandte einige Mark zu verdienen. Sie nähte Kleider und auch kleine Hosen und Röcke für Kinder. Da sie eine gewissenhafte Schneiderin war, dauerte das, was sie arbeitete, auch seine Zeit, aber was sie dafür an Lohn erhielt, war bitterwenig. Die Nachbarsleute und die Verwandten machten sich ihre Not zunutze und verlangten jede Arbeit halb umsonst.
Sie nahm auch Wäsche zum waschen an und wusch sie bei sich in der Wohnung. Die kleine Küche war dann in Wasserdampf eingehüllt und mit nassen Wäschestücken vollgepackt. In der ganzen Wohnung war ein beißender Geruch von grüner Seife und Waschmitteln. Rot und schwitzend stand sie im Unterrock vor dem Waschtrog, hatte einen großen Leinensack vor dem Leib und rieb und knetete die dampfende Wäsche.
Weil Else ein Arbeitspferd war, schneiderte, wusch, die Wohnung instand hielt und den alten Vater versorgte, genoß sie bei den Frauen der Terrasse Achtung. Jeder lobte sie, jeder war freundlich zu ihr, wie sie zu jedem freundlich war. Da war die hübsche kleine Trudel Merker mit den lachenden Augen und den schnurgeraden Beinen, die soviel Verehrer wie Finger an der Hand hatte, gegen die Else ein richtiges Luxusgeschöpf, trotzdem sie nur Verkäuferin in einem Papierwarengeschäft war. Aber sie trug kunstvolle Schuhe, seidene Kleider, hauchdünne Strümpfe und den Hut immer nach der neuesten Mode. Heimlich half sie der Wirkung ihrer schöngeschwungenen, schmalen Augenbrauen durch einen dunklen Stift und wenn der nicht zur Hand war. durch ein angekohltes Streichholz nach. Ihrer Mutter half sie im Haushalt nie; sie manikürte dauernd ihre Hände oder kämmte und zupfte vor dem Spiegel das Haar.
Else dagegen war plump und unschön. Die Arbeiterfrauen der Terrasse aber betrachteten Trudel als nicht zu ihnen gehörig. Die Else dagegen war so ganz ihresgleichen. Ein ewig gequälter, ewig tief in Arbeit steckender Mensch; eine Arbeiterin wie sie alle. Dennoch war vielen Frauen unfassbar, was sich herumsprach — nämlich, dass sie Kommunistin geworden sei. Nun, es gab Kommunisten unter den Männern in der Terrasse und auch die Frauen dieser Männer nannten sich so, aber dass die Else, ein noch junges, lediges Mädel, sich offen als Kommunistin bekannte, war doch etwas Außergewöhnliches. Es gab wenige Frauen, die still schmunzelten, die meisten unterhielten sich erstaunt am Terrasseneingang über das neue Ereignis.
„Das macht die Erwerbslosigkeit!" sagte die eine.
„Ja, es ist der Hunger, der Kommunisten erzeugt!"
„Dabei weiß sie, so wenig wie die meisten anderen, was Kommunismus eigentlich heißt!" warf giftig die Frau des Malers Markquard, der Sozialdemokrat war, ein.
„Aber, wie ist sie bloß daraufgekommen?"
„Ja, wie ist sie bloß daraufgekommen!?" wiederholten die Frauen. -----------
Währenddessen stand Else in ihrer Küche, von Wasserdampf eingehüllt, an der Waschbalge und wusch.
Wenn es zu dunkeln begann, versammelten sich oft etliche Einwohner der Hinter- und Vorderhäuser vor dem Eingang der Rosenhof-Terrasse. Besonders der junge, der hochaufgeschossene Walter Heuberger, der in einer Weinküferei in der Lehre war, der große, stämmige Schauermann Karl Pohl und Erwin Müller, der als Steinmetz arbeitete und, von allen beneidet, viel Geld verdiente, waren fast regelmäßig vor dem Terrasseneingang zu finden. Dazu gesellte sich mal dieser oder jener, wohl auch mal ein junges Mädel, wie die Lina Boldt oder die Else Langfeld. Es wurde eine harmlose Hinterhauskonversation getrieben; die Ereignisse des Tages oder der Arbeit wurden besprochen und die besonderen Neuigkeiten und Ansichten der Einzelnen ausgetauscht. Die Dirt Track und das neue Ardie-Modell, ein interessanter Film, die letzten Fußballspiele und Boxerereignisse waren das Gesprächsthema. Es kam auch vor, dass über, die Weiber geredet und Witze gerissen wurden. Am seltensten aber gingen die Unterhaltungen ins Politische über. Politisiert wurde eigentlich nur, wenn ein direkter Anlass vorlag. Von all den Anwesenden, die sich hier versammelten, war kaum einer politisch organisiert. Politik war für sie ein undurchdringliches Dschungel, in dem es obendrein auch noch verflucht uninteressant war. Wurde aber einer von ihnen irgendwie zu einer Stellungnahme herausgefordert, dann zeigte er einen geraden Richtungsinstinkt, dann wurde sogar Erwin Müller, der, nach seinen Worten, mit dem Reichsbanner sympathisierte, von den anderen seiner verschwommenen Haltung wegen angegriffen. Auf Grund solcher Äußerungen wurden sie dann prompt Kommunisten genannt, obgleich die meisten nichts als etwas Klassenbewusstsein zeigten.
An diesem Abend aber kam es zu einem politischen Zwischenfall.
Der Sohn des Grünwarenhändlers Kafka, der an der Ecke der Rosenhofstraße und der Querreihe wohnte, kam im braunen Hemd, mit dem Sturmriemen unter dem Kinn und der roten Armbinde mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Feld am Arm, aus dem Geschäft seiner Eltern und ging die Rosenhofstraße hinunter. Mit militärisch forschem Schritt wollte er an der Terrasse vorübergehn, als plötzlich, allen unerwartet, Karl Pohl ihm zurief:
„He, Kafka!"
Mit einem „Guten Abend" blieb dieser auf der Stelle stehen. Der junge Schauermann war gegen diesen wohl großen, aber mageren Menschen eine wahre Athletenfigur, hatte breite, wagerechte Schultern und ein Paar tellergroße Hände. Trotzdem aber war er als einer der gutmütigsten Burschen und als wenig streitsüchtig in der ganzen Umgebung bekannt. Um so mehr erstaunten jetzt seine Kollegen, als er den Nazi anrief:
„Wir waren Schulkameraden, Kafka! Wir konnten uns auf der Schulbank ganz gut verstehen! Wenn du aber noch einmal in diesem Kostüm hier vorübergehst, schlage ich dich grün und blau!"
