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Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
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3. Kapitel Die Finanzleute

Als Easton an diesem Abend durch den Regen nach Hause ging, fühlte er sich sehr bedrückt. Für die meisten Arbeiter war der Sommer sehr schlecht gewesen, und ihm war es nicht besser ergangen als den übrigen. Einige Wochen Arbeit bei einer Firma, einige Tage bei einer anderen - dann war er arbeitslos, hatte danach wieder vielleicht einen Monat lang Beschäftigung und so weiter.
William Easton war ein mittelgroßer Mann, ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt, mit hellem Haar, ebensolchem Schnurrbart und blauen Augen. Er trug einen Stehkragen mit einer farbigen Krawatte, und seine Kleidung war wohl abgetragen, aber doch sauber und ordentlich.
Er war verheiratet: seine junge Frau hatte er kennen gelernt, als er zufällig mit anderen Malern den Auftrag hatte, die Außenseite eines Hauses anzustreichen, in dem sie als Dienstmädchen beschäftigt war. Etwa fünfzehn Monate lang waren sie miteinander „gegangen". Easton hatte keine Eile gehabt zu heiraten, denn er wusste, dass sein Lohn, gute und schlechte Zeiten zusammengenommen, durchschnittlich noch nicht einmal ein Pfund die Woche betrug. Schließlich fand er jedoch, es wäre nicht ehrenhaft für ihn, noch länger zu zögern, und so heirateten sie. Das war vor zwölf Monaten gewesen. Als Junggeselle hatte er sich nie viele Gedanken gemacht, wenn er einmal arbeitslos war; stets hatte er genug, um zu leben, und daneben noch Taschengeld, jetzt aber, da er sich verheiratet hatte, war das anders. Die Angst, „feiern" zu müssen, verfolgte ihn ständig.
Er hatte am vergangenen Montag für Rushton & Co. zu arbeiten begonnen, nachdem er drei Wochen lang nichts zu tun gehabt hatte, und da das Haus, in dem er arbeitete, von Grund auf hergerichtet werden musste, hatte er sich dazu beglückwünscht, eine Arbeit gefunden zu haben, die bis Weihnachten dauern würde; jetzt aber begann er zu fürchten, was Jack Linden passiert war, könne auch ihm jeden Augenblick geschehen. Er musste sich sehr in acht nehmen, Crass nicht in irgendeiner Weise zu beleidigen. Er fürchtete, der möge ihn sowieso nicht sehr gern. Easton wusste, Crass konnte jederzeit dafür sorgen, dass er entlassen wurde, und würde sich auch kein Gewissen daraus machen, es zu tun, wenn es galt, für irgendeinen seiner eigenen Freunde Platz zu schaffen. Crass war ja der Vorarbeiter auf diesem Bau. Als Arbeiter hatte er keine sehr außergewöhnlichen Fähigkeiten; eher war er der Mehrzahl seiner Kollegen unterlegen. Obwohl er aber keine wirklichen Kenntnisse besaß, gab er vor, alles zu wissen, und die unbestimmten Anspielungen auf „Töne", „Schattierungen" und „Harmonie", die er zu machen pflegte, hatten Hunter so beeindruckt, dass er eine hohe Meinung von Crass als Arbeiter hatte. Indem dieser sich auf solche Weise vorwärtsdrängte und geschickt vor Hunter liebedienerte, brachte er I es so weit, dass er mit dem Aufsichtsposten betraut wurde.
Crass selbst verrichtete so wenig Arbeit wie möglich; doch er sorgte dafür, dass die anderen hart arbeiteten. Jeden Mann, der ihn in dieser Hinsicht nicht befriedigte, meldete er Hunter als „schlecht" oder „sogar für 'n Begräbnis zu langsam". Die Folge war, dass der Mann am Wochenende entlassen wurde. Die Leute wussten das, und die meisten von ihnen fürchteten den verschlagenen Crass entsprechend; einige aber gab es, von denen bekannt war, dass sie etwas konnten, und diese standen bis zu einem gewissen Grade außerhalb der Reichweite seiner Bosheit. Einer davon war Frank Owen.
Andere wieder brachten es durch kluge Verteilung von einigen Pfeifen voll Tabak und einigen Maß Bier fertig, vor Crass Gnade zu finden, und oft behielten sie ihre Arbeit, wenn tüchtigere Leute „abgebaut" wurden.
Während Easton durch den Regen nach Hause ging und an all dies dachte, wurde ihm klar, dass er nicht voraussehen konnte, was der nächste Tag oder selbst die nächste Stunde bringen werde.
Mittlerweile war er bei seinem Heim angelangt; es war ein kleines, vierzimmriges Haus in einer langen Reihe gleichartiger Häuser.
Die Eingangstür führte auf einen ungefähr fünfundsiebzig Zentimeter breiten und drei Meter langen Flur, der mit Linoleum ausgelegt war. Am Ende des Flures befand sich eine Treppe zum oberen Teil des Hauses. Die erste Tür links führte in die gute Stube, einen etwa siebeneinhalb Quadratmeter großen Raum mit einem Erkerfenster. Dieses Zimmer wurde nur selten benutzt und war immer sehr ordentlich und sauber. Der Kaminsims aus schwarzgestrichenem Holz war mit zackenförmigen roten und gelben Streifen verziert, die ihm das Aussehen von Marmor geben sollten. An den Wänden klebte eine Tapete mit blaßziegelrotem Hintergrund und einem Muster aus großen weißen Rosen mit schokoladefarbenen Blättern und Stengeln.
Vor dem Kamin stand ein kleines Eisengitter mit dazu passenden Schürhaken, und auf dem Sims waren eine Uhr in einem Gehäuse aus poliertem Holz, ein paar blaue Glasvasen und einige gerahmte Photographien aufgestellt. Der Boden war mit Linoleum bedeckt, dessen Muster rote und gelbe Fliesen nachahmten. An den Wänden hingen zwei oder drei gerahmte Buntdrucke, wie sie den Weihnachtsnummern der illustrierten Zeitschriften beiliegen. Es hing dort auch die Photographie einer Gruppe von Schülerinnen
und Lehrern einer Sonntagsschule mit der Kirche als Hintergrund. Die Mitte des Zimmers nahm ein runder Tisch aus Tannenholz ein, mit einem Durchmesser von etwas über einem Meter, dessen Beine rot gebeizt waren, damit sie wie Mahagoni aussahen. An der einen Wand befand sich eine alte, mit ausgeblichenem Kretonne bezogene Couch, und vier dazu passende Stühle standen an verschiedenen Stellen des Raumes mit dem Rücken gegen die Wand. Auf dem Tisch lag ein rotes Tuch, in der Mitte und an allen vier Ecken mit einem gelben Stickereimuster verziert und an den Kanten mit dem gleichen Stoff eingefasst. Darauf eine Lampe und etliche grellfarben gebundene Bücher.
