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Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
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26. Kapitel Das Rechteck (Schluss)

Als Philpot sein Mittagessen beendet hatte, verließ er die Küche und kehrte bald darauf mit einer neuen Leiter zurück, die er in einer Ecke des Raumes aufstellte, die Rückseite der Stufen dem Publikum zugewendet.
„Da, mein Sohn", rief er Owen zu. „Hier haste 'n Rednerpult!"
„Jawoll! Los!" rief Crass und fühlte in seiner Westentasche nach dem Zeitungsausschnitt. „Sag uns mal, was die wahre Ursache der Armut ist."
„Hört, hört!" rief der Mann auf dem Eimer. „Stell dich auf das verdammte Pult und halt uns 'ne Predigt."
Da Owen auf diese Einladungen nicht reagierte, begann die Menge zu johlen und zu pfeifen.
„Los, Mann", flüsterte Philpot und blinzelte Owen mit seinen hervorquellenden Augen aufmunternd an. „Los, bloß zum Spaß, zum Zeitvertreib."
Owen stieg also auf die Leiter - zur heimlichen Freude von Crass - und wurde sogleich mit begeistertem Applaus empfangen.
„Na also, seht ihr?" sagte Philpot, zur Versammlung gewendet. „'s hat gar keinen Zweck nicht, zu pfeifen und zu drohen, er ist nämlich einer von den Rednern, die man bloß mit Güte kriegen kann. Wenn ich nicht gewesen wär, hätt er sich überhaupt nicht bereit erklärt zu sprechen."
Nachdem Philpot einstimmig zum Versammlungsleiter gewählt worden war - auf Antrag Harlows, unterstützt von dem Mann auf dem Eimer -, begann Owen:
„Herr Vorsitzender, meine Herren,
da ich nicht gewohnt bin, in der Öffentlichkeit zu reden, wage ich nur zögernd, mich an eine so große, erlesene, elegante und intelligent aussehende Zuhörerschaft zu wenden, wie ich die Ehre habe, sie hier vor mir versammelt zu sehen." (Beifall.)
„Einer von den besten Rednern, die ich je gehört hab!" bemerkte der Mann auf dem Eimer, laut zum Versammlungsleiter flüsternd, der ihm zu schweigen winkte.
Owen fuhr fort:
„In einigen meiner vorhergehenden Vorträge habe ich versucht, Sie zu überzeugen, dass Geld an sich wertlos ist und keinerlei wirklichen Nutzen hat. Ich fürchte, dass ich dabei wenig Erfolg gehabt habe."
„Aber keineswegs, Mann, keineswegs!" rief Crass ironisch. „Wir sind alle damit einverstanden."
„Hört, hört!" rief Easton. „Wenn jetzt 'n Kerl hier reinkäm und mir 'n Pfund anbieten wollte - ich würd mich weigern, 's anzunehmen!"
„Ich ebenfalls", sagte Philpot.
„Nun, ob ihr einverstanden seid oder nicht - die Tatsache bleibt bestehen. Ein Mensch könnte so viel Geld besitzen, dass er in England verhältnismäßig reich wär; aber wenn er in ein Land ginge, wo die Kosten der Lebenshaltung sehr hoch sind, so befände er sich dort im Zustand der Armut. Oder er könnte auch wohl an einem Ort sein, wo die zum Leben notwendigen Dinge für Geld überhaupt nicht zu kaufen sind. Deshalb führt es zu einem besseren Verständnis des Gegenstandes, wenn wir sagen, dass reich zu sein nicht unbedingt bedeutet, viel Geld zu haben, sondern vielmehr die Möglichkeit, im Überfluss die Dinge zu genießen, die durch die Arbeit geschaffen werden, und dass Armut nicht einfach nur bedeutet, kein Geld zu haben, sondern Knappheit an den zum Leben notwendigen und angenehmen Dingen zu leiden - oder mit anderen Worten: Knappheit an den Wohltaten der Zivilisation, an den Dingen, die alle ausnahmslos durch die Arbeit erzeugt werden. Und ob ihr nun mit sonst irgend etwas von dem, was ich sage, übereinstimmt oder nicht - das werdet ihr doch alle zugeben: dies ist der Zustand, in dem wir uns gegenwärtig befinden. Wir genießen keinen vollen Anteil an den Wohltaten der Zivilisation - wir befinden uns alle im Zustand mehr oder wenig bitterer Armut."
„Zur Sache!' rief Crass, und von mehreren Seiten ertönte ein lautes Gemurmel empörten Widerspruchs, während Owen fortfuhr:
„Wie kommt es, dass wir nicht genügend von den Dingen haben, die durch die Arbeit geschaffen werden?"
„Der Grund, weshalb wir so wenig von den Dingen haben, die durch die Arbeit gemacht werden", unterbrach ihn Crass, Owens Art nachäffend, „ist, dass uns der nötige Zaster fehlt, das verdammte Zeugs zu kaufen."
„Jawoll", sagte der Mann auf dem Eimer, „und wie ich schon gesagt hab, wenn alles Geld im Land heute Owens Ideen entsprechend gleichmäßig aufgeteilt würde - in sechs Monaten wär's wieder in denselben Händen wie jetzt, und was machste 'n dann?"
„Natürlich wieder aufteilen!"
Diese Antwort erklang höhnisch von mehreren Seiten gleichzeitig, und dann begannen alle auf einmal zu sprechen und überboten einander darin, sich über die Torheit „dieser Sozialisten" lustig zu machen, die sie die „Austeiler" nannten.
Fast der einzige, der sich an der Unterhaltung nicht beteiligte, war Barrington. Er saß an seinem gewohnten Platz und rauchte wie üblich schweigend, seine Umgebung scheinbar vergessend.
„Ich habe nie etwas davon gesagt, dass ,alles Geld verteilt werden' sollte", sagte Owen, als eine Stille während des Sturms eintrat, „und ich weiß auch von keinem Sozialisten, der für irgend etwas Ähnliches eintritt. Kann mir einer von euch den Namen von jemand nennen, der vorschlägt, so etwas zu tun?"
Niemand antwortete, daher wiederholte Owen seine Frage und wandte sich diesmal direkt an Crass, der einer der lautesten gewesen war, die „Austeiler" anzuklagen und lächerlich zu machen. Als Crass - der über den Gegenstand absolut nichts wusste - auf diese Weise in die Enge getrieben wurde, sah er einige Augenblicke lang sehr töricht drein. Dann begann er, mit lauter Stimme zu sprechen:
„Na, das ist doch 'ne bekannte Tatsache. Das weiß doch jeder, dass es das ist, was sie wollen. Aber sie passen verdammt gut auf, dass sie sich selbst nicht danach richten. Guck dir doch die Labourabgeordneten im Unterhaus an -'n Haufen Strolche, die zu faul sind, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten! Was zum Teufel waren sie denn, ehe sie dahin gekommen sind? Bloß Arbeiter, genau wie du und ich! Aber sie können quasseln und..."
„Ja, das wissen wir alles", sagte Owen, „aber was ich dich gefragt habe, war: sag uns, wer empfiehlt, alles Geld im Lande zu nehmen und gleichmäßig zu verteilen?"
„Und ich sag, jedes Kind weiß, dass sie darauf aus sind!" schrie Crass. „Und du weißt's genauso gut wie ich. 'ne feine Sache!" setzte er entrüstet hinzu. „Nach der Idee soll irgend so 'n Straßenkehrer oder 'n Landarbeiter denselben Lohn kriegen wie du oder ich!""
„Darüber können wir ein andermal sprechen. Was ich jetzt wissen will, ist: worauf stützt du deine Behauptung, die Sozialisten seien dafür, alles Geld zu gleichen Teilen an alle Menschen auszugeben?"
„Na, ich hab immer verstanden, das wär's, was sie wollen", sagte Crass ziemlich kleinlaut.
„Ist doch 'ne bekannte Tatsache", meinten einige der anderen.
„Dabei fällt mir ein", fuhr Crass fort und zog den Ausschnitt aus dem „Verdunkler" aus der Westentasche. „Hab hier 'ne kleine Sache, die ich dir vorlesen wollte. Stammt aus 'm ,Verdunkler'. Hatte's ganz vergessen."
Mit der Bemerkung, der Druck sei zu klein für seine Augen, reichte er das Blättchen Harlow hinüber, der folgendes laut vorlas:

