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Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
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45. Kapitel Der Betriebsausflug

Hin und wieder drang ein flüchtiger Sonnenstrahl in das Dunkel, in dem die Menschenfreunde ihr Leben verbrachten. Dessen freudlose Eintönigkeit wurde zuweilen durch ein wenig unschuldige Fröhlichkeit belebt. Ab und zu fand eine Beerdigung statt, die Elend und Crass den ganzen Nachmittag über fernhielt, und obgleich diese jeweils versuchten, das Datum geheim zu halten, wussten die Arbeiter doch im allgemeinen, wann sie fort waren.
Manchmal boten die Leute, bei denen die Menschenfreunde arbeiteten, ihnen Tee, Butterbrot, Kuchen oder andere leichte Erfrischungen an, und gelegentlich sogar Bier
- eine gänzlich andere Sorte als die „Versteinerungsflüssigkeit", die sie, den halben Liter zu zwei Pence, in den „Cricketers" kauften. In anderen Häusern, wo die Besitzer nicht so großzügig waren, machten die Dienstboten das wieder wett und bewirteten sie ohne Wissen der Herrschaften auf die gleiche Weise. Selbst dort, wo die Hausherrin zu gewiegt war, um das zuzulassen, konnte sie die Arbeiter selten daran hindern, das Stubenmädchen zu umarmen, das ihrerseits recht häufig durchaus bereit war, sich umarmen zu lassen; das bot eine angenehme Abwechslung, half die Eintönigkeit seines Lebens unterbrechen und tat ja keinen Schaden.
Arbeiteten die Menschenfreunde zufällig in bewohnten Häusern, die zur „besseren Klasse" gehörten, so hatten sie es manchmal recht schwer. Stets mussten sie durch die Hintertür ein und aus gehen, gewöhnlich durch die Küche, und das Brutzeln und Zischen des Geflügels oder anderer Braten im Ofen sowie der Geruch der Obstkuchen und Torten, des Plumpuddings, des Salbeis und der Zwiebeln war einfach zum Verrücktwerden. Gewöhnlich lagen im Hof solcher Häuser riesige Haufen leerer Bier-, Porter- und Weinflaschen sowie Stapel von Flaschen, die Whisky, Branntwein oder Champagner enthalten hatten.
Der Geruch des köstlichen Fleisches, das in der Küche zubereitet wurde, drang oft bis in die unwirtlichen Zimmer, die von den Menschenfreunden renoviert wurden, manchmal gerade, wenn die ihr eigenes kärgliches Mahl aus ihren Frühstückskörben verzehrten und es mit dem kalten Tee oder mit der „Versteinerungsflüssigkeit" hinunterspülten, die sie zuweilen in Flaschen mitbrachten.
Hin und wieder schickten ihnen die Leute des Hauses, wie bereits gesagt, Tee und Butterbrot, Kuchen oder andere Erfrischungen hinauf; erfuhr aber Hunter davon, so sprach er mit den Hausbewohnern und forderte sie auf, es künftig zu unterlassen, denn die Arbeiter verschwendeten dadurch ihre Zeit.
Das Ereignis des Jahres aber war der Betriebsausflug, der am letzten Sonnabend im August stattfand, nachdem sie ungefähr vier Monate lang Geld dafür eingezahlt hatten. Die Unkosten sollten pro Kopf fünf Schilling betragen, das war daher der Betrag, den jeder einzahlen musste; sie erwarteten aber, dass die Gesamtkosten - die Miete für die Kutschen und die Kosten für das Essen - um eine Kleinigkeit geringer sein werde, und in dem Falle würde der Überschuss nach dem Essen verteilt. Der ausgezahlte Betrag war je nach den Umständen höher oder niedriger, denn gewöhnlich flossen dem Fonds für den Betriebsausflug neben den Beiträgen der Arbeiter auch milde Gaben verschiedener Spender zu, wie der Leser später sehen wird.
Als der ereignisreiche Tag gekommen war, erhielten die Arbeiter, anstatt bis ein Uhr zu schaffen, um zwölf ihren Lohn ausgezahlt und stürzten nach Hause, um sich zu waschen und umzuziehen.
Die Kutschen sollten um ein Uhr von den „Cricketers" abfahren; um es aber denen, die in Windley wohnten, bequemer zu machen, war verabredet worden, dass diese um halb zwei am Kreuzweg zusteigen sollten.
Im ganzen waren es vier Kutschen - drei große für die Leute und eine kleine für Mr. Rushton nebst einigen seiner persönlichen Freunde: Didlum, Schinder, Mr. Zweinhalb, ein Architekt, und Mr. Vermietse, ein Grundstücksmakler. Einer der Kutscher war von einem Freund begleitet, der ein großes Posthorn trug. Dieser Herr wurde für sein Kommen nicht bezahlt; da er aber arbeitslos war, meinte er, bestimmt spendierten ihm die Leute ein paar Gläser, und wahrscheinlich veranstalteten sie eine Sammlung, um ihn für seine Dienste zu belohnen. Die meisten Arbeiter rauchten Zigarren zu zwei Pence und hatten vor der Abfahrt ein oder zwei Glas miteinander getrunken, um sich ein wenig aufzuheitern; trotzdem aber war es eine trübselige Prozession, die sich da den Hügel nach Windley hinaufwand. Wollte man nach dem grämlichen Ausdruck auf Elends langem Gesicht, der neben dem Kutscher auf dem Bock des ersten der großen Wagen saß, und nach dem niedergeschlagenen Aussehen der Mehrzahl der Leute urteilen, so hätte man meinen können, es handele sich um eine Beerdigung statt um einen Vergnügungsausflug, oder das sei eine Ladung verlorener Seelen, die an die Ufer des Styx gebracht wurden. Den Mann, der von Zeit zu Zeit das Posthorn ertönen ließ, hätte man für den Engel halten können, der die Posaune des Jüngsten Gerichts blies, und der Qualm ihrer Zigarren war wie der Rauch ihrer Qualen, der da aufsteiget in alle Ewigkeit.
Am Kreuzweg wurde ein kurzer Halt gemacht, um einige der Leute einsteigen zu lassen, darunter Philpot, Harlow, Easton, Ned Dawson, Sawkins, Bill Bates und den Halbbetrunkenen. Die beiden letzteren arbeiteten jetzt für Schmiersdrauf & Lasses; da sie aber von Anfang an in die Kasse eingezahlt hatten, wollten sie lieber den Ausflug mitmachen als sich ihr Geld zurückgeben zu lassen. Der Halbbetrunkene und ein oder zwei andere Gewohnheitssäufer sahen sehr schäbig und abgerissen aus; die Mehrzahl der Arbeiter war jedoch anständig angezogen. Einige hatten extra zu diesem Anlass ihre Sonntagsanzüge aus der Pfandleihe geholt. Andere prangten in neuen Sachen, die sie in Raten von einem Schilling die Woche bezahlen wollten. Manche hatten sich gebrauchte Anzüge gekauft, und einer oder zwei trugen gut gebürstete und gesäuberte Arbeitsanzüge, während einige Sonntagsanzüge anhatten, die aus dem einfachen Grunde nicht vom Pfandleiher eingelöst worden waren, weil der sie nicht hatte nehmen wollen. Diese Kleidungsstücke befanden sich sozusagen in einem Obergangsstadium - sie waren altmodisch und glänzten durch langes Tragen, waren jedoch noch immer zu gut, um zur Arbeit angezogen zu werden, selbst wenn sich ihre Besitzer hätten neue leisten können, um sie statt der alten für gut zu tragen. Crass, Slyme und ein oder zwei Junggesellen aber sahen höchst geckenhaft aus und brüsteten sich mit Stehkragen und Melonenhüten nach der neusten Mode, im Gegensatz zu anderen, die Hüte von uralter Form und Kragen verschiedenster Sorten mit abgestoßenen Rändern trugen. Harlow hatte einen alten Strohhut auf, von seiner Frau mit Oxalsäure aufgefrischt, und Easton hatte das verblichene Band seines schwarzen Melonenhutes sorgfältig mit Tinte gefärbt. Die Schuhe waren der schäbigste Teil ihrer Kleidung; ungerechnet Rushton und seine Freunde waren mit Nimrod im ganzen siebenunddreißig Leute da, und unter all diesen gab es nicht einmal ein halbes Dutzend Paar wirklich gute Schuhe.
Als alle saßen, ging es wieder weiter. Die kleine Kutsche
mit Rushton, Didlum, Schinder und zwei oder drei anderen Mitgliedern der Bande fuhr voran. Danach kam die größte Kutsche mit Elend auf dem Bock. Neben dem Kutscher des dritten Wagens saß Payne, der Vorarbeiter der Tischler. Crass nahm den gleichen Ehrenplatz in der vierten Kutsche ein, und auf deren Rückwandstufe hockte der Mann mit dem Posthorn.
Von Crass, der die Kutschen gemietet hatte, war mit den Fahrern verabredet worden, sie sollten durch die Straße fahren, in der er und Easton wohnten, und als sie nun dort entlangkutschierten, stand Mrs. Crass mit den zwei jungen Untermietern, die ihre Taschentücher schwenkten und Grüße zuriefen, vor der Haustür. Ein wenig weiter unten standen Mrs. Linden und Eastons Frau vor ihrer Tür, um die Ausflügler vorbeifahren zu sehen. Die Töne des Posthorns alarmierten die meisten Bewohner der Straße; sie drängten sich in den Fenstern und Türen, um sich die jämmerliche Prozession anzusehen.
Bald lagen die schäbigen Straßen von Windley weit hinter unseren Freunden, und sie fuhren auf einer sonnigen, gewundenen Straße, die von Weißdorn-, Stechpalmen- und Hagebuttenhecken umsäumt war, vorbei an fruchtbaren braunen Feldern, auf denen das reife Korn golden schimmernd stand, an Apfelgärten, wo sich die Zweige schwer beladen unter der Last reifer, zartduftender Früchte bogen, durch den kühlen Schatten stolzer Alleen von ehrwürdigen Eichen, deren sich breit wölbende und verschlungene Äste ein Dach aus Grün und Gold bildeten, beleuchtet von flimmernden Sonnenflecken und -strahlen, die sich durch die zitternden Blätter drängten; über alte, moosbewachsene Steinbrücken, die klare Flüsse überspannten, in denen sich der blaue Himmel und die flaumigen Wolken verdoppelten, und dann wieder vorbei an den sich zu beiden Seiten bis zum Horizont erstreckenden Feldern, manche geschwellt von reifem Korn, andere mit dösenden Rindern oder Herden scheuer Schafe, die beim Geräusch der vorbeifahrenden Wagen davonjagten. Hin und wieder sahen sie muntere kleine Trupps von Kaninchen, die fröhlich in die Hecken hinein- und heraushüpften oder sich in den Feldern neben den Schafen und den Rindern tummelten. Ab und zu tauchten in der Ferne, in einer Bodensenke oder zwischen schützenden Bäumen, Gruppen von Bauerngehöften und Heuschober auf und danach der viereckige, efeubewachsene Turm einer alten Kirche oder vielleicht eine einsame Windmühle, deren kreisende Flügel in der Sonne abwechselnd aufblitzten. Vorbei ging's an strohgedeckten Hütten, aus denen die Bewohner heraustraten und freundlich winkten. Vorbei an sonnenverbrannten, goldhaarigen Kindern, die über Zäune und fünfriegelige Tore kletterten, ihre Hüte schwenkten und jauchzten oder hinter den Kutschen herliefen, um die Pennies aufzusammeln, die ihnen die Männer hinabwarfen.
Ab und zu machten die Leute in den Fahrzeugen schüchterne Versuche zu singen, aber viel wurde nie daraus, denn die meisten waren zu hungrig und fühlten sich allzu unbehaglich. Sie hatten keine Zeit gehabt, Mittagbrot zu essen, und hätten auch dann keins gegessen, wenn Zeit dazu gewesen wäre, denn sie wollten ja ihren Appetit für das Bankett in der „Königin Elisabeth" aufheben, die sie gegen halb drei Uhr zu erreichen gedachten. Nach dem ersten Halt - im „Blauen Löwen" - wurden sie jedoch etwas vergnügter; dort stiegen die meisten aus und tranken ein Glas Bier. Einige, darunter der Halbbetrunkene, Ned Dawson, Bill Bates und Joe Philpot, tranken sogar zwei oder drei Glas und fühlten sich danach gleich viel glücklicher, so dass aus der Kutsche dieser drei - es war die, in der Crass den Vorsitz führte -, kurz nachdem sie wieder abgefahren waren, Stücke einer Melodie erklangen; sehr erfolgreich waren sie jedoch damit nicht, und selbst nach der zweiten Pause im „Kriegerhaupt" - etwa acht Kilometer weiter -brachten sie es nicht fertig, wirklich aus vollem Herzen zu singen. Hin und wieder wurde mal in dieser, mal in jener Kutsche schwungvoll ein Lied angestimmt, um dann trübselig wieder zu verklingen. Es ist nicht leicht, mit leerem Magen zu singen, selbst wenn man ein wenig Bier darin hat - und so ging es den meisten. Sie waren nicht in der richtigen Stimmung, zu singen, noch die Landschaft, durch die sie fuhren, richtig zu würdigen. Sie wollten ihr Essen haben, und aus diesem Grunde wurde ihnen die lange Fahrt, anstatt ein Vergnügen zu sein, nach einiger Zeit zu einer ermüdenden Reise, die niemals ein Ende zu nehmen schien.