„Das soll wohl eine politische Argumentation sein, Karl!" erwiderte etwas verstört, aber doch spöttisch der Nazi, und auf seinen milchigen Teint legte sich eine tiefe Röte, die von seinen semmelblonden Haaren grell abstach. „Dann muss ich schon sagen, ist sie wenig überzeugend!" setzte er noch hinzu.
„Wir sind fast jeden Abend hier zu finden. Wir können uns aussprechen. Aber diese Feme- und Arbeitermorduniform lass zu Hause, sonst gibt's Keile!"
„Morgen abend bin ich hier!" Mit diesen Worten ging der kreidebleich gewordene Kafka mit betont festen Schritten weiter. —
„Mensch. Karl bist Du verrückt?"
„Wieso?"
„Dass Du den zum Krüppel schlagen kannst, ist nicht zu bezweifeln, aber politisch wickelt der nicht nur Dich, sondern uns alle um den Finger!"
„Abwarten!" antwortete stoisch der Schauermann und kaute an «einem Zigarettenstummel.
„Du bist doch sonst nicht so?" begann jetzt auch der Erwin. „Mit roher Gewalt bringst Du doch keinen von seiner Ansicht ab."
„Darum kommt er ja morgen. Das weitere wird sich finden!"
„Karl!" lachte der Steinmetz, „Du weißt ja gar nicht, was die Hakenkreuzler sind!"
„Doch!" Das kam ruhig und bestimmt.
„Na?" riefen die beiden wie aus einem Munde.
„Landsknechte der Kapitalisten!"
„Kannst Du das beweisen?"
„Natürlich!"
„Aber was bist denn Du eigentlich?" fragte Walter Heuberger.
„Prolet, wie Du und Erwin!"
„Ich meine, Partei?"
„Weiß ich noch nicht!"
„Und dann willst Du Dich mit dem Kafka anlegen?"
„Das hat doch mit einer Partei nichts zu tun!" schrie jetzt Karl Pohl wütend. Dann drehte er sich um. Die änderen merkten, dass er das Thema abbrechen wollte und schwiegen.
„Morgen sind wir vollzählig hier!" grinste nach einer Weile Erwin.
Karl Pohl zündete sich eine Zigarette an.
An diesem Abend wollte kein Gespräch mehr so richtig in Gang kommen, Walter Heuberger pries wieder einmal die Vorzüge der neuen Ardie-Motorräder.
„Fabelhaft sind die Düsen gelagert Es kann kein Dreck mehr reinkommen Auch die automatische Schmiervorrichtung ist eine neue Erfindung und funktioniert tadellos!"
Er redete sich in Eifer, aber niemand hörte so richtig hin. Es interessierte heute auch nicht, dass der Rennfahrer Drews auf der Dirt Track den Bahnrekord um 1,2 Sekunden verbessert und der HSV. sich wieder einmal in einem Spiel gegen eine zweitklassige Mannschaft bis auf die Knochen blamiert hatte. Erwin Müller und Karl Pohl waren immer sprungweise mit ihren Gedanken woanders.
Pohl dachte an morgen abend. Er wusste genau, dass die Kameraden recht hatten. Politisch war er entsetzlich unwissend. Warum eigentlich? Er wusste doch sonst so manches. Auch interessierte ihn die Politik. Er ging in Versammlungen und zu Demonstrationen, las die Zeitungen und zwar alle, die ihm in die Finger kamen. Trotzdem fehlten die verbindenden Gedanken und, — und das war das Schlimmste, --- er fühlte alles mehr, als dass er es begriff und wiedergeben konnte. Dies Bleichgesicht von Kafka fühlte sich ihm hoch überlegen und tat darum so selbstbewusst.
Der kommt morgen bestimmt, sagte sich in Gedanken Pohl, und er würde reden wie ein Versammlungsredner, denn ihm fiel plötzlich ein, dass Kafka schon in der Schule erstaunlich schwungvolle Reden gehalten hatte. Und den hatte er zu einer politischen Debatte herausgefordert. Pohl sah schon die höhnischen Gesichter seiner Kollegen. Eine Blutweile schoss dem jungen Schauermann in den Kopf Er drehte sich um, damit es keiner merke.
Der Lackierer Fritt kam aus der Terrasse herausgeschlendert und gesellte sich zu den Dreien. In demselben Augenblick kam auch ein kleiner, untersetzter Mensch die Straße daher. Karl Pohl zuckte zusammen, als er ihn gewahrte. Das war ja der Jungkommunist, mit dem Else Langfeld jetzt verkehrte und durch den sie in die Kommunistische Partei eingetreten war.
Als dieser mit einem „Guten Abend" in die Terrasse einbiegen wollte, hielt Pohl ihn zurück.
Sie sprachen leise miteinander, und so sehr sich der junge Heuberger und Erwin Müller auch anstrengten, sie verstanden kein Wort. Plötzlich rief der Jungkommunist:
„Aber natürlich! Sehr gerne!"
Sie schüttelten sich die Hände wie Freunde.
Als die beiden Karl Pohl fragend ansahen, lächelte er nur und schob sich eine neue Zigarette zwischen die Lippen.
„Da traut sich ja kein Hund hinterm Ofen vor!" brummte der Wirt Hermann Kahl und bereitete den Rumgrog, den sein einziger Gast bestellt hatte. „Das wird wohl heute mit eurer Sitzung nichts werden!" fügte er laut hinzu.
Der Angeredete stand am Fenster und sah hinaus. Es goss in Strömen. Die Regenmassen klatschten auf die Steine und bildeten im Rinnstein gurgelnde Wasserlachen. Die Rosenhofstraße war menschenleer. Plötzlich lachte der Gast auf. Auf der anderen Straßenseite stampfte gemütlich ein Mann mit hochgeschlagenem Kragen dahin. Das Wasser troff ihm von der Kleidung. Hin und wieder neigte er den Kopf etwas vor, um den Regen, der sich in seinem Hutrand gesammelt hatte, ablaufen zu lassen.
„Olfers, lass deinen Grog nicht kalt werden!" rief der Wirt.
Der trat nun an die Theke und sah auf seine Taschenuhr. „Schon 10 Minuten drüber!"
„Das wird heute nichts!" wiederholte der Wirt und kraulte sich wie in Gedanken den Kopf. Da wurde die Tür aufgerissen und zwei Frauen stürzten prustend herein.