„BEWEIST EURE GRUNDSÄTZE;
ODER: SEHT EUCH BEIDE SEITEN AN

,Ich wollte, ich könnte dir die Augen für das wirkliche Elend unserer Lage öffnen: nichts als Ungerechtigkeit, Tyrannei und Unterdrückung!' sagte eine unzufriedene Mähre zu einem müde aussehenden Gaul, während sie mit ihren leeren Droschken Seite an Seite standen.
,Ich möchte sie mir lieber für etwas Angenehmes öffnen lassen, besten Dank', erwiderte der Gaul.
,Du tust mir leid. Könntest du dich mit den edlen Bestrebungen vertraut machen...', begann die Mähre.
,Sprich deutlich. Was möchtest du erreichen?' unterbrach sie der Gaul.
,Was ich erreichen möchte? Nun, Gleichheit, und dass geteilt wird - in der ganzen Welt gleichmäßig geteilt wird', sagte die Mähre.
,Ist's dir Ernst damit?' fragte der Gaul.
,Natürlich. Welches Recht haben diese glatten, verhätschelten Jagd- und Rennpferde auf ihre warmen Ställe und ihr nahrhaftes Futter, ihre Pferdeknechte und Jockeis? Das Herz dreht sich einem im Leibe um, wenn man daran denkt', erwiderte die Mähre.
,Ich weiß nicht, aber vielleicht hast du recht', erwiderte der Gaul, ,und um zu beweisen, dass es mir Ernst damit ist, wie zweifellos auch dir: gib mir die Hälfte der guten Bohnen, die du in deinem Futtersack hast, und du sollst die Hälfte des muffigen Hafers und der Spreu erhalten, die ich in meinem habe. Nichts ist so gut, wie seine Grundsätze zu beweisen.'
Originelle Fabeln von Mrs. Schmarotzer..."

„Da haste's!" riefen mehrere Stimmen.
„Was heißt'n das?" rief Crass triumphierend. „Warum gehste 'n nicht hin und teilst deinen Lohn mit den Jungens, die keine Arbeit haben?"
„Was es heißt?" antwortete Owen verächtlich. „Es heißt, dass der Redakteur des ,Verdunklers', wenn er das als ein Argument gegen den Sozialismus in seine Zeitung gesetzt hat, entweder selbst geistig minderbemittelt ist oder die Mehrzahl seiner Leser dafür hält. Das ist kein Argument gegen den Sozialismus, es ist ein Argument gegen die Heuchler, die vorgeben, Christen zu sein, gegen die Leute, die behaupten, ,ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst', die so tun, als glaubten sie an die ,allgemeine Brüderlichkeit' und als liebten sie die Welt und die Dinge dieser Welt nicht, und die versichern, sie seien nur ,Pilger auf dem Wege in ein besseres Land'. Und weshalb ich es nicht tue, was das betrifft - weshalb sollte ich denn? Ich behaupte ja nicht, ein Christ zu sein. Aber ihr seid doch alle ,Christen' - weshalb tut ihr's denn nicht?"
„Wir sprechen doch nicht über Rel'ion", rief Crass ungeduldig aus.
„Worüber sprecht ihr denn dann? Ich habe nie etwas darüber gesagt, dass man ,austeilen' solle, oder einer müsse ,die Bürde des anderen tragen'. Ich behaupte nicht, ,dem zu geben, der mich bittet' oder ,dem nicht auch den Rock zu wehren, der mir den Mantel nimmt'. Ich habe gelesen, dass Christus gelehrt hat, Seine Anhänger müssten all das tun; da ich aber nicht behaupte, einer Seiner Anhänger zu sein, tue ich es nicht. Ihr aber glaubt doch an das Christentum: weshalb tut ihr denn nicht, was Er gesagt hat?"
Da niemand eine Antwort auf diese Frage zu wissen schien, fuhr der Vortragende fort:
„In diesem Punkt ist der Unterschied zwischen den so genannten Christen und den Sozialisten folgender: Christus lehrte, Gott sei der Vater, und alle Menschen seien Brüder. Diejenigen, die heute vorgeben, Christi Anhänger zu sein,
behaupten heuchlerischerweise, sie setzten diese Lehren jetzt in die Tat um. Aber sie tun es nicht. Statt dessen haben sie das System des ,Kampfes ums Dasein' eingeführt!
Der Sozialist sieht sich sehr gegen seinen Willen inmitten dieses schrecklichen Kampfes, und er beschwört die übrigen Teilnehmer der Schlacht, das Gefecht einzustellen und ein System brüderlicher Nächstenliebe und gegenseitiger Hilfsbereitschaft zu errichten; aber er gibt nicht heuchlerisch vor, brüderliche Nächstenliebe denen gegenüber walten zu lassen, die seinem Aufruf nicht zustimmen wollen und ihn zwingen, gegen sie um sein nacktes Leben zu kämpfen. Er weiß, dass er in dieser Schlacht entweder kämpfen oder untergehen muss. Deshalb kämpft er, aus Notwehr; aber währenddessen erhebt er ständig weiter seinen Ruf für den Abbruch des Gemetzels. Er fordert die Änderung des Systems. Er will die Zusammenarbeit anstelle der Konkurrenz. Wie kann er aber mit Menschen zusammen arbeiten, die darauf bestehen, gegen ihn zu konkurrieren? Keine Einzelperson kann allein eine Zusammenarbeit durchführen! Der Sozialismus kann nur durch die Gemeinschaft verwirklicht werden - das ist es, was das Wort bedeutet. Gegenwärtig verhöhnen die übrigen Mitglieder der Gesellschaft - die ,Christen' - den Aufruf der Sozialisten und stellen sich gegen ihn.
Diese angeblichen Christen sind's, die nicht ausführen, was sie predigen; denn während sie ihre Lieder von der Brüderlichkeit und von der Liebe singen, bekämpfen sie einander fortwährend, erwürgen sie einander und zertreten sie einander in ihrem furchtbaren ,Kampf ums Dasein'!
Kein Sozialist schlägt eine ,Verteilung' des Geldes oder irgendwelcher sonstigen Dinge vor, wie ihr behauptet. Und noch etwas: hättet ihr nur ein wenig mehr Verstand, so würdet ihr vielleicht bemerken, dass dieses euer Lieblingsargument in Wahrheit nur ein Argument gegen das gegenwärtige System ist, weil es nämlich nachweist, dass das Geld an sich von keinerlei Nutzen ist. Nehmt einmal an, man verteilte tatsächlich alles Geld gleichmäßig, und nehmt an, es sei genügend vorhanden, damit jeder zehntausend Pfund erhielte, und nehmt an, alle dächten dann, sie seien reich, und keiner arbeitete mehr. Wovon wollten sie leben? Von ihrem Geld? Könnten sie's essen, trinken oder sich damit kleiden? Es dauerte nicht lange, bis sie herausfänden, dass dieses wunderbare Geld - das unter dem gegenwärtigen System das Machtvollste ist, was es gibt -in Wirklichkeit nicht mehr nützt als Dreck. Sie würden sehr bald umkommen, nicht aus Mangel an Geld, sondern aus Mangel an Reichtum - das heißt, aus Mangel an den Dingen, die durch die Arbeit erzeugt werden. Und außerdem ist es völlig wahr, dass das Geld, wenn es morgen gleichmäßig unter alle Leute verteilt würde, in sehr kurzer Zeit wieder in großen Haufen zusammen wäre. Aber das beweist nur, dass es, solange das gegenwärtige Geldsystem bestehen bleibt, unmöglich ist, die Armut abzuschaffen, denn Anhäufungen an einigen Stellen bedeuten wenig oder gar nichts an anderen. Deshalb werden wir, solange das Geldsystem andauert, zwangsläufig Armut und alle die Übel haben, die sie mit sich bringt."
„Oh, natürlich, alle sind Idioten, außer dir!" höhnte Crass, der begann, sich einigermaßen benommen zu fühlen.
„Ich melde mich zur Geschäftsordnung", sagte Easton.
„Und ich melde mich zu 'nem Glas Bier", rief Philpot.
„Meldet euch in drei Teufels Namen, zu was ihr wollt", bemerkte Harlow, „solange ich nicht dafür bezahlen muss."
„Ich bin für 'n Glas Porter", bemerkte der Mann auf dem Eimer.
„Zur Geschäftsordnung", fuhr Easton fort. „Wann beabsichtigt der Redner, uns zu erklären, was die wahre Ursache der Armut ist?"
„Hört, hört!" rief Harlow, „das möchte ich auch wissen."
„Und was ich wissen möchte, ist, wer soll'n eigentlich den Vortrag hier halten?" erkundigte sich der Mann auf dem Eimer.
„Na, Owen natürlich", antwortete Harlow.
„Nu, weshalb versucht ihr 'n dann nicht, 'n paar Minuten die Klappe zu halten und ihn weitermachen zu lassen?"
„Der nächste, der ihn unterbricht", rief Philpot, rollte die Hemdsärmel auf und sah sich drohend im Kreise um, „der nächste, der'n unterbricht, fliegt durchs Fenster. Gottverdammich !"
Hierauf taten alle, als seien sie sehr erschreckt, und rückten so weit wie möglich von Philpot fort. Easton, der neben ihm saß, stand auf und ging zu Owens leerem Sitzplatz hinüber. Der Mann auf dem Eimer war der einzige, der nicht nervös schien; vielleicht fühlte er sich sicherer, da er, wie gewöhnlich, von einem Burggraben umgeben war.
„Armut", begann der Vortragende wieder, „besteht in einer Knappheit an den zum Leben notwendigen Dingen oder vielmehr: an den Wohltaten der Zivilisation."
„Das haste so ungefähr schon hundertmal gesagt", knurrte Crass.
„Das weiß ich, aber ich zweifle nicht daran, dass ich es noch ungefähr fünfhundertmal sagen muss, bis ihr begreift, was es bedeutet."
„Nu mach schon weiter mit dem verdammten Vortrag!" schrie der Mann auf dem Eimer. „Hört doch auf, darüber zu streiten!"
„Könnt ihr nicht Ordnung halten!" brüllte Philpot, „lasst doch den Mann zu Wort kommen!"
„Alle diese Dinge werden auf die gleiche Weise produziert", fuhr Owen fort. „Sie werden von denen, die arbeiten, aus den Rohstoffen hergestellt - mit Hilfe der Maschinen. Untersuchen wir die Ursache der gegenwärtigen Knappheit an diesen Dingen, so ist die erste Frage, die wir stellen müssen, die: Gibt es nicht genügend Rohstoffe, die es uns ermöglichen, ausreichend zu produzieren, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen?
Die Antwort auf diese Frage lautet: Zweifellos gibt es mehr als genug von sämtlichen Rohstoffen.
Mangel an Rohstoffen ist daher nicht die Ursache. Wir müssen uns in einer anderen Richtung umsehen.
Die nächste Frage ist: Fehlt es uns an Arbeitskräften? Gibt es nicht genug Menschen, die fähig und willens sind zu arbeiten? Oder gibt es nicht genügend Maschinen?
Die Antworten auf diese Fragen lauten: Es gibt reichlich genügend Leute, die fähig und willens sind zu arbeiten, und es gibt reichlich genügend Maschinen!
Da es so ist, wie kommt dann dieses seltsame Ergebnis zustande? Wie kommt es, dass die Wohltaten der Zivilisation nicht in genügendem Umfang geschaffen werden, um
die Bedürfnisse aller zu befriedigen? Wie kommt es, dass die Mehrzahl der Menschen ständig die meisten Verfeinerungen, Bequemlichkeiten und Freuden des Lebens entbehren müssen und sehr häufig sogar die zum Leben alier-notwendigsten Dinge?
Reichlich Rohstoffe - reichlich Arbeitskräfte - reichlich Maschinen - und fast jedem fehlt es an fast allem!
Die Ursache dieses seltsamen Zustandes ist die: zwar haben wir die Mittel, für alle alles in Hülle und Fülle und mehr noch zu produzieren; doch wir haben ein blödsinniges System, unsere Angelegenheiten zu ordnen.
Das gegenwärtige Geldsystem hindert uns an der Durchführung der notwendigen Arbeit und bewirkt daher, dass es der Mehrzahl der Bevölkerung an den durch die Arbeit herstellbaren Dingen fehlt. Die Menschen leiden Mangel angesichts der Mittel, einen Überfluss zu schaffen. Sie bleiben arbeitslos, weil sie mit einer Goldkette gebunden und gefesselt sind.
Untersuchen wir einmal die Einzelheiten dieses wahnsinnigen, idiotischen, blödsinnigen Systems."
Owen forderte nun Philpot auf, ihm ein Stück verkohltes Holz, das unter dem Rost lag, zu reichen, und nachdem er das Gewünschte erhalten hatte, zeichnete er ein viereckiges Gebilde von etwa einem Meter zwanzig Zentimeter Länge und dreißig Zentimeter Höhe an die Wand. Die Küchenwände waren noch nicht abgewaschen worden; daher machte es nichts, wenn sie verunziert wurden.