Einige dieser Sachen, wie die Couch und die Stühle, hatte Easton alt gekauft und selbst aufgearbeitet. Der Tisch, das Linoleum, das Gitter, der Kaminvorleger und so weiter waren auf Abzahlung gekauft worden und noch nicht bezahlt. Vor den Fenstern hingen weiße Spitzengardinen, und im Erker stand ein kleiner Bambustisch, auf dem, billig, aber protzig eingebunden, eine große Bibel lag.
Hätte jemals ein Mensch dieses Buch geöffnet, so hätte er festgestellt, dass die Seiten darin so sauber waren wie alles übrige im Zimmer, und auf dem ersten Blatt hätte er folgende Inschrift gelesen: „Der teuren Ruth, von ihrer sie liebenden Freundin Mrs. Hungerlass, mit dem frommen Wunsch, dass Gottes Wort sie geleiten und Jesus ihr Retter sein möge. 12. Okt. 19 .."
Mrs. Hungerlass war Ruths frühere Herrin, und dies war ihr Abschiedsgeschenk, als Ruth sie verließ, um zu heiraten. Es hatte ein Andenken sein sollen; da Ruth das Buch aber nie öffnete und ihre Gedanken freiwillig niemals bei den Szenen verweilen ließ, an die sie von ihm erinnert worden wäre, so hatte sie die Existenz der Mrs. Hungerlass beinahe ebenso gründlich vergessen wie diese wohlhabende und fromme Dame die ihre.
Für Ruth war die Erinnerung an die Zeit, die sie im Haus ihrer „sie liebenden Freundin" verbracht hatte, alles andere als angenehm. Sie umfasste eine Reihe von kleinlichen Willkürakten, Beleidigungen und Beschimpfungen. Sechs Jahre grausamer Überarbeitung, die jeden Morgen zwei oder drei Stunden, ehe die übrigen Hausbewohner auf-
wachten, begann und erst endete, wenn sie spät in der Nacht todmüde zu Bett ging.
Sie war, was man einen „Haussklaven" nennt; aber wäre sie wirklich eine Sklavin gewesen, so hätte ihr Besitzer einige Rücksicht auf ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen genommen - ihre „sie liebende Freundin" hatte das nicht getan. Mrs. Hungerlass' einziger Gedanke war gewesen, soviel Arbeit wie möglich aus Ruth herauszuholen und ihr so wenig wie möglich dafür zu geben.
Dachte Ruth an diese furchtbare Zeit zurück, so erschien sie ihr, wie man sagen möchte, von einem Heiligenschein der Religion umgeben. Nie ging sie an einer Kirche vorbei, nie hörte sie den Namen Gottes aussprechen oder einen Choral singen, ohne an ihre frühere Herrin zu denken. Hätte sie in ihre Bibel geblickt, so wäre sie dadurch an Mrs. Hungerlass erinnert worden; das war einer der Gründe, weshalb das Buch ungeöffnet und ungelesen dort ruhte und nur ein Ornament auf dem Erkertisch war.
Die zweite Tür im Flur, neben der Treppe, führte in die Wohnküche; von hier aus ging eine andere Tür in die Spülkammer. Oben waren zwei Schlafzimmer.
Als Easton ins Haus trat, kam ihm seine Frau im Flur entgegen und mahnte ihn, keinen Lärm zu machen, denn das Kind sei gerade eingeschlafen. Sie küssten einander, und Ruth half ihm aus dem nassen Überzieher. Dann gingen beide leise in die Küche.
Dieser Raum war ungefähr ebenso groß wie die gute Stube. An einem Ende befanden sich ein kleiner Herd mit Backofen und Wasserspeicher [und] ein hoher, schwarzgestrichener Kaminsims. Auf dem Sims standen eine kleine, runde Weckuhr und einige blankpolierte Zinnbüchsen. Am anderen Ende des Raumes, dem Kamin gegenüber, war ein kleiner Küchenschrank, in dessen Fächern wohlgeordnet eine Anzahl Teller und Schüsseln stand. Die Wände waren mit einer Tapete beklebt, die Eichenholz vortäuschte. An einer Wand, zwischen zwei bunten Kalendern, hing eine Blechlampe mit einem Reflektor hinter der Flamme. Auf einem mit einem weißen Tischtuch gedeckten länglichen Tisch aus Tannenholz in der Mitte der Küche stand das Teegeschirr angerichtet. Von den vier Küchenstühlen waren zwei nahe an den Tisch gerückt. Quer über den Raum, etwa fünfundvierzig Zentimeter unter der Decke, waren mehrere Leinen gespannt, auf denen eine Anzahl Leinen- und Kalikowäschestücke, ein buntes Hemd sowie Eastons weiße Schürze und Jacke trockneten. Auf einer Stuhllehne, zu einer Seite des Feuers, trockneten noch weitere Kleidungsstücke. An der anderen Seite stand eine Korbwiege auf dem Boden, in der ein Säugling schlief. Daneben ein Stuhl, über dessen Lehne ein Handtuch hing, so dass es das Gesicht des Säuglings vor dem Lampenlicht schützte. Es herrschte eine anheimelnde Atmosphäre in dem Raum; die Luft war warm, und das Feuer flackerte fröhlich auf dem weißgescheuerten Herd.
Easton und seine Frau gingen leise hinüber, standen neben der Wiege und betrachteten das Kind, und während sie ihm zusahen, zuckte der Säugling ohne Unterlass unruhig im Schlaf. Sein Gesicht war stark gerötet, und seine Augen bewegten sich unter den halbgeschlossenen Lidern. Hin und wieder zog er die Lippen leicht zurück, so dass ein Teil des Zahnfleischs zu sehen war; dann begann er zu wimmern und zog die Knie an, als habe er Schmerzen.
„Er scheint nicht in Ordnung zu sein", sagte Easton. „Ich glaub, es sind die Zähne", erwiderte die Mutter. „Er ist schon den ganzen Tag sehr unruhig gewesen und war beinah die ganze vergangene Nacht über wach." „Vielleicht hat er Hunger?"