„Ooooh! — Puuuh!" schüttelten sie sich. „So ein Sauwetter!" Sie klappten den Schirm zusammen. „Guten Abend!" grüßten sie dann Olfers und den Wirt.
„Schon nach acht!" erwiderte Olfers auf den Gruß.
„Eine viertel Stunde warteten wir, in der Hoffnung, dass der Regen nachlassen würde!" entschuldigte sich die eine.
„Dabei sind wir die Ersten!" stellte die andere fest.
Der Wirt goss unaufgefordert dampfendes Wasser in zwei Groggläser.
„Mir einen Eisbrecher!" rief die eine Frau. Sie war klein, zappelig und redete ununterbrochen weiter.
Olfers stand wieder am Fenster. Der Wirt sprach mit den Frauen. Sie lachten. Draußen goss es unvermindert stark. Trotzdem kamen noch einige. Die Tabakarbeiterin Ehlers, der Handelsreisende Schmidt, der Buchbinder Kernatzki, Else Langfeld und ihr Freund, der Jungkommunist. Sogar der alte Wolters, der nicht mehr ohne Stock gehen konnte und dem krankhaft die Augen tränten, kam bei diesem Unwetter.
Olfers lächelte,
„Einen steifen Rumgrog für den alten Wolters, Hermann!" rief er dem Wirt zu. „Ich spendier' ihn!"
Dann begrüßte er den Alten, der sich umständlich den Regen aus dem Gesicht wischte.
Kurz darauf begaben sich alle in ein kleines Klubzimmer, in dem der Wirt gut eingeheizt hatte. Man sah, wie Olfers sich freute. Alle rückten an den Ofen heran und hängten die nassen Kleider und Hüte so, dass sie trocknen konnten.
„Nun ist es glücklich halb neun geworden!"
Olfers hatte sich als Leiter der kleinen Versammlung den Anwesenden gegenüber gesetzt.
„Gib dem Wetter schuld!" rief die kleine Zappelige.
„Also, hört nun her!" und Olfers begann einleitend über die letzten Arbeiten der Straßenzelle zu berichten.
„Sämtliche Mitglieder sind mit ihrer Arbeit in letzter Zeit verdammt lasch gewesen. Wenngleich ich die heutige Versammlung nicht als ein ausgesprochenes Zeichen der allgemeinen Inaktivität hinstellen will, es sind allerdings nicht einmal die Hälfte der Mitglieder anwesend, so spielen hier wohl noch andere Faktoren mit!"
Der Regen klatschte eintönig gegen die Fenster.
Olfers sprach von der sich täglich verschärfenden Wirtschaftskrise, der täglich steigenden Erwerbslosigkeit und den damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Kämpfen der Arbeiterschaft. Er sprach nicht fließend, sondern abgehackt, mühsam, aber er rüttelte auf, trieb an, sprach von den Aufgaben eines jeden einzelnen Kommunisten.
Und lautlos wurde ihm zugehört. Olfers hatte das restlose Vertrauen der Anwesenden. Er war nicht nur seit Bestehen der Partei Mitglied, er war auch während der ganzen Jahre aktiv gewesen, scheute sich vor keiner Kleinarbeit und war auf jeder Versammlung und jeder Demonstration der Partei zu treffen. Olfers durfte die Lauen und Faulen in der Zelle peitschen, ihm konnte keiner den Vorwurf der Trägheit machen. Dabei war er übertrieben bescheiden. Wenn er seine Arbeit für die Partei geleistet hatte, verschwand er wieder hinter den übrigen Genossen. Er gehörte nicht zu denen, die redeten, nur um zu zeigen, was sie können und sich dabei breitspurig in den Vordergrund rücken. Selbst wenn er in diesem kleinen Kreise als politischer Leiter der Straßenzelle sprach, konnte man oft das Gefühl haben, als käme er sich selbst dabei etwas zu vorlaut vor. Olfers war Schneider, aber da er in der Werkstatt, wo er arbeitete, der einzige Kommunist war, wurde er von der Parteileitung der Straßenzelle seines Wohnbezirks zugeteilt.
„Genossen und Genossinnen, ich habe Euch die Anweisungen der Bezirksleitung vorgelesen", fuhr Olfers fort. „Ungeheuer viel Arbeit liegt vor uns. Fast zu viel für unsere Kräfte. Aber das darf kein Grund sein, um alles liegen zu lassen!"
Else Langfeld saß mit ihrem Fritz etwas abseits, aber beide hörten Olfers Ausführungen aufmerksam an. Für Else war dies alles so seltsam neu. Vieles von dem, was gesagt wurde, verstand sie überhaupt nicht, aber das ungezierte, natürliche Benehmen dieser Menschen untereinander gefiel ihr. Sie musste an die Klempnerfrau in der Terrasse und an die Heuberger denken, die bei jeder Gelegenheit über die Kommunisten herfielen und sie durch den Dreck zogen. So sahen also organisierte Kommunisten aus. Aber besonders der Olfers gefiel ihr. Er hatte ein festes, hartes Gesicht; doch seine Augen waren fröhlich und klug.
Olfers fummelte unterdessen beim Weiterreden etwas nervös an einigen Bogen Papier, die vor ihm lagen, herum. —
„Als wichtigste Aufgabe steht also die Herausgabe einer Häuserblockzeitung vor uns. Ihr wisst, dass in zahlreichen Wohnbezirken solche Häuserblockzeitungen bereits existieren. Die Parteileitung verlangt nun, dass wir ebenfalls, und zwar so schnell wie möglich, eine herausbringen!"
„Wie sollen wir denn die herstellen?" rief eine der Frauen.
„Im Stadtteilbüro steht ein Hektograf, mit dem wird sie hergestellt!" erwiderte Olfers, „und zwar müssen hierzu Genossen bestimmt werden!"
„Und wer soll sie schreiben?"
„Wir selbst, Genossen!" lachte Olfers.
„Uuuuh!" und „Ooohaa!" riefen alle durcheinander.