Der nächste Aufenthalt wurde im „Spatz in der Hand" gemacht, einem Wirtshaus, das neben der Landstraße ganz allein in einer einsamen Bodensenke stand. Der Wirt war ein dicker, fröhlich aussehender Mensch, und im Schankraum saßen mehrere Kunden, Leute, die wie Landarbeiter aussahen, doch weit und breit war kein anderes Haus zu sehen. Dieser seltsame Umstand beschäftigte die Gedanken unserer Reisenden und bildete das hauptsächliche Gesprächsthema bei ihrer Ankunft im „Wirtshaus zum Tautropfen" etwa eine halbe Stunde später. Die erste Kutsche, in der Rushton und seine Freunde saßen, fuhr weiter, ohne hier anzuhalten. Die Insassen der zweiten Kutsche, die sich kurz hinter der ersten befand, waren geteilter Meinung, ob sie Halt machen oder weiterfahren sollten; einige riefen dem Kutscher zu, die Zügel anzuziehen, andere befahlen ihm weiterzufahren, und die meisten waren unentschieden - eine Stimmung, die der Fahrer durchaus nicht teilte, denn er wusste: hielten sie an, so fände sich gewiss jemand, der ihm ein Glas Bier spendierte; daher fiel es ihm gar nicht schwer, eine Entscheidung zu treffen; er zog vor dem Wirtshaus die Zügel an, und die anderen Kutschen folgten seinem Beispiel, als sie dort anlangten.
Der Aufenthalt war nur sehr kurz, denn nicht einmal die Hälfte der Leute stieg aus, und die in den Kutschen zurückbleibenden brummten so ungehalten über die Verzögerung, dass die anderen ihr Bier so schnell wie möglich austranken, und danach ging die Fahrt fast schweigend weiter. Sie versuchten nicht zu singen, kein lautes Gelächter ertönte; kaum sprachen sie miteinander, sondern sie saßen und blickten trübe hinaus auf die Landschaft ringsum.
Die Kutscher hatten Anweisung erhalten, die Fahrt nicht wieder zu unterbrechen, bis sie die „Königin Elisabeth" erreicht hätten; deshalb fuhren sie an der „Umgekehrten Welt" vorbei, ohne Haltzumachen, sehr zum Kummer des Wirts, der mit gezwungenem Lächeln in der Tür stand. Einige der Arbeiter, die ihn kannten, riefen ihm zu, sie würden ihn auf dem Rückweg besuchen, und damit musste er sich zufriedengeben.
Sie erreichten die langersehnte „Königin Elisabeth" zwanzig Minuten vor vier Uhr und wurden sofort in einen großen Raum geführt, in dem ein runder und zwei längliche Tische zum Essen gedeckt waren - und zwar auf eine dem Ruf des Hauses würdige Weise.
Die Tücher auf den Tischen und die fächerförmig in den Gläsern geordneten Servietten waren buchstäblich so weiß wie Schnee, und für jeden lagen etwa ein Dutzend Messer Gabeln und Löffel da. Auf der Mitte des Tisches standen abwechselnd Gläser mit köstlichem gelbem Pudding, Kristallschüsseln mit glitzernder roter und gelber Götterspeise und Vasen mit süßduftenden Blumen.
Der Speiseraum war mit Linoleum ausgelegt - rote Blumen auf hellgelbem Grund; an einigen Steilen war das Muster abgetreten, doch der Boden sah sehr sauber aus und glänzte. Ob man nun die Wände mit der altmodischen gefirnissten Eichenholzmustertapete betrachtete oder das blinkende Klavier quer in der Ecke neben dem Fenster mit den weißen Gardinen, ob man auf die glänzenden Eichenholzstühle oder durch die geöffneten Flügeltüren sah, die in den schattigen Garten führten, überall erhielt man den Eindruck, alles sei blitzsauber.
Der Wirt gab bekannt, das Essen werde in zehn Minuten aufgetragen, und während des Wartens genehmigten sich einige ein Glas Bier am Schanktisch - nur zum Appetitanregen; andere schlenderten im Garten umher oder sahen sich auf Einladung des Wirts das Haus an. Sie warfen auch einen Blick in die Küche, wo die Wirtin die Vorbereitungen zum Festmahl beaufsichtigte, und in diesem Raum mit seinen weißgetünchten Wänden und seinem roten Fliesenboden herrschte eine ebensolche absolute Sauberkeit wie in allen übrigen Teilen des Hauses.
„Sieht 'n bisschen anders aus als das ,Königliche Café, wo wir rausgeflogen sind, was?" bemerkte der Halbbetrunkene zu Bill Bates, während sie in den Speiseraum gingen, nachdem bekannt gegeben worden war, das Essen sei fertig.
„Na, und ob!" erwiderte Bill.
Rushton hatte mit Didlum, Schinder und seinen übrigen Freunden am runden Tisch neben dem Klavier Platz genommen. Hunter saß oben an der längeren der beiden
übrigen Tafeln und Crass unten, zwischen Bundy und Slyme, die mit ihm zusammen das Vorbereitungskomitee für den Ausflug gebildet hatten. Am oberen Ende des anderen Tisches saß Payne, der Vorarbeiter der Tischler.
Das Essen konnte man sich nicht besser wünschen; es war fast so gut wie das, welches täglich von jenen genossen wird, die zu faul sind, selbst zu arbeiten, aber gerissen genug, um andere für sich arbeiten zu lassen.
Es gab Suppe, mehrere Vorspeisen, Roastbeef, gekochtes Hammelfleisch, gebratenen Truthahn, Gänsebraten, Schinken, Kohl, Erbsen, Bohnen und Süßspeisen nach Herzenslust - Plumpudding, Vanillepudding, Götterspeise, Obsttorten, Brot, Käse und soviel Bier oder Limonade, wie jeder zu bezahlen wünschte, denn die Getränke wurden extra berechnet, und zum Schluss brachten die Kellner denen, die es wollten, eine Tasse Kaffee. Alles war großartig, und obgleich sie die Vielzahl der Messer und Gabeln etwas verwirrte, zeigten sich doch bis auf wenige Ausnahmen alle der Lage gewachsen und unterhielten sich ausgezeichnet. Nur ein oder zwei bedauerliche Zwischenfälle störten das allgemeine Bild guten Benehmens. Der erste davon geschah fast unmittelbar, nachdem sich alle gesetzt hatten, als Ned Dawson - der zwar ein großer, starker Kerl war, aber nicht viel Bier vertragen konnte - schlecht wurde und er von seinem Kumpel Bundy und einem anderen hinausbegleitet werden musste. Sie ließen ihn irgendwo draußen, und nach ungefähr zehn Minuten kam er wieder herein; er fühlte sich bedeutend besser, sah aber recht blass aus und setzte sich wieder zu den anderen.
Die Puten, das Roastbeef und das gekochte Hammelfleisch, die Erbsen, die Bohnen und der Kohl verschwanden mit erstaunlicher Geschwindigkeit; das war jedoch nicht verwunderlich, denn alle hatten großen Hunger von der langen Fahrt, und fast jeder war darauf bedacht, sich von allem, was es gab, mindestens einmal zu nehmen. Einige füllten sich zweimal Suppe auf. Zum nächsten Gang nahmen sie dann gekochtes Hammelfleisch und Schinken oder Pute, danach etwas Roastbeef und Gänsebraten. Dann aßen sie noch ein wenig gekochtes Hammelfleisch mit etwas Roastbeef. Jeder der drei Lehrlinge verschlang sein mehrfaches Gewicht von allen Gängen, ganz zu schweigen von den zahlreichen Flaschen mit Limonade und schäumendem Ingwerbier, die sie austranken.
Crass machte häufig eine Pause, um sich mit der Serviette den Schweiß von Gesicht und Hals zu wischen. Wirklich, es gefiel allen glänzend. Von jeder Speise gab es mehr als genug zu essen, das Bier war erstklassig, und unter dem Geklapper der Teller, Messer und Gabeln wurde das Mahl immer wieder von Scherzen und geistreichen Witzen gewürzt, welche die Tafel dauernd bei brüllendem Gelächter hielten.
„Schmeiß uns doch noch mal 'nen Haufen von dem weißen Zeugs da rüber, Bob", schrie der Halbbetrunkene Crass zu und zeigte auf den Milchpudding.
Crass streckte die Hand aus und nahm die Schüssel mit dem „weißen Zeugs"; anstatt sie aber dem Halbbetrunkenen zu reichen, begann er selber, den Pudding zu verschlingen, ihn hastig direkt aus der Schüssel löffelnd.
„Du futterst ja alles selbst, du Schuft", rief der Halbbetrunkene empört, sobald ihm bewusst wurde, was geschah.
„Macht doch nichts, Kumpel", antwortete Crass liebenswürdig, während er die leere Schüssel auf den Tisch setzte. „Macht doch gar nichts, ist ja noch 'ne Menge da, wo das hier hergekommen ist. Sag doch dem Wirt, er soll noch 'ne Portion reinbringen."
Nachdem er dazu aufgefordert worden war, brachte der Wirt, dem seine Tochter, zwei andere junge Frauen und zwei junge Männer zur Hand gingen, noch mehrere Schüsseln voll, und so war der Halbbetrunkene besänftigt.
Und der Plumpudding - der war einfach großartig, genau wie zu Weihnachten, nur hatten Ned Dawson und Bill Bates, bevor er serviert wurde, die ganze Soße ausgetrunken, und so mussten alle die erste Portion ohne Tunke essen. Da der Wirt jedoch kurz darauf eine zweite Portion brachte, machte auch das nichts aus.
Sobald das Essen vorüber war, erhob sich Crass, um seinen Bericht als Sekretär abzugeben. Siebenunddreißig Leute hatten je fünf Schilling eingezahlt; das machte neun Pfund fünf Schilling. Das Komitee hatte beschlossen, die drei Jungen - der Malerlehrling, der Tischlerlehrling und
der Lehrling aus dem Laden - sollten zum halben Preis mitgenommen werden: das machte neun Pfund, zwölf Schilling und sechs Pence. Neben seinem Beitrag von fünf Schilling hatte Mr. Rushton ein Pfund zehn Schilling zur Unkostendeckung spendiert. (Laute Beifallsrufe.) Und mehrere andere Herren hatten ebenfalls etwas gestiftet, Mr. Sweater, aus der „Höhle", ein Pfund (Beifall), Mr. Schinder zehn Schilling neben seinem Beitrag von fünf Schilling (Beifall), Mr. Didlum zehn Schilling sowie die fünf Schilling (Hurrarufe), Mr. Zweinhalb zehn Schilling und seinen Beitrag von fünf Schilling. Das Komitee hatte auch an einige der Lieferanten geschrieben, von denen die Firma Material bezog, und sie um einen Beitrag gebeten; einige hatten eine halbe Krone gesandt, andere fünf Schilling, und einige hatten überhaupt nicht geantwortet, während zwei zurückgeschrieben hatten: da die Preise heutzutage so knapp berechnet seien, hätten sie kaum einen Verdienst an ihren Waren und könnten sich deshalb nicht erlauben, etwas zu spenden; aber von allen Firmen zusammen, an die sie geschrieben hatten, waren im ganzen zweiunddreißig Schilling und sechs Pence eingegangen; das brachte die Einnahmen auf siebzehn Pfund.
Was die Ausgaben betraf, so kostete das Essen zwei Schilling sechs Pence pro Kopf, und da ihrer fünfundvierzig dort waren, kam es auf fünf Pfund zwölf Schilling sechs Pence. Dazu die Miete für die Kutschen, gleichfalls zwei Schilling sechs Pence pro Kopf, machte noch einmal fünf Pfund zwölf Schilling sechs Pence. Blieb also ein Überschuss von fünf Pfund fünfzehn Schilling zu verteilen (Beifall); das machte für jeden der siebenunddreißig Leute drei Schilling und einen Schilling vier Pence für jeden der Jungen. (Laute und lang anhaltende Beifallsrufe.)
Nun gingen Crass, Slyme und Bundy um die Tische und verteilten den Überschuss, der allen sehr gelegen kam -insbesondere denen, die auf der Fahrt von Mugsborough her fast ihr ganzes Geld ausgegeben hatten, und als diese Zeremonie beendet war, beantragte Philpot, dem Komitee den herzlichen Dank der Versammlung für die Art auszusprechen, wie es seine Pflicht erfüllt hatte, und dem wurde mit Beifall zugestimmt. Dann veranstalteten sie eine Sammlung für die Kellner und die drei Kellnerinnen mit einem Ergebnis von elf Schilling; darauf dankte der Wirt im Namen der Beschenkten, die von einem Ohr zum andern grinsten. Danach bestellte Mr. Rushton beim Wirt eine Runde Getränke und für jeden eine Zigarre. Einige nahmen Zigaretten, und die Abstinenzler tranken Limonade oder Ingwerbier. Die Nichtraucher nahmen trotzdem die Zigarre und gaben sie anderen, die gern rauchten. Als alle versorgt waren, wurde plötzlich laut „Ruhe" gerufen, und sie sahen, dass Hunter sich erhoben hatte.
Sobald es still geworden war, sagte Elend, er glaube, jeder der Anwesenden werde ihm zustimmen, wenn er erkläre, sie sollten die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne auf die Gesundheit ihres geschätzten und geachteten Chefs, Mr. Rushtons, zu trinken. (Hört, hört!) Einige unter ihnen arbeiteten nun schon seit vielen Jahren immer wieder für Mr. Rushton, und was sie betreffe, so brauche er, Hunter, wohl nicht viel zum Ruhm Mr. Rushtons zu sagen. (Hört, hört!) Sie kennten ja Mr. Rushton ebenso gut wie er selbst, und ihn kennen hieße ihn schätzen. (Beifallsrufe.) Und obwohl die neuen Arbeiter Mr. Rushton noch nicht so gut kennten wie die alten, sei er doch sicher, dass sie ihm beistimmen werden, wenn er sagte, niemand könne sich einen besseren Herrn wünschen. (Lauter Beifall.) Er habe das Vergnügen, sie aufzufordern, auf die Gesundheit Mr. Rushtons zu trinken. Alle erhoben sich.
„'ne musikalische Ehrung, Jungens", schrie Crass, schwenkte sein Glas und stimmte den Gesang an, in den die meisten mit großer Begeisterung einfielen, während der Halbbetrunkene mit einem Messer den Takt schlug:

„Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Das sagt ein jeder von uns.
Drum: hip, hip, hip, hurra!
Drum: hip, hip, hip, hurra!
Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Denn er ist ein prächtiger Bursche-e,
Das sagt ein jeder von uns."

„Und jetzt drei Hochrufe!" schrie Crass und begann: „Er lebe hoch! hoch! hoch!"
Alle Anwesenden tranken auf Rushtons Gesundheit oder taten wenigstens so; doch während des vorhergehenden lärmenden Hochrufens und Singens standen einige mit Verachtung und Unbehagen auf dem Gesicht und beobachteten schweigend die Enthusiasten, betrachteten die Decke oder sahen auf den Fußboden.
„Das muss ich sagen", bemerkte der Halbbetrunkene, als sich alle wieder gesetzt hatten - während des Essens hatte er mehrere Glas getrunken, neben denen, die er unterwegs zu sich genommen hatte -, „das muss ich sagen: obwohl's ja zwischen Mr. Hunter und mir 'n kleines Missverständnis gegeben hat, wie ich im ,Königlichen Cafe' tätig war, ich muss doch zugeben, das hier ist die beste Firma, die je unter mir gearbeitet hat."
Dieser Ausspruch rief schallendes Gelächter hervor; es verebbte jedoch, als sich Mr. Rushton erhob, um für den Trinkspruch auf sein Wohl zu danken. Er sagte, er habe das Geschäft jetzt fast sechzehn Jahre, und dies sei, wie er glaube, der elfte Ausflug, den er das Vergnügen habe mitzumachen. Während dieser ganzen Zeit habe sich das Geschäft ständig entwickelt und von Jahr zu Jahr größeren Umfang angenommen, und er hoffe und glaube, auch in Zukunft werde ein ebensolcher Fortschritt zu verzeichnen sein. (Hört, hört!) Selbstverständlich wisse er, dass der Erfolg des Geschäfts in weitgehendem Maße ebenso von seinen Leuten abhänge wie von ihm; er versuche sein Bestes, ihnen Arbeit zu beschaffen, und sie müssten - wenn das Geschäft weitergehen und gedeihen solle - gleichfalls ihr Bestes tun, mit der Arbeit voranzukommen, wenn er sie ihnen besorgt habe. (Hört, hört!) Die Herren kämen nicht ohne ihre Leute aus, und die Leute könnten ohne die Herren nicht leben. (Hört, hört!) Es sei eine Frage der Arbeitsteilung; die Leute arbeiteten mit ihren Händen und die Herren mit ihren Hirnen, und eins nütze nichts ohne das andere. Er hoffe, das gute Einvernehmen, das bisher zwischen ihm und seinen Arbeitern geherrscht habe, werde auch weiterhin stets bestehen bleiben, und er danke ihnen dafür, wie sie den Trinkspruch auf seine Gesundheit aufgenommen hätten.
Lauter Beifall begrüßte den Schluss dieser Rede, und dann erhob sich Crass und erklärte, er schlage vor auf Mr. Hunters Gesundheit zu trinken. (Hört, hört!) Er wolle keine lange Rede halten, denn er sei kein guter Redner. (Rufe: „Bist doch ganz in Ordnung! Mach weiter!" und so fort.) Er sei aber sicher, alle werden ihm beistimmen, wenn er sage, dass es nächst Mr. Rushton niemand gebe, für den die Arbeiter mehr Respekt und Liebe empfänden als für Mr. Hunter. (Bravo!) Vor einigen Wochen, als Mr. Hunter krank gewesen sei, hätten viele schon gefürchtet, sie werden ihn verlieren. Er sei gewiss, dass alle Arbeiter sich über die Gelegenheit freuten, ihm zu seiner Genesung gratulieren zu können (hört, hört!), ihm für die Zukunft alles Gute für seine Gesundheit zu wünschen und zu hoffen, er werde von Krankheit verschont bleiben, damit er noch zu vielen Betriebsausflügen kommen könne.
Lauter Beifall begrüßte das Ende der Ausführungen Crass', und noch einmal stimmte die Gesellschaft das Lied

„Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Denn er ist ein prächtiger Bursche,
Das sagt ein jeder von uns.
Drum: hip, hip, hip, hurra!
Drum: hip, hip, hip, hurra!"

