Nemesis-Archiv   WWW    

Willkommen bei Nemesis - Sozialistisches Archiv für Belletristik

Nemesisarchiv
Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
http://nemesis.marxists.org

44. Kapitel Zur schönen Sommerszeit

Während des ganzen Sommers fuhr die Gesellschaft der Menschenfreunde in zerlumpten Hosen fort, unter Schweiß und Mühen ihr edles, selbstloses Werk zu vollbringen, Geld für Mr. Rushton zu verdienen.
Sie versahen Türen und Fenster von Häusern und Läden
mit einem Außenanstrich, wuschen Decken und weißten sie, rissen alte Tapeten von den Wänden, strichen Zimmer und Treppenhäuser und tapezierten sie, bauten neue Zimmer an oder nahmen andere Umbauten an alten Häusern und Geschäftsgebäuden vor, gruben alte Abflussleitungen aus und reparierten regendurchlässige Dächer und zerbrochene Fenster. Ihr Eifer und ihre Begeisterung im Dienste der guten Sache kannte keine Grenzen. Eigentlich sollten sie des Morgens um sechs Uhr mit der Arbeit beginnen, aber gewöhnlich waren die meisten von ihnen bereits eine Viertelstunde vor der Zeit draußen an der Arbeitsstelle zu finden, wo sie auf der Bordschwelle oder auf den Treppenstufen saßen und warteten.
Ihre Tätigkeit erstreckte sich über die ganze Stadt; zu allen Tageszeiten konnte man sie zu einer Arbeitsstelle gehen oder von dort zurückkehren sehen und Leitern, Bretter, Farbtöpfe, Schlämmkreideeimer, Steinguttöpfe, Schornsteinaufsätze, Abflussrohre, Dachrinnenteile, Blechkästen, Feuerroste, Pakete mit Tapetenrollen, Eimer voll Leim, Säcke mit Zement sowie Ladungen von Ziegelsteinen und Mörtel tragen sehen. Ein für Götter und Menschen recht häufiges Schauspiel war eine Prozession, bestehend aus einem mit solchen Materialien beladenen Handwagen, etwa einem halben Dutzend Imperialisten in zerrissenen Stiefeln und zerbeultem, fleckigem, verschossenem Melonenhut oder mit Farbe und Schlämmkreide bespritzter Mütze, die den Wagen durch die Straßen zogen oder schoben, in schmutzigem, lappigem und zerknülltem Stehkragen, die schäbigen, altgekauften, schlechtsitzenden Kleidungsstücke schweißdurchtränkt und mörtelbedeckt.
Selbst die Verkäufer in den Lebensmittel- und Textilwarenhandlungen lachten, machten sich über sie lustig und deuteten höhnisch mit dem Finger auf sie, wenn sie vorbeikamen.
Die höheren Klassen, die Nichtstuer, betrachteten sie als eine Art niedriger Tiere. Im „Verdunkler" erschien eines Tages der Brief eines dieser gutgekleideten Müßiggänger, der sich darüber beklagte, welche Belästigung es für die Besucher der besseren Klassen bedeutete, wenn die Arbeiter des Abends auf ihrem Heimweg von der Arbeit den Bürgersteig benutzten, während sie über die Große Paradeallee gingen, und er schlug vor, sie sollten auf dem Fahrweg gehen. Als sie von diesem Brief hörten, befolgten viele Arbeiter den Vorschlag und benutzten den Fahrweg, um eine Ansteckung der Faulpelze zu vermeiden.
Diesem Brief folgten etliche ähnlicher Art sowie zwei drei andere, die in herablassendem Ton zur Verteidigung der Arbeiter von Leuten geschrieben worden waren, die offenbar nichts über sie wussten. Es erschien auch ein Brief von einem Individuum, das mit „Morpheus" unterzeichnete und sich beschwerte, es werde häufig mitten in der Nacht durch das Stiefelgeklapper der Arbeiter mitten aus dem besten Schlaf gerissen, wenn sie morgens an seinem Hause vorbei zur Arbeit gingen. „Morpheus" schrieb, sie machten nicht nur mit ihren furchtbaren eisenbeschlagenen Stiefeln einen entsetzlichen Lärm, sondern sie hätten auch die Gewohnheit, viel zu husten und auszuspucken, was sehr unangenehm anzuhören sei, und sie unterhielten sich mit lauter Stimme. Zuweilen sei ihre Unterhaltung keineswegs erbaulich, da sie zum größten Teil aus Schimpfwörtern bestehe, was, wie „Morpheus" meinte, darauf zurückzuführen sei, dass sie so früh aufstehen mussten und deshalb schlecht gelaunt seien.
In der Regel arbeiteten sie bis halb sechs Uhr nachmittags, und wenn sie nach Hause kamen, war es sechs Uhr. Hatten sie dann Abendbrot gegessen und sich gewaschen, so war es fast acht Uhr; gegen neun gingen die meisten von ihnen zu Bett, damit sie am nächsten Morgen um halb fünf Uhr aufstehen konnten, um sich eine Tasse Tee aufzugießen, ehe sie um halb sechs das Haus verließen und wieder zur Arbeit gingen. Häufig kam es vor, dass sie früher von daheim fortgehen mussten, wenn die Entfernung zu ihrer Arbeitsstelle mehr als eine halbe Stunde Wegs betrug. Gleichgültig, wie weit die Arbeitsstelle vom Laden entfernt lag, die Leute mussten auf Kosten ihrer eigenen Zeit von und zur Arbeit gehen, denn die Gewerkschaftsvorschriften existierten in Mugsborough nur auf dem Papier. Für „ihresgleichen" wurden weder Straßenbahn- noch Eisenbahnfahrkarten oder Wegezeit gewährt.
Neunundneunzig Arbeiter von hundert hielten nichts
von dergleichen Dingen: so dumm, einer Gewerkschaft beizutreten, waren sie nicht; im Gegenteil, sie hielten etwas davon, sich völlig der Gnade ihrer gütigen, freundlichen liberalen oder konservativen Herren auszuliefern.
Sehr häufig, wenn nur ein paar Arbeiter zusammen arbeiteten, war es unzweckmäßig, zum Frühstück oder zum Mittagessen Tee zu bereiten; dann brachten einige von ihnen ihren Tee fertig in Flaschen mit und tranken ihn kalt; die meisten gingen jedoch in die nächste Kneipe und aßen ihr Mahl zu einem Glas Bier. Selbst Arbeiter, die lieber Tee oder Kaffee getrunken hätten, nahmen Bier, dann gingen sie in ein Lokal ohne Alkoholausschank oder in eine Kaffeestube, so wurden sie gewöhnlich sehr wenig höflich behandelt, wenn sie mit dem Getränk nicht auch etwas zu essen bestellten; außerdem war der Tee in solchen Lokalen gewöhnlich teurer als Bier, und dieses schmeckte gewiss ebenso gut wie der aufgekochte Tee oder wie der flüssige Schlamm, der in billigen „Arbeiter"-Gaststuben als Kaffee verkauft wurde.
Einige der Leute hatten, wie sie meinten, außergewöhnliches Glück; die Firmen, für die sie arbeiteten, hatten genügend zu tun, um sie jeden Abend zwei Stunden Überstunden machen zu lassen - bis halb acht Uhr -, ohne dass sie eine Pause für den Tee einlegten. Die meisten von diesen kamen gegen acht Uhr völlig erschöpft zu Hause an. Dann nahmen sie ihren Tee ein und wuschen sich, und bevor sie noch recht wussten, wie ihnen geschah, war es gegen halb zehn Uhr. Dann gingen sie wieder bis halb fünf oder fünf Uhr am nächsten Morgen zu Bett.
Im allgemeinen waren sie abends, wenn sie nach Hause kamen, derartig müde, dass sie niemals Neigung empfanden, etwas zu lernen oder sich irgendwie fortzubilden, selbst wenn sie Zeit dazu hatten. Während des Winters hatten sie reichlich Muße, etwas zu lernen, und ihre Lieblingslektion war dann, wie sie sich vor dem Verhungern bewahren konnten.
Solche Überstunden waren jedoch eine Ausnahme, denn obwohl es in früheren Jahren fast unweigerlich die Regel gewesen war, im Sommer bis halb acht Uhr abends zu arbeiten, machten es sich die meisten Firmen jetzt zur Gewohnheit, um halb sechs Uhr mit der Arbeit aufhören zu lassen. Die Revolution, die in dieser Hinsicht stattgefunden hatte, war unter den Arbeitern ein beliebtes Gesprächsthema; sie äußerten sich voller Wehmut über die glorreiche Vergangenheit, wo es viel Arbeit gegeben hatte und sie fünfzehn, sechzehn und selbst achtzehn Stunden am Tag zu arbeiten pflegten. Heutzutage dagegen waren im Sommer fast ebenso viele Leute arbeitslos wie im Winter. Sie unterhielten sich häufig über die Ursachen dieser Veränderung. Einmal lag es selbstverständlich daran, dass nicht soviel gebaut wurde wie früher, und zum andern an der gesteigerten Hetzjagd, der erhöhten Antreiberei sowie an der Art, in der die Arbeit jetzt verrichtet oder vielmehr geschludert wurde. Wie der alte Philpot sagte, könnte er sich an die Zeit erinnern, als er noch jung war, wo eine solche Arbeit wie die in der „Höhle" mindestens sechs Monate gedauert hätte, und damals wären sie auch mehr Leute dazu gewesen! Aber die Arbeit wäre richtig gemacht und nicht gepfuscht worden, wie sie es getan hatten; das gesamte Holzwerk wäre mit Bimsstein und Wasser abgerieben worden, alle Äste herausgeschnitten und die Löcher richtig verschmiert, und nach jedem Anstrich wäre die Farbe sachgemäß mit Sandpapier glattgerieben worden. Aber heutzutage war der einzige Fleck, wo man ein Stück Bimsstein sehen konnte, ein Glaskasten in einem Museum mit einem Schild darauf:
„Bimsstein, früher von Stubenmalern benutzt."
Die meisten von ihnen sprachen mit großer Wehmut von diesen vergangenen Zeiten; es gab jedoch einige - gewöhnlich Kerle, die von einer Berührung mit Sozialisten angesteckt waren, oder deren Charakter durch das Schmökern in sozialistischer Literatur verkümmert und verdorben war -, die sagten, sie wünschten überhaupt keine Überstunden zu machen, zehn Stunden genügten ihnen völlig, sie wünschten sogar nur acht Stunden zu arbeiten. Was sie wollten, so sagten sie, sei nicht mehr Arbeit, sondern mehr „Futter", mehr Anzüge, mehr Freizeit, mehr Vergnügen und bessere Wohnungen. Sie wollten in der Lage sein, Spaziergänge oder Radausflüge aufs Land zu unternehmen,
angeln zu gehen oder ans Meer zu fahren, zu baden, am Strand zu liegen und dergleichen mehr. Von diesen gab es indessen nur wenige; nicht viele waren derartig selbstsüchtig. Die Mehrzahl wünschte sich nichts, als nur arbeiten zu dürfen, und was ihre Kinder betraf, nun, „was gut genug für uns war, muss auch gut genug für die Gören sein", so meinten sie.
Oft sagten sie, Dinge wie Freizeit, Kultur, Vergnügen und die Wohltaten der Zivilisation seien niemals für „unsresgleichen" gemeint gewesen.
Nicht alle sagten sie dies wirklich, aber das war es, worauf ihr Verhalten hinauslief; denn sie lehnten es nicht nur ab, für ihre Kinder bessere Verhältnisse zu schaffen, sondern sie verhöhnten, bekämpften, beschimpften und verfluchten auch diejenigen, die versuchten, es für sie zu tun. Die unflätigsten Schimpfwörter, die aus ihrem Munde kamen, waren gegen die Leute ihrer eigenen Klasse im Unterhaus gerichtet, gegen die Abgeordneten der Labour Party, und besonders gegen die Sozialisten, von denen sie als von „Burschen" sprachen, die „viel zu faul" seien, um für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten und „bloß von der Arbeiterklasse unterhalten werden" wollten.
Einige sagten, sie hielten nichts davon, ihren Kindern zu helfen, dass aus ihnen irgend etwas Besseres würde als ihre Eltern waren, denn dann sähen die Kinder, wenn sie groß waren, auf Väter und Mütter „herab" und schämten sich ihrer! Sie schienen zu glauben, falls sie ihre Kinder liebten und ihnen gegenüber ihre Pflicht erfüllten, so würden diese sich wahrscheinlich undankbar zeigen - ganz, als wäre das, selbst wenn es wahr wäre, eine Entschuldigung für ihre eigene Gleichgültigkeit.
Ein weiterer Grund für den Arbeitsmangel war das Eindringen so vieler Außenseiter in das Gewerbe, solcher Burschen wie Sawkins und der übrigen Fliegengewichtler. Woran es auch sonst noch liegen mochte, keineswegs konnte bezweifelt werden, dass das Hetzen und Pfuschen eine der wirklichen Ursachen war. Jeder Auftrag musste sofort erledigt werden! Als handele es sich dabei um Leben oder Tod! Er musste bis zu einer bestimmten Zeit beendet sein! Arbeiteten sie in einem leeren Haus, so war Elends Vorwand der, es sei vermietet! Die Leute zögen Ende der Woche ein! Daher müsse bis Mittwoch Abend alles getan sein. Alle Decken mussten gewaschen, die Tapeten von den Wänden gerissen und diese frisch tapeziert, zwei Innen-und zwei Außenanstriche vorgenommen werden. Neue Rohre mussten gelegt, alle zerbrochenen Fenster und Riegel aller schadhafte Gips ausgebessert werden. Eine Anzahl von Leuten - gewöhnlich waren es halb so viele, wie es hätten sein sollen - wurden hingeschickt, um die Arbeit zu verrichten, und ein Mann wurde als Vorarbeiter eingesetzt. Diese Vizemeister oder „Schieber" wussten: sorgten sie dafür, dass ihre Arbeit „sich bezahlt machte", so betraute man sie auch mit der Aufsicht an anderen Arbeitsstellen, gab ihnen vor anderen Arbeitern den Vorzug und behielt sie, solange die Firma zu tun hatte; daher halfen sie Elend, Pläne auszuhecken, wie man bei der Arbeit pfuschen konnte, beobachteten die ihnen unterstellten Leute und trieben sie an, und diese armen Teufel, die wussten, dass ihre einzige Aussicht, die Arbeit zu behalten, darin bestand, „sich ins Zeug zu legen", legten sich ins Zeug, als seien sie besessen. Anstatt fettiges oder sehr schmutziges Holzwerk zu reinigen, pinselten sie vor dem Anstreichen eine Schicht Spiritusfirnis darüber, um sicher zu gehen, dass die Farbe trocknete; Stellen, wo der Putz an den Wänden beschädigt war, wurden mit dem ausgebessert, was sie humorvollerweise „Gartenzement" nannten - die fachmännische Bezeichnung für Gartenerde -; dann wurde mit dem richtigen Material leicht über die Oberfläche gefahren. Nicht übermäßig stark verschmutzte Decken wuschen sie nicht, sondern sie staubten sie ab und strichen leicht mit einer dünnen Schicht Schlämmkreide darüber. Häufig ließen sie die alte Tapete auf den Zimmerwänden, wo sie abgerissen werden sollte, ehe neu tapeziert wurde, und um es zu verbergen, rieben sie jeweils den Stoß der alten Tapeten flach, so dass er durch das neue Papier hindurch nicht bemerkbar war. Soweit wie möglich vermieden es Elend und die Vorarbeiter, die Arbeit auszuführen, für welche die Kunden bezahlten, und selbst das wenige, das sie taten, wurde flüchtig besorgt.
Ein Schreckensregime - das des Schreckens vor dem Entlassenwerden - herrschte auf allen Arbeitsstellen, und die Arbeit wurde unter Begleitung einer Reihe von Alarmen und Überfällen ausgeführt; keiner der Leute fühlte sich auch nur einen Augenblick lang sicher; zu den unerwartetsten Zeiten pflegte Elend zu erscheinen und wie ein Wirbelwind durch die ganze Arbeitsstelle zu fegen. Geschah es, dass er einen Mann bei einer Arbeitspause ertappte, so wurde der Schuldige auf der Stelle entlassen; hierzu hatte Elend jedoch nicht häufig Gelegenheit, denn alle fürchteten sich viel zu sehr, um die Arbeit auch nur durch ein paar Minuten der Ruhe zu unterbrechen.
Vom Augenblick der Ankunft Hunters an bis zu seinem Fortgehen herrschte ein Zustand der Panik, der Hast, der Verwirrung und des Durcheinanders. Seine schrille Stimme drang durch das Haus, während er die Leute anbellte: „Aufgewacht! Machen Sie, dass Sie fertig werden! Schmieren Sie's irgendwie drauf! Überteeren Sie's! Wir müssen mit 'ner anderen Arbeit anfangen, wenn Sie mit der hier fertig sind!"
Gelegentlich, nur um die anderen auf dem höchsten Grad der Anspannung zu halten, entließ er einen der Leute wegen übermäßiger Langsamkeit. Alle zitterten vor ihm und rannten umher, sobald er sie ansprach oder sie rief, da sie wussten, dass es stets viele Arbeitslose gab, die bereitstanden und froh wären, ihren Platz einzunehmen, wenn sie entlassen wurden.
Obgleich jetzt Sommer war und das Notstandskomitee sowie alle übrigen Komitees ihre Arbeit eingestellt hatten, lungerte noch immer zu allen Zeiten eine große Anzahl Leute in der Nähe des Brunnens auf der Großen Paradeallee - dem Sklavenmarkt - herum. Hatten Leute die Arbeit für eine Firma, bei der sie beschäftigt waren, beendet, so begaben sie sich gewöhnlich sogleich dorthin. Jeder Herr, der für einige Stunden, Tage oder Wochen einen Lohnsklaven benötigte, konnte dort stets einen solchen kaufen. Die Arbeiter wussten das, und sie wussten ebenfalls, dass es nicht leicht war, eine andere Arbeit zu finden, wenn sie bei einer Firma entlassen wurden, und deshalb lebten sie in Angst.
War Elend fortgegangen, um auf irgendeiner andere Arbeitsstelle das gleiche Theater zu wiederholen, so macht sich der Vorarbeiter daran, umherzuschleichen, um festzustellen, wie die Leute vorankamen: um zu sehen, ob sie etwa ihre Farbe aufgebraucht hätten, oder um ihnen etwas Kitt zu bringen, damit sie ihre Arbeit nicht verlassen mussten und selbst irgend etwas holen gingen, und dann kam sehr häufig auch Rushton in eigener Person und stolzierte leise im Haus umher oder stand schweigend hinter den Leuten und beobachtete sie bei der Arbeit. Selten sprach er zu irgend jemand, sondern er stand nur da wie eine feierliche Statue oder ging wie ein stummes Tier umher - wie ein Schwein, so pflegten die Leute zu sagen. Dieser Mensch hatte eine sehr erhabene Vorstellung von seiner eigenen Wichtigkeit und Würde. Einmal wurde ein Mann entlassen, weil er es gewagt hatte, Rushton auf der Straße anzuhalten, um wegen irgendeiner Arbeit, die gerade ausgeführt wurde, eine Frage an ihn zu richten.
Am nächsten Tag machte Elend die Runde auf allen Arbeitsstellen und forderte alle Vorarbeiter auf, sämtlichen Leuten zu sagen, sie sollten Mr. Rushton niemals ansprechen, wenn sie ihm auf der Straße begegneten, und am folgenden Sonnabend wurde dem Mann, der sich das hatte zuschulden kommen lassen, sein rückständiger Tageslohn ausgezahlt, angeblich, weil es nichts mehr für ihn zu tun gab, in Wirklichkeit aber aus dem oben erwähnten Grunde.
Einmal verrichteten sie Außenarbeiten an einem großen Haus, das auf einer Erhöhung oberhalb der Stadt lag. Die Leute, die dort arbeiteten, fühlten sich noch unbehaglicher als sonst, denn es wurde erzählt, Rushton sitze in seinem Büro und beobachte sie durch ein Fernrohr.
Wenn es wirklich nötig war, eine Arbeit bis zu einer bestimmten Zeit fertig zu stellen, mussten sie zuweilen länger dableiben, etwa bis acht oder neun Uhr abends. Für den Tee wurde ihnen keine Zeit gewährt; einige brachten jedoch früh genügend mit, so dass sie gegen sechs Uhr abends noch etwas essen und trinken konnten. Andere ließen sich durch ihre Kinder Tee von zu Hause bringen. In der Regel nahmen sie dann das Essen zu sich, ohne mit der Arbeit
Innezuhalten: es stand neben ihnen auf dem Fußboden, und sie aßen, tranken, und gleichzeitig arbeiteten sie, in der einen Hand den Pinsel voll Bleiweiß und in der anderen ein Stück Brot mit Margarine. An einigen Arbeitsstellen stellten sie, falls der Vorarbeiter anständig war, einen Posten auf, um nach Hunter oder Rushton Ausschau zu halten, während sich die übrigen für einige Minuten davonmachten, um schnell einen Bissen herunterzuschlingen; das konnten sie jedoch nicht immer in Sicherheit tun, denn häufig war irgendein kriecherischer Angeber da, der den Ehrgeiz hatte, Vorarbeiter zu werden und keine Skrupel empfand, sich bei Elend durch Hinterbringen des Verbrechens einzuschmeicheln.
Als zusätzliche Vorsichtsmaßregeln, um Leute am Faulenzen oder an der Zeitverschwendung zu hindern, wurde jedem von ihnen ein Lohnverrechnungszettel ausgehändigt, auf dem er über jede Minute des Tages Rechenschaft abzulegen hatte. Die Ausführung dieser Zettel unterscheidet sich bei den verschiedenen Firmen ein wenig - der von Rushton & Co. benutzte entsprach dem hier beigefügten Muster.
Am Montagmorgen händigte Elend jedem Vorarbeiter einen Umschlag aus, der ein Merkblatt der Firma enthielt. Crass öffnete den seinen und las folgendes:

„Crass.
Auf einer Arbeitsstelle, wo Sie Leute unter sich haben, überprüfen Sie deren Lohnverrechnungszettel und zeichnen diese jeden Abend ab.
Werden die Leute abberufen und an eine andere Arbeitsstelle gesandt, oder müssen sie aussetzen, so prüfen Sie ihre Lohnzettel nach und unterzeichnen diese, wenn die Leute die Arbeitsstelle verlassen.
Bei jedem Mann, der während des Tages auf Ihre Arbeitsstelle kommt, stellen Sie die genaue Ankunftszeit fest und sorgen dafür, dass diese richtig auf seinem Lohnzettel vermerkt wird.
Jeden Mann, der langsam oder faul ist, und jeden, von dem Sie bemerken, dass er während der Arbeitszeit mehr als unbedingt notwendig spricht, melden Sie Mr. Hunter.
Wir erwarten von Ihnen sowie von den übrigen Vorarbeitern, dass Sie für die Beachtung dieser Vorschriften Sorge tragen. Alle uns über irgendeinen Mann gegebenen Informationen werden vertraulich behandelt.
Rushton & Co.
Anmerkung: Dies betrifft die Leute sämtlicher Berufszweige auf den Arbeitsstellen, wo Sie Vorarbeiter sind."

Diese Lohnzettel wurden jede Woche sorgfältig geprüft, und von Zeit zu Zeit wurde ein Mann im Büro von Rushton und Elend „ins Gebet genommen" und befragt, weshalb er zehn Stunden gebraucht habe, um die Arbeit von fünfzehn Stunden zu leisten! Falls der Angeklagte nicht in der Lage war, eine zufrieden stellende Erklärung seines Verhaltens zu geben, wurde er gewöhnlich auf der Stelle entlassen.
Häufig wurde Elend selbst „ins Gebet genommen".
Irrte er sich bei der Ausarbeitung eines Kostenanschlags, und machte er eine zu hohe Offerte, so dass die Firma den Auftrag nicht erhielt, so brummte Rushton. War der Preis so niedrig, dass nicht genügend Profit übrig blieb, so war Rushton sehr ungehalten darüber, und geschah es, dass nicht nur kein Profit, sondern sogar ein Verlust entstand, so tobte Rushton so fürchterlich, dass Elend fast zu Tode erschrak, auf sein Rad stieg, zur nächsten Arbeitsstelle eilte, wo er die „Kerle" anschrie und anbellte, sie sollten ja machen, dass sie endlich fertig würden.
Ständig wurden die Fähigkeiten der Leute - insbesondere in Bezug auf ihr Arbeitstempo - sorgfältig beobachtet und notiert: sobald es wenig zu tun gab und es notwendig war, einige Arbeiter zu entlassen, wurden die ausgesiebt, welche langsam waren oder allzu sorgfältig arbeiteten; selbstverständlich wussten die Leute das, und es hatte auf sie die erwünschte Wirkung.
Um Rushton und Hunter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, darf man nicht vergessen, dass es für all diese Antreiberei und Betrügerei eine gewisse Entschuldigung gab, denn sie mussten ja mit allen übrigen Firmen konkurrieren, die ihr Geschäft in eben dieser Weise betrieben. Nicht ihr Fehler war es, sondern der des Systems.

LOHNVERRECHNUNGSZETTEL
für Arbeiten, ausgeführt von
beschäftigt bei
RUSHTON & CO., MUGSBOROUGH Bau- und Malerarbeiten
Während der Arbeitszeit ist es nicht gestattet, zu rauchen oder berauschende Getränke zu sich zu nehmen. Jede Arbeit muss genau beschrieben und die zu ihrer Ausführung gebrauchte Zeit muss genau angegeben werden.

 

Ort der Arbeit

begonnen

beendet

Stunden zahl

Art der Arbeit

Sa.

 

 

 

 

 

Mo.

 

 

 

 

 

Di.

 

 

 

 

 

Mi.

 

 

 

 

 

Do.

 

 

 

 

 

Fr.

 

 

 

 

 

Insgesamt

 

 