„Ihr habt gelesen, Genossen, dass in der Jacobus-Terrasse eine Arbeiterfamilie seit Jahr und Tag in einer Notwohnung unterm Hausdach haust, dass dort bei Regenwetter das Wasser durch die Decke tropft und die Bewohner mit Regenschirmen ins Bett gehen müssen. Bei dem heutigen Wetter wird gewiss die ganze Wohnung überschwemmt sein. Zwei kleine Kinder sind da; eins hat schon Tuberkulose, aber nichts geschieht, um dieser Arbeiterfamilie eine gesunde Wohnung nachzuweisen. Kein Wohnungsamt, keine Gesundheitspolizei, kein Hauswirt kümmert sich darum. So etwas muss in die Häuserblockzeitung. Dass die Ascheimer in den Terrasseneingängen die ganze Umgebung verpesten, muss in die Häuserblockzeitung. Der unhaltbare Zustand einiger Terrassenfliesen, in denen tiefe Löcher sind und wodurch sich erst kürzlich spät abends ein Arbeitsmann den Fuß verletzte, muss in die Häuserblockzeitung. Mangelnde oder gar nicht vorhandene Treppenhausbeleuchtung, alle Missstände, alle Schikanen der Hausbesitzer und ihrer Vizenvögte müssen in die Häuserblockzeitung. Dazu dann die wichtigsten politischen Ereignisse; und da müssen wir uns natürlich besonders an die Arbeiterfrauen, die Erwerbslosen und die Heimarbeiter wenden und alles geschickt und interessant aufmachen, damit es jeder liest!"
„Und wer soll das alles geschickt und interessant machen?" fragte etwas höhnisch die kleine, zappelige Arbeiterfrau.
„Das werden zwei oder drei Genossen oder. Genossinnen sein", erwiderte unbeirrt Olfers, „und die müssen wir jetzt bestimmen!"
Alle schwiegen.
„Die Genossin Schenk!" rief der wortkarge Handelsreisende.
„Huuch!" rief die erschreckt. „Ich? — Nein!"
„Genossin Schenk!" notierte sich seelenruhig Olfers.
„Noch weitere Vorschläge?"
„Genosse Kernatzki!"
„Nein!" rief laut der Buchbinder, als wäre er gefragt.
„Kernatzki!" notierte Olfers. „Und?" rief er.
„Genossin Langfeld!" rief Fritz,
Else fuhr erschreckt zusammen und stieß Fritz etwas ärgerlich an.
„Genossin Langfeld ist noch eine sehr junge Genossin?" meinte Olfers.
,„Ich helf ihr!" rief der Jungkommunist.
„Also Genossin Langfeld!" notierte Olfers.
Die redete leise protestierend auf Fritz ein, aber er rückte lächelnd näher an sie heran und suchte sie ebenso leise zu beruhigen.
„Das wäre unsere Redaktion der neuen Häuserblockzeitungl" stellte Olfers trocken fest. „Die Genossinnen Schenk und Langfeld und der Genosse Kernatzki!"
„Ich nicht!" rief der Buchbinder ganz erschreckt.
„Genosse!" beschwichtigte Olfers, „das ist alles nicht so schlimm. Ich helfe Euch die erste Zeit und der Genosse Burmester auch!"
Er blickte zu Fritz.
„Aber ich kann doch nicht alles allein machen!"
Eine Unruhe entstand. Alle redeten jetzt durcheinander. Die, die nicht vorgeschlagen waren, redeten den Vorgeschlagenen Mut zu. Der alte Wolters machte witzige Bemerkungen.
„Kommenden Freitag in acht Tagen muss die erste Nummer erscheinen!" rief noch Olfers, „Die gewählten Redaktionsmitglieder bekommen noch eine Einladung zu einer besonderen Zusammenkunft." Dann schloss er die Straßenzellenversammlung. —
Der Regen hatte inzwischen etwas nachgelassen, aber der Wind war stärker geworden. Es heulte draußen und rumorte im Kamin der Gaststube. Die Frauen stürzten mit Gekreisch auf die stürmische Straße. Der alte Wolters erwärmte sich noch an einem heißen Grog Mit gedämpften Worten und lebhaften Gesten machte Else Langfeld immer noch ihrem Fritz Vorwürfe. Sie sei noch gar keine Kommunistin, — sie habe keine Ahnung von all' den Fragen, — sie werde nur sich und ihn mit blamieren, — sie hasse überhaupt die Politik. —
Fritz lachte.
Else weinte nahezu vor Wut. —
Mit Olfers, der im Vorderhause neben der Rosenhof-Terrasse wohnte, liefen sie, ihren Hut krampfhaft mit der Hand festhaltend, gegen den Sturm die Rosenhofstraße hinauf.
Als Else Langfeld, noch ganz verwirrt von dem Beschluss in der Versammlung, und ihrem Fritz grollend, in der Dunkelheit die ersten steilen Stufen zu ihrer Wohnung hinauftastete, sagte plötzlich jemand aus dem Dunkel: „Erschrick nicht, — ich bin es. Ich habe auf Dich gewartet!"
„Wer, — ich?" Else hatte sich doch heftig erschrocken und zitterte.
„Else, ich bin es. Trudell" -
„Was willst Du hier? Es ist bald zwölf Uhr!"
„Ich habe auf Dich gewartet!"
„Auf mich?" entfuhr es Else ungläubig. Was mag nur vorgefallen sein, dachte sie im nächsten Augenblick.
„Hast Du einen Moment Zeit für mich?" fragte die sonst so hochnäsige Trudel flehend.
„Komm mit zu mir!" antwortete Else und stieg an der auf der Treppe Sitzenden vorbei nach oben. —
In der Küche saßen sich dann die beiden Mädel gegenüber. Aus dem Nebenraum drang das Schnarchen des alten Langfeld. Draußen heulte der Sturm und peitschte wieder den Regen gegen die Scheiben.
„Also, was hast Du?" drängte Eise.
„Ich war — unvorsichtig. Jetzt will mir keiner helfen. Und ich weiß nicht, was ich machen soll!"
Langsam begriff Else. Sie dachte sofort an Fritz und erschrak wieder.
„Und was soll ich dabei tun?" fragte sie etwas frostig. Sie konnte sich nicht konzentrieren, die Müdigkeit und ihre eigenen Gedanken quälten sie.
„Mir helfen, Else!"
„Ich? — Was sagt denn Dein Freund?"
„Ich... ich habe keinen Freund!"
Beide schwiegen.
Else sah ratlos im Zimmer umher.
„Ich war schon bei Kummerfeld!" begann Trudel wieder,
„Wieso?" fragte Else verwundert.
„Ich dachte, sie könnte mir helfen!"
„Du bist wohl verrückt! — Sei um Gotteswillen vorsichtig! Was sagte er denn?"
„Ich war bei der Frau, natürlich! Das sind doch Sozialdemokraten!"
„Ja!" sagte Else gedankenlos.
„Die sind ja feige. Ängstlich war sie, einfach ängstlich. Das ist gegen das Gesetz, erklärte sie mir und darauf steht Zuchthaus, setzte sie hinzu. Es sei zwar schrecklich, aber sie könne mir nicht helfen und zu nichts raten., Die haben nur Angst!"