Als die Hochrufe vorüber waren, erhob sich Nimrod Seine Stimme zitterte ein wenig, als er für ihre Freundlichkeit dankte und sagte, er hoffe, ihre gute Meinung zu verdienen. Er könne nur so viel sagen, er sei gewiss, dass er stets versuche, gerecht und anständig gegen einen jeden zu sein. (Bravo!) Er bitte den Wirt, allen die Gläser zu füllen. (Hört, hört!)
Sobald die Getränke ausgeschenkt waren, stand Nimrod wieder auf und sagte, er möchte vorschlagen, dass sie jetzt auf die Gesundheit ihrer Gäste tränken, die so freundlicherweise zu ihren Unkosten beigesteuert hätten -der Herren Vermietse, Didlum, Zweinhalb und Schinder. (Bravo!) Sie seien sehr erfreut und stolz, diese Herren unter sich zu sehen (hört, hört!), und er sei sicher, die Arbeiter werden ihm zustimmen, wenn er sagte, die Herren Vermietse, Didlum, Zweinhalb und Schinder seien „prächtige Burschen".
Nach der Art zu urteilen, mit der sie den Refrain sangen und hurra riefen, war ganz offensichtlich, dass die meisten ihm zustimmten. Als sie geendet hatten, erhob sich Schinder, um im Namen der Gefeierten zu antworten. Er sagte, es bereite ihnen große Freude, hier zu sein und an einer so angenehmen Veranstaltung teilzunehmen, und sie freuten sich sehr bei dem Gedanken, dass sie behilflich sein konnten, diese zu ermöglichen. Es sei sehr wohltuend, dass zwischen Mr. Rushton und seinen Arbeitern herrschende gute Verhältnis zu sehen, und das sei so, wie es sein solle, denn Herren und Arbeiter seien ja in Wirklichkeit Arbeitskameraden - die Herren verrichteten die geistige und die Arbeiter die körperliche Arbeit. Beide seien sie Arbeitende, und ihr Interesse sei dasselbe. Er sähe es gern, wenn die Arbeiter ihr Bestes für ihren Herrn täten und wüssten, dass der Herr sein Bestes für sie tue und ihnen nicht nur ein Herr, sondern auch ein Freund sei. Das sei es, was er, Schinder, gern sehe - Herr und Leute, die an einem Strang zögen und ihr Bestes täten in dem Bewusstsein, dass ihre Interessen miteinander identisch seien. (Bravo!) Wenn nur alle Herren und alle Arbeiter es so hielten, könnten sie bald feststellen, dass alles gut voranginge und dass es mehr Arbeit und weniger Armut gebe. Wenn nur die Arbeiter ihr Bestes für ihre Herren und die Herren ihr Bestes für ihre Arbeiter täten, dann sähen sie bald, dass dies die wahre Lösung des sozialen Problems sei und nicht etwa der alberne Unsinn, den die Leute schwatzten, die mit roten Fahnen umherzögen. (Beifallsrufe und Gelächter.) Die meisten von den Kerlen seien Burschen, die zu faul seien, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. (Hört, hört!) Sie könnten's ihm glauben, wenn die Sozialisten je ans Ruder kämen, würden ein paar von den gerissenen Faulenzern alles absahnen, und für die übrigen bliebe nur die Schwerarbeit. (Hört, hört!) Das sei es, worauf alle diese Agitatoren ausgingen: sie wollten, dass sie (seine Hörer) arbeiteten und jenen ein faules Dasein verschafften. (Hört, hört!) Im Namen Mr. Didlums, Mr. Zweinhalbs, Mr. Vermietses und in seinem eigenen danke er ihnen für ihre guten Wünsche und hoffe, auch in Zukunft bei einem ähnlichen Anlass bei ihnen zu sein.
Der Schluss seiner Rede wurde mit lauten Beifallsrufen aufgenommen; auf den Gesichtern einiger Leute war jedoch Ablehnung zu lesen. Sie selbst machten sich über den Sozialismus lustig und stimmten regelmäßig für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus, und doch waren sie empört und ärgerlich auf Schinder! Es gab auch eine kleine Anzahl Sozialisten - nicht mehr als ein halbes Dutzend im ganzen -, die in den Beifall nicht einstimmten. Diese Männer saßen alle am Ende der langen Tafel, über die Payne den Vorsitz führte. Keiner von ihnen hatte sich dem Beifall auf die Reden angeschlossen, noch hatten sie bisher Protest erhoben. Einige wurden sehr rot, als sie die abschließenden Sätze von Schinders Ansprache hörten, und andere lachten; keiner aber sagte etwas. Sie hatten schon vor der Fahrt gewusst, dass es eine Menge Lobhudelei für die „prächtigen Burschen" und viele Reden setzen werde. und hatten im voraus verabredet, sich weder dafür noch dagegen zu äußern und sich einer offenen Ablehnung irgendwelcher Dinge, die vielleicht gesagt wurden, zu enthalten; etwas so Starkes hatten sie jedoch nicht vorausgesehen.
Als Schinder sich setzte, begannen einige von denen die ihm Beifall gespendet hatten, die Sozialisten zu verhöhnen.
„Was könnt ihr 'n dazu sagen?" riefen sie. „Das geht gegen euch!"
„Jetzt sagen sie gar nichts mehr!"
„Warum stehen denn nicht 'n paar von euch auf und halten 'ne Rede?"
Das schien den Liberalen und Konservativen, denen Schinders Bemerkungen nicht gefallen hatten, eine gute Idee zu sein; deshalb begannen alle zu rufen: „Owen!" -„Los!" - „Steh auf und halt 'ne Rede!" - „Sei doch 'n Mann!" und so fort. Einige von denen, die Schinder am lautesten Beifall geklatscht hatten, unterstützten die Forderung, Owen solle eine Rede halten, denn sie waren sicher, Schinder und die anderen Herren wären in der Lage, mit all seinen Argumenten fertig zu werden; Owen und
die übrigen Sozialisten gaben jedoch keine Antwort und lachten nur, deshalb band Crass ein weißes Taschentuch um einen Mr. Didlum gehörenden Spazierstock und steckte diesen in eine Blumenvase, die auf dem Tischende vor den Sozialisten stand.
[[Nachdem sich der Lärm etwas gelegt hatte, stand Schinder nochmals auf.]] „Als ich meine Bemerkungen gemacht hab", sagte er, „hab ich nicht gewusst, dass hier Sozialisten anwesend sind. Ich konnte es euren Gesichtern ansehen, dass die meisten von euch zu vernünftig dazu sind! Trotzdem bin ich recht froh, dass ich gesagt hab, was ich gesagt hab, denn dadurch seht ihr, was für 'ne Sorte Leute diese Sozialisten sind. Sie sind mächtig schlau - sie wissen, wann sie reden müssen, und wann sie besser den Schnabel halten. Was sie gern tun, ist, 'n paar unwissende Arbeiter in der Werkstatt oder in der Kneipe anzukriegen, und dann können sie stundenlang quasseln - die reinen Werkstattadvokaten sind das -, ihr wisst doch, was ich meine: Ich hab recht, und alle anderen haben unrecht. (Gelächter.) Ihr wisst ja, was ich. meine. Sobald sie aber mal in der Gesellschaft von gebildeten Leuten sind, die 'n bisschen mehr auf 'm Kasten haben als sie und sich nicht durch 'n bisschen Gewäsch reinlegen lassen, na, dann bleibt ihnen die Spucke weg. Wenn ihr also nächstes Mal wieder solche Werkstattadvokatenargumente hört, wisst ihr, was sie wert sind."
Die meisten der Arbeiter waren entzückt von dieser Rede, und sie wurde mit viel Gelächter und Klopfen auf die Tische entgegengenommen. Sie bemerkten zueinander, Schinder sei ein kluger Mann, er habe die Sozialisten verdammt richtig eingeschätzt.
Da sahen sie, dass Barrington aufgestanden war und Schinder ansah; plötzlich herrschte beklommenes Schweigen.
„Es mag wahr sein oder nicht, dass die Sozialisten stets wissen, wann sie zu reden und wann sie zu schweigen haben", begann Barrington, „der heutige Anlass scheint mir jedoch kaum geeignet, über derartige Dinge zu diskutieren.
Wir sind heute als Freunde hier und möchten gern unsere Gegensätze vergessen und uns ein paar Stunden lang amüsieren. Nach dem, was Mr. Schinder gesagt hat, bin ich
jedoch durchaus bereit, ihm nach besten Kräften zu antworten.
Die Tatsache, dass ich Sozialist bin und mich heute als einer von Mr. Rushtons Angestellten hier befinde, sollte eine Antwort auf die Behauptung sein, die Sozialisten seien zu faul, um für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Und was den anderen Punkt betrifft, die Sozialisten machten sich die Unwissenheit und Einfalt der Arbeiter zunutze und führten sie mit unsinnigem Geschwätz irre, so wäre es richtiger gewesen, wenn Mr. Schinder irgendein bestimmtes sozialistisches Argument genommen und bewiesen hätte, dass es unwahr oder irreführend sei, anstatt sich feige der Methode zu bedienen, unbestimmte allgemeine Behauptungen aufzustellen, die er nicht beweisen kann. Er hätte dann gesehen, dass das viel schwerer ist, als es für die Sozialisten wäre, zu zeigen, dass vielmehr fast alles, was Mr. Schinder uns erzählt hat, unsinniges Geschwätz und höchst irreführend ist. Er sagt uns, die Unternehmer arbeiteten mit dem Gehirn und die Arbeiter mit den Händen. Wenn es wahr ist, dass zur Handarbeit kein Verstand nötig ist, weshalb steckt man denn dann die Idioten in Irrenhäuser? Weshalb lässt man sie dann nicht einige der Handarbeiten verrichten, für die kein Verstand nötig ist? Da es ja Idioten sind, wären sie wahrscheinlich bereit, für noch weniger zu arbeiten, als das ideale ,Existenzminimum' ausmacht. Hätte Mr. Schinder es jemals ausprobiert, so wüsste er, dass Handarbeiter Verstand und Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit konzentrieren müssen; sie könnten sie sonst gar nicht ausführen. Sein Gerede davon, dass die Unternehmer nicht nur die Herren, sondern auch die ,Freunde' ihrer Arbeiter seien, ist gleichfalls bloßes Geschwätz, denn er weiß ja ebenso gut wie wir: gleichgültig, wie gutherzig oder wie gutwillig ein Unternehmer auch sein mag, gleichgültig, wie sehr er auch wünschen mag, seinen Leuten anständige Arbeitsbedingungen zu gewähren, es ist unmöglich, denn er muss ja gegen andere Unternehmer konkurrieren, die sich nicht so verhalten. Der schlechte Unternehmer - der, welcher seine Leute schindet und sie antreibt - ist es, der das Tempo bestimmt, und die anderen müssen die gleichen Methoden anwenden wie er - sehr häufig gegen ihre Neigung -, sonst wären sie nicht in der Lage, gegen ihn zu konkurrieren. Mr. Schinder weiß sehr wohl: wollte irgendein Unternehmer heute beschließen, seinen Arbeitern nicht weniger Lohn auszuzahlen, als er selbst brauchte, um bequem leben zu können, und täglich nicht mehr Arbeit von ihnen fordern, als er selbst gern an jedem Tag seines Lebens leisten möchte, so wäre er, wie Mr. Schinder ebenso gut weiß wie wir, innerhalb eines Monats bankrott; denn er erhielte nur dann Aufträge, wenn er sie zum gleichen Preis wie die Schinder und Antreiber ausführte.
Mr. Schinder erzählt uns auch, die Interessen der Herren und ihrer Leute seien miteinander identisch; hat aber ein Unternehmer einen Kontrakt, so liegt es in seinem Interesse, die Arbeit so schnell wie möglich ausführen zu lassen; je eher sie getan ist, um so mehr Profit wird er haben; je schneller sie aber getan ist, um so eher werden die Leute arbeitslos sein. Wie kann es also stimmen, dass sie dieselben Interessen haben?
Und ferner - sagen wir einmal, ein Unternehmer sei dreißig Jahre alt, wenn er sein Geschäft gründet, und er führe es zwanzig Jahre lang. Nehmen wir einmal an, während dieser Zeit beschäftigte er mehr oder weniger regelmäßig vierzig Arbeiter, und deren Durchschnittsalter sei ebenfalls dreißig Jahre. [[Am Ende der zwanzig Jahre hat der Unternehmer gewöhnlich genügend Geld erworben, um den Rest seines Lebens in Behaglichkeit und Wohlstand verbringen zu können. Wie aber geht es den Arbeitern? Während der ganzen zwanzig Jahre haben sie kaum das Existenzminimum verdient, und sie haben derartige Entbehrungen erleiden müssen, dass die Gesundheit derjenigen, welche noch nicht tot sind, zerrüttet ist.]]
Für den Unternehmer waren es zwanzig Jahre ständigen Fortschritts zur Behaglichkeit, zur Muße und zur Unabhängigkeit. Für die Mehrzahl der Arbeiter aber waren es zwanzig Jahre ständigen, unausgesetzten, unabänderlichen Fortschritts dem Müllhaufen, dem Armenhaus und dem vorzeitigen Tod entgegen. Was ist es also anderes als falsches, irreführendes und sinnloses Geschwätz, zu sagen, ihre Interessen seien identisch mit denen ihres Unternehmers?
Solches Gerede kann nur Kinder oder Dummköpfe täuschen. Kinder sind wir nicht, aber sehr offensichtlich hält uns Mr. Schinder für Dummköpfe.
Infolge eines oder mehrerer von hundert verschiedenen Umständen, über die ein Unternehmer keine Kontrolle hat oder aber infolge einer falschen Entscheidung geschieht es zuweilen, dass er nach vielen Jahren fleißiger geistiger Arbeit Pech hat und dass es ihm dann nicht besser oder sogar schlechter geht als zu dem Zeitpunkt seines Beginns: das sind jedoch Ausnahmefälle, und selbst wenn er völlig bankrott ist, ergeht es ihm nicht schlechter als der Mehrzahl der Arbeiter.
Und doch ist es völlig richtig, dass das wahre Interesse der Unternehmer und der Arbeiter dasselbe ist, nicht aber in dem Sinne, in dem es uns Mr. Schinder weismachen möchte. Unter dem gegenwärtigen System können nur sehr wenige Leute, wie reich sie auch sein mögen, sicher sein dass sie und ihre Kinder nicht doch schließlich Not leiden werden, und selbst die, welche sich selber in Sicherheit glauben, sehen ihr Glück durch das Wissen um die Armut und das Elend eingeschränkt, die sie von allen Seiten umgeben.
In diesem Sinne nur ist es wahr, dass die Interessen der Herren und ihrer Leute identisch miteinander sind, denn es liegt im Interesse aller, ob sie nun reich oder arm sein mögen, bei der Zerstörung eines Systems zu helfen, das viele zum Leiden verurteilt und wirkliches Glück keinem gewährt. Es liegt im Interesse aller, zu versuchen, einen besseren Weg zu finden."
Bei diesen Worten sprang Crass auf und unterbrach Barrington; er brüllte, sie seien doch nicht hergekommen, um sich 'nen Haufen Reden anzuhören - eine Bemerkung, die von den meisten der Anwesenden mit unbegrenztem Beifall aufgenommen wurde. Lautes „Hört, hört!" ertönte durch den Raum, und der Halbbetrunkene schlug vor, jemand möge ein Lied singen.
Diejenigen, die Owen bestürmt hatten, eine Rede zu halten, sagten nichts, und Mr. Schinder, der sich ziemlich unbehaglich gefühlt hatte, war insgeheim froh über die Unterbrechung.
Der Vorschlag des Halbbetrunkenen, jemand solle ein Lied singen, wurde von allen mit uneingeschränkter Zustimmung aufgenommen, auch von Barrington und den anderen Sozialisten, die ja gar nichts anderes wünschten, als dass sie die Zeit auf eine der Gelegenheit entsprechende Weise verbrachten. Die Wirtstochter, ein rosiges Mädchen von etwa zwanzig Jahren in einem rosa Kleid aus bedrucktem Kattun, setzte sich ans Klavier, der Halbbetrunkene, das Gesicht dem Publikum zugewandt, stellte sich daneben und sang das erste Lied, mit den entsprechenden Gesten, und in den Refrain stimmte die ganze Gesellschaft begeistert ein, darunter auch Elend, der mittlerweile von Gin mit Ingwerbier leicht berauscht war:

„Komm, komm, komm und trink ein Glas mit mir
Im alten Wirtshaus zur Linde,
Komm, komm, komm und schüttle mir die Hand
Im alten Wirtshaus zur Linde.
Horch, wie die Fiedel munter klingt:
Dudeldideldumdei,
Komm und halt fest mich,
Komm, komm, komm und trink ein Glas mit mir
Im alten Wirtshaus zur Linde, zur Linde."

Den Schluss des Gesanges begrüßte lang anhaltendes Klopfen auf die Tische; da aber der Halbbetrunkene außer einzelnen Versen und Refrains kein anderes Lied mehr kannte, forderte er Crass auf, das nächste zu singen. Dieser Herr ließ also das Lied „Schafft, Jungens, schafft" ertönen zur Melodie des Liedes „Trapp, trapp, trapp, die Jungen marschieren". Da das die Marseillaise der Zollreformpartei ist und die hehrsten Ideale des englischen konservativen Arbeiters ausdrückt, war das Lied ein uneingeschränkter Erfolg, denn die meisten gehörten der Konservativen Partei an.

„Noch bin ich zwar kein reicher Mann,
Jedoch ich leb nach einem Plan,
Der wird mich einstmals königlich belohnen;
Erlaubt ihr's, sing ich ihn euch heut,
Denn allzu kostbar ist die Zeit.
Schafft, Jungens, schafft und seid zufrieden,
Solange ihr ein Mahl euch leisten könnt,
Denn steht ihr euren Mann,
Legt tüchtig Hand mit an,
Dann werdet ihr allmählich reiche Leut."

„Alle zusammen, Jungens!" rief Schinder, der ein begeisterter Anhänger der Zollreform war und sich freute dass die meisten der Arbeiter ebenso dachten wie er, und die „Jungens" brüllten den Refrain noch einmal hinaus:

„Schafft, Jungens, schafft und seid zufrieden,
Solange ihr ein Mahl euch leisten könnt,
Denn steht ihr euren Mann.
Legt tüchtig Hand mit an,
Dann werdet ihr allmählich reiche Leut."

Während sie die Worte dieses erhebenden Refrains sangen, schienen die Tories mit edler Begeisterung erfüllt zu werden. Natürlich können wir es nicht mit Gewissheit behaupten; wahrscheinlich aber stieg vor ihrer angeregten Phantasie das Bild der Vergangenheit auf, und als sie so die lange Reihe der verschwundenen Jahre betrachteten, sahen sie, dass es für sie von Kindheit an Jahre der Armut und des freudlosen Schuftens gewesen waren. Sie sahen Vater und Mutter, von Entbehrungen und übermäßiger Arbeit erschöpft und gebrochen, wie sie ungeehrt in die willkommene Vergessenheit des Grabes sanken.
Und dann, als sich ihr Traum wandelte, sahen sie im Geiste die Zukunft und ihre eigenen Kinder, die sich den gleichen ermüdenden Weg entlang zum gleichen Ziel dahinschleppten.
Möglich ist es, dass der Gesang Visionen dieser Art in ihnen erweckte, denn der Text des Liedes drückte aus, wie ihrem Ideal gemäß das Leben der Menschen sein sollte. Das war ja alles, was sie wollten - dass man sie wie das Vieh schuften lasse zum Vorteil anderer Leute. Sie selbst wollten gar nicht zivilisiert sein, und sie waren entschlossen, dafür zu sorgen, dass die Kinder, die sie in die Welt gesetzt hatten, gleichfalls niemals die Wohltaten der Zivilisation genießen sollten. Wie sie häufig sagten:
„Wer und was sind denn unsre Kinder, dass sie nicht für bessre Leute arbeiten sollten? Sind doch schließlich nicht feiner Leute Kinder, wie? Für ihresgleichen sind die guten Dinge des Lebens nie bestimmt gewesen! Lasst sie doch arbeiten! Dafür sind ihresgleichen ja geschaffen worden, und wenn wir nur die Zollreform für sie erreichen können, werden sie ihr Leben lang genug Arbeit haben -nicht nur die volle Arbeitszeit, sondern sogar noch Überstunden! Und was Bildung, Reisen ins Ausland, Lebensfreude und all so 'n Zeugs betrifft, die sind ja für solche wie unsre Kinder nie bestimmt gewesen - so was ist doch nur was für feiner Leute Kinder! Verglichen mit denen sind doch unsre Kinder bloß Dreck! Unsereins ist doch bloß dazu geschaffen, um für die feinen Leute zu arbeiten, damit sie genug Zeit haben, sich zu amüsieren, und die feinen Leute sind dazu geschaffen, sich zu amüsieren, damit unsereins reichlich Arbeit kriegen kann."
Zu dem Lied gehörten noch einige Strophen, und als sie die alle gesungen hatten, waren die Tories in wilde Begeisterung geraten. Sogar Ned Dawson, der mit dem Kopf auf den Armen und diesen auf dem Tisch eingeschlummert war, raffte sich am Ende jeder Strophe auf, und nachdem er den Refrain mitgesungen hatte, schlief er wieder ein.
Nach Beendigung des Liedes ließen sie die Zollreform und reichlich Arbeit dreimal hochleben, und dann rief Crass, der als Sänger des letzten Liedes das Recht hatte, den nächsten Mann zu bestimmen, Philpot auf; der wurde mit einer Ovation begrüßt, als er sich erhob, denn er war bei allen beliebt. Er tat „niemand nischt Böses" und war immer bereit, jedermann 'nen Gefallen zu tun, wenn's 'ne Gelegenheit gab." Der Ruf „unser guter oller Joe" erklang durch den Raum, als er zum Klavier hinüberging, und auf vielfach geäußerten Wunsch: „Das alte Lied!" begann er, „Die Blumenschau" zu singen:

„Als neulich ich spazierenging,
nicht wußt', was fang ich an,
las ich ,Heut große Blumenschau'
gedruckt auf einem Schild.
Nun, dachte ich, zum Zeitvertreib
seh ich's mir wohl mal an.
Und als ich hinkam,
bot sich mir ein ganz seltsames Bild.
Drum möcht ich manche Blume euch
wohl nennen, die nicht welkt."
Alle: „Drum möcht ich manche Blume euch
wohl nennen, die nicht welkt."

Das Lied hatte noch einige Strophen, aus denen hervorging, dass es in der Blumenschau hauptsächlich Rosen Disteln und Sauerklee gab.
Als er geendet hatte, dankten sie ihm mit so ohrenbetäubendem Beifall und forderten so hartnäckig eine Zugabe, dass er noch eines ihrer alten Lieblingslieder sang, um sie zufrieden zu stellen: „Kauft doch meine schönen Blumen!"

„Eilend, immer weiter eilend,
gehn und kommen Männer, Frauen,
sehen nicht die Tränen schimmern
in den sehnsuchtsvollen Augen,
hören nicht ihr bittres Seufzen
all die kalten, langen Stunden.
Horch nur, wie sie leise rufet:
,Kauft doch meine schönen Blumen!'"

