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Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
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46. Kapitel Die große Rede

Die Aussichten für den kommenden Winter waren wie gewöhnlich äußerst trübe. Eine der führenden Tageszeitungen veröffentlichte einen Artikel, in dem eine schwere Wirtschaftskrise prophezeit wurde. Da die Lager voll gestopft seien mit Waren, welche die Arbeiter produziert hatten, brauchten diese gegenwärtig nicht mehr weiterzuarbeiten und müssten nun gehen und solange hungern, bis ihre Herren die bereits hergestellten Waren verkauft oder verbraucht hätten. Natürlich drückte sich der Verfasser des Artikels nicht ganz so aus; darauf lief es aber hinaus. Dieser Artikel wurde von fast allen übrigen Zeitungen, liberalen wie konservativen, zitiert. Die konservativen Zeitungen - ungeachtet der Tatsache, dass sich alle durch Zollschranken geschützten Länder in genau der gleichen Lage befanden, veröffentlichten meterweise irreführende Abhandlungen über die Zollreform. Die liberalen Zeitungen erklärten, die Zollreform sei kein Heilmittel. Man sehe sich doch Amerika und Deutschland an - dort stehe es noch schlimmer als hier! Zweifellos sei aber die Lage sehr ernst, fuhren die liberalen Zeitungen fort, und etwas müsse geschehen. Genau was, sagten sie nicht, da sie es natürlich nicht wussten; etwas aber müsse geschehen -morgen schon. Sie sagten irgendwas über Aufforstung und Uferbefestigung und Landrückgewinnung; freilich stehe dabei die Frage der Kosten! Das mache die Sache schwierig. Trotzdem aber müsse etwas getan werden. Irgendwelche Versuche müssten unternommen werden. Derartig schwierige Probleme müssten mit größter Vorsicht angepackt werden! Wir dürften uns nicht übereilen, und wenn inzwischen ein paar tausend Kinder Hungers sterben mangels ausreichender Nahrung, rachitisch werden oder an Tuberkulose erkranken, so ist das natürlich sehr bedauerlich; aber schließlich handelt es sich ja nur um Arbeiterkinder, und so macht es nicht viel aus.
Die meisten Artikelschreiber der liberalen und konservativen Zeitungen schienen zu glauben, es sei nichts weiter nötig, als „Arbeit" für die „Arbeiterklasse" zu beschaffen! Das war ihre Vorstellung von einer zivilisierten Nation im zwanzigsten Jahrhundert! Die Mehrzahl der Menschen sollte wie das Vieh arbeiten, um für sich selbst das „Existenzminimum" zu verdienen und Luxus zu schaffen für eine kleine Minderheit von Leuten, die zu faul waren, überhaupt zu arbeiten! Und obwohl sie meinten, weiter sei nichts nötig, wussten sie doch nicht, was sie machen sollten, um auch nur das zu erreichen! Der Winter war im Anzug und brachte in seinem Gefolge die üblichen Schrecken, und die liberalen und konservativen Besitzer des Monopols auf die Weisheit wussten nicht, was sie tun sollten!
Bei Rushton gab es so wenig Arbeit, dass fast alle erwarteten, am Sonnabend nach dem Betriebsausflug „abgebaut" zu werden, und einer - Jim Smith hieß er - durfte nicht einmal bis dahin bleiben. Am Montagmorgen nach dem Ausflug wurde er noch vor dem Frühstück entlassen.
Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt und sehr klein für sein Alter, nur wenig über ein Meter fünfzig groß. Die Kollegen sagten immer, der kleine Jim sei verbaut; denn während sein Körper für einen großen Menschen von über ein Meter achtzig ausgereicht hätte, waren die Beine sehr kurz geraten, und die Neigung zur Fettleibigkeit machte seine Erscheinung noch seltsamer.
Am Montagmorgen nach dem Ausflug strich er die Zimmer oben in einem Haus, in dem noch einige andere Leute arbeiteten, und es war üblich, dass der Vorarbeiter vor den Mahlzeiten „huhu!" rief, um die Leute wissen zu lassen wann es Zeit war aufzuhören. Etwa zehn Minuten vor acht hatte Jim die Arbeit beendet, mit der er gerade beschäftigt gewesen war - das Fenster zu streichen -, und so beschloss er, vor dem Frühstück nicht mehr mit der Tür oder mit der Scheuerleiste anzufangen. Während er darauf wartete, dass der Vorarbeiter „huhu!" rief, dachte er an den Betriebsausflug, und er begann, einige der Melodien zu summen, die sie dort gesungen hatten. Er summte die Melodie zu „Denn er ist ein prächtiger Bursche" und konnte sie nicht mehr loswerden; ständig ging sie ihm im Kopf um. Er fragte sich, wie viel Uhr es wohl sein mochte? Es musste bald acht sein, nach der Arbeitsmenge zu urteilen, die er seit sechs Uhr geleistet hatte. Das gesamte Holzwerk hatte er abgerieben, die Löcher verkittet und das Fenster gestrichen. 'n ganz hübsches Stück Arbeit für zwei Stunden!" Er bekam nur sechseinhalb Pence die Stunde, und verdient hätte er wahrhaftig einen Schilling! Aber egal, ob er ihnen genug gemacht hatte oder nicht - vor dem Frühstück wollte er nichts mehr tun!
Die Melodie zu „Denn er ist ein prächtiger Bursche" ging ihm noch immer durch den Kopf; er steckte die Hände tief in die Hosentaschen und begann, im Polkaschritt im Zimmer umherzutanzen und leise zu summen:

„Denn ich mach nichts mehr vor dem Frühstück!
Denn ich mach nichts mehr vor dem Frühstück!
Denn ich mach nichts mehr vor dem Frühstück!
Drum: hip, hip, hip, hurra!
Drum: hip, hip, hip, hurra!
Drum: hip, hip, hip, hurra!
Denn ich mach nichts mehr vor dem Frühstück!"
und so weiter.

„So! Na, hier werden Sie auch nach dem Frühstück nur
noch sehr wenig machen!" schrie Hunter, der plötzlich ins Zimmer trat.
„Ich hab Sie die letzte halbe Stunde lang durch den Türspalt beobachtet, und die ganze Zeit haben Sie auch nicht 'nen Finger krumm gemacht! Schreiben Sie Ihren Lohnzettel aus, und gehen Sie um neun ins Büro, Ihr Geld abholen; wir können's uns nicht leisten, Sie dafür zu bezahlen, dass Sie hier den Narren spielen!"
Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er den Mann wie vom Donner gerührt stehen und ging hinunter; nachdem er dem Vorarbeiter wegen des Disziplinmangels an der Arbeitsstelle die Hölle heiß gemacht hatte, teilte er ihm mit, Smith dürfe nach dem Frühstück die Arbeit nicht wieder aufnehmen. Dann fuhr er davon. So leise hatte er sich hereingeschlichen, dass niemand etwas von seinem Kommen bemerkt hatte, bis sie ihn Smith anbrüllen hörten.
Der blieb zum Frühstück nicht da, sondern ging gleich, und als er fort war, sagten die anderen, es geschehe ihm ganz recht: immer müsse er singen, er sollte doch mehr Verstand haben! Schließlich könne man doch heutzutage nicht tun, was einem in den Kopf komme!
Easton, der an einem anderen Arbeitsplatz schaffte, wo Crass Vorarbeiter war, wusste, dass er wahrscheinlich einer von denen sein werde, die gehen mussten, wenn nicht wieder Arbeit hereinkam. Soweit er sehen konnte, dauerte es höchstens noch ein, zwei Wochen, bis alles fertig war. Trotz der Aussicht, so bald arbeitslos zu werden, war er jedoch weit glücklicher als in den vergangenen Monaten, denn er glaubte, den Grund für Ruths seltsames Benehmen entdeckt zu haben.
Er erfuhr es am Abend nach dem Betriebsausflug. Als er heimkam, war Ruth schon zu Bett gegangen; sie hatte sich nicht wohl gefühlt, und Mrs. Lindens Erklärung ihres Unwohlseins brachte Easton auf den Gedanken, er habe die Ursache entdeckt, weshalb sie während der letzten Monate so unglücklich gewesen sei. Jetzt, wo er es wusste - wie er glaubte -, machte er sich Vorwürfe, nicht aufmerksamer und geduldiger mit ihr gewesen zu sein. Freilich konnte er nicht verstehen, weshalb sie es ihm nicht selbst gesagt hatte.
Die einzige Erklärung, die er finden konnte, war die von Mrs. Linden angedeutete: dass sich nämlich Frauen in diesem Zustand oft seltsam benahmen. Wie auch immer, er war froh bei dem Gedanken, den Grund für alles Geschehene zu kennen, und er beschloss, sich sanfter und rücksichtsvoller ihr gegenüber zu verhalten. Das Haus, in dem er arbeitete, war praktisch fertig. Es war eine große Villa „Die Zuflucht" geheißen und der „Höhle" sehr ähnlich; während der letzten zwei Wochen war sie zu einem so genannten „Hospital" geworden. Das heißt, nachdem die anderen Aufträge erledigt waren, wurden fast alle Arbeiter hierher geschickt, so dass da eine ganze Anzahl beschäftigt war. Die Innenarbeiten waren beendet - mit Ausnahme der Küche, die als „Messeraum" benutzt wurde, und der Spülkammer, die als Malerwerkstatt diente.
Alle waren sie bei der Arbeit. [[Der arme alte Joe Philpot, dessen Rheumatismus sich in der letzten Zeit sehr stark bemerkbar gemacht hatte, war mit einer sehr schweren Arbeit beschäftigt - er strich von einer langen Leiter aus den Giebel an.
Zwar waren genügend jüngere Leute da, die sich besser hierfür geeignet hätten; aber Philpot beklagte sich lieber nicht, aus Furcht, Crass oder Elend könnten denken, er sei seiner Arbeit nicht gewachsen.
Zum Mittagessen versammelten sich alle „alten" Arbeiter in der Küche, darunter Crass, Easton, Harlow, Bundy und Dick Wantley, der wie immer auf einem Eimer hinter seinem Burggraben saß.
Philpot und Harlow waren nicht da, und alle fragten sich, was wohl aus ihnen geworden sei.
Während des Morgens hatte man sie mehrmals miteinander flüstern und Papierschnipsel vergleichen sehen, und verschiedene Theorien über den Grund ihres Verschwindens wurden laut.]]
[Die meisten meinten, wahrscheinlich hätten sie von einem guten Tipp] gehört, wer als Gewinner beim Hindernisrennen in Frage käme, und seien wetten gegangen. Einige sagten, vielleicht hätten sie von einer neuen Arbeit gehört, die eine andere Firma beginnen wollte, und seien sich erkundigen gegangen.
„Mir scheint, sie haben Aussicht zu ersaufen, wenn sie sehr weit fort sind", bemerkte Easton und meinte damit das Wetter. Den ganzen Morgen über hatte Regen gedroht, und während der letzten Minuten war es so dunkel geworden, dass Crass die Gaslampe angezündet hatte, damit sie - wie er sich ausdrückte - ihren Mund finden konnten. Draußen wurde der Wind jeden Augenblick lauter, die Dunkelheit nahm weiter zu, und bald darauf ging ein Wolkenbruch nieder, und der Regen klatschte heftig gegen die Fenster und lief in Strömen an den Scheiben entlang. Düster blickten die Leute einander an. Außenarbeiten konnten an diesem Tag nicht mehr vorgenommen werden, und drinnen gab es weiter nichts zu tun. Da sie Stundenlohn erhielten, hieß das, sie verloren einen halben Tageslohn.
„Wenn's so bleibt, können wir nicht mehr arbeiten, und nach Haus gehen können wir auch nicht!" sagte Easton.
„Na, wir sitzen doch hier gut, oder?" sagte der Mann hinter dem Burggraben; „'s brennt 'n schönes Feuerchen, und genug Sessel sind auch da. Was verlangste 'n sonst noch alles?"
„Freilich", bemerkte ein anderer Philosoph. „Wenn wir bloß 'nen Beilketisch oder 'n Ringbrett hätten, könnten wir uns bestimmt nicht schlecht amüsieren."
Philpot und Harlow waren noch immer nicht da, und wieder rieten die anderen herum, was wohl aus ihnen geworden sei.
„Ich hab doch den ollen Joe erst kurz vor zwölf oben auf seiner Leiter gesehen'', bemerkte Wantley.
Alle stimmten ihm zu, dass es ein Rätsel sei.
[[In diesem Augenblick kamen die beiden Ausreißer wieder und taten sehr wichtig.
Philpot war mit einem Hammer bewaffnet und trug eine Trittleiter, während Harlow ein großes Stück Tapete hielt, das sie beide nun an die Wand hefteten, zur großen Belustigung der übrigen, welche die mit Holzkohle auf die andere Seite geschriebene Anzeige lasen.]]
Jeden Tag seit Barringtons unerwartetem Ausbruch hatten die Leute versucht, ihn bei den Mahlzeiten „rumzukriegen", noch einmal eine Rede zu halten, bisher aber
ohne Erfolg. Eher war er seitdem noch schweigsamer und zurückhaltender als sonst, als bedaure er, auf dem Ausflug gesprochen zu haben. Crass und seine Jünger schrieben Barringtons Verhalten der Furcht zu, wegen seiner Ansprache entlassen zu werden, und unter sich meinten alle es geschehe ihm verflucht recht, wenn er 'nen Tritt in den Hintern kriegte.
Nachdem sie das Plakat an der Wand befestigt hatten stellte Philpot die Leiter in eine Ecke des Raumes, die hintere Seite nach außen, und als nun alles für den Redner bereit war, setzten sie sich auf ihre gewohnten Plätze und begannen, ihr Mittagbrot zu essen, und Harlow bemerkte, sie müssten sich beeilen, sonst kämen sie zu spät zur Versammlung; währenddessen begannen die anderen, über das Plakat zu sprechen.
„Was heißt 'n ,g.b.A.'?" fragte Bundy grübelnd.
„Ganz besondrer Aufschneider", antwortete Philpot bescheiden.
„Haste den Professer schon mal pred'gen hören?" fragte der Mann auf dem Eimer Bundy.
„Bloß einmal, auf dem Ausflug", antwortete der Gefragte, „und das war einmal mehr, als mir lieb ist."
„Der beste Redner, den ich je gehört hab", meinte der Mann auf dem Eimer begeistert. „Ich würd den Vortrag hier um nichts in der Welt versäumen wollen: 's ist eins seiner besten Themas. Bin schon fast zwei Stunden früher hergekommen, bevor sie die Türen aufgemacht haben, damit ich auch bestimmt noch 'nen Platz kriege."
„Jawoll, ist 'n sehr gutes Thema", sagte Crass spöttisch. „Ich glaub woll, die meisten Parlamentsabgeordneten der Labour Party kennen sich verdammt gut drin aus!"
„Na, und die andren Abgeordneten etwa nicht?" fragte Philpot. „Mir scheint doch, die meisten von denen wissen auch allerhand drüber."
„Der Unterschied ist der", sagte Owen, „für den Unterhalt der Labourabgeordneten zahlt die Arbeiterschaft freiwillig, aber die anderen muss sie unterhalten, ob sie will oder nicht."
„Die Labourabgeordneten werden ins Unterhaus geschickt und bezahlt, um 'ne bestimmte Arbeit zum Wohl der

KÖNIGLICHE BANKETTHALLE »DIE ZUFLUCHT«
Donnerstag, pünktlich 12.30 Uhr, hält
Professer Barrington
eine
REDE
über das Thema
DAS GROSSE GEHEIMNIS
oder
Wie man ohne Arbeit leben kann
Ehrwürden Joe Philpot, g.b.A. (Ehem. flüchtiger Sekretär des Erfrischungsfonds)
wird den Vorsitz übernehmen
sowie auch alles andere, wo er Hand drauf legen
kann
Nach dem Vortrag findet eine
VERSAMMLUNG
statt und wird nach den Regeln des
Marquis von Queensbury durchgeführt
Danach:
Sammlung zur Deckung der Druckkosten

Arbeiterschaft zu machen", meinte Harlow, „genau, wie wir vom Alten hergeschickt und bezahlt werden, um das Haus hier zu streichen."
„Ja", antwortete Crass, „aber wenn wir die Arbeit nicht machen würden, für die wir hergeschickt werden, kriegten wir verdammt schnell 'nen Tritt in 'n Hintern!"
„Wieso erhalten wir 'n die andren Abgeordneten?" fragte Slyme, „die sind doch fast alles reiche Leute und leben von ihrem eigenen Geld."
„Na klar", sagte Crass, „und ich möcht nicht wissen, wo wir ohne sie sein würden! Von wegen, wir unterhalten sie! Scheint eher, sie unterhalten uns! Unsereins lebt doch von reichen Leuten. Wo würden wir 'n sein, wenn nicht das ganze Geld wär, was sie ausgeben, und die ganze Arbeit, die sie machen lassen? Wenn der Eigentümer von dem Haus hier nicht das Geld gehabt hätte, 's machen zu lassen, würden die meisten von uns schon seit sechs Wochen arbeitslos sein und hungern, genau wie viele andere."