„Und was nun?"
„Ich will kein Kind!" schrie sie leise auf. „Was soll ich mit einem Kind?!"
„Sei ruhig! — Damit der Alte nicht aufwacht!"
Trudel schluchzte wieder. Else wurde selbst ganz verzweifelt.
„Lass mich nachdenken!" sagte sie.
Sie dachte an Gespräche in der Schneiderwerkstatt im Warenhaus. Dort war oft über dergleichen geredet worden. Aber was konnte es jetzt nützen. Und man musste doch helfen! Ihre Gedanken liefen bald hierhin, bald dorthin. Da dachte sie an Olfers. — — Olfers! Ja, der musste helfen können. Sie war ganz begeistert von diesem Gedanken. Am liebsten hätte sie diesen Namen laut hinausgeschrieen.
„Also ich werde versuchen, Dir zu helfen, Trudel!" wandte sie sich, erfüllt von dem Gedanken an Olfers, an diese. „Durch meine Parteifreunde!" setzte sie mit merkwürdigem Stolz hinzu. „Aber Du musst mir folgendes versprechen: Keinem Menschen ein Wort von deinem Zustand und unserer jetzigen Unterhaltung sagen!"
„Natürlich!"
„Und", fuhr Else fort, „so tun, als wäre nichts passiert. Lache und gehe aus, wie früher. Es darf keiner auch nur etwas ahnen!" —
„Geh' vorsichtig!" flüsterte Else, als sie mit der Petroleumlampe leuchtete und Trudel Merker leise die Stufen hinunterging.
Dann blieb sie am Küchenfenster stehen und sah einen Augenblick den jagenden Wolken nach. Kaum hörbar klappte die Haustür. Jetzt huschte die Andere über den Hof in das gegenüberliegende Haus.
Noch unter der Bettdecke, auf der Chaiselongue, irrten Eise's Gedanken von einer Frage zur anderen. Sie konnte keinen Schlaf finden. Wenn es mir nun selbst mal so geht, dachte sie. Kinder haben wäre so herrlich, aber bei diesem Elend? Keine Arbeit! Und Fritz? Auch der verdiente ja fast nichts und war häufig erwerbslos. Nein, man konnte sich den Luxus, Kinder zu bekommen, wirklich nicht erlauben. Ja, wenn sie feste Arbeit hätte und einigermaßen verdienen würde, wie gerne hätte sie dann sofort — ja — gesagt.
Unruhig, voll fragender, quälender Gedanken, warf sie sich' schlaflos auf ihrem Lager hin und her.
Draußen tobte noch immer der Sturmwind.
Dass der Schauermann Karl Pohl den Nazi Kafka zu einer politischen Aussprache herausgefordert hatte, sprach sich schnell in der Terrasse herum. Einige Arbeiter lachten, andere meinten: „De sünd ja noch nich mol dreug achter de Ohren!" Der Tischler Höhlein brauste sogar auf und schrie: „Dies Gesindel darf man überhaupt nicht politisch ernst nehmen!" Walter Heuberger, zu dem er dies sagte, wunderte sich, denn er wusste, dass der Tischler Sozialdemokrat war, und die waren doch sonst ganz friedfertig. Aber er sagte nichts. Einige Weiber jammerten schon im voraus: „Ach, die werden sich wieder schlagen, das kennt man ja!" Die Brothändlerin aber setzte allem die Krone auf. „Dass so etwas erlaubt wird!" sagte sie. „Man müsste die Polizei holen!"
Es war also nicht verwunderlich, dass am kommenden Abend ein gutes Dutzend Arbeiter vor dem Terrasseneingang stand und der Dinge harrte, die da kommen sollten. Es war kurz nach acht Uhr. Witze wurden gerissen, „Wo sind denn die beiden Kampfhähne?" rief einer und alle lachten. —-
Der junge Schauermann wurde mit Hallo empfangen und weidlich gehänselt. Einige erteilten ihm unter Gelächter der Übrigen noch Ratschläge und Verhaltungsmaßregeln. Karl Pohl erwiderte kein Wort und lachte mit den Lachern. Als Fritz kam, besprach er flüsternd etwas mit ihm.
„Ob der Kafka allein kommt, oder ob er sich Schutz mitbringt?'1 fragte lachend Erwin Müller.
„Der kommt allein!" meinte der Dreher Weidemann, „feige sind diese Burschen eigentlich nicht!"
„Auch weiß er, dass ihm heute bestimmt nichts passiert!" warf Walter Heuberger ein.
„Da kommt er!" rief einer.
Alle blickten in die Richtung der Gemüsehandlung Kafka. Zwei jüngere Männer kamen auf die Terrasse zu. Der eine war Kafka. Er ging fest und doch nicht gezwungen. Karl Pohl wurde einen Augenblick nervös. Er wusste nicht recht, wohin mit den Händen. Fritz Burmester aber lächelte. Das beruhigte Pohl. Keiner sagte ein Wort, als die beiden ankamen.
„Guten Abend!" grüßte Kafka als erster.
Ein Massengemurmel war die Antwort. Der Tischler Höhlein, der seine Neugierde doch nicht unterdrücken konnte, sah die beiden Nazis giftig an.
„Ich habe noch einen Gesinnungsfreund mitgebracht!" begann unbekümmert Kafka. „Der wird mich hin und wieder unterstützen!"
„Das trifft sich ausgezeichnet!" antwortete der Schauermann. „Auch ich habe einen Gesinnungsfreund zur Unterstützung hier!"
Er zeigte auf Fritz, nickte und lachte.
„Wie soll nun die Geschichte vor sich gehen?" fragte gezwungen lustig Kafka.
„Ich denke, wir wählen einen Unparteiischen, der die Diskussion führt, und jeder von uns bekommt 10 Minuten Redezeit zur Darlegung seiner Gedanken!" meinte Pohl.
Die Arbeiter sahen ihn erstaunt an. Sie wunderten sich über seine Sicherheit.
„Gibt es unter uns einen Unparteiischen?" fragte zweifelnd Kafka, „und 10 Minuten sind reichlich wenig. Sagen wir: jeder eine Viertelstunde!"
Pohl nickte zustimmend.
„Ich bin zwar nicht unparteiisch", trat zum Erstaunen Heubergers Höhlein vor, „aber wenn Ihr einverstanden seid, will ich die Diskussion leiten. Nur verlange ich, dass man mir aufs Wort hört!"
