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Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
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19. Kapitel Der Tank wird gefüllt

Von außen boten die „Cricketers Arms" den Anblick eines pompösen Gebäudes mit Spiegelglasscheiben und einem verschwenderischen Übermaß an Vergoldung. Die Strebepfeiler waren in Imitation verschiedener Marmorsorten gestrichen, und das Muster des Türanstrichs ahmte die Maserung kostbarer Hölzer nach. Daneben hingen, mit Goldschrift versehen und in schreienden Farben verziert, Schilder, die Spirituosen und Bier anpriesen. Auf dem Querbalken über dem Haupteingang stand in kleinen weißen Buchstaben die Aufschrift:
„A. Harpy. Zugelassen zum Verkauf von Weinen, Spirituosen und Malzerzeugnissen en detail, auch außer Haus."
Die Bar war auf die übliche Weise in mehrere Abteilungen getrennt. Zuerst kam die „Salon-Bar". Auf der dort hineinführenden Glastür war ein gedrucktes Schild angebracht: „In diesem Raum wird kein Starkbier ausgeschenkt." Neben der Salon-Bar befand sich die „Likörbar", sehr geschätzt von Damen, die gern in aller Stille einen Tropfen Gin genießen wollten. Ferner gab es auch zwei kleine Privatabteile, in denen nur zwei bis drei Personen Platz hatten und nichts Geringeres als Spirituosen zu vier Pence oder Bier zu drei Pence das Glas serviert wurde. Endlich war da noch der öffentliche Schankraum, die größte Abteilung. Je eine gestrichene und gefirnisste hölzerne Trennwand an beiden Enden dieses Raumes grenzte ihn von den anderen Abteilungen ab.
Holzbänke, entlang dieser Trennwände und an den Mauern unter den Fenstern befestigt, boten den Kunden Sitzgelegenheit. Ein großer, mit einem Einwurfsschlitz für Pennies versehener Musikautomat, dessen Form einer Großvateruhr glich, stand an einer der Trennwände nahe beim Schanktisch, so dass die Leute hinter der Theke das Instrument bequem erreichen und aufziehen konnten. In der Nähe des Automaten hing an der Trennwand ein Brett, etwa vierzig Zentimeter im Quadrat, über dessen Oberfläche eine Anzahl kleiner numerierter Haken verteilt war. An seinem unteren Ende war um einen halbkreisförmigen Draht ein Netz aus dünnem Garn aufgespannt. Darin lagen mehrere Gummiringe von etwa siebeneinhalb Zentimeter Durchmesser. Es gab in diesem Raum keinen Tisch; von der anderen Trennwand aber ragte ein mit Scharnieren befestigtes, etwa ein Meter langes und sechzig Zentimeter breites Klappbrett hervor, das heruntergelassen werden konnte, wenn es nicht benutzt wurde. Dies war das Beilkespielbrett. Die zu diesem Spiel benutzten Münzen, alte französische Pfennige, wurden hinter dem Schanktisch aufbewahrt und auf Wunsch ausgeliehen. An der Trennwand hing gerade über dem Spielbrett eine sauber gedruckte, eingerahmte und verglaste Notiz:

ZUR BEACHTUNG
Die Herren werden gebeten, sich in diesem Hause obszöner Reden zu enthalten.

Neben dieser Notiz hing eine Anzahl grellfarbiger Werbeplakate für das Theater und das Tingeltangel des Ortes sowie eines, das einen Reisezirkus mit Tierschau anpries, der gerade in der Stadt war und sein Zelt auf einem unbebauten Feld neben der Landstraße etwa auf halbem Wege nach Windley aufgeschlagen hatte.
Das Büfett hinter der Theke wie der Schanktisch selbst war aus poliertem Mahagoni und hatte Spiegel an der Hinterwand der Fächer. In diesen standen eine Reihe Flaschen und Kristallkaraffen, Gin, Whisky, Branntwein sowie Weine und Liköre verschiedener Sorten.
Als Crass, Philpot, Easton und Bundy eintraten, unterhielt sich der Wirt - ein gutgenährter, wohlhabend aussehender Mensch in weißen Hemdsärmeln und leuchtend kastanienbrauner Weste, mit massiv goldener Uhrkette und einem Brillantring - gerade zuvorkommend und freundschaftlich mit einem seiner Stammkunden, der auf dem Ende der Bank nahe beim Schanktisch saß, ein schäbig gekleideter, triefäugiger, heruntergekommener, vom Bier aufgedunsener und zittriger Tropf, der alltäglich den größten Teil seiner Zeit und all sein Geld hier im Wirtshaus verbrachte. Es war ein elend aussehendes Wrack von einem Mann, etwa fünfunddreißig Jahre alt und angeblich Zimmermann, obgleich er jetzt dieses Handwerk nicht mehr ausübte. Es hieß allgemein, er habe vor einigen Jahren eine beträchtlich ältere Frau geheiratet, die Inhaberin einer drittklassigen Pension. Diese war augenscheinlich einträglich genug, dass er ohne Arbeit leben und sich ständig im Zustand halber Betrunkenheit halten konnte. Dieser benebelte Tropf lebte praktisch in den „Cricketers". Er kam regelmäßig jeden Morgen und verdiente sich zuweilen einen halben Liter Bier, indem er dem Kellner half, die Sägespäne aufzufegen oder die Fenster zu putzen. Gewöhnlich blieb er in dem Wirtshaus, bis es nachts geschlossen wurde. Er war ein sehr guter Kunde; er gab nicht nur alles Geld aus, das er selbst nur irgend in die Hand bekommen
konnte, sondern veranlasste auch andere, Geld auszugeben, denn er kannte die meisten der übrigen Stammkunden, die von seiner schlechten Finanzlage wussten und ihm häufig ein Glas „zum Wohle des Hauses" spendierten.
Außer ihm war im öffentlichen Schankraum, bevor Crass und seine Kollegen eintraten, nur noch ein halbbetrunkener Mann anwesend, der Stubenmaler zu sein schien und auf der Bank neben dem Spielbrett saß. Er trug einen zerbeulten Melonenhut und die übliche schäbige Kleidung. Dieses Wesen hatte ein sehr mageres, blasses Gesicht mit großer Adlernase und glich auf erstaunliche Weise den Bildern des ersten Herzogs von Wellington. Er war hier nicht Stammkunde, sondern gegen zwei Uhr zufällig hereingeschneit und seitdem geblieben. Die Wirkung der Getränke, die er während dieser Zeit zu sich genommen hatte, begann sich jetzt bemerkbar zu machen.
Als Crass und die anderen eintraten, wurden sie vom Wirt und dem benebelten Tropf mit Begeisterung begrüßt, während der halbbetrunkene Arbeiter sie aus glotzenden Fischaugen mit stumpfsinniger Neugier betrachtete.
„Na, wie geht's, Bob?" sagte der Wirt liebenswürdig zu Crass gewandt und nickte den anderen vertraulich zu. „Wie steht's?"
„Gut, gut, oller Knabe!" antwortete Crass leutselig. „Wie geht's 'n selbst?"
„Erstklassig", antwortete der „olle Knabe" und stand von seinem Stuhl auf, bereit, ihre Wünsche entgegenzunehmen.
„Nun, was soll's 'n sein?" fragte Philpot alle übrigen.
„Ich nehme 'n großes Helles", sagte Crass.
„'n kleines für mich", meinte Bundy.
„Für mich auch 'n kleines Helles", erwiderte Easton.
„Macht einen Halben, zwei Viertel und für mich selber 'nen halben Liter Porter", sagte Philpot zu dem „ollen Knaben".
Während der Wirt diese Getränke servierte, trank der benebelte Tropf sein Bier aus und stellte sein leeres Glas auf den Schanktisch. Philpot, der es bemerkt hatte, fragte ihn:
„Trinkste eins mit?"
„Hab nichts dagegen", meinte der andere.
Als die Getränke serviert waren, blinzelte Philpot, anstatt sie zu bezahlen, dem Wirt bedeutungsvoll zu; der nickte schweigend und trug unauffällig etwas in ein Buch ein, das in einem der Fächer lag. Obwohl erst Montag war und Philpot die ganze vergangene Woche über gearbeitet hatte, herrschte bereits völlige Ebbe in dessen Kasse. Dies kam daher, dass er seiner Wirtin am Sonnabend einen Teil der während seiner Arbeitslosigkeit aufgelaufenen Schulden für Miete und Verpflegung abbezahlt hatte, und auch dem „ollen Knaben" hatte er vier Schilling für Getränke bezahlt, die er während der vergangenen Woche auf Pump erhalten hatte.
„Also, dass du eins auf die Nase kriegst!" sagte Crass, nickte Philpot zu und nahm einen langen Zug aus dem Halbliterglas, das dieser ihm gereicht hatte.
Ähnliche passende, freundliche Wünsche wurden auch von den anderen ausgesprochen und von Philpot, dem Urheber des Gelages, gebührend entgegengenommen.
Jetzt steckte der „olle Knabe" einen Penny in den Schlitz des Musikautomaten, zog ihn auf und ließ ihn spielen. Es war ein unbekanntes Lied, als aber der halbbetrunkene Maler es hörte, erhob er sich schwankend auf die Füße, begann umherzuschlurfen und zu tanzen und sang dabei:

„Oh, wir laden euch zur Hochzeit ein,
und herrlich wird's da sein!