„Nein, das kann's nicht sein. Heut morgen hat er fast ein ganzes Ei gegessen, und ich hab ihn während des Tages mehrmals gestillt. Und zum Abendbrot hat er 'ne ganze Untertasse voll Bratkartoffeln mit Speckstückchen gegessen."
Wieder wimmerte das Kind und zuckte im Schlaf; es zog die Lippen zurück und ließ das Zahnfleisch sehen, die Knie hatte es eng an den Leib gepresst, die kleinen Fäuste waren geballt, und das Gesicht war gerötet. Dann, nach einigen Augenblicken, wurde der Säugling ruhig: sein Mund nahm die gewöhnliche Form wieder an, seine Gliedmaßen lösten sich, und der Kleine schlummerte friedlich.
„Meinst du nicht, er wird mager?" fragte Easton. „Vielleicht bilde ich's mir ein, aber er kommt mir jetzt nicht so groß vor wie vor drei Monaten."
„Nein, er ist nicht ganz so dick", gab Ruth zu. „Es sind die Zähne, die ihm zusetzen; sie lassen ihm fast überhaupt keine Ruh mehr."
Sie betrachteten ihn noch eine Weile. Ruth dachte, es sei ein sehr schönes Kind - am Sonntag wurde er acht Monate alt. Es tat ihnen leid, dass sie nichts tun konnten, um ihm die Schmerzen zu erleichtern; aber sie trösteten sich mit dem Gedanken, er werde schon wieder in Ordnung kommen, wenn die Zähne erst einmal da seien.
„Na komm, wir wollen Tee trinken", sagte schließlich Easton.
Während er sich die feuchten Schuhe und Socken auszog, sie zum Trocknen vor das Feuer legte, statt ihrer trockene Socken und ein Paar Hausschuhe anzog, füllte Ruth eine Blechschüssel zur Hälfte mit heißem Wasser aus dem Boiler und reichte sie ihm; er ging in die Spülkammer, goss noch etwas kaltes Wasser hinzu und begann, sich die Farbe von den Händen zu waschen. Als er damit fertig war, kehrte er in die Küche zurück und setzte sich an den Tisch.
„Ich wusste wirklich nicht, was ich dir heute Abend zu essen geben sollte", sagte Ruth, während sie den Tee einschenkte. „Geld hatte ich keins mehr, und im Haus war nichts als Brot und Butter und das Stück Käse; da hab ich Brot geschnitten, Butter und 'n paar dünne Käsescheiben draufgetan und sie dann auf einem Teller vor dem Feuer geröstet. Hoffentlich schmeckt's dir: ich hab's gemacht, so gut ich konnte."
„Ist in Ordnung: 's riecht auf jeden Fall sehr gut, und ich hab großen Hunger."
Während sie aßen, erzählte Easton seiner Frau von der Sache mit Linden und von seinen Befürchtungen, was ihm selbst geschehen könne. Beide waren sehr entrüstet, und der arme alte Linden tat ihnen leid; aber ihr Mitleid mit ihm war bald fast ganz vergessen über der Furcht um ihre eigene unmittelbare Zukunft.
Schweigend saßen sie eine Weile am Tisch, dann fragte Easton: „Wie viel Miete sind wir 'n jetzt schuldig?"
„Vier Wochen, und ich hab dem Verwalter letztes Mal, als er hier war, versprochen, dass wir nächsten Montag zwei Wochen bezahlen. Er ist ziemlich unangenehm geworden."
„Nun, ich denke, dann wirst du's eben bezahlen müssen".
sagte Easton.
„Wie viel Geld kriegst du denn morgen raus?" fragte Ruth.
Er begann, seine Stunden zusammenzurechnen: Montag hatte er angefangen, und heute war Freitag; fünf Tage, von sieben bis fünf Uhr, weniger eine halbe Stunde Frühstücks- und eine Stunde Mittagspause, achteinhalb Stunden pro Tag - zweiundvierzig und eine halbe Stunde. Das machte bei sieben Pence die Stunde ein Pfund vier Schilling und neuneinhalb Pence.
„Du weißt doch, ich hab erst Montag angefangen, deshalb kommt von der vorigen Woche kein Tag dazu. Morgen gehört zur nächsten Woche." „Ja, ich weiß", antwortete Ruth.
„Wenn wir die zwei Wochen Miete zahlen, bleiben uns zwölf Schilling zum Leben."
„Aber die können wir nicht alle behalten", sagte Ruth, „weil noch andere Sachen bezahlt werden müssen." „Was für andere Sachen?"
„Wir sind dem Bäcker acht Schilling für Brot schuldig, das er uns auf Kredit gegeben hat, als du arbeitslos warst, und etwa zwölf Schilling schulden wir dem Kaufmann. Wir werden ihnen was abzahlen müssen. Und dann brauchen wir wieder Kohle - 's ist nur noch ungefähr 'ne Schippe voll da, und..."
„Warte mal", sagte Easton, „das beste ist, 'ne Liste von allem, was wir schuldig sind, zu machen; dann wissen wir genau, woran wir sind. Hol mir mal 'n Stück Papier und sag mir, was ich aufschreiben soll. Dann sehen wir, wie viel
alles macht."
„Meinst du, alles, was wir schulden, oder alles, was wir
morgen bezahlen müssen?"
„Ich denke, zuerst machen wir lieber 'ne Liste von allem, was wir schulden."
Während sie sprachen, schlief das Kind unruhig und gab ab und zu kurze Klagelaute von sich. Die Mutter ging jetzt zur Wiege und kniete neben ihr nieder, schaukelte sie leise mit einer Hand und klopfte mit der anderen sanft das Kleine.
„Abgesehen von den Möbeln ist die größte Summe, die wir schulden, die Miete", sagte sie, als Easton bereit war.
„Mir scheint", meinte er, nachdem er auf dem Tisch einen Platz freigemacht, das Papier zurechtgelegt und nun begonnen hatte, seinen Bleistift mit einem Frühstücksmesser anzuspitzen, „dass du nicht so gut wirtschaftest, wie du könntest. Wenn du 'ne Liste machen würdest, ehe du sonnabends einkaufen gehst, wo nur die Dinge drauf stehen, die du haben musst, würdeste sehen, das Geld reicht viel weiter. Statt das zu tun, nimmste einfach Geld in die Hand, ohne genau zu wissen, was du damit machen willst, und wenn du zurückkommst, ist alles weg, und du hast kaum was dafür."
Seine Frau gab keine Antwort; ihr Kopf war über das Kind gebeugt.
„Laß mal sehen", fuhr Easton fort. „Erst mal ist da die Miete. Wie viel haste gesagt, sind wir schuldig?"