„Einverstanden!" antwortete Kafka.
„Gut!" sagte Pohl.
Interessiert rückten die Arbeiter näher. Auch die Brothändlerin trat aus ihrem Laden heraus und sah neugierig zu der Gruppe Männer. Aber sie verschwand sofort wieder.
„Arthur Kafka beginnt!" bestimmte Höhlein.
Der überlegte einen Augenblick. Alle schwiegen erwartungsvoll.
„Ich brauche wohl nicht erst zu betonen", begann er dann, „dass ich frei und ungeniert meine Meinung sagen werde. Persönlich darf sich keiner getroffen fühlen!"
Er fing damit an, die Entstehung der nationalsozialistischen Bewegung zu schildern, die, nach seiner Meinung, schon vor dem Kriege, wenn auch in verschiedenartigster Gestalt, besonders aber in den aktiven nationalen Jugendverbänden bestanden habe. Überhaupt stecke in der ganzen bürgerlichen Jugendbewegung etwas von dieser Idee, behauptete er, und darüber hinaus unter den jungen Opponenten aus allen Parteilagern. — Dann schilderte er den Weltkrieg. Es war ein Verbrechen, sagte er, aber ein Verbrechen, weil er nach seiner Meinung ungenügend vorbereitet und durch unfähige Diplomatie in den Vorkriegsjahren zur Niederlage für Deutschland führen musste. Er schilderte die Revolution 1918. Sie brachte keine Erneuerung der nationalen Kräfte, sondern wurde zur Grundlage unbeschränkter Ausbeuterherrschaft des jüdischen Finanzkapitals und karrieresüchtiger, korrupter Parteibonzen. Ungeheuer vergrößere sich auf der einen Seite das menschliche Elend, und auf der anderen Seite stiege bei den jüdischen Finanzgewaltigen der Reichtum ins Märchenhafte. Der Mittelstand würde durch dieses Trust- und Finanzkapital vernichtet und das Proletariat auf das Niveau chinesischer Kulis gedrückt. — Dann sprach er über den Versailler Diktatfrieden und die nachfolgenden Ergänzungsverträge von Dawes und Owen Young. Alles das war nach seinen Worten der „Erfolg" der Revolution 1918. Eine Auslieferung des deutschen Volkes an das jüdische Weltkapital.
„12 Minuten!" unterbrach ihn der Tischler, die Uhr in der Hand.
„Unser eigenes Elend und das unserer Volksgenossen", fuhr Kafka fort, „sowie unsere Unfreiheit und die ganze Ausweglosigkeit dieser Republik muss jedem einsichtigen Menschen sagen, dass der Geist von 1918, der Geist des Marxismus, Schiffbruch erlitten hat. So darf es nicht weitergehen, so kann es nicht weitergehen, denn das heißt Untergang, so sagt der Nationalsozialismus. Wir wollen das Bank- und Börsenkapital sozialisieren, das erraffte Kapital enteignen, die schöpferischen Kräfte innerhalb der Arbeiterschaft fördern und trotz aller Klassenunterschiede eine einige, verbundene deutsche Volksgemeinschaft verwirklichen. Mit einem Wort: Sozialismus, aber nicht in der bankrotten Art des Marxismus, wie er seit 1918 in Deutschland und in noch unverhüllterer Form in Russland herrscht, sondern Sozialismus auf nationaler Grundlage, nicht in gegenseitiger Vernichtung der nationalen Volkskräfte, sondern in Verschmelzung aller Gegensätze auf nationaler Grundlage."
Als der Nazi seine Ausführungen beendet hatte, entstand eine Bewegung unter den Männern. Aufmerksam hatten alle zugehört. Einige räusperten und schnauften sich jetzt, aber keiner sagte ein Wort.
„Denn man los, Korl!" rief einer.
Der stand unruhig an der Wand.
„Karl Pohl hat jetzt das Wort!" erklärte Höhlein.
„Ich will nicht auf die geschichtlichen Angaben Kafkas eingehen", begann der Schauermann, „das wird vielleicht noch der organisierte Kollege, den ich vorhin genannt habe, nachholen. Fürs erste will ich erklären, dass ich politisch unorganisiert bin. Und nun will ich die Widersprüche festnageln, die mein Vorredner gemacht hat!"
Dem Schauermann trat Schweiß auf die Stirne. Noch nie hatte er in seinem Leben vor ähnlicher Aufgabe gestanden. Ihm war, als müsste er sich die Worte einzeln aus dem Munde ziehen. Aber er durfte sich vor seinen Kollegen und den Nazis keine Blöße geben. In etwas schwerfälliger Sprache versuchte er darzulegen, dass der Weltkrieg doch nur durch die Profitsucht der Reichen überhaupt und nicht nur der reichen Juden, entstanden sei, dass die Arbeiter der ganzen Welt aber einen solchen Krieg verabscheuen und bekämpfen. Doch auch die Republik sei nicht nach dem Willen der Arbeiterschaft gestaltet worden, erklärte der Schauermann. Die Verbrecher des letzten Krieges seien doch auch die leitenden Militär- und Staatsmänner der Republik. Den Verrat der Sozialdemokratie am Sozialismus als eine Bankrotterklärung des Marxismus zu stempeln, sei doch eine zu durchsichtige und zu plumpe Demagogie.
Die umstehenden Arbeiter betrachteten ganz verblüfft den Schauermann. Der konnte ja reden. Und immer freier ging es dem vom Munde, je länger er sprach.
„Kafka sagt, nach 1918 herrsche das Finanzkapital noch schrankenloser als früher und unterdrücke noch skrupelloser die arbeitenden Massen. Das stimmt", erklärte immer sicherer werdend der Arbeiter, „aber nur jüdisches Kapital?"
„Unsere Ausbeuter sind durch die Bank brave Christen!" rief einer dazwischen.
„Weiter behauptet Kafka, die Konzerne vernichten den Mittel-« stand. Stimmt! Aber sind diese Trustgewaltigen nur Juden?"
„Karstadt! Tietz!" rief der Nazi.
„Und Hugenberg?' antwortete der Schauermann. „Hat Hugenberg durch seinen Zeitungstrust nicht unzählige kleine Existenzen vernichtet, hat er nicht durch seinen Filmkonzern hunderte kleiner Kinobesitzer ruiniert?"
Alle sahen triumphierend die beiden Nazis an«
„Die nationale Volksgemeinschaft, von der Kafka hier redete, ist nichts, als eine neue Auflage des Volksgemeinschaftsbetrugs der Sozialdemokraten. Zwischen Arm und Reich, zwischen Bürger und Arbeiter, d. h. zwischen denen, die andere ausbeuten und denen, die ausgebeutet werden, gibt es keine Volksgemeinschaft!"