„Na, gewiss, das stimmt", gab ihm Bundy recht. „Ohne Kapital sind die Arbeiter zu gar nichts nütze. Eh überhaupt 'ne Arbeit gemacht werden kann, ist eins nötig, und das ist: Moneten. 's wär doch leicht, für die ganzen Arbeitslosen Arbeit zu finden, wenn die städtischen Behörden bloß das Geld aufbringen könnten."
„Freilich, das stimmt", sagte Owen. „Und das beweist, dass Geld die Ursache der Armut ist, denn die Armut besteht im Mangel an den lebensnotwendigen Dingen; alle lebensnotwendigen Dinge werden produziert, indem Arbeit auf die Rohstoffe angewandt wird; die Rohstoffe gibt es im Überfluss, und es gibt auch genügend Leute, die willens und fähig sind zu arbeiten; unter den gegenwärtigen Umständen aber kann ohne Geld keine Arbeit verrichtet werden; deshalb sehen wir das Schauspiel eines großen Heeres von Menschen vor uns, die gezwungen sind, untätig zu sein und neben den Rohstoffen zu verhungern, aus denen ihre Arbeit alles, was sie brauchen, im Überfluss herstellen könnte - hilflos durch die Macht des Geldes! Die, die das ganze Geld besitzen, sagen, die lebensnotwendigen Dinge sollen nur zu ihrem Profit produziert werden."
„Ja, und du kannst's nicht ändern", sagte Crass triumphierend. „So ist's immer gewesen, und so wird's immer bleiben."
„Hört, hört!" rief der Mann hinter dem Burggraben. Reiche und Arme hat's immer auf der Welt gegeben und wird's immer geben."
Einige andere drückten begeistert ihre Übereinstimmung mit Crass' Meinung aus, und die meisten schienen recht entzückt bei dem Gedanken, der gegenwärtige Zustand könne niemals verändert werden.
„Es ist nicht immer so gewesen, und es wird nicht immer so sein", sagte Owen. „Eine Zeit wird kommen, und sie ist nicht mehr so fern, wo die lebensnotwendigen Dinge für den Gebrauch und nicht für den Profit hergestellt werden. Es kommt die Zeit, wo es nicht mehr möglich sein wird, dass ein paar selbstsüchtige Leute Tausende Männer, Frauen und kleine Kinder verurteilen, im Elend zu leben und vor Entbehrungen zu sterben."
„Nu, zu deiner Zeit wird's nicht sein und zu meiner auch nicht", sagte Crass erheitert, und die meisten lachten in dummer Befriedigung.
„Ich hab schon verdammt viel über diesen Sozialismus gehört", bemerkte der Mann hinter dem Burggraben, „aber bis jetzt ist mir noch keiner begegnet, der einem genau und klar sagen gekonnt hätt, was das nu eigentlich ist."
„Ja, das möcht ich auch gern wissen", sagte Easton.
„Sozialismus heißt: ,Was deins ist, ist meins, und was meins ist, ist mein eigenes' ", bemerkte Bundy, und inmitten des auf diese Definition folgenden Gelächters war Slyme zu hören, der erklärte, der Sozialismus bedeute Materialismus, Atheismus und freie Liebe, und wenn man den Sozialismus jemals einführte, werde der Männer und Frauen auf das Niveau des gemeinen Viehs hinabwürdigen. Harlow meinte, der Sozialismus sei ein wunderschönes Ideal, über dessen Erfüllung er sich gewiss freuen würde; er fürchte aber, es sei zu schön, um praktisch durchführbar zu sein, denn die menschliche Natur sei zu gemein und selbstsüchtig. Sawkins sagte, der Sozialismus sei „'n Haufen Stuss", und Crass äußerte die Meinung - die er aus den erbaulichen Spalten des „Verdunklers" geschöpft hatte -,
Sozialismus hieße, die Fleißigen zugunsten der Faulpelze und Verschwender zu berauben.

Mittlerweile hatte Philpot sein Käsebrot aufgegessen, und nach einem letzten Schluck Tee stand er auf, ging hinüber zur Ecke des Raumes und bestieg das Pult; er wurde sogleich mit heftigem Gejohle, Gepfeife und Geheule begrüßt, und lächelnd bedankte er sich, indem er die Mütze von seinem kahlen Schädel nahm und sich mehrmals verbeugte. Als sich der Sturm des Quietschens, Jaulens und Miauens etwas gelegt hatte und Philpot sich verständlich machen konnte, hielt er folgende Ansprache an die Versammelten:
„Meine sehr verehrten Herren! Zuerst einmal möchte ich Ihnen herzlichen Dank für den großartigen und warmen Empfang aussprechen, mit dem Sie mich hier begrüßt haben, und ich will versuchen, mich Ihrer guten Meinung würdig zu zeigen, indem ich diese Versammlung so kurz wie möglich eröffne.
Spaß beiseite - in einer Sache stimmen wir, glaub ich, alle überein: Schaden könnt's nicht, wenn sich die allgemeine Lage verbessern würde. (Hört, hört!) Wie unser andrer Referent, Professer Owen, in einem von seinen Vorträgen gesagt hat und wie die meisten von euch in der Zeitung gelesen haben, hat's, trotzdem der britische Handel noch nie so geblüht hat wie jetzt, noch nie soviel Elend und Armut gegeben und soviel Arbeitslose wie jetzt, und noch nie sind soviel kleine Geschäftsleute pleite gegangen. Manche Leute erzählen uns nun, der richtige Weg, alles wieder in Ordnung zu bringen, wär der Freihandel und viel billige Nahrungsmittel. Na, die haben wir augenblicklich; aber das Elend scheint trotzdem ringsrum immer weiter zu dauern. Dann gibt's andre, die uns erzählen, die Schutzzollpolletik wär die Sache, um alles in Ordnung zu bringen. („Hört, hört!" von Crass und einigen anderen.) Und dann gibt's noch 'n paar, die sagen, der Sozialismus ist das einzig richtige Mittel. Nun, was Freihandel und Schutzzollpolletik ist, wissen wir alle ganz gut, aber die meisten von uns haben keine Ahnung nicht, was der Sozialismus ist, und ich sage, 's ist jedem seine Pflicht, heraus-
zukriegen zu versuchen, was denn nun die richtige Sache ist, für die er stimmen soll, und wenn er's rausgekriegt hat, zu tun, was er kann, um sie einzuführen. Und aus diesem Grunde haben wir uns in die enormen Unkosten gestürzt, Professer Barrington heute hierher kommen zu lassen, damit er uns mal genau sagt, was der Sozialismus eigentlich ist.
Und da ich hoffe, dass Sie alle ebenso gespannt darauf sind wie ich, will ich mich nicht länger zwischen Sie und den Redner schieben, sondern bitte ihn, das Wort zu vergreifen."
Lauter Beifall dankte Philpot, als er vom Rednerpult stieg, und auf das stürmische Verlangen der Menge begab sich nun Barrington, der Owens Drängen nachgegeben hatte, die Gelegenheit zur Verkündung der frohen Botschaft von kommenden schönen Zeiten wahrzunehmen, auf das Rednerpult.
Inzwischen hatte Harlow in dem Wunsch, alles anständig und ordnungsgemäß zu machen, als Sitz und Tisch für den Versammlungsleiter einen Sägebock und einen leeren Eimer mit einem kleinen Brett darüber vor das Pult gestellt. Über den Tisch drapierte er ein großes rotes Taschentuch. Darauf legte er rechts einen großen Klempnerhammer, und links stellte er ein angeschlagenes, mit vielen Sprüngen verziertes Marmeladenglas voll Tee hin. Nachdem Philpot seinen Sitz an diesem Tisch eingenommen und erklärt hatte, er beabsichtige, mit diesem Hammer jedem den Schädel einzuschlagen, der es etwa wagte, die Versammlung zu stören, begann Barrington:
„Herr Vorsitzender - meine Herren! Um der Verständlichkeit willen und um zu vermeiden, dass wir ein Thema mit dem anderen verwechseln, habe ich beschlossen, meine Rede in zwei Abschnitte zu teilen. Zuerst will ich nach bestem Vermögen erklären, was der Sozialismus eigentlich ist. Ich werde versuchen, Ihnen den Plan beziehungsweise das System zu beschreiben, nach dem das genossenschaftliche Gemeinwesen der Zukunft organisiert sein wird, und zweitens will ich versuchen, Ihnen zu erklären, wie es verwirklicht werden kann. Bevor ich aber zum ersten Teil meines Themas übergehe, möchte ich kurz zu dem weitverbreiteten Irrtum Stellung nehmen, der Sozialismus sei undurchführbar, weil er eine völlige Änderung von Zuständen bedeute, die stets bestanden hätten. Wir hören immer wieder, weil es stets Arme und Reiche in der Welt gegeben habe, müsse es sie auch immer weiter geben. Ich möchte Sie zuerst einmal darauf hinweisen, dass die Behauptung, das gegenwärtige System habe auch nur in seinen Grundzügen zu allen Zeiten bestanden, unwahr ist; es ist nicht wahr dass es immer Arme und Reiche gegeben hat in dem Sinne, in dem wir heute Armut und Reichtum verstehen.
Diese Behauptungen sind Lügen, erfunden zu dem Zweck ein Gefühl der Resignation gegenüber den Übeln unserer Lage in uns zu erwecken. Es sind Lügen, die von den Leuten genährt werden, die glauben, es läge in ihrem Interesse, wenn wir uns damit zufrieden gäben, unsere Kinder zu der gleichen Armut und Entwürdigung verurteilt zu sehen, wie wir selbst sie erdulden müssen.
Da die Zeit nicht ausreicht, möchte ich nicht - obgleich es zu meinem Thema gehört - bis zu den geschichtlichen Anfängen zurückgehen und mit allen Einzelheiten die unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen beschreiben, die zu den verschiedenen Epochen auseinander hervorgingen und einander ablösten; ich muss Sie jedoch daran erinnern, dass die in der Vergangenheit stattgefundenen Veränderungen noch größer waren als die von den Sozialisten heute vorgeschlagenen. Da gab es Wechsel vom Stadium der Wildheit und des Kannibalismus, in dem die Menschen ihre Kriegsgefangenen zu verzehren pflegten, zum Beginn der Sklavenhalterordnung, in der es die Stämme oder Sippen, in welche die Menschheit damals geteilt und deren gesellschaftliche Gliederung eine Art Kommunismus war, da alle Stammesangehörigen praktisch gesellschaftlich gleichgestellt waren, Mitglieder einer großen Familie - in der es die Sippen vorteilhafter fanden, ihre Gefangenen als Sklaven zu behalten, anstatt sie aufzuessen. Da gab es den Wechsel vom primitiven Urkommunismus der Stämme zur individualistischeren Organisationsform der Völker und die Entwicklung zum Privateigentum an Land, Sklaven und Existenzmitteln. Ferner den Wechsel von der Sklavenhalterordnung zum Feudalismus; den vom Feudalismus zum Frühkapitalismus, danach den ebenso tief greifenden Wechsel von dem, was man den individualistischen Kapitalismus nennen könnte, der den Feudalismus ablöste, zum heutigen System der kapitalistischen Verbände und der Lohnsklaverei."
„Hört sich so geschwollen an, als ob du 'n Lexikon verschluckt hättst!" rief der Mann hinter dem Burggraben aus.
„Zur Ordnung!" brüllte Philpot wütend und knallte den Hammer auf den Tisch, während von mehreren Seiten die Rufe „Versammlungsleiter!" und „Schmeißt 'n raus!" zu hören waren.
Als die Ordnung wiederhergestellt war, fuhr der Redner fort:
„Es ist also nicht wahr, dass praktisch die gleiche Gesellschaftsordnung, wie wir sie heute haben, schon immer existiert hätte. Es ist nicht wahr, dass so etwas wie die heute herrschende Armut zu irgendeinem früheren Zeitpunkt der Weltgeschichte schon bestanden habe. Als die Arbeitenden noch Eigentum ihrer Herren waren, lag es in deren Interesse, dafür zu sorgen, dass ihre Leute ordentlich ernährt und gekleidet waren; man ließ sie nicht ohne Arbeit, und man ließ sie nicht verhungern. Auch unter dem Feudalismus war die Lage der Arbeiter trotz gewisser unerträglicher Umstände ökonomisch unendlich viel besser als heute. Der Arbeitende war seinem Herrn Untertan; dafür trug der Herr aber eine gewisse Verantwortung und hatte gewisse Pflichten zu erfüllen, und es bestand eine recht weitgehende Interessengemeinschaft zwischen ihnen.
Ich beabsichtige nicht, mich bei diesem Punkt länger aufzuhalten; zur Untermauerung meiner Worte möchte ich jedoch, so genau ich es nach dem Gedächtnis kann, den Geschichtsforscher Froude zitieren:
,Ich glaube nicht', sagt Froude, ,dass die Lage der Menschen im mittelalterlichen Europa so elend gewesen ist, wie man behauptet. Ich glaube nicht, dass die lebensnotwendigen Dinge so ungleich verteilt waren wie jetzt. Wenn das Leben des Bauern schwer war, so genoss doch der Herr gleichfalls wenig Luxus. Graf und Gräfin frühstückten um fünf Uhr morgens gesalzenes Rindfleisch und Hering, eine Scheibe Brot und einen Schluck Bier aus dem Krug. Herren
und Diener aßen in demselben Saal und teilten dasselbe Mahl!'
Kommen wir nun zu dem System, das den Feudalismus ablöste, so finden wir, dass die Lebensumstände der Arbeiter damals in jeder Hinsicht besser waren als die gegenwärtigen. Die Produktionsinstrumente - die primitive Maschinenausrüstung und die zur Schaffung des Reichtums nötigen Werkzeuge - gehörten den erfahrenen Arbeitern die sie gebrauchten, und auch die von ihnen produzierten Gegenstände waren Eigentum derer, die sie herstellten.
In jenen Tagen war ein Malermeister, ein Schuhmachermeister, ein Sattlermeister und jeder andere Handwerksmeister tatsächlich ein geschickter Handwerker, der auf eigene Rechnung arbeitete. Gewöhnlich hatte er einen oder zwei Lehrlinge, die ihm gesellschaftlich gleichgestellt waren, die mit ihm am Tisch aßen und mit den anderen Familienmitgliedern Umgang hatten. Es kam recht häufig vor, dass der Lehrling - nachdem er sich eine gewisse Tüchtigkeit in seinem Beruf angeeignet hatte - des Meisters Tochter heiratete und seines Meisters Geschäft übernahm. In jenen Tagen hieß ein ,Handwerksmeister' sein ein Meister des Handwerks sein und nicht einfach nur Herr irgendwelcher schlechtbezahlter Knechte, die man anstellt. Die Lehrlinge waren da, um das Handwerk beherrschen zu lernen und sich zu qualifizieren, selber Meister ihres Handwerks zu werden, nicht einfach nur Antreiber und Ausbeuter der Arbeit anderer, sondern nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Damals hing die Existenz der Gesellschaft von den Produkten der Handarbeit ab, denn arbeitsparende Maschinen gab es noch nicht. Daher war die Mehrzahl der Menschen mit irgendeiner produktiven Arbeit beschäftigt, und die Arbeiter waren geehrte und geachtete Bürger, die von den Früchten ihrer Arbeit behaglich lebten. Sie waren nicht reich in dem Sinne, in dem wir heute Reichtum verstehen, aber sie hungerten nicht und wurden nicht mit Verachtung angesehen, wie es ihren jetzigen Nachfolgern ergeht.
Die nächste große Veränderung erfolgte mit der Einführung der Dampfmaschinen. Diese Kraft kam der Menschheit in ihrem Kampf ums Dasein zu Hilfe und befähigte
sie, jene Dinge, die sie vorher nur in kaum ausreichender Menge herstellen konnte, mühelos und im Überfluss zu produzieren. Eine wunderbare Kraft, den Wundern gleich, ja überlegen, welche die Verfasser der Märchen und orientalischen Erzählungen ersonnen haben - eine so riesige, so wunderbare Kraft, dass sich nur schwer Worte finden lassen, um sie ausreichend zu beschreiben.
Wir erinnern uns alle der Geschichte von Aladin aus Tausendundeiner Nacht', der in seiner Armut Besitzer der Wunderlampe wurde - und nicht mehr arm war. Er brauchte nur die Lampe zu reiben, dann erschien der Geist und produzierte auf Aladins Geheiß im Überfluss alles, was der Jüngling nur verlangen oder erträumen konnte. Mit der Erfindung der Dampfmaschine gelangte die Menschheit in den Besitz einer ähnlichen Macht wie die von dem orientalischen Erzähler erdachte. Auf Befehl ihrer Herren produziert die ,Wunderlampe Maschine' einen riesigen, überwältigenden, fabelhaften Reichtum und Überfluss aller materiellen Dinge, die für das menschliche Leben und Glück notwendig sind. Mit weniger Arbeitskraft, als früher nötig war, um einige Morgen Land zu bebauen, können wir heute viele Hektar bestellen. In Erwiderung des menschlichen Fleißes, unterstützt durch die Wissenschaft und die Maschinen, gebiert die fruchtbare Erde eine so verschwenderische Fülle, wie man es weder je gesehen noch für möglich gehalten hat. Geht ihr in die verschiedenen Fabriken und Werkstätten, so werdet ihr riesige Mengen von Waren aller Art finden, die den wunderbaren Maschinen entströmen, buchstäblich wie Wasser dem Hahn.