Um jeden Auftrag bewarben sich ein Dutzend Firmen, und natürlich wurde die Arbeit gewöhnlich derjenigen übertragen, die den niedrigsten Kostenanschlag gemacht hatte. Da alle das wussten, drückten sie die Preise soweit wie nur irgend möglich hinab, und die Arbeiter hatten darunter zu leiden.
Das Schlimme war, dass es zu viele „Meister" gab. Für die Arbeiter wäre es besser gewesen, wenn neun von zehn Unternehmern niemals ein Geschäft eröffnet hätten. Darin wäre es den übrigen möglich gewesen, bessere Bezahlung für ihre Arbeit zu erhalten, und die Leute hätten vielleicht bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gehabt. Die Arbeiter jedoch hielten Rushton und Elend derartige entschuldigende Momente nicht zugute. Niemals dachten sie an die beiden oder sprachen sie von ihnen, ohne Hass zu äußern und ohne zu fluchen. Kam aber einer der beiden auf die Arbeitsstelle, so bückten sich die Vorarbeiter, krochen vor ihm und empfingen ihn mit ekelhaft servilen Begrüßungen, in denen das Wort „Herr" ständig wiederkehrte, Begrüßungen, die häufig entweder völlig übersehen oder mit einem unbestimmten Brummen beantwortet wurden. Fast jedes zweite Wort, das sie sagten, war „Herr": beim Zuhören konnte einem übel werden, denn das war keine Höflichkeit. Niemals waren sie höflich zueinander; es war nichts als niedrige Unterwürfigkeit und Selbstverachtung.
Eines der Ergebnisse der wahnsinnigen Hetzjagd war, dass sich immer wieder einmal ein Unfall ereignete; jemand wurde verletzt, und in Anbetracht der Gefahren, welche die Arbeiter auf sich nahmen, war es seltsam, dass nicht mehr Unfälle vorkamen. Arbeiteten sie in belebten Straßen auf Leitern, so erhielten sie nicht oft die Erlaubnis, unten jemand aufpassen zu lassen, und infolgedessen gerieten die verschiedensten Leute heftig in Kollision mit dem Fußende dieser Leitern. Kleine Jungen, die mit der für ihr Alter charakteristischen Sorglosigkeit spielten, rannten dagegen. Botenjungen, mit großen Gemüsekörben beladen und vertieft in die Lektüre einer Penny-Fortsetzung der Abenteuer Claude Duvals, liefen hinein. Blinde wurden durch diese Leitern zu Fall gebracht. Unternehmungslustige Schuljungen kletterten hinauf. Leute mit großen Füßen blieben daran hängen. Korpulente Personen beiderlei Geschlechts, die glaubten, es bringe Unglück, darunter hindurchzugehen, versuchten, über den engen Streifen zwischen dem Fuß der Leiter und dem Bordstein zu gelangen, stießen dabei gegen diese und fielen zuweilen auf den Fahrweg. Kinderwagen schiebende Kindermädchen, lässig über den Wagengriff gebeugt, den sie gewöhnlich mit der linken Hand anfassten, während die rechte eine Nummer der „Orangenblüten" oder irgendeines anderen Magazins zu einem halben Penny hielt, waren so gefangen von der Geschichte des Marquis von Limejuice -eines jungen Mannes von stattlicher Erscheinung und großem Reichtum, mit herabhängendem goldenem Schnurrbart und sehr langen Beinen, der trotz der diabolischen Machenschaften der Lady Sybille Malvoise, die ihn so heftig liebt, wie eine Frau mit einem derartigen Namen überhaupt nur jemand lieben kann, entschlossen ist, niemand anders zu heiraten als das Küchenmädchen aus der Dorfschenke -, dass sie unweigerlich mit dem Kinderwagen gegen die Leiter prallten. Selbst wenn die Mädchen nicht lasen, fuhren sie fast immer gegen die Leitern, die für Kinder-und Sportwagen jeder Art anscheinend eine magnetische Anziehungskraft hatten - gleich, ob die Wagen von Kindermädchen oder Müttern geschoben wurden. Zuweilen bewegten sich die Frauen sehr vorsichtig auf die Leiter zu, zögerten, wenn sie nahe davor waren, ein wenig, ob sie darunter hindurchfahren oder die Gefahr auf sich nehmen sollten, auf den Fahrweg hinunterzufallen, wenn sie versuchten, die schmale Stelle zwischen Leiter und Bordstein zu passieren; dann fuhren sie sehr nahe an den Fuß der Leiter heran, wichen vor ihm aus und tänzelten hin und her, bewegten den Wagen mit kurzen Rucken von einer Seite auf die andere, bis endlich der magnetische Einfluss seine Wirkung ausübte und der Kinderwagen gegen die Leiter stieß -vielleicht gerade in dem Augenblick, in dem sich der Mann, der oben stand, ausreckte, um eine Arbeit zu verrichten, die kaum noch in Reichweite für ihn war.
Einmal hatte Harlow gerade begonnen, von der Spitze einer zwölf Meter hohen Leiter aus eine Dachrinne zu streichen, als einer der kleinen Jungen, die auf der Straße spielten, heftig gegen den Fuß der Leiter rannte. Harlow fuhr dermaßen zusammen, dass er seine Pinsel fallen ließ und sich krampfhaft an die Leiter klammerte; diese dreht sich völlig um sich selbst und glitt etwa zwei Meter weit die Brüstung entlang bis in die Ecke der Hausmauer, während Harlow an den Händen darunter hing. Der Färbtopf war mit einem Haken an einer der Sprossen befestigt, und infolge des Rucks floss die darin enthaltene braune Farbe über Harlow und das ganze Mauerwerk der Vorderfront des Hauses. Es gelang ihm, ohne Zwischenfall den Boden zu erreichen, indem er die Beine um die Seiten der Leiter schlang und hinunterglitt. Als Elend kam, setzte es Krach wegen dem, was er Unvorsichtigkeit nannte. Und am nächsten Tag musste Harlow seine Sonntagshose zur Arbeit anziehen. Ein andermal waren sie mit dem Außenanstrich eines „Gotisches Häuschen" genannten Gebäudes beschäftigt. Es hatte an einer Ecke einen Turm mit spitzem Dach, der von einer schmiedeeisernen Verzierung gekrönt war, die angestrichen werden musste. Die Leiter, die sie zur Verfügung hatten, war nicht ganz lang genug, und außerdem konnte sie nicht schräg genug aufgestellt werden, da sie in einer Art Hof, der sich unter dem Turm befand, stehen musste: anstatt auf dem Turmdach aufzuliegen, ragte sie in die Luft.
Als Easton hinaufstieg, um den Turmaufsatz anzustreichen, musste er fast auf der obersten Leitersprosse stehen -um genau zu sein, auf der dritten Sprosse von oben - und sich vorbeugen, um sich mit der linken Hand auf die Verzierung zu stützen, während er mit der rechten den Pinsel führte. Da es nur eine Arbeit von zwanzig Minuten war, hielten zwei Leute den Fuß der Leiter fest.
Es war billiger, die Arbeit auf diese Weise auszuführen, anstatt ein richtiges Gerüst zu bauen, was zwei oder drei Mann vielleicht zwei Stunden Arbeitszeit gekostet hätte. Freilich war sie auf diese Weise sehr gefährlich, aber das schadete nicht das geringste; denn selbst wenn der Mann herunterfiel, machte es der Firma nichts aus - alle Arbeiter waren versichert, und aus irgendeinem Grunde kamen sie nicht häufig zu Schaden, obgleich sie oft genug nur um Haaresbreite davonkamen.
Bei dieser Arbeit fühlte Easton, als er gerade fertig wurde, wie die Eisenspitze, gegen die er sich stützte, nachgab, und er erschrak dermaßen, dass sein Herz fast zu schlagen aufhörte. Er ließ die Spitze los und suchte sich so gut wie möglich auf der Leiter im Gleichgewicht zu halten, und als er drei oder vier Stufen hinabgestiegen war und sich in verhältnismäßiger Sicherheit befand, blieb er dort krampfhaft an die Leiter geklammert stehen und fühlte sich so schwach, dass er mehrere Minuten lang nicht weiter hinabklettern konnte. Als er hinuntergelangt war und die anderen bemerkten, wie blass er aussah und wie er zitterte, berichtete er ihnen, dass sich die Spitze gelockert hatte, und da der Vorarbeiter gerade vorbeikam, teilten sie es ihm mit und schlugen vor, sie zu reparieren, da sie ja sonst herabfallen und jemand verletzen konnte; aber der Vorarbeiter fürchtete, wenn sie Meldung machten, werde man ihnen vielleicht vorwerfen, sie hätten die Spitze abgebrochen, und der Besitzer des Hauses könne von der Firma erwarten, dass diese den Schaden unentgeltlich reparierte; daher beschlossen sie, nichts darüber zu sagen. Die Spitze steht noch immer oben auf dem Turmdach und wartet darauf, dass ein genügend starker Wind sie hinunter- und jemand auf den Kopf bläst.
Als die anderen Arbeiter hörten, wie Easton gerade noch so davongekommen war, sagten die meisten, ihm wäre verflucht recht geschehen, wenn er abgestürzt wäre und sich das Genick gebrochen hätte: er hätte sich weigern sollen, ohne ein richtiges Gerüst überhaupt hinaufzusteigen. Sie hätten das jedenfalls so gemacht. Wenn Elend oder der Vorarbeiter einem von ihnen befohlen hätte, hinaufzuklettern und die Turmspitze von der Leiter aus zu streichen, so hätten sie „den Pinsel hingeschmissen" und ihren „halben Penny" verlangt!
So sagten sie, aber aus irgendeinem Grunde kam es nie vor, dass einer von ihnen „den Pinsel hinschmiss", obgleich derartig gefährliche Arbeiten häufig waren.
Das Pfuschen der Arbeit wurde nicht nur auf Häuser und Gebäude minderwertiger Art beschränkt: es war allgemein die Regel. Große, erstklassige Häuser, Villen und Herrensitze, die Wohnstätten reicher Leute, wurden auf
genau die gleiche Weise hergerichtet. Gewöhnlich wurden an dergleichen Orten teure und schöne Materialien bei der Verwendung verdorben.
In einem großen, herrschaftlichen Haus sollte das Holzwerk - Türen, Fenster und Treppen - mit weißer Emaillefarbe gestrichen werden. Das Haus war ziemlich alt, und eigentlich hätten die Holzflächen abgerieben und die Risse darin ausgefüllt werden müssen, ehe sie gestrichen wurden; hierfür war jedoch selbstverständlich keine Zeit vorhanden; so strichen sie die Teile an, ohne sie richtig vorzubereiten, und als die rauen, unebenen Flächen lackiert waren, sahen sie scheußlich aus; der Eigentümer schien jedoch recht zufrieden zu sein, weil alles schön glänzte. Das Speisezimmer desselben Hauses wurde mit einer wunderbaren teuren Plüschtapete ausgestattet. Deren Untergrund imitierte roten Seidenmoire und war mit einem erhaben hervorstehenden Plüschmuster der gleichen Farbe geziert. Der Preis, der im Musterkatalog auf der Rückseite dieser Tapete stand, war achtzehn Schilling die Rolle. Slyme erhielt sechs Pence pro Rolle für das Aufkleben; zehn Rollen wurden für das Zimmer gebraucht, daher kam die Tapete auf neun Pfund und das Aufkleben auf fünf Schilling! Um eine solche Tapete richtig anzubringen, wäre es nötig gewesen, zuerst die Wände mit einem einfachen Papier, von der gleichen Farbe wie der Untergrund der Tapete selbst, zu bekleben, denn wenn der Tapezierer die Stöße der Rollen nicht übereinander klebt - was er nicht tun soll -, sperren sie beim Trocknen leicht ein wenig und lassen die weiße Wand darunter zum Vorschein kommen. Slyme schlug Elend vor, ein solches Papier darunterzukleben; der wollte aber nichts davon hören - sie hätten schon Unkosten genug durch das Abreißen der alten Tapete!
So tapezierte Slyme drauflos, und da er sich seinen Lohn verdienen musste, konnte er nicht viel Zeit auf die Arbeit verwenden. Einige der Ränder lagen übereinander, und einige stießen aneinander, und zwei oder drei Wochen, nachdem der Eigentümer das Haus bezogen hatte, trocknete die Tapete aus, die Ränder begannen zu sperren, und darunter kam die weiße Gipswand zum Vorschein; nun musste Owen mit einem kleinen Topf roter Farbe und
einem dünnen Pinsel dorthin gehen und den weißen Streifen überstreichen.
Während er das tat, bemerkte er noch eine Reihe anderer Fehler und besserte sie gleichfalls aus, Stellen, an jenen Slyme - in seiner Hast, die Arbeit zu Ende zu bringen - die Vorderseite der Tapete mit Fingerabdrücken und Leim besudelt und beschmiert hatte.
Neben diesem Auftrag wurden auf die gleiche Weise noch mehrere andere verpfuscht, und bald darauf ging man dazu über, an den Stellen, wo die Tapetenränder aneinander stoßen sollten, Farbstreifen auf die weiße Wand zu malen, damit diese nicht zu sehen wäre, wenn die Ränder sperrten; es ergab sich aber, dass der Leim auf der Rückseite der Tapete die Farbe von der Wand aufsog, und wenn die Spalten sich öffneten, waren trotzdem die weißen Streifen zu sehen; daher gab Elend jeden weiteren Versuch auf zu verhindern, dass die Spalten sichtbar wurden, und beklagte sich ein Kunde, so sandte er jemand dorthin, um sie „zu retuschieren"; eine Papierunterlage aber wurde niemals angebracht, es sei denn, der Kunde oder der Architekt verstanden genügend von der Arbeit, um darauf zu bestehen.
In anderen Teilen desselben Hauses wurden die Decken, die Friese und die Paneele mit erhabenen oder Relieftapeten beklebt. Mit diesen musste man sehr sorgfältig umgehen, denn die hervortretenden Muster können leicht beschädigt werden; den Arbeitern, die sie anbrachten, wurde jedoch nicht gestattet, die für eine gute Arbeit nötige Zeit und Mühe darauf zu verwenden, und infolgedessen wurde das Muster an vielen Stellen - besonders an den Rändern - eingedrückt und verdorben.
Die Decke des Salons wurde mit einer sehr dicken Hochrelieftapete beklebt, die in etwa sechzig mal sechzig Zentimeter großen Stücken geliefert wurde. Diese Quadrate waren nicht von sehr regelmäßiger Form; offensichtlich hatten sie sich nach der Herstellung beim Trocknen verzogen; um sie nur einigermaßen aneinanderzupassen, wäre viel Zeit und Sorgfalt nötig gewesen. Die Leute durften sich jedoch nicht die nötige Zeit nehmen. Infolgedessen bot die Decke, als sie fertig war, einen kunterbunten Anblick. Das machte jedoch nichts; gar nichts schien etwas auszumachen, außer dass die Arbeit fertig wurde. Nach der Art in der die Leute angetrieben, gejagt und zur Eile angehalten wurden, hätte man meinen sollen, sie erhielten einen Stundenlohn von fünf oder sechs Schilling anstatt nur von ebenso vielen Pence.
„Macht, dass ihr damit fertig werdet!" schrie Elend von morgens bis abends. „Um Himmels willen, macht, dass ihr endlich damit fertig werdet! Seid ihr denn noch nicht soweit? Wir verlieren Geld an diesem Auftrag! Wenn ihr Kerle nicht aufwacht und euch 'n bisschen fixer bewegt, werd ich zusehen, ob ich nicht jemand anders kriegen kann, der's macht."
Die teuren Reliefornamente wurden gewöhnlich weiß angestrichen; anstatt sie jedoch mit besonders zubereiteter Farbe oder Spezialtünche zu streichen, von der zwei oder drei Schichten nötig gewesen wären, schmierten sie mit gewöhnlichen Bürsten eine dicke Schicht einfacher Schlämmkreide darauf.
Das war eine höchst sparsame Art, die Arbeit zu verrichten, da es hierbei nicht nötig war, die Fugen vorher auszufüllen - die Schlämmkreide verdeckte alle Risse und verdeckte gleichfalls auch die Hohlräume, die Vertiefungen und Zwischenräume des Ornaments, zerstörte die ausgeprägten Konturen der schönen Zeichnungen und verwandelte das Ganze in eine plumpe, formlose Masse. Das machte jedoch ebenfalls nichts aus - Hauptsache, die Arbeit wurde fertig.
Der Architekt bemerkte es nicht, denn er wusste, je mehr Rushton & Co. an dem Auftrag verdiente, desto mehr verdiente auch er.
Der Mann, der die Arbeit bezahlen musste, bemerkte es nicht; er hatte volles Vertrauen zu dem Architekten.
Trotz der Gefahr, den geduldigen Leser zu ermüden, müssen wir noch eine Sache erwähnen, die sich an eben dieser Arbeitsstelle ereignete.
Alle Fenster waren mit Rolläden versehen. Der Herr, für den die gesamte Arbeit ausgeführt wurde, hatte das Haus soeben erst gekauft, er bevorzugte jedoch Rollvorhänge. In seinem früheren Wohnhaus, das er gerade verkauft hatte, waren Rollvorhänge gewesen, und da sie ungefähr die richtige Größe hatten, beschloss er, sie an den Fenstern seines neuen Hauses anbringen zu lassen; daher beauftragte er Mr. Rushton, alle Rolläden abnehmen und auf dem Dachboden unterbringen zu lassen. Mr. Rushton versprach, das zu tun, es wurden jedoch nicht alle Rolläden auf dem Boden verstaut; vier davon ließ er in sein eigenes Haus schaffen und im Gewächshaus anbringen. Sie waren ein wenig zu breit und mussten, ehe sie angebracht wurden, schmaler geschnitten werden.
Die Folge war recht interessant, denn als der Herr die Rollvorhänge aus seinem alten Haus abnehmen wollte, verweigerte der Käufer die Erlaubnis hierzu mit der Begründung, er habe, als er das Haus kaufte, auch die Rollvorhänge mitgekauft. Es gab einen kleinen Streit; schließlich aber blieb es dabei, und der Herr beschloss, doch die Rollläden in seinem neuen Haus wieder anbringen zu lassen, und beauftragte die Ziehleute, die seine Möbel brachten, die Jalousien wieder vom Dachboden zu holen und von neuem anzubringen, und nun wurde natürlich entdeckt, dass vier davon fehlten. Mr. Rushton wurde geholt, und er behauptete, er könne das überhaupt nicht begreifen! Die einzige Erklärung, die er dafür finden könne, sei, einige seiner Arbeiter müssten sie gestohlen haben! Er werde Nachforschungen anstellen und versuchen, die Schuldigen ausfindig zu machen; da die Sache jedoch geschehen sei, während er die Verantwortung trug, werde er in jedem Fall, auch wenn er die Schuldigen nicht entdecke, die Rolläden ersetzen. Da diese schmaler geschnitten worden waren, damit sie in das Gewächshaus passten, musste er vier neue anfertigen lassen.
Natürlich war der Kunde sehr zufrieden, obgleich ihm Mr. Rushton leid tat. Sie unterhielten sich ein wenig darüber. Rushton erzählte dem Herrn, der wäre erstaunt, wenn er erst wüsste, mit welchen Schwierigkeiten man sich abfinden müsse, wenn man es mit Arbeitern zu tun habe; ständig muss man sie überwachen! Kaum wendet man den Rücken, hören sie auf zu arbeiten! Morgens kommen sie zu spät, und abends gehen sie vorzeitig nach Haus, und ertappt man sie nicht zufällig dabei, schreiben sie auf ihren Lohnverrechnungszetteln die volle Arbeitszeit an! Immer
wieder fehle etwas, und natürlich wisse niemand etwas darüber. Zuweilen, wenn man unerwartet zu einer Arbeitsstelle ginge, finde man viele von ihnen betrunken. Gewiss versuche man, diesen Übeln durch Regeln, einschränkende Vorschriften und Organisation beizukommen, das sei jedoch sehr schwer - man könne ja nicht überall sein und habe hinten am Kopf keine Augen. Der Herr meinte, er könne sich ungefähr vorstellen, wie es sei: hin und wieder habe er selbst mit den niedrigen Ständen Berührung gehabt, und er wisse, dass man sie streng überwachen müsse. Rushton grämte sich ziemlich über diese Angelegenheit; er tröstete sich aber mit dem Gedanken, dass er mit mehreren wertvollen Rosenstöcken und anderen Pflanzen glatt davongekommen war, die er aus dem Garten gestohlen hatte, und dass eine auf dem Heuboden über dem Stall entdeckte Leiter, die auf seine Anweisung nach Beendigung der Arbeit auf den Gerätehof gebracht worden war, nicht vermisst wurde.
Ein anderer Umstand, der ihn den Verlust der Rolläden verschmerzen ließ, war der, dass sämtliche Messingbeschläge im ganzen Haus - Schutzbeschläge, Fenstergriffe und -riegel, Türbolzen und -knöpfe, die eigentlich funkelnagelneu sein sollten und für die der Eigentümer einen guten Preis bezahlt hatte - in Wirklichkeit die alten waren, die Elend hatte auflackieren und wieder anbringen lassen.
An der Sache mit den Rolläden war nichts Ungewöhnliches, denn Rushton und Elend bestahlen jedermann. Sie machten es sich zur Gewohnheit, sich alles anzueignen, was sie ergreifen konnten, vorausgesetzt, dass für sie selbst keine Gefahr bestand. Nie taten sie etwas Heroisches oder Gewagtes; sie hatten nicht den Mut, mitten in der Nacht in eine Bank oder einen Juwelierladen einzubrechen oder Taschendiebstahl zu begehen; alle ihre Räubereien waren von der duckmäuserischen Art.
In einem Hause, das sie „überholten", machte Elend einen großen Fang. Er musste auf den Dachboden steigen, um nachzusehen, was mit dem Wassertank los war. Als er dort hinaufgelangte, fand er eine wunderschöne Flurgaslampe aus handgeschmiedetem Messing und Kupfer mit farbigen, bemalten Glasscheiben. Zwar war die Lampe mit Staub bedeckt, sonst aber in tadellosem Zustand; daher ließ
Elend sie in sein Haus bringen, reinigen und im Flur aufhängen.
Auf demselben Dachboden befanden sich eine Menge alte Messingstangen zum Aufhängen von Bildern sowie andere Messingteile, ferner auch drei ausgezeichnete Bohlen, die jede über drei Meter lang war; diese waren über das Gebälk gelegt, so dass man ohne Schwierigkeit und gefahrlos zu dem Tank hinübergelangen konnte. Elend aber dachte, sie wären der Firma zum Weißen von Decken und anderen Arbeiten sehr nützlich; daher ließ er sie zusammen mit dem alten Messing, das etwa vier Pence das Pfund wert war, zum Gerätehof hinüberschaffen.
Ein anderes Haus musste einen Innenanstrich erhalten; die früheren Mieter hatten es soeben erst verlassen; sie waren in eine andere Stadt gezogen, und das Haus war wieder vermietet worden, noch ehe sie es aufgegeben hatten. Der neue Mieter vereinbarte mit dem Verwalter, das Haus solle von oben bis unten renoviert werden, ehe er es in Besitz nahm.
Am Tage nach dem Auszug der alten Mieter gab der Verwalter Rushton den Schlüssel, damit er hineingehen konnte, um sich umzusehen, was es darin zu tun gab, und einen Kostenanschlag zu machen.
Als Rushton und Elend durch das Haus gingen, entdeckten sie ein großes Barometer, das hinter der Eingangstür an der Wand hing; die Ziehleute hatten es übersehen. Bevor Rushton dem Verwalter den Schlüssel zurückgab, sandte er einen seiner Arbeiter in das Haus, um das Barometer zu holen; er behielt dieses mehrere Wochen lang in seinem Büro, um abzuwarten, ob jemand danach fragte. Wäre das geschehen, so hätte er ohne weiteres sagen können, er habe das Instrument dorthin genommen, um es sicherzustellen -um es aufzubewahren, bis er den Eigentümer fände. Die Leute, denen das Ding gehörte, glaubten, es sei unterwegs verlorengegangen oder gestohlen worden, und später wurde einer der Arbeiter, die beim Packen und Fortbringen der Möbel geholfen hatten, unter dem Verdacht, mit dem Verschwinden des Barometers etwas zu tun zu haben, von seiner Arbeitsstelle entlassen. Niemand dachte im Zusammenhang mit dieser Sache jemals an Rushton, daher ließ er es nach ungefähr einem Monat in seine eigene Wohnung bringen und hängte es neben den geschnitzten Wandtisch mit der Marmorplatte, den er letzten Sommer aus dem Hause auf der Großen Paradeallee Nr. 596 gestohlen hatte
Und dort hängt es bis auf den heutigen Tag, und gleich daneben hängt an rotseidenen Schnüren eine schöne, etwa dreißig Zentimeter große Karte mit abgeschrägten Ecken und darauf steht in Goldbuchstaben geschrieben: „Christus ist das Haupt dieses Hauses, der unsichtbare Gast bei jeder Mahlzeit, der schweigende Zuhörer bei jedem Gespräch."
Und auf der anderen Seite des Barometers hängt noch eine Karte der gleichen Art und Größe, auf der es heißt: „Ich und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen."
Aus einem anderen Haus stahlen sie zwei große Messingkandelaber. Das Gebäude hatte lange Zeit leer gestanden, und der Eigentümer, der nicht in der Stadt wohnte, wollte es verkaufen; um das Haus leichter veräußern zu können, beschloss der Verwalter, es in Ordnung bringen und renovieren zu lassen. Da der Kostenanschlag der Firma Rushton Sc Co. der niedrigste war, erhielt sie den Auftrag. Die Kandelaber im Wohnzimmer und im Esszimmer waren aus massivem Messing, aber sie waren gänzlich schwarz und blind geworden. Elend schlug dem Verwalter vor, sie reinigen und auflackieren zu lassen, dann sähen sie wie neu aus, ja, sogar noch besser als neue, denn derartige Dinge wurden heute nicht mehr hergestellt, und ausnahmsweise sagte Elend einmal die Wahrheit. Der Verwalter war einverstanden, und die Arbeit wurde ausgeführt; natürlich wurde sie gesondert berechnet, und da die Firma zweimal soviel dafür erhielt, wie sie Unkosten dabei hatte, waren Rushton und Elend fast zufrieden.
Als diese und auch alle übrige Arbeit beendet war, sandte die Firma ihre Rechnung ein und erhielt ihr Geld.
Einige Monate später wurde das Haus verkauft, und Nimrod suchte den neuen Eigentümer auf, um sich für etwaige Arbeiten, die der vornehmen lassen wollte, den Auftrag zu sichern. Er hatte Erfolg. In mehreren Zimmern entsprachen die Tapeten nicht dem Geschmack des neuen Eigentümers, und natürlich musste das Holzwerk gestrichen werden, damit es zu der neuen Tapete passte. Außerdem
gab es noch viele andere Arbeiten: ein neues Gewächshaus sollte gebaut, ein moderneres Bad und eine neuzeitliche Heizanlage angelegt und elektrisches Licht installiert werden, denn die neuen Leute waren gegen den Gebrauch von Gas.
Die Anweisungen wurden von einem Architekten ausgearbeitet, und Rushton sicherte sich den Auftrag zur Ausführung der Arbeiten. Als die Kandelaber abgenommen wurden, luden die Arbeiter sie Elends Anweisung gemäß auf einen Handwagen, deckten sie mit Säcken und Tüchern zu und brachten sie in den Laden, wo sie mit der übrigen Ware zum Verkauf angeboten wurden.
Als alle Arbeiten in dem Haus beendet waren, kam Rushton und Nimrod der Gedanke, dass sich der Architekt vielleicht an die Kandelaber erinnern und fragen könnte, was daraus geworden sei, wenn er die Arbeit überprüfen und abnehmen käme, um die Bescheinigung auszustellen, auf Grund derer sie ihre Rechnung einreichen konnten. Deshalb wurden die Leuchter wieder auf den Wagen geladen, mit Säcken und Tüchern zugedeckt, in das Haus zurückgefahren und auf den Dachboden gebracht, so dass sie dort lagen, falls er nach ihnen fragte.
Der Architekt kam, ging durch das Haus, nahm die Arbeit ab und stellte seine Bescheinigung aus; die Kandelaber erwähnte er nicht und dachte überhaupt nicht an sie. Der Hauseigentümer war dabei und fragte nach Rushtons Rechnung; er schrieb sogleich einen Scheck über den Betrag aus, und Rushton und Elend lagen vor ihm förmlich auf dem Bauche und wälzten sich fast auf dem Boden. Während der ganzen Unterredung hatten der Architekt und der „Herr" den Hut auf dem Kopf behalten; Rushton und Nimrod aber hatten respektvoll die ganze Zeit über barhäuptig dagestanden, und während sie den beiden übrigen durch das Haus gefolgt waren, hatten sie die verächtlichste Kriecherei an den Tag gelegt.
Als der Architekt und der Eigentümer fort waren, wurden die beiden Kandelaber wieder vom Dachboden geholt, auf einen Handwagen geladen, mit Säcken und Tüchern zugedeckt, ins Geschäft zurückgefahren und von neuem mit der übrigen Ware zum Verkauf ausgestellt.
Das sind nur einige der von diesen Leuten verübten kleinen Diebstähle. Um einen auch nur annähernd umfassenden Bericht von den übrigen zu geben, wäre ein gesonderter Band nötig.