Die Burschen und die Mädchen tanzen,
und wir besaufen uns am Wein."

„He! Das reicht!" rief der Wirt grob. „Radau wolln wir hier nicht!"
Der Halbbetrunkene hielt inne, sah den „ollen Knaben" blöde an und sank beschämt wieder auf seinen Sitz.
„Nu, für 'n paar Minuten können wir uns auch hinsetzen", bemerkte Crass und handelte seinen Worten gemäß. Die anderen folgten seinem Beispiel.
In kurzen Abständen traten neue Kunden in den Schankraum, zumeist Arbeiter auf dem Heimweg, die ihr kleines oder großes Helles oder Porter tranken und gleich wieder fortgingen. Bundy begann, das Reklameplakat des
Zirkus und der Tierschau zu lesen, und daraus entspann sich eine Unterhaltung über die großartigen Darbietungen der dressierten Tiere. Der „olle Knabe" erklärte, manche von diesen hätten ebensoviel Verstand wie menschliche Wesen, und das sagte er auf eine Weise, aus der hervorging, er meinte damit, den Tieren für ihre Weisheit ein Kompliment zu machen. Er sagte auch, er habe zu Beginn des Abends das Gerücht gehört, eines der wilden Tiere, ein Bär oder so etwas, sei ausgebrochen und treibe sich augenblicklich frei umher. Dies habe er gehört - ob es wahr sei oder nicht, wisse er nicht. Er selbst glaube nicht daran, und seine Hörer stimmten ihm zu, höchst unwahrscheinlich sei es. Niemand erfuhr je, wie diese dummen Gerüchte in Umlauf kamen.
Nun stand der benebelte Tropf auf, nahm mit zitternder Hand die Gummiringe aus dem Netz und begann, sie hintereinander nach den Haken am Brett zu werfen. Der Rest der Gesellschaft sah ihm voller Interesse zu, lachte, wenn er einen sehr schlechten Wurf machte, und klatschte, wenn er traf.
„Hat 'n bisschen Schlagseite heut Abend", bemerkte Philpot leise zu Easton, „aber für gewöhnlich ist er ganz doll darin. Kann großartig werfen."
Der Halbbetrunkene folgte dem Unternehmen des benebelten Tropfes mit dem Ausdruck tiefster Verachtung.
„Kannst ja überhaupt nicht spielen", sagte er spöttisch.
„So? Na, gegen dich noch allemal!"
„Gemacht! Ich spiel um eine Lage gegen dich!" rief der Halbbetrunkene. Einen Augenblick lang zögerte der benebelte Tropf. Er hatte nicht genügend Geld, um für eine Lage zu zahlen. Doch da er sicher war, er werde gewinnen, antwortete er:
„Also los. Wie hoch soll's gehen? Bis fünfzig?"
„Soviel du willst! Fünfzig oder hundert oder 'ne Million!"
„Fangen wir lieber erst mal mit fünfzig an."
„Na schön!"
„Spiel du zuerst, wenn du willst."
„Na schön", stimmte der Halbbetrunkene zu, begierig, sich auszuzeichnen.
Die sechs Ringe in der linken Hand, den rechten Fuß vorgesetzt, stand der Mann, etwa drei Meter vom Brett entfernt, mitten im Raum. Er nahm mit der rechten Hand einen der Ringe zwischen Zeigefinger und Daumen, schloss das linke Auge und „zielte" sorgfältig auf den Mittelhaken, Nummer dreizehn; dann streckte er langsam den Arm zu seiner vollen Länge in Richtung des Brettes aus beugte den Ellbogen wieder, nahm die Hand zurück, bis sie beinahe sein Kinn berührte, und streckte dann langsam von neuem den Arm aus. Diese Bewegungen wiederholte er mehrmals, während ihm die anderen mit angehaltenem Atem zuschauten. Nachdem endlich alles richtig war, schleuderte er plötzlich den Ring nach dem Brett, der flog jedoch nicht auf Nummer dreizehn; er flog über die Trennwand hinweg in die Privatbar.
Diese Leistung wurde mit brüllendem Gelächter aufgenommen. Der Spieler starrte verblüfft auf das Brett, verwundert, wo denn sein Ring geblieben war. Als er von jemand aus dem Nebenraum wieder über die Trennwand zurückgeworfen wurde, begriff der Halbbetrunkene, was geschehen war, und bemerkte mit einem schwachen Lächeln, zu der Gesellschaft gewandt:
„Bin noch nicht richtig an das Brett hier gewöhnt, daran liegt's."
Jetzt begann er die übrigen Ringe ziemlich wahllos nach dem Brett zu werfen, ohne sich weiter mit Zielen abzuplagen. Ein Ring traf die Trennwand rechts vom Brett, einer links, einer darunter; einer ging über den Schanktisch, einer auf den Boden, der andere - der letzte - traf das Brett, und unter Beifallsrufen blieb er auf dem Mittelhaken Nummer dreizehn hängen, der höchsten Zahl, die mit einem Wurf zu erreichen war.
„Jetzt wird's gehen, wo ich in Übung gekommen bin", bemerkte der Halbbetrunkene, während er seinem Gegner Platz machte.
„Jetzt wirste was sehen!" flüsterte Philpot Easton zu. „Der Kerl ist großartig!"
Der benebelte Tropf stellte sich in Positur und begann mit gespielter Sorglosigkeit die Ringe zu werfen. Es war wirklich ein bemerkenswertes Schauspiel, denn obwohl
seine Hand wie das sprichwörtliche Espenlaub zitterte, gelang es ihm fast jedes Mal, das Brett in der Mitte zu treffen; aus irgendeinem Grunde aber blieben die Ringe nicht auf Jen Haken hängen und fielen ins Netz.
Als seine Reihe um war, hatte er nur vier Punkte erzielt, denn zwei der Ringe waren auf dem Haken Nummer zwei hängen geblieben.
„Pech", bemerkte Bundy, nachdem er sein Bier ausgetrunken hatte, und setzte sein Glas auf den Schanktisch ab.
„Trinkt aus und lasst uns noch einen nehmen", sagte Easton und leerte sein Glas.
„Hab nichts dagegen", antwortete Crass und goss den Rest seines halben Liters die Kehle hinunter.
Philpots Glas war bereits seit einiger Zeit leer.
„Noch mal dasselbe", sagte Easton zum „ollen Knaben" gewandt und legte sechs Pence auf den Schanktisch.
Inzwischen hatte der Halbbetrunkene das Feuer auf das Brett von neuem eröffnet; er schien aber schon wieder aus der Übung gekommen zu sein, denn keiner der Ringe traf. Sie flogen im ganzen Raum umher, und seine Runde ging zu Ende, ohne dass er seine Punktzahl erhöht hatte.
Jetzt zog der benebelte Tropf ins Feld und brachte es schnell auf siebenunddreißig. Danach unternahm der Halbbetrunkene einen neuen Versuch, und es gelang ihm, acht Punkte zu erreichen. Sein Fall schien hoffnungslos, aber bei der nächsten Runde verlor sein Gegner anscheinend völlig die Beherrschung über sich. Zweimal verfehlte er das Brett gänzlich, und als er es schließlich traf, blieb kein Ring hängen außer beim allerletzten Wurf, wo er einen Punkt erzielte. Dann war der Halbbetrunkene wieder an der Reihe und warf zehn Punkte.
Das Spiel stand jetzt:
der benebelte Tropf.....42
der Halbbetrunkene......31.
Bisher war es unmöglich, das Ende vorauszusagen. Die Chancen waren unberechenbar. Crass wurde so aufgeregt, dass er geistesabwesend den Mund öffnete und sich den zweiten halben Liter mit einem einzigen Zug in den Schlund goss; auch Bundy leerte sein Glas und forderte
Philpot und Easton auf, auszutrinken und noch eins zu nehmen, was sie auch taten.
Während der Halbbetrunkene das nächste Mal an der Reihe war, legte der benebelte Tropf einen Penny auf den Schanktisch und rief nach einem Viertelliter, in der Hoffnung, seine Nerven für eine besondere Anstrengung zu beruhigen. Inzwischen warf sein Gegner die Ringe nach dem Brett und verfehlte es jedes Mal; trotzdem machte er einen Treffer, denn ein Ring fiel nieder, nachdem er ungefähr einen Fuß über dem Brett gegen die Trennwand geprallt war, und blieb an einem Haken hängen.
Jetzt begann der andere seine Runde; er spielte sehr sorgfältig, und beinahe jeder Ring traf. Während er spielte, ließen die übrigen Rufe der Bewunderung hören und gaben das Ergebnis jedes Wurfes laut bekannt.
„Eins!"
„Wieder eins!"
„Daneben! Nein! Hat ihn! Zwei!"
„Daneben!"
„Daneben!"
„Vier!"
Der Halbbetrunkene nahm seine Niederlage in guter Haltung hin, und nachdem er erklärt hatte, er sei etwas aus der Übung, legte er einen Schilling auf den Schanktisch und lud die ganze Gesellschaft ein, etwas zu bestellen. Alle verlangten „noch mal das gleiche"; aber der Wirt schenkte Easton, Bundy und dem benebelten Tropf Halblitergläser voll anstatt wie zuvor Viertellitergläser. So brauchte er auf den Schilling nichts herauszugeben.