Natur- und vernunftgemäß sollte man nun annehmen, die Entdeckung oder Erfindung einer derartigen Hilfskraft für den menschlichen Fleiß habe für alle gesteigertes Glück und erhöhte Behaglichkeit zur Folge; wie aber jeder von euch weiß, ist das Gegenteil der Fall, und der Grund dieses erstaunlichen Ergebnisses ist der Grund all der Armut und all des Unglücks, das wir heute rings um uns sehen und erleiden - es ist einfach deshalb so, weil die Maschinen das Eigentum einer verhältnismäßig kleinen Anzahl einzelner Menschen und privater Gesellschaften wurden, diesie nicht zum Wohl der Gemeinschaft benutzen, sondern um für sich selbst Profite zu schaffen.
Als die arbeitenden Maschinen in größerem Maße benutzt wurden, verschwand nach und nach die wohlhabend Klasse der geschickten Arbeiter. Einige der vermögenderen unter ihnen begannen, Verteiler anstatt Produzenten des Reichtums zu werden, das heißt, sie wurden Geschäftsleute und handelten mit den zum größten Teil durch Maschinen hergestellten Waren. Die meisten aber sanken im Laufe der Zeit auf die Stufe einfacher Lohnempfänger herab und weder die Maschinen, die sie benutzten, noch die Dinge, die sie herstellten, waren ihr Eigentum.
Sie verkauften ihre Arbeitskraft für soundso viel die Stunde, und wenn sie keinen Unternehmer finden konnten der sie ihnen abkaufte, gerieten sie in Not.
Während die beschäftigungslosen Arbeiter hungerten und es den beschäftigten nicht viel besser erging, häuften die Einzelpersonen und privaten Gesellschaften, denen die Maschinen gehörten, Vermögen an; ihre Profite verringerten sich jedoch, und ihre Betriebsunkosten steigerten sich, weil sie gegeneinander konkurrierten, und das führte zur letzten großen Veränderung in der Organisation der Produktion lebensnotwendiger Dinge - der Bildung der Kartelle und Truste, nämlich zu dem Beschluss der privaten Gesellschaften, sich miteinander zu verbinden und zusammen zu arbeiten, um ihre Profite zu steigern und ihre Unkosten zu senken. Das Ergebnis dieser Vereinigungen ist eine Steigerung der Menge der produzierten Waren gewesen, eine Senkung der Anzahl der beschäftigten Arbeiter und ein riesiges Anwachsen der Profite für die Aktienbesitzer.
Aber nicht nur die Lohnarbeiter sind die Geschädigten; denn während sie infolge der Maschinenausrüstung und der wirksamen Organisation der Industrie durch die Truste vernichtet werden, welche die Produktion zu kontrollieren und zu monopolisieren beginnen, werden auch die kleinen Ladenbesitzer langsam, aber sicher durch die riesigen Gesellschaften erdrückt, die ja durch den größeren Umfang ihrer Geschäftsmaßnahmen billiger als die kleinen Händler einkaufen und verkaufen können.
Die Folge all dessen ist, dass sich die Mehrheit der Menschen im Zustand mehr oder weniger bitterer Armut befindet - sie lebt von der Hand in den Mund. Es ist eine zugegebene Tatsache, dass sich dreizehn Millionen Menschen unseres Volkes ständig am Rande des Hungers befinden. Auf allen Seiten sehen wir die bezeichnenden Ergebnisse dieser Armut: die erschreckende und beständige Zunahme der Geistesstörungen; die große Anzahl angehender Rekruten, die wegen körperlicher Untauglichkeit zurückgewiesen werden müssen, und der schändliche Zustand, in dem sich die Kinder der Armen befinden. Über ein Drittel der Arbeiterkinder in London haben ein geistiges oder körperliches Gebrechen: Entwicklungsschäden, Augenfehler, anormale Nervosität, Rachitis und geistige Stumpfheit. Der Unterschied zwischen Größe, Gewicht und Allgemeinzustand der Kinder in den Armenschulen und dem der Kinder aus den so genannten besseren Ständen ist ein Verbrechen, das nach Rache an den dafür Verantwortlichen zum Himmel schreit.
Es ist kindisch, sich einzubilden, irgendeine solche Maßnahme wie eine Zollreform oder politische Reformen von der Art einer lumpigen Steuer auf Waren ausländischer Fabrikation, der Abschaffung des Oberhauses oder der Ausmerzung der Kirche - oder aber elende Altersrenten, eine lächerliche Grundsteuer könnten einen solchen Zustand der Dinge verändern. In Amerika und in Frankreich gibt es kein Oberhaus, und doch unterscheidet sich die Lage dort nicht wesentlich von der unseren. Ihr mögt euch täuschen lassen und glauben, dass derartige Maßnahmen etwas Großes seien. Ihr mögt um sie kämpfen und für sie stimmen; nachdem ihr sie aber habt, werdet ihr feststellen, dass sie eure Lage nicht wesentlich verbessern. Ihr werdet weiter schuften und euch schinden müssen, nur um euch gerade die zum Leben allernotwendigsten Dinge beschaffen zu können. Ihr werdet die gleiche Nahrung weiter essen und die gleichen Anzüge und Stiefel weiter tragen müssen wie jetzt. Eure Herren werden noch immer Macht über euch haben; sie werden euch weiter beleidigen, auspressen und antreiben. Eure allgemeine Lage wird die gleiche bleiben wie jetzt, denn derartige Maßnahmen sind keine Heilmittel, sondern Ablenkungsmanöver, von ihren Urhebern dazu bestimmt, uns von dem einzigen Heilmittel abzulenken, nämlich dem öffentlichen Eigentum an der maschinellen Ausrüstung und der nationalen Organisation der Industrie zur Produktion und Verteilung der lebensnotwendigen Dinge - nicht zum Profit einiger weniger, sondern zum Wohle aller!
Darin besteht die nächste große Veränderung: sie ist nicht nur wünschenswert, sondern unumgänglich notwendig und unvermeidbar! Das eben ist der Sozialismus!
Er ist kein haltloser Traum von übermenschlicher Selbstlosigkeit. Von keinem wird verlangt werden, sich zum Wohle anderer aufzuopfern oder seine Nächsten mehr zu lieben als sich selbst, wie es unter dem gegenwärtigen System der Fall ist, das verlangt, die Mehrheit solle sich selbstlos damit zufriedengeben, im Elend zu schuften und zu leben zum Vorteil einiger weniger. Im Sozialismus gibt es ein solches Prinzip der Menschenfreundschaft nicht, sondern Sozialismus bedeutet einfach nur, dass die gesamte Industrie so, wie sie jetzt Aktienbesitzern gehört und organisiert und geleitet wird durch die von den Aktienbesitzern ausgewählten Komitees und Direktoren, dann in Zukunft dem Staat, das heißt dem ganzen Volk, gehört - und organisiert und geleitet wird durch die von der Gemeinschaft ausgewählten Komitees und Direktoren. Unter den bestehenden Umständen ist die Gemeinschaft der Gefahr ausgesetzt, dass irgendeine ausländische Macht in ihr Gebiet einfällt und dort plündert und mordet. Deshalb organisiert, besitzt und kontrolliert sie eine Armee und eine Kriegsflotte zum Schutz vor einer solchen Gefahr. Unter den bestehenden Umständen ist die Gemeinschaft noch einer anderen, ebenso großen Gefahr ausgesetzt - physisch und geistig verkommt das Volk aus Mangel an ausreichender Nahrung und Kleidung. Die Sozialisten sagen nun, die Gemeinschaft solle es übernehmen und organisieren, alle diese Dinge zu produzieren und zu verteilen; der Staat solle der einzige Unternehmer und Eigentümer sämtlicher Fabriken, Mühlen, Bergwerke, Gutshöfe, Eisenbahnen, Fischereiflotten, Schafzüchtereien, Geflügelfarmen und Rinderzüchtereien sein.
Unter den bestehenden Umständen verkommt die Allgemeinheit physisch und geistig, weil sich die Mehrheit keine anständigen Häuser zum Wohnen leisten kann. Die Sozialisten sagen, die Gemeinschaft solle die Aufgabe in die Hand nehmen, alle ihre Mitglieder mit anständigen Häusern zu versorgen; der Staat solle nicht nur der einzige Hauswirt sein, sondern alles Land und alle Häuser sollten dem ganzen Volk gehören...
[So müssen wir handeln,] wenn wir unseren alten Platz in der Vorhut des menschlichen Fortschritts halten wollen. Eine Nation von unwissenden, unintelligenten, halbverhungerten, geistig gebrochenen Degenerierten kann nicht hoffen, die Menschheit in ihrem nimmer endenden Vormarsch zur Eroberung der Zukunft zu führen.

Umsonst die mächtigste Flotte von stählerner Kraft,
umsonst auch Kanonen, die Vernichtung speien,
wenn das stolze England ungezähmt nicht erhält
und furchtlos seiner Söhne Herzen.

Alle von mir genannten Übel sind nichts als nur Symptome der einen Krankheit, die das moralische, das geistige und das physische Leben der Nation untergräbt, und alle Versuche, die Symptome zu heilen, sind im voraus zum Misslingen verurteilt, einfach deshalb, weil es eben Symptome und nicht die Krankheit selbst sind. Alles Gerede von der Enthaltsamkeit und alle Versuche, sie zu erzwingen, sind im voraus zum Scheitern verurteilt, weil die Trunksucht ein Symptom und nicht die Krankheit ist.
Indien ist ein reiches, produktives Land. Sein Volk schafft jährlich einen Reichtum im Werte von Millionen Pfund, nur damit es ihm mit Hilfe des Geldtricks von der Klasse der Kapitalisten und Beamten gestohlen wird. Seine fleißigen Söhne und Töchter, die sich fast alle des Alkohols völlig enthalten, leben in schrecklichster Armut, und ihr Elend wird nicht durch Faulheit oder Mangel an Sparsamkeit verursacht noch durch die Trunksucht. Sie sind arm aus dem gleichen Grunde, aus dem wir arm sind -weil wir beraubt werden.
Die Hunderttausende Pfund, die alljährlich in gut gemeinter, aber nutzloser Wohltätigkeit vergeudet werden, bewirken nichts Gutes, das von Dauer wäre, denn die
Wohltätigkeit lindert zwar die Symptome, um die Krankheit aber kümmert sie sich nicht: nämlich um das PRIVATEIGENTUM an Produktionsmitteln zur Herstellung der lebensnotwendigen Güter und um die Behinderung der Produktion durch einige wenige selbstsüchtige Individuen zu deren eigenem Profit. Und für diese Krankheit gibt es kein anderes Heilmittel als das. von dem ich euch erzählt habe - der GESELLSCHAFTLICHE BESITZ und die GESELLSCHAFTLICHE Bestellung des Bodens, der GESELLSCHAFTLICHE BESITZ an Bergwerken, Eisenbahnen, Kanälen, Schiffen, Fabriken und sämtlichen übrigen Produktionsmitteln sowie die Einrichtung einer zivilen Industrieverwaltung - eine nationale Armee der Industrie - zu dem Zweck, die lebensnotwendigen, die zur Behaglichkeit gehörenden und die das Leben verschönernden Dinge in jener Fülle zu produzieren, die Wissenschaft und Technik ermöglicht haben - zur Benutzung und zum Wohl des ganzen Volkes."
„So: und wo soll das ganze Geld dafür herkommen?" schrie Crass aufgebracht.
„Hört, hört!" rief der Mann hinter dem Burggraben. „Die Geldfrage bereitet keinerlei Schwierigkeit", antwortete Barrington. „Alles Geld, das wir brauchen, können wir leicht aufbringen."
„Natürlich", sagte Slyme, der den „Ananias" gelesen hatte, „zum Beispiel alles Geld in der Postsparkasse! Die Sozialisten könnten das ja erst mal stehlen, und die Bergwerke, den Grundbesitz und die Fabriken kann man ja den Eigentümern mit Gewalt wegnehmen."
„Es wird gar nicht nötig sein, Gewalt anzuwenden, und auch nicht nötig, irgend jemand etwas zu stehlen."
„Und noch was andres, wo ich nicht mit übereinstimme", sagte Crass. „Nämlich all das Gerede über Unwissenheit. Und das ganze Geld, was jedes Jahr für Bildungszwecke ausgegeben wird?"
„Du solltest lieber sagen, ,und all das Geld, das jedes Jahr für Bildungszwecke vergeudet wird'. Was kann es denn Brutaleres und Sinnloseres geben, als zu versuchen, ein armes, kleines, hungriges, schlecht bekleidetes Kind zu ,bilden'? Ein solcher Unterricht ist wie im Gleichnis vorn
Sämann der Samen, der auf den Fels fiel, da er nicht viel Erde hatte und dürre ward; und selbst in den Fällen, in denen er Wurzel schlägt und wächst, ist es wie bei dem Samen der unter die Dornen fiel, und die Dornen wuchsen auf und erstickten ihn, und er trug keine Frucht.
Die meisten von uns vergessen in ein oder zwei Jahren alles, was wir in der Schule gelernt haben, denn unsere Lebensbedingungen sind derartig, dass sie jede Neigung zur Kultur und zu feineren Dingen vernichten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder richtig gekleidet und ernährt sind und dass man sie nicht mitten in der Nacht aufstehen lässt, damit sie noch einige Stunden zur Arbeit gehen, bevor sie zur Schule gehen. Wir müssen dafür sorgen, dass es jedem habgierigen, herzlosen Profitjäger gesetzlich verboten wird, sie anzustellen und abends nach der Schule noch mehrere Stunden oder sonnabends den ganzen Tag bis beinahe um Mitternacht arbeiten zu lassen. Zuerst müssen wir erreichen, dass für unsere Kinder ebenso gut gesorgt wird wie für die Kinder wilder Völkerstämme, ehe wir erwarten können, dass die für Bildungszwecke ausgegebenen Gelder sich bezahlt machen."
„Ich geb ja gern zu, dass dieser Plan über nationales Eigentum und nationale Industrien gar nicht mal schlecht ist, wenn man 'n nur verwirklichen könnte", sagte Harlow, „aber gegenwärtig gehören alles Land, alle Eisenbahnen und Fabriken privaten Kapitalisten; ohne Geld kann man sie nicht kaufen; da möcht ich doch mal wissen: wie, zum Teufel, wollt ihr sie denn kriegen?"
„Wir schlagen durchaus nicht vor, sie mit Geld zu kaufen, aus dem einfachen Grunde, weil es gar nicht genügend Geld gibt, um sie zu bezahlen. Wenn alles Gold-und Silbergeld der Welt auf einen Haufen gesammelt würde, reichte es kaum, um alles Privateigentum in England zu kaufen. Die Leute, die alle diese Dinge jetzt besitzen, haben ja niemals wirklich Geld dafür bezahlt; sie haben sie mit Hilfe des Geldtricks in ihren Besitz gebracht, den Owen uns vor einiger Zeit erklärt hat."
„Sie haben sie in ihren Besitz gebracht, indem sie ihr Köpfchen gebraucht haben!" sagte Crass.
„Eben", erwiderte der Redner. „Sie sagen selbst, dass sie sie uns auf diese Weise fortgenommen haben; sie nennen ihre Profite den ,Lohn der Intelligenz'. Während wir arbeiten, haben sie ihre Intelligenz gebraucht, um sich die von uns geschaffenen Dinge anzueignen. Jetzt ist die Zeit gekommen, dass wir nun unsere Intelligenz gebrauchen, um die Dinge zurückzubekommen, die sie uns geraubt haben, und um sie daran zu hindern, uns noch weiterhin zu berauben. Und was nun die Frage betrifft, wie das zu tun ist, so können wir ja ihre Methoden nachahmen, mit denen sie soviel Erfolg hatten."
„Aha, dann meinst du also doch, sie zu berauben!" rief Slyme triumphierend. „Wenn's wahr ist, dass sie die Arbeiter beraubt haben, und wenn wir dieselben Methoden anwenden sollen, dann sind wir ja auch Räuber!"
„Wenn ein Dieb dabei ertappt wird, das Eigentum anderer in seinem Besitz zu haben, so ist es kein Raub, ihm die Sachen fortzunehmen und sie dem rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben", erwiderte Barrington.
„Die Unordnung hier kann ich keineswegs nicht weiter erlauben!" schrie Philpot und hieb mit dem Klempnerhammer auf den Tisch, als mehrere Leute gleichzeitig zu sprechen begannen.
„Für Fragen und Opposition werd't ihr am Ende vom Vortrag noch genug Gelegenheit haben, wenn jeder das Wort vergreifen kann, wer über die Frage diskutieren will. Jetzt fordre ich den Professer auf, mit dem zweiten Teil von seiner Rede fortzufahren; jeder der 'n unterbricht, kriegt eins mit dem hier hinter die Löffel" - er schwang den Hammer -, „und die Leiche wird zum Fenster rausgeschmissen."