Nachdem die letzte Strophe dieses Liedes fünf- oder sechsmal gesungen worden war, machte Philpot von seinem Recht Gebrauch, den nächsten Sänger zu ernennen, und bestimmte Dick Wantley; der sang unter vielen anzüglichen Gesten und Grimassen „Stellt mich unter die Mädchen" und ernannte dann Payne, den Vorarbeiter der Tischler, der „Ich bin der Marquis von Camberwell Green" vortrug.
Mit diesem Lied war viel „Drum und Dran" verbunden, wie es die Kabarettisten nennen, und während seines Gesangs gab Payne, der leichenblass und sehr nervös war, eine Menge krampfhafte Bewegungen und Gesten zum besten, verbeugte sich, machte Kratzfüße, rutschte umher und schwenkte sein Taschentuch, um die höfische Grazie des Marquis nachzuahmen. Während dieses Vortrages bewahrte das Publikum eisiges Schweigen, und das machte
Payne so verlegen, dass er aufhören musste, noch bevor er das Lied zur Hälfte gesungen hatte, denn an das übrige konnte er sich nicht mehr erinnern. Um seinen Misserfolg wettzumachen, sang er aber noch ein Lied, das begann: „Alle müssen wir sterben, wie das Feuer im Kamin." Es wurde von dem Publikum gleichfalls sehr lauwarm aufgenommen; einige lachten, und andere meinten, wenn er nicht besser singen könne, wäre es besser, er stürbe - je eher, je lieber. Hierauf folgte wieder eine Toryballade, deren Refrain lautete:

„Wie zerlumpt er wohl auch sein mag
und wie schmutzig seine Hand,
im Schweiß sein Brot zu essen,
ist niemals eine Schand.
Dass auf dem rechten Fleck sein Herz schlägt,
wohl niemand leugnen kann:
das Rückgrat des alten England
ist der ehrliche Arbeitsmann."

Nach einigen weiteren Liedern wurde beschlossen, die Versammlung auf ein Feld hinter dem Wirtshaus zu vertagen und eine Partie Kricket zu spielen. Die Partner wurden bestimmt, und Rushton, Didlum, Schinder sowie die anderen Herren nahmen am Spiel teil, als seien sie nur ganz gewöhnliche Leute, und während des Spiels übten sich die anderen im Ringwerfen, oder sie lagen einfach im Gras und sahen den Spielern zu, während der Rest sich im Schankraum mit Biertrinken, Kartenspielen und einer Partie Beilke vergnügte oder im Dorf umherwanderte, um das Bier in den anderen Schenken zu probieren, deren es drei gab.
Auf diese Weise verging die Zeit bis sieben Uhr - die Stunde, die für den Aufbruch, vorgesehen war; eine Viertelstunde vor der Abfahrt aber gab es einen unangenehmen Zwischenfall.
Während des Kricketspiels kam ein Trupp lustiger Sänger auf das Feld - vier junge Mädchen und fünf Männer, drei davon junge Burschen und zwei ältere Leute, vielleicht Väter einiger der jüngeren Mitglieder der Gesellschaft -und sangen zur Unterhaltung des Publikums einige mehr-
stimmige Lieder. Gegen Ende des Spiels hatte sich die Mehrzahl der Arbeiter auf dem Feld versammelt und während einer Pause schickten die Musiker eines ihrer Mitglieder, ein etwa achtzehnjähriges, schüchternes junges Mädchen, das aussah, als wünschte es, jemand anderes hätte die Aufgabe übernommen, zum Sammeln unter die Menge. Das Mädchen war sehr nervös und errötete, während es seine Bitte vortrug und einen Strohhut aufhielt, der offenbar einem der männlichen Sänger gehörte. Einige Arbeiter gaben Pennies, manche lehnten es ab und taten, als übersähen sie das Mädchen oder den Hut, andere boten an. ihr für einen Kuss Geld zu geben; Anlass zu den Unannehmlichkeiten aber gab, dass ein paar der Leute, die mehr getrunken hatten, als ihnen gut tat, ihre noch brennenden Zigarrenstummel, von Speichel durchnässt, wie sie waren, in den Hut fallen ließen, und dass Dick Wantley hineinspie.
Das Mädchen kehrte eilig zu seinen Gefährten zurück, und als es sich entfernte, rieten einige Arbeiter, die gesehen hatten, wie sich die Beleidiger benommen hatten, diesen, schleunigst zu verschwinden, denn die hatten Aussicht, eine tüchtige Tracht Prügel von den Freunden des Mädchens zu beziehen. Sie meinten, es geschähe den Übeltätern verdammt recht, wenn sie eine Abreibung erhielten.
Durch die Furcht teilweise ernüchtert, schlichen die drei Schuldigen davon und versteckten sich bleich und angstschlotternd unter dem Kutschersitz der drei Wagen. Kaum waren sie fort, kamen die Männer der Sängertruppe gelaufen und verlangten wütend, die Leute zu sehen, die das Mädchen beleidigt hatten. Als sie keine befriedigende Antwort erhalten konnten, rannte einer von ihnen zurück und kam kurz darauf mit dem Mädchen wieder, während die übrigen jungen Frauen ihnen in einiger Entfernung folgten.
Das Mädchen erklärte, es könne die Gesuchten nicht finden; deshalb gingen sie ins Wirtshaus, um sich dort nach ihnen umzusehen; einige von Rushtons Arbeitern begleiteten sie und brachten dabei laut ihre Entrüstung zum Ausdruck.
[[Die Zeit verging recht schnell; um halb acht wurde wieder auf die Kutschen gestiegen, und die Ausflügler machten sich auf den Rückweg.]]
Unterwegs hielten sie bei jeder Schenke, und als sie beim „Blauen Löwen" ankamen, hatte die Hälfte bereits einen in der Krone und fünf oder sechs waren sternhagelvoll -darunter der Kutscher von Crass' Wagen und der Mann mit dem Horn. Der war so betrunken, dass sie ihn zwischen ihre Füße auf den Kutschenboden legen mussten, und dort schlief er fest ein, während die anderen sich damit belustigten, dem Horn ein seltsames Gekrächze zu entlocken.
Im „Blauen Löwen" stand ein Klavierautomat, und da es die letzte Schenke auf dem Weg war, hielten sie sich ziemlich lange dort auf, spielten Haken und Ringe, Beilke, tranken, sangen, tanzten und zankten sich schließlich.
Einige schienen mit Newman Streit zu suchen. Allerlei beleidigende Bemerkungen über ihn fielen so, dass er es hören konnte. Einmal stieß jemand prahlerisch Newmans Limonade um, und kurz darauf prallte ein anderer heftig mit ihm zusammen, als er eben trank, und die Limonade ergoss sich über seinen ganzen Anzug. Das Schlimmste war, dass die Mehrzahl dieser Rüpel seine Mitfahrer in Crass' Kutsche waren, und viel Aussicht bestand nicht, dass er einen Sitzplatz in einem der anderen Wagen erhielte, denn die waren bereits überfüllt.
Die Bemerkungen, die Newman von Zeit zu Zeit hörte, ließen ihn den Grund ihrer Feindseligkeit erraten, und da sie eine immer drohendere Haltung einnahmen, wurde er so nervös, dass er daran zu denken begann, sich heimlich davonzuschleichen und den Rest des Weges allein zu Fuß zurückzulegen, falls er nicht jemand in den anderen Kutschen bewegen konnte, den Platz mit ihm zu tauschen.
Während er mit diesen Gedanken beschäftigt war, [[schrie Dick Wantley plötzlich, er werde es dem dreckigen Hund schon geben, der sich letzten Winter unter Tarif angeboten habe.
Sein Fehler sei es, dass sie jetzt alle für sechseinhalb Pence arbeiteten, und er werde mit ihm den Boden aufwischen! Einige von Wantleys Freunden erboten sich eifrig, ihm dabei zu helfen; andere mischten sich jedoch ein, und
eine Zeitlang sah es aus, als sei ein allgemeines Handgemenge im Entstehen, denn die Angreifer bemühten sich heftig, zu ihrem harmlosen Opfer zu gelangen.
Schließlich aber fand Newman einen Platz in Elends Kutsche und setzte sich dort, den Rücken den Pferden zugewandt, auf den Boden, dankbar, außer Reichweite der betrunkenen Wilden zu sein, die jetzt wüste Lieder grölten und im Vorbeifahren die Landbewohner mit schaurigem Geschmetter des Posthorns erschreckten.
Mittlerweile hatte der Wagen, obgleich es keiner von ihnen zu bemerken schien,]] ein furchtbares Tempo angenommen und schwankte unsicher von einer Seite auf die andere. Eigentlich hätte ihre Kutsche die letzte sein sollen; aber beim „Blauen Löwen" war alles ein bisschen durcheinander geraten, und anstatt den Schluss der Prozession zu bilden, fuhr sie jetzt als zweite, direkt hinter dem kleinen Wagen, in dem Rushton und seine Freunde saßen.
Crass erinnerte sie mehrmals, der erste Wagen sei so nahe, dass Rushton bestimmt jedes Wort hören könne, das sie sprachen; diese ständig wiederholten Ermahnungen versetzten den Halbbetrunkenen endlich in Wut, und er schrie, er kehre sich einen Dreck darum, ob Rushton ihn hörte. Wer, zum Kuckuck, sei der denn? Er solle sich zum Teufel scheren!
„Scheiß auf Rushton und auf dich auch! Du bist nichts als 'n dreckiger Wischlappen! Weiter nichts! 'n verdammter Lump! Das ist auch der einzige Grund, weshalb du Vorarbeiter bist - weil du 'n guter Antreiber bist! Bist ja noch 'ne verdammte Ecke schlimmer als Rushton und Elend! Wer hat 'n mit dem Ein-Mann-pro-Zimmer-Kniff angefangen, he? Du, du verdammter Saukerl!"
„Hau 'n doch vom Sitz runter!" schlug Bundy vor.
Alle schienen das für einen guten Gedanken zu halten; als sich aber der Halbbetrunkene zu erheben versuchte, um ihn in die Tat umzusetzen, wurde er durch einen plötzlichen Ruck des Wagens auf den am Boden ausgestreckten Hornbläser geschleudert, und als ihm die anderen geholfen hatten, sich wieder auf seinen Platz zu setzen, hatten sie schon ganz vergessen, dass sie sich Crass' entledigen wollten.
Inzwischen hatte das Tempo der Kutsche erschreckend zugenommen.
Rushton und die übrigen Insassen des kleinen Wagens vorn schrieen schon seit einer ganzen Weile, die in Crass' Kutsche sollten ihre Pferde zügeln, der Fahrer war aber zu betrunken, um zu verstehen, was sie sagten, und nahm deshalb keine Notiz davon; so blieb ihnen nichts anderes übrig, als selbst ihre Geschwindigkeit zu steigern, um nicht überfahren zu werden. Nun begann der betrunkene Kutscher sich einzubilden, sie versuchten, mit ihm um die Wette zu fahren, und der Entschluss, sie zu überholen, beflügelte ihn. Die Straße war sehr schmal, aber eben breit genug, damit er es schaffen konnte, und er traute sich genügend Geschicklichkeit mit den Zügeln zu, um sicher vorbeizukommen.
Die Angstgebärden und die Rufe aus Rushtons Wagen bewirkten weiter nichts, als ihn wütend zu machen, denn er meinte, sie verhöhnten ihn, weil es ihm nicht gelang, sie zu überholen. Er stand auf und peitschte die Pferde, bis sie fast über den Boden flogen, während die Kutsche entsetzlich schwankte und rutschte.
Vorn galoppierten vor Rushtons Wagen die Pferde gleichfalls mit höchster Geschwindigkeit, und das Fahrzeug sprang und schlingerte von einer Straßenseite auf die andere, während die angstschlotternden Insassen sich mit schreckensbleichen Gesichtern an ihren Sitz und aneinander klammerten und ihre Augen aus den Höhlen traten, als sie mit Entsetzen auf ihre Verfolger zurückstarrten, von denen ein paar den betrunkenen Kutscher mit dem Versprechen einiger Liter Bier anfeuerten und die Pferde mit Flüchen und Geschrei antrieben.
Crass' fettes Gesicht war weiß vor Furcht, und zitternd klammerte er sich an seinen Sitz. Ein anderer, der schwer betrunken und sich seiner Umgebung nicht mehr bewusst war, lehnte über die Seitenwand des Wagens und erbrach sich auf die Straße, während die übrigen, ohne von dem Wettrennen Kenntnis zu nehmen, sich belustigten, indem sie so laut wie möglich ein Lied grölten, und der Halbbetrunkene schlug den Takt:

„Hat jemand 'ne deutsche Kapelle gesehn,
'ne deutsche Kapelle, 'ne deutsche Kapelle?
Ich hab mich danach umgesehn,
Bum, bum, bum, bum, bum!

Jede Kneipe hab ich durchgesucht,
fern und nah, fern und nah,
meinen Fritz, den will ich haben, verflucht,
der die große Posaune bläst!"

Die anderen beiden Kutschen waren weit zurückgeblieben. In der, über welche Hunter den Vorsitz führte, fuhr eine trübselige Gesellschaft. Nimrod selbst war durch die Wirkung zahlreicher Gläser Ingwerbier mit einem heimlichen Schuss Gin darin jämmerlich betrunken und saß weinend und in düsterem Schweigen neben dem Kutscher, ein Bild tränenreichen Elends, und seiner Umgebung nur undeutlich bewusst; bei ihm saß Slyme, der mit Hunter fuhr, weil er ebenfalls zur Gemeinde der Kapelle „Das strahlende Licht" gehörte. Dann war noch ein Tapezierer da - ein armer Teufel, der an religiösem Wahnsinn litt; er hatte einen Haufen Traktate mitgebracht und an die übrigen Arbeiter, an die Dorfbewohner in Tubberton und an jeden, der eins haben wollte, verteilt.
Die meisten der übrigen Insassen von Nimrods Kutsche gehörten zum Typ des „religiösen Arbeiters". Sie waren unwissende, flachstirnige Tölpel, die soviel Intelligenz besaßen wie etwa eine durchschnittliche Katze - Besucher verschiedener „Psalmenvereinigungen" oder „Missionsgesellschaften"; jeden Sonntagnachmittag gingen sie einen Vortrag über ihre Pflicht gegenüber den besseren Leuten anhören und ließen sich das Gehirn - Gott segne sie! -durch Leute wie Rushton, Sweater, Didlum und Schinder verkleistern und verdummen, von solchen geistigen Spezialisten wie die Pfarrer Rülpser und Schwätzer oder Leuten wie John Starr ganz zu schweigen.
Bei diesen Versammlungen war es keinem der „ehrbaren" Arbeiter erlaubt, irgendeine Frage zu stellen oder gegen irgend etwas dort Gesagtes Einwendungen zu machen, es zu tadeln, es zu bestreiten, zu diskutieren oder zu kritisieren. Sie mussten wie Kinder dasitzen, während ihnen ein Vortrag gehalten oder ihnen gepredigt wurde und während man sie begönnerte. So stumm wie Schafe beim Scheren mussten sie sich verhalten und durften den Mund nicht öffnen. Im übrigen wünschten sie auch gar keine Fragen zu stellen oder über irgend etwas zu diskutieren. Sie hätten es überhaupt nicht gekonnt. Sie saßen da und hörten dem zu, was gesprochen wurde, hatten aber nur eine sehr nebelhafte Vorstellung, worum es eigentlich ging.
Die meisten gehörten diesen Psalmenvereinigungen nur wegen der dort verteilten Brote und Fische an. Hin und wieder wurden ihnen Buchprämien verliehen - „Selbsthilfe" von Smiles und andere Bücher, geeignet zur Lektüre für Leute, die an fast völliger Vernichtung sämtlicher geistigen Fähigkeiten litten. Neben anderen Vorteilen, die es dort gab, war gewöhnlich jeder Psalmenver.einigung und jeder Missionsgesellschaft ein Weihnachtssparklub angeschlossen, und dort wurden den Mitgliedern zum Entgelt für ihre Dienste die Waren etwas unter Selbstkosten verkauft.
Größtenteils waren es zahme, gebrochene arme Teufel, die sich sanftmütig mit einem Leben der elenden Schufterei und der Armut zufriedengaben und mit herzloser Gleichgültigkeit ihre Sprößlinge dem gleichen Schicksal überließen. Mit solchen Leuten verglichen, stehen die Wilden aus Neuguinea oder die Indianer unendlich höher auf der Skala des Menschentums. Sie sind frei! Sie brauchen niemand ihren Herrn zu nennen, und wenn sie auch nicht die Wohltaten der Wissenschaft und der Zivilisation genießen, so schuften sie doch wenigstens nicht, um diese zum Vorteil anderer zu schaffen. Und was ihre Kinder betrifft - lieber schlügen die meisten dieser Wilden ihnen mit einem Tomahawk den Schädel ein, ehe sie zuließen, dass sie als halbverhungerte Packesel für andere Menschen aufwüchsen.
Diese armen Teufel hier waren nicht frei; sie verbrachten ihr untertäniges Leben mit Kriechen, Speichellecken, Schuften, und auf Befehl ihrer zahlreichen Herren rannten sie wie Hündchen umher. Und was die Wohltaten der Wissenschaft und der Zivilisation betraf, so war ihr einziger Anteil daran, zu arbeiten, diese Wohltaten herzustellen und dann zuzusehen, wie andere sie genossen. Stets
waren sie zahm, ruhig, zufrieden und meinten: „Unsereins kann doch nicht erwarten, was Bessres zu kriegen, und unsre Kinder - nun, was gut genug für uns war, wird für ihresgleichen wohl auch gut genug sein!"
Obgleich sie aber so fromm, so ehrbar und so bereit waren, sich in großem Maßstab ausplündern zu lassen waren doch die meisten dieser Leute in kleinen Dingen in den gewöhnlichen, kleinlichen Angelegenheiten des täglichen Lebens hellwach für das, was ihr dumpfes Gehirn als ihren Vorteil betrachtete, und sie besaßen ein gut Teil jener seltsamen, für diese Form des Wahnsinns charakteristischen Verschlagenheit.
Nimrods Kutsche hatten sie deshalb gewählt, weil sie sich soweit wie möglich bei ihm einschmeicheln wollten, um ihre Chancen zu verbessern, dass man sie behielte und anderen vorzöge, die nicht so ehrbar waren.
Einige dieser' armen Geschöpfe hatten einen sehr großen Kopf; eine eingehendere Untersuchung hätte jedoch ergeben, dass der Umfang ihres Kopfes von dessen außerordentlicher Dickwandigkeit herrührte. Seine Höhlung war keineswegs so groß, wie der flüchtige Beobachter nach dem äußeren Anblick des Kopfes vermutet hätte, und selbst in den Fällen, wo das Gehirn ein einigermaßen umfangreiches Ausmaß hatte, war es doch von minderwertiger Qualität, denn es war von grobem Bau und bestand größtenteils aus Fett.
Obwohl die meisten von ihnen regelmäßig eine Stätte der so genannten Gottesverehrung besuchten, waren doch nicht alle Abstinenzler, und einige befanden sich augenblicklich in verschiedenen Stadien der Betrunkenheit, nicht weil sie soviel Alkohol zu sich genommen hatten, sondern weil sie, für gewöhnlich enthaltsam, nicht viel brauchten, um betrunken zu werden.
Von Zeit zu Zeit versuchte die trübselige Gesellschaft, die Fahrt durch einige Lieder zu beleben; die meisten kannten jedoch nur ein paar Refrains, und so wurde nicht viel draus. Und die wenigen, die wirklich den ganzen Text eines Liedes wussten, hatten entweder keine gute Stimme oder keine Lust zu singen. Den erfolgreichsten Beitrag lieferte der religiös Wahnsinnige, der mehrere
Kirchenlieder sang, und in den Refrain fielen alle ein -die Betrunkenen wie die Nüchternen.
Bruchstücke dieser Kirchenlieder, die durch die laue Luft bis zur letzten Kutsche wehten, verursachten bei deren Insassen große Heiterkeit, und auch dort wurden die Refrains mitgesungen. Da alle unter „christlichem" Einfluss aufgewachsen und in „christlichen" Schulen erzogen worden waren, kannte jeder die Texte „Schaffet, denn es kommt die Nacht", „Kehr um, armer Sünder, und flieh das ew'ge Feuer", „Halt aufs Ufer" und „Wo irrt wohl heut mein Junge umher?"
Dieses letzte Lied erinnerte Harlow an ein anderes, von dem er fast den ganzen Text wusste: „Bring der Mutter die Botschaft", und als er es sang, freuten sich alle und stimmten in den Refrain ein; dann sangen sie es noch einmal, und Philpot war so gerührt, dass er sogar Tränen vergoss, während Easton Owen vertraulich erklärte, es ließe sich doch nicht leugnen - die beste Freundin eines Jungen sei seine Mutter.
Wie in den anderen beiden Kutschen, saßen auch in dieser einige Leute, die mehr oder weniger beschwipst waren, und aus demselben Grunde wie die übrigen - da sie nämlich nicht die Gewohnheit hatten, viel Alkohol zu trinken - waren ihnen die paar Extragläser, die sie zu sich genommen hatten, zu Kopf gestiegen. Gewöhnlich waren es recht nüchterne Menschen, und sie hatten sich in dieser Kutsche zusammengefunden, weil alle ungefähr den gleichen Charakter hatten - keine zahmen, zufriedenen Dummköpfe wie die meisten in Elends Kutsche, sondern Männer wie etwa Harlow, die, obwohl mit ihren Lebensbedingungen unzufrieden, hartnäckig den aussichtslosen, ermüdenden Kampf gegen ihr Schicksal fortsetzten.
Sie waren keine Abstinenzler und gingen niemals zur Kirche oder zur Kapelle, gaben jedoch wenig für Alkohol oder andere Vergnügungen aus - gelegentlich ein Glas Bier oder, noch seltener, ein Besuch im Tingeltangel und hin und wieder ein Ausflug, ähnlich wie dieser, waren alle ihre Freuden.
Die vier Kutschen hätte man mit Recht als fahrende Irrenanstalten bezeichnen können, von deren Insassen jeder an einem anderen Grad und einer anderen Form der Geisteskrankheit litt.