„Weißte, 's macht viel aus, wenn man ans Brett nicht gewöhnt ist", sagte der Halbbetrunkene.
„'s ist keine Schande nicht, von so einem geschlagen zu werden, Mann", sagte Philpot. „Der ist 'n Meister!"
„Freilich, kein Zweifel dran. Er wirft großartig!" sagte Bundy.
Dies war das allgemeine Urteil. Obwohl der Halbbetrunkene geschlagen war, bedeutete das doch keine Schande für ihn, und die von der Kumpanei geäußerten freundschaftlichen Empfindungen rührten ihn so, dass er sogleich ein Sechspencestück herauszog und darauf bestand,
noch einmal einen Viertelliter für die ganze Gesellschaft zu spendieren.
Während der Unterhaltung hierüber war Crass hinausgegangen, kehrte aber nach wenigen Minuten zurück. „Fühl mich jetzt 'n bisschen leichter", bemerkte er lachend, während er das Viertelliterglas nahm, das ihm der Halbbetrunkene mit zitternder Hand reichte. Innerhalb weniger Minuten folgten die übrigen einer nach dem anderen Crass' Beispiel, gingen hinaus und kamen fast unmittelbar darauf wieder herein, und Bundy, der als letzter zurückkehrte, rief bei seinem Eintritt aus:
„Machen wir doch 'ne Partie Beilke."
„Na gut", sagte Easton, der von Unternehmungslust gepackt wurde. „Aber trinkt erst mal aus und lasst uns noch einen heben."
Er hatte nur noch sieben Pence übrig, gerade genügend, um für Crass einen halben und für alle übrigen einen Viertelliter zu bezahlen.
Der Beilkespieltisch war ein glattgehobeltes Mahagonibrett mit einer Anzahl quer darüber eingekerbter paralleler Linien. Das Spiel wird gespielt, indem man die Münze auf das Ende des Bretts legt, wobei ihr Rand ein wenig über die Kante hinausragt, und mit dem unteren Teil der Handfläche dagegenschlägt, wobei die Stärke des Schlages von der Entfernung abhängt, die man die Münze zu treiben wünscht.
„Was ist 'n heute Abend mit Alf?" fragte Philpot den Wirt, während Easton und Bundy spielten. Alf war der Kellner.
„Er erledigt 'ne Arbeit unten im Keller; 's sind 'n paar Hähne nicht ganz in Ordnung. Aber die Frau kommt gleich runter, mich 'n bisschen unterstützen. Da ist sie schon."
Die Wirtin, die in diesem Augenblick durch die hintere Tür der Bar eintrat, war eine stramme Frau mit hochrotem Gesicht und riesiger Büste, umspannt von einem schwarzen Kleid mit Seidenmoirebluse. Auf jeder ihrer fetten weißen Hände trug sie mehrere juwelenbesetzte Goldringe, und um ihren speckigen Nacken hing eine lange goldene Uhrkette. Herablassend begrüßte sie Crass und Philpot, indem sie die beiden leutselig anlächelte.
Inzwischen ging das Beilkespiel munter fort; der Halbbetrunkene hatte großes Interesse daran und gab unparteiisch beiden Spielern Ratschläge. Bundy wurde haushoch geschlagen, und dann meinte Easton, es sei Zeit, an den Heimweg zu denken. Dieser Vorschlag fand mit einer kleinen Abänderung allgemeine Billigung. Die Abänderung wurde von Philpot beantragt, der darauf bestand noch eine letzte Runde zu spendieren, ehe sie gingen.
Während sie diesen Trunk hinuntergossen, nahm Crass einen Penny aus seiner Westentasche und steckte ihn in den Schlitz des Musikautomaten. Der Wirt legte eine neue Platte ein, drehte den Apparat auf, und dieser begann „Die Burschen von der Bulldoggart" zu spielen. Der Halbbetrunkene kannte zufällig den Text des Refrains, und als er die Musik hörte, erhob er sich unsicher auf die Füße und begann mit feurigen Blicken und zahlreichen Gesten zu grölen, so laut er konnte:

„Wohl mögen sie ihre Schiffe baun, Jungs,
um mitzuhalten beim Spiel,
doch Burschen von Bulldoggart könn'n sie nicht baun,
die Alt-Englands Ruhm..."
„He! Hör auf damit, hörste?" rief der „olle Knabe" wütend. „Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass ich so was in meinem Haus nicht dulde!"
Verwirrt hielt der Halbbetrunkene inne.
„Hab ja nichts Böses gemeint", sagte er unsicher, sich an die Gesellschaft wendend.
„Ich wünsche keine Widerrede von dir!" sagte der „olle Knabe" mit bösem Knurren. „Wenn du Radau machen willst, kannste woandershin gehen, und je eher je lieber. Bist schon lang genug hier gewesen."
Das stimmte. Der Mann war lang genug da gewesen, um auch den letzten Penny auszugeben, den er bei seiner Ankunft in der Tasche gehabt hatte; er besaß nun kein Geld mehr, und diese Tatsache hatte der aufmerksame und erfahrene Wirt bereits vor einiger Zeit erraten. Deshalb wünschte er den Kerl loszuwerden, ehe der Alkohol noch weiter seine Wirkung tat und ihn besinnungslos betrunken machte.
Der Halbbetrunkene hörte mit Empörung und Zorn die beleidigenden Worte des Wirts an.
„Zum Donnerwetter, ich gehe, wenn's mir passt!" schrie er. „Ich werd dich nicht fragen noch sonst jemand! Wer zum Teufel biste denn? Ein Niemand! Hörste? Ein Niemand! Von meinesgleichen Verdienste deinen Lebensunterhalt! Ich bleib hier, so lange mir's gefällt, verdammt noch mal, und wenn's dir nicht passt, kannste dich zum Teufel scheren!"
„So, so, wirklich?" sagte der „olle Knabe". „Das wer'n wir ja gleich mal sehn." Er öffnete die Tür hinter der Theke und brüllte: „Alf!"
„Jawoll", antwortete eine Stimme, offenbar aus dem Keller.
„Komm doch mal rauf."
„Ist gut", erwiderte die Stimme, und dann waren Schritte zu hören, die einige Stufen heraufkamen.
„Gleich wirste 'nen Spaß erleben", bemerkte Crass fröhlich zu Easton.
Der Musikautomat fuhr fort, „Die Burschen von der Bulldoggart" zu spielen.
Philpot ging zu dem Halbbetrunkenen hinüber. „Hör mal, altes Haus", flüsterte er, „folg meinem Rat und geh ruhig heim. Du ziehst doch den kürzeren, weißte."
„Nicht ich, Mann", antwortete der andere und schüttelte eigensinnig den Kopf. „Hier bin ich, und hier werd ich, Teufel noch mal, auch bleiben."
„Nein, das wirste nicht", erwiderte Philpot besänftigend. „Hör mal zu. Ich will dir sagen, was wir machen. Du trinkst noch 'n kleines Glas mit mir, und dann gehn wir beide zusammen nach Haus. Ich seh schon zu, dass du sicher heimkommst."
„Dass ich sicher heimkomme! Was meinste denn damit?" fragte der andere entrüstet. „Denkste vielleicht, ich bin besoffen oder was?"
„I wo, keine Spur nicht", antwortete Philpot hastig. „Du bist ganz in Ordnung, ebenso in Ordnung wie ich selbst. Aber du weißt doch, was ich meine. Lass uns nach Haus gehen. Du willst doch hier nicht etwa die ganze Nacht hocken, oder?"
Inzwischen war Alf zur Tür hinter der Theke gelangt. Er war ein stämmiger junger Mann von zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahren.
„Schmeiß das raus", knurrte der Wirt und bezeichnete den Übeltäter.
Sofort schwang sich der Kellner über den Schanktisch öffnete weit die Eingangstür zur Straße, wandte sich zu dem halbbetrunkenen Mann um, wies mit dem Daumen zur Tür und sagte:
„Gehn Sie?"
„Erst trinke ich noch 'nen Viertel mit dem Herrn da..."
„Ja, geht in Ordnung", sagte Philpot zum Wirt. „Geben Sie uns noch zwei Kleine, und lassen Sie's gut sein."
„Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Dreck", brüllte der Wirt und wandte sich ihm wütend zu. „Hier kriegt er nichts mehr! Ich will keinen Besoffenen in meinem Haus! Wer hat 'n Sie gebeten, sich einzumischen?"
„Also los!" rief der Kellner dem Urheber der Aufregung zu. „Raus!"
„Nicht ich!" sagte der Halbbetrunkene fest. „Nicht ehe ich meinen Viertel..."
Aber noch bevor er den Satz beenden konnte, hatte ihn der Kellner beim Kragen gepackt, schleifte ihn gewaltsam zur Tür und stieß ihn auf die Mitte der Straße, wo er zusammensackte, fast unter den Rädern eines gerade vorbeifahrenden Bierwagens. Nachdem Alf das vollbracht hatte, schloss er die Tür und zog sich wieder hinter den Schanktisch zurück.
„Geschieht ihm verdammt recht", sagte Crass.
„Ich musste lachen, wie ich 'n da so durch die Tür sausen sah", sagte Bundy.
„Du solltest auch Verstand genug haben, dich da nicht einzumischen", sagte Crass zu Philpot. „Ging dich doch 'nen Dreck an."