Lauter Beifall begrüßte diese Verkündigung. Noch immer regnete es heftig; sie meinten daher, sie könnten sich ebenso gut die Zeit vertreiben, indem sie Barrington zuhörten, als auf sonst irgendeine Weise.
„Einen großen Teil des Grundbesitzes kann man auf die gleiche Art zurückholen, auf die er uns genommen wurde. Die Vorfahren der gegenwärtigen Besitzer eigneten ihn sich an, indem sie einfach Einfriedungsgesetze erließen; das Volk sollte sich wieder in den Besitz dieser Ländereien setzen, indem es Rückerstattungsgesetze erlässt.
Und was den übrigen Grundbesitz betrifft, so sollte es den augenblicklichen Besitzern gestattet werden, ihn während ihrer Lebzeit zu behalten; danach fiele er an den Staat zurück, um zum Wohle aller verwendet zu werden. Großbritannien sollte dem britischen Volk gehören und nicht ein paar selbstsüchtigen Einzelpersonen. Was nun die Eisenbahnen betrifft, so sind sie in einigen anderen Ländern bereits nationalisiert worden, und was andere Länder tun können, können auch wir. In Neuseeland, Australien, Deutschland, Belgien, Italien, Japan und noch einigen Ländern ist ein Teil der Eisenbahnen bereits Staatseigentum. Was die Methode angeht, wie wir in ihren Besitz gelangen können, so besteht die Schwierigkeit nicht darin, eine Methode zu entdecken, sondern vielmehr zu entscheiden, welche von vielen Methoden wir anwenden sollen. Eine Methode wäre, einfach ein Gesetz zu erlassen, wonach die Eisenbahn künftig Eigentum der Nation sein soll, weil es nicht dem öffentlichen Wohl entspricht, dass sie Privatpersonen gehört. Alle Eisenbahnangestellten, -direktoren und -funktionäre würden ihren Dienst fortsetzen, mit dem einzigen Unterschied, dass sie nun im Dienste des Staates ständen. Und die Aktienbesitzer..."
„Denen könnte man vermutlich allen eins über den Schädel hauen", unterbrach ihn Crass.
„Oder sie könnten ins Armenhaus gehn", meinte Slyme.
„Oder zum Teufel", schlug der Mann hinter dem Burggraben vor.
„...der Staat führe fort, den Aktionären die gleichen Dividenden zu zahlen, die sie - sagen wir - durchschnittlich während der letzten drei Jahre erhalten haben. Diese Zahlungen an die jetzigen Aktionäre würden während deren Lebenszeit fortgesetzt, oder sie könnten auch auf eine bestimmte Anzahl von Jahren beschränkt sein, und die Aktien könnten unübertragbar gemacht werden, so wie es heute die Eisenbahnbilletts sind. Was nun die Fabriken, die Läden und die anderen Produktions- und Verteilungsmittel betrifft, so muss der Staat die gleichen Geschäftsmethoden anwenden wie die gegenwärtigen Eigentümer. Ich meine, ebenso wie die großen Truste und Aktiengesellschaften den einzelnen Arbeiter und den kleinen Händler erdrücken - durch die Konkurrenz -, sollte der Staat durch Konkurrenz die Truste erdrücken. Bestimmt lässt es sich verteidigen, dass der Staat zum Wohle des ganzen Volkes das gleiche tut, was die Kapitalisten zum Vorteil einiger Aktienbesitzer bereits tun. Der erste Schritt in dieser Hinsicht wird die Eröffnung von Einzelhandelsgeschäften sein um sämtliche städtischen und staatlichen Angestellten mit den lebensnotwendigen Dingen zu einem so niedrigen Preis wie möglich zu versorgen. Zuerst wird die Regierung diese Waren von den privaten Fabrikanten in so großen Mengen kaufen, dass sie sie zum billigsten Preis erhalten kann, und da keine Miete für protzige Läden und keine Reklamekosten gezahlt werden müssen und da das Ziel der Regierung nicht sein wird, Profit zu machen, sondern ihre Arbeiter und Angestellten mit Waren zum niedrigsten Preis zu versorgen, wird sie diese viel billiger verkaufen können als die profitmachenden Privatläden.
Die staatlichen Einzelhandelsgeschäfte werden nur den in öffentlichen Diensten Stehenden zugute kommen, und für die verkauften Waren wird kein Gold-, Silber- oder Kupfergeld angenommen werden. Zuerst werden auch weiterhin alle Angestellten der öffentlichen Dienste in Metallgeld bezahlt werden; die aber, welche es wünschen, werden ihren gesamten Lohn oder einen Teil davon in Papiergeld zum gleichen Nominalwert erhalten, das als Bezahlung für ihre Einkäufe in den staatlichen Läden, Hotels, Restaurants und den anderen Stätten angenommen werden wird, die zur Bequemlichkeit der in öffentlichen Diensten Stehenden eingerichtet werden. Das Geld wird ebenso wie Banknoten aussehen. Es wird aus einem sehr starken Spezialpapier sein und sämtliche Werte von einem Penny bis zu einem Pfund umfassen.
Da die staatlichen Läden praktisch alles verkaufen werden, was auch anderswo erhältlich ist, und da zwanzig Schilling in Papiergeld eine viel größere Kaufkraft in diesen Läden haben werden als zwanzig Schilling in Metallgeld anderswo, wird es nicht lange dauern, bis fast alle, die in öffentlichen Diensten stehen, es vorziehen werden, sich ihren Lohn in Papiergeld auszahlen zu lassen. Dann wird die Regierung für Gehälter und Löhne der meisten ihrer Angestellten und Arbeiter keinen Bedarf mehr an Metallgeld haben. Sie wird jedoch noch Metallgeld brauchen, um die privaten Fabrikanten zu bezahlen, welche die Nationalläden beliefern. Doch - alle diese Waren werden durch Arbeit hergestellt; deshalb wird der Staat, um zu vermeiden, Metallgeld für sie bezahlen zu müssen, nun beginnen, Produktionsarbeiter anzustellen. Alle dazu geeigneten Ländereien, die öffentliches Eigentum sind, werden bestellt und staatliche Fabriken eingerichtet werden zur Herstellung von Lebensmitteln, Schuhen, Kleidungsstücken, Möbeln und allen übrigen lebensnotwendigen und zum Komfort gehörenden Dingen. Allen Arbeitslosen und Arbeitswilligen wird auf diesen Gütern und in diesen Fabriken Arbeit gegeben werden. Damit die dort beschäftigten Leute nicht unangenehm hart arbeiten müssen, damit ihre Arbeitszeit so kurz wie nur möglich ist - sagen wir: zuerst acht Stunden pro Tag -, und auch um sicherzugehen, dass von allem die größtmögliche Menge produziert wird, werden diese Fabriken und Güter mit den modernsten und wirksamsten arbeitsparenden Maschinen ausgerüstet sein. Die auf den Gütern und in den Fabriken beschäftigten Leute werden mit Papiergeld bezahlt werden... Die von ihnen produzierten Güter werden die Vorräte der staatlichen Läden auffüllen, in denen die Arbeiter mit ihrem Papiergeld alles kaufen können, was sie brauchen.
Da wir die größtmögliche Anzahl arbeitsparender Maschinen benutzen und in unseren Gütern und Fabriken die wissenschaftlichsten Methoden anwenden werden, wird die Menge der Waren, die wir herstellen können, so riesig sein, dass wir in der Lage sein werden, unseren Arbeitern sehr hohe Löhne - in Papiergeld - zu zahlen und unsere Produkte so billig zu verkaufen, dass jeder in öffentlichen Diensten Stehende alles in Fülle genießen kann.
Wenn die von den Privatkapitalisten ausgebeuteten und geschundenen Arbeiter erkennen, um wie viel schlechter es ihnen geht als den vom Staat beschäftigten, so werden sie kommen und darum bitten, für den Staat arbeiten zu dürfen, gleichfalls gegen Papiergeld. Das bedeutet, dass die staatliche Armee der Produktionsarbeiter ständig anwachsen wird. Weitere staatliche Fabriken werden gebaut, weitere Ländereien unter den Pflug genommen werden. Man wird Leute mit der Herstellung von Ziegeln, Holzwerk, Farben, Glas, Tapeten und sämtlichen übrigen Baumaterialien beschäftigen und andere wunderschöne Häuser - auf staatlichem Boden - bauen lassen, die dann an die Leute im Staatsdienst vermietet werden. Die Miete wird in Papiergeld bezahlt werden.
Staatliche Fischereiflotten werden geschaffen werden und die produzierte Menge der Waren aller Art wird so groß sein, dass die Staatsangestellten und -funktionäre sie nicht alle verbrauchen können. Mit ihrem Papiergeld werden sie genügend kaufen, um alle ihre Bedürfnisse reichlich befriedigen zu können und mehr als das; aber immer noch wird der Staat einen großen und ständig anwachsenden Vorrat in seinem Besitz haben.
Nun wird die sozialistische Regierung eine Flotte von Handelsdampfern erwerben oder bauen, die natürlich mit Staatsangestellten bemannt werden wird - so wie heute die Königliche Marine. Diese Flotte von staatlichen Handelsschiffen wird die erwähnten überschüssigen Vorräte in fremde Länder bringen und sie dort verkaufen oder gegen einige der Produkte dieser Länder eintauschen - Dinge, die wir nicht selbst produzieren. Diese Dinge werden nach England gebracht und in den staatlichen Läden so billig wie möglich gegen Papiergeld an die Leute im Staatsdienst verkauft werden. Das wird natürlich nur ein größeres Warensortiment zur Folge haben - den Überschuss wird es nicht vermindern; und da es keinen Sinn hätte, noch weiterhin mehr als nötig von diesen Waren herzustellen, so wäre es dann die Pflicht der Regierung, die Produktion der lebensnotwendigen Dinge einzuschränken. Das könnte durch eine Kürzung der Arbeitszeit ohne Lohnsenkung für die Arbeiter geschehen, damit sie ebensoviel kaufen können wie zuvor.
Ein anderer Weg zur Verhinderung der Überproduktion nur lebensnotwendiger und zum Komfort gehörender Dinge wird die Beschäftigung einer großen Anzahl von Arbeitern mit der Produktion der feineren und zu den Freuden des Lebens gehörenden Dinge sein - künstlerischere Häuser, Möbel, Bilder, Musikinstrumente und so fort.
Im Zentrum jedes Bezirks kann ein großes Institut oder Vergnügungshaus gebaut werden mit einem prachtvoll eingerichteten und dekorierten Theater darin, einer Konzerthalle, einem Vortragssaal, einer Gymnastikhalle, Billardräumen, Leseräumen, Erfrischungsräumen und dergleichen mehr. Eine Abteilung der industriellen Armee wird als Schauspieler, Artisten, Musiker, Sänger und Kabarettisten tätig sein. Ja, jeder, der von der wichtigsten Arbeit -der Herstellung der lebensnotwendigen Dinge - entbehrlich ist, wird auf den Gebieten der Erholung, Kultur und Erziehung beschäftigt werden. Wie in den übrigen Zweigen der Öffentlichen Dienste werden alle diese Menschen mit Papiergeld entlohnt, und damit können alle eine Fülle von den die Zivilisation ausmachenden Dingen kaufen.
Als Ergebnis all dessen stellen nun die gutherzigen Privatunternehmer und Kapitalisten fest, dass keiner bei ihnen arbeiten will, um - für eine geringe Entlohnung an Metallgeld, die kaum genügt, ausreichend lebensnotwendige Dinge zu kaufen, um Körper und Seele zusammenzuhalten - angetrieben, herumkommandiert und geschunden zu werden.
Diese gutherzigen Kapitalisten werden gegen das, was sie unlautere Konkurrenz der staatlichen Industrie nennen werden, protestieren, und einige werden wohl drohen, das Land zu verlassen und ihr Kapital mitzunehmen... Da die meisten von diesen Leuten zu faul sind, um zu arbeiten, und da wir ihr Geld nicht brauchen, werden wir uns sehr freuen, sie los zu sein. Was aber ihr wirkliches Kapital betrifft - ihre Fabriken, Güter, Bergwerke oder Maschinenausrüstungen -, so ist das etwas anderes... Zuzulassen, dass diese Dinge unbenutzt und brachliegen, hieße die Allgemeinheit schädigen. Deshalb wird man ein Gesetz erlassen mit der Bestimmung, dass alles vom Eigentümer nicht bestellte Land und jede über eine bestimmte Zeit hinaus geschlossene Fabrik vom Staat in Besitz genommen und zum Wohl der Allgemeinheit betrieben wird... Den ehemaligen Besitzern wird eine angemessene
Entschädigung in Papiergeld gezahlt v/erden, und man wird ihnen ein Einkommen oder eine Pension von soundso viel im Jahr entweder auf Lebenszeit oder für eine bestimmte Zeitspanne bewilligen - je nach den Umständen und dem Alter der Betreffenden.
Was nun die privaten Kaufleute betrifft, die im Großoder im Einzelhandel die durch Arbeit produzierten Waren vertreiben, so werden sie durch die Konkurrenz des Staates gezwungen sein, ihre Läden und Lagerhäuser zu schließen - einmal, weil sie dann nicht mehr in der Lage sind ihre Vorräte wieder aufzufüllen, und zum anderen, weil es ihnen, selbst wenn sie es könnten, nicht gelänge, diese zu verkaufen. Das wird eine große Anzahl von Leuten arbeitslos machen, die augenblicklich mit unnützer Arbeit beschäftigt sind: die Direktoren und Verkäufer der Läden, von denen wir augenblicklich ein halbes Dutzend der gleichen Branche in einer einzigen Straße sehen, die Tausende von Männern und Frauen, die ihr Leben schwer schuftend mit der Herstellung von Reklame vertun, meistens gegen einen elenden Lohn an Metallgeld, mit dem sich viele nicht einmal genügend der lebensnotwendigen Dinge beschaffen können, um sich vor dem Hunger zu sichern.
Alle Maurer, Tischler, Glaser und die übrigen Arbeiter, die mit der Instandhaltung dieser unnötigen Warenhäuser und Läden beschäftigt sind, werden dann arbeitslos; aber jeder, der arbeitswillig ist, wird vom Staat willkommen geheißen und sofort angestellt, entweder um die lebensnotwendigen und zum Komfort gehörenden Dinge zu produzieren oder um sie zu verteilen. Sie brauchen dann weniger Stunden zu arbeiten als zuvor... Sie brauchen nicht mehr so hart zu arbeiten, denn es wird nicht nötig sein, anzutreiben und herumzukommandieren, weil dann genügend Menschen da sind, die Arbeit zu verrichten, und das meiste wird durch die Maschinen getan; und mit ihrem Papiergeld können sie eine Fülle der Dinge kaufen, die sie produzieren helfen. Die Läden und Warenhäuser, in denen diese Leute vorher beschäftigt waren, werden vom Staat erworben, und er zahlt den früheren Eigentümern eine angemessene Entschädigung in der gleichen Weise wie den Fabrikbesitzern. Einige dieser Gebäude werden vom Staat als Läden benutzt, andere in Fabriken umgewandelt und wieder andere abgerissen, um Platz für Wohnhäuser oder Öffentliche Gebäude zu schaffen... Pflicht der Regierung wird es sein, eine genügende Anzahl von Häusern zu bauen, um die Familien aller von ihr Beschäftigten unterzubringen, und infolgedessen und wegen der allgemeinen Desorganisation und dem Verfall dessen, was man jetzt die Geschäftswelt" nennt, wird sämtlicher übrige Hausbesitz jeder Art schnell im Wert sinken... Auf den jetzt von den Arbeitern bewohnten Elendsvierteln und armseligen Wohnungen, auf den gegenwärtig von den unteren Schichten des Mittelstandes und von Geschäftsleuten' bewohnten schäbigen, unbequemen, schlechtgebauten ,Villen' werden, da sie leer und wertlos geworden sind, die wucherischen Wirte sitzen bleiben, und sie werden sehr bald das Angebot machen, die Häuser und den Boden, auf dem sie gebaut sind, dem Staat zu den gleichen Bedingungen zu überlassen, wie er sie den anderen Eigentümern gewährt -nämlich gegen eine Pension. Einige dieser Leute werden sich damit zufriedengeben, von dem Einkommen, das ihnen der Staat als Entschädigung lebenslänglich zahlt, im Müßiggang zu leben; andere werden sich der Kunst oder der Wissenschaft widmen, und andere wieder werden der Allgemeinheit ihre Dienste als Direktoren und Abteilungsleiter zur Verfügung stellen, und der Staat wird stets gern jeden beschäftigen, der bereit ist, beim GROSSEN WERK der Produktion und Verteilung mitzuhelfen.