Dies stellt die gesamte erwachsene Bevölkerung des Landes vor

„Um festzustellen, weshalb in unserem Lande Knappheit an den durch die Arbeit herstellbaren Dingen herrscht, müssen wir zuerst einmal herausfinden, womit die Menschen ihre Zeit verbringen. Dieses Rechteck hier stellt die gesamte erwachsene Bevölkerung unseres Landes vor. Es gibt darunter viele verschiedene Schichten von Leuten, die einer großen Anzahl von Beschäftigungen nachgehen. Einige von ihnen helfen, die Wohltaten der Zivilisation zu schaffen, andere tun das nicht. Alle diese Menschen helfen beim Verbrauch dieser Dinge; sehen wir uns jedoch ihre Beschäftigung an, so werden wir finden, dass, obwohl die meisten Werktätige sind, nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl unter ihnen tatsächlich damit beschäftigt ist, entweder die zu den Wohltaten der Zivilisation zählenden oder die zum Leben notwendigen Güter zu produzieren..."
Nachdem die Ordnung wiederhergestellt worden war, wandte sich der Vortragende von neuem der Zeichnung an der Wand zu und streckte die Hand danach aus - offenbar in der Absicht, sie zu ergänzen; statt dessen hielt er jedoch unentschlossen inne und ließ den Arm zögernd wieder sinken.
Es herrschte ein absolutes, verwirrendes Schweigen. Owens Verlegenheit und Nervosität wuchsen. Er wusste, dass sie gar nicht willens waren, überhaupt etwas über ein solches Thema wie die Ursache der Armut zu hören, darüber zu sprechen oder darüber nachzudenken. Sie zogen es vor, sich darüber lustig zu machen und es als etwas Lächerliches darzustellen. Er wusste, dass sie ablehnten, auch nur einen Versuch zu machen, das, was er sagen wollte, zu begreifen, falls es nur im geringsten schwierig war oder unklar blieb. Wie sollte er es ihnen nur erklären, damit sie verstehen mussten, ob sie wollten oder nicht? Es war beinahe unmöglich.
Leicht genug wäre es, sie zu überzeugen, wenn sie sich nur ein wenig Mühe geben und versuchen wollten zu begreifen; doch er wusste, dass sie sich über ein solches Thema gewiss nicht „den Kopf zerbrächen". Dies war ja keine wirklich wichtige Angelegenheit, wie es etwa eine schmutzige Geschichte war, eine Partie „Haken und Ringe" oder Beilke, etwas, was Fußball oder Kricket betraf, ein Pferderennen oder sogar das Treiben irgendeiner Person von königlichem Stand oder eines Aristokraten.
Die Frage nach der Ursache der Armut war ja nur etwas, was ihr eigenes zukünftiges Wohlergehen und das ihrer
Kinder betraf. Eine so unwichtige Angelegenheit, die keinerlei ernste Aufmerksamkeit verdiente, musste ihnen so klar und selbstverständlich dargelegt werden, dass sie gezwungen waren, sie mit einem Blick zu erfassen - und das zu tun, war beinahe unmöglich.
Als sie sein Zögern bemerkten, begannen einige zu kichern.
„Scheint sich 'n bisschen verheddert zu haben!" bemerkte Crass, laut zu Slyme flüsternd, und der lachte.
Dieser Laut rüttelte Owen auf, und er fuhr fort:
„All diese Menschen sind am Verbrauch der durch die Arbeit geschaffenen Güter beteiligt. Wir wollen sie jetzt in verschiedene Schichten einteilen: solche, die bei der Produktion helfen, solche, die nichts tun, solche, die schaden, und solche, die mit unnötigen Arbeiten beschäftigt sind."
„Und solche", höhnte Crass, „die mit unnötigem Gequassel beschäftigt sind."
„Zuerst wollen wir die abtrennen, die nicht nur nichts tun, sondern auch nicht einmal vorgeben, irgendwie nützlich zu sein; Leute, die sich entehrt vorkämen, wenn sie zufällig irgendeine nützliche Arbeit verrichteten. Diese Schicht umfasst: Landstreicher, Bettler, die Aristokratie, die Leute der ,Gesellschaft', die Großgrundbesitzer und ganz allgemein alle die, welche ererbten Reichtum besitzen."
Während er sprach, zog er eine senkrechte Linie durch ein Ende des Rechtecks.