„Vier Wochen. Das sind die drei Wochen, wo du arbeitslos warst, und diese Woche."
„Vier mal sechs sind vierundzwanzig, macht ein Pfund vier Schilling", sagte ihr Mann, während er es niederschrieb. „Und weiter?"
„Beim Kaufmann zwölf Schilling."
Easton blickte erstaunt auf.
„Zwölf Schilling! Haste mir nicht erst vor kurzem gesagt, dass du alles abbezahlt hast, was wir für Lebensmittel schuldig waren?"
„Weißt du denn nicht mehr, dass wir letztes Frühjahr fünfunddreißig Schilling schuldig waren? Ich hab sie den ganzen Sommer über nach und nach abgezahlt. Das letzte davon hab ich die Woche bezahlt, als deine vorige Arbeit zu Ende ging. Dann warst du drei Wochen arbeitslos - bis letzten Sonnabend -, und weil wir nichts zurückgelegt hatten, hab ich eben auf Kredit holen müssen, was wir brauchten."
„Du meinst also, wir brauchen für drei Schilling Tee und Zucker und Brot die Woche?"
„'s war ja nicht nur das. Wir haben ja auch Speck, Eier und Käse und andere Sachen geholt."
Der Mann begann ungeduldig zu werden.
„Na gut", sagte er, „und was noch?"
„Wir schulden dem Bäcker acht Schilling. Wir haben ihm beinah ein Pfund geschuldet, aber ich hab immer 'n bisschen abgezahlt."
Das wurde mit auf die Aufstellung gesetzt.
„Und dann ist da noch der Milchmann. Ich hab ihn seit vier Wochen nicht bezahlt. Er hat noch keine Rechnung geschickt, aber du kannst 's dir ausrechnen: wir nehmen jeden Tag für zwei Pence Milch."
„Macht vier Schilling acht Pence", sagte Easton, während er die Summe niederschrieb. „Noch was?
„Ein Schilling sieben Pence für den Gemüsehändler, für Kartoffeln, Kohl und Paraffinöl."
„Noch was?"
„Dem Fleischer schulden wir zwei Schilling sieben Pence."
„Wieso, wir haben doch schon lange kein Fleisch gegessen", sagte Easton. „Wann war denn das?"
„Vor drei Wochen, weißt du nicht mehr? 'ne kleine Hammelkeule."
„Ach, richtig", und er fügte diese Summe der Liste hinzu.
„Dann ist da noch die Ratenzahlung für die Möbel und das Linoleum - zwölf Schilling. Von der Firma ist heut ein Brief gekommen. Und dann noch was."
Sie zog drei Briefe aus der Kleidertasche und reichte sie ihm.
„Die sind alle heut gekommen. Ich hab sie dir nicht vorher gezeigt, weil ich dich nicht aufregen wollte, bevor du gegessen hattest."
Easton zog den ersten Brief aus dem Umschlag.

GEMEINDE MUGSBOROUGH Allgemeine Bezirks- und Sondersteuern
Letztmalige Mahnung
Herrn W. Easton Hiermit erinnere ich Sie daran, dass nachstehender, von Ihnen für obige Steuern geschuldeter Betrag noch nicht bezahlt worden ist und ersuche Sie, genannte Summe innerhalb von VIERZEHN TAGEN ab heutigen Datums zu übersenden. Hiermit werden Sie davon in Kenntnis
gesetzt, dass nach vorliegender Aufforderung kein weiterer Besuch und keine Benachrichtigung mehr erfolgt, bevor gerichtliche Schritte zur zwangsweisen Eintreibung der obigen Summe unternommen werden.
Auf Anordnung des Stadtrats
James Leah
Steuereinnehmer, 2. Bezirk
Bezirkssteuer......£ 0/13/11
Sondersteuer.......£0/10/2
£1/4/1

Die zweite Mitteilung kam vom Büro des stellvertretenden Armenaufsehers. Sie war ebenfalls eine „letztmalige Mahnung" und lautete fast genau wie die erste; der Hauptunterschied bestand darin, dass sie „Auf Anordnung des Aufsehers" unterschrieben war anstatt „des Stadtrats". Es wurde darin innerhalb von vierzehn Tagen die Summe von einem Pfund, einem Schilling und fünfeinhalb Pence für Armensteuer verlangt und im Falle der Nichtzahlung mit gerichtlichen Schritten gedroht.
Easton legte die Mitteilung nieder und begann, den dritten Brief zu lesen.

J. DIDLUM & Co., G.M.B.H.
Komplette Möbeleinrichtungen Qualitätsstraße, Mugsborough
Sehr geehrter Herr Easton! Wir erinnern Sie daran, dass am 1. dieses Monats drei Monatsraten von je vier Schilling (zusammen zwölf Schilling) fällig waren, und fordern Sie hiermit auf, uns den genannten Betrag postwendend zuzustellen.
In dem von Ihnen abgeschlossenen Vertrag haben Sie die Verpflichtung übernommen, das Geld am Sonnabend jeder vierten Woche zu zahlen. Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, müssen wir Sie ersuchen, in Zukunft den vollen Betrag pünktlich an dem erwähnten Tage einzusenden.
Hochachtungsvoll J. Didlum & Co., G. m. b. H.

Er las diese Mitteilung mehrere Male schweigend durch und warf sie schließlich mit einem Fluch auf den Tisch.
„Wie viel schulden wir noch für das Linoleum und die Möbel?" fragte er.
„Ich weiß nicht genau. Es waren sieben Pfund und etliches, und wir haben die Sachen ungefähr sechs Monate. Wir haben ein Pfund angezahlt und drei oder vier Raten eingeschickt. Wenn du willst, such ich dir die Karte raus."
„Nein, lass nur sein. Sagen wir mal, wir haben ein Pfund zwölf Schilling bezahlt, dann sind wir noch ungefähr sechs Pfund schuldig."
Er setzte diesen Betrag zu den übrigen.
„Meiner Ansicht nach ist's jammerschade, dass wir die Sachen überhaupt genommen haben", sagte er verdrießlich. „Es wäre viel besser gewesen, wenn wir uns ohne sie beholfen hätten, bis wir bar für sie bezahlen konnten; aber du musstest natürlich deinen Kopf durchsetzen. Jetzt werden wir jahrelang diese verfluchte Schuld auf dem Hals haben, und bevor der Dreck bezahlt ist, wird er schon abgenutzt sein."