Mittlerweile wird die Nation der einzige Arbeitgeber geworden sein, und da niemand sich die lebensnotwendigen Dinge ohne Papiergeld beschaffen kann und der einzige Weg, dieses zu erhalten, die Arbeit sein wird, so bedeutet das: jeder in der Gemeinschaft, der geistig und körperlich dazu fähig ist, wird beim großen Werk der Produktion und Verteilung mithelfen. Wir werden dann nicht mehr wie gegenwärtig eine Polizei unterhalten müssen, damit sie den Besitz der reichen Müßiggänger vor den hungernden armen Teufeln schützt, die von ihnen beraubt worden sind. Arbeitslosigkeit und ein Überschneiden der Arbeit wird es dann nicht mehr geben, und die Arbeit wird im Hinblick auf das einzig sinnvolle Ziel organisiert und auf dieses konzentriert sein - nämlich die Dinge herzustellen, die wir brauchen... Für jede einzige arbeitsparende Maschine, die wir heute benutzen, werden wir dann, wenn nötig, tausend verwenden! Und infolgedessen wird von allem eine so fabelhafte, riesige, ungeheure, überwältigende Fülle geschaffen werden, dass die Gemeinschaft bald von neuem vor dem Problem der Überproduktion stehen wird.
Um damit fertig zu werden, muss dann die Arbeitszeit unserer Arbeiter auf vier, fünf Stunden täglich herabgesetzt werden... Allen jungen Leuten wird es gestattet sein, an den öffentlichen Schulen und Universitäten weiterzulernen, und sie brauchen sich an der nationalen Arbeit erst zu beteiligen, wenn sie einundzwanzig Jahre alt sind. Mit fünfundvierzig wird jeder mit vollem Gehalt aus dem Staatsdienst ausscheiden können... Alle werden sie in der Lage sein, den Rest ihrer Tage ihren Neigungen gemäß zu verbringen: einige werden sich ruhig zu Hause niederlassen und sich auf die gleiche Weise vergnügen, wie es heute Leute tun, die Vermögen und Muße haben - mit irgendeinem Steckenpferd oder mit der Teilnahme an der Organisierung geselliger Veranstaltungen, wie Bälle, Gesellschaften, öffentliche Spiele und athletische Wettkämpfe, Rennen und Sport jeder Art.
Einige werden es vorziehen, auch weiterhin im Staatsdienst zu bleiben. Schauspieler, Künstler, Bildhauer, Musiker und andere werden zu ihrem Vergnügen und zu ihrer Ehre fortfahren zu arbeiten... Einige werden ihre Mußezeit der Wissenschaft, der Kunst oder der Literatur widmen. Andere werden es vorziehen, auf den staatlichen Dampfern in die verschiedenen Gegenden der Welt zu reisen, um selbst alle jene Dinge zu sehen, von denen die meisten von uns heute nur eine unbestimmte, nebelhafte Vorstellung haben: die Wunder Indiens und Ägyptens, den Glanz Roms, die Kunstschätze des europäischen Kontinents und die herrlichen Landschaften anderer Länder.
So werden also - zum ersten Mal in der Geschichte des Menschengeschlechts - die von Wissenschaft und Zivilisation der Menschheit geschenkten Wohltaten und Freuden gleichermaßen von allen genossen werden, unter der einen Bedingung, dass jeder seinen Teil Arbeit leistet, der nötig ist um all das zu ermöglichen.
Das also sind die Grundsätze, nach denen das GENOS­SENSCHAFTLICHE GEMEINWESEN der Zukunft organisiert sein wird - der Staat, in dem niemand von seinen Mitmenschen ausgezeichnet oder geehrt sein wird, es sei denn seiner Tugend oder seines Könnens wegen; in dem kein Mensch seinen Vorteil im Nachteil des anderen finden wird, und in dem wir nicht mehr Herren und Knechte, sondern Brüder, freie Menschen und Freunde sein werden; wo es keine müden, gebrochenen Männer und Frauen mehr geben wird, die ihr freudloses Dasein in Plackerei und Entbehrungen verbringen, und keine kleinen Kinder mehr, die vor Hunger oder Kälte weinen.
Ein Staat, in dem es möglich sein wird, Seine Lehren -denen so viele jetzt vorgeben zu folgen - in die Tat umzusetzen. Eine Gesellschaft, welche die Gerechtigkeit und Zusammenarbeit zur Grundlage und die Internationale Brüderlichkeit und Liebe zum Gesetz haben wird.

So werden einst sein die kommenden Zeiten!
Doch heute - welche Taten geschehen,
da die Tage und Jahre unsres Lebens
nun unaufhaltsam vergehen?
Weshalb warten wir und worauf nur,
da drei Worte zu sprechen bloß sind:
Wir wollen's! Und der Feind, der sich stark träumt,
erwacht und ist schwach wie ein Kind!
Oh, weshalb warten wir und worauf nur,
da der Tod unsre Brüder hinmäht
und mit jedem Windhauch des Himmels
ein vertanes Leben verweht?
Wie lange noch sollen sie uns zürnen
von dort, wo, Geschlecht auf Geschlecht,
arme Schatten aus der bösen Stadt wohnen,
der Hölle - gemartert von Hunger und Gold?
Sie plackten sich durch ein Leben des Elends
und starben dann einen schäbigen Tod,
diese Söhne einer mächtigen Mutter,
diese Pfeiler von Englands Stolz -
Vernichtet, und niemand vermag nun
zu machen es ungeschehen
noch vor dem Fluch unsre Seelen zu retten-
doch die kommenden Millionen -
wie soll es denen ergehen?
An uns ist's, die Antwort zu geben,
uns zu eilen, zu öffnen das Tor
zu schnellem Schrecken des reichen,
zur zögernden Hoffnung des armen Manns;
ja, dem stummen Zorn der Gedrückten,
ihrem des Wissens noch barem Unmut
müssen Stimme und Weisheit wir geben,
bis sich Bahn bricht die schwellende Flut.
So kommt denn, da alles uns rufet,
Lebende wie auch der Toten Gericht,
und über das wirre Gewühle
breitet sich aus hell strahlendes Licht."

Als Barrington vom Rednerpult herabstieg und an seinen gewohnten Platz zurückkehrte, brachen einige seiner Zuhörer in lauten Beifall aus; sie standen auf, schwenkten ihre Mützen und stießen immer neue Bravorufe aus. Als die Ordnung wiederhergestellt worden war, erhob sich Philpot und wandte sich mit folgenden Worten an die Versammlung: „Möchte irgend'n Herr dem Vortragenden 'ne Frage stellen?"
[Niemand meldete sich, und der Versammlungsleiter wiederholte seine Aufforderung], wieder ohne eine Antwort zu erhalten; schließlich aber stand einer der neuen Arbeiter auf, der vor etwa einer Woche als Ersatz für einen wegen zu großer Langsamkeit entlassenen Maler eingestellt worden war, und sagte, es gebe einen Punkt, über den er gern noch etwas Aufklärung hätte. Der Mann hatte zwei Flicken auf dem Hosenboden, und seine Hosenbeine waren an den Enden sehr zerschlissen und ausgefranst; sein Jackenfutter war völlig zerrissen, ebenso auch die Ärmelränder; seine Stiefel waren alt und bereits mehrmals genäht und geflickt - bei dem einen hatte sich die Sohle vom Oberleder zu lösen begonnen, und er hatte es mit etwas Kupferdraht wieder zusammengenäht. Er war mehrere Wochen lang arbeitslos gewesen, und in seinem schmalen, noch hageren Gesicht stand zu lesen, dass er während dieser Zeit nicht genügend zu essen gehabt hatte. Der Mann war kein Trunkenbold und gehörte auch nicht zu jenen halbmythischen Leuten, die zu faul sind zu arbeiten. Er war verheiratet und hatte mehrere Kinder. Eines davon, ein vierzehnjähriger Junge, verdiente als Laufbursche bei einem Kaufmann fünf Schilling die Woche.
Als Hausinhaber besaß er das Wahlrecht, bisher aber hatte er sich für das, was er „Polletik" nannte, nicht sehr interessiert. Seiner Meinung nach waren solche Dinge nichts für seinesgleichen. Er überließ so schwierige Angelegenheiten lieber den „besseren Leuten". In seinem gegenwärtigen unglückseligen Zustand war er ein wandelndes Zeugnis für die Weisheit, die Tugend und die Güte der „besseren Leute", welche die Angelegenheiten dieser Welt bislang mit für sie selbst so befriedigenden Ergebnissen verwaltet haben.
„Ich möchte den Redner fragen", sagte der Arbeiter, „angenommen, alles, was er gesagt hat, ist gemacht - was wird 'n dann aus dem König, aus der königlichen Familie und all den Großen?"
„Hört! hört!" rief Crass eifrig, und Ned Dawson wie auch der Mann hinter dem Burggraben erklärten, eben das wollten auch sie gern wissen.
„Ich mache mir viel größere Sorgen darum, was wohl aus uns selbst werden soll, wenn all das nicht durchgeführt wird!" antwortete Barrington. „Ich denke, wir sollten versuchen, ein bisschen mehr Achtung für unsere eigenen Familien aufzubringen und uns ein bisschen weniger um ,königliche' Familien zu sorgen. Ich kann nicht einsehen, aus welchem Grunde wir uns um dieser Leute willen den Kopf zerbrechen sollten; ihnen geht's doch gut - sie haben alles, was sie brauchen; soweit mir bekannt ist, wünscht niemand, ihnen Böses anzutun, und sie sind durchaus fähig, für sich selbst zu sorgen. Ihnen wird es genauso ergehen wie den übrigen reichen Leuten."
„Ich möchte gern fragen", sagte Harlow, „was 'n aus dem ganzen Gold-, Silber- und Kupfergeld wird? Wird's denn zu gar nichts mehr nütze sein?"
„Unter dem Sozialismus wird es weit nützlicher sein als jetzt. Während der ersten Entwicklungsstadien des sozialistischen Systems gelangt der Staat natürlich in den Besitz einer großen Menge dieses Geldes, weil zuerst, während der Staat alle seine Angestellten und Produktionsarbeiter mit Papiergeld entlohnt, der Rest der Bevölkerung - nicht die Staatsangestellten - seine Steuern wie jetzt auch in Gold entrichtet. Alle Reisenden auf den Staatseisenbahnen - die nicht Staatsangestellte sind - zahlen ihre Fahrten in Metallgeld, und auch aus vielen anderen Quellen strömt das Gold und das Silber in die Staatskasse. Der Staat nimmt Gold und Silber ein und zahlt zumeist Papiergeld aus. Wenn sich dann einmal das System der Beschäftigung durch den Staat völlig durchgesetzt hat, sind Gold und Silber nur noch als Metall von Wert, und der Staat kauft es allen ab, die welches besitzen und es zu verkaufen wünschen - zu soundso viel das Pfund - als Rohmaterial, und anstatt es in den Gewölben der Banken zu verstecken oder in Stahlschränken zu verschließen, werden wir es verwenden. Aus einem Teil des Goldes wird man Schmuckgegenstände herstellen, die gegen Papiergeld verkauft und von den Liebsten, den Frauen und den Töchtern der Arbeiter getragen werden; ein Teil wird zu Blattgold gehämmert, um zur Ausschmückung von Gebäuden verwendet zu werden. Und was das Silber betrifft, so werden daraus die verschiedensten nützlichen Gegenstände für den Haushalt fabriziert werden. Dann müssen die Arbeiter nicht mehr wie jetzt von giftigen Blei- oder Messinglöffeln und -gabeln essen, sondern wir werden diese Dinge aus Silber besitzen, und wenn es nicht genügend Silber gibt, so haben wir dann wahrscheinlich irgendeine ungiftige Silberlegierung."
„Soweit ich sehen kann", sagte Harlow, „wird dann das Papiergeld genauso wertvoll sein wie jetzt Gold und Silber. Was soll 'n dann solche gerissenen Gauner wie Elend und Rushton dran hindern, 's zu horten und damit Sachen zu kaufen und zu verkaufen und so ohne Arbeit zu leben?"
„Natürlich", sagte Crass verächtlich, „lässt sich überhaupt nicht durchführen."
„Das ist eine sehr einfache Sache; jeder, der ohne nützliche Arbeit lebt, lebt von der Arbeit anderer; er beraubt andere eines Teils ihres Arbeitsergebnisses. Das Ziel des Sozialismus ist, mit dieser Räuberei Schluss zu machen, sie unmöglich zu machen. Daher wird niemand in der Lage sein, das Papiergeld zu horten oder anzuhäufen, denn es wird mit einem Datum versehen sein und seinen Wert verlieren, wenn es nicht innerhalb einer gewissen Zeit nach seiner Ausgabe benutzt wird. Und was das Kaufen und Verkaufen um des Profits willen betrifft - von wem wollten sie denn kaufen? Und wem wollten sie denn verkaufen?"
„Nun, sie könnten ja 'n paar von den Sachen kaufen, die die Arbeiter nicht wollen, für weniger Geld, als die Arbeiter dafür bezahlt haben, und dann könnten sie sie weiterverkaufen."
„Dann müssten sie diese Dinge ja für weniger Geld verkaufen als die staatlichen Läden, und wenn du ein wenig darüber nachdenkst, wirst du sehen, dass es nicht sehr vorteilhaft wäre. Eben mit dem Ziel, jeden Versuch des privaten Handels zu unterbinden, wird sich die Regierung weigern, den Privateigentümern eine Entschädigung in Form einer einmaligen Summe zu zahlen. Alle solchen Entschädigungen würden, wie ich bereits sagte, in Form einer Pension von soundso viel pro Jahr gezahlt werden.
Ein weiteres sehr wirksames Mittel, den privaten Handel zu unterbinden, wäre, ihn zu einem kriminellen Verbrechen am Wohl der Gemeinschaft zu erklären. Gegenwärtig sind viele Arten von Geschäften ungesetzlich, wenn man nicht eine Lizenz dafür erwirbt; unter dem Sozialismus wäre es niemand gestattet, ohne Lizenz Handel zu treiben, und Lizenzen würden nicht ausgestellt."
„Hätte man denn nicht das Recht, sein Geld zu sparen, wenn man wollte?" fragte Slyme entrüstet.
„Nichts hinderte einen Menschen, sich einen Teil der Dinge, die er haben könnte, zu versagen, wenn er so töricht wäre; aber er wäre nie in der Lage, genügend zu sparen, um sich vor nützlicher Dienstleistung zu drücken. Außerdem, aus welchem Grunde müsste man denn sparen? Ein sorgloser Lebensabend wäre einem doch gesichert. Niemand könnte jemals arbeitslos werden. Im Krankheits-
fall wäre die Betreuung durch die staatlichen Krankenhäuser und den Gesundheitsdienst unentgeltlich. Und die Kinder besuchten die schulgeldfreien staatlichen Schulen und Universitäten, und wenn sie mündig wären, träten sie in den Staatsdienst ein, womit ihre Zukunft gesichert wäre. Kannst du uns sagen, weshalb jemand sparen müsste oder wollte?"
Das konnte Slyme nicht.
„Gibt's noch Fragen?" erkundigte sich Philpot.
„Da wir gerade vom Geld sprechen", fügte Barrington hinzu, „möchte ich euch daran erinnern, dass wir sogar unter dem gegenwärtigen System viele Dinge, deren Instandhaltung Geld kostet, genießen können, ohne direkt dafür zu bezahlen. Es kostet Geld, die öffentlichen Wege und Straßen anzulegen, instand zu halten und zu beleuchten. Ebenso die Parks, die Museen und die Brücken. Sie stehen aber allen unentgeltlich zur Verfügung. Unter einer sozialistischen Regierung wird dieses Prinzip erweitert werden; zusätzlich zu den unentgeltlichen Dienstleistungen, die wir jetzt genießen, werden wir dann die Straßenbahnen und Eisenbahnen dem Publikum gratis zur Verfügung stellen. Und im Laufe der Zeit wird diese Geschäftsmethode noch auf vielen anderen Gebieten angenommen werden.''
„Irgendwo hab ich gelesen", sagte Harlow, „dass es jedes Mal, wenn 'ne Regierung in irgend'nem Land angefangen hat, Papiergeld auszugeben, zum Bankrott geführt hat. Woher weißte 'n, dass nicht dasselbe auch unter 'ner sozialistischen Regierung passieren würde?"
„Hört, hört!" sagte Crass. „Wollt ich grad sagen."
„Wenn die Regierung eines Landes unter dem gegenwärtigen System anfangen wollte, große Mengen von Papiergeld auszugeben", antwortete Barrington, „so führte das unweigerlich zum Bankrott, aus dem einfachen Grunde, weil Papiergeld unter dem gegenwärtigen System - Banknoten, Bankwechsel, Postanweisungen, Schecks und alle übrigen Formen - einfach nur ein gedrucktes Versprechen ist, den Betrag in Gold oder Silber auf Verlangen oder an einem bestimmten Tage auszuzahlen. Gibt eine Regierung unter dem gegenwärtigen System mehr Papiergeld
aus, als sie zu dessen Deckung Gold oder Silber besitzt, so ist sie natürlich bankrott. Das Papiergeld aber, das die sozialistische Regierung ausgibt, wird kein Versprechen sein, dafür Gold oder Silber auf Verlangen oder an einem bestimmten Tag auszuzahlen. Es wird ein Versprechen sein, Waren zu liefern in der Höhe des auf der Note genannten Betrages, und da es daran keinen Mangel geben könnte, wäre ein Bankrott nicht möglich."