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1 Landstreicher, Bettler, Leute der ,Gesellschaft", die Aristokratie, Großgrundbesitzer; alle, die ererbten Reichtum besitzen

„Diese Leute tun absolut nichts, als die Dinge zu verschlingen oder zu genießen, die durch die Arbeit anderer hergestellt worden sind.
Unsere nächste Abteilung stellt die Leute dar, die eine Art Arbeit verrichten - ,geistige' Arbeit, wenn ihr es so nennen wollt -, Arbeit, die ihnen selbst Nutzen und anderen Leuten Schaden bringt. Arbeitgeber - oder vielmehr Arbeiterausbeuter, Diebe, Schwindler, Taschendiebe, profitsüchtige Aktionäre, Einbrecher, Bischöfe, Finanzleute, Kapitalisten und die Leute, die man humorvollerweise ,Diener Gottes' nennt."

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1 Landstreicher, Bettler, Leute der „Gesellschaft", die Aristokratie, Großgrundbesitzer; alle, die ererbten Reichtum besitzen
2 Arbeiterausbeuter, Diebe, Schwindler, Taschendiebe, Einbrecher, Bischöfe, Finanzleute, Kapitalisten, Aktionäre, „Diener Gottes"

„Keiner dieser Leute produziert irgend etwas selbst, aber durch List und Tücke bringen sie es gemeinsam fertig, sich einen sehr großen Teil der durch die Arbeit anderer hergestellten Güter anzueignen.
Nummer 3 umfasst alle, die gegen Lohn oder Gehalt tätig sind und unnötige Arbeit verrichten. Das heißt, sie produzieren oder tun Dinge, die - obgleich sie für das idiotische System nützlich und notwendig sind - nicht als zum Leben notwendige oder zu den Wohltaten der Zivilisation gehörende Dinge bezeichnet werden können. Das ist die größte Abteilung von allen. Sie umfasst: Handelsreisende, hausierende Firmenvertreter, Versicherungsagenten, Kommissionäre, der größte Teil der Verkäufer, die Mehrzahl der Büroangestellten, Arbeiter, die beim Bau und bei der Ausschmückung von Bürohäusern beschäftigt sind, Leute, die sich mit dem befassen, was sie ,Geschäfte' nennen, das heißt, die sehr geschäftig sind, ohne irgend etwas zu produzieren. Ferner gibt es noch eine große Armee von Leuten, die damit beschäftigt sind, Reklameanzeigen zu zeichnen,
zu entwerfen, zu malen oder zu drucken - Dinge, die zum überwiegenden Teil von keinerlei Nutzen sind, denn der Zweck der meisten Anzeigen ist einfach nur der, die Leute zu bewegen, lieber von einer Firma als von einer anderen zu kaufen. Wenn ihr Butter haben wollt, so macht es nichts aus, ob ihr sie nun von Brown, Jones oder von Robinson kauft."

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1 Landstreicher, Bettler, Leute der „Gesellschaft", die Aristokratie, Großgrundbesitzer; alle, die ererbten Reichtum besitzen
2 Arbeiterausbeuter, Diebe, Schwindler, Taschendiebe, Einbrecher, Bischöfe, Finanzleute, Kapitalisten, Aktionäre, „Diener Gottes"
3 Alle mit unnützer Arbeit Beschäftigten