Philpot antwortete nicht. Er kehrte den anderen den Rücken und spähte über den Rand der Fensterverkleidung auf die Straße. Dann öffnete er die Tür und trat hinaus. Crass und die übrigen beobachteten durch das Fenster, wie er dem Halbbetrunkenen auf die Beine half, ihm den Schmutz etwas von den Sachen klopfte, und schließlich
sahen sie die beiden nach einigem Hinundherreden Arm in Arm davonziehen.
Crass und die anderen lachten und kehrten zu ihren halbgeleerten Gläsern zurück.
„Nanu, der olle Joe hat ja noch nicht mal die Hälfte von seinem ausgetrunken!" rief Easton, als er Philpots Dunkles auf dem Schanktisch stehen sah. „Stellt euch vor, einfach so fortzugehen!"
„Ist eben 'n Narr", knurrte Crass. „War ja überhaupt nicht nötig, mit dem Mann war doch weiter gar nichts."
Der benebelte Tropf goss sein Bier hinunter, so schnell er nur konnte, die Äugen gierig auf Philpots Glas gerichtet. Gerade hatte er ausgetrunken und wollte soeben bemerken, dass es doch schade sei, den Porter umkommen zu lassen, als Philpot unerwartet wiedererschien.
„Holla! Was haste denn mit ihm gemacht?" erkundigte sich Crass.
„Ich glaub, er wird schon zurechtkommen; weiter wollte er mich nicht mitgehen lassen, sagte, wenn ich nicht abhaue, wird er's mir geben! Aber ich denke, er kommt schon zurecht. Der Fall hat 'n woll 'n bisschen ernüchtert."
„Ach, der kommt schon zurecht", sagte Crass leichthin, „'s ist doch weiter gar nichts mit ihm."
Nun trank Philpot seinen Porter aus, und nachdem sie dem „ollen Knaben", der Wirtin und dem benebelten Tropf „gute Nacht" gewünscht hatten, machten sich alle auf den Heimweg.
Während sie die dunkle, einsame Landstraße entlanggingen, die über den Hügel nach Windley führte, hörten sie von Zeit zu Zeit das unheimliche Gebrüll der wilden Tiere in der Menagerie, die auf dem benachbarten Feld ihr Lager aufgeschlagen hatte. Gerade als sie eine sehr dunkle und verlassene Stelle erreicht hatten, bemerkten sie plötzlich mitten auf der Straße in einiger Entfernung vor sich einen dunklen Gegenstand. Es schien irgendein großes Tier zu sein und kam langsam und verstohlen auf sie zu.
Sie blieben stehen und spähten etwas erschrocken durch die Dunkelheit. Das Tier fuhr fort, sich ihnen zu nähern, Bundy bückte sich zum Boden nieder und tastete in der
Dunkelheit nach einem Stein; die übrigen folgten seinem Beispiel - mit Ausnahme von Crass, der zu verängstigt war, um sich zu bewegen. Sie fanden mehrere große Steine blieben stehen und warteten, bis das Geschöpf - was es auch sein mochte - ein wenig näher kam, damit sie es treffen konnten. Gerade wollten sie ihre Steine schleudern, als das Tier zur Seite fiel und stöhnte, als habe es Schmerzen. Als die vier Männer dies bemerkten, näherten sie sich ihm vorsichtig. Bundy zündete ein Streichholz an und hielt es über die auf dem Boden liegende Gestalt. Es war der Halbbetrunkene.
Nachdem sich der arme Wicht von Philpot getrennt hatte, war es ihm ein Stück weit gelungen, richtig zu gehen. Wie Philpot bemerkt hatte, hatte der Fall den Mann bis zu einem gewissen Grade ernüchtert; aber ehe er sehr weit gelangt war, hatte der Alkohol ihn von neuem übermannt, und er war gestürzt. Da es ihm nicht gelungen war, sich wieder zu erheben, war er auf Händen und Knien weitergekrochen, ohne zu bemerken, dass er in der verkehrten Richtung kroch. Endlich war er nicht mehr fähig, sich auch nur auf diese Weise fortzubewegen, und wahrscheinlich wäre er überfahren worden, hätten sie ihn nicht gefunden. Sie zogen ihn empor; Philpot ermahnte ihn, sich doch „zusammenzureißen", und fragte ihn nach seiner Adresse. Der Mann war noch genügend bei Sinnen, um ihnen seine Wohnung anzugeben, die glücklicherweise in Windley lag, wo sie alle zu Hause waren.
Bundy und Philpot brachten ihn heim, und an der Ecke der Straße, in der Crass und Easton wohnten, trennten sie sich von diesen beiden.
Crass fühlte sich angenehm voll und war sehr zufrieden mit sich. Er hatte sechs halbe und einen Viertelliter Bier getrunken und zwei Musikstücke angehört, für den Preis von insgesamt einem Penny.
Nachdem Easton Crass verlassen hatte, brauchte er nur noch wenige Meter bis zu seinem eigenen Haus zu gehen; sobald er aber hörte, dass sich die Tür hinter Crass geschlossen hatte, blieb er stehen, lehnte sich gegen eine Straßenlaterne und ließ dem Schwindel und der Übelkeit, gegen die er während des ganzen Heimweges angekämpft
hatte, freien Lauf. Alle leblosen Gegenstände rings um ihn schienen in Bewegung geraten zu sein. Die Lichter der Straßenlaternen in der Ferne schienen umherzuschweben; Fahrweg und Bürgersteig hoben und senkten sich wie die Oberfläche eines bewegten Meeres. Er durchsuchte seine Taschen nach dem Taschentuch, und nachdem er es gefunden hatte, wischte er sich den Mund ab, wobei er sich im stillen beglückwünschte, dass Crass nicht mehr da war und ihn nicht sah. Dann ging er weiter, und nach einigen Minuten erreichte er sein Haus. Als er durch das Gartentor getreten war, schloss es sich hinter ihm mit lautem Knall von selbst. Ziemlich schwankend ging er den schmalen Weg entlang, der zur Haustür führte, und trat ein.
Der Säugling schlief in der Wiege. Slyme war in sein Zimmer hinaufgegangen, und Ruth saß mit einer Näharbeit am Feuer. Der Tisch war noch immer für zwei Personen gedeckt, denn sie hatte ihren Tee noch nicht getrunken.
Polternd taumelte Easton herein. „Hallo, altes Mädchen!" rief er, warf seinen Frühstückskorb mit erkünstelter Heiterkeit achtlos auf den Boden und stützte die Hände auf den Tisch, um sich aufrecht zu halten. „Siehste, ich bin endlich da."
Ruth hörte auf zu nähen, ließ die Hände in den Schoß fallen und blickte ihn an. So hatte sie ihn noch niemals gesehen. Sein Gesicht war leichenblass, die Augen blutunterlaufen und rot umrändert; die Lippen bebten und glänzten nass, und die Enden seines blonden Schnurrbarts waren mit Speichel zusammengeklebt, mit Bier beschmutzt und hingen ihm in feuchten Zotteln unordentlich um den Mund.
Als Easton bemerkte, dass sie weder sprach noch lächelte, schloss er, sie sei ärgerlich, und wurde gleichfalls ernst.
„Siehste, meine Liebe, ich bin endlich da; besser spät als überhaupt nicht."
Es fiel ihm sehr schwer, deutlich zu sprechen, denn seine Lippen zitterten und weigerten sich, die Worte zu bilden.
„Da bin ich nicht so sicher!" sagte Ruth, den Tränen nahe, und versuchte, ihn das Mitleid nicht sehen zu lassen, das sie doch unwillkürlich für ihn empfand. „In 'nem schönen Zustand bist du ja. Solltest dich was schämen!"
Easton schüttelte den Kopf und lachte töricht. „Sei nicht böse, Ruth. 's nützt nichts, weißte."
Tappend kam er auf sie zu, wobei er sich noch immer auf den Tisch stützte, um sich Halt zu geben.
„Sei nicht böse", lallte er und beugte sich über sie, legte den Arm um ihren Nacken und sein Gesicht an ihres. „'s nützt nichts, böse zu sein, weißte, Liebling."
Sie zuckte zurück und schauderte vor unwillkürlichem Widerwillen, als er seine feuchten Lippen und seinen schmutzigen Schnurrbart auf ihren Mund presste. Sein übel riechender Atem, der nach Tabak und Bier stank, und der Geruch nach abgestandenem Tabakrauch, den sein Anzug ausströmte, erfüllten sie mit Ekel. Er küsste sie wiederholt, und als er sie endlich freigab, wischte sie hastig ihr Gesicht mit einem Taschentuch ab und schüttelte sich.
Easton sagte, er wolle keinen Tee, und ging fast sogleich hinauf ins Bett. Jetzt mochte Ruth ebenfalls nichts mehr zu sich nehmen, obgleich sie vor seiner Rückkehr sehr hungrig gewesen war. Bis spätabends saß sie und nähte. Als sie endlich nach oben ging, fand sie ihn auf dem unaufgedeckten Bett halb ausgezogen auf dem Rücken liegend, mit weit geöffnetem Munde laut schnarchend.

 

„Wie spät ist's denn jetzt, Mutti?" fragte Frankie am nächsten Sonntag, sobald er mit dem Mittagessen fertig war.
„Zwei Uhr."
„Hurra! Nur noch eine Stunde, und dann kommt Charley! Ach, ich wünschte, es wär schon jetzt drei - du auch, Mutti?"