„Ich möcht mal wissen, wer die Offiziere von der industriellen Armee da ernennen wird!" sagte der Mann auf dem Eimer. „Wir haben keine Lust, uns wie Soldaten von 'nem Haufen Feldwebel und Unteroffiziere ramkommandieren und anschnauzen und rumhetzen zu lassen, weißte."
„Hört, hört!" sagte Crass. „Irgendwelche Meister musste haben. Irgendwer muss für die Arbeit verantwortlich sein."
„Jetzt brauchen wir uns kein Herumkommandieren, Anschnauzen und Herumhetzen gefallen zu lassen, was?" fragte Barrington. „Also könnten wir so etwas natürlich auch unter dem Sozialismus nicht dulden. Damit könnten wir uns in keiner Weise abfinden! Selbst nicht für vier oder fünf Stunden am Tag. Unter dem gegenwärtigen System haben wir keine Stimme bei der Ernennung unserer Meister, Aufseher und Vorarbeiter - wir haben keine Wahl, unter welchem Herrn wir arbeiten wollen. Wenn unsere Herren uns nicht anständig behandeln, so können wir nichts dagegen tun. Unter dem Sozialismus wird das anders sein; die Arbeiter werden ein Teil der Allgemeinheit sein, die Offiziere oder Leiter und Vorarbeiter werden Diener der Allgemeinheit sein, und wenn irgendeiner dieser Leute seine Stellung missbrauchte, so könnte er sofort abgesetzt werden. Was die Einzelheiten der Organisation dieser industriellen Armee betrifft, so besteht die Schwierigkeit wiederum nicht darin, einen Weg auszudenken, sondern darin, sich zu entscheiden, welcher von vielen Wegen der beste wäre, und der vollkommene Weg wird wahrscheinlich erst nach einigen Experimenten und Erfahrungen entwickelt werden. Das, was wir festhalten müssen, ist das Grundprinzip der Beschäftigung durch den Staat oder der Staatsdienst. Die Produktion für den Gebrauch und nicht für den Profit. Die staatliche Industrie-
Organisation unter demokratischer Kontrolle. Ein Weg, das zu verwirklichen, wäre, dass die Allgemeinheit ein Parlament wählte, ähnlich wie es jetzt geschieht. Gewählt werden könnten nur Veteranen der industriellen Armee, Männer und Frauen, die ihre fünfundzwanzig Dienstjahre geleistet hätten.
Diese Verwaltungskörperschaft hätte die Kontrolle über die verschiedenen Ministerien. Es gäbe ein Landwirtschaftsministerium, ein Eisenbahnministerium und so fort - jedes mit einem Minister und einem Stab.
Alle diese Parlamentsmitglieder wären Verwandte - in einigen Fällen Mütter und Väter - der Leute im Industriedienst, und auf sie verließe man sich, um dafür zu sorgen, dass die Dienstbedingungen so gut wie nur irgend möglich wären.
Was die verschiedenen Zweige des Staatsdienstes betrifft, so könnten sie ungefähr auf die gleiche Weise organisiert werden, wie es die verschiedenen Zweige der öffentlichen Einrichtungen heute sind - etwa die Marine, die Post, die staatlichen Eisenbahnen in einigen anderen Ländern, oder wie es die verschiedenen Einheiten der Armee sind, mit dem Unterschied, dass alle Beförderungen aus den Reihen der einfachen Soldaten vorgenommen werden, durch Prüfungen und allein nach Verdienst. Da dann alle Rekruten die gleiche Erziehung genossen haben, werden wir alle vollkommen gleiche Möglichkeiten haben, und die Leute, die leitende Stellungen erreichen, wären die besten und nicht wie gegenwärtig die schlechtesten."
„Wie kommste 'n darauf?" fragte Crass.
„Unter dem gegenwärtigen System haben die Leute, die Direktoren und Unternehmer werden, Erfolg, weil sie gerissen und selbstsüchtig sind, und nicht, weil sie diese Arbeit, aus der sie ihr Geld schlagen, gut verstehen. Im Baugewerbe zum Beispiel wären die meisten Unternehmer unfähig, irgendeine qualifizierte Arbeit zu leisten. Nur wenige von ihnen taugten etwas als ungelernte Arbeiter. Die einzige Arbeit, die sie tun, ist austüfteln, wie sie den Profit aus der Arbeit anderer ernten können.
Die Leute, die jetzt Meister und Vorarbeiter werden, sucht man nicht nach ihren Fähigkeiten als Fachleute aus,
sondern weil sie gute Antreiber und nützliche Produzenten von Profit für ihren Unternehmer sind."
„Wie willste denn verhindern, dass auch dann die Selbstsüchtigen und Gerissenen, wie du sie nennst, nach oben kommen, genau wie sie's jetzt tun?" fragte Harlow.
„Die Tatsache, dass alle Arbeiter den gleichen Lohn erhalten werden, gleichgültig, welche Art Arbeit sie ausführen oder welche Stellung sie einnehmen werden, garantiert dafür, dass wir die besten Leute für alle höheren Arbeiten und zur Leitung unserer Geschäfte bekommen werden."
Crass lachte: „Was! Alle sollen die gleichen Löhne kriegen?"
„Ja, es wird von allem so riesige Mengen geben, dass der Lohn eines jeden ausreichen wird, reichlich von allem, was er braucht, zu kaufen. Selbst wenn einige mehr Geld erhielten als andere, könnten sie es nicht ausgeben. Es wird keine Notwendigkeit bestehen, es zu sparen, und hungernde Arme wird es nicht geben - so wird es also auch niemand geben, dem man es schenken könnte. Wäre es möglich, Geld zu sparen oder es anzuhäufen, so würde dadurch eine Klasse von Müßiggängern geschaffen, die von ihren Mitmenschen lebten; das führte zum Sturz unseres Regimes und zur Rückkehr zu der gleichen Anarchie, wie sie jetzt herrscht. Außerdem hinderte es uns daran, die besten Leute zu bekommen, wenn denen, die eine höhere Arbeit verrichteten oder leitende Stellungen bekleideten, höhere Löhne gezahlt würden. Dann drängten sich wegen des höheren Lohns ungeeignete Leute nach diesen Stellungen. Das eben geschieht jetzt. Unter dem gegenwärtigen System intrigieren Leute um Stellungen - und erhalten sie oder werden hineingeschoben -, die von Natur aus gar keine Fähigkeiten haben; der einzige Grund, weshalb sie diese Stellungen zu bekommen wünschen, ist das damit verbundene Gehalt. Diese Kerle erhalten das Geld, und die Arbeit wird von schlechtbezahlten Untergebenen geleistet, von denen die Welt niemals etwas hört. Unter dem Sozialismus wird dieser Anreiz des Geldes abgeschafft werden, und infolgedessen werden sich nur solche Menschen um diese Stellungen bewerben, welche die Arbeit gern tun, weil sie von Natur aus dazu geeignet sind.
Zum Beispiel wird ein Mensch, der ein geborener Organisator ist, sich nicht deshalb weigern, eine solche Arbeit auszuführen, weil er nicht mehr Bezahlung für sie erhält. Vielmehr wird er wünschen, sie zu tun, und wird die Erlaubnis dazu als Vorrecht schätzen. Er wird sich der Arbeit mit Lust hingeben. Alle Einzelheiten irgendeines Unternehmens auszudenken, es zu planen, zu entwerfen und zu organisieren, bedeutet für einen solchen Menschen keine Arbeit. Es ist ihm ein Vergnügen. Für einen Mann aber der sich um eine solche Stellung beworben und sie sich gesichert hat, nicht weil ihm die Arbeit gefiel, sondern weil ihm das Gehalt gefiel - wäre sie eine unangenehme Plackerei. Unter dem Sozialismus bewürbe sich der ungeeignete Mann nicht um einen solchen Posten, sondern strebte nach irgendeinem anderen, für den er geeignet ist, den er sich daher wünscht und an dem er Freude hätte. Es gibt Menschen, die lieber für eine Arbeit verantwortlich sind, sie lieber organisieren und leiten, als sie mit ihren Händen zu tun. Andere wieder führen lieber knifflige, schwierige oder künstlerische Arbeiten aus als einfache. Ein Mann, der ein geborener Künstler ist, malt lieber einen Fries, ein Bild, schnitzt lieber eine Statue, als dass er einfache Arbeit verrichtet oder für die Arbeit anderer verantwortlich ist und sie anleitet. Und wieder andere gibt es, die lieber einfache, gewöhnliche Arbeiten ausführen als anleiten oder sich an Höherem versuchen, wofür sie weder Neigung noch Talent haben.
Eins aber ist zu beachten - ein äußerst wichtiger Punkt, den ihr völlig aus dem Auge zu verlieren scheint -, nämlich, dass all diese verschiedenen Typen und Zweige der Arbeit in einer Hinsicht gleich sind: Alle sind sie gleicher maßen notwendig. Jede ist ein notwendiges und unentbehrliches Teil des Ganzen; deshalb hat jeder, der seinen vollen Anteil an der notwendigen Arbeit geleistet hat, mit Recht auch Anspruch auf einen vollen Anteil an den Früchten. Die Leute, welche die Dachplatten legen, sind ebenso unentbehrlich wie die, welche den Grundstein legen. Die Arbeit derer, welche die Wände bauen und die Türen herstellen, ist ebenso notwendig wie die der Leute, die das Gesims verzieren. Keiner von ihnen wäre viel nütze ohne den Architekten, und aus den Plänen des Architekten würde ohne die übrigen Arbeiter nichts, und sein Gebäude bliebe weiter nichts als ein Luftschloss. Jeder Teil der Arbeit ist gleichermaßen wichtig, nützlich und unentbehrlich, wenn das Gebäude vollständig sein soll. Einige dieser Leute arbeiten mehr mit dem Kopf als mit den Händen, und andere arbeiten mehr mit den Händen als mit dem Kopf; jeder aber verrichtet seinen vollen Anteil an der Arbeit. Diese Wahrheit wird von denen, die das Gebäude unseres genossenschaftlichen Gemeinwesens errichten und instand halten, erkannt werden, und nach ihr werden sie handeln. Jeder Mensch, der seinen Fähigkeiten entsprechend seinen vollen Anteil an der nützlichen und notwendigen Arbeit leistet, soll auch seinen vollen Anteil am Gesamtergebnis erhalten. Darin wird der große Unterschied zum gegenwärtigen System bestehen, unter dem es den Gerissenen und Selbstsüchtigen möglich ist, die Einfältigkeit anderer auszunutzen und sie eines Teils der Früchte ihrer Arbeit zu berauben. Und wer in den höheren Zweigen der Arbeit beschäftigt ist, wird hinreichend belohnt sein durch das Vorrecht, die Arbeit zu verrichten, für die er geeignet ist und die ihm Freude macht. Allein die Männer und Frauen sind fähig zu einer guten und großen Arbeit gleich welcher Art, die, weil sie ihnen von Natur aus liegt, diese Arbeit um ihrer selbst willen lieben und nicht um des Geldes willen, das sie ihnen einbringt. Unter dem gegenwärtigen System schaffen viele Leute, die kein Geld brauchen, große Werke, nicht um des Gewinns, sondern um des Vergnügens willen; ihr Vermögen gestattet ihnen, ihren natürlichen Neigungen zu folgen. Aber unter dem gegenwärtigen System werden viele zu großen Werken fähige Männer und Frauen durch Armut und Mangel an Gelegenheit daran gehindert, ihren Fälligkeiten Ausdruck zu geben; sie leben in Kummer und sterben mit gebrochenem Herzen, und die Allgemeinheit hat das Nachsehen. Das sind die Männer und Frauen, die unsere Maler, unsere Bildhauer, Architekten, Ingenieure und unsere Industriekapitäne sein werden.
Unter dem gegenwärtigen System stehen Leute an der Spitze der Geschäfte, deren einziges Ziel die Anhäufung von Geld ist. Einige von ihnen haben große Fähigkeiten, und das System hat sie praktisch gezwungen, diese für ihre eigenen selbstsüchtigen Zwecke anzuwenden, zum Schaden der Allgemeinheit. Manche haben aus dem Schweiß, aus dem Blut und aus den Tränen von Männern, Frauen und kleinen Kindern große Vermögen angehäuft. Für Leute, die an solcher Arbeit Freude haben, wird es in unserem genossenschaftlichen Gemeinwesen keinen Platz geben."
„Sonst noch Fragen?" erkundigte sich Philpot.
„Ja", sagte Harlow. „Wenn's keine Extrabezahlung gibt und wenn jeder alles hat, was er braucht, solange er einfach bloß seinen Teil Arbeit macht, was gibt's dann überhaupt für 'nen Anreiz, sich den Kopf zu zerbrechen und zu versuchen, 'ne neue Maschine zu erfinden oder 'ne neue Entdeckung zu machen?"
„Nun", sagte Barrington, „ich denke, auch darauf trifft die letzte Antwort zu; sollte man es aber notwendig finden - was höchst unwahrscheinlich ist -, noch eine materielle Belohnung zusätzlich zu dem Respekt, der Achtung oder der Ehre zu gewähren, die der Urheber einer für die Gemeinschaft vorteilhaften Erfindung genösse, so könnte das dadurch geschehen, dass ihm gestattet wird, sich vor Ablauf der fünfundzwanzig Dienstjahre zur Ruhe zu setzen. Den Vorteil, den er der Gemeinschaft durch seine Erfindung gebracht hat, sähe man als gleichbedeutend an mit soundso vielen Arbeitsjahren. Ein derartiger Mensch wünschte jedoch nicht, mit der Arbeit aufzuhören; solche Leute arbeiten ihr ganzes Leben lang weiter - aus Freude an der Arbeit. Nehmt zum Beispiel Edison. Das ist einer der ganz wenigen Erfinder, denen ihr Werk Geld eingebracht hat; er ist ein reicher Mann; der einzige Nutzen aber, den sein Vermögen für ihn zu haben scheint, ist, ihm Möglichkeiten zu geben, seine Arbeit fortzuführen; sein Leben ist nichts weiter als das, was manche Leute mühevolle Plackerei nennen würden; für ihn aber ist es keine mühevolle Plackerei, sondern ein Vergnügen; er arbeitet aus Freude an der Arbeit. Eine andere Möglichkeit wäre die, solch einen Menschen von gewöhnlicher Arbeit zu befreien, damit er Gelegenheit hat, mit weiteren Erfindungen voranzukommen. Es läge im Interesse der
Gemeinschaft, ihn in jeder Weise zu fördern und ihm Materialien und Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen.
Doch ihr dürft nicht vergessen, dass selbst unter dem gegenwärtigen System Ehre und Ruhm höher geschätzt werden als Geld. Wie viele Soldaten zögen denn Geld der Ehre vor, das an sich gänzlich wertlose Victoriakreuz tragen zu dürfen?
Sogar jetzt schätzen die Menschen das Geld geringer als den Respekt, die Achtung oder die Ehre, die sie sich damit erwerben können. Viele Leute verbringen den größten Teil ihres Lebens mit dem Bemühen, Geld anzuhäufen, und haben sie dann Erfolg gehabt, so geben sie es aus, um sich die Ehrerbietung ihrer Mitmenschen zu erwerben. Einige geben Tausende Pfund aus für die Ehre, ,M. P.', Mitglied des Parlaments, hinter ihren Namen schreiben zu dürfen. Andere kaufen sich Titel. Wieder andere geben Riesensummen aus, um Zutritt zu exklusiven Gesellschaftskreisen zu erhalten. Andere wiederum verschenken das Geld zu Wohltätigkeitszwecken, gründen Bibliotheken oder Universitäten. Der Grund, weshalb sie all das tun, ist, dass sie wünschen, ihre Mitmenschen mögen ihnen Beifall spenden und sie ehren.
Dieser Wunsch ist am stärksten bei den fähigsten Männern ausgeprägt - den genialen Menschen. Deshalb wird unter dem Sozialismus der Hauptantrieb zur Arbeit der gleiche sein wie jetzt - Ehre und Ruhm. Aber unter dem gegenwärtigen System können Ehre und Ruhm mit Geld gekauft werden, und es macht nicht viel aus, wie das Geld erworben wurde.
Unter dem Sozialismus wird das anders sein. Das Ehrenkreuz und den Lorbeerkranz wird man nicht für schmutzigen Mammon verkaufen. Sie werden der höchste Preis für Tugend und Talent sein."
„Wünscht noch jemand umgelegt zu werden?" fragte Philpot.
„Was würdste 'n mit denen machen, die ihr ganzes Geld für den Suff ausgeben?" fragte Slyme.
„Ich könnte dich wohl fragen: ,Was wird denn jetzt mit ihnen getan, oder was schlägst du vor, sollte mit ihnen geschehen?' Es gibt viele Männer und Frauen, deren Da-
sein so mit schwerer Arbeit, mit Kummer und Elend, verursacht durch bitterste Armut, angefüllt ist, die von allem, was das Leben lebenswert macht, so völlig ausgeschlossen sind, dass die Zeit, die sie in der Kneipe verbringen, der einzige Sonnenstrahl in ihrem freudlosen Dasein ist. Ihre geistige und materielle Armut ist so groß, dass sie an den intellektuellen und gesellschaftlichen Freuden der Zivilisation nicht teilhaben und unfähig sind, sie zu verstehen... Unter dem Sozialismus wird es keine solche Schicht geben. Alle werden gebildet sein; ein geselliges Leben und geistige Genüsse werden allen erreichbar sein. Deshalb also glauben wir nicht, dass es eine solche Schicht geben wird. Jeder, der sich auf einen derartigen Weg begäbe, würde von seinen Mitmenschen gemieden; aber selbst wenn solche Leute sehr verkommen wären, erinnerten wir uns doch noch immer, dass sie unsere Brüder und Schwestern sind, betrachteten sie als an einer von ihren unzivilisierten Vorfahren ererbten Krankheit leidend und versuchten, sie zu heilen, indem wir ihnen gewisse Beschränkungen auferlegten - zum Beispiel in einem Institut."