Während dieses Teils des Vortrags begann das Publikum Anzeichen der Ungeduld und des Widerspruchs zu zeigen. Da Owen das bemerkte, fuhr er, sehr rasch sprechend, fort:
„Wenn ihr in die Stadt hinuntergeht, seht ihr ein halbes Dutzend Tuchhandlungen kaum einen Katzensprung voneinander entfernt, manchmal sogar Tür an Tür, die alle die gleiche Ware verkaufen. Ihr könnt doch unmöglich alle diese Läden für wirklich notwendig halten? Ihr wisst doch, dass einer von ihnen den Zweck völlig erfüllte, für den sie alle bestimmt sind - als Lager und Verteilungszentrum der durch die Arbeit geschaffenen Dinge zu dienen. Wenn ihr aber zugebt, dass fünf von sechs Läden nicht wirklich notwendig sind, müsst ihr auch zugeben, dass die Leute, die sie gebaut haben, die Verkäufer und Verkäuferinnen oder die anderen Angestellten, die darin tätig sind, sowie die Leute, die Anzeigen für sie zeichnen, schreiben und drucken, sämtlich mit unnötiger Arbeit beschäftigt sind; alle verschwenden in Wirklichkeit ihre Zeit und ihre Arbeitskraft - Zeit und Arbeitskraft, die besser dazu verwendet werden könnten, die Dinge produzieren zu helfen, an denen
augenblicklich Knappheit bei uns herrscht. Ihr müsst zugeben, dass keiner dieser Leute damit beschäftigt ist, entweder die lebensnotwendigen oder die zu den Wohltaten der Zivilisation gehörenden Güter zu produzieren. Zwar kaufen und verkaufen sie diese Dinge, sie handeln damit und feilschen um sie, sie stellen sie in den Schaufenstern der Läden und Kaufhäuser aus, schlagen Profite daraus und benutzen sie; selbst aber produzieren diese Leute nichts, was zum Leben oder zum Glück notwendig wäre, und die Dinge, die einige von ihnen tatsächlich produzieren, sind nur für das gegenwärtige unsinnige System notwendig."
„Zum Teufel, was für 'n elendes System sollten wir 'n deiner Meinung nach eigentlich haben?" unterbrach ihn der Mann auf dem Eimer.
„Ja, Fehler finden kannste wunderschön", höhnte Slyme, „aber warum sagste uns 'n nicht, wie's alles richtig gemacht werden soll?"
„Nun, darüber sprechen wir doch augenblicklich nicht, oder?" erwiderte Owen. „Augenblicklich versuchen wir nur ausfindig zu machen, wie es kommt, dass nicht genügend produziert wird, um alle ausreichend mit den durch die Arbeit geschaffenen Gütern zu versorgen. Obgleich die meisten Leute der Abteilung 3 sehr hart arbeiten, produzieren sie nichts."
„Das ist 'n blödsinniger Quatsch!" rief Crass ungeduldig aus.
„Selbst wenn's mehr Läden gibt, als wirklich nötig sind", rief Harlow, „hilft doch das alles den Leuten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen! Wenn die Hälfte zugemacht würde, hieße das doch einfach bloß, dass alle, die da arbeiten, ihre Stelle verlieren. Leben und leben lassen, sag ich: alles dies schafft Arbeit."
„Hört, hört!" rief der Mann hinter dem Burggraben.
„Ja, ich weiß, dass es Arbeit' schafft", antwortete Owen, „aber wir können nicht nur von bloßer Arbeit' leben, weißt du. Um angenehm zu leben, brauchen wir genügend von den durch die Arbeit geschaffenen Dingen. Ein Mann mag sehr hart arbeiten und trotzdem seine Zeit verschwenden, wenn er nicht etwas Notwendiges oder Nützliches produziert.
Weshalb gibt es so viele Läden, Geschäfte und Kaufhäuser? Bildet ihr euch etwa ein, sie existierten, um denen die sie gebaut haben oder die in ihnen arbeiten, eine Möglichkeit zu geben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Keine Spur! Sie werden nur geführt und viel zu hohe Preise für die dort verkauften Artikel werden nur deshalb gefordert, damit ihre Besitzer große Vermögen ansammeln und die Grundbesitzer wucherische Mieten einnehmen können. Deshalb werden auch die Löhne und Gehälter fast aller Leute, die die von diesen Geschäften geschaffene Arbeit verrichten, bis zum tiefstmöglichen Punkt herabgedrückt."
„Das wissen wir ja alles", sagte Crass, „aber du kommst doch nicht drum rum, dass all das Arbeit beschafft, und das ist's, was wir wollen - reichlich Arbeit."
Rufe wie „Hört, hört!" und Äußerungen des Widerspruchs gegen die vom Vortragenden geäußerten Ansichten schwirrten durch den Raum, und fast alle redeten gleichzeitig. Nach einer Weile, als sich der Lärm einigermaßen gelegt hatte, fuhr Owen fort:
„Die Natur hat nicht alle für Leben und Glück der Menschheit notwendigen Dinge fix und fertig hervorgebracht. Um sie zu erhalten, müssen wir arbeiten. Rationell ist einzig nur die Arbeit, die auf die Erzeugung dieser Dinge gerichtet ist. Jede Art Arbeit, die uns nicht hilft, dieses Ziel zu erreichen, ist eine lächerliche, idiotische, verbrecherische, blödsinnige Zeitverschwendung.
Und was die große Armee von Leuten, die durch die Abteilung Nr. 3 dargestellt ist, gegenwärtig tut, ist dies: sie sind alle sehr beschäftigt - sie arbeiten sehr hart -, aber für irgendein nützliches Ziel und Ergebnis tun sie nichts."
„Na schön", sagte Harlow, „du sollst recht haben, aber 's ist nicht nötig, immer wieder und wieder dasselbe herunterzuleiern."
„Die nächste Abteilung", setzte Owen seinen Vortrag fort, „stellt diejenigen dar, die mit wirklich nützlicher Arbeit beschäftigt sind - nämlich mit der Herstellung der zu den Wohltaten der Zivilisation gehörenden Güter, der zum Leben notwendigen und zu seinen Verfeinerungen und Annehmlichkeiten gehörenden Dinge."

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1 Landstreicher, Bettler, Leute der „Gesellschaft", die Aristokratie, Großgrundbesitzer; alle, die ererbten Reichtum besitzen
2 Arbeiterausbeuter, Diebe, Schwindler, Taschendiebe, Einbrecher, Bischöfe, Finanzleute, Kapitalisten, Aktionäre, „Diener Gottes"
3 Alle mit unnützer Arbeit Beschäftigten
4 Alle mit notwendiger Arbeit — der Produktion der zu den Wohltaten der Zivilisation gehörenden Dinge — Beschäftigten
5 Arbeitslose

„Hurra!" rief Philpot und stimmte ein Freudengeschrei an, in das die Menge begeistert einfiel. „Hurra! Jetzt sind wir dran!" fügte er hinzu, nickte zum Publikum hinüber und blinzelte es mit seinen Kulleraugen an.
„Ich möchte den Versammlungsleiter zur Ordnung rufen!" sagte der Mann auf dem Eimer.
Als Owen die Liste der Beschäftigungen eingeschrieben hatte, erhoben sich einige der Hörer, um darauf hinzuweisen, dass er die mit der Produktion von Bier Beschäftigten ausgelassen habe. Owen holte dieses ernste Versäumnis nach und fuhr dann fort:
„Da die meisten Leute der Abteilung 4 wenigstens während eines Viertels ihrer Zeit arbeitslos sind, müssen wir diese Spalte um ein Viertel verkleinern - so. Dieser Teil stellt die Arbeitslosen dar."
„Aber auch manche von denen in Nummer 3 sind oft arbeitslos", sagte Harlow.
„Freilich, aber da sie ja nichts produzieren, selbst wenn sie Arbeit haben, können wir uns die Mühe ersparen, sie als arbeitslos einzuzeichnen, denn unser augenblickliches Ziel ist, zu entdecken, weshalb nicht genügend produziert wird, damit alle einen Überfluss genießen, und dies - das gegenwärtige System, unsere Angelegenheiten zu lenken -ist der Grund für die Knappheit, ist die Ursache der Armut. Wenn ihr euch überlegt, dass alle jenen anderen Leute, die von denen in Nummer 4 hergestellten Dingen verschlingen -, wundert´s euch, dass es nicht reichlich genug für alle gibt?“
“,Verschlingen’ ist gut gesagt“ , meinte Philpot, und die übrigen lachten.
Jetzt malte der Vorsitzende unter die andere Zeichnung ein kleines Quadrat an die Wand. Dieses füllte er gänzlich schwarz aus.

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1 Landstreicher, Bettler, Leute der „Gesellschaft", die Aristokratie, Großgrundbesitzer; alle, die ererbten Reichtum besitzen
2 Arbeiterausbeuter, Diebe, Schwindler, Taschendiebe, Einbrecher, Bischöfe,
Finanzleute, Kapitalisten, Aktionäre, „Diener Gottes"
3 Alle mit unnützer Arbeit Beschäftigten
4 Alle mit notwendiger Arbeit — der Produktion der zu den Wohltaten der
Zivilisation gehörenden Dinge — Beschäftigten
5 Arbeitslose

Dies stellt die Summe der durch die Leute in Nr. 4 hergestellten Dinge dar:

Bild 2

 

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2

3

 

5

Land-

Arbeiterausbeuter,

Alle

Alle

 

streiche,

Diebe,

mit unnützer

mit notwendiger

 

Bettler,

Schwindler,

Arbeit

Arbeit -

 

Leute der

Taschendiebe,

Besch äftigten

der Produktion

 

„Gesell-

Einbrecher,

 

der zu

Arbeitslose

schaft",

Bisch öfe,

 

den Wohltaten

 

die

Finanzleute,

 

der Zivilisation

 

Aristokratie,

Kapitalisten,

 

geh örenden

 

Großgrund-

Aktionäre,

 

Dinge -

 

besitzer;

„Diener Gottes"

 

Besch äftigten

 

alle, die

 

 

 

 

ererbten

 

 

 

 

Reichtum

 

 

 

 

besitzen

 

 

 

 

Wie die von den Leuten in Abteilung 4 hergestellten Dinge
unter die verschiedenen Klassen der Bevölkerung „ausgeteilt" werden