„Nein, Liebling, ich wünsche das nicht. Du weißt doch, du bist noch nicht angezogen."
Frankie schnitt eine Grimasse.
„Ich soll doch nicht etwa die Samtsachen anziehen, Mutti! Kann ich nicht so gehen, wie ich bin - in meinen alten Sachen?"
Die „Samtsachen" waren ein brauner Anzug, den Nora aus den am wenigsten abgetragenen Teilen ihres alten Samtkostüms genäht hatte.
„Aber nein; wenn du so gehst, wie du jetzt bist, starren dich alle an."
„Na, dann muss ich sie eben anziehen", sagte Frankie resigniert. „Und ich denke, du fängst lieber jetzt schon an, mich umzuziehen, meinst du nicht?"
„Oh, dafür ist noch genügend Zeit - du machst dich nur wieder unordentlich, und dann hab ich die Mühe noch einmal. Beschäftige dich ein Weilchen mit deinem Spielzeug, und sobald ich abgewaschen habe, mach ich dich fertig."
Frankie gehorchte, und etwa zehn Minuten lang hörte ihn seine Mutter im Nebenzimmer in dem Kasten herumkramen, in dem er seine Sammlung von „Sachen" aufbewahrte.
Als diese Zeit verstrichen war, kehrte er jedoch in die Küche zurück.
„Ist es noch nicht Zeit, mich anzuziehen, Mutti?"
„Nein, mein Liebling, noch nicht. Du brauchst keine Angst zu haben, du wirst rechtzeitig fertig sein."
„Aber ich kann nichts dafür; ich habe Angst, du vergisst es."
„Oh, ich vergesse es nicht. Wir haben noch viel Zeit."
„Nun, weißt du, ich wäre viel beruhigter, wenn du mich jetzt anziehen würdest - vielleicht geht unsere Uhr falsch, oder vielleicht stellst du fest, wenn du anfängst, mich anzuziehen, dass ein paar Knöpfe fehlen, oder so was, und dann wird 'ne Menge Zeit damit verloren gehen, wenn du
sie annähst; oder vielleicht kannst du meine sauberen Strümpfe oder sonst etwas nicht finden, und dann kommt Charley womöglich grade, wenn du danach suchst, und wenn er sieht, dass ich nicht fertig bin, wartet er vielleicht nicht auf mich."
„O du liebe Güte!" sagte Nora und tat, als beunruhigte sie diese erschreckende Liste von Möglichkeiten. „Ich denke, es ist doch wohl sicherer, dich gleich anzuziehen. Anscheinend wirst du mich nicht eher in Frieden lassen, aber merke dir, wenn du angezogen bist, musst du still sitzen und warten, bis er kommt, denn ich möchte nicht die Mühe haben, dich zweimal anzuziehen."
„Oh, still sitzen macht mir nichts aus", antwortete Frankie erhaben. „Das ist sehr leicht."
Nachdem ihn die Mutter gewaschen und angekleidet hatte, gab sie seinem Haar den letzten Glanz, indem sie es bürstete, kämmte und die langen gelben Locken um ihre Finger zu Ringeln wand. „Auf meine Sachen aufpassen macht mir nichts aus", sagte Frankie, „das einzige, was ich nicht mag, ist, mir die Haare kämmen zu lassen. Weißt du, diese Locken sind ganz überflüssig. Bestimmt würdest du viel weniger Arbeit haben, wenn du sie nur abschneiden wolltest."
Nora antwortete nicht; irgendwie mochte sie diese häufig wiederholte Bitte nicht erfüllen. Ihr schien, wenn das Haar einmal abgeschnitten sei, werde das Kind ganz anders geworden sein - entfernter von ihr und unabhängiger.
„Wenn du sie schon nicht deinetwegen abschneiden willst, kannst du es wenigstens meinetwegen tun; ich glaube, das ist der Grund, weshalb manche von den großen Jungen nicht mit mir spielen wollen, und einige rufen mir nach und sagen, ich bin ein Mädchen, und manchmal schleichen sie sich hinter mich und ziehen mich an den Haaren. Gestern erst habe ich mich mit einem Jungen prügeln müssen, weil er das getan hat, und sogar Charley Linden lacht mich aus, und dabei ist er doch mein bester Freund -außer dir und Vati, natürlich. Weshalb schneidest du sie nicht ab, Mutti?"
„Ich werde sie abschneiden, wie ich es dir versprochen habe - nach deinem nächsten Geburtstag."
„Da bin ich aber froh, wenn der kommt. Du nicht? Aber was ist los, Mutti? Weshalb weinst du denn?" Frankie war derartig betroffen, dass er gleichfalls zu weinen begann und sich fragte, ob er wohl etwas Unrechtes getan oder gesagt hätte. Er küsste sie immer wieder und streichelte ihr Gesicht. „Was ist denn los, Mutti?"
„Ich dachte nur daran, wenn du über sieben Jahre alt bist und dein Haar kurz geschnitten ist, bist du kein kleines Kind."
„Aber ich bin doch jetzt schon kein kleines Kind mehr! Hier, sieh doch mal!"
Er ging zur Wand hinüber, zog dabei zwei Stühle fort, stellte sie in etwa vierzig Zentimeter Entfernung mit den Rücken zueinander in der Mitte des Zimmers auf, und ehe seine Mutter begriffen hatte, was er tun wollte, war er hinaufgeklettert und stand nun mit den Beinen auf der Lehne je eines Stuhles.
„Ich möchte mal ein kleines Kind sehen, das dies kann", rief er mit tränenüberströmtem Gesicht. „Du brauchst mich nicht runterzuheben. Ich kann allein runter. Kleine Kinder können solche Kunststücke nicht machen und können auch noch nicht mal die Löffel und Gabeln abtrocknen oder den Flur fegen. Aber du brauchst sie nicht abzuschneiden, wenn du nicht willst. Ich trag sie, solang du willst. Nur weine nicht mehr, das macht mich traurig. Wenn ich weine, weil ich hinfalle oder weil du mich beim Kämmen ziepst, sagst du immer zu mir, ich soll ein Mann und kein kleines Kind sein, und jetzt weinst du selbst, bloß weil ich kein kleines Kind mehr bin. Du solltest froh sein, dass ich beinahe schon ein Mann bin, du weißt doch, ich hab dir versprochen, mit dem Geld, das ich verdiene, bau ich dir ein Haus, und dann brauchst du nicht mehr zu arbeiten. Wir nehmen dann ein Hausmädchen, wie die Leute unten, und Vati kann zu Hause bleiben, kann am Feuer sitzen und die Zeitung lesen oder mit mir und Maud spielen und eine Kissenschlacht veranstalten, Geschichten erzählen oder..."
»Schon gut, Liebling", sagte Nora und küsste ihn. „Ich Weine jetzt nicht mehr, und du darfst auch nicht weinen, sonst werden deine Augen ganz rot, und du kannst überhaupt nicht mit Charley gehen."
Als sie ihn angezogen hatte, saß Frankie eine Zeitlang schweigend da, anscheinend in Gedanken verloren. Endlich sagte er:
„Weshalb schaffst du uns eigentlich kein Baby an, Mutti? Du könntest es versorgen, und ich hätte es zum Spielen, anstatt auf die Straße zu gehen."
„Wir können uns kein Baby leisten, Liebling. Du weißt doch, selbst jetzt müssen wir uns manchmal Dinge, die wir uns wünschen, versagen, weil wir kein Geld haben, sie zu kaufen. Babies brauchen vieles, was eine Menge Geld kostet."
„Wenn ich erst ein Mann bin und unser Haus baue, werde ich mich hüten, einen Gasherd einzubauen. Das ist's, was uns das ganze Geld wegnimmt; immer stecken wir Pennies in den Schlitz. Da fällt mir ein: Charley hat gesagt, ich muss einen halben Penny in die Missionsbüchse stecken. Ach Gott, ich hab's Stillsitzen satt. Wenn er nur käme. Wie spät ist's jetzt, Mutti?"
Ehe sie antworten konnte, wurde Frankies Ungeduld sowie auch die qualvolle Prüfung, die das Stillsitzen für ihn bedeutete, durch ein lautes Läuten der Glocke beendet, das Charleys Ankunft verkündete, und ohne zuerst der Gewohnheit entsprechend aus dem Fenster zu sehen, um festzustellen, ob es sich nicht um einen „Klingelzug" handelte, war Frankie bereits die Hälfte der Treppe hinuntergepoltert, ehe er hörte, wie seine Mutter ihm nachrief, er solle zurückkommen und den halben Penny mitnehmen; dann polterte er die Treppe wieder hinauf und noch einmal hinunter, in einem solchen Tempo und mit so viel Lärm, dass er den Unwillen aller wohlanständigen Leute im Hause hervorrief.
Als er am Fuße der Treppe angelangt war, fiel ihm ein, dass er versäumt hatte, auf Wiedersehen zu sagen, und da es ihm zu weit war, wieder hinaufzugehen, läutete er die Glocke, trat dann in die Mitte der Straße hinaus und sah zum Fenster hinauf, das Nora öffnete.
„Auf Wiedersehen, Mutti", schrie er. „Sag Vati, ich hab vergessen, es zu sagen, eh ich runterging."