„'ne gute Art, mit ihnen fertig zu werden", sagte Harlow, „wär auch, ihnen doppelten Lohn zu geben, damit sie sich zu Tode saufen könnten. Wir würden ohne ihresgleichen auskommen."
„Der nächste Fall bitte", sagte Philpot. „All der Überfluss, von dem du immerzu sprichst", sagte Crass, „-du bist doch gar nicht mal sicher, dass man das alles überhaupt produzieren kann. Du nimmst doch bloß an, dass es gemacht werden könnte."
Barrington deutete auf die noch immer sichtbaren Umrisse des Vierecks, das Owen zur Illustration seines letzten Vortrags an die Wand gezeichnet hatte.
„Selbst unter dem gegenwärtigen dummen System der eingeschränkten Produktion, bei dem die Mehrheit der Bevölkerung mit nutzloser, unproduktiver, überflüssiger Arbeit beschäftigt ist und viele überhaupt niemals arbeiten, wird genügend hergestellt, damit es bis zu einem gewissen Grade langt. Mehr als genug, denn infolge der Überproduktion', wie sie es nennen, sind die Märkte periodisch mit Waren aller Art überschwemmt; dann werden für eine
Zeitlang die Fabriken geschlossen und die Produktion wird eingestellt. Und doch bringen wir alle es fertig, irgendwie zu existieren. Das beweist doch: wenn die produzierende Industrie nach den von den Sozialisten befürworteten Grundsätzen organisiert würde, dann wäre es möglich, von allem eine so gewaltige Menge herzustellen, dass jeder in Wohlstand und Behaglichkeit leben könnte. Das Problem, wie man genügend herstellen kann, damit alle einen Überfluss genießen, ist ja bereits gelöst; das Problem, das also noch übrig bleibt, ist, wie man diejenigen loswerden kann, deren Habgier und hartherzige Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der anderen verhindert, dass soviel hergestellt wird."
„Jawoll! Und die wirste nie loswerden können, Mann!" rief Crass triumphierend - und der Mann mit den von Kupferdraht zusammengehaltenen Stiefeln meinte, das sei undurchführbar.
„Nun, wir beabsichtigen, es auf jeden Fall ernsthaft zu versuchen", sagte Barrington.
Crass und die meisten der übrigen versuchten krampfhaft, sich irgend etwas auszudenken, das sie zur Verteidigung der gegenwärtigen Verhältnisse oder gegen die vom Redner geäußerten Vorschläge sagen könnten; da sie jedoch nichts fanden, verharrten sie in einem mürrischen, düsteren Schweigen. Besonders der Mann mit den von Kupferdraht zusammengehaltenen Schuhen schien sehr verstört zu sein; vielleicht fürchtete er, falls die vom Redner befürworteten Dinge jemals verwirklicht würden, hätte er womöglich gar keine Schuhe mehr. Denn nur mit der Annahme, dass er etwas Ähnliches dachte, lässt sich seine Feindseligkeit vernünftig erklären; eine Veränderung könnte in seinem Fall unmöglich zum Schlimmeren führen, sie machte ihn fast gänzlich nackt und brächte ihn zum Verhungern.
Nach ihrem Mangel an Bereitschaft zu urteilen, irgendeinen Vorschlag zur Veränderung des gegenwärtigen Systems in Betracht zu ziehen, hätte man annehmen müssen, sie fürchteten, etwas zu verlieren, und nicht etwa, dass sie gar nichts zu verlieren hatten - außer ihrer Armut.
Erst nachdem der Versammlungsleiter mehrmals dringend aufgefordert hatte, noch weitere Fragen zu stellen,
erhellte sich Crass' Miene; langsam breitete sich ein frohes Lächeln über sein fettes Gesicht, und es erstrahlte: endlich war ihm ein äußerst ernsthaftes und unüberwindliches Hindernis für die Errichtung des genossenschaftlichen Gemeinwesens eingefallen.
„Was", fragte er mit lauter Stimme, „was machste 'n in deiner Sozialistenrepublik mit denen, die nicht arbeiten wollen?"
Als Crass diese Bombe ins sozialistische Lager geworfen hatte, konnte die elende Gesellschaft ringsum in ihren zerlumpten Hosen kaum ein Jubelgeschrei unterdrücken; der intelligentere Teil der Hörerschaft aber lachte nur.
„Wir glauben nicht, dass es solche Leute geben wird", sagte Barrington.
„Na, heutzutage laufen jedenfalls genug von der Sorte rum", höhnte Crass.
„Die menschliche Natur kannste nicht ändern, weißte", rief der Mann hinter dem Burggraben. Und der mit den geflickten Stiefeln lachte verächtlich.
„Ja, ich weiß, dass es jetzt genügend solche gibt", er widerte Barrington. „Etwas anderes ist auch gar nicht zu erwarten, wenn man bedenkt, dass praktisch alle Arbeiter in Armut leben und mit Verachtung angesehen werden. Die Bedingungen, unter denen gegenwärtig die meisten Arbeiten verrichtet werden, sind derartig unangenehm und herabwürdigend, dass jedermann sich weigert, zu arbeiten, wenn er nicht dazu gezwungen ist; keiner von uns hier zum Beispiel schuftete weiter für Rushton, wenn wir nicht entweder für ihn schuften oder aber verhungern müssten, und wenn wir arbeiten, verdienen wir nur gerade eben genug, um Leib und Seele beisammenzuhalten. Unter dem gegenwärtigen System vermeidet jeder, der nur irgend kann, überhaupt eine Arbeit zu tun; der einzige Unterschied ist, dass manche Leute ihren Müßiggang besser verbringen als andere. Die Aristokraten sind zu faul zu arbeiten, aber sie scheinen ganz gut zurechtzukommen; sie haben ja ihre Pächter, die für sie schuften. Rushton ist zu faul, um zu arbeiten; deshalb hat er es so eingerichtet, dass statt dessen wir und Nimrod tätig sind, und es geht ihm weitaus besser als irgendeinem von uns, die wir arbeiten. Dann gibt es
noch eine andere Sorte Nichtstuer, die umhergehen und betteln und gelegentlich lieber hungern, als sich so scheußlichen Bedingungen zu unterwerfen, wie ihnen geboten werden. Diesen geht es gewöhnlich nicht viel schlechter als uns, häufig besser. Gegenwärtig haben die Menschen alles zu gewinnen und nur wenig zu verlieren, wenn sie sich weigern zu arbeiten. Unter dem Sozialismus wäre genau das Gegenteil der Fall; die Arbeitsbedingungen wären so angenehm, die obligatorische Arbeitszeit so kurz und die Belohnung so groß, dass es widersinnig ist, sich vorzustellen, irgend jemand werde so töricht sein, sich die Verachtung seiner Mitmenschen zuzuziehen und sich zum gesellschaftlich Ausgestoßenen zu machen, indem er es ablehnt, den geringen Teil Arbeit zu verrichten, den die Gesellschaft, deren Mitglied er ist, von ihm fordert.
Und was nun die Frage betrifft, was wir mit solchen Individuen täten, wenn es doch einige gäbe, so kann ich euch versichern, wir behandelten sie nicht so, wie ihr sie jetzt behandelt. Wir kleideten sie nicht in Seide, Atlas, teures Tuch und feines Leinen; wir schmückten sie nicht, wie ihr es tut, mit Gold- und Silbergeschmeide und kostbaren Steinen, noch erlaubten wir ihnen, jeden Tag üppig zu speisen. Unsere Methoden, sie zu behandeln, unterscheiden sich sehr von den euren. Im genossenschaftlichen Gemeinwesen wird es keinen Platz für Müßiggänger geben, ob sie sich nun Aristokraten oder Vagabunden nennen; wer zu faul ist, um zu arbeiten, wird an den durch die Arbeit anderer hergestellten Dingen nicht teilhaben. Wer nichts tut, soll auch nichts haben. Wenn ein Mensch nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen. Unter dem gegenwärtigen System kann ein Mann, der in Wirklichkeit zu faul ist, um zu arbeiten, euch auf der Straße anhalten und erzählen, er könne keine Arbeit finden. Ihr wißt's ja nicht, vielleicht sagt er die Wahrheit, und wenn ihr ein Herz habt und in der Lage seid, zu helfen, helft ihr ihm. Im sozialistischen Staat jedoch hätte niemand eine solche Ausrede, denn jeder, der den Willen dazu hätte, wäre bei der Arbeit willkommen, Reichtum und Glück für alle zu schaffen, und dann wäre er auch willkommen, wenn er seinen vollen Anteil an den Ergebnissen entgegennähme."
„Noch irgendwelche Klagen?" fragte der Versammlungsleiter und brach das trübe Schweigen, das auf die letzten Worte folgte.
„Ich möchte nicht, dass irgend jemand glaubt, ich machte einem der heutigen Müßiggänger einen Vorwurf", setzte Barrington hinzu. „Von den Reichen kann man nicht erwarten, dass sie freiwillig kommen und unter den gegenwärtigen Bedingungen arbeiten, und täten sie es, so schadeten sie mehr, als sie nützten - sie nähmen irgendeinem armen Teufel den Arbeitsplatz. Ihnen kann man keinen Vorwurf machen; den kann man nur den Arbeitern selbst machen, die das Fortdauern des gegenwärtigen Systems fordern und dafür ihre Stimme geben. Und was die andere Sorte von Müßiggängern betrifft - die am untersten Ende, Vagabunden und Leute dieser Art -, so schadeten sie, falls sie morgen nüchtern und fleißig würden, gleichfalls den anderen Arbeitern mehr, als ihnen zu nutzen; denn es steigerte ja die Konkurrenz um den Arbeitsplatz. Wenn alle Herumtreiber in Mugsborough nächste Woche plötzlich in anständige Stubenmaler verwandelt werden könnten, so wäre Nimrod wohl in der Lage, die Löhne um noch einen Penny die Stunde herabzusetzen. Ich möchte in keiner Weise verächtlich von diesen Vagabunden sprechen. Einige unter ihnen sind einfach nur deshalb Vagabunden, weil sie lieber hungern, als sich den erniedrigenden Bedingungen zu unterwerfen, denen wir uns beugen; sie sehen nicht ein, weshalb sie sich herumkommandieren, herumjagen und -hetzen lassen sollen, nur um halb zu verhungern und Lumpen dafür zu bekommen. Das können sie auch haben, ohne zu arbeiten, und manchmal meine ich, sie verdienen mehr Achtung und sind ein edlerer Menschenschlag als ein solcher Haufen gebrochener armer Teufel wie wir - ständig der Gnade unserer Herren ausgeliefert und ständig in Furcht vor der Entlassung."
„Sonst noch Fragen?" erkundigte sich der Versammlungsleiter.
„Willste vielleicht sagen, 's wird 'ne Zeit kommen, wo die feinen Herrschaften auf gleichem Fuß mit unsereinem verkehren?" fragte der Mann hinter dem Burggraben verächtlich.
„O nein", erwiderte der Redner. „Wenn wir den Sozialismus haben, gibt es solche Leute wie uns nicht mehr. Dann sind alle zivilisiert."
Der Mann hinter dem Burggraben schien von der Antwort nicht sehr befriedigt zu sein und sagte zu den anderen, er wüsste nicht, was es zu lachen gebe.
„Noch Fragen?" rief Philpot. „Jetzt habt ihr Gelegenheit, euch zu revanchieren, aber quatscht nicht alle auf einmal!"
„Ich möcht gern mal wissen, wer denn die ganzen Drecksarbeiten machen soll?" fragte Slyme. „Wenn sich jeder seinen Beruf aussuchen kann, wer würde 'n dann so dumm sein, Straßenkehrer, Schornsteinfeger, Müllabfuhrmann oder Kanalisationsarbeiter zu werden? So 'ne Arbeiten würde doch dann niemand mehr machen wollen, und alle würden sie hinter den leichten Arbeiten her sein."
„Klar", rief Crass und klammerte sich eifrig an diesen letzten Strohhalm, „hört sich ganz nett an, bis du's dir näher beguckst - aber durchführen lässt sich's nie!"
„Mit einer solchen Schwierigkeit könnte man sehr leicht fertig werden", antwortete Barrington, „wenn festgestellt würde, dass zu viele Menschen einen bestimmten Beruf zu ergreifen wünschen, wüsste man, dass die mit dieser Arbeit verbundenen Bedingungen, verglichen mit denen anderer Berufe, ungerechtfertigt leicht wären, und so verschärfte man eben die Bedingungen in diesem Arbeitszweig. Man verlangte eine höhere Qualifikation. Wenn wir feststellten, dass zu viele Leute gern Ärzte, Architekten, Ingenieure und dergleichen werden möchten, erschwerten wir die Prüfungen. Das schreckte alle außer den Begabtesten und Begeistertsten ab. Damit verringerten wir mit einem Schlag die Anzahl der Bewerber und sicherten die allerbesten Leute für diese Arbeit; dann hätten wir bessere Ärzte, bessere Architekten, bessere Ingenieure als zuvor.
Was nun die unangenehmen Arbeiten betrifft, für die man nur schwer Freiwillige bekäme, so griffen wir zu dem gegenteiligen Mittel. Angenommen, sechs Stunden sei die gewöhnliche Arbeitszeit, und wir stellten fest, dass wir keine Kanalisationsarbeiter bekommen könnten - dann setzten wir die Arbeitszeit in diesem Beruf auf vier Stunden herab
oder wenn nötig auch auf zwei, um das Unangenehme der Arbeit wettzumachen.
Ein anderer Ausweg aus solchen Schwierigkeiten wäre, eine gesonderte Abteilung der industriellen Armee für alle diese Arbeiten zu haben und es für jeden obligatorisch zu machen, sein erstes Jahr im Staatsdienst als Mitglied dieses Korps zu verbringen. Das bedeutete keine Härte. Jeder hat den Nutzen einer solchen Arbeit; es wäre nicht ungerecht von jedem zu verlangen, sein Teil dabei zu leisten. Das wirkte sich als Anreiz zu Erfindungen aus; es läge in jedermanns Interesse, Wege auszudenken, wie solche Arbeiten abgeschafft werden könnten, und zweifellos werden die meisten davon auf diese oder jene Weise durch Maschinen besorgt werden. Noch vor wenigen Jahren war die einzige Möglichkeit, eine Stadt zu beleuchten, die, von einer Gaslampe zur anderen zu gehen und jede Flamme gesondert anzuzünden; jetzt drücken wir auf ein paar Knöpfe und beleuchten die Stadt mit elektrischem Strom. In Zukunft brauchen wir wahrscheinlich nur auf einen Knopf zu drücken, um die Entwässerungsrohre durchzuspülen."
„Und was ist mit der Rel'ion?" fragte Slyme. „Ich nehme an, Kirchen und Kapellen wird's woll nicht mehr geben; dann wer'n wir alle Atheisten sein müssen."
„Jeder wird volle Freiheit genießen, sich seine eigene Meinung zu bilden und jede Religion auszuüben, die er will; keine Kirche oder Sekte aber wird vom Staat unterhalten werden. Falls irgendeine Gemeinde oder Körperschaft wünscht, ein Gebäude zu ihrer ausschließlichen Benutzung als Kirche, Kapelle oder Vortragssaal zu besitzen, so wird es ihr der Staat zu den gleichen Bedingungen überlassen, zu denen auch Wohnhäuser zur Verfügung gestellt werden; der Staat wird das Spezialgebäude errichten, und die Gemeinde wird entsprechend den Baukosten Miete dafür zahlen müssen, natürlich in Papiergeld. Was nun die Verschönerung und Ausschmückung solcher Gebäude betrifft, so wird selbstverständlich nichts die Gemeindemitglieder hindern, solche Arbeiten in ihrer Freizeit selbst auszuführen, deren sie ja genügend haben werden.
„Wenn jeder seinen Teil Arbeit machen muss, wo soll n dann der Prediger oder Pfarrer herkommen?"
„Aus dieser Schwierigkeit gibt es zumindest drei Auswege. Einmal könnten Prediger aus den Reihen der Veteranen kommen - Leute, die das Alter von fünfundvierzig Jahren überschritten und ihre Dienstzeit für den Staat beendet haben.