„14 Minuten!" rief der Tischler.
„Die Nationalsozialisten nennen sich Arbeiterpartei, aber sie sind hauptsächlich gekaufte Kreaturen zum Schutze des bürgerlichen Eigentums und zur Aufrechterhaltung der Ordnung, die uns unterdrückt und ausbeutet!" rief der Schauermann. „Alle Redensarten von Sozialismus und Volksgemeinschaft im Munde eines Hakenkreuzlers sind Lüge und Betrug. Und dafür werden sie auch von den Industriellen bezahlt!"
Der Schauermann hatte sich heiß geredet. Verschiedene Arbeiter riefen in ehrlichem Erstaunen und spontaner Begeisterung „Bravo!" Fritz gab dem Schauermann einen freundschaftlich lobenden Stoß in den Rücken. Kafka grinste, halb verlegen, halb verächtlich.
„Und nun?" fragte der Tischler.
„Bekommt jede Partei zur Erwiderung noch einmal das Wort!" ergänzte Kafka.
„In Ordnung!" bestätigte der Schauermann .
„Also fangen Sie an!" wandte sich der Tischler an Kafka.
Für diesen aber trat nun sein Begleiter einen halben Schritt näher.
„Hellmuth Fischer, Student!" stellte er sich vor.
Keiner antwortete. Voller Misstrauen betrachteten ihn die Arbeiter. Einige brummten etwas Unverständliches vor sich hin. Der Student Fischer begrüßte nun in überschwänglichen Worten die Idee dieser Aussprache. Nicht in roher Rauferei, sondern in sachlicher, ruhiger Aussprache müssten sich stets die einzelnen Volkskreise unseres schwergeprüften Vaterlandes näher kommen, meinte er.
Einige Arbeiter räusperten sich vernehmlich.
„Und man mag darüber denken, wie man will", der Nazi wandte sich an die Unruhigen, „die heutige Aussprache ist ein solcher Schritt auf diesem Wege!"
Er sprach schnell, fast zu schnell und verschluckte im Eifer der Rede die Endungen seiner Worte.
„Ich will Ihnen eine geschichtliche Parallele geben!" fuhr er mit Nachdruck fort. „1806/07 verlor Preußen den Krieg gegen Napoleon und war sechs Jahre zerrissen, wehrlos, rechtlos, wurde von durchmarschierenden Franzosen gebrandschatzt und war ein Bild des Jammers. Die nationale Erhebung und ihre Organisatoren, wie Lützow, Schill, Jahn, Körner, ihre ideellen Verkünder, wie Fichte und Ernst Moritz Arndt, schufen die Grundlage zum modernen Preußentum, zu deutscher Einheit und Größe. Die Leibeigenschaft der Bauern wurde aufgehoben, den Bürgern wurde das Städterecht gegeben, in allen Gesellschaftsschichten zeigte sich ein rascher Aufschwung und ein steigender Wohlstand. Die nationale Revolution befreite Preußen-Deutschland von der Fremdherrschaft des Korsen-Cäsaren und brachte allen Teilen des Volkes die Freiheit."
Ü berheblich erzählte er den Arbeitern geschichtliche Dinge, von denen er bestimmt annahm, dass sie nichts davon verstünden. Else Langfeld kam aus der Terrasse. Sie stellte sich hinter den Männern auf. Fritz war so auf seinen Gegner konzentriert, dass er sie nicht bemerkte.
„Wir haben heute, nach mehr als hundert Jahren, eine ähnliche Situation. Was uns alle ins Elend drückt, ist das Diktat von Versailles, sind die Tributlasten des Youngplanes."
„13 Minuten!"
„Ja, gleich!" erwiderte der Student. „Der Internationalismus der Arbeiter ist eine gefährliche Illusion. Wo war die internationale Solidarität der Arbeiter bei Ausbruch des Krieges? Es gibt keinen nationaleren Mensch auf der Welt, als den Engländer. Und der Franzose? Der Italiener? Können Sie mir beweisen, dass die Arbeiter dort nicht national gesonnen sind? Und der russische Bolschewik? Ist der nicht in allen entscheidenden Fragen von einer erstaunlich nationalen Hartnäckigkeit? Nur der deutsche Arbeiter nennt sich immer stolz international. Man kann das nur bedauern, wenn sich die deutschen Arbeiter immer wieder an diese internationalen Phantome klammern und trotz aller Erfahrungen immer noch glauben, ohne das Bürgertum etwas erreichen zu können. Es wird ein vollendeter Schiffbruch sein, zumal die nationalen Kräfte im Volk erstarken, nicht, um gegen die Arbeiter, sondern, um mit den Arbeitern zusammen die Freiheit in Deutschland zu erkämpfen!"
„Heil!" rief sein Freund, der Nazi Kafka. Aber die Arbeiter standen trotzigstumm. Einige grinsten. Der Steinmetz Erwin fasste sich an den Kopf und rief laut „Meschugge!", aber niemand achtete darauf.
Nach einer Welle trat Fritz Burmester auf den Studenten zu. „Entweder glauben Sie, weil Sie hier unter Arbeitern sind, können Sie frechdreist die Geschichte fälschen, oder Sie sind über die bürgerlichen Geschichtsbücher ihrer ersten Schuljahre nicht hinausgewachsen!"
„Ich verstehe Sie nicht!" unterbrach ihn entrüstet der Student
„So hören Sie zu und Sie werden mich vielleicht verstehen!" erwiderte brüsk Fritz. „Sie haben die Dreistigkeit gehabt und die so genannten Befreiungskriege 1813/15 als Vergleich zu unserer Zeit herangezogen. Vielleicht wissen Sie sehr genau, dass diese Epoche eine der schmachvollsten der deutschen Geschichte ist!"
„Das sagen Sie!" rief der Student wütend, mit Betonung des Sie.
