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Fjodor Gladkow - Zement (1925)
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XVI. Spreu

„Wir müssen ein Herz von Stein haben"

Es wurde bekannt gegeben, dass die Überprüfung der Betriebsparteizelle in einer Woche, am sechzehnten Oktober, stattfinden werde. Sergej sah diesem Tag mit seinem üblichen versonnenen Lächeln entgegen, ohne sich aufzuregen und zu beunruhigen oder auch nur an die Fragen zu denken, die ihn gewöhnlich nachts quälten. Allein über eins musste er sich selber wundern: Wie kam es bloß, dass er keinen Augenblick diesen sechzehnten Oktober vergaß, selbst im Schlaf nicht? Er wusste, dass er bedroht war, dass dieser Tag einen Wendepunkt in seinem Leben bedeutete, und doch blieb er taub gegen alles, was damit zusammenhing. Wird man ihn aus der Partei ausschließen oder nicht? Diese Frage strich wie eine leichte Welle durch sein Hirn und verflog...
Das Hirn aber verrichtete nach wie vor seine gewohnte Tagesarbeit und quälte sich nachts mit den Eindrücken des Tages und mit plötzlich auftauchenden Erinnerungen aus der Vergangenheit. Doch die Erinnerungen waren wie verworrene Traumbilder: Berge und Meer im Sonnenschein, Vögel und ferne Segelboote, Kindergeschrei, die sterbende Mutter, der Vater, der pfiffig lächelt und etwas von Stoizismus murmelt.
Wie immer sah man Sergej, mit schütterem gelocktem Haar und ein wenig schwitzend, die Aktentasche prall gefüllt, bedächtig seiner Wege gehen. Er war dauernd beschäftigt und erfüllte stets pünktlich die Aufgaben des
Tages. Doch es gab keinen Augenblick, da er nicht an den sechzehnten Oktober gedacht hätte.
Eines Tages, nachdem er einen Vortrag über politische Erziehung gehalten hatte, sah Shidki ihn wohlwollend spöttisch an und legte ihm die Hand auf die Finger. „Angst, Serjosha? Ja, ja, man wird dir einheizen — behalt den Kopf oben."
„Warum denn? Wofür? Ich empfinde nichts, was nach Angst aussähe. Als wenn mich die ganze Sache nichts anginge."
„Lass gut sein, hab keine Angst — wir werden dich schon in Schutz nehmen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie's gekocht wird."
Luchawa, der wie gewöhnlich auf dem Fensterbrett saß, das Kinn auf die Knie gestützt, hob den Kopf.
„Du schwindelst ja, Shidki, du hast selbst Angst vor der Überprüfung. Mir geht's genauso. Vor nichts habe ich Angst, aber davor doch. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sergej ausgeschlossen wird. Wo willst du die Macht hernehmen, es zu verhindern?"
Shidki reckte sich gereizt.
„Er wird nicht ausgeschlossen. Warum nicht du oder ich, sondern gerade er? Nach welchen Gesichtspunkten? Intellektueller? Unsinn. Das ist kein Grund. Wir haben die Möglichkeit, zu protestieren, wenn dies geschehen sollte. Die Kommission arbeitet unter aller Würde — die nichtigsten Gründe genügen ihr für einen Ausschluss. In dieser Woche sind schon an die vierzig Prozent aller leitenden Funktionäre und fast ebenso viele einfache Mitglieder avisgeschlossen worden. Da ist zum Beispiel Shuk, ein Arbeiter. Und der Grund: Scharfmacher und deklassiertes Element."
„Shuk? Er ist ausgeschlossen?"
Sergej beugte sich zu Shidki, doch schien dies eine unwillkürliche Bewegung zu sein, denn Shidkis Worte berührten ihn nicht, kamen ihm fern liegend und bedeutungslos vor.
Luchawa sagte ungewöhnlich ruhig und fest, in offiziell-nachlässigem Ton: „Die Kommission ist nicht verpflichtet, die Gründe mitzuteilen, und du hast nicht das Recht, dich in ihre Arbeit einzumischen und ihre Methoden zu kritisieren. Für Ausgeschlossene gibt es nur einen Weg: die Berufung."
„Meinetwegen. Aber ich werde handeln und vor nichts Halt machen. Ich gehe bis zur Zentralen Kontrollkommission. Der Mann, der die Überprüfung vornimmt, versteht nichts von seiner Arbeit. So etwas führt nur zur Zerrüttung der Organisation. Wir haben Grund zum Protest. Ich lasse diese Angelegenheit nicht auf sich beruhen." „Esel! Dafür wird man dich selbst ausschließen oder, wenn du Glück hast, versetzen."
„Sei so gut und mach mir keine Angst. Das Bezirkskomitee kann in dieser Sache nicht den passiven Zuschauer spielen. Wenn wir die Augen verschließen, dann jagt man uns mit Recht zum Teufel!"
Polja saß im Frauenausschuss, abgemagert, Qual in den Augen. Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht zuckte, und sie konnte nichts dagegen tun. Dascha saß abseits an ihrem Tisch und schrieb. Sie sah weder zu Sergej noch zu Polja hin — was ging es sie an, worüber die beiden sprachen und sich aufregten? In den letzten Tagen hatte Polja sie oft verweint gesehen.
Polja hatte Sergej herangewinkt und auf den Stuhl ihr gegenüber gedeutet.
Sie wandte den Kopf ab und seufzte. „Sergej, kannst du mir nicht helfen, mich in alledem zurechtzufinden, was jetzt vorgeht? Ich habe ganz und gar den Verstand verloren. Dascha versteht mich überhaupt nicht mehr: sie ist sehr barsch geworden und spricht nicht mehr so mit mir wie früher. Ich fühle es, dass ich aus der Partei ausgeschlossen werde, Sergej."
Dascha schwieg. Sie hatte nicht zugehört.
Sergej schwieg auch; er wusste nicht, was er erwidern sollte. Er hätte sie gern getröstet, fand aber nicht die passenden Worte. Er hätte auch gern von sich gesprochen, etwas Einfaches und sehr Wichtiges gesagt, aber auch dazu fehlten ihm die richtigen Worte.
„Ich werde dort sagen, was ich sehe und fühle. Verstehst du? Und man wird mich ausschließen. Was sich jetzt abspielt ... was mir und der Revolution die Beine wegschlägt ... ich kann nicht lügen ..." Dascha hörte auf zu schreiben und hob den Kopf. „Was spielt sich denn ab, Genossin Mechowa? Ich komme da nicht ganz mit. Die Arbeit im Frauenausschuss geht besser, wir haben gelernt, gemeinsam zu handeln, und stehen den Männern darin nicht nach. Was ist eigentlich geschehen, Genossin Mechowa?"
Polja zuckte zusammen, als sie Daschas Stimme hörte, und sprang auf. „Wie wagst du nur zu fragen? Du weißt nicht, was geschehen ist, nein? Du weißt nicht, dass das Blut der Arbeiter und Rotarmisten... ein Meer von Blut... hörst du? Ein Meer von Blut lediglich dafür vergossen worden ist, um die Plätze, noch ehe das Blut trocken ist, für Märkte und Bumscafes zu räumen? Um alles zu einem dreckigen Haufen zu vermanschen? Du weißt das nicht, nein?"
Noch nie hatte Sergej sie so erregt gesehen. Ihr Gesicht glich dem einer Epileptikerin: es war bleich geworden, Schweiß bedeckte Stirn und Oberlippe mit klebrigen Tropfen, und die Augen waren trocken und starr.
Dascha beugte sich wieder über ihre Papiere und lächelte verständnisvoll und herablassend.
„Und ich dachte, dass ... Glaubst du vielleicht, Genossin Mechowa, dass alle außer dir Dummköpfe und Schlafmützen sind?"
„Ja, ja! Dummköpfe! Verräter! Feiglinge!" Dann wurde sie plötzlich still, lächelte Sergej kläglich an, hob beide Hände vor die Augen und weinte. „Warum bin ich damals nicht gestorben? Damals ... auf
den Straßen von Moskau... oder in der Armee? Warum muss ich diese qualvolle, schändliche Zeit noch erleben, liebe Genossen?"
Auf Sergejs Gesicht zuckte ein Lächeln, das er nicht zurückhalten konnte, und es gelang ihm nicht, die in seinen Lungen stockende Luft auszuatmen. Seine Lippen zitterten und bewegten sich von selbst. Vor seinen Augen zerschmolz alles zu einem zähen Brei — Polja, das Fenster, die Wände. Wahrscheinlich war er müde. Wahrscheinlich konnte er andere nicht weinen sehen. Wahrscheinlich hatte Polja ihm die letzten Kräfte genommen in jener Nacht, als sie, halbtot vor Angst, in sein Zimmer gestürzt war.
Dascha stand neben Polja und umarmte sie. „Polja! Schämst du dich nicht, Liebe? Mit Tränen und Anfällen willst du deine Stärke beweisen? Du bist doch kein bürgerliches Fräulein, du bist eine Kommunistin. Wir müssen ein Herz von Stein haben und keinen Badeschwamm. Du hast dich verrannt, liebe Polja. Geh nach Hause und beruhige dich. Auf mich kannst du bauen: meine Kräfte reichen noch für lange Zeit."
Sie ging an ihren Platz zurück und kratzte wieder mit der Feder übers Papier.
Polja sah mit einem langen, verlorenen Blick zuerst Dascha, dann Sergej an und setzte sich schweigend auf ihren Stuhl.
„Ich bleibe hier", sagte sie ungewöhnlich ruhig durch die Zähne. „Ich bin gekommen, um zu arbeiten, und ich werde weitermachen bis zum Schluss."
„Na also. Ich kenne dich doch, Polja: wir arbeiten ja nicht den ersten Tag zusammen."
Dascha schrieb, ohne den Kopf zu heben, und lächelte.

Die Überprüfung

Polja und Sergej wurden in der Werkparteizelle überprüft— Sergej, weil er ihr „angegliedert" war, Polja, weil sie krankheitshalber die Überprüfung in der eigenen Parteizelle versäumt hatte.
Die Versammlung fand im Theatersaal des Klubs statt; sie war stark besucht — eine Menge Parteiloser hatte sich eingefunden. Die Kommunisten drängten sich in den ersten Reihen, die Parteilosen hinten. Weil die Wände des Saales mit Spiegeln bedeckt waren und jede Wand die gegenüberliegende und die dazwischen wogende Menge spiegelte, schienen Tausende von Menschen im Saal zu sein. Es waren aber nur etwa hundertfünfzig.
Gleb saß als vierter Angehöriger der Kommission am Tisch vor der Bühne. Der Kronleuchter glitzerte im Schein seiner fünfzig Glühbirnen.
Die übrigen drei Angehörigen der Kommission waren Fremde. Zwei trugen Soldatenmäntel und Schirmmützen. Der dritte, ein Hafenarbeiter und ehemaliger Partisan, sah aus wie ein Tatar. Der eine Soldat hatte breite Backenknochen und ein braunes, fast schwarzes Gesicht. Der andere war knochig, mit aschfahlem Gesicht und einem Bart wie ein Besen. Er knetete ihn ständig mit drei Fingern. Wenn er die Lider hob, war von den Augen nichts zu sehen — so farblos waren sie. Sprach er mit einem aufgerufenen Kommunisten, sah er an ihm vorbei und redete scheinbar nicht mit ihm, sondern mit einem anderen. Auch die Parteibücher schien er nicht anzusehen — er knautschte sie nur zusammen in seinen dürren, starren Fingern.
Sergej hörte hinter sich flüstern: „Der reinste Ausklopf er, dieser Ölgötze! Der macht einen mürbe, bei Gott..."
Und da in dem Moment der Knochige Gromada aufrief, wusste Sergej nicht, ob dieser die Worte herausgepresst hatte oder ein Nachbar von ihm.
„Genosse Gromada. Ihr Lebenslauf?"
„Mein Lebenslauf ist folgender, Genosse ... Bei einem Proleten, der von Kind auf gearbeitet hat, und da uns die Kapitalisten so großartig ausgepowert haben, gibt es hier nichts zu diskutieren."
Hinten wieder Geflüster: „Ha, der versteht's. Fein, Gromada!"
„Wann bist du in die Partei eingetreten?"
„Unter der Sowjetmacht, das genaue Datum war — vor einem Jahr."
„Warum nicht schon früher?"
„Welcher Stift wird gleich Meister? Waren Sie nicht erst Stift in der Fabrik, Genosse? So ein Stift muss erst mal ordentlich geschliffen werden und so weiter... da lernt er..."
„Ich frage: warum bist du so spät in die Partei eingetreten?"
„Das beweise ich doch gerade: weil unser Feind das mangelnde Bewusstsein ist... und so weiter... Aber in die KPR bin ich kurzfristig eingetreten ... ich habe nicht unnütz diskutiert."
„Bei den Rot-Grünen gewesen?"
„Eigentlich nicht, Genosse, aber ich hab mit den Bergen zu tun gehabt. Hinter den Bergen war ich nicht, aber in den Bergen, dort hab ich die weißen Soldaten traktiert... und so weiter... Dascha und ich haben Schrauben gedreht ..."
„Also nicht bei den Rot-Grünen gewesen. Vorgezogen, zu Hause zu sitzen und auf gutes Wetter zu warten."
Gromada witterte Gefahr in den Fragen des Knochigen. Jedes seiner Worte barg Feindseligkeit und versetzte unbemerkt einen schmerzhaften Stich. Als Gromada dies spürte, bekam er hohle Wangen, und in seinen Augen begann ein Funken Hass zu glimmen. Vielleicht bemerkte das der Dürre, vielleicht hatte er es auch über, sich mit Gromada abzuplagen — er kritzelte mit dem Bleistift etwas auf ein Stück Papier und winkte ab.
„Sie können gehen. Hat noch jemand etwas vorzubringen hinsichtlich des Genossen Gromada?"
„Gromada ist doch unser As! Schont sich nicht. Ist bald am Krepieren, aber immer aktiv und auf Draht."
„Der nächste. Genosse Sawtschuk!"
Die Menge wurde unruhig, begann zu wispern, spitzte die Ohren. Sawtschuk, zottig, in einem langen, ungegürteten Leinenhemd und zerrissenen Hosen, schob sich nach vorn; seine nackten Füße klatschten über den Boden, er stieß die Leute mit Armen und Hüften an, man blickte ihm grinsend nach und zupfte ihn am Hemd.
„He, Fassbinder, bleib fest!"
Sawtschuk stellte sich finster vor den Tisch und wusste nicht, wo er seine langen Arme lassen sollte.
„Mit meinem Leben lass mich aber in Ruhe, Genosse Überprüfer."
„Wieso denn? Das ist doch notwendig: darauf beruht die
ganze Überprüfung."
„Lass mein erbärmliches Leben in Ruhe. Was geht's dich an, wenn ich es selber dem Teufel in den Rachen geschmissen habe? Schluss damit! Ich bin Böttcher und mache Fässer. Sonst... Jetzt mache ich keine. Die Böttcherei ist noch nicht dran. Aber singen die Sägen — dann gibt's auch zu tun für neue Böttcher."
„Sie schreiben hier unter anderem, Sie hätten verschiedenen Leuten eins auf den Kopf gegeben und werden das auch weiterhin tun. Wem haben Sie eins auf den Kopf gegeben, von welchen Köpfen reden Sie?"
Alles hielt gespannt den Atem an: gleich würde Sawtschuk eine Bombe platzen lassen, ohne die Wirkung zu berechnen, und es würde ein Gaudium geben und einen Skandal. Auf Stirn und Hals schwollen ihm die Adern an, seine Augen funkelten wutentbrannt und lachten zugleich.
„Ich hab sie verdroschen, diese Ketzerseelen, und ich werd sie verdreschen, diese Saukerle. Dort sitzen Schlosser
auf den Bänken — die haben's auch gekriegt. Die haben die Nase voll von mir, die Feuerzeugmacher. Der Teufel ist immer der alte. Das ist Jacke wie Hose. Früher, beim alten Regime, da hat man mit Automobilern angegeben, und heute schröpfen sie unsereins auf ganz genau solche Tour."
„Wer schröpft? Etwa die Genossen in Partei und Sowjet? Sprechen Sie konkret."
Aus den ersten Reihen kam eine hustenerstickte Stimme: „So schmeißt ihn doch raus! Was tutet er uns hier die Ohren voll."
Der Saal schnaufte und murrte.
„Drücken Sie sich genauer aus, Genosse Sawtschuk. Es gibt verschiedene Köpfe: den einen muss man eins draufgeben, die anderen mehr als den eigenen hüten."
Sawtschuk brummte verstockt: „Habe verdroschen und werde verdreschen. Und Sie brauchen mich nicht zu belehren. Chefs gibt's noch reichlich, und mit denen, die Anweisungen geben, kann man die Straße pflastern..."
Gleb unterbrach ihn mit fremder Stimme: „Hör auf zu randalieren, Freund. Du streitest dich hier nicht mit deiner Motja."
Sawtschuk sah Gleb mit blutunterlaufenen Augen an. „Halt 's Maul, Gleb! Ich bin nicht irgendein hergelaufener Strolch. Ich kusche nicht. Ich kann mich sehen lassen."
Aus den hinteren Reihen schrie plötzlich eine Frau über die Köpfe hinweg: „Aber wie er Selbstgebrannten gesoffen und seine Motja tagtäglich bis auf die Knochen durchgewalkt hat, davon sagt Sawtschuk nichts."
„So sind sie alle, die verdammten Kerls, uns Weiber hetzen sie nur immer rum — koch Essen, schlepp Säcke, deck den Tisch, hat 's Maul, zieh Kinder auf."
Motja sprang von ihrem Platz auf und kam durch den Gang gelaufen.
„Stimmt nicht, stimmt nicht, stimmt nicht! Wenn Sawtschuk mich verprügelt hat, hab ich ihn auch verprügelt."
(Gelächter.) „Sawtschuks Schuhsohlen sind mehr wert als ihr alle zusammen."
Die Leute verstummten verwirrt und verlegen. „Wo hat denn Sawtschuk seine Schuhsohlen, Motja? Er läuft ja barfuss — schau hin."
Motja schimpfte aufgebracht nach rechts und nach links. „Lasst Sawtschuk in Ruh! Er ist besser als ihr alle — jawohl! Lass dir nichts gefallen, Sawtschuk. Hab keine Angst, Sawtschuk!"
Die Kommissionsmitglieder lächelten; auch der Knochige lächelte überraschend heiter.
Polja zitterte und kroch in sich zusammen, als habe sie Schüttelfrost. Sie saß neben Sergej und starrte nach dem Tisch hin. Wie verzaubert sah sie den Knochigen an und lächelte nur mit den Lippen. Ihr Gesicht war voller dunkler Flecke wie bei einer Kranken.
Auch Sergej war erregt — aber ihn erfüllte eine unbestimmte Freude. War es nicht gleich, ob diese Freude aus ihm selbst kam oder ihm aus dem Innern dieser lichtübergossenen Menge zuströmte? Sie sang, sie lachte wie ein kleines Kind in jeder Zelle seines Körpers, und alles — die Leute, das Kichern und Flüstern hinter ihm, der Kronleuchter mit seinen glitzernden Kristalltrauben —, alles war ungewöhnlich neu, voll tiefen Sinns, voller Bedeutung. Bewusst erfasste er nur einzelne Laute und Gesten oder auch die Welle eines allgemeinen Aufseufzens, aber alles war so klar und einfach. Herausgerissene Augenblicke waren das, aber diese Augenblicke strotzten von Leben. Warum ist aber das Zusammenspiel der Augenblicke in ihrer Ganzheit ein so gewaltiger und komplizierter Prozess? Der komplizierte Prozess des Menschenschicksals? Und dieses Schicksal ist eine Tragödie. Der Vater denkt anders. Doch vielleicht enthält jeder einzelne Augenblick die ganze Geschichte? Vielleicht ist nicht die Geschichte das Wichtigste, sondern der Augenblick, nicht die Menschheit, sondern der Mensch? Warum sollte Poljas Gesicht nichts bedeuten? Es ist zart
wie eine Blüte. Wenn sie atmet, beben ihre Nasenflügel und werden blass an den Rändern. In jedem Tropfen Blut, der durch die Adern rinnt, ist Schmerz und Qual. Und in diesen Blutstropfen liegt der ganze Sinn des menschlichen Lebens, die Lösung seines Rätsels, seine ganze Freude und sein Wesen.
„Genosse Sergej Iwagin!"
Er stand auf. Ein Schritt, zwei, drei... Er blieb stehen. Wie einfach und erregend!
Die Worte kamen von selbst. Er hörte seine Stimme und sah eine fremde Nase, hart wie ein Schnabel.
„Sagen Sie, jener Oberst, der kürzlich erschossen wurde, war Ihr Bruder? Haben Sie ihn vor seiner Erschießung oft gesehen?"
„Zweimal: am Sterbebett meiner Mutter und dann, als Genosse Tschumalow und ich ihn beim Signalisieren festnahmen."
„Warum haben Sie nichts getan, um ihn schon nach der ersten Zusammenkunft verhaften zu lassen?"
„Offensichtlich lag dazu kein Grund vor."
„Warum haben Sie im Jahre achtzehn nicht mit der Roten Armee die Stadt verlassen, sondern sind bei den Weißen geblieben? Waren Sie so sicher, nicht erschossen zu