Ihr dürft nicht vergessen, dass sie keine verarbeiteten Wracks sein werden, wie es heute nur allzu viele aus der Arbeiterklasse sind. Sie werden ihr ganzes Leben lang gute Nahrung, gute Kleidung und gute Allgemeinbedingungen genossen haben; infolgedessen sind sie dann in der Blüte ihrer Jahre. Sie werden jünger sein, als viele von uns es heute mit dreißig sind; das werden die idealen Menschen für die Stellung sein, von der wir sprechen. Alle werden in ihrer Jugend eine gute Erziehung genossen haben, alle in den Jahren ihres Staatsdienstes viel Zeit für ihre Bildung gehabt haben, und außerdem spräche zu ihren Gunsten, dass ihre Gemeinde sie für ihre Dienste nicht zu bezahlen brauchte.
Ein anderer Weg wäre der: Wünscht eine Gemeinde, die Gesamtarbeitszeit eines jungen Menschen in Anspruch zu nehmen, den sie für besonders begabt hält, der jedoch seinen Staatsdienst noch nicht beendet hat, so könnte sie sich ihn sichern, indem sie dem Staat für seine Dienste bezahlte; so bliebe der junge Mann weiter im Staatsdienst, bekäme seinen Lohn weiter vom nationalen Schatzamt und wäre im Alter von fünfundvierzig Jahren wie jeder andere Arbeiter pensionsberechtigt, und von da an brauchte die Gemeinde dem Staat nichts mehr zu bezahlen.
Ein dritter - und wie mir scheint, der ehrenhafteste Weg - wäre es, wenn der Betreffende der Gemeinde als Geistlicher, Pastor, Prediger oder was immer es sein mag, diente, ohne zu versuchen, um seinen Anteil am Staatsdienst herumzukommen. Die Anzahl der Pflichtarbeitsstunden wäre so gering und die Arbeit so leicht, dass er reichlich Muße hätte, seine Reden vorzubereiten, ohne auf Kosten seiner Religionsgenossen zu leben."
„Hört, hört!" rief Harlow.
„Selbstverständlich", fuhr Barrington fort, „wären es nicht nur christliche Gemeinden, die eine dieser Methoden anwenden könnten. Es wäre zum Beispiel möglich, dass eine
Gemeinde von Agnostikern ein gesondertes Gebäude zu haben oder einen Prediger zu haben wünschte."
„Was zum Teufel ist denn 'n Agnostiker?" fragte Bundy. „'n Agnostiker", sagte der Mann hinter dem Burggraben, „ist 'n Kerl, der überhaupt nichts glaubt, wenn er's nicht mit seinen eigenen Augen sehen kann."
„Alle diese organisatorischen Einzelheiten der Angelegenheiten und der Arbeit des genossenschaftlichen Gemeinwesens", fuhr der Redner fort, „bekümmern uns überhaupt nicht. Sie sind einfach nur von verschiedenen Personen vorgeschlagen worden, um einige Wege zu zeigen wie diese Dinge geregelt werden könnten. Über die genauen Methoden, die angewendet werden sollen, wird die Meinung der Mehrheit entscheiden, wenn die Arbeit in Angriff genommen wird. Was wir inzwischen zu tun haben, ist, darauf zu bestehen, dass der Staat verpflichtet ist, für die Arbeitslosen produktive Arbeit zu beschaffen, dass er eine staatliche Speisung der Schulkinder einrichtet, dass die Eisenbahnen, der Boden, die Truste und alle sich noch in Händen privater Gesellschaften befindlichen öffentlichen Dienste nationalisiert werden. Wollt ihr, dass all das durchgeführt wird, so müsst ihr aufhören, für liberale oder konservative Antreiber, Aktionäre von Gesellschaften, Advokaten, Aristokraten und Kapitalisten zu stimmen, und ihr müsst das Unterhaus mit revolutionären Sozialisten füllen, das heißt mit Leuten, die dafür sind, das gegenwärtige System gänzlich zu verändern. Und an dem Tage, an dem ihr das tut, habt ihr das ,Problem' der Armut gelöst. Dann wird niemand mehr durch die Straßen ziehen und um Arbeit betteln! Zu Haus werden keine hungrigen Kinder mehr warten. Keine zerrissenen Stiefel, keine zerlumpten Anzüge wird es mehr geben, keine Frauen und Kinder, die sich mit schwerer Arbeit zugrunde richten, während starke Männer beschäftigungslos danebenstehen - sondern nur noch frohe Arbeit und frohe Mußezeit für alle." „Gibt's sonst noch 'ne Frage?" rief Philpot. „Ist das wahr", wollte Easton wissen, „dass die Sozialisten beabsichtigen, die Armee und die Kriegsmarine abzuschaffen?"
„Jawohl, das ist wahr. Die Sozialisten glauben an die internationale Brüderlichkeit und an den Frieden. Fast alle Kriege werden durch profitsüchtige Kapitalisten verursacht, die neue Gebiete zur kommerziellen Ausbeutung suchen, und durch Aristokraten, die daraus ein Mittel machen, sich in den Augen der irregeleiteten einfachen Menschen zu verherrlichen. Ihr dürft nicht vergessen, dass der Sozialismus nicht nur eine nationale, sondern eine internationale Bewegung ist, und wenn er durchgeführt wird, gibt es gar keine Möglichkeit des Krieges mehr, wir brauchen keine Armee und keine Flotte mehr aufrechtzuerhalten und auch nicht mehr einen Haufen Arbeitskräfte für den Bau von Kriegsschiffen oder für die Herstellung von Waffen und Munition zu vergeuden. Alle Leute, die jetzt damit beschäftigt sind, werden dann für das große Werk frei sein, die Wohltaten der Zivilisation zu produzieren; sie werden Wohlstand, Wissen und Glück für sich und für andere schaffen - Sozialismus heißt Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Bis dahin aber wissen wir, dass bei den anderen Völkern noch nicht alle Leute Sozialisten sind; wir vergessen nicht, dass es in fremden Ländern ebenso wie in Großbritannien eine große Anzahl profitsüchtiger Kapitalisten gibt, so bar aller Menschlichkeit, dass sie - wenn sie einen Erfolg und Profit witterten -keine Bedenken hätten, hierher zu kommen, um zu morden und zu rauben. Wir vergessen nicht, dass es in anderen Ländern ebenso wie hier genügend so genannte christliche Bischöfe und Priester gibt, die stets bereit sind, jedem solchen Mordplan ihren Segen zu erteilen und gotteslästerliche Gebete an das Höchste Wesen zu richten, es möge seinen Kindern helfen, einander wie wilde Tiere umzubringen. Und da wir alle das wissen und daran denken, sind wir uns klar darüber, dass es bis zu dem Zeitpunkt, wo wir den Kapitalismus, die Aristokratie und den antichristlichen Klerikalismus abschaffen, unsere Pflicht ist, darauf vorbereitet zu sein, unser Heim und unser Vaterland zu verteidigen. Deshalb sind wir dafür, die nationalen Verteidigungsstreitkräfte auf einem so hohen Leistungsstand zu halten wie möglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir befürworteten, das gegenwärtige System solle diese Streitkräfte organisieren. Wir halten nichts vom Wehrzwang und sind auch nicht der Meinung, das Land sollte weiterhin eine stehende Armee von Berufssoldaten aufrechterhalten, damit sie daheim benutzt wird, Männer und Frauen aus der Arbeiterklasse im Interesse einer Handvoll Kapitalisten dahinzuschlachten, wie es in Featherstone und in Belfast geschehen ist, oder damit sie im Ausland benutzt wird, um Menschen anderer Völker zu morden und zu berauben. Die Sozialisten sind für die Einrichtung einer nationalen Bürgerarmee einzig zu Verteidigungszwecken. Wir glauben, jeder taugliche Mann sollte verpflichtet sein, dieser Streitkraft anzugehören und einen militärischen Ausbildungslehrgang zu besuchen, ohne dass man aber einen Berufssoldaten aus ihm macht oder ihn aus dem Zivilleben nimmt, ihn seiner Bürgerrechte beraubt und ihn einem ,Militärgesetz' unterwirft, das nur ein anderer Name für Tyrannei und Despotismus ist. Diese Bürgerarmee könnte etwa nach ähnlichen Gesichtspunkten organisiert sein, wie es die gegenwärtige Territorialarmee ist, mit gewissen Unterschieden. Zum Beispiel glauben wir nicht - wie es unsere heutigen Herrscher tun -, dass Reichtum und aristokratische Verbindungen die beiden wichtigsten Befähigungsmomente für einen tüchtigen Offizier sind; wir glauben, jeder Rang sollte für jeden erreichbar sein, so arm der einzelne auch sein mag, sofern er nur fähig ist, die nötigen Prüfungen zu bestehen; und mit diesen Stellungen sollten keine Unkosten verbunden sein, für welche die von der Regierung bewilligten Gelder oder das Gehalt nicht ausreichen. Die Offiziere könnten auf verschiedene Weise ernannt werden. Sie könnten von der Mannschaft, die sie zu kommandieren hätten, gewählt werden, und die einzige Vorbedingung wäre, dass sie ihre Prüfungen bestehen, oder sie könnten entsprechend ihrem Verdienst ernannt werden - der Kandidat, der bei den Prüfungen die höchste Punktzahl erreichte, hätte den Vorrang für einen freien Posten, und so fort in der Reihenfolge des Verdienstes. Wir sind für die völlige Abschaffung des Kriegsgerichts; jedes Vergehen gegen die Disziplin sollte nach gewöhnlichem Zivilrecht zu bestrafen sein, da doch kein Angehöriger der Bürgerarmee seines Bürgerrechts beraubt wäre. „Na, und die Marine?" riefen mehrere Stimmen.
„Niemand beabsichtigt, sich in die Angelegenheiten der Marine einzumischen, als nur, um sie demokratischer zu machen - ebenso wie die Bürgerarmee -, und um ihre Angehörigen vor Tyrannei zu schützen, indem sie das Recht erhalten, bei jedem ihnen zur Last gelegten Vergehen vor ein Zivilgericht gestellt zu werden.
Es ist bewiesen worden, dass der Boden unseres Landes, wenn man ihn nach wissenschaftlichen Methoden bearbeitet, ertragreich genug ist, um eine Bevölkerung von hundert Millionen Menschen zu ernähren. Gegenwärtig besteht unsere Bevölkerung nur aus etwa vierzig Millionen Menschen; solange aber der Boden im Besitz von Leuten bleibt, die nicht zulassen wollen, dass er bestellt wird, werden wir auch weiterhin in der Lebensmittelversorgung von anderen Ländern abhängig sein. Solange wir uns in dieser Lage befinden und solange die fremden Länder von liberalen und konservativen Kapitalisten regiert werden, brauchen wir die Marine, um unseren Überseehandel vor ihnen zu schützen. Hätten wir eine neun oder zehn Millionen starke Bürgerarmee, wie die von mir erwähnte, und würde der Boden unseres Landes richtig bestellt, so wären wir daheim unbesiegbar. Keine fremde Macht wäre dann jemals so wahnsinnig, mit ihren Streitkräften an unseren Ufern zu landen. Jetzt könnten sie uns jedoch innerhalb eines Monats alle verhungern lassen, wenn wir nicht die Marine hätten. Eine vernünftige und ehrenvolle Lage, wie?" schloss Barrington. „Selbst in Friedenszeiten stehen Tausende von Menschen müßig und unterwürfig da und leiden Hunger in ihrem eigenen fruchtbaren Land, weil ein paar ,Herren' ihnen verbieten, es zu bestellen."
„Sonst noch 'ne Frage?" brach Philpot das lange Schweigen.
„Möchte irgend'n liberaler oder konservativer Kapitalist vielleicht ans Rednerpult treten und dem Vortragenden widersprechen?" fuhr der Versammlungsleiter fort, als er sah, dass niemand seiner Aufforderung nachkam, weitere Fragen zu stellen.
Das Schweigen dauerte an.
„Da es keine Fragen nicht mehr gibt und da keiner nicht ans Rednerpult treten will, hab ich jetzt die schmerzliche
Pflicht, jemand aufzufordern, 'ne Entschließung zu beatragen."
„Nun, Herr Versammlungsleiter", sagte Harlow, „ich kann wohl sagen, als ich zu der Firma hier kam, war ich 'n Liberaler, aber nachdem ich mehrere Vorträge von Professor Owen gehört hab und bei den Versammlungen auf dem Hügel von Windley gewesen bin und die Bücher und Broschüren gelesen hab, die ich dort und von Owen gekauft hab, bin ich schon vor einiger Zeit zu dem Schluss gekommen, dass wir ja Hammel sind, wenn wir für die Kapitalisten stimmen, ob sie sich nu Liberale oder Konservative nennen. Wenn du für sie arbeitest, sind sie alle gleich - ich möchte den sehen, der den Unterschied zwischen 'nem liberalen und 'nem konservativen Unternehmer erklären kann. 's gibt keinen - 's kann gar keinen geben; beide sind's Antreiber und müssen's sein, sonst würden sie ja nicht einer mit dem andren konkurrieren können. Und weil sie das sind, sag ich, sind wir Hammel, wenn wir sie ins Parlament wählen, damit sie über uns herrschen und Gesetze machen, nach denen wir uns richten müssen, ob wir wollen oder nicht. Zwischen ihnen gibt's nichts zu wählen, und der Beweis ist, dass es für uns nie viel ausgemacht hat, welche Partei grad am Ruder war und welche nicht. 's stimmt schon, dass beide in der Vergangenheit auch gute Gesetze gemacht haben, aber nur, wenn die öffentliche Meinung so stark dafür war, dass sie gewusst haben, sie würden nicht drum rumkommen, und dann war's reiner Zufall, welche Seite's gemacht hat.
So seh ich in letzter Zeit die Dinge an, und ich hab mich schon fast entschlossen, überhaupt nie mehr zu wählen und mich auch nicht mehr um Polletik zu kümmern, denn wenn ich auch gesehn hab, dass es sinnlos ist, für liberale oder konservative Kapitalisten zu stimmen, so muss ich doch zugeben, mir war nicht klar, wie uns denn der Sozialismus helfen würde. Aber durch die Erklärung, die uns heut Nachmittag Professor Barrington darüber gegeben hat, ist mir 'n Seifensieder aufgegangen, und wenn ihr erlaubt, möchte ich folgende Entschließung beantragen: ,Die hier Versammelten sind der Ansicht, dass der Sozialismus das einzige Mittel gegen Arbeitslosigkeit und Armut ist.'"
Das Ende der Ansprache Harlows wurde von den Sozialisten mit lauten Beifallsrufen aufgenommen, die meisten der liberalen und konservativen Anhänger des gegenwärtigen Systems aber schwiegen mürrisch.
„Ich unterstütze den Antrag", sagte Easton.
[[„Und ich wette 'nen Schilling für beide Seiten", bemerkte Bundy.
Über den Antrag wurde nun abgestimmt, und obgleich die Mehrheit dagegen war, erklärte der Versammlungsleiter, der Antrag sei einstimmig angenommen worden.]]
Mittlerweile hatte die Heftigkeit des Sturms ziemlich nachgelassen; da es jedoch noch immer regnete, beschlossen sie, nicht zu versuchen, die Arbeit heute wiederaufzunehmen. Es wäre auch zu spät gewesen, selbst wenn sich das Wetter aufgeklärt hätte.
„Vielleicht ist's grad so gut, dass es geregnet hat", bemerkte einer der Arbeiter. „Sonst hätten sie heut Abend womöglich 'n paar auf die Straße gesetzt. Sowieso langt die Arbeit kaum, dass alle morgen und Sonnabend früh noch zu tun haben, auch wenn schönes Wetter ist."
Das stimmte, fast alle Außenarbeiten waren erledigt, und was übrig blieb, brauchte nur noch den letzten Anstrich. Drinnen war weiter nichts mehr zu tun, als die Wände farbig zu tünchen und das Holzwerk in Küche und Spülkammer mit dem letzten Anstrich zu versehen.
Wenn die Firma nicht woanders Arbeit für sie hatte, musste es unweigerlich am Sonnabend eine große „Metzelei" geben.
„Nun", sagte Philpot und bemühte sich, den Ton einer Lehrerin nachzuahmen, die zu Schulkindern spricht. „Ich möchte, dass ihr euch alle besondere Mühe gebt, sehr früh da zu sein - sagen wir um vier Uhr -, und der, der morgen die meiste Arbeit schafft, kriegt am Sonnabend 'ne Belohnung."
„Was 'n für eine - die Entlassung?"
„Jawoll", antwortete Philpot, „und ihr kriegt nicht nur morgen 'ne Belohnung für gutes Benehmen, sondern wenn ihr weiter so arbeitet wie in der letzten Zeit, bis ihr zu alt und zu verbraucht seid, um noch was zu schaffen, dürft ihr auch für den Rest von eurem Leben in 'n hübsches Armen-
haus gehn! Und jeder kriegt 'nen Titel: ,Almosenempfängger'!"
Und sie lachten darüber!
Obwohl die Mehrzahl von ihnen Mutter, Vater oder andere nahe Verwandte hatte, die bereits in den Besitz dieses Titels gelangt waren - lachten sie!
Als sie heimgingen, blieb Crass am Gartentor stehen, deutete auf den hohen Giebel am Ende des Hauses und sagte zu Philpot:
„Da brauchste morgen die längste Leiter dazu - die Fünfundsechziger."
Philpot sah zu dem Giebel hinauf.
Er war sehr hoch.

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