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Robert Tressell – Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen (1914)
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28. Kapitel Der Marsch der Imperialisten

Für die Jahreszeit war der Tag ungewöhnlich schön, und während sie durch die Große Paradeallee gingen -die nach Süden führte -, war ihnen ganz warm. Die Paradeallee war mit reichgekleideten und juwelengeschmückten Müßiggängern bevölkert, von denen viele unverkennbar Zeichen der Trunksucht und Völlerei auf dem Antlitz trugen. Einige Frauenspersonen hatten versucht, die verheerenden Spuren des Lasters und der Ausschweifung durch eine Puder- und Schminkschicht auf dem Gesicht zu verbergen. Unter diese Menge gemischt und Teil von ihr war eine Anzahl wohlgenährt aussehender Individuen, die in lange Gewänder aus feinstem schwarzem Tuch gekleidet waren und breitrandige weiche Filzhüte trugen. Die meisten dieser Leute hatten goldene Ringe an ihren weichen, weißen Fingern und Wild- oder Kalbslederschuhe, so weich wie Handschuhe, an den Füßen. Sie gehörten zu der großen Armee von Betrügern, die sich ein leichtes Leben verschaffen, indem sie die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen ausnutzen und behaupten, die „Anhänger" und „Diener" des bescheidenen Zimmermanns aus Nazareth zu sein - des Mannes der Leiden, der keinen Ort hatte, wohin er Sein Haupt niederlegen konnte.
Keiner dieser schwarzberockten „Jünger" ließ sich mit den Gruppen von arbeitslosen Tischlern, Maurern, Stuckateuren und Stubenmalern ein, die hier und dort auf dem Fahrweg herumstanden, hässliche, schäbige Kleidung trugen und vor Entbehrungen bleiche Gesichter hatten. Viele dieser Menschen waren unseren Freunden mit dem Karren bekannt, und während diese vorbeifuhren, nickten sie ihnen zu. Ab und zu kam einer der Leute herbei und ging ein Stück neben ihnen her, um sich zu erkundigen, ob es nicht irgendwelche Nachrichten über eine neue Arbeit bei Rushton gebe.
Als Crass und seine Kameraden etwa die Hälfte der Paradeallee hinter sich gebracht hatten, trafen sie gerade in der Nähe des Springbrunnens auf eine Anzahl Männer mit weißen Armbinden, worauf in schwarzen Lettern das Wort „Sammler" geschrieben stand. Diese Leute hielten Sammelbüchsen, sprachen die Menschen auf der Straße an und bettelten um Geld für die Arbeitslosen. Sie waren eine Art Vorreiter für die Hauptstreitkräfte, die in einiger Entfernung hinter ihnen zu sehen waren.
Als sich die Prozession näherte, steuerte Sawkins den Karren zum Bordstein und machte halt, während sie vorüberzog. Sie bestand aus etwa dreihundert Männern, die in Viererreihen marschierten. Sie trugen drei große weiße Transparente mit den Worten „Den Spendern unseren Dank", „Zur Unterstützung der WIRKLICH ARBEITSlOSEN", „Die Kinder müssen ERNÄHRT werden". Obgleich sich auch eine Anzahl Facharbeiter in dem Zug befanden, gehörte doch die Mehrzahl der Leute zu den so genannten ungelernten Arbeitern. Der qualifizierte Facharbeiter beteiligt sich für gewöhnlich nicht an derartigen Umzügen, es sei denn als allerletztem Ausweg... Ständig versucht er, den Schein des Wohlstandes aufrechtzuerhalten, und er wäre sehr entrüstet, wenn jemand andeuten wollte, er, der Facharbeiter, befinde sich in Wirklichkeit im Zustand bitterster, äußerster Armut. Obwohl er weiß, dass seine Kinder häufig nicht so gut ernährt werden wie die Schoßhunde und -katzen der „besseren" Leute, versucht er, seine Nachbarn zu täuschen, damit sie glauben, er verfüge über geheimnisvolle, ihnen unbekannte private Mittel, und er verbirgt seine Armut, als sei sie ein Verbrechen. Die meisten in dieser Schicht von Menschen verhungerten lieber, als dass sie bettelten. Infolgedessen waren nicht mehr als ein Viertel der Leute in der Prozession qualifizierte Facharbeiter; die Mehrzahl waren ungelernte Arbeiter.
Eine kleine Anzahl gehörte auch zu jenen unglückseligen Ausgestoßenen der Gesellschaft - den Vagabunden und Verkommenen, den trunksüchtigen Stromern. Wären die selbstzufriedenen Heuchler, von denen diese armen Wichte verachtet werden, den gleichen Bedingungen unterworfen, so würde die Mehrzahl unter ihnen unweigerlich wie diese Menschen.
Hager und bleich, schäbig oder sogar zerlumpt gekleidet mit zerrissenen Stiefeln und schiefgetretenen Absätzen schlotterten sie vorbei. Einige stierten mit betäubtem oder halbwildem Ausdruck um sich; die meisten sahen auf den Boden oder starrten mit leeren Blicken gerade vor sich hin. Sie sahen völlig gebrochen, hoffnungslos und beschämt aus.
[[„Jeder kann sehen, was das für welche sind", höhnte Crass, „unter der ganzen Bande sind nicht fünfzig richtige Facharbeiter,]] und die meisten würden keine Arbeit annehmen, selbst wenn man sie ihnen anbieten würde."
„Das hab ich auch grade gedacht", stimmte ihm Sawkins zu und lachte.
„Es wird noch immer Zeit sein, das zu sagen, wenn man ihnen Arbeit angeboten hat und sie sie abgelehnt haben", sagte Owen.
„So 'ne Sache schadet der Stadt mächtig", bemerkte Slyme, „'s sollte nicht erlaubt sein; die Polizei müsste einschreiten. 's langt, um alle Herrschaften aus der Stadt zu vergraulen!"
„'ne gottverdammte Schande nenn ich's", sagte Crass, „an so 'nem schönen Tag wie heute hier die Große Paradeallee runter zu marschieren, grade wenn die meisten Herrschaften draußen sind, um die frische Luft zu genießen!"
„Ich nehme an, du meinst, sie sollten zu Hause bleiben und in aller Stille verhungern", sagte Owen. „Ich sehe nicht ein, weshalb sich diese Menschen darum sorgen sollten, welchen Schaden sie der Stadt verursachen; die Stadt scheint sich nicht viel darum zu sorgen, was aus ihnen wird."
„Du hältst also was davon, wie?" fragte Slyme.
„Nein, gewiss nicht. Ich halte nichts davon, als Gnade um etwas zu betteln, was man [[von den Dieben, die diese Menschen beraubt haben und jetzt die Früchte ihrer Arbeit genießen, als Recht zu fordern befugt ist. Nach dem beschämten Ausdruck der Gesichter dieser Leute zu urteilen, sollte man denken, sie seien die Verbrecher anstatt die Opfer."]]
„Na, du musst doch zugeben, dass die meisten davon sehr tiefstehende Kerle sind", sagte Crass mit selbstzufriedener Miene. „'s sind nur sehr wenig Facharbeiter drunter."
„Nun, und wenn schon? Welchen Unterschied macht denn das?" fragte Owen. „Es sind Menschen, und sie haben das gleiche Recht zu leben wie alle übrigen. Die Arbeit der so genannten ,Ungelernten' ist ebenso notwendig und nützlich wie deine oder meine. Ich bin ebenso wenig in der Lage, die ,ungelernte' Arbeit der meisten dieser Leute zu verrichten, wie die meisten unter ihnen meine Arbeit ausführen könnten."
„Na, wenn sie qualifizierte Facharbeiter wären, würden sie vielleicht eher Arbeit finden", sagte Crass.
Owen lachte herausfordernd.
„Willst du damit sagen, du glaubst, wenn alle diese Leute in gelernte Tischler, Stuckateure, Maurer und Stubenmaler verwandelt werden könnten, wäre es für all die anderen Kollegen, an denen wir vorhin vorbeigekommen sind, leichter, Arbeit zu erhalten? Ist das möglich, dass du so etwas Dummes glaubst oder dass es sonst ein Mensch mit gesundem Verstand glaubt!"
Crass antwortete nicht.
„Wenn es nicht genügend Arbeit gibt, um alle Facharbeiter zu beschäftigen, die wir arbeitslos in den Straßen herumstehen sehen, wie könnte es dann den Ungelernten in dem Zug hier helfen, wenn sie alle zu qualifizierten Facharbeitern würden?"
Crass antwortete noch immer nicht, und weder Slyme noch Sawkins kamen ihm zu Hilfe.
„Könnte man sie zu Facharbeitern machen", fuhr Owen fort, „so würden die Dinge einfach nur noch schlimmer für diejenigen, die bereits gelernte Handwerker sind. Eine größere Anzahl qualifizierter Facharbeiter heißt schärfere Konkurrenz um die Arbeitsplätze für qualifizierte Facharbeiter, eine größere Anzahl von arbeitslosen Handwerkern und infolgedessen bessere Möglichkeiten zu Lohnsenkungen für die Unternehmer. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die Liberale Partei, die zum größten Teil aus Arbeiterausbeutern besteht, den großen Jim Scalds veranlasst hat, uns zu erzählen, eine bessere technische Ausbildung sei das große Allheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit und die Armut."
„Vermutlich denkste, Jim Scalds wär 'n verdammter Idiot, genau wie jeder andere, der die Sachen anders ansieht als du?" meinte Sawkins.
„Ich würde ihn tatsächlich für einen Idioten halten, wenn ich der Ansicht wäre, er glaube, was er sagt. Aber ich bin nicht der Ansicht, dass er es glaubt. Er sagt es nur, weil er denkt, die Mehrheit der Arbeiterklasse besteht aus solchen Narren, dass sie ihm glauben werden. Wenn er nicht dächte, die meisten von uns seien Narren, würde er uns nicht ein solches Ammenmärchen erzählen."
„Und ich nehme an, du denkst, seine Meinung ist gar nicht mal unberechtigt", knurrte Crass.
„Das werden wir nach den nächsten allgemeinen Wahlen besser beurteilen können", erwiderte Owen. „Wenn die Arbeiterklasse wieder eine Majorität von liberalen oder konservativen Grundbesitzern wählt, um sich von ihr beherrschen zu lassen, so beweist dies, dass Jim Scalds Einschätzung ihrer Intelligenz ungefähr richtig ist."
„Na, trotzdem", beharrte Slyme, „ich halte's nicht für richtig, dass den Leuten hier erlaubt wird, so rumzumarschieren und die Besucher aus der Stadt zu vergraulen."
„Was sollten sie denn deiner Meinung nach tun?" fragte Owen.
„Lass doch die Sch...kerle ins Armenhaus gehen, verdammt noch mal!" brüllte Crass.
„Aber ehe sie dort aufgenommen würden, müssten sie ohne jede Bleibe und völlig in Not geraten sein, und dann müssten die Steuerzahler sie erhalten. Jeder Insasse kostet etwa zwölf Schilling die Woche; es scheint mir daher vernünftiger und sparsamer zu sein, wenn die Gesellschaft sie mit einer produktiven Arbeit beschäftigte."
Jetzt waren sie beim Gerätehof angekommen. Tritt- und Stehleitern wurden auf ihren Platz geschafft, die schmutzigen Farbtöpfe und Eimer in der Malerwerkstatt auf die Werkbank oder den Fußboden gestellt. Zusammen mit denen, die schon vorher dorthin zurückgebracht worden waren, standen jetzt sehr viele von diesen Behältern da, die alle gesäubert werden mussten; so lief zumindest Bert keine Gefahr, in der nächsten Zeit arbeitslos zu werden.
Als sie im Büro ausgezahlt wurden, fand Owen beim Öffnen seiner Lohntüte, dass sie wie gewöhnlich einen Lohnzettel für die nächste Woche enthielt, was bedeutete, dass er nicht aussetzen musste, obgleich er nicht wusste, welche Arbeit es zu tun gab. Crass und Slyme sollten beide zur „Höhle" gehen, um die Rolläden anzubringen, und Sawkins sollte gleichfalls wie üblich zur Arbeit kommen.

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