„Hören Sie zu!" fuhr Fritz fort. „Napoleon zerschlug Preußen. Um den Widerstand gegen Frankreich organisieren zu können, brauchten die Militär- und Staatsmänner des damaligen Preußen die frischen kernigen Kräfte der werktätigen Mittelstands- und Arbeiterschichten. Da köderten sie das Volk mit Reformversprechungen, genau so, wie Ihre Partei heute. Nicht nur Aufhebung der mittelalterlichen Leibeigenschaft, nicht nur Erklärung der jammervollen Bürger- und Städterechte, sondern eine Verfassung wurde dem Volke vom Preußenkönig feierlichst versprochen, wenn — Deutschland frei sei. Eine Verfassung war vor hundert Jahren eine revolutionäre Forderung des Bürgertums. Das Volk stand auf. Napoleon wurde vernichtend geschlagen. Deutschland war frei. Doch der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. brach schnöde alle feierlich gegebenen Verfassungsversprechungen, denn kaum waren die Dynastie und die herrschende Finanzaristokratie vor Frankreich gerettet, setzte eine tolle Reaktion gegen alle fortschrittlichen Geister in Deutschland ein. Fichte, den Sie erwähnten, musste schweigen. Andere wurden aus dem Land gejagt oder eingesperrt. Das war der ,Erfolg', den das arbeitende Volk durch die nationalen Befreiungskämpfe 1813/15 errang. Sie scheinen das nicht zu wissen!"
Fritz sah den Nazi unverwandt an. Keiner der Arbeiter rührte sich. Sogar Höhlein, der Diskussionsleiter, vergaß seine Uhr. „Das zu Ihrer Geschichtsfälschung. Nun einige Worte zum Internationalismus. Im Zeitalter des Bürgertums waren die sozialen Umwälzungen national begrenzt. Das 20. Jahrhundert aber durchbrach diese Begrenzung. Heute kann kein bürgerlicher Staat mehr völlig abgeschlossen von den anderen existieren. Die moderne Wirtschaft, die heutige Technik, alles ist international. Die Riesentrusts sind international, die Rüstungsindustrie ist international. Der Profit ist eine internationale Erscheinung. Wie bürgerliche Revolutionen sich nur national vollziehen konnten, so gesetzmäßig werden sich in unserem Zeitalter proletarische Revolutionen international vollziehen."
„Siehe Russland!" rief der Student giftig.
„Die Entwicklung der proletarischen Revolutionen in der Welt geht nicht so vor sich, dass sie auf einen Glockenschlag in allen Ländern ausbricht, sondern ist ein fortschreitender Prozess von Staat zu Staat. Russland ist nach der siegreichen Revolution und der Herrschaft der Arbeiterklasse der Anfang. Der Anfang, nicht abgeschlossen in sich und erledigt. Es kommt auf den geistigen Inhalt einer Revolution an. Der Geist der russischen ist absolut international. Die Sowjetunion ist nur der Anfang eines Staatenbundes der sozialistischen Staaten der ganzen Welt. Sie sehen, Sie können uns nicht wie kleinen Kindern historische Märchen erzählen."
Der Nazi wollte etwas erwidern.
„Sie wundern sich vielleicht, dass Ihnen einfache Arbeiter diese Wahrheit ins Gesicht schleudern!" fuhr Fritz hitzig fort. „Jawohl, wir müssen in den Fabriken arbeiten und uns von unseren ,Volksgenossen' der anderen Klasse ausbeuten lassen. Wir können nicht auf Kosten unserer Väter studieren, sondern müssen uns selbst ernähren. Aber wir lernen; lernen trotzdem, damit Sie und Ihresgleichen uns nicht mehr betrügen können!"
Es war lautlos im Terrasseneingang. Der Student hatte einen knallroten Kopf.
„Sie kämpfen gegen den Marxismus und haben keine Ahnung von ihm. Sie kämpfen für die nationale Volksgemeinschaft und haben noch nie in einer Fabrik arbeiten brauchen. Sie geben vor, gegen den Versailler Diktatfrieden zu kämpfen und Ihre Minister spielen seine Eintreiber. Sie glauben, uns Arbeiter belehren zu können und sind dümmer als wir!"
„Ich bitte Sie... !" raffte sich der geprügelte Nazi auf.
„Einige Fragen zum Schluss!" rief Fritz. „Gibt es in unserer heutigen Gesellschaft zwei Klassen, eine bürgerliche und eine proletarische?"
„Natürlich!" antwortete der Nazi.
„Sind Sie nach Ihrer Auffassung nun in einer bürgerlichen oder an einer proletarischen Partei?"
Die Hitlerpartei ist eine Arbeiterpartei!"
Schallendes Gelächter der Arbeiter folgte.
„Im Bunde mit Hugenberg, dem Trustmagnaten, mit Subventionen der Großindustrie!"
„Beweisen Sie es!" schrie der Nazi.
„Ihre Mitglieder beweisen es!" brüllte Fritz zurück. „Industrielle, Prinzen, Offiziere, Junker, irregeführte Mittelständler sind Ihre Parteigänger!"
„Und Arbeiter!" warf der Nazi wichtig ein.
„Deklassierte Elemente, Landsknechtsnaturen, die sich für das Morden und Schlagen gegen ihre eigenen Klassengenossen bezahlen lassen!" antwortete Fritz prompt.
„In dieser Tonart diskutier' ich nicht weiter mit Ihnen!" rief der Nazi-Student.
„Sie glauben wohl, da Sie in der Mehrheit sind, uns beleidigen zu können!" rief jetzt auch Kafka. „Ich bedaure, hergekommen zu sein!"
Fritz lachte und erwiderte: „Das kann ich verstehen!"
Die beiden Nazis machten Anstalten, fortzugehen.
„Halt!" brüllte da Karl Pohl.
Die beiden standen wie angewurzelt.
„Es bleibt also dabei, was ich Dir, Kafka, gesagt habe. Lässt Du Dich noch einmal in Deiner Arbeitermorduniform hier sehen schlag' ich Dir die Fresse kaputt!"
Die beiden Nazis gingen wortlos davon. Die Arbeiter lachten hinterher, —
„Die haben aber Kattun gekriegt!" frohlockte der Junge Heuberger.
„Die lassen sich hier nicht wieder sehen!" lachte der hagere Dreher Weidemann.
Der Tischler Höhlein und auch Erwin Müller sagten kein Wort. —
Else und Fritz verschwanden zu einem Spaziergang um den Häuserblock. Karl Pohl, Walter Heuberger und Erwin Müller gingen ein Glas Bier trinken. —
„Der Kleine war gut, was?"
„Ich weiß, was ich tun werde!" meinte nachdenklich Walter.
„Na?"
„Mich mal mehr hinter politische Fragen und Probleme klemmen. Das ist doch verflucht interessant und auch wichtig für uns. Wichtiger als der ganze Sportkram!"
„Dann haben wir beide die gleiche Absicht!" erwiderte trocken der Schauermann.
Erwin Müller ging schweigend nebenher.

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