Infolge all des Eilens und Pfuschens stellten die Arbeiter hin und wieder fest, dass sie sich um eine Arbeitsstelle gearbeitet hatten.
Während des Sommers hatte die Firma mehrmals kaum etwas zu tun, und fast alle mussten einige Tage oder Wochen lang aussetzen.
Nachdem Newman im Frühjahr zum ersten Mal angefangen hatte zu arbeiten, war er erst vierzehn Tage beschäftigt gewesen, als er, zusammen mit einigen anderen, hatte aussetzen müssen. Glücklicherweise wurde er jedoch am Tage, nachdem er Rushton verlassen hatte, bei einer anderen Firma - Treiber & Schluder - eingestellt, wo er fast einen Monat lang Beschäftigung fand, und dann erhielt er von neuem Arbeit bei Rushton, der wieder viel zu tun hatte.
Newman brauchte keinen großen Arbeitsausfall in Kauf zu nehmen, denn er beendete seine Arbeit bei Treiber & Schluder an einem Donnerstagabend und suchte am Freitag Elend auf, der ihm sagte, die Firma beginne am folgenden Montag morgen um sechs Uhr früh eine neue Arbeit; er könne bei ihnen anfangen. So war Newman diesmal nur Freitag und Sonnabend arbeitslos, und das bedeutete gleichfalls großes Glück, denn häufig kommt es vor, dass ein Mann einen Ausfall von einer Woche oder noch länger hinnehmen muss, nachdem er die Arbeit bei einer Firma beendet hat, ehe er wieder Beschäftigung findet.
Während des ganzen Sommers blieb Crass der „allgemeine Farbenmischer" und verbrachte den größten Teil seiner Zeit in der Werkstatt mit dem Anrühren von Farben für die verschiedenen Arbeitsplätze. Er betätigte sich gleichfalls als eine Art Adjutant Hunters, der, wie der Leser bereits erfahren hat, kein gelernter Maler war. Musste ein Kostenanschlag für irgendwelche Malerarbeiten gemacht werden, so nahm Elend zuweilen Crass mit, damit er sich die Sache ansehe und ihm abschätzen helfe, wie viel Zeit und Material nötig wären. Crass nahm daher eine Stellung von nicht alltäglicher Bedeutung ein und war nicht nur höhergestellt als „seine Leute", sondern stand auch im Rang über den anderen Vorarbeitern, die mit der Überwachung der Arbeitsplätze betraut waren.
Crass und diese anderen Vorarbeiter waren es, die für den größten Teil der Pfuscherei und Antreiberei verantwortlich waren; denn wären sie nicht gewesen, so hätten weder Rushton noch Hunter gewusst, wie sie die Sache austüfteln sollten.
Natürlich wollten Hunter und Rushton antreiben und pfuschen; da sie jedoch nicht vom Fach waren, hätten sie nicht gewusst, wie das zu tun sei, wären nicht Crass und die anderen gewesen, die sie in alle Kniffe des Handwerks einweihten.
Crass wusste, dass die Arbeiter, wenn sie bis halb acht Uhr blieben, die Gewohnheit hatten, einige Minuten lang die Arbeit zu unterbrechen, um gegen sechs Uhr ein paar Bissen zu essen; deshalb meinte er zu Elend, da es nicht möglich sei, das zu unterbinden, wäre es ein guter Gedanke, die Leute von halb sechs bis sechs Uhr die Arbeit überhaupt unterbrechen und einen halben Stundenlohn verlieren zu lassen, und um diese Zeit wieder wettzumachen, konnten sie, anstatt um sieben Uhr dreißig aufzuhören, bis acht Uhr arbeiten.
Elend hatte von dem bisherigen Brauch Kenntnis gehabt und ein Auge zugedrückt, denn er wusste, dass die Leute nicht so lange arbeiten konnten, ohne etwas zu essen; Crass' Vorschlag schien ihm jedoch eine bessere Lösung zu sein, daher wurde der angenommen.
Als die anderen Unternehmer in Mugsborough von der großen Reform hörten, führten sie sie gleichfalls ein, und es wurde in der Stadt zur Regel, dass die Arbeiter, wenn Überstunden geleistet werden mussten, bis acht Uhr blieben, anstatt wie zuvor bis halb acht Uhr, und sie erhielten nicht mehr Lohn als zuvor.
Vor diesem Sommer war es fast durchweg üblich gewesen, in jedem Zimmer, das gestrichen wurde, zwei Mann arbeiten zu lassen; Crass aber machte Elend darauf aufmerksam, dass die Leute auf diese Weise Zeit verschwendeten, indem sie miteinander sprachen, und sie hielten sich auch gegenseitig zurück: jeder richtete den Umfang seiner Arbeit nach dem des anderen, und nahm die Arbeit zuviel Zeit in Anspruch, so war es stets schwer festzustellen, welcher von beiden schuld daran hatte; ließe man sie jedoch allein arbeiten, so müsse jeder sein Bestes leistender wisse dann nicht, wie viel die anderen täten, und die Furcht, im Vergleich mit anderen als langsam zu gelten werde bewirken, dass sich alle ins Zeug legten, sosehr sie nur konnten.
Elend hielt das für einen ausgezeichneten Gedanken daher wurde das Einzelsystem angenommen, und soweit es durchführbar war, wurde die Einteilung zur Regel: ein Zimmer pro Mann.
Sie versuchten sogar, die Arbeiter große Decken allein tünchen zu lassen, und in ein, zwei Fällen gelang es ihnen auch; nachdem jedoch mehrere Decken verdorben worden waren und abgewaschen werden mussten, um noch einmal geweißt zu werden, gaben sie das auf. Aber fast sämtliche übrigen Arbeiten wurden nun nach dem „Einzelsystem" aufgeteilt, und es bewährte sich glänzend: jeder Arbeiter befand sich ständig in einem Zustand panischer Angst, ob die anderen nicht etwa mehr schafften als er.
Ein anderer Vorschlag, den Crass Elend machte, war der, den Vorarbeitern Anweisung zu geben, sie sollten niemals einen Mann mit dem Auftrag in ein Zimmer senden, es für die Malerarbeiten vorzubereiten.
„Schicken Sie 'nen Mann in 'n Zimmer, damit er's zum Anstreichen fertigmacht", sagte Crass, „dann lässt er sich drin häuslich nieder! Er verbringt ebensoviel Zeit damit, drin rumzumurksen, hier was abzuschleifen und da was auszufüllen, wie das Anstreichen dauern würde. Aber", setzte er mit schlauem Blinzeln hinzu, „geben Sie ihm 'n bisschen Kitt und 'n bisschen Sandpapier, und dazu von Anfang an die Farbe, dann setzt er sich in 'n Kopf, er geht da rein um anzustreichen! Und dann murkst er nicht viel mit den Vorbereitungen rum."
Diese und viele andere Vorschläge - allerlei Kniffe, wie man die Arbeit schludern lassen und damit schnell fertig werden konnte - wurden von Crass und den übrigen Vorarbeitern ausgeheckt; sie wandten sie an und zeigten sie
Elend und Rushton in der Hoffnung, sich bei ihnen lieb Kind zu machen und „behalten" zu werden. Und alle zusammen gestalteten das Leben zu einer wahren Hölle für sich selbst, für die Arbeiter und einen jeden ringsum. Und die Triebfeder all dessen war - die Habsucht und der Eigennutz eines einzigen Mannes, der Geld anzuhäufen wünschte! Denn das war das einzige Ziel all des Andrei-Bens und Polterns, all des Hasses, des Fluchens und Unglücklichseins - Geld für Rushton zu beschaffen, der sich ganz augenscheinlich für einen „unterstützungswürdigen Fall" hielt.
Es ist traurig und gereicht ihnen nicht zur Ehre, jedoch es ist wahr, dass einige der selbstsüchtigeren unter den Menschenfreunden häufig des Wohltuns müde wurden und ihre ganze Begeisterung für die gute Sache verloren. Zu solchen Zeiten pflegten sie zu sagen, sie hätten „verdammt noch mal, die Schnauze voll" von der ganzen Sache und hätten „'s satt, sich für andre Leute kaputt zu machen", und hin und wieder „schmissen" einige dieser Burschen „die Arbeit hin" und bummelten, wobei sie zuweilen zwei, drei Tage oder eine Woche lang fortblieben. Und dann, wenn alles vorüber war, kehrten sie sehr reumütig zurück, um wieder nach Arbeit zu fragen; gewöhnlich aber stellten sie fest, dass man ihren Platz besetzt hatte.
Waren sie gute „Arbeitspferde" - Leute, die es sich zur Gewohnheit machten, „sich ins Zeug zu legen", wenn sie arbeiteten -, so wurde ihnen gewöhnlich verziehen, und nachdem Elend ihnen eine Predigt gehalten hatte, durften sie die Arbeit wieder aufnehmen, mit dem stillschweigenden Übereinkommen natürlich, dass sie, falls so etwas jemals wieder vorkam, „zum Teufel gejagt", das heißt endgültig und unwiderruflich entlassen würden.

Einmal arbeiteten sie in einem Laden, der ein erstklassiges, von einem bekannten italienischen Küchenmeister geleitetes Restaurant beherbergt hatte. Es war bekannt gewesen unter dem Namen
MACCARONIS
KÖNIGLICHES ITALIENISCHES CAFÉ
Es lag an der Großen Paradeallee und war ein Lieblingsaufenthalt der „Elite" gewesen, die es des Nachmittags zum Tee oder Kaffee sowie nach dem Theater zu einem kleinen Souper aufsuchte.
Es hatte große Schaufensterscheiben gehabt, prunkvolle Vergoldung, Marmortische mit schneeweißen Tischdecken und Blumenvasen darauf und auch allen übrigen Zubehör wie blitzendes Kristall und Silber. Die dienstbeflissenen Kellner hatten Frack getragen; die Wände waren mit hohen Spiegeln in geschnitzten und vergoldeten Rahmen bedeckt gewesen, und zu gewissen Stunden des Tages und der Nacht hatte ein aus zwei Geigern und einem Harfenisten bestehendes Orchester klassische Musikstücke gespielt.
In den letzten Jahren aber hatte das Geschäft nichts eingebracht; schließlich machte der Inhaber bankrott, und das Restaurant kam unter den Hammer. Mehrere Monate lang blieb es geschlossen; dann wurde der Laden an eine Firma, die mit Luxusartikeln handelte, verpachtet, und die übrigen Räume wurden zu Wohnungen umgebaut.
Für diese Arbeit hatte Rushton den Auftrag. Als seine Leute dorthin gingen, um das Haus „herzurichten", fanden sie die Innenräume in einem Zustand unbeschreiblichen Schmutzes vor: die Decken waren vom Rauch verfärbt und hingen voller Spinnweben, die Tapeten waren beschmiert und schwarz von Fett, die Treppengeländer und -pfosten klebten von Schmutz, und die Türen waren neben den Griffen an den Kanten geschwärzt von fettigem Dreck und Fingerabdrücken. Auf den Scheuerleisten, den Türeinfassungen, den Rahmen der Schiebefenster und in den Ecken der Fußböden lag eine dicke Staubschicht, die sich in Jahren dort angesammelt hatte.
In einem der oberen Zimmer, das offensichtlich als Schlaf- oder Spielzimmer für die Kinder des berühmten Küchenchefs gedient hatte, war die Tapete etwa zwei Fuß über der Scheuerleiste von Fett geschwärzt und mit kindlichen Zeichnungen verziert, ausgeführt mit verkohlten Stöcken und Bleistift; die Tür war mit ähnlichen künstlerischen Versuchen bedeckt, ganz zu schweigen von primitiven Schnitzübungen, die offensichtlich mit einer Axt oder
einem Hammer vorgenommen worden waren. All dieser Schmutz aber war nichts im Vergleich zu dem unvorstellbaren Zustand, in dem sich Küche und Spülkammer befanden, deren genaue Beschreibung das Blut des Lesers gerinnen und jedes einzelne Haar auf seinem Kopf zu Berge steigen ließe.
Es möge genügen festzustellen, dass die Wände, die Decke, der Fußboden, das Holzwerk, der Gasofen, der Kohlenherd, der Küchenschrank und alles übrige absolut und buchstäblich von einheitlichem - Schwarz waren. Und dieses Schwarz bestand aus Ruß und Fett.
Vor dem Fenster war eine Bank angebracht - eine Art Tisch, der wie der Hauklotz eines Fleischers tief von Messerspuren gekerbt war. Das Fensterbrett lag etwa zwanzig Zentimeter tiefer als die Tischfläche, so dass sich zwischen der Scheibe der unteren Hälfte des Schiebefensters, die offensichtlich niemals geöffnet worden war, und der Rückseite des Tisches eine Art lange, schmale, etwa zwanzig Zentimeter tiefe, zwölf Zentimeter breite Höhlung oder Mulde befand, deren Länge der Breite des Fensters entsprach und deren Boden das Fensterbrett bildete.
Diese Mulde war mit allerlei widerlichen Dingen ausgefüllt: mit Stücken von Fett und verwestem Fleisch, Kaninchen- und Geflügelbeinen, mit Gemüseresten, zerbrochenen Messern und Gabeln sowie mit Haaren, und die Fensterscheibe war mit einer Schmutzschicht der gleichen Beschaffenheit verkrustet.
Diese Arbeitsstelle war die Ursache dafür, dass der Halbbetrunkene und ein anderer Arbeiter namens Bill Bates entlassen wurden. Sie waren in die Küche geschickt worden, um diese zu säubern und auf das Anstreichen und Tünchen vorzubereiten.
Sie begannen damit; es wurde ihnen jedoch so übel dabei, dass sie hinausgingen und jeder einen halben Liter Bier tranken, und danach nahmen sie einen neuen Anlauf zur Reinigung der Küche. Es dauerte aber nicht lange, bis sie das Gefühl hatten, sie müssten unbedingt noch etwas zu sich nehmen. Deshalb gingen sie in die Kneipe hinüber, und diesmal trank jeder von ihnen zwei halbe
Liter. Bill bezahlte für die ersten beiden Gläser, und danach weigerte sich der Halbbetrunkene, sich wieder an die Arbeit zu begeben, wenn sich Bill nicht bereit erklärte, bevor sie zurückkehrten, noch einen Halben mit ihm zu trinken. Nachdem sie die beiden halben Liter getrunken hatten, beschlossen sie - um sich die Mühe und das Risiko noch einmal von der Arbeit fortzugehen, zu ersparen -ein paar Liter Bier in zwei Flaschen mitzunehmen, die ihnen der Wirt gegen zwei Pence Pfand das Stück lieh, rückzahlbar nach Ablieferung der Flaschen.
Als sie wieder an ihren Arbeitsplatz gelangten, fanden sie den Vorarbeiter in der Küche vor, der sie suchte und zu brummen und zu schelten begann, der Halbbetrunkene brachte ihn jedoch sehr bald zum Schweigen; er erklärte ihm, er könne entweder einen Schluck aus einer der Flaschen nehmen oder aber einen Faustschlag auf seine verdammte Gurke erhalten - was er lieber wolle! Oder wenn ihm keines von beiden gefiele, könne er sich zum Teufel scheren!
Da der Vorarbeiter ein vernünftiger Mann war, nahm er das Bier und riet ihnen, sich zusammenzureißen und sich zu bemühen, einige Arbeit zu leisten, ehe Elend kam, und sie versprachen ihm das.
Als der Vorarbeiter gegangen war, versuchten sie es von neuem mit der Arbeit.
Kurze Zeit danach kam Elend und begann, sie anzuschreien, denn er wisse nicht, sagte er, was sie gemacht hätten. Es sehe so aus, als hätten sie den ganzen Morgen über geschlafen; es sei schon beinahe zehn Uhr, und soweit er feststellen könne, hätten sie nichts getan!
Als er fort war, tranken sie den Rest des Biers aus, und dann war ihnen nach Lachen zumute. Was scherte sie Hunter, und was Rushton? Zum Teufel mit beiden! Sie hörten auf zu schaben und zu schrubben und begannen, Eimer voll Wasser über die Anrichte und gegen die Wände zu gießen, wobei sie ununterbrochen schallend lachten.
„Wir werden den Kerlen mal zeigen, wie man Farbe abwäscht!" schrie der Halbbetrunkene, während er mitten im Raum stand und einen Eimer voll Wasser gegen die
Schranktür schleuderte. „Bring mal noch 'nen Eimer Wasser, Bill."
Bill war draußen in der Spülkammer und ließ unter dem Hahn seinen Eimer vollaufen, wobei er derartig lachte, dass er kaum stehen konnte. Sobald der Eimer voll war, reichte er ihn dem Halbbetrunkenen, der ihn so, wie er war - das Wasser mitsamt dem Eimer -, auf die Bank vor dem Fenster schleuderte, wobei er eine Scheibe zerbrach. Das Wasser lief vom Tisch herunter und über den ganzen Fußboden.
Bill brachte den nächsten Eimer voll Wasser und schleuderte ihn gegen die Küchentür, wobei ein Feld der Füllung von oben bis unten aufplatzte, und dann gossen sie noch etwa ein halbes Dutzend Eimer über die Anrichte.
„Wir werden den Kerlen mal zeigen, wie man Farbe saubermacht", schrieen sie, während sie die Eimer gegen Wände und Türen schleuderten.
Jetzt war der Boden bereits mit Wasser überflutet, das sich mit dem Schmutz vermischte und einen Schlammsee bildete.
Sie ließen die beiden Wasserhähne in der Spülkammer laufen, und da das Abflussrohr schmutzverstopft war, füllte sich das Becken und lief wie ein Miniaturniagarafall über.
Das Wasser lief unter den Türen hindurch in den Hof, lief den Flur entlang zur Eingangstür. Bill Bates und der Halbbetrunkene aber blieben in der Küche, schmetterten die Eimer gegen Wände, Türen und Anrichte, fluchten und lachten hysterisch.
Gerade hatten sie die beiden Eimer gefüllt und brachten sie in die Küche, als sie im Flur Hunters Stimme vernahmen, der schrie, wo denn all das Wasser herkomme. Dann hörten sie, wie er sich näherte; sie standen und warteten auf ihn, die Eimer in der Hand, und sobald er die Tür öffnete und den Kopf hereinsteckte, ließen sie die beiden Eimer auf ihn zu sausen. Leider waren sie zu betrunken und zu aufgeregt, um richtig zu zielen. Ein Eimer traf das mittlere Querholz der Tür und der andere die Wand daneben.
Hastig schloss Elend die Tür wieder und rannte nach
oben; bald darauf kam der Vorarbeiter nach unten und rief die beiden vom Flur aus an.
Sie gingen hinaus, um zu sehen, was er wollte, und er teilte ihnen mit, Elend sei ins Büro gegangen, um ihren Lohn fertig zu machen; sie sollten ihren Lohnverrechnungszettel ausfüllen und sofort ihr Geld abholen gehen. Elend habe gesagt, wenn sie nicht in zehn Minuten dort seien werde er sie beide einsperren lassen.
Der Halbbetrunkene meinte, nichts sei ihnen lieber, als ihren ganzen Zaster auf einmal zu erhalten - sie hätten ihre ganze Barschaft ausgegeben und wollten noch etwas trinken. Bill Bates stimmte ihm zu; so borgten sie sich also einen Bleistiftstummel vom Vorarbeiter und füllten ihren Lohnverrechnungszettel aus, nahmen die Schürze ab legten sie in ihre Werkzeugtasche und gingen zum Büro, um ihr Geld abzuholen, das Elend ihnen durch die Klappe hinausreichte.
Die Nachricht von dieser Heldentat verbreitete sich während des Tages und während des Abends über die ganze Stadt, und obgleich Juli war, warteten am nächsten Morgen um sechs Uhr ein halbes Dutzend Leute am Gerätehof, um Elend zu fragen, ob es „irgend'ne Aussicht auf Arbeit" gebe.
Bill Bates und der Halbbetrunkene hatten ihren Spaß gehabt und waren dafür entlassen worden, und die meisten ihrer Arbeitskameraden sagten, ihnen sei recht geschehen. Ein solches Benehmen ginge doch wirklich zu weit.
Die meisten von ihnen hätten das gesagt, was auch immer die Umstände sein mochten. Sie hatten niemals viel Mitleid miteinander.
Wenn ein Mann zum Beispiel von einer Arbeitsstelle auf eine andere gesandt wurde, gingen die übrigen häufig in sein Zimmer und betrachteten die Arbeit, mit der er beschäftigt gewesen war, suchten alle Fehler heraus, die sie ausfindig machen konnten, und zeigten sie einander, wobei sie allerlei bösartige Bemerkungen über den Abwesenden machten. „Nu guck dir bloß mal die Tür da an, Jim", sagte dann wohl einer in ungehaltenem Ton. „Was hälste 'n davon? Haste schon mal so 'ne Sauerei gesehen? Und so was nennt sich Stubenmaler!" Und dann schüttelte
der andere traurig den Kopf und meinte, der, dessen Werk das sei, habe zwar als Arbeiter nie viel getaugt, aber ein bisschen besser könne er es doch machen, wenn er wollte, doch er nehme sich ja niemals die Zeit, irgend etwas vernünftig zu machen; immer lege er sich dermaßen ins Zeug, dass ihm die Zunge aus dem Halse hänge! In dem Zimmer hier habe er vom ersten bis zum letzten Handgriff im ganzen nur vier Stunden zugebracht! Man müsse ihm eigentlich einen Sprengwagen nachsenden, weil er in solch einem rasenden Tempo arbeite, dass man ihn vor lauter Staub gar nicht sehen könne! Und dann antwortete wohl der erste, andere könnten es ja halten wie sie wollten, was ihn aber betreffe, er werde sich für niemand so ins Zeug legen, dass ihm die Zunge zum Halse raushänge! Dann stimmte ihm der andere zu und sagte, er werde sich ebenfalls nicht dermaßen ins Zeug legen; danach gingen beide in ihr Zimmer zurück und legten sich mit aller Macht ins Zeug, wobei sie eine ebensolche Arbeit leisteten wie die soeben von ihnen kritisierte, und dann schlich einer in das Zimmer des anderen, sobald der den Rücken kehrte, krittelte daran herum und wies jeden, der zufällig bei der Hand war, auf die Fehler hin.
Harlow arbeitete in dem Haus, in dem sich Maccaronis Café befunden hatte, als Hunter ihm eines Tages vom Laden aus eine Notiz sandte. Sie war auf einen Tapetenfetzen geschrieben und in der bei solchen Notizen üblichen Weise verfasst - als habe der Schreiber sich ängstlich bemüht, jedem Verdacht einer ungebührenden Höflichkeit zu entgehen:

„Harlow gehen Sie sofort zum Gerätehof,
nehmen Sie das Werkzeug mit
Crass wird Ihnen sagen wohin
Sie gehen sollen. J. H."

Als der Junge diese Notiz brachte, beendeten sie gerade ihr Mittagessen, und nachdem Harlow zur Erbauung der übrigen die Aufforderung laut vorgelesen hatte, bemerkte er, sie sei in genau dem gleichen Ton geschrieben, in dem man zu einem Hund spräche. Die anderen erwiderten nichts; aber als er gegangen war, lachten sie darüber - denn alle
waren der Meinung, es sei lächerlich, dass „unsereiner" erwartete oder wünschte, mit gewöhnlicher Höflichkeit behandelt zu werden - und meinten, Harlow beginn zu glauben, er sei jemand: wahrscheinlich komme das durch die Lektüre all der Bücher, die ihm Owen immerzu leihe. Und dann holte einer von ihnen ein Stück Papier und schrieb eine Notiz darauf, um sie Harlow bei der erstbesten Gelegenheit zu überreichen. Diese Mitteilung war in einer Weise verfasst und geschrieben, wie es einem „Herr wie ihm" zukam, sauber zusammengefaltet und adressiert:

„Herrn
Harlow
p. A. Maccaronis Königliches Cafe,
vom Empfänger abzuholen.

Sehr geehrter Herr Harlow! Werter Herr,
Würden sie bitte so freuntlich sein und sobald sie Zeit haben in die Malerwerkstadt komen weil ne Deke geweist wern mus hoffe sie nicht alzuser zu belistigen
mit Vorzieglicher Hochachtunk
ihr
Pontius Pilatus"

Diese Mitteilung wurde zur Belustigung der Versammelten laut vorgelesen und dann in der Tasche ihres Schreibers verstaut, bis sich eine Gelegenheit böte, sie Harlow zu übergeben.
Als der Verfasser der Mitteilung sich auf dem Rückweg in seine Stube befand, um die Arbeit wiederaufzunehmen, sprach ihn ein Kollege an, der in Harlows Zimmer gegangen war, um es zu bekritteln, und dem es gelungen war, mehrere Fehler zu entdecken, die er dem anderen jetzt zeigte, und natürlich waren beide sehr ungehalten über Harlow.
„Ich kann nicht begreifen, weshalb der Schieber den auf der Arbeitsstelle behält", sagte der eine. „Unter uns gesagt, wenn ich wo verantwortlich wär und Elend würde Harlow hinschicken, dann würd ich 'n zum Laden zurückschicken."
„Ich genauso", pflichtete ihm der andere bei, während er wieder in sein Zimmer ging, um sich dort wie verrückt ins Zeug zu legen. „Ich genauso, alter Junge: ich würd 'n auch nicht haben wollen."
Hieraus darf man nicht etwa schließen, einer der beiden habe besonders schlecht mit Harlow gestanden; sie waren ins Gesicht genauso gut Freund mit ihm, wie sie es miteinander waren - ins Gesicht -, und dies war einfach nur ihre Art, weiter nichts.
Wäre einer von ihnen oder wären beide an Harlows Stelle fortgegangen, so hätten die dort Gebliebenen genau das gleiche über sie gesagt; das war einfach nur die übliche Weise, wie sie hinter dem Rücken der anderen über einander sprachen.
Immer war es das gleiche: machte einer von ihnen einen Fehler, hatte er einen Unfall oder geriet er in eine missliche Lage, so hatten seine Arbeitskameraden selten oder nie Mitleid mit ihm. Im Gegenteil, eher noch schienen sich die meisten bei solchen Gelegenheiten zu freuen.
Einmal wurde da ein armer Teufel - er war fremd in der Stadt und kam aus London - entlassen, weil er eine Glasscheibe zerbrochen hatte. Er war beauftragt worden, von einem Fensterrahmen die alte Farbe abzubrennen. Er war im Gebrauch der Lötlampe nicht sehr geschickt, denn diese Art Arbeit hatte die Londoner Firma, bei der er beschäftigt gewesen war, von den gewöhnlichen Arbeitern selten oder nie verlangt. Dort hatte es ein oder zwei bestimmte Leute gegeben, die das immer machten. Darin waren von Rushtons Leuten übrigens auch nicht viele besonders geschickt. Es war eine Aufgabe, um die sich jeder zu drücken versuchte, weil fast immer mit der Lampe etwas nicht stimmte und es Krach gab wegen der auf die Arbeit verwendete Zeit. Daher schoben sie den Auftrag dem Fremden zu.
Der Mann war, bevor er bei Rushton angefangen hatte, lange Zeit arbeitslos gewesen und hatte große Sorge, seine Beschäftigung zu verlieren, weil er in London Frau und Kinder hatte. Als ihm der Vorarbeiter auftrug, das Fenster abzubrennen, wollte er nicht sagen, dass er diese Arbeit nicht gewohnt war; er hoffte, sie ausführen zu können. Er war jedoch sehr nervös, und das Ende war, dass es ihm zwar gelang, die Farbe richtig abzubrennen, aber gerade als er damit fertig war, ließ er versehentlich die Flamme der Lampe mit einer großen Scheibe in Berührung kommen und brachte diese zum Platzen.
Eine neue Scheibe wurde aus dem Laden geholt, und der Mann blieb am Abend länger dort und setzte sie in seiner Freizeit ein; er trug somit die Hälfte der Reparaturkosten.
Es gab gerade zu dieser Zeit nicht sehr viel zu tun, und am folgenden Sonnabend wurden zwei Gesellen entlassen. Der Fremde war darunter, und fast alle freuten sich sehr. Bei den Mahlzeiten wurde unter höhnischem Gelächter mehrmals die Geschichte von der zerbrochenen Fensterscheibe erzählt. Anscheinend herrschte eine gewisse Empörung darüber, dass ein Fremder - noch dazu ein so geringer Mensch wie dieser Kerl, der nicht mal mit einer Lampe umzugehen verstand - die Frechheit hatte, überhaupt zu versuchen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen! Eins war gewiss - so sagten sie erfreut -, bei Rushton werde er niemals mehr Beschäftigung finden, und das sei gut so.
Und doch wussten sie, dass dieses Missgeschick jedem von ihnen hätte passieren können.
Einmal wurden zwei Arbeiter entlassen, weil eine Decke, die sie geweißt hatten, wieder abgewaschen und noch einmal getüncht werden musste. Es war gar nicht Schuld der Leute; es handelte sich um eine Decke, die besonders hergerichtet werden musste, und sie hatten die Arbeit nicht sachgemäß ausführen dürfen.
Trotzdem lachten die meisten, als die beiden entlassen wurden, verspotteten sie und freuten sich. Vielleicht geschah das, weil sie meinten, der Umstand, dass diese beiden Unglücklichen in Ungnade gefallen waren, steigere ihre eigenen Aussichten, „behalten" zu werden. Und so war es in fast allen Fällen. Mit wenigen Ausnahmen empfanden sie ungeheure Achtung vor Rushton und Hunter, sehr wenig Achtung und Mitleid aber füreinander.
Genau der gleiche Mangel jedes Empfindens füreinander herrschte unter den Arbeitern sämtlicher Berufszweige vor. Alle schienen froh zu sein, wenn irgend jemand aus irgendeinem Grunde in Schwierigkeiten geriet.
Einmal war in der Tischlerwerkstatt ein Gartentor angefertigt worden; es war nicht gut aneinandergepasst, und zwar aus dem üblichen Grunde: der Mann hatte nicht genügend Zeit erhalten, die Arbeit richtig auszuführen. Nachdem das Tor angebracht worden war, schrieb einer der Kollegen in großen Bleistiftbuchstaben darauf: „Eine gute Arbeit für einen Tischler. Bestellt eine Tonne Kitt."
Hörte man sie aber des Sonnabends nachmittags gleich nach der Lohnauszahlung in der Kneipe sprechen, so hätte man meinen können, sie seien die besten Freunde und die unabhängigsten Menschen von der Welt - Kerle, denen zu nahe zu treten gefährlich wäre, und die durch dick und dünn zusammenhielten. Allerlei Geschichten wurden zum besten gegeben, über Arbeiten, die sie „hingeschmissen", und Meister, denen sie „'s gegeben" hätten; von Eimern voller Schlämmkreide, die sie über Unternehmer, welche sich etwas zuschulden kommen ließen, gegossen haben wollten, und von furchtbaren Überfällen und Tätlichkeiten, die sie gegen diese verübt hätten. Merkwürdig aber war, dass es aus irgendeinem Grunde zufällig vorkam, dass kaum jemals ein Dritter Zeuge dieser Heldentaten wurde. Es schien, als habe der ritterliche Wunsch, die Gefühle ihrer Opfer zu schonen, sie stets daran gehindert, diesen in Gegenwart von Zeugen irgend etwas zu tun oder zu sagen.
Wenn Crass einige Halbe getrunken hatte, verstand er sich sehr gut auf solche Erzählungen. Folgendes gab er im Schankraum der „Cricketers" am Sonnabendnachmittag der gleichen Woche zum besten, in der Bill Bates und der Halbbetrunkene entlassen worden waren. Die „Cricketers" lagen nur ein paar Minuten vom Laden entfernt, und nach der Lohnauszahlung pflegte eine Anzahl der Leute, ehe sie heimkehrten, dorthin zu gehen und ein Glas Bier zu trinken.
„Kommt doch letzten Donnerstag so gegen fünf Hunter
in die Malerwerkstatt und sagt zu mir: ,Ich brauch heut Abend noch nen Eimer Schlämmkreide zurechtgemacht, Crass', sagt er, ,damit er für morgen früh gleich fertig ist', sagt er. ,So', sag ich und guck ihm grade in seine verdammten Augen, .wirklich?' - einfach so. Jawoll', sagt er. ,Na, dann können Sie 'n sich schön selber zurechtmachen!' sag ich, ,denn ich mach's nicht', sag ich - einfach so. ,Was zum Teufel fällt Ihnen 'n ein', sag ich, ,mit so 'nem Auftrag am Abend um die Zeit herzukommen?' sag ich. Ihr hättet vielleicht gelacht", fuhr Crass fort, während er sich mit dem Handrücken den Mund abwischte, nachdem er wieder einen Schluck aus seinem Glas genommen und um sich geblickt hatte, um festzustellen, welchen Eindruck seine Erzählung gemacht hatte, „ihr hättet vielleicht gekichert, wenn ihr dort gewesen wärt! Die Spucke blieb ihm einfach weg! Und wie ich das zu ihm gesagt hatte, sperrte er das Maul auf! Und dann fing er an, sich zu entschuldigen und sagte, er hätt's nicht so gemeint, aber ich hab ihm verflucht deutlich gesagt, er soll mich nicht noch mal damit belästigen. ,Bringen Sie man den Auftrag zu 'ner vernünftigen Zeit', sag ich - einfach so -, ,und dann werd ich 'n auch ausführen', sag ich, ,aber sonst nicht', sag ich."
Als Crass diese Geschichte beendet hatte, leerte er sein Glas und ließ den Blick über seine Zuhörer gleiten, die voller Bewunderung waren. Sie sahen einander und dann Crass an und nickten zustimmend mit dem Kopf. Jawohl, ohne Zweifel, das war die richtige Art, mit solchen Ekeln wie Nimrod fertig zu werden. Nimm 'ne feste Haltung ein und zeig ihnen, dass du dir nicht auf der Nase rumtanzen lässt!
„Das könnt ihr mir doch nicht verdenken, was?" fuhr Crass fort. „Wie kommen wir 'n dazu, von so einem 'n Haufen einstecken! Wir sind doch nicht 'ne Bande von Chinesen, was?"
Weit davon entfernt, es ihm zu verdenken, versicherten ihm alle, sie hätten es unter den gleichen Umständen genau ebenso gemacht.
„Was mich betrifft, ich bin nu mal so einer", sagte ein langer Mensch mit sehr lauter Stimme -ein Kerl, der jedes Mal fast tot umfiel, wenn ihn Rushton oder Elend anblickte, „ich bin nu mal so einer: ich lass mir von keinem Krauter nichts bieten! Wenn 'n Meister zwei Worte zu mir sagt, schmeiß ich den Krempel hin und sag zu ihm: Was! 's passt Ihnen nicht, Meister? Ich hab woll noch nicht genug für Sie gemacht? Na, schön, dann geben Sie mir meinen Lohn, Kreuzdonnerwetter noch mal!'"
„Ganz richtig!" sagten alle. So musste man's ihnen geben. Wenn es nur alle so täten wie der Lange - der gerade für eine neue Runde Bier bezahlt hatte -, wäre alles viel einfacher.
„Letzten Sommer hab ich für den ollen Buncer gearbeitet", sagte ein kleiner Mann in einem um mehrere Nummern zu großen Cut. „Ich hab drüben in Windley für den ollen Buncer gearbeitet, und ihr wisst ja alle, der säuft wie 'n Loch. Na, eines Tages, als ich wusste, dass er einen heben gegangen war, musste ich 'nen ersten Anstrich in 'nem Zimmer vornehmen - weiß war's, und ich dachte so bei mir, wenn ich 'n bisschen Dampf dahinter mache, kann ich gegen vier damit fertig sein, und dann kann ich mich auf die Socken machen und nach Hause gehen. Ich dachte mir nämlich, bis dahin wird er woll unter 'm Tisch liegen, und ihr wisst ja, 'nen Vorarbeiter hat er nicht. Ich also ran und krieg das Zimmer so um Viertel nach vier fertig, und grad hatt ich meine Sachen für die Nacht weggepackt, wer kommt da die Treppe raufgetorkelt? Der olle Buncer, besoffen wie 'n Schwein. Und der ist noch nicht ganz im Zimmer drin, da fängt er doch an zu toben und zu schreien. ,Ist das vielleicht alles, was Sie geschafft haben?' brüllt er los. ,Was haben Sie 'n den ganzen Tag gemacht?' sagt er und schimpft und flucht, bis ich's schließlich nicht mehr mit anhören konnte - ihr könnt euch ja vorstellen, ich war nicht grade rosig gelaunt, wie er da angewackelt kommt, grad wie ich denke, ich kann mal 'n bisschen früher abhauen; wie er also weiterbrüllt, geb ich ihm überhaupt keine Antwort, sondern nehm die Fäuste hoch und hau ihm eins in die Fresse, dass er nicht mehr Piep sagt! Und dann gieß ich den Pott mit weißer Farbe über ihn und werf 'n die Treppe runter!"
„Geschieht ihm ganz recht", sagte Crass, während er von einem der anderen, der gerade eine Runde spendiert hatte, ein neues Glas Bier entgegennahm.
„Was hat 'n der Lump dazu gesagt?" erkundigte sich der Lange.
„Nicht 'n Sterbenswörtchen!" antwortete der kleine Mann. „Er hat seine Knochen zusammengeklaubt, 'ne Droschke angehalten, die grad vorbeigefahren ist, hat sich reingesetzt und ist nach Hause gedampft, und ich hab 'n bis zum nächsten Mittag halb zwölf nicht wieder zu sehen gekriegt; wie ich grad beim zweiten Anstrich bin, kommt er an, in 'nem neuen Anzug und fragt mich, ob ich mit ihm in die Kneipe rübergehen und 'nen Gläschen mit ihm trinken will? Wir also rüber in die Kneipe, und er bestellt sich 'nen Whisky mit Soda und fragt, was ich haben will; ich nehme also dasselbe. Und als wir 'n hinterkippen sagt er doch zu mir: ,Ah, Garge', sagt er, ,gestern haste aber die Geduld mit mir verloren!' sagt er."
„Na, siehste!" sagte der Lange, „da haste's mal wieder! Hättste's ihm nicht gegeben, wie du's gemacht hast, hättste wahrscheinlich noch 'ne Menge einstecken müssen."
Alle waren sie der Meinung, der kleine Mann habe ganz richtig gehandelt; alle sagten, sie könnten es ihm nicht im mindesten verdenken, sie hätten sämtlich das gleiche getan, ja, auf diese Weise benähmen sie sich alle, wenn die Umstände es erforderten. Hörte man sie sprechen, so hätte man annehmen können, Dinge wie die kürzlich von Bill Bates und dem Halbbetrunkenen vollbrachte Heldentat kämen andauernd vor und nicht nur alle Jubeljahre einmal.
Crass spendierte die letzte Runde, und da er offensichtlich der Meinung war, die Tatsache verdiene es, auf besondere Weise hervorgehoben zu werden, schlug er den folgenden Trinkspruch vor, der begeistert aufgenommen.