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Jetzt müsst ihr aber nicht mit der Vorstellung fortgehen dass die Leute in Abteilung 3 und 4 ihren Anteil ruhig nehmen und ihn gleichmäßig unter sich verteilen. Keineswegs. Manche erhalten sehr wenig, manche gar nichts manche eine recht große Portion. In diesen beiden Abteilungen wütet der „Kampf ums Dasein" am heftigsten und natürlich geht es in diesem Kampf den Schwachen und den Tugendhaften am schlechtesten. Selbst solche, deren außergewöhnliche Fähigkeiten oder deren besondere Möglichkeiten ihnen zum Erfolg verhelfen, sind zur Selbstsucht gezwungen; denn ein Mann von außergewöhnlichen Fähigkeiten, der nicht selbstsüchtig wäre, benützte ja seine Gaben, um das offensichtliche Leid anderer zu lindern anstatt zu seinem eigenen Vorteil - und wenn er so handelte, wäre er nicht erfolgreich in dem Sinne, in dem die Welt dieses Wort versteht. Alle, die wirklich versuchen, ,ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben' oder Böses mit Gutem zu vergelten - die Sanftmütigen, die Freundlichen und alle, die es vermeiden, anderen anzutun, was sie selbst nicht gern erleiden würden -, alle diese befinden sich zwangsläufig unter den Besiegten: denn nur die Schlimmsten, nur jene, die aggressiv, verschlagen, selbstsüchtig und gemein sind, sind zum Überleben gerüstet. Und alle Leute in den Abteilungen 3 und 4 sind in diesem furchtbaren Kampf so völlig damit beschäftigt, sich zumindest etwas zu sichern, dass nur wenige innehalten, um sich zu fragen, weshalb es nicht mehr von den Dingen gibt, um die sie kämpfen, oder weshalb es überhaupt nötig ist, auf diese Weise zu kämpfen!"
Einige Minuten lang herrschte Schweigen, denn jedermann war in Gedanken damit beschäftigt, nach irgendeinem Vorwand gegen die Argumente des Redners zu suchen.
„Wie könn'n denn die paar Leute in Nummer 1 und 2 so viel verbrauchen, wie du ihnen in deiner Zeichnung hingepackt hast?" fragte Crass.
„Sie verbrauchen das nicht alles wirklich", erwiderte Owen. „Viel davon wird mutwillig vergeudet. Sie verdienen sich auch Vermögen, indem sie einen Teil in anderen Ländern verkaufen; aber einen erheblichen Teil verbrauchen sie auch selbst, denn die Arbeitsmenge, die zur Produktion der Dinge aufgebracht wird, deren sich diese Leute erfreuen, ist größer als die zur Produktion derjenigen Güter, die von den Arbeitern benutzt werden. Die meisten Müßiggänger erhalten von allem das Beste. Mehr als drei Viertel der Zeit der Arbeiterklasse wird zur Produktion der von den Reichen benutzten Güter verwendet. Vergleicht doch einmal, sowohl nach Quantität wie nach Qualität, die Kleidung der Frau oder Tochter eines reichen Mannes mit der der Frau oder Tochter eines Arbeiters! Die zur Produktion dieser Sachen aufgewendete Zeit und Arbeitskraft ist im einen Falle zwanzigmal größer als im anderen, und genauso ist es mit allem übrigen - mit ihren Häusern, ihren Anzügen, Stiefeln, Hüten, Juwelen und ihrer Nahrung. Alles muss vom Besten sein, was Kunst oder lange, mühevolle Arbeit herstellen kann. Für die meisten Menschen aber, deren Arbeit alle diese guten Dinge hervorbringt -wird alles und jedes als gut genug angesehen. Für sich selbst fabrizieren die menschenfreundlichen Arbeiter schäbigen Stoff - das heißt billigen, aus alten Lumpen und Dreck hergestellten Stoff sowie schäbige, unbequeme, eisenbeschlagene Stiefel. Seht ihr einen Arbeiter, der einen wirklich guten Anzug trägt, so könnt ihr getrost schließen, dass er entweder ein naturwidriges Leben führt, nämlich, dass er unverheiratet ist, oder dass er ihn auf Abzahlung gekauft und noch nicht bezahlt hat, oder aber, dass es der abgelegte Anzug eines anderen ist, den der Arbeiter alt gekauft hat beziehungsweise der ihm von einer mildtätigen Person geschenkt wurde. Ebenso steht es mit der Nahrung. Alle Enten und Gänse, Fasane, Rebhühner und alle saftigsten Teile des erlesensten Fleisches - alle Seezungen, die feinsten Flundern und Lachs und Forellen... "
„He, hör auf!" rief Harlow heftig. „Davon wolln wir nichts mehr hören!" - und auch einige der anderen protestierten dagegen, dass der Vortragende seine Zeit mit so nebensächlichen Einzelheiten vergeudete.
„- das Beste von allem wird dem ausschließlichen Genuss der Leute in den Abteilungen 1 und 2 vorbehalten, während die Arbeiter von Fleischabfällen, Margarine, verfälschtem Tee, fragwürdigem Bier existieren und damit zufrieden sind - sie murren nur, wenn sie nicht einmal diese Nahrung erhalten können."
Owen hielt inne, und ein düsteres Schweigen folgte; plötzlich aber erhellte sich Crass' Gesicht. Er hatte eine wichtige Lücke in der Beweisführung des Redners entdeckt.
„Du sagst, die Leute in Nummer 1 und 2 kriegen das Beste von allem, aber was ist 'n mit den Landstreichern und Bettlern? Die haste auch in Abteilung 1."
„Ja, ich weiß. Seht ihr, es ist der richtige Platz für sie. Sie gehören zu den Müßiggängern. Geistig und moralisch sind sie nicht besser als irgendwelche anderen Nichtstuer in dieser Abteilung, und nützlicher sind sie auch nicht. Natürlich, ziehen wir die Menge der von den anderen produzierten Güter, die sie konsumieren, in Betracht, so sind sie nicht so schädlich wie die übrigen Müßiggänger, denn sie verbrauchen verhältnismäßig wenig. Trotzdem sind sie in dieser Abteilung am richtigen Platz. Die Leute darin erhalten nicht alle den gleichen Anteil. Diese Rubrik stellt ja keine Einzelpersonen dar - sondern eben die Gesamtheit der Müßiggänger."
„Aber ich dachte, du wolltest beweisen, dass Geld die Ursache der Armut ist", meinte Easton.
„Die ist es auch", sagte Owen. „Siehst du denn nicht, dass es Geld ist, was alle diese Leute den wahren Zweck der Arbeit aus dem Auge verlieren lässt - die Produktion der Dinge, die wir brauchen? Alle diese Leute kranken an der falschen Vorstellung, es sei gleichgültig, was für eine Arbeit sie leisten, oder ob sie auch gar nichts tun - solange sie nur Geld dafür erhalten. Unter dem gegenwärtigen merkwürdigen System ist das ihr einziges Ziel - Geld zu erhalten. Ihre Ansichten sind derartig verdreht, dass sie diejenigen, die mit nützlicher Arbeit beschäftigt sind, mit Verachtung ansehen! Abgesehen von den Verbrechern und den Ärmeren der Müßiggänger gilt die Arbeiterklasse als die niedrigste und am wenigsten verdienstvolle in der Gemeinschaft. Die Leute, die es verstehen, Geld für etwas anderes als produktive Arbeit einzunehmen, gelten deshalb schon als achtungswürdiger. Die, welche selbst nichts tun, sondern aus der Arbeit anderer Geld herausschlagen, werden als noch achtungswürdiger angesehen! Am geachtetsten aber und vor allen übrigen geehrt sind jene, die Geld dafür erhalten, dass sie absolut nichts tun!"
„Aber ich sehe nicht ein, wieso das beweist, dass Geld die Ursache der Armut ist!" sagte Easton
„Sieh mal her", sagte Owen, „die Leute in Abteilung 4 produzieren alles, nicht?"