Die Frau antwortete nicht sogleich. Sie beugte sich über die Wiege und zog die Decken zurecht, die durch die unruhigen Bewegungen des Kindes in Unordnung geraten' waren. Sie weinte still, unbemerkt von ihrem Mann.
Seit Monaten - tatsächlich seit der Geburt des Kindes hatte sie nicht genügend zu essen gehabt. War Easton arbeitslos, so mussten sie sich einschränken, um nicht tiefer als' unbedingt nötig in Schulden zu geraten. Arbeitete er, so' mussten sie sich einschränken, um ihre Schulden zu bezahlen; aber von dem, was da war, erhielt Easton, ohne es zu wissen, stets den größeren Teil. Hatte er Arbeit, so packte sie immer abends das Beste, das sie im Hause hatte, in den Frühstückskorb. War er arbeitslos, so behauptete sie oft wenn sie ihm die Mahlzeiten auftrug, sie habe bereits gegessen, als er fort war. Und während der ganzen Zeit sog ihr das Kind alle Kraft aus, und mit der Arbeit wurde sie nie fertig.
Sie fühlte sich sehr schwach und müde, als sie dort so kauerte, heimlich weinte und sich bemühte, es ihn nicht sehen zu lassen.
Schließlich sagte sie, ohne sich umzublicken:
„Du weißt genau, dass du ebenso dafür warst, die Sachen zu nehmen, wie ich. Wenn wir das Linoleum nicht geholt hätten, wären wir krank geworden, weil der Wind immer so zwischen den Dielen durchkam. Selbst jetzt bewegt sich das Linoleum an windigen Tagen auf und ab."
„Na, ich weiß nicht", sagte Easton, als er abwechselnd die Liste der Schulden und die drei Briefe ansah. „Ich geb dir beinah jeden Penny, den ich verdiene, und mische mich nie in was hinein, weil ich der Ansicht bin, 's ist deine Sache, dich ums Haus zu kümmern; aber mir scheint, du wirtschaftest nicht richtig."
Ruth brach plötzlich in heftige Tränen aus und legte den Kopf auf den Sitz des Stuhles, der neben der Wiege stand-
Easton fuhr überrascht auf.
„Nanu, was ist 'n los?" fragte er.
Und dann, als er auf die zuckende Gestalt der Frau sah, schämte er sich. Er kniete neben ihr nieder, umarmte sie, bat um Verzeihung und versicherte, er habe sie nicht so verletzen wollen.
„Ich mach's immer so gut ich kann mit dem Geld", schluchzte Ruth. „Ich geb niemals einen Penny für mich selbst aus, aber du scheinst nicht zu verstehen, wie schwer's ist. 's ist mir egal, dass ich selbst nichts hab, aber ich kann's nicht ertragen, wenn du so mit mir sprichst, wie du's in der letzten Zeit tust. Du gibst mir an allem die Schuld. Du hast
nie so mit mir gesprochen, ehe ich - ehe----. Ach, ich bin so
müde - ich bin so müde, ich wollte, ich könnte mich irgendwo hinlegen und schlafen und nie wieder aufwachen."
Sie wandte sich, halb kniend, halb auf dem Boden sitzend, von ihm ab, die Arme auf den Sitz des Stuhles gelegt und den Kopf darauf. Sie weinte hilflos, verzweifelt.
„'s tut mir leid, dass ich so mit dir gesprochen hab", sagte Easton verlegen. „Ich meine ja gar nicht, was ich gesagt hab. Ich bin schuld. Ich überlas dir alles viel zuviel, und man kann nicht erwarten, dass du mit all dem fertig wirst. In Zukunft werd ich dir helfen zu überlegen; vergib mir nur, es tut mir sehr leid. Ich weiß, dass du versuchst, dein Bestes zu tun."
Sie ließ es geschehen, dass er sie an sich zog, und legte
den Kopf an seine Schulter, als er sie küsste, streichelte und ihr versicherte, er wolle lieber mit ihr zusammen arm sein und hungern als mit irgend jemand anders Reichtümer teilen.
Das Kind in der Wiege, das sich die ganze Zeit über unruhig bewegt und gewunden hatte, begann jetzt, laut zu schreien. Die Mutter nahm es hoch, begab sich daran, es zu beschwichtigen, ging mit ihm im Zimmer auf und ab und wiegte es in den Armen. Das Kind fuhr jedoch fort zu schreien; deshalb setzte sie sich nieder, um es zu stillen. Ein Weilchen weigerte es sich zu trinken, strampelte und wehrte sich in den Armen seiner Mutter, dann war es einige Minuten lang ruhig und nahm die Milch unlustig und widerwillig. Danach begann es wieder zu schreien, sich zu winden und zu wehren.
Sie sahen ihm hilflos zu. Was konnte es nur haben? Es mussten die Zähne sein.
Dann, plötzlich, als sie es besänftigten und klopften, erbrach das Kind über seine und der Mutter Kleidung einen Schwall unverdauter Nahrung. Unter die geronnene Milch waren Reste von Ei, Speckbröckchen, Brot und Kartoffelstücke gemischt.
Nachdem der unglückliche Säugling seinen Magen von dieser unnatürlichen Last befreit hatte, begann er von neuem zu weinen, mit sehr blassem Gesicht, farblosen Lippen und rotgeränderten Augen, aus denen die Tränen strömten.
Easton ging mit ihm im Zimmer umher, während Ruth die Bescherung aufwischte und frische Sachen zurechtlegte. Sie kamen beide überein, dass es die durchbrechenden Zähne seien, die den Magen des armen Kindes durcheinander brachten. Wenn sie nur erst durchkämen!
Nachdem diese Arbeit getan war, sagte Easton, der im stillen noch immer dachte, mit Hilfe von etwas gesundem Menschenverstand und kluger Einteilung könnte ihre Lag befriedigender gestaltet werden:
„Machen wir lieber auch gleich 'ne Liste von den Sachen die wir morgen bezahlen und kaufen müssen. Das Entscheidende ist, dass du genau überlegst, was du machst bevor du irgendwas ausgibst; das erspart dir, Sachen zu kaufen, die du nicht wirklich brauchst, und hindert dich daran, Sachen zu vergessen, die du haben musst. Also, zuerst mal die Miete: zwei Wochen, macht zwölf Schilling."
Er nahm ein neues Stück Papier und schrieb diesen Posten nieder.
„Was müssen wir morgen noch bezahlen oder kaufen?"
„Nun, du weißt, dass ich dem Bäcker und dem Kaufmann versprochen hab, ich würd anfangen, sie zu bezahlen, sowie du wieder Arbeit hast; und wenn ich mein Wort nicht halte, geben sie uns ein andermal nichts, schreib deshalb lieber zwei Schilling auf für jeden."