Die Sonntagsschule wurde nicht in der Kapelle selbst abgehalten, sondern in einem darunterliegenden große"
Vortragssaal. An einem Ende befand sich ein kleines, etwa fünfzehn Zentimeter hohes Podium; darauf standen ein Stuhl und ein kleiner Tisch. Ringsum an den Seiten und in der Mitte des Raumes waren mehrere Gruppen von Stühlen und Bänken getrennt voneinander aufgestellt, jede für eine gesonderte Klasse bestimmt. An den hellgrün gestrichenen Wänden hing eine Reihe farbiger Bilder: Moses, der auf den Felsen schlägt, die Israeliten, die um das Goldene Kalb tanzen, und dergleichen mehr. Wie der Leser weiß, war Frankie noch niemals zuvor in einer Sonntagsschule gewesen; einen Augenblick lang blieb er an der Tür stehen und fürchtete sich fast ein wenig, hineinzugehen. Die Stunde hatte bereits begonnen, aber die Schüler waren noch nicht bei der Arbeit.
Es herrschte einige Unordnung: manche Kinder schwatzten, lachten oder spielten, und die Lehrer drohten und schmeichelten ihnen abwechselnd. Der Unterricht der Mädchen und der ganz Kleinen wurde von Damen abgehalten; für die Jungen waren männliche Lehrkräfte da.
Einige dieser Leute sind dem Leser bereits ein wenig bekannt. Da waren Mr. Didlum, Mr. Sweater, Mr. Rushton, Mr. Hunter und Mrs. Hungerlass (Ruth Eastons ehemalige Herrin). Heute waren außer den Lehrern und anderen zur Sonntagsschule gehörenden Personen auch eine beträchtliche Anzahl feingekleideter Damen und einige Herren anwesend, die in der Hoffnung gekommen waren, Pastor John Starr kennen zu lernen, den jungen Geistlichen, der während der Abwesenheit ihres ständigen Hirten, Mr. Rülpser, der aus Gesundheitsgründen in Urlaub fuhr, für die nächsten Wochen ihr Pfarrer sein sollte. Mr. Rülpser litt nicht an irgendeiner besonderen Krankheit, sondern war nur „abgearbeitet", und dem Gerücht nach war dieser Zustand die Folge seiner streng asketischen Lebensweise und seiner intensiven Hingabe an die mit seiner heiligen Berufung verbundenen anstrengenden Arbeiten.
Am Morgen hatte Mr. Starr den Gottesdienst in der Kapelle „Das strahlende Licht" abgehalten, und die ernste und beredte Predigt des jungen Geistlichen, deren Stil sich von dem ihres ständigen Predigers sehr unterschied, war eine Sensation gewesen. Zwar hatten seine Hörer den vollen Sinn seiner Worte vielleicht nicht ganz begriffen; die Erscheinung und Art des jungen Pfarrers hatte jedoch am Morgen auf die meisten einen angenehmen Eindruck gemacht. Freilich mochten die Gründe hierfür Vorurteil und die Macht der Gewohnheit sein, denn sie waren gewohnt, von vornherein Gutes über jeden Prediger zu denken. Es gab indessen ein oder zwei Mitglieder der Gemeinde, die sich einiger Bedenken und Zweifel über die Gediegenheit seiner Lehre nicht enthalten konnten.
Mr. Starr hatte versprochen, am Nachmittag ein Weilchen vorbeizukommen, um den Sonntagsschulkindern einige Worte zu sagen, und infolgedessen warteten nun alle Erwachsenen so gespannt darauf, ihn wieder zu hören, dass nicht viel Unterricht abgehalten wurde. Jedes Mal, wenn ein Spätkömmling eintrat, wandten sich aller Augen zur Tür, in der Hoffnung und der Erwartung, er sei es.
Als Frankie im Eingang stand und sah, wie alle diese Leute ihn anblickten, zog er sich schüchtern zurück.
„Los, Mann", sagte Charley, „du brauchst keine Angst zu haben, 's ist nicht wie 'ne Alltagsschule; sie können uns nichts tun, selbst wenn wir uns schlecht benehmen. Das ist unsre Klasse, da drüben in der Ecke, und das da ist unser Lehrer, Mr. Hunter. Du kannst neben mir sitzen. Komm!"
So ermutigt, folgte Frankie Charley zur Klasse hinüber, und beide setzten sich. Der Lehrer war so freundlich und sprach so mild mit den Kindern, dass sich Frankie nach wenigen Minuten ganz heimisch fühlte.
Als Hunter bemerkte, wie gepflegt und gut angezogen das Kind war, dachte er, es müsse wohlhabenden, angesehenen Eltern gehören.
Frankie achtete nicht sehr auf den Unterricht, denn ihn interessierte es viel zu sehr, die Bilder an der Wand und die anderen Kinder zu betrachten. Er bemerkte auch einen sehr fetten Mann, der überhaupt keinen Unterricht abhielt, sondern ziellos von einer Klasse zur anderen im Raum umherwanderte. Nach einiger Zeit kam der Mann und stand neben der Klasse, in der sich Frankie befand, und nachdem er Hunter zugenickt hatte, blieb er dort in der Nähe stehen, hörte zu und lächelte die Kinder herablassend an. Er war in ein langes Gewand aus teurem
schwarzem Tuch gekleidet, eine Art Gehrock, und der Rundung seiner Figur nach zu urteilen, schien er zu den Leuten zu gehören, die gewöhnt sind, bei Festmählern den Ehrenplatz einzunehmen. Dies war Pfarrer Rülpser, Pastor der Kapelle „Das strahlende Licht". Sein kurzer, dicker Hals war von einem scheinbar knopflosen Kragen umgeben, der auf eine geheimnisvolle, nur ihm bekannte Weise befestigt war, und seine Hemdbrust war verdeckt.
Das schon erwähnte lange Gewand war aufgeknöpft, und durch die Öffnung wölbte sich ein mächtiges Stück Weste und Hose, durch die darin enthaltene Fleischkugel fast zum Platzen gespannt. Eine goldene Uhrkette mit einer Berlocke daran zog sich eine Strecke weit über den sichtbaren Teil der Kugelhülle. Pfarrer Rülpser hatte sehr große Füße, die von weichen Boxkalfschuhen sorgsam umschlossen waren. Hätte er sein langes Gewand abgelegt, so wäre dieses Individuum einem Ballon ähnlich gewesen: die Füße stellten den Korb dar und der die Kugel überragende kleine Kopf das Sicherheitsventil, und als Sicherheitsventil diente er auch tatsächlich, denn sein Besitzer litt infolge starker Überfütterung und mangels natürlicher Bewegung an chronischer Gasentwicklung, was häufiges Aufstoßen der übel riechenden Gase durch den Mund bewirkte, die von der Zersetzung der Lebensmittel im Magen herrührten, mit denen er gewöhnlich vollgeladen war. Da man Pfarrer Rülpser aber niemals ohne seinen Rock gesehen hatte, bemerkte keiner diese Ähnlichkeit. Er hatte es nicht nötig, seinen Rock auszuziehen: seine Rolle im Leben bestand nicht darin, bei der Produktion zu helfen, sondern darin, das Produkt der Arbeit anderer verzehren zu helfen.
Nachdem er einige Worte mit Hunter gewechselt und die beiden einander zugegrinst hatten, ging er zu einer anderen Klasse hinüber, und kurz danach bemerkte Frankie mit einem Gefühl der Ehrfurcht, dass das undeutliche Gemurmel aufhörte, das bisher den Klassenraum erfüllt hatte. Die Zeit für den Unterricht war vorüber, und leise verteilten die Lehrer nun Gesangbücher an die Kinder.
Inzwischen war der Ballon zum Ende des Saals hinübergetrieben und die Plattform hinaufgeschwebt, wo er neben dem Tisch anhielt und gelegentlich durch das Sicherheitsventil eine Gaswolke ausströmte.
Auf dem Tisch lagen mehrere Bücher, daneben ein Stoß gefalteter Karten. Diese waren etwa 15X17 1/2 cm groß; auf der Außenseite trugen sie eine gedruckte Aufschrift. Eine der Karten lag offen auf dem Tisch und ließ ihre Innenseite sehen, die mit Linien und Spalten für Geldbeträge versehen war.
Nun streckte Mr. Rülpser seine schwammige, weiße Hand aus, nahm eine der gefalteten Karten und sah nun mit breitem, sanftem, wohlwollendem, väterlichem Lächeln auf die unterernährten, schlechtgekleideten Kinder herab; dann sagte er mit näselnder Stimme, hin und wieder von Gasexplosionen unterbrochen:
„Meine lieben Kinder. Heute Nachmittag, als ich neben Bruder Hunters Klasse stand, hörte ich, wie er von den Wanderungen der Kinder Israels in der Wüste und von all den wunderbaren Dingen erzählte, die dort für sie getan wurden, und ich dachte, wie traurig es doch ist, dass sie so undankbar waren.
Diese undankbaren Israeliten hatten viele Dinge erhalten; wir aber haben noch größere Ursache als sie, dankbar zu sein, denn wir haben noch reichlicher empfangen als sie." (Hier wurde die Stimme des guten Mannes durch eine Kette von Explosionen erstickt.) „Und ich bin gewiss", fuhr er fort, „keiner von euch möchte sein wie jene Israeliten - undankbar für alle die guten Dinge, die ihr erhalten habt. Oh, wie dankbar ihr sein solltet, als glückliche englische Kinder geboren zu sein! Nun, ich bin gewiss, ihr seid dankbar und freut euch alle über eine Gelegenheit, eure Dankbarkeit durch eine Gegenleistung zu beweisen.