„Ja, das wissen wir ja alle", unterbrach ihn Harlow. „Aber sie werden doch dafür bezahlt, oder? Sie kriegen doch ihren Lohn."
„Ja, und woraus besteht denn ihr Lohn?" fragte Owen.
„Na, aus Geld natürlich", antwortete Harlow ungeduldig.
„Und was tun sie mit ihrem Geld, wenn sie es bekommen haben? Essen sie es, trinken sie es, oder ziehen sie es an?"
Bei dieser scheinbar sinnlosen Frage lachten einige von denen, die bisher zugehört hatten, spöttisch; es war wirklich sehr schwer, solchem Unsinn geduldig zuzuhören.
„Natürlich nicht", antwortete Harlow verächtlich. „Damit kaufen sie die Sachen, die sie haben wollen."
„Glaubst du wohl, dass es den meisten von ihnen gelingt, einen Teil ihres Lohnes zu sparen, ihn auf die Bank zu bringen?"
„Na, ich kann über mich selbst reden", erwiderte Harlow unter Gelächter. „'s fällt mir verflucht schwer, meine Miete und den anderen laufenden Krempel zu bezahlen und meine Kinder dauernd mit Schuhwerk zu versorgen, und für Bier gebe ich verdammt wenig aus - vielleicht 'nen Sechser oder höchstens 'nen Schilling die Woche."
„'n unverheirateter Mann kann Geld sparen, wenn er will", meinte Slyme.
„Von Unverheirateten spreche ich nicht", antwortete Owen. „Ich meine solche, die ein natürliches Leben führen."
„Und was ist mit all dem Geld, das auf der Postsparkasse und bei Baugenossenschaften und gegenseitigen Hilfsvereinen steckt?" fragte Crass.
„Ein sehr großer Teil davon gehört Geschäftsleuten oder solchen, die eine andere Einkommenquelle haben als nur ihren Lohn. Einige ausnahmsweise glückliche Arbeiter gibt es wohl, die zufällig gute Stellungen und höhere Löhne haben als die Arbeiter im allgemeinen. Dann gibt es noch
einige, die - zum Beispiel durch das Vermieten von Zimmern - mietfrei wohnen können. Andere gibt es, deren Frauen arbeiten gehen, und wieder andere, die besondere Arbeiten ausführen und eine Menge Überstunden machen -aber all das sind Ausnahmefälle."
„Ich behaupte, dass kein verheirateter Arbeiter überhaupt Geld sparen kann!" rief Harlow. „Höchstens, wenn er sich von den paar Sachen, die wir uns wirklich leisten können welche abknapst und ebenfalls seine Frau und seine Kinder dazu zwingt."
„Hört, hört!" sagten alle außer Crass und Slyme, die beide sparsame Leute waren und jeder etwas bei der einen oder der anderen der erwähnten Institutionen etwas zurückgelegt hatte.
„Dann bedeutet das", sagte Owen, „dann bedeutet es, dass die von den Leuten in Abteilung 4 erhaltenen Löhne kein Äquivalent für die von ihnen geleistete Arbeit sind."
„Was meinste'n damit, Quiverlent", rief Crass. „Warum, zum Teufel, kannste 'n nicht richtig englisch sprechen, ohne 'n Haufen lange Wörter in 'n Mund zu nehmen, die keiner kapiert?"
„Ich meine dies", erwiderte Owen, sehr langsam sprechend. „Alles wird durch die Leute in Abteilung 4 hergestellt. Für ihre Arbeit erhalten sie - Geld, und die Dinge, die sie gemacht haben, werden zum Eigentum der Leute, die nichts tun. Da das Geld keinen Nutzen hat, gehen die Arbeiter nun in die Läden und geben es im Austausch gegen einige der Waren fort, die sie selbst hergestellt haben. Sie geben ihren gesamten Lohn aus - oder geben ihn zurück; da aber das Geld, das sie als Lohn erhalten haben, im Wert den Dingen, die sie produziert haben, nicht gleichkommt, stellen sie fest, dass sie nur einen sehr kleinen Teil zurückkaufen können. Ihr seht also, dass diese kleinen Metallscheiben - dieses Geld - ein Mittel ist, das Nichtstuer befähigt, die Arbeiter um den größten Teil der Früchte ihrer Arbeit zu bringen."
Das hierauf folgende Schweigen wurde von Crass gebrochen.
„Klingt recht hübsch", höhnte er, „aber klug werde ich nicht draus!"
„Pass auf!" rief Owen. „Die produzierende Klasse - diese Leute in Nummer 4, werden angeblich für ihre Arbeit bezahlt. Ihre Löhne entsprechen angeblich dem Wert ihrer Arbeit. Aber 's ist nicht so. Wäre es so, dann könnte die produzierende Klasse, wenn sie ihren gesamten Lohn gibt, alles zurückkaufen, was sie produziert hat."
Owen verstummte, und wieder herrschte Schweigen. Keiner ließ erkennen, ob er verstanden hatte, was Owen gesagt hatte, und ob er damit einverstanden war oder nicht. Sie verhielten sich streng neutral. Während des Wortwechsels war Barrington die Pfeife ausgegangen. Mit Hilfe eines zusammengedrehten Stückes Papier zündete er sie am Feuer wieder an.
„Käme ihr Lohn tatsächlich an Wert dem Produkt ihrer Arbeit gleich", wiederholte Owen, „so wären sie in der Lage, nicht nur einen kleinen Teil, sondern das Ganze zurückzukaufen."...
[Bei diesen Worten verursachte eine Bemerkung Bundys schallendes Gelächter, und als Wantley den Scherz] unterstrich, indem er einen Laut von sich gab, der einem Pistolenschuss glich, steigerte sich die Heiterkeit auf das Zehnfache.
„Na, das war 'n Ding", bemerkte Easton, während er aufstand und das Fenster öffnete.
„'s wird höchste Zeit, dass du begraben wirst, nach dem Geruch zu urteilen", sagte Harlow zu Wantley, der lachte und zu glauben schien, er habe sich hervorgetan...
„Aber selbst wenn wir die gesamte arbeitende Klasse nehmen", fuhr Owen fort, „das heißt die Leute in Abteilung 3 ebenso wie die in Abteilung 4, stellen wir fest, dass ihre vereinten Löhne nicht ausreichen, um die von den Produzenten hergestellten Dinge zu kaufen. Der Gesamtwert des in unserem Lande im letzten Jahr erzeugten Reichtums betrug 1800 000 000 Pfund, und die Gesamtsumme der während der gleichen Zeit ausgezahlten Löhne betrug nur 600 000 000 Pfund. Mit anderen Worten: mit Hilfe des Geldtricks sind den Arbeitern zwei Drittel ihres Arbeitsergebnisses geraubt worden. Alle diese Menschen in den Abteilungen 3 und 4 arbeiten und leiden, hungern und kämpfen, damit die reichen Leute in den Abteilungen 1 und 2 in Luxus dahinleben können und nichts zu tun brauchen. Dies sind die Schurken, welche die Armut verursachen: nicht nur verschlingen, verschwenden oder hamstern sie die von den Arbeitern erzeugten Dinge, sondern sobald ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt sind, zwingen sie auch noch die Arbeiter, die Arbeit einzustellen, und hindern sie daran, die Dinge zu produzieren, die diese brauchen. Die meisten dieser Leute", rief Owen, und sein sonst so blasses Gesicht rötete sich, während seine Augen vor plötzlichem Zorn blitzten, „die meisten dieser Leute verdienen überhaupt nicht, Menschen genannt zu werden! Teufel sind sie! Denn sie wissen, dass, während sie sich allen erdenklichen Vergnügungen hingeben, rings um sie her Männer, Frauen und Kinder in Not leben oder sogar Hungers sterben."
Das Schweigen, das hierauf folgte, wurde schließlich von Harlow gebrochen:
„Du sagst, die Arbeiter haben ein Recht auf alles, was sie produzieren; aber du vergisst, dass die Rohstoffe ja bezahlt werden müssen. Die machen sie doch nicht."