Die im ersten Wagen - Rushton, Didlum & Co. - mochten wohl zu den verbrecherischen Irren gerechnet werden, die anderen sowie sich selbst Schaden zufügten. In einem richtig geordneten Gesellschaftssystem sähe man solche Leute als für die Gemeinschaft gefährlich an und nähme sie in Gewahrsam, dass sie endgültig daran gehindert würden, sich und anderen zu schaden. Diese Geschöpfe hatten jeden Gedanken an alles aufgegeben, was die Menschheit vorwärts bringt. Sie hatten alles aufgegeben, was das Leben schön und erhaben macht, damit sie einen wahnsinnigen Kampf ums Geld führen konnten, und waren dabei gar nicht kultiviert genug, es jemals richtig zu genießen. Da sie für jeden anderen Gedanken taub und blind waren, hatten sie für dieses Ziel ihren Verstand verkümmern lassen, indem sie ihn auf die winzigsten Kleinigkeiten, die Ausgaben und Profite betrafen, konzentrierten, und zur Belohnung scheffelten sie ihre Ernte an Dreck und Gewinn ein, unter dem Hass und den Verwünschungen der dabei Geschädigten. Sie wussten wohl, dass an dem von ihnen aufgehäuften Geld der Schweiß ihrer Mitmenschen klebte und dass es von den Tränen kleiner Kinder benetzt war, aber sie waren blind, taub und gefühllos für die Folgen ihrer Habgier. Bar jedes edlen Gedankens und Strebens, krochen sie auf dem schmutzigen Boden und rissen die Blumen aus, um zu den Würmern zu gelangen.
In der Kutsche, über die Crass den Vorsitz führte, waren Bill Bates, der Halbbetrunkene und die übrigen zwei oder drei Gewohnheitssäufer, Leute, die ihre Umgebung zum Wahnsinn getrieben hatte. Früher einmal waren die meisten von ihnen Menschen wie Harlow gewesen und hatten, sobald sich nur die Gelegenheit bot, von früh bis spät gearbeitet, nur um zu erleben, wie ihr Lohn jeden Sonnabend in wenigen Minuten vom Hauswirt und all den übrigen Harpyien und Profitjägern verschlungen wurde, die darauf lauerten, den Lohn von ihnen zu fordern, sobald die Arbeiter ihn nur erhielten. In früheren Jahren hatten die meisten dieser Leute pünktlich des Sonnabends ihr Geld heimgebracht und es der Frau zum Aufbewahren gegeben, und - siehe, in einem Augenblick, ja, im Handumdrehen war alles verschwunden! Geschmolzen wie Schnee an der Sonne! Und nichts hatten sie dafür aufzuweisen als nur das zum Leben Bitternotwendigste! Nach einer Weile waren sie völlig entmutigt und hatten alles gründlich satt. Sie sehnten sich nach ein wenig Vergnügen, ein wenig Erregung, ein wenig Freude und entdeckten, dass sie etwas Ähnliches in Litergläsern beim Schankwirt kaufen konnten. Sie wussten zwar, dass es nichts Echtes war, aber es war besser als nichts, und so gaben sie die Gewohnheit auf, der Frau ihr ganzes Geld auszuhändigen, damit sie es dem Wirt und all den anderen Harpyien übergeben konnte, und kauften sich statt dessen mit einem Teil davon Bier, und nach einer Weile geriet ihr Gehirn durch all das Bier so in Unordnung, dass sie sich überhaupt nicht mehr darum scherten, ob die Miete bezahlt wurde oder nicht. Sie scherten sich nur noch wenig darum, ob die Frau und die Kinder etwas zu essen und anzuziehen hatten. Sie sagten: „Zum Teufel mit allem und mit allen!", und nichts kümmerte sie, solange sie nur recht viel Bier bekommen konnten.
Die Fahrgäste in Nimrods Kutsche sind bereits beschrieben worden; die meisten könnte man zu Recht als Kretins dritten Grades bezeichnen: sehr verschlagen und eigennützig, wohl fähig zu lesen und zu schreiben, nicht aber das Gelesene auch zu verstehen, außer wenn es von den allergewöhnlichsten Dingen handelte.
Was nun die in der letzten Kutsche mit Harlow betraf, so waren die meisten, wie schon gesagt, Leute ähnlichen Charakters wie er. In der Mehrzahl waren sie recht gute Arbeiter und noch nicht - wie die Säufer in Crass' Kutsche - völlig entmutigt, sondern sie setzten den hoffnungslosen Kampf gegen die Armut noch immer fort. Von Nimrods Gruppe unterschieden sie sich dadurch, dass sie nicht zufrieden waren. Ständig beklagten sie sich über ihr elendes Dasein und hörten mit einem gewissen Vergnügen den Tiraden der Sozialisten gegen die herrschende Gesellschaftsordnung zu, behaupteten, mit vielem des Gesagten übereinzustimmen und bessere Zustände herbeiführen zu wollen.
Die meisten von diesen schienen ganz normal zu sein denn sie konnten über jedes gewöhnliche Thema verständlich reden, ohne irgendwelche Symptome einer geistigen Umnachtung zu zeigen, und nur wenn das Gespräch auf die Parlamentswahlen kam, war zu sehen, dass sie geisteskrank waren. Dann zeigte es sich unweigerlich, dass sie an den erstaunlichsten Halluzinationen und den närrischsten Illusionen litten, von denen am verbreitetsten die war, das Beste, was die Arbeiter tun könnten, um ihre Lage zu bessern, sei, ihre liberalen und konservativen Unternehmer weiterhin zu wählen, damit diese für sie Gesetze erlassen und sie regieren könnten! Wagte es bei solchen Gelegenheiten jemand, sie darauf hinzuweisen dass sie das ja bereits ihr Leben lang getan hatten, und sie auf die vielen Beweise ringsum - wohin sie auch blicken mochten - der Torheit und Vergeblichkeit dieses Verhaltens aufmerksam zu machen, so wurden sie fast immer sogleich von einem Anfall wildester Tobsucht gepackt und konnten nur mit Mühe daran gehindert werden, sich wütend auf Leute zu stürzen, die anderer Meinung waren als sie.
Auch vor und während einer Parlamentswahl befanden sie sich gewöhnlich in einem ähnlichen Zustand tobsüchtiger Erregung; danach aber machte sich meistens die „Melancholie" genannte Abart des Wahnsinns bei ihnen bemerkbar. Unter diesen beiden Formen der Krankheit litten sie abwechselnd. Während der Wahlen waren sie im Zustand der höchsten Erregung, und zu gewöhnlichen Zeiten - wahrscheinlich durch das, was sie über die Taten der von ihnen ins Parlament Gewählten lasen - im Zustand der melancholischen Depression, bei ihnen ein Ausdruck der fürchterlichsten Enttäuschung.
Zuweilen erwies sich dieser Zustand als Übergangsstadium zu einer weiteren Abart der Krankheit - Alkoholsucht genannt -, die Phase, in der sich Bill Bates und der Halbbetrunkene befanden.
Wieder eine andere Form des Wahnsinns äußerte sich bei den Sozialisten. Wie die meisten ihrer Mitpassagiere in der letzten Kutsche, schien die Mehrzahl von ihnen geistig völlig gesund zu sein. Knüpfte man mit ihnen eine Unterhaltung an, so stellte man fest, dass ihre Gedanken logisch, ja sogar glänzend waren. Sie hatten ihr Lieblingsthema in drei Teile geteilt. Erstens: eine genaue Definition des als ARMUT bekannten Zustandes. Zweitens: das Wissen um die Ursachen der ARMUT, und drittens: ein vernünftiger Plan zur Abschaffung der ARMUT. Ihre Gegner unterließen es stets, ihre Argumente zu widerlegen; sie fürchteten und vermieden fast immer, ihnen in ehrlichem Kampf, in offener Debatte, gegenüberzustehen, und zogen es vor, die feigen und verächtlichen Waffen der Verleumdung und Verdrehung zu benutzen. Die Tatsache, dass diese Sozialisten ihre Gegner bei jedem Scharmützel besiegten, war ein machtvoller Beweis der Treffsicherheit ihrer Argumente und der Richtigkeit ihrer Schlüsse, und doch waren sie unzweifelhaft verrückt. Man konnte sich endlos mit ihnen über die drei Gebiete ihres Themas unterhalten, ohne ihnen irgendwelche Beweise des Wahnsinns zu entlocken; sobald man aber fragte, welche Mittel sie vorschlugen, um ihren Plan zu verwirklichen, antworteten sie, sie hofften, das zu erreichen, indem sie mit den anderen diskutierten!
Obwohl sie Verstand genug hatten, die wahren Ursachen der Armut und das einzige Heilmittel gegen die Armut zu verstehen, waren sie doch töricht genug, sich der Täuschung hinzugeben, es sei möglich, mit Wahnsinnigen zu diskutieren, während doch jeder geistig normale Mensch weiß, dass es nicht nur zwecklos ist, mit einem Irren zu diskutieren, sondern dass es vielmehr eher dazu beiträgt, seinem kranken Hirn die falschen Vorstellungen noch tiefer einzuprägen.
Der Wagen, in dem Rushton und seine Freunde fuhren, flog weiter über die Straße, verfolgt von dem, in welchem Crass, Bill Bates und der Halbbetrunkene saßen; trotz aller Anstrengungen des betrunkenen Kutschers konnten sie jedoch das kleinere Gefährt nicht überholen, und als sie den Fuß des Hügels erreichten, der nach Windley hinaufführte, vergrößerte sich der Abstand zwischen den beiden Wagen schnell, und zögernd wurde die Wettfahrt aufgegeben.
Nachdem Rushton und seine Freunde oben auf dem Hügel angelangt waren, warteten sie nicht auf die übrigen, sondern sie fuhren, so schnell sie konnten, nach Mugsborough weiter.
Als nächste Kutsche kam die von Crass auf der Hügelkuppe an; dort hielt sie, um auf die anderen beiden Gefährte zu warten, und als die angelangt waren, stiegen alle aus, die in der Nähe wohnten; einige sangen „God save the King" und trollten sich dann mit Gutenachtrufen und der Mahnung: „Vergesst nicht, Montag morgen um sechs Uhr!" nach Hause, während die Kutschen wieder anfuhren.
Auf der Fahrt durch Windley wurde hin und wieder für einen Augenblick Halt gemacht, um die übrigen aussteigen zu lassen, und als die Wagen an der langen, abschüssigen Straße angelangt waren, die nach Mugsborough hineinführte, war es kurz vor Mitternacht, und die Kutschen waren fast leer; denn als die einzigen Passagiere saßen nur noch Owen und vier oder fünf andere darin, die unten in der Stadt wohnten. Einzeln und zu zweit zogen auch sie davon und verschwanden in der Dunkelheit der Nacht, bis niemand mehr übrig war und der Betriebsausflug der Vergangenheit angehörte.

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