Zweifellos haben einige von euch den unwürdigen Zustand unserer Kapelle bemerkt. Der Fußboden ist an zahlreichen Stellen gebrochen, die Wände müssen dringend gesäubert und getüncht, darüber hinaus auch von außen zementiert werden, um der Zugluft zu wehren. Die Sitze, die Bänke und Stühle befinden sich gleichfalls in äußerst unwürdigem Zustand und müssen lackiert werden.
Nach ernster Versenkung und langem Gebet haben wir daher beschlossen, eine Spendenliste aufzulegen, und obgleich die Zeiten gerade jetzt sehr schwer sind, glauben wir, dass wir Erfolg haben und genügend erhalten werden, um die Arbeiten ausführen zu lassen; deshalb möchte ich, dass jeder von euch eine dieser Karten nimmt, zu allen seinen Freunden geht und zusieht, wie viel er sammeln kann. Es schadet nicht, wie gering die Beträge auch sein mögen; denn selbst die kleinste Gabe wird dankbar angenommen.
Ich hoffe nun, dass ihr alle euer Bestes tun werdet; zögert nicht, Menschen anzusprechen, von denen ihr meint, sie seien zu arm, um einen Beitrag zu leisten, sondern erinnert sie daran, dass sie wenn auch nicht Tausende, so doch das Scherflein der Witwe beitragen können. Fragt alle! Fragt zuerst jene, von denen ihr gewiss seid, sie werden geben; fragt auch alle, von denen ihr denkt, sie werden möglicherweise etwas geben, und fragt zuletzt jene, von denen ihr gewiss glaubt, sie werden nicht geben - und ihr werdet erstaunt sein, dass viele davon reichlich spenden werden.
Wenn eure Freunde sehr arm und nicht in der Lage sind, eine große Summe auf einmal zu geben, so ist es ein guter Plan, mit ihnen zu verabreden, dass ihr sie jeden Sonnabend mit eurer Karte aufsucht, um ihre Spenden einzusammeln. Und vergesst nicht, während ihr andere bittet, auch selbst zu geben, was ihr könnt. Nur ein wenig Enthaltsamkeit, und die Pennies und halben Pennies, die ihr so häufig für Süßigkeiten und andere unnötige Dinge ausgebt, können als Spende für die gute Sache dargebracht werden."
Hier hielt der heilige Mann von neuem inne, und im Innern des Ballons war ein rumpelndes, gurgelndes Geräusch zu hören, dem mehrere Gasausbrüche durch das Sicherheitsventil folgten. Nachdem der Anfall vorüber war, fuhr der Apostel der Enthaltsamkeit fort:
„Alle jene, die Spenden sammeln möchten, werden noch einige Minuten nach dem Unterricht hier bleiben, und Bruder Hunter, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, als Kassierer für den Fonds zu dienen, wird die Karten verteilen.
Ich möchte hier einige Worte des Dankes an Bruder Hunter richten, für das große Interesse, das er in dieser Sache gezeigt hat, und für alle die Mühe, die er auf sich nimmt, um uns bei der Spendensammlung zu helfen."
Dieses Kompliment war wohlverdient; tatsächlich war Hunter der Urheber des ganzen Planes gewesen, in der Hoffnung, den Auftrag für Rushton & Co. - und sich selbst zweieinhalb Prozent des Profits - zu sichern.
Nun legte Mr. Rülpser die Spendenkarte auf den Tisch zurück, nahm eines der Gesangbücher auf, sagte den Text an und dirigierte dann den Gesang, indem er die eine fette, schwabbelige Hand durch die Luft schwenkte und in der andern das Buch hielt.
Als die letzten Töne der Musik verklungen waren, schloss er die Augen und verzog den Mund zu einem sanften Lächeln, während er die geöffnete rechte Hand mit der Handfläche nach unten und aneinander gelegten Fingern ausstreckte und sagte:
„Lasset uns beten."
Mit heftigem Fußscharren knieten alle nieder. Hunters magere Gestalt war über einen großen Raum gebreitet: sein Rumpf lag neben einer der Bänke, Beine und Füße hatte er über den Boden gespreizt, und seine riesigen Hände umklammerten die Seiten des Sitzes. Die Augen hielt er fest geschlossen, und ein Ausdruck äußersten Elends überzog sein langes Gesicht.
Mrs. Hungerlass, die so fett war, dass sie wusste, sie werde sich niemals mehr erheben können, wenn sie einmal niederkniete, schloss einen Kompromiss, indem sie auf der äußersten Kante ihres Stuhles saß, die Ellbogen auf die Lehne des Sitzes vor ihr stützte und das Gesicht in den Händen verbarg. Es war ein sehr breites Gesicht, doch ihre Hände waren groß genug, um es zu bedecken.
An einem Platz im Hintergrund des Saales kniete eine blasse, müde aussehende kleine Frau, etwa sechsunddreißig Jahre alt und sehr schäbig gekleidet, die den Raum während des Gesanges betreten hatte. Es war Mrs. White, die Aufwartefrau - Bert Whites Mutter. Als ihr Mann gestorben war, gab ihr der Rat der Kapelle aus Mitleid diese Arbeit, für die er ihr sechs Schilling die Woche bezahlte.
Freilich konnte er ihr keine Vollbeschäftigung anbieten; das bedeutete, dass sie daneben noch andere Arbeit wie Reinemachen und dergleichen annehmen und die Arbeit in der Kapelle zwischendurch ausführen könnte. Viel zu tun war dort nicht: nur der Ofen, wenn nötig, zu heizen, die Kapelle, Sitzungszimmer, Klassenräume und die Sonntagsschule zu fegen und gelegentlich zu scheuern, die Gesangbücher einzusammeln und so weiter. Sobald eine Teegesellschaft stattfand - was durchschnittlich etwa zweimal die Woche geschah -, mussten die Klapptische auf- und die Stühle beiseite gestellt, der Tisch gedeckt und dann unter der Aufsicht Miss Didlums oder einer anderen Dame der Tee zubereitet werden. An den Tagen, die auf diese Zeremonien folgten, gab es ziemlich viel zu tun: es musste abgewaschen, die Stühle und Tische beiseite geräumt, der Boden gefegt werden und dergleichen mehr; man war aber der Meinung, die zusätzliche Arbeit sei durch die Kuchen und Speisereste vergütet, die gewöhnlich vom Schmaus übrig blieben und als sehr willkommene Abwechslung vom Brot, dem Bratenfett und der Margarine begrüßt wurden, aus denen im allgemeinen Mrs. Whites und Berts Nahrung bestand.
Mit der Stellung waren verschiedene Vorteile verbunden: Die Aufwartefrau lernte die führenden Gemeindemitglieder und ihre Ehefrauen kennen, und einige von diesen gaben ihr aus Mitleid gelegentlich für einen Tag Arbeit als Putzfrau, wobei der Lohn etwa ebenso großzügig war wie der, den sie in der Kapelle erhielt, und manchmal durch ein Paket mit Speiseresten oder einigen abgelegten Kleidungsstücken ergänzt wurde.
Ein niedrig gesinnter, weltlicher oder gottloser Mensch hätte die Lage vielleicht folgendermaßen beschrieben: Diese Leute verlangten, dass die Arbeit getan wurde; zu ihrer Verrichtung stellten sie die Frau an und nutzten deren Armut aus, um ihr Lohn- und Arbeitsbedingungen aufzuzwingen, die sie selbst nicht gern ertragen hätten. Obwohl Mrs. White von früh bis spät schwer arbeitete, reichte das Geld, das ihr als Lohn bezahlt wurde, nicht aus, um sie mit dem zum Leben Allernotwendigsten zu versorgen. Da nun die Leute, die sie beschäftigten, gütige, freundliche,
großzügige und christlich gesinnte Menschen waren, kamen sie ihr zu Hilfe und ließen in Form von abgelegten Kleidungsstücken und Speiseresten ihre Wohltätigkeit walten. Sollte jemals solch ein niedrig gesinnter, weltlicher oder gottloser Mensch diese Zeilen lesen, genügt es, auf seine ruchlose und bösartige Kritik zu erwidern, dass der einfältigen Mrs. White selbst niemals derartige Gedanken in den Sinn kamen; im Gegenteil - an eben diesem Nachmittag, während sie in der Kapelle kniete und einen alten Mantel trug, der einige Jahre zuvor die üppige Gestalt der frommen Mrs. Hungerlass geziert hatte, war ihr Herz ihren großherzigen Wohltätern gegenüber mit Dankbarkeit erfüllt.
Während des Gebets wurde geräuschlos die Tür geöffnet; ein Herr in geistlicher Kleidung trat auf Zehenspitzen ein und kniete neben Mr. Didlum nieder. Er war sehr leise hereingekommen, trotzdem hörten ihn die meisten der Anwesenden und hoben den Kopf oder spähten durch die Finger, um zu sehen, wer es war, und als sie ihn erkannten, ging ein Laut, der einem Seufzer glich, durch den Saal.