„Natürlich erschaffen die Arbeiter nicht die Rohstoffe", erwiderte Owen. „Aber mir ist nicht bekannt, dass die Kapitalisten oder die Grundbesitzer das täten. Die Rohstoffe sind im Überfluss in und auf der Erde vorhanden; doch sie sind gänzlich nutzlos, solange sie nicht bearbeitet worden sind."
„Ja, aber siehste, die Erde gehört doch den Grundherren!" rief Crass unbedacht.
„Das weiß ich, und natürlich denkst du, es sei richtig, dass das ganze Land ein paar Leuten gehört..."
„Ich muss den Redner zur Ordnung rufen", unterbrach Philpot. „Auf der Tagesordnung steht augenblick keine Landfrage nicht."
„Du sprichst davon, dass den Produzenten der größte Teil des Werts von dem, was sie herstellen, geraubt wird", sagte Harlow, „aber du musst doch dran denken, dass nicht alles durch Handarbeit produziert wird. Was ist 'n mit den Sachen, die von Maschinen gemacht werden?"
„Die Maschinen selbst sind von den Arbeitern hergestellt worden", antwortete Owen, „aber natürlich gehören sie nicht den Arbeitern, sondern sind ihnen mit Hilfe des Geldtricks geraubt worden."
„Wer hat 'n aber die ganzen Maschinen erfunden?" rief Crass.
„Das ist mehr, als du, ich oder sonst jemand sagen kann", entgegnete Owen, „bestimmt war es aber nicht die reiche Faulenzerklasse, die Grundbesitzer, noch die Unternehmer. Die meisten Menschen, welche die Maschinen erfunden haben, lebten und starben unbekannt in Armut und häufig sogar in wirklicher Not.
[Auch die Erfinder sind von der] Klasse der Arbeiterausbeuter beraubt worden.
Keiner der gegenwärtig Lebenden kann berechtigterweise behaupten, er habe die heute existierenden Maschinen erfunden. Wahrheitsgemäß können sie höchstens sagen, sie haben etwas zu den Ideen derer, die vor ihnen gelebt und gearbeitet haben, hinzugefügt oder sie vervollkommnet. Selbst Watt und Stevenson verbesserten nur bereits bestehende Dampfmaschinen und Lokomotiven. Deine Frage hat wirklich nichts mit dem Thema zu tun, über das wir uns unterhalten; wir versuchen lediglich zu ergründen, weshalb die Mehrzahl der Menschen ungenügend von den Dingen hat, die zu den Wohltaten der Zivilisation gehören. Eine der Ursachen ist, dass die Mehrzahl der Bevölkerung mit Arbeiten beschäftigt ist, durch die diese Dinge nicht produziert werden, und das meiste von dem, was produziert wird, eignen sich diejenigen an, die kein Anrecht darauf haben, und verschwenden es.
Die Arbeiter produzieren alles! Geht ihr durch die Straßen einer Ortschaft oder einer Stadt und blickt ihr euch um, so ist alles, was ihr sehen könnt - Fabriken, Maschinen, Häuser, Eisenbahnen, Straßenbahnen, Kanäle, Möbel, Kleidung, Lebensmittel und selbst der Weg oder das Pflaster, auf dem ihr steht, von den Angehörigen der Arbeiterklasse geschaffen worden, die ihren gesamten Lohn ausgeben, um nur einen sehr kleinen Teil der von ihnen produzierten Güter zurückzukaufen. Daher verkörpert das, was im Besitz ihrer Herren zurückbleibt, den Unterschied zwischen dem Wert der geleisteten Arbeit und dem dafür gezahlten Lohn. Dieser systematische Raub wird bereits seit Generationen betrieben; der Wert der angehäuften Beute ist ungeheuer, und all das, der gesamte Reichtum, der sich
gegenwärtig im Besitz der Reichen befindet, ist rechtmäßig Eigentum der Arbeiterklasse - er ist ihr mit Hilfe des Geldtricks gestohlen worden."
Owen stieg vom Rednerpult herab. Einige Augenblicke lang herrschte ein bedrückendes Schweigen. Verwirrt und verlegen starrten die Männer abwechselnd aufeinander und auf die Zeichnungen an der Wand. Sie waren gezwungen, ein wenig selbständig zu denken, und das war eine ungewohnte Tätigkeit. Während ihrer Kindheit hatte man sie gelehrt, ihrer eigenen Intelligenz zu misstrauen und das „Denken" ihren „Hirten" und ihren Herren zu überlassen und ganz allgemein den „besseren" Leuten. Ihr ganzes Leben lang waren sie dieser Unterweisung treu geblieben; stets hatten sie blind und gedankenlos an die Weisheit und Menschlichkeit ihrer Hirten und Herren geglaubt. Eben das war der Grund, weshalb sie und ihre Kinder sich ihr ganzes Leben lang fast am Verhungern befanden und beinahe nackt und bloß waren, während die „besseren" Leute, die nichts taten, als nur das Denken zu besorgen, in Purpur und feines Linnen gekleidet gingen und alle Tage üppig speisten.
Einige hatten sich von ihren Plätzen erhoben; aufmerksam studierten sie die von Owen an die Wand gezeichneten Diagramme, und auch fast alle übrigen strengten ihren Geist auf die gleiche Weise an; sie versuchten krampfhaft, etwas zu finden, was sie zur Verteidigung derer sagen konnten, die sie der Früchte ihrer Arbeit beraubten.
„Ich kann, verdammt noch mal, keinen Sinn drin finden, immer auf den Reichen rumzuhacken", sagte Harlow schließlich. „Reiche und Arme hat's schon immer in der Welt gegeben und wird's immer geben."
„Freilich", meinte Slyme, „in der Bibel heißt's: ,Ihr habt allezeit Arme bei euch.'"
„Was für 'n verdammtes System meinste denn sollten wir haben?" fragte Crass. „Wenn alles falsch ist, wie soll's 'n geändert wer'n?"
Bei diesen Worten hellten sich aller Mienen auf, und sie sahen einander befriedigt und erleichtert an. Natürlich! Es war ganz überflüssig, überhaupt über diese Dinge nachzudenken! Nie konnte das alles verändert werden; so oder ähnlich war es schon immer gewesen, und so bliebe es auch.
„Mir scheint, ihr hofft alle, es sei unmöglich, die Dinge zu verändern", sagte Owen. „Ohne auch nur den geringsten Versuch, ausfindig zu machen, ob es möglich ist, redet ihr euch ein, es sei unmöglich, und dann seid ihr, anstatt betrübt zu sein, auch noch froh!"
Einige lachten töricht und halbbeschämt.
„Wie, glaubst 'n du, könnte's verändert werden?" fragte Harlow.
„Der Weg, es zu verändern, besteht zuerst einmal darin, die Menschen über die wahre Ursache ihrer Leiden aufzuklären, und dann..."
„Na", unterbrach ihn Crass mit selbstgefälligem Kichern, „da muss, verdammt noch mal, 'n Bess'rer kommen als du, um mich aufzuklären!"
„Ich will nicht zur Finsternis aufgeklärt werden!" meinte Slyme fromm.
„Aber was für 'n System schlägst du 'n dann vor?" wiederholte Harlow. „Nachdem du sie alle aufgeklärt hast -wenn du nicht daran glaubst, das ganze Geld müsste gleichmäßig verteilt werden, wie willst du's dann ändern?"
„Wie er's ändern will, weiß ich nicht", höhnte Crass, während er auf seine Uhr sah und sich erhob, „aber wie spät 's ist, das weiß ich - zwei Minuten nach eins!"
„Der nächste Vortrag", sagte Philpot zu den Versammelten, während sich alle anschickten, wieder an die Arbeit zu gehen, „der nächste Vortrag wird bis morgen um die übliche Zeit verschoben, wo's meine schmerzliche Pflicht sein wird, Mr. Owen aufzufordern, seine wohlbekannte und höchst anstößige [[Vorlesung mit dem Titel ,Die Arbeit, und wie man sie vermeiden kann' zu halten. Alle, die sich gern aufklären lassen wollen, werd'n gebeten zu erscheinen."
„Oder alle, die heute Abend nicht auf die Straße gesetzt werden", bemerkte Easton bissig.]

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