„Zum Teufel mit dem Mann,
Es geh ihm niemals gut,
Der zwei Gesichter trägt
Unter 'nem einz'gen Hut."

In diesem Sommer hatte die Firma Rushton & Co. reichlich zu tun. Viele umfangreiche Aufträge hatte sie zwar nicht, wohl aber eine recht große Anzahl von kleinen, und Bert, der Junge, war ständig beschäftigt, von einem Arbeitsplatz zum anderen zu laufen. Er verbrachte den größten Teil seiner Zeit damit, einen mit Farben oder mit Brettern und Leitern beladenen Handkarren zu schieben; nur selten ging er mit den Männern arbeiten; denn wenn er nicht gerade etwas zu den verschiedenen Stellen brachte, an denen die „Menschenfreunde" beschäftigt waren, befand er sich auf dem Gerätehof in der Malerwerkstatt und kratzte schmutzige Farbtöpfe aus oder half Crass beim Farbenmischen. Obgleich niemand es zu bemerken schien, bot der Junge einen wahrhaft bemitleidenswerten Anblick. Er war sehr blass und dünn. Das Umherziehen mit dem Handwagen trug nicht dazu bei, ihn Fett ansetzen zu lassen, denn es herrschte große Hitze, und die Arbeit brachte ihn zum Schwitzen.
Er wohnte drüben auf der anderen Seite von Windley. Er brauchte mehr als eine dreiviertel Stunde, um zur Werkstatt zu gelangen, und da er um sechs Uhr morgens bei der Arbeit zu sein hatte, bedeutete dies, dass er jeden Morgen einige Minuten nach fünf von zu Hause fortgehen musste; deshalb stand er stets gegen halb fünf Uhr auf.
Er trug einen Männerrock - oder vielmehr eine Jacke -, die seinem Oberkörper ein massiges Aussehen verlieh. Die Hosen gehörten zu einem eigenen Anzug, und sie waren ein wenig knapp geschnitten, wie das bei billigen, fertiggekauften Jungenhosen die Regel ist. Diese dünnen Beine, die unter der weiten Jacke hervorsahen, gaben ihm ein ziemlich groteskes Aussehen, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass seine sämtlichen Kleidungsstücke - Mütze, Rock, Weste, Hosen und Stiefel - mit Farbe und Tünche aller Schattierungen beschmiert waren; gewöhnlich hatte er auch irgendwelche Farbstreifen im Gesicht, und natürlich starrten seine Hände davon, besonders um die Fingernägel. Das Schlimmste waren jedoch seine schrecklichen genagelten Stiefel: das Leder der Oberteile war einen Zoll dick und ganz steif. Über der Fußspitze hatte sich dieses dicke Leder in Falten und Furchen gelegt, die seine Füße aufrieben und zum Bluten brachten. Die Sohlen, fünfachtel Zoll dick, mit Nägeln beschlagen, waren so hart, so unbiegsam und auch fast ebenso schwer wie Eisen. Diese Stiefel schmerzten seine Füße entsetzlich und machten ihn sehr müde und elend, denn er musste ja soviel laufen. Er war immer recht froh, wenn die Essenszeit kam, denn dann verzog er sich in einen ruhigen Winkel und legte sich während der ganzen Stunde hin. Der Platz, an dem er am liebsten sein Mittagessen einnahm, war der Dachboden über der Tischlerwerkstatt, wo die Gesimse und Türbalken aufbewahrt wurden. Zu dieser Stunde kam nie jemand dorthin, und nachdem er gegessen hatte, legte er sich nieder, dachte nach und ruhte aus.
Fast immer hatte er eine Stunde für das Mittagessen, er konnte sie jedoch nicht immer um die gleiche Zeit nehmen: zuweilen machte er um zwölf Uhr und zuweilen erst um zwei Uhr Pause. Es hing ganz davon ab, was auf die Arbeitsstellen gebracht werden musste.
Oft geschah es, dass an einem entfernt liegenden Arbeitsplatz Materialien gebraucht wurden, die gleich nach dem Mittagessen verwendet werden sollten, und Crass war es vielleicht nicht möglich, sie vor zwölf Uhr bereitzumachen, so dass Bert sie vor dem Mittagessen nicht hinbringen konnte. Verschob er es aber bis nach dem Mittagessen, so vergeudeten die Leute ihre Zeit mit Warten; daher brachte er in solchen Fällen zuerst die Sachen fort und aß zu Mittag, wenn er zurückkehrte.
Manchmal kam er gegen halb eins wieder und musste um ein Uhr eine neue Ladung wegschaffen.
In solchen Fällen schrieb er eine halbe Überstunde auf seinen Lohnverrechnungszettel - er bekam zwei Pence pro Überstunde.
Zuweilen schickte ihn Crass mit einem Handwagen an eine Arbeitsstelle, um eine Leiter, einen Bock, ein Brett oder irgendwelches Material zu holen und zu einer anderen Arbeitsstätte zu bringen, und an solchen Tagen wurde es häufig sehr spät, ehe er seine Mahlzeiten einnehmen konnte. Anstatt um acht Uhr zu frühstücken, war es häufig bereits neun, wenn er zur Werkstatt zurückkehrte, und oft musste er sich bis halb zwei oder zwei Uhr ohne Mittagessen begnügen.
Manchmal konnte er kaum die Farbtöpfe an die Arbeitsstellen schleppen, so heiß und so wund waren seine Füße. Wenn er den Karren schieben musste, war es noch schlimmer, und häufig war er nach Feierabend kaum noch imstande, nach Hause zu gehen.
Nicht immer jedoch herrschte heißes und sonniges Wetter; manchmal war es recht kalt, fast wie im Winter, und während dieses Sommers regnete es viel. Bei solchem Wetter wurde der Junge häufig mehrmals am Tage völlig durchnässt, während er von einer Arbeitsstelle zur anderen ging, und die ganze Zeit über musste er in seinen feuchten Sachen, in seinen nassen Stiefeln umhergehen, die gewöhnlich alt und reparaturbedürftig waren und das Wasser durchließen.
Eine der schlimmsten ihm obliegenden Arbeiten musste er besorgen, wenn ein neuer Vorrat von Bleiweiß eintraf. Das Zeug kam in Holzfässern, von denen jedes zwei Zentner enthielt; mit einer Kelle musste er es aus den Fässern in einen Metalltank schaufeln, wo es unter Wasser aufbewahrt wurde, während die leeren Fässer an die Herstellerfirma zurückgingen.
Führte er diese Arbeit aus, so brachte er es gewöhnlich fertig, sich von oben bis unten mit Bleiweiß zu beschmieren; dies und der Umstand, dass er ständig mit Farben oder irgendwelchen giftigen Materialien umging, war zweifellos die Ursache der furchtbaren Magenschmerzen, die er häufig verspürte - und vor Schmerzen warf er sich zuweilen hin und wand sich in Qualen auf dem Boden.

Eines Nachmittags sandte ihn Crass mit einem Handwagen zu einer Arbeitsstelle, wo Easton, Philpot, Harlow und Owen gerade die letzte Hand anlegten. Er gelangte um halb fünf Uhr dorthin und half den Männern, die Sachen aufzuladen, und danach ging er neben dem Wagen her gemeinsam mit ihnen in die Werkstatt zurück.
Unterwegs fiel allen auf, dass der Junge müde und blass aussah und zu hinken schien; sie machten hierüber Bemerkungen zueinander, er sagte jedoch nichts, obgleich er erriet, dass sie über ihn sprachen. Kurz vor Feierabend gelangten sie in der Werkstatt an, etwa zehn Minuten nach fünf. Bert half ihnen beim Abladen, und danach, während sie ihre Sachen wegpackten und die ungebrauchten Materialien „abschrieben", die sie zurückgebracht hatten, schob er den Karren hinüber zum Abstellplatz im Schuppen auf der anderen Seite des Gerätehofs. Er kehrte nicht sogleich in die Werkstatt zurück, und als Harlow einige Minuten später auf den Hof kam, um einen Eimer Wasser zu holen damit sie sich die Hände waschen konnten, sah er, wie der Junge weinend an den Karren gelehnt stand, einen Fuß vom Boden gehoben.
Harlow fragte ihn, was ihm fehle, und während er mit ihm sprach, kamen die anderen heraus, um zu sehen, was es gebe; der Junge sagte, er habe Rheumatismus, Wachstumsschmerzen oder so etwas Ähnliches im Bein, „grad hier, am Knie". Viel sagte er freilich nicht, er weinte nur jämmerlich, wandte den Kopf von einer Seite auf die andere und mied die Blicke der Männer, weil er sich schämte, dass sie ihn weinen sahen.
Als sie feststellten, wie krank und elend er aussah, steckten alle die Hand in die Tasche, um einige Kupfermünzen herauszunehmen, damit er mit der Straßenbahn heimfahren konnte. Sie gaben ihm im ganzen fünf Pence, so hatte er mehr als genug, um den ganzen Weg zu fahren, und Crass hieß ihn, sogleich zu gehen - er brauche nicht bis halb sechs zu warten; doch bevor der Junge ging, holte Philpot eine kleine Glasflasche aus seiner Werkzeugtasche und füllte sie mit Öl und Terpentin - zwei Teile Terpentin und ein Teil Öl -, dann gab er sie Bert, damit er vor dem Zubettgehen sein Bein damit einrieb; das Terpentin, so erklärte Philpot, sei zum Heilen des Schmerzes, und das Öl solle verhindern, dass die Haut angegriffen werde. Berts Mutter solle es ihm einreiben, falls er dazu selber zu müde sei. Bert versprach, diese Anweisungen zu befolgen, und trocknete sich die Tränen, nahm seinen Essenkorb und humpelte davon, um die Straßenbahn noch zu erreichen.
Einige Tage danach erlitt Hunter einen Unfall. Ungefähr fünf Minuten vor zwölf Uhr raste er mit seinem Rad zu einer Arbeitsstelle, da er sehen wollte, ob er nicht jemand erwischen konnte, der vorzeitig Mittagspause machte, und als er einen ziemlich steilen Hügel hinabfuhr, brach die Vorderradbremse - die Gummiauflage der Hinterradbremse war abgenutzt und versagte den Dienst; um zu verhindern, dass er gegen den Zaun vor den Häusern am Fuß des Hügels geschleudert wurde, warf sich Elend vom Rad, mit dem Ergebnis, dass sein Kopf, sein Gesicht und seine Hände furchtbar zerschunden wurden und Quetschungen erlitten. Es ging ihm so übel, dass er fast drei Wochen lang zu Haus bleiben musste, sehr zum Entzücken der Leute und zum Ärger - man könnte sogar sagen zur Empörung -Mr. Rushtons, der nicht genügend von der Arbeit verstand, um ohne Hilfe Kostenanschläge aufstellen zu können. Gerade zu dieser Zeit gab es verschiedene Aufträge, um die es sich zu bewerben galt; daher sandte Rushton Hunter zur Berechnung der Preise die Zahlenangaben ins Haus, und fast die ganze Zeit über, die Elend daheim blieb, saß dieser dick verbunden aufrecht im Bett und versuchte, die wahrscheinlichen Kosten der Arbeiten zu veranschlagen. Rushton besuchte ihn nicht; aber fast jeden Tag sandte er Bert entweder mit irgendwelchen Zahlenangaben, Rechnungen oder dergleichen oder mit einem Zettel, auf dem er anfragte, wann Hunter denn denke, wieder zur Arbeit kommen zu können.
Über Hunters Zustand begannen allerlei Gerüchte unter den Leuten umzulaufen. Er habe „die Wirbelsäule gebrochen", habe „Gehirnverschüttung" oder habe sich „die inneren Organe" verletzt, und wahrscheinlich werde er nie mehr in der Lage sein, „den Antreiber zu machen". Crass, der Rushton beim Kalkulieren mehrerer kleinerer Arbeiten geholfen hatte, glaubte allmählich, es wäre für ihn vielleicht gar nicht mal so schlecht, wenn Hunter etwas passierte, und er begann sich aufzuspielen und eine obrigkeitliche Miene aufzusetzen. Er nahm sich einen der Fliegengewichtler als Helfer beim Farbenmischen und ließ ihn alle schweren Arbeiten verrichten, während er selbst einen Teil seiner Zeit damit verbrachte, die verschiedenen Arbeitsplätze zu besuchen, um nachzusehen, wie es mit der Arbeit voranging.
[Crass' Äußeres machte ihm alle Ehre. Er trug eine Sporthose, deren Muster aus großen] schwarzen und weißen Karos bestand. Der frühere Eigentümer dieser Hose war größer und schlanker gewesen als Crass, und obgleich
die Beine etwas zu lang waren, saß sie ihm recht knapp und zwar dermaßen, dass es ein Glück war, dass er seine gegenwärtige Arbeit als Farbenmischer hatte, denn hätte er Leitern oder Stufen hinauf- und hinabsteigen müssen, so wäre die Hose geplatzt. Sein Rock war ihm gleichfalls um zwei oder drei Nummern zu klein, und. die Ärmel waren so kurz, dass die Manschetten seines Flanellhemds sichtbar waren. Dieser Rock war aus Serge und vermutlich einstmals blau gewesen; jetzt aber war er von einer Art Heliotropfarbe und lila: der größere Teil von der ersteren Schattierung und die Stellen unter den Ärmeln von der letzteren. Diese Jacke saß ihm über Schultern und Rücken sehr eng, und da sie viel zu kurz war, bot sie seinen von der Hose eng umspannten Hintern den Blicken dar.
Er schien sich jedoch dessen keineswegs bewusst zu sein, dass irgend etwas an seinem Aussehen merkwürdig war, und er benahm sich so aufgeblasen und beleidigend, dass die meisten Arbeiter fast froh waren, als sich Nimrod doch erholte. Sie meinten, wenn Crass jemals diesen Posten erhielte, werde er noch verdammt viel schlimmer sein als Hunter. Was den betraf, so wurde während einer kurzen Zeit nach seiner Rückkehr an die Arbeit behauptet, seine Krankheit habe seinen Charakter verbessert, er habe Zeit gehabt, über die Dinge nachzudenken, kurz, er sei viel erträglicher als vorher; es dauerte aber nicht lange, bis das Umgekehrte erzählt wurde: er sei schlimmer als je! Und eine Sache, die etwa vierzehn Tage nach seiner Rückkehr geschah, erregte mehr Unwillen und böses Blut gegen ihn und Rushton, als es jemals zuvor gegeben hatte. Der Anlass dazu war etwas, was Ted Dawson, Bundys Kumpel, getan hatte.
Dieser arme Teufel war kaum jemals ohne eine Traglast zu sehen; entweder trug er einen Sack Zement oder Gips, eine schwere Leiter, einen großen Eimer voll Mörtel, oder er zog eine Ladung Gerüstteile auf einem Karren. Er musste wohl fast ebenso stark sein wie ein Pferd, denn wenn er auf diese Weise von sechs Uhr morgens bis halb sechs Uhr abends bei Rushton & Co. geschuftet hatte, ging er gewöhnlich nach dem Tee noch zwei, drei Stunden in den Garten arbeiten, und häufig war er dort auch früh ungefähr eine Stunde lang tätig, ehe er sich zur Arbeit aufmachte. Der arme Kerl brauchte das, was sein Garten hergab, als Zulage zu seinem Lohn, denn er musste für eine Frau und drei Kinder sorgen und verdiente nur - oder, um es richtig zu sagen, er erhielt nur - vier Pence die Stunde.
In einem alten Haus führten Rushtons Leute einige Änderungen und Reparaturen aus und entfernten eine große Menge abgenutzten Holzes: alte, verfaulte Dielenbretter und dergleichen mehr, Holz, das nur noch zum Verbrennen taugte.
Bundy und sein Kumpel arbeiteten dort, und eines Abends kam Elend einige Minuten vor halb sechs und erwischte Dawson, wie er gerade ein kleines Bündel von diesem Holz zusammenschnürte. Als ihn Hunter fragte, was er damit zu tun beabsichtige, versuchte er nicht, sich herauszureden oder etwas zu verheimlichen; er sagte, er wolle es zum Feueranmachen mit nach Hause nehmen, denn zu etwas anderem sei es nicht mehr zu gebrauchen. Elend schlug einen höllischen Lärm und befahl ihm, das Holz liegen zu lassen, wo es war; es müsse auf den Gerätehof gebracht werden, und es ginge weder Dawson noch sonst jemand etwas an, ob es zu gebrauchen sei oder nicht! Wenn er jemand beim Holznehmen ertappe, werde er ihn auf der Stelle entlassen. Hunter schrie recht laut, damit die übrigen es hörten, und da im Nebenraum, wo sie vor dem Nachhausegehen ihre Schürzen abbanden, alle aufmerksam lauschten, entging ihnen keine seiner Bemerkungen.
Als die Leute am folgenden Sonnabend zum Büro kamen und ihr Geld abholten, erhielt jeder von ihnen eine gedruckte Karte folgenden Inhalts:

„Unter keinen Umständen darf irgendein noch so geringfügiger Gegenstand oder irgendwelches Material, gleichgültig, ob noch zu gebrauchen oder nicht, von den Arbeitern aus einer Werkstatt oder von einer Stelle, an der eine Arbeit verrichtet wird, zum privaten Gebrauch fortgenommen werden. Die Vorarbeiter werden hiermit angewiesen, darauf zu achten, dass diesem Befehl Folge geleistet wird, und jede Zuwiderhandlung, von der sie Kenntnis erhalten,
zu melden. Jeder, der sich gegen diese Vorschrift vergeht, wird entweder fristlos entlassen oder strafrechtlich verfolgt. Rushton & Co."

Die Mehrzahl der Arbeiter nahm diese Karte mit der Lohntüte entgegen und ging fort, ohne sich darüber zu äußern; tatsächlich waren die meisten bereits in einige Entfernung gelangt, ehe ihnen bewusst wurde, was eigentlich auf der Karte stand. Zwei oder drei der Leute standen für Rushton und Elend gut sichtbar, einige Schritte von dem Fensterchen entfernt, zerrissen das Ding betont auffällig und warfen die Stücken auf die Straße. Einer blieb am Zahlfenster stehen, während er die Karte las; danach schleuderte er sie Rushton mit einem unflätigen Fluch ins Gesicht und verlangte seinen rückständigen Tageslohn, der ihm unverzüglich und ohne Bemerkung ausgehändigt wurde, während die übrigen Arbeiter, die ihr Geld noch nicht erhalten hatten, warten mussten, bis er seinen Lohnverrechnungszettel für den heutigen Morgen ausgeschrieben hatte.
Die Geschichte von dieser Karte verbreitete sich in kurzer Zeit über die ganze Stadt. In jeder Werkstatt wurde sie Tagesgespräch. Jedes Mal, wenn Arbeiter von Rushton den Leuten einer anderen Firma begegneten, riefen diese ihnen nach: „Kein noch so geringfügiger Gegenstand!" oder „Passt auf, Jungens! Da kommen 'n paar von Rushtons Taschendieben!"
Unter Rushtons Leuten selbst wurde es zur scherzhaften Redensart oder zur Begrüßungsformel, wenn sie einander trafen, zu sagen: „Denk dran! Kein noch so geringfügiger Gegenstand!"
Ging einer von ihnen mit einer ungewöhnlich großen Menge Farbe oder Schlämmkreide auf den Händen oder auf dem Anzug nach Hause, so drohten die anderen, ihn wegen Diebstahls des Materials zu melden. Sie sagten, es sei verboten, jede noch so geringfügige Menge mit fortzunehmen.
Harlow stellte eine Liste von Vorschriften zusammen, die, so behauptete er, Mr. Rushton ihm aufgetragen habe den Arbeitern mitzuteilen. Eine davon sah vor, dass jeder morgens bei Arbeitsantritt und noch einmal abends nach Feierabend zu wiegen sei; jeder, bei dem eine Gewichtszunahme festgestellt werde, sei zu entlassen.
Es gab deswegen auch viel Gefluche und versteckten Groll: die Leute pflegten zu sagen, solche wie Rushton und Hunter hätten es gerade nötig, so etwas zu tun, und sie erinnerten einander an den Wandtisch mit der Marmorplatte, an das Barometer, die Jalousien und an alle die anderen Diebereien.
Keiner von ihnen sagte jemals etwas zu Elend oder zu Rushton über die Karten; eines Morgens aber, als dieser am Frühstückstisch seine Post las, fand er beim Öffnen eines Briefumschlags, dass der ein mit menschlichen Exkrementen beschmiertes Exemplar der Karten enthielt.
Man braucht sich nicht sehr zu wundern, dass keiner der Leute den Mut hatte, offen die Bedingungen abzulehnen, unter denen sie arbeiten mussten; denn obgleich es Sommer war, gab es viele Arbeitslose, und es war bedeutend leichter, seine Entlassung zu erhalten als eine neue Arbeit zu finden.
Keiner der Arbeiter wurde jemals beim Diebstahl irgendeines noch so geringfügigen Gegenstandes erwischt, trotzdem aber wurden während dieses Sommers fünf oder sechs von der Polizei festgenommen und ins Gefängnis gesperrt - denn sie waren nicht in der Lage, ihre Armensteuer zu bezahlen.

Während des ganzen Sommers fuhr Owen fort, Ärgernis zu erregen und sich bei seinen Arbeitskollegen lächerlich zu machen, indem er über die Ursachen der Armut und den Weg zu deren Abschaffung sprach.
Die meisten Arbeiter enthielten ihren Frauen zwei Schilling oder eine halbe Krone von ihrem Lohn vor, um sie als Taschengeld für Bier und Tabak ausgeben zu können. Einige wenige verwandten etwas mehr für diesen Zweck, und eine noch geringere Anzahl gab auf diese Weise so viel Geld aus, dass ihre Familien infolgedessen Not litten.
Die meisten von denen, die ihren Frauen eine halbe Krone oder drei Schilling vorenthielten, taten das mit der Begründung, ihre Kleidung davon zu kaufen. Einige muss
ten wöchentlich einen Schilling in einem Abzahlungsgeschäft oder an einen Kreditwarenhändler bezahlen. Das waren jene, die sich in langen Zeitabständen schäbige neue Anzüge leisteten. Andere kauften ihre Sachen in Altwarenläden oder ließen sie sich dort von ihren Frauen kaufen, wobei sie etwa einen Schilling wöchentlich „abstotterten" und die Kleidungsstücke erst nach beendeter Abzahlung erhielten.
Ein sehr großer Teil der Arbeiter gab nicht einmal einen Schilling die Woche für Alkohol aus, und viele setzten obgleich sie nicht offiziell Antialkoholiker waren, wochenlang weder den Fuß in ein Wirtshaus, noch rührten sie überhaupt Alkohol in irgendeiner Form an.
Andere wieder tranken zum Mittagessen und zum Abendbrot Bier anstelle von Tee, Kaffee oder Kakao. Das kostete nicht mehr als die alkoholfreien Getränke; trotzdem aber gibt es Menschen, die sagen, Leute, die zur Erhöhung der „Getränkerechnung des Landes" beitragen, indem sie Bier zum Mittagessen oder zum Abendbrot trinken, seien eine Art Verbrecher und sollten gezwungen werden, etwas anderes zu sich zu nehmen - das heißt, sofern sie Arbeiter sind. Was die Klasse der Nichtstuer betrifft, so soll es denen natürlich gestattet sein, sich auch weiterhin durch das „Trinken von Wein, Whisky und Sherry" zu belustigen, ganz zu schweigen davon, dass sie ihr Bier fassweise und kastenweise kommen lassen. Freilich ist das etwas ganz anderes, denn diese Leute verdienen ja so viel Geld am Schweiß der Arbeiter, dass sie es sich leisten können, sich alle diese Dinge zu gönnen, ohne ihre Kinder der lebensnotwendigen Dinge zu berauben.
Keine feigere, elendere Verleumdung gibt es als die Behauptung, die Mehrheit oder ein nennenswerter Teil der Arbeiter ließe durch Trunksucht ihre Familien darben. Das ist eine schimpfliche Lüge. Einige Arbeiter tun das, aber sie sind nicht einmal eine große Minderheit. Es sind nur vereinzelte, und ihre Arbeitsbrüder sehen sie mit Verachtung an.
Man wird sagen, Familien der Arbeiter müssten unter der Entbehrung selbst des wenigen leiden, das sie für alkoholische Getränke ausgeben; wer aber dieses Argument
gebraucht, sollte es zum logischen Schluss führen. Tee ist ein überflüssiges und schädliches Getränk; es ist von den Ärzten so häufig verurteilt worden, dass es Zeitverlust wäre, hier seine üblen Eigenschaften aufzuzählen. Das gleiche kann von fast allen billigen alkoholfreien Getränken gesagt werden; sie sind überflüssig, schädlich, kosten Geld und werden, ebenso wie Bier, nur um des Vergnügens willen getrunken.
Welches Recht hat irgend jemand, den Arbeitern zu sagen, wenn ihre Arbeit getan sei, dürften sie kein Vergnügen darin finden, gemeinsam in einem Wirtshaus oder sonst wo ein, zwei Glas Bier zu trinken? Diejenigen, die sich anmaßen, sie zu verdammen, mögen ihr Argument zum logischen Ende führen und jedes Vergnügen irgendwelcher Art verdammen. Mögen sie doch die Arbeiter überreden, ein noch einfacheres Leben zu führen: Wasser zu trinken anstelle so ungesunder Getränke wie Tee, Kaffee, Bier, Limonade und all des anderen überflüssigen und schädlichen Zeugs. Dann lebten sie viel billiger, und da die Löhne stets und überall durch die Lebenshaltungskosten reguliert werden, könnten sie dann gegen niedrigere Bezahlung arbeiten.
Leute, die so reden, zitieren gern die Ziffern der „Getränkerechnung des Landes", als werde all dieses Geld durch die Arbeiter ausgegeben! Zöge man jedoch die Summen, die von der Aristokratie, der Priesterschaft und dem Mittelstand für Alkohol ausgegeben werden, von der „Getränkerechnung des Landes" ab, so sähe man, dass der von der Arbeiterschaft pro Kopf für Getränke ausgegebene Betrag gar nicht so erschreckend und wahrscheinlich nicht viel höher ist als die Summe, die von denen für Getränke verwendet wird, die Tee, Kaffee und all die anderen ungesunden und überflüssigen alkoholfreien Getränke zu sich nehmen.
Der Umstand, dass einige von Rushtons Leuten etwa zwei Schilling in der Woche für Getränke ausgaben, wenn sie Arbeit hatten, war nicht die Ursache ihrer Armut. Hätten sie für Alkohol niemals einen roten Heller ausgegeben und wären ihre elenden Löhne um fünfzig Prozent erhöht worden, so hätten sie sich noch immer im Zustand tiefster
und bitterster Armut befunden, denn noch immer wären fast alle Wohltaten und Vorzüge der Zivilisation und fast alles, was das Leben lebenswert macht, für sie unerreichbar gewesen.
Solange Menschen unter den heutigen jammervollen Umständen leben und so uninteressante Arbeit wie gegenwärtig verrichten müssen, ist es unvermeidlich, dass ein gewisser Teil von ihnen im Wirtshaus Vergessen und einen Augenblick des Glücks suchen wird; das einzige Mittel gegen dieses Übel ist, dessen Ursache zu beseitigen, und wenn das geschieht, könnte noch etwas anderes getan werden, nämlich anstatt das Bestehen schmutziger Winkelkneipen zu dulden, von Leuten geleitet, die ein Interesse daran haben, die Arbeiter zu ermutigen, dass sie mehr schlechtes Bier trinken, als gut für sie ist und als sie sich leisten können, sollte man zivilisierte Gaststätten einrichten, die vom Staat oder von der Stadt um der Nützlichkeit willen und nicht nur des Profits halber unterhalten würden; anständige Vergnügungsstätten, wo man weder Trunkenheit noch Schmutz duldete und wo es gutes Bier, guten Kaffee, Tee oder sonstige Erfrischungen gäbe, wo sich die Arbeiter nach des Tages Mühe stärken und wo sie ein oder zwei Stunden beim Gedankenaustausch mit ihren Arbeitskollegen oder bei Musik und Gesang verbringen könnten. Wirtshäuser, in die sie ihre Frauen und Kinder mitnehmen könnten, ohne befürchten zu müssen, dass diese beleidigt werden, denn ein Lokal, in das eine anständige Frau oder ein Kind nicht gehen kann, hat überhaupt keine Daseinsberechtigung.
Da Owen Abstinenzler war, gab er für Alkohol nichts aus, viel Geld dagegen für das, was er „die Sache" nannte. Jede Woche kaufte er eine oder zwei Broschüren zum Preis von einem oder zwei Pence oder irgendwelche Flugblätter über den Sozialismus, die er seinen Arbeitskollegen lieh oder schenkte, und auf diese Weise und mit Hilfe vieler Gespräche gelang es ihm, einige für seine Partei zu gewinnen. Philpot, Harlow und noch etliche pflegten ihm voller Interesse zuzuhören, und manche bezahlten sogar die Broschüren, die sie von Owen erhielten, und gaben sie dann, nachdem sie selbst sie gelesen hatten, an andere weiter, und gelegentlich begannen sie auch von sich aus eine Diskussion. Andere waren einfach gleichgültig, oder sie sahen das Thema als eine Art Spaß an und machten sich über den Gedanken lustig, es sei möglich, die Armut zu beseitigen. Sie wiederholten, es habe „immer Reiche und Arme auf der Welt gegeben", und es werde „immer welche geben - so ist das eben". Die Mehrzahl der Leute legte jedoch bittere Feindschaft an den Tag, nicht Owen, sondern dem Sozialismus gegenüber. Den Mann selbst mochten die meisten von ihnen ganz gern, besonders die einfachen Arbeiter, denn es war bekannt, dass er es nicht „mit dem Meister hielt" und dass er verschiedene ihm von Elend angebotene Vorarbeiterstellen abgelehnt hatte. Dem Sozialismus jedoch standen sie mit leidenschaftlicher und boshafter Feindseligkeit gegenüber. Einige von denen, die während des vergangenen Winters, als sie hungerten, ein paar Symptome des Sozialismus erkennen ließen, hatten sich jetzt völlig erholt und waren standhafte Verteidiger des gegenwärtigen Systems.
Barrington arbeitete noch immer bei der Firma; er legte weiter sein zurückhaltendes Benehmen an den Tag und sprach wenig, wenn man ihn nicht anredete, trotzdem aber begann aus verschiedenen Gründen das Gerücht umzulaufen, er teile Owens Ansichten. Er bezahlte stets für die Broschüren, die Owen ihm gab, und einmal, als Owen tausend Flugblätter zum Verschenken kaufte, trug Barrington einen Schilling zu der halben Krone bei, die Owen dafür bezahlte. Niemals aber beteiligte er sich an den Diskussionen, die zuweilen während der Mittagsstunde oder während der Frühstückspause entbrannten.
Für Owen war es gut, dass er seinen Enthusiasmus für „die Sache" hatte, der seine Gedanken beschäftigte. Der Sozialismus war für ihn, was der Alkohol für einige der übrigen war - das, was sie in die Lage versetzte, die Bedingungen, unter denen sie zu leben gezwungen waren, zu vergessen und zu ertragen. Einige waren vom Bier so benebelt und andere von der Bewunderung für ihre liberalen oder konservativen Herren so berauscht, dass sie das Elend ihres eigenen Lebens völlig vergaßen, und auf ähnliche Weise war Owen derartig damit beschäftigt, sie aus ihrer Lethargie aufzuwecken, so vertieft in den Versuch, neue Argumente auszudenken, um sie von der Möglichkeit einer Besserung ihrer Lage zu überzeugen, dass er keine Zeit hatte, sich mit seiner eigenen Armut zu beschäftigen; vielleicht hätte er das Geld, das er für Flugzettel und Broschüren ausgab, die er verschenkte, lieber für seine eigene Kost und seine Kleidung verwenden sollen, denn die meisten Leute, denen er diese Schriften gab, waren dafür keineswegs dankbar; hieran dachte er jedoch nie, und schließlich gibt fast ein jeder Geld für irgendein Steckenpferd aus. Mancher versagt sich nämlich die lebensnotwendigen oder die angenehmen Dinge, damit er helfen kann einen Schankwirt fett zu machen. Andere leiden Mangel damit sie faulen Menschen die Möglichkeit geben, in Trägheit und Luxus zu leben, und wieder andere verwenden viel Zeit und Geld, das sie eigentlich für sich selbst brauchten, um sozialistische Literatur zu kaufen und sie Leuten zu schenken, die über den Sozialismus gar nichts wissen wollen.
Eines Sonntags gegen Ende Juli drang ein Haufen von etwa fünfundzwanzig Männern und Frauen auf Fahrrädern in die Stadt ein. Zwei von ihnen - die einige Meter vor den übrigen herfuhren - hatten an der Lenkstange ihres Rades eine schlanke, hohe Stange befestigt, und von der Spitze der einen davon flatterte eine rotseidene kleine Fahne, auf der in Goldbuchstaben geschrieben stand: „Internationale Brüderlichkeit und Frieden." Die andere Fahne glich der ersten in Größe und Farbe; die Worte darauf lauteten jedoch anders: „Einer für alle und alle für einen."
Während sie fuhren, verteilten sie Flugzettel an die Leute in den Straßen, und jedes Mal, wenn sie an eine Stelle kamen, wo sich viele Menschen befanden, stiegen sie ab, gingen umher und gaben jedem ein Flugblatt, der eins nehmen wollte. Als sie die Große Paradeallee hinunterfuhren, wo sich eine ziemlich große Menschenmenge befand, machten sie des Öfteren länger halt, und danach fuhren sie über den Hügel nach Windley, wohin sie kurz vor Öffnung der Wirtshäuser gelangten. Vor den Schenken, von denen es dort mehrere gab, warteten kleine Gruppen, und eine Anzahl von Leuten befand sich auf dem Heimweg von der Kirche oder der Kapelle. Die Fremden verteilten Flugblätter an alle, die sie nehmen wollten, gingen durch viele Seitenstraßen und steckten Flugblätter unter die Türen und in die Briefkästen. Als ihr Vorrat zu Ende war, stiegen sie wieder auf und fuhren den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Inzwischen hatte sich die Nachricht von ihrer Ankunft verbreitet, und als sie durch die Stadt zurückfuhren, wurden sie mit Johlen und Pfeifen begrüßt. Dann schleuderte jemand einen Stein, und da gerade dort viele Steine umherlagen, folgten mehrere seinem Beispiel und begannen den davonfahrenden Radlern nachzulaufen; dabei warfen sie mit Steinen, johlten sie und stießen Verwünschungen aus.
Das Flugblatt, das zu all dieser Wut Anlass gegeben hatte, lautete folgendermaßen:

„WAS IST DER SOZIALISMUS?

Gegenwärtig produzieren die Arbeiter ohne Unterlass mit Hand und Hirn Nahrungsmittel, Kleidungsstücke und alle nützlichen und schönen Gegenstände in großem Überfluss.
DOCH SIE ARBEITEN VERGEBLICH - denn meistens sind sie arm, und oftmals leiden sie Not. Sie haben es schwer, sich durchs Leben zu schlagen. Ihre Frauen und Kinder leiden, und ihr Alter ist mit dem Brandmal des Almosenempfangs gezeichnet.
Der Sozialismus ist ein Plan zur Beseitigung der Armut, durch den ein jeder in die Lage versetzt werden wird, in Wohlstand und Behaglichkeit zu leben und Muße und Gelegenheit zu einem inhaltsreicheren Leben zu haben.
Wenn Sie über diesen Plan mehr hören wollen, so kommen Sie am nächsten Dienstagabend um acht Uhr zum Feld am Kreuzweg auf dem Hügel von Windley und
HALTEN SIE NACH DEM AGITATIONSWAGEN
DER SOZIALISTEN AUSSCHAU."

Unter einem Steinhagel fuhren die Radfahrer davon, ohne viel Schaden zu erleiden. Einem wurde die Hand aufgeschlagen, und ein anderer, der sich gerade umsah, wurde an der Stirn getroffen; das waren jedoch die beiden einzigen Verwundeten.
Am folgenden Dienstagabend war bereits lange vor der festgesetzten Zeit eine große Menschenmenge am Kreuzweg auf dem Hügel in Windley versammelt und wartete auf das Erscheinen des Wagens, und offensichtlich war sie darauf vorbereitet, den Sozialisten einen heißen Empfang zu bereiten. Nur ein uniformierter Polizist war anwesend: jedoch befanden sich mehrere Beamte in Zivil unter der Menge...
Zu dieser gehörten Crass, Dick Wantley, der Halbbetrunkene, Sawkins, Bill Bates und andere Stammgäste der „Cricketers"; hier und da gab es auch einige Gewerbetreibende darunter, wie der „olle Knabe" und Mr. Kleinmann, der Lebensmittelhändler, sowie einige Damen und Herren - wohlhabende Besucher -, der überwiegende Teil aber der Menge waren Arbeiter: Ungelernte, Facharbeiter und Lehrlinge.
Da ganz offensichtlich war, dass sie Böses im Schilde führte - viele der Leute hatten sich die Taschen mit Steinen voll gestopft und waren mit Stöcken bewaffnet -, hielten einige der Sozialisten es für zweckmäßig, dem Agitationswagen entgegenzugehen, um zu versuchen, die Verantwortlichen vom Kommen abzuhalten, und in dieser Absicht zogen sie sich aus der Menschenmenge zurück, die ihnen bereits drohende Blicke zuwarf, und gingen in der Richtung, aus welcher der Wagen erwartet wurde, die Straße hinunter. Sie waren jedoch noch nicht sehr weit gelangt, als die Leute ihre Absicht errieten und ihnen zu folgen begannen, und während sie noch zögerten, was zu tun sei, bog der Agitationswagen der Sozialisten, von fünf oder sechs Radfahrern begleitet, am Fuß des Hügels um die Ecke.
Sobald ihn die Menge sah, stieß sie einen Jubelschrei aus oder vielmehr ein Gebrüll und begann, ihm den Hügel hinab entgegenzurennen, und in wenigen Minuten war er von einer tobenden Menschenmasse umgeben. Der Wagen wurde von zwei Pferden gezogen; an der Rückwand befand sich eine Tür und eine kleine Plattform, und darüber stand in weißen Buchstaben auf rotem Untergrund: „Sozialismus, die einzige Hoffnung der Arbeiter."
Der Fahrer zog die Zügel an, und ein Mann auf der hinteren Plattform versuchte, eine Ansprache an die Menge zu halten; im Lärm des Gejohles, Gepfeifes und Geschreis und des unflätigen Geschimpfes war aber seine Stimme nicht zu hören. Nachdem das etwa eine Stunde lang so gegangen war, begann die Menge, sich gegen den Wagen zu stemmen und zu versuchen, ihn umzuwerfen; die verängstigten Pferde fingen an, unruhig zu werden und zu scheuen, und der Mann auf dem Führersitz versuchte, den Berg hinaufzufahren. Das schien die den Wagen umringende Horde von Wilden noch mehr in Wut zu versetzen. Viele von ihnen packten die Räder und drehten sie in die entgegengesetzte Richtung, wobei sie schrieen, der Wagen müsse dahin zurückfahren, woher er gekommen sei, und dementsprechend nahmen mehrere die Pferde am Zügel und lenkten sie unter lautem Beifallsgeschrei herum.
Der Mann auf der Plattform versuchte noch immer, sich Gehör zu verschaffen, jedoch ohne Erfolg. Die Fremden, die mit dem Wagen gekommen waren, und die kleine Gruppe von ortsansässigen Sozialisten, die sich gewaltsam durch die Menge gedrängt und sich nahe der Plattform vor dem Redner, der nicht zu Wort kam, zusammengefunden hatte, erhöhten durch ihre beschwörenden Rufe, die Menschen mögen „den Mann doch wenigstens ausreden lassen", nur noch den Lärm. Diese kleine Leibwache umringte den Wagen, als der sich langsam den Hügel hinunter zu bewegen begann; sie waren aber nicht zahlreich genug, um ihn vor der Menge zu schützen, in der die Menschen, nicht zufrieden mit dem Tempo, in dem er sich bewegte, einander zuzuschreien begannen: „Jagt sie los!" - „Macht die Bremse locker!", und mehrmals wurde ein wilder Ansturm unternommen, um diese Vorschläge in die Tat umzusetzen.
Einige der Verteidiger waren durch ihre Fahrräder behindert; so gut sie konnten, leisteten sie jedoch Widerstand, und es gelang ihnen, die Menge zurückzuhalten, bis der Fuß des Hügels erreicht war, und dann schleuderte jemand den ersten Stein, der durch einen seltsamen Zufall gerade einen Radfahrer traf, der bereits einen Verband um den Kopf trug - denselben Mann, der schon am Sonntag verletzt worden war. Diesem Stein folgten bald noch weitere, und der Mann auf der Plattform war der nächste, der getroffen wurde. Der Stein flog ihm direkt auf den Mund, und während er sein Taschentuch davorhielt, um das Blut zurückzuhalten, traf ihn ein zweiter Stein auf die Stirn gerade über der Schläfe, und als habe ihn ein Schuss getroffen, stürzte er mit dem Gesicht auf die Plattform nieder. Als der Wagen seine Fahrt beschleunigte, trommelte ein wahrer Steinhagel auf das Dach und auf die Seitenwände und sauste an den dahinfahrenden Radlern vorbei, während die Menge, dicht dahinter folgend, jubelte unflätige Beschimpfungen ausstieß und heulte wie ein Rudel Wölfe.
„Wir wer'n den Sch...kerlen schon Sozialismus geben!" schrie Crass, dem buchstäblich Schaum vor dem Mund stand.
„Wir wer n 's ihnen beibringen, hierher kommen und versuchen, unsre Moralität zu untergraben", heulte Dick Wantley, während er einen Granitklumpen, den er aus dem Schotterpflaster der Straße gerissen hatte, nach einem der Radfahrer schleuderte.
Sie liefen dem Wagen nach, bis er außer Wurfweite war, und dann fielen ihnen die ortsansässigen Sozialisten ein; die waren jedoch nirgends zu sehen; vorsichtshalber hatten sie sich davongemacht, sobald der Wagen einigermaßen in Fahrt gelangte, und da der Sieg ein vollkommener war, kehrten die Anhänger des bestehenden Systems zum freien Platz auf der Hügelkuppe zurück, wo ein Herr in Zylinderhut und Gehrock sich auf eine kleine Bodenerhöhung stellte und eine Ansprache hielt. Er ließ nichts über das Notstandskomitee noch über die Speiseanstalt oder über die Kinder verlauten, die ohne richtige Nahrung und Kleidung zur Schule gingen, und erwähnte auch nicht, was nächsten Winter getan werden sollte, wenn fast alle arbeitslos wären. Das waren Dinge, die an sich offensichtlich weder ihn noch sie auch nur im geringsten interessierte. Er sagte aber vielerlei über das „glorreiche Empire" und die „Fahne" und die „Königliche Familie"! Was er sagte, wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen, und nach Beendigung seiner Rede sang die Menge mit großer Begeisterung die Nationalhymne und zerstreute sich, wobei sie sich beglückwünschte, nach bester Kraft gezeigt zu haben, was Mugsborough vom Sozialismus hielt, [und unter der Menge herrschte allgemein die Ansicht, von dem Wagen der Sozialisten werde sie nichts mehr hören.]
Hierin irrte sie jedoch, denn schon am nächsten Sonntagabend gab es am Kreuzweg plötzlich eine Ansammlung von Sozialisten. Einige waren mit der Eisenbahn gekommen, andere aus den verschiedensten Orten zu Fuß, und manche waren herbeigeradelt.
Eine Menschenmenge fand sich ein, und die Sozialisten hielten eine Versammlung ab, auf der zwei Reden gehalten wurden, bevor noch die Menge sich von ihrer Überraschung über die Kühnheit dieser anderen Briten erholt hatte, die anscheinend nicht genügend Verstand hatten, um zu begreifen, dass sie am letzten Dienstagabend endgültig besiegt und vernichtet worden waren, und als der Radfahrer mit dem verbundenen Kopf die Bodenerhebung bestieg, fielen sogar einige Leute aus der Menge in das Beifallsklatschen ein, mit dem ihn die Sozialisten begrüßten.
In seiner Rede teilte er ihnen mit, der Mann, der mit dem Agitationswagen gekommen und bei dem Versuch, von der Plattform aus eine Rede zu halten, niedergeschlagen worden war, befinde sich gegenwärtig im Krankenhaus. Eine Zeitlang habe man angenommen, er werde wahrscheinlich nicht mit dem Leben davonkommen; jetzt aber befinde er sich außer Gefahr, und sobald sich der Kranke genügend erholt habe, werde er ohne Zweifel wiederkommen.
Bei diesen Worten schrie Crass, wenn sich der Kerl aus dem Wagen hier je wieder blicken lasse, werde man zu Ende führen, was man am letzten Dienstag begonnen habe. Das nächste Mal werde er nicht so gelinde davonkommen. Als Crass das sagte, wusste er jedoch nicht - da er ja nicht in die Zukunft blicken konnte -, was der Leser zu gegebener Zeit erfahren wird: der Mann sollte unter veränderten Umständen an diesen Ort zurückkehren.
Als die Fremden ihre Ansprachen beendet hatten, forderte einer von ihnen, der Versammlungsleiter, die Zuhörer auf, Fragen zu stellen; da jedoch niemand etwas fragen wollte, lud er jeden ein, der mit dem, was die Redner gesagt hatten, nicht einverstanden sei, auf die Bodenerhöhung zu steigen und seine Gegenargumente vorzubringen, um den Zuhörern Gelegenheit zu geben, selbst zu beurteilen, welche Seite nun recht habe; aber auch diese Einladung wurde nicht befolgt. Dann verkündete der Versammlungsleiter, sie hätten die Absicht, am nächsten Sonntag um die gleiche Zeit wiederzukehren, und ein Genosse werde über „Arbeitslosigkeit und Armut - ihre Ursachen und das Mittel zu ihrer Beseitigung" sprechen; danach sangen die Fremden ein Lied, das „England, erhebe dich!" hieß und dessen erster Vers lautete:

„England, erhebe dich, vorüber ist die lange, lange Nacht
Im Morgenlicht der Osten schon erglüht,
Aus deinem bösen Traum der Mühsal und der Qual erwacht,
England, erhebe dich, denn es wird Tag."

Im Laufe der Versammlung gingen einige der Fremden durch die Menge und verteilten Flugblätter, die anzunehmen sich viele Leute mit finsterer Miene weigerten, und sie verkauften Broschüren zum Preis von einem Penny, von denen es ihnen gelang, etwa drei Dutzend umzusetzen.
Bevor der Versammlungsleiter die Versammlung für geschlossen erklärte, sagte er, der Sprecher des kommenden Sonntags wohne in London; er sei nicht etwa Millionär, sondern eben solch ein Arbeiter wie fast alle hier Anwesenden. Für sein Kommen werde er keinerlei Entgelt erhalten; man wolle ihm jedoch die Eisenbahnfahrt bezahlen. Deshalb werde am nächsten Sonntag nach der Versammlung Geld gesammelt werden, und sämtliche Einnahmen, die den Betrag des Fahrpreises überstiegen, sollten für den Ankauf von Flugblättern wie der eben verteilten benutzt werden. Er hoffe, jeder, der glaube, ein Teil des Geldes ginge in die Taschen der Versammlungsveranstalter, werde sich diesen anschließen und könne ja dann seinen Anteil erhalten.
Nun war die Versammlung zu Ende, und die Sozialisten durften in Frieden abziehen. Einige blieben jedoch, nachdem sich der Haupttrupp entfernt hatte, in der Menge zurück, und noch lange, nachdem die Versammlung vorüber war, standen Grüppchen von Menschen auf dem Feld und
diskutierten erregt über die Reden und über die Flugblätter.
Als die Sozialisten am nächsten Sonntagabend kamen, fanden sie das Feld am Kreuzweg im Besitz eines wütenden, feindseligen Volkshaufens, der sie nicht zu Wort kommen ließ, und schließlich mussten sie davonziehen, ohne eine Versammlung abgehalten zu haben. Am nächsten Sonntag kamen sie wieder, und diesmal hatten sie einen Redner mit sehr lauter Stimme - buchstäblich einer Stentorstimme; es gelang ihm, eine Ansprache zu halten, da ihn aber nur die Zunächststehenden verstehen konnten und diese sämtlich Sozialisten waren, hatte die Rede wenig Wirkung auf die Leute, für die sie bestimmt war.
Am nächsten Sonntag kehrten die Sozialisten wieder, und danach kamen sie während des Sommers fast jeden Sonntag; manchmal ließ man sie ihre Versammlung verhältnismäßig in Frieden abhalten, und manchmal gab es Krach. Sie gewannen etliche Anhänger, und viele Leute erklärten sich mit einigen der Dinge einverstanden, für die sie sich einsetzten; es gelang ihnen jedoch niemals, dort eine Ortsgruppe zu bilden, denn die meisten von denen, die sie überzeugt hatten, empfanden Angst, sich öffentlich zu bekennen, weil sie befürchteten, ihre Arbeit oder ihre Kunden zu verlieren.

Sozialismus • Kommunismus • Sozialistische Belletristik • Kommunistische Unterhaltungsliteratur • Proletarisch-Revolutionäre Literatur • Utopische Klassiker • Arbeiterroman • Agitationsliteratur