Als das Gebet beendet war, schwebte der Ballon unter Ächzen und „Amen"-Rufen langsam vom Podium hernieder und fiel in einen der Sitze, während alle vom Boden aufstanden. Als sich ein jeder gesetzt und das Füßescharren, Husten und Naseputzen aufgehört hatte, erhob sich Mr. Didlum und sagte:
„Bevor wir die Schlußhymne singen, wird der Herr zu meiner Linken, Herr Pastor John Starr, 'n paar Worte sagen."
Ein erwartungsvolles Murmeln lief durch den Saal. Die Damen hoben die Augenbrauen und nickten, lächelten und flüsterten miteinander. Die Herren nahmen unterschiedliche Haltung und Miene an. Die Kinder waren sehr still. Jedermann befand sich im Zustand unterdrückter Erregung, als John Starr sich von seinem Sitz erhob, auf das Podium trat, neben dem Tisch stehen blieb und sie anblickte.
Er war ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt, groß und schlank gebaut. Sein scharfgeschnittenes, intellektuelles Gesicht mit der hohen Stirn und sein verfeinertes, kultiviertes Aussehen standen in auffallendem Gegensatz zu der groben Erscheinung der übrigen Erwachsenen im Raum: der vulgären, unwissenden, ungebildeten Menge von Profitjägern und Geschäftemachern, die vor dem Prediger saßen. Es war indessen nicht nur seine wohlerzogene Art und sein allgemein angenehmes Äußere, das einen anzog und in Bann hielt. Ein gewisses, nicht zu beschreibendes Etwas umgab ihn - eine Atmosphäre der Sanftheit und Liebe, die sein ganzes Wesen auszustrahlen schien und fast alle, die mit ihm in Berührung kamen, zwang, ihm Vertrauen und Zuneigung entgegenzubringen.
Als er dort stand und die anderen mit einem unaussprechlich gewinnenden Lächeln auf seinem anziehenden Gesicht anblickte, schien es unmöglich, dass zwischen ihm und jenen irgendeine Gemeinschaft bestehe.
Nichts in seiner Erscheinung deutete auch nur im geringsten auf die Wahrheit hin, nämlich, dass er zu dem Zweck dort war, um dem Ruf der verächtlichen Bande von Ausbeutern und Sklavenhaltern, die sein Gehalt bezahlten, als Stütze zu dienen.
Er hielt an diesem Nachmittag keine sehr lange Rede -es waren nur ein paar Worte, aber sie waren sehr köstlich, originell und erleuchtend. Er teilte ihnen gewisse Gedanken mit, die ihm heute auf dem Wege gekommen waren; und während ihm Sweater, Rushton, Didlum, Hunter und die übrigen Jünger zuhörten, tauschten sie bedeutsame Blicke und Zeichen miteinander. War es nicht großartig! Welche Kraft! Welche Beweisführung! Es war, wie sie einander nachher bescheiden zugaben, so tief, dass es selbst ihnen sehr schwer fiel zu ergründen, was der Sprecher gemeint hatte.
Was die Damen anbetraf, so waren sie vor Bewunderung reglos und stumm. Mit gerötetem Gesicht, mit glänzenden Augen und klopfendem Herzen saßen sie da und blickten den teuren Mann verlangend an, während er fortfuhr:
„Leider gestattet es unsere Zeit heute Nachmittag nicht, lange bei diesen Gedanken zu verweilen. Vielleicht werden wir später einmal den segensreichen Vorzug haben, das zu tun; heute Nachmittag bin ich jedoch gebeten worden, ein paar Worte zu einem anderen Thema zu sagen. Die schwache Gesundheit ihres teuren Predigers hat der Gemeinde bereits seit geraumer Zeit Anlass zur Sorge gegeben."
Mitleidige Blicke wurden auf den interessanten Kranken gerichtet; die Damen murmelten: „Der Arme, Gute!" und andere Worte ängstlicher Fürsorge.
„Obgleich er von Natur aus robust ist", fuhr Starr fort, „haben lang anhaltende Überarbeitung, die liebende Sorge um den Nächsten, die ihn oft daran hinderte, der nötigen Ruhe zu pflegen, und eine allzu strenge Hingabe an die Übung der Enthaltsamkeit schließlich den unvermeidlichen Zusammenbruch herbeigeführt und eine Zeitspanne der Ruhe unumgänglich erforderlich gemacht."
Der Redner hielt inne, um Atem zu schöpfen, und das nun folgende Schweigen wurde nur durch ein leises Rumpeln im Innern des asketischen Opfers der Überarbeitung
gestört.
„Zu diesem lobenswerten Zweck", fuhr Starr fort, „wurde in aller Stille vor etwa einem Monat eine Spendenliste aufgelegt, und die lieben Kinder, die Karten hatten und sich am guten Werk des Spendensammelns beteiligten, werden sich freuen zu hören, dass eine recht beträchtliche Summe eingekommen ist; da diese jedoch nicht ganz ausreicht, hat der Rat der Kapelle für die Bewilligung eines weiteren Betrages aus dem allgemeinen Fonds gestimmt, und auf einer am vergangenen Freitag abgehaltenen Sondersitzung wurde eurem teuren Hirten eine schöngemalte Widmungsschrift und eine Goldbörse zum Präsent gemacht, die ausreicht, die Kosten eines einmonatigen Ferienaufenthalts im Süden Frankreichs zu bestreiten.
Obwohl er natürlich bedauert, auch nur für so kurze Zeit von euch getrennt zu sein, denkt er doch, das kleinere von zwei Übeln zu wählen, wenn er fortgeht. Es ist besser, für einen Monat nach Südfrankreich zu reisen, als trotz der Warnungen der erschöpften Natur mit der Arbeit fortzufahren und vielleicht gänzlich von euch genommen zu werden - in den Himmel."
„Gott behüte!" riefen einige Jünger inbrünstig aus, und eine fürchterliche Blässe breitete sich über das Antlitz des Gegenstandes ihres Gebets.
„Selbst so besteht eine gewisse Gefahr. Lasset uns das
Beste hoffen und dafür beten; sollte jedoch das Schlimmste geschehen und er in den Himmel berufen werden, so wird es euch einige Befriedigung gewähren zu wissen, dass ihr tatet, was ihr konntet, um das schreckliche Unglück abzuwenden."
Bei diesen Worten wurde, wahrscheinlich als Vorsichtsmaßregel gegen einen unfreiwilligen Aufstieg, eine große Menge Gas aus dem Sicherheitsventil des Ballons gelassen.
„Morgen begibt er sich auf seine Pilgerfahrt", schloss Starr, „und ich bin gewiss, die guten Wünsche und die Gebete aller, die zu seiner Herde gehören, werden ihn begleiten."
Der ehrwürdige Herr nahm seinen Sitz wieder ein, und fast unmittelbar darauf wurde durch die Schwingungen des Ballons offenbar, dass Mr. Rülpser sich zu erheben wünschte, um ein paar Worte des Dankes auszusprechen; er wurde jedoch durch die Bitten der in seiner Nähe Sitzenden zurückgehalten, die ihn anflehten, sich nicht zu überanstrengen. Später meinte er, selbst wenn man ihm gestattet hätte zu sprechen, wäre er nicht in der Lage gewesen, viel zu sagen, weil er zu erfüllt war.
„Während der Abwesenheit unseres geliebten Pastors", sagte Bruder Didlum, der sich jetzt erhob, um die Abschlusshymne bekannt zu geben, „wird seine Herde nicht ganz ohne einen Hirten bleiben, denn wir haben mit Mr. Starr das Übereinkommen getroffen, dass er jeden Sonntag hierher kommt und 'n paar Worte zu uns spricht."
Aus der Art, in welcher sie ständig auf sich selbst Bezug nahmen, hätte man denken können, sie seien eine Herde Schafe und nicht, was sie in Wirklichkeit waren - ein Rudel Wölfe.
Als die Damen Bruder Didlums Verkündigung hörten, erhob sich unter ihnen ein Gemurmel höchsten Entzückens, während Mr. Starr mit den Augen rollte und lieblich lächelte. Die Einzelheiten des Übereinkommens erwähnte Bruder Didlum nicht - denn das wäre gerade dann höchst unpassend gewesen; aber folgender Auszug aus den Büchern der Kapelle wird hier nicht fehl am Platze sein: „Durch den Kassierer ausgezahlt an Pastor John Starr für Sonntag, den 14. November - 4 Pfund 4 Schilling 0 Pence."
Dies war in Anbetracht der von Mr. Starr geleisteten großen Dienste keine erhebliche Summe; aber so klein sie auch war, muss befürchtet werden, dass viele weltliche, gottlose Leute meinen werden, sie sei viel zu groß als Bezahlung für ein paar Worte, und selbst für so weise Worte, wie die Mr. John Starrs zugegebenermaßen stets waren. Denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.
Nachdem der „Gottesdienst" vorüber war, blieben die meisten Kinder, darunter Charley und Frankie, noch dort, um sich Spendenkarten geben zu lassen. Mr. Starr war von einem Kreis seiner Bewunderer umringt, und als er ein wenig später mit Mr. Rülpser und Mr. Sweater in dessen Auto davonfuhr, sahen die Damen diesem Vehikel verlangend nach, horchten auf das melancholische „Tüt tüt" seiner Hupe und versuchten, sich mit dem Gedanken zu trösten, sie werden ihn ja in wenigen Stunden beim Abendgottesdienst wieder sehen.

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