„Hab ich", sagte Easton.
„Zwei Schilling und sieben Pence für den Fleischer. Das müssen wir bezahlen. Ich schäm mich, an dem Laden vorbeizugehen, denn als ich das Fleisch holte, hab ich versprochen, es in der nächsten Woche zu bezahlen, und das ist jetzt beinah drei Wochen her."
„Ich hab's aufgeschrieben. Was noch?"
„Ein Zentner Kohle, ein Schilling sechs Pence."
„Weiter!"
„Die Rate für die Möbel und das Linoleum, zwölf Schilling."
„Weiter?"
„Dem Milchmann schulden wir vier Wochen; geben wir ihm lieber das Geld für eine Woche als Abzahlung, das macht einen Schilling zwei Pence."
„Weiter?"
„Der Gemüsehändler. Ein Schilling Abzahlung."
„Noch was?"
„Wir müssen wenigstens etwas Fleisch essen, wir haben schon beinahe drei Wochen keins gehabt. Schreib lieber einen Schilling sechs Pence dafür."
„Hab ich."
„Ein Schilling neun Pence für Brot; das ist ein Laib pro Tag."
„Aber ich hab doch schon zwei Schilling für Brot aufgeschrieben", sagte Easton.
„Ja, ich weiß, Lieber, aber das ist, um unsere Schulden zu bezahlen, und was du für den Kaufmann und den Milchmann aufgeschrieben hast, auch."
„Na, mach weiter, um Himmels willen, damit wir fertig werden!" sagte Easton gereizt.
„Nicht weniger als drei Schilling beim Kaufmann."
Easton besah sich sorgsam seine Liste. Diesmal war er sicher, den Posten schon aufgeschrieben zu haben; da er aber fand, dass er sich geirrt hatte, sagte er nichts und setzte den Betrag hinzu.
„So, das hab ich. Was noch?"
„Milch, ein Schilling zwei Pence "
„Weiter?"
„Gemüse, acht Pence."
„Jawohl."
„Paraffinöl, und Holz zum Feuern, sechs Pence."
Wieder ging der Finanzmann die Liste durch. Er war sicher, dass es bereits dort stand. Er konnte es jedoch nicht finden, und so wurden die sechs Pence der Zahlenreihe hinzugefügt.
„Und dann sind da noch deine Stiefel; mit den alten Dingern kannst du bei dem Wetter nicht mehr lange rumlaufen, und nochmals flicken halten sie nicht aus. Du weißt doch, der Mann sagte, sie sind's nicht mehr wert, als du vor 'n paar Wochen den Flicken drauf setzen ließest."
„Ja, ich hatte gedacht, mir morgen 'n Paar neue zu kaufen. Meine Socken waren heut Abend ganz durchnässt. Regnet's mal, wenn ich morgens rausgeh, und ich muss den ganzen Tag über mit nassen Füßen arbeiten, dann werd ich krank."
„In dem Trödlerladen unten in der Highstreet hab ich heute Nachmittag, als ich draußen war, 'n sehr gutes Paar für zwei Schilling gesehen, genau in deiner Größe."
Easton antwortete nicht sogleich. Es reizte ihn nicht sehr, die abgelegten Stiefel irgendeines Fremden zu tragen, der vielleicht an Gott weiß welcher Krankheit litt; als er aber daran dachte, dass ihm seine alten Stiefel buchstäblich von den Füßen fielen, wurde ihm bewusst, dass er praktisch keine Wahl hatte.
„Wenn du ganz sicher bist, dass sie passen, hol sie lieber. ' 's ist immer noch besser, 's so zu machen, als dass ich mich erkälte und wer weiß wie lange im Bett liegen muss."
Die zwei Schilling wurden also mit auf die Liste gesetzt.
„Gibt's noch was?" Wie viel macht 'n das jetzt?" fragte Ruth.
Easton rechnete alles zusammen. Nachdem er damit fertig war, starrte er die Zahlen lange voller Bestürzung an, ohne zu sprechen.
„Herr des Himmels!" stieß er endlich hervor.
„Wie viel macht's denn?" fragte Ruth.
„Vierundvierzig Schilling und zehn Pence."
„Ich wusste ja, wir würden nicht reichen", sagte Ruth müde. „Wenn du denkst, ich wirtschafte so schlecht, kannst du mir vielleicht sagen, was wir weglassen sollen."
„Es würde schon in Ordnung gehen, wenn wir nicht die Schulden hätten", sagte Easton eigensinnig.
„Wenn du nicht arbeitest, müssen wir entweder Schulden machen oder verhungern."
Easton antwortete nicht.
„Was machen wir denn mit den Steuern?" fragte Ruth.
„Weiß ich auch nicht; zu versetzen haben wir nichts mehr außer meinem schwarzen Rock und meiner Weste. Vielleicht kriegste was darauf."
„Irgendwie müssen die Steuern bezahlt werden", sagte Ruth, „sonst wirst du einen Monat lang ins Gefängnis gesperrt, wie Mrs. Newmans Mann letzten Winter."
„Na, nimm lieber den Rock und die Weste und sieh zu, was du morgen dafür kriegst."
„Ja", sagte Ruth, „und dann noch mein braunes Seidenkleid - du weißt doch, das ich getragen hab, als wir getraut worden sind -, vielleicht kriege ich dafür was, denn auf den Rock und die Weste werden wir nicht genug bekommen. Ich trenn mich nicht gern von dem Kleid, wenn ich's auch nie trage; aber wir sind ja sicher, dass wir's wieder auslösen können, nicht?"
„Natürlich", sagte Easton.
Sie schwiegen eine Weile, während der Easton die Schuldenliste und die Briefe anstarrte. Ruth fragte sich, ob er wohl noch immer der Meinung sei, sie wirtschafte schlecht, und was er nun tun werde. Sie wusste, sie hatte stets getan, was sie konnte. Endlich sagte sie gedankenvoll, Wobei sie sich große Mühe gab, deutlich zu sprechen, denn der Hals war ihr wie zugeschnürt:
„Und was ist mit morgen? Willst du das Geld selbst ausgeben, soll ich wirtschaften wie bisher, oder wirst du mir sagen, was ich machen soll?"
„Ich weiß nicht, Schatz", sagte Easton mit einfältiger Miene. „Ich denke, das beste ist, du machst's, wie du's für richtig hältst."
„Ach, ich werd schon gut wirtschaften, Lieber, du wirst sehen", antwortete Ruth, die es für eine Art Ehre zu halten schien, dass ihr gestattet wurde, zu hungern und schäbige Kleidung zu tragen.
Der Säugling, der eine Zeitlang ruhig auf dem Schoß seiner Mutter gesessen und neugierig das Feuer betrachtet hatte - seine Zähne schienen ihn weniger zu quälen, seit er das Ei, den Speck und die Kartoffeln losgeworden war -, begann jetzt zu nicken und einzuschlummern, und Easton; der es bemerkte, meinte, man solle das Kind nicht mit leerem Magen einschlafen lassen, weil es sonst wahrscheinlich mitten in der Nacht vor Hunger aufwachen werde. Deshalb weckte er es, so gut es ging, und zerquetschte ein wenig von dem Brot und gerösteten Käse in einem bisschen warmer Milch. Dann nahm er Ruth das Kind ab und versuchte, es zum Essen zu bewegen. Sobald es jedoch seine Absicht verstand, begann es wie am Spieß zu schreien, presste die Lippen fest aufeinander und bewegte jedes Mal, wenn der Löffel sich seinem Mund näherte, schnell den Kopf von einer Seite zur anderen. Es machte einen so furchtbaren Lärm, dass Easton schließlich nachgab. Er begann, mit ihm im Zimmer auf und ab zu gehen, und bald hatte sich das Kind in Schlaf geschluchzt. Nachdem Ruth es in die Wiege gelegt hatte, machte sie sich daran, Eastons Frühstück zu bereiten und es in seinen Korb zu packen. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch, da nur Brot und Butter vorhanden war - oder vielmehr, um genau zu sein, Margarine.
Dann goss sie den übrig gebliebenen Tee aus der Kanne in einen kleinen Topf und stellte ihn auf den Herd, aber vom Feuer entfernt, schnitt noch zwei Scheiben Brot ab und schmierte den ganzen Rest der Margarine darauf, legte sodann die Schnitten auf einen Teller, stellte ihn auf den Tisch und deckte eine Untertasse darüber, damit das Brot während der Nacht nicht austrocknete und hart wurde.
Neben den Teller stellte sie eine saubere Tasse mit Untertasse, dazu Milch und Zucker.
Am Morgen zündete Easton stets dann das Feuer an und wärmte sich den Tee im Topf auf, um eine Tasse voll zu trinken, ehe er zur Arbeit ging. War Ruth wach, und hatte er es nicht allzu eilig, so brachte er ihr gewöhnlich eine Tasse Tee ans Bett.
Jetzt war nichts mehr zu tun, als nur noch etwas Kohle und Holz vor das Kamingitter zu legen, damit es am Morgen keinen unnötigen Zeitverlust gab.
Der Säugling schlief noch immer, und Ruth wollte ihn jetzt nicht wecken, um ihn für die Nacht zurechtzumachen. Easton saß vor dem Feuer und rauchte, und da nun alles getan war, setzte sich Ruth an den Tisch und begann zu nähen. Nach einer Weile bemerkte sie:
„Lass mich doch das Hinterzimmer oben vermieten; die Frau nebenan hat ihr's unmöbliert für zwei Schilling die Woche an eine ältere Frau und ihren Mann vermietet. Wenn wir so jemand bekommen könnten, wär's besser, als 'n leeres Zimmer im Haus haben."
„Dann hätten wir sie ewig hier unten rumhantieren -kochen und waschen und dies und jenes", widersprach Easton. „Sie würden uns mehr Schererei machen, als die Sache wert ist."
„Nun, wir könnten versuchen, es zu möblieren. Mrs.Crass drüben auf der anderen Straßenseite hat zwei Mieter in einem Zimmer. Sie zahlen ihr jeder zwölf Schilling die Woche für Miete, Verpflegung und Wäsche. Das macht ein Pfund vier Schilling, die sie regelmäßig jede Woche einnimmt. Wenn wir dasselbe tun könnten, wären wir bald unsre Schulden los."
„Was hat's für 'nen Zweck, darüber zu reden? Du würdest die Arbeit nie schaffen, selbst wenn wir die Möbel hätten."
„Ach, die Arbeit ist nicht schlimm", antwortete Ruth, „und was die Möbel betrifft, wir haben genug Bettwäsche in Reserve, und 'ne Zeitlang könnten wir gut ohne Waschtisch in unserm Schlafzimmer auskommen; das einzige, was Wir wirklich brauchen, ist 'ne schmale Bettstelle und 'ne Matratze, die könnten wir sehr billig alt kaufen."
„Es müsste doch auch 'ne Kommode drin stehen", meinte Easton zweifelnd.
„Ich denke, nein", erwiderte Ruth. „Im Zimmer ist 'n Schrank, und derjenige, der's nimmt, hat bestimmt 'ne Kiste."
„Na, wenn du meinst, du kannst die Arbeit schaffen, hab ich nichts dagegen", sagte Easton. „'s wird zwar lästig sein, immer 'nen Fremden im Weg zu haben, aber ich denke, so was Ähnliches müssen wir machen, sonst sind wir gezwungen, das Haus aufzugeben und irgendwo 'n paar Zimmer zu mieten. Das wär noch schlimmer, als selbst Mieter haben. Gehn wir doch mal rauf, und sehn wir uns das Zimmer an", setzte er hinzu, stand auf und nahm die Lampe von der Wand.
Sie mussten zwei Treppen steigen, ehe sie auf dem obersten Absatz anlangten, wo zwei Türen waren, von denen die eine in den vorderen Raum - ihr Schlafzimmer - und die andere in das leere Hinterzimmer führte. Die beiden Türen standen im rechten Winkel zueinander. Die Tapete im Hinterzimmer war an mehreren Stellen beschädigt und beschmutzt.
„Von der Tapete liegt noch fast 'ne ganze Rolle oben auf dem Schrank", sagte Ruth. „Du könntest all die Stellen leicht ausbessern. Wir könnten 'n paar Kalender an die Wand hängen; unser Waschtisch würde hier am Fenster stehen, hier ein Stuhl und das Bett an der Wand dort hinter der Tür. Das Fenster ist nur klein; ich kann ohne weiteres aus irgendwas 'ne Gardine machen. Ich bin sicher, ich könnt das Zimmer nett herrichten und kaum was dafür ausgeben."
Easton nahm die Rolle Tapete herunter. Das Muster war das gleiche wie das an der Wand. Freilich war dieses recht ausgeblasst, aber es machte nichts aus, wenn die Flicken zu sehen waren. Sie kehrten in die Küche zurück.
„Meinst du, du kennst irgend jemand, der's nehmen würde?" fragte Ruth. Easton rauchte nachdenklich.
„Nein", sagte er schließlich. „Aber ich werd's ein oder zwei Kollegen auf der Arbeit sagen; vielleicht wissen sie jemand."
„Und ich werd Mrs. Crass bitten, ihre Mieter zu fragen; vielleicht, dass sie 'nen Freund haben, der gern in ihrer Nähe wohnen möchte."
Das war also beschlossene Sache, und da das Feuer fast niedergebrannt und es spät geworden war, schickten sie sich an, zu Bett zu gehen. Das Kind schlief noch immer; deshalb nahm es Easton mitsamt der Wiege und trug es die enge Treppe hinauf in das vordere Schlafzimmer, während Ruth voranging und die Lampe nebst einigen Sachen für das Kind hielt. Damit die Mutter den Säugling während der Nacht leicht erreichen konnte, wurden zwei Stühle neben ihre Seite des Bettes gerückt und die Wiege daraufgestellt.
„Jetzt haben wir den Wecker vergessen", sagte Easton und hielt inne. Er war halb ausgekleidet und hatte bereits die Pantoffeln abgelegt.
„Ich lauf schnell runter und hol ihn", meinte Ruth.
„Ach, lass nur, ich gehe", sagte Easton und begann, sich die Pantoffeln wieder anzuziehen.
„Nein, geh du ins Bett. Ich hab noch nicht angefangen, mich auszuziehen. Ich hol ihn", erwiderte Ruth und war schon auf dem Wege nach unten.
„Ich weiß nicht, ob es die Mühe wert war, noch mal runterzugehen", meinte Ruth, als sie mit dem Wecker zurückkehrte. „Er ist heute drei-, viermal stehen geblieben."
„Na, ich hoffe, er bleibt nicht während der Nacht stehen", sagte Easton. „Wär 'ne schöne Bescherung, wenn ich morgen früh nicht wüsste, wie viel Uhr es ist. Vermutlich werden wir uns als nächstes 'nen neuen Wecker anschaffen müssen."
Mehrmals während der Nacht wachte er auf und zündete ein Streichholz an, um nachzusehen, ob es schon Zeit war aufzustehen. Um halb drei ging die Uhr noch immer, und er schlief wieder ein. Als er das nächste Mal erwachte, hatte das Ticken aufgehört. Wie spät mochte es wohl sein? Es war noch sehr dunkel; aber danach konnte er sich nicht richten, denn um sechs Uhr war es jetzt immer noch finster. Er war völlig munter: es musste fast Zeit sein aufzustehen. Er konnte es sich nicht erlauben, zu spät zu kommen; vielleicht wurde er dann entlassen.
Er stand auf und zog sich an. Ruth schlief, deshalb schlich er leise nach unten, zündete das Feuer an und wärmte den Tee auf. Als er fertig war, ging er leise wieder nach oben. Ruth schlief noch immer, und so beschloss er, sie nicht zu stören. Als er in die Küche zurückgekehrt war, goss er eine Tasse voll Tee und trank ihn, zog sich die Stiefel und den Mantel an, setzte den Hut auf, nahm seinen Korb und verließ das Haus.
Der Regen fiel noch immer hernieder; es war sehr kalt und dunkel. Niemand sonst war auf der Straße. Easton fröstelte, als er so dahinging und sich fragte, wie spät es wohl sein mochte. Es fiel ihm ein, dass etwas weiter unten in der Hauptstraße eine Uhr über einem Juwelierlade: hing. Als er dort ankam, stellte er fest, dass er die Ziffer: auf dem Blatt nicht deutlich erkennen konnte; denn die Uhr hing recht hoch, und es war noch sehr dunkel. Er stand dort, starrte ein paar Minuten lang hinauf und versucht vergeblich zu sehen, wie viel Uhr es war, als plötzlich das Licht einer Blendlaterne auf seine Augen gerichtet wurde.
„Sie sind ja ziemlich früh unterwegs", sagte eine Stimme, deren Eigentümer Easton nicht sehen konnte. Das Licht blendete ihn.
„Wie viel Uhr ist's denn?" fragte Easton. „Ich muss um sieben bei der Arbeit sein, und unser Wecker ist in der Nacht stehen geblieben."
„Wo arbeiten Sie denn?"
„In der ,Höhle' in der Elmore Road: Sie wissen doch bei der alten Zollschranke."
„Was machen Sie dort, und für wen arbeiten Sie?" fragte der Polizist. Easton erklärte es.
„Na", meinte der Wachtmeister, „es ist recht seltsam, dass Sie sich um diese Stunde schon herumtreiben. Es ist; nur ungefähr eine dreiviertel Stunde von hier bis zur Elmore Road zu gehen. Sie sagen, Sie müssen um sieben dort sein, und jetzt ist's erst drei Viertel vier. Wo wohnen Sie denn? Wie heißen Sie?" Easton gab Namen und Adresse an und begann, die Geschichte von der Uhr, die stehen geblieben war, zu wiederholen.
„Was Sie sagen, kann stimmen oder auch nicht", unterbrach ihn der Polizist. „Sicher sollte ich Sie zur Wache mit nehmen. Alles, was ich weiß, ist, dass ich Sie vor diesem Laden herumlungern sah. Was haben Sie in dem Korb da?"
„Nur mein Frühstück", sagte Easton, öffnete den Korb und zeigte seinen Inhalt.
„Ich möchte Ihnen glauben", meinte der Polizist nach einer Pause. „Aber, um ganz sicher zu sein, werde ich mit Ihnen nach Hause gehen. Es liegt auf meiner Streife, und ich will Sie nicht festnehmen, wenn Sie der sind, der Sie sagen; aber ich würde Ihnen raten, eine anständige Uhr zu kaufen, sonst werden Sie sich noch Unannehmlichkeiten zuziehen."
Als sie beim Hause angelangt waren, öffnete Easton die Tür, und nachdem der Beamte einen Vermerk in sein Notizbuch gemacht hatte, ging er davon, sehr zu Eastons Erleichterung. Der stieg nach oben, stellte die Uhr und brachte sie wieder zum Gehen. Dann zog er sich den Mantel aus, legte sich in den Kleidern aufs Bett und deckte sich mit der Steppdecke zu. Nach einem Weilchen schlief er ein, und als er aufwachte, tickte der Wecker noch immer.
Es war genau sieben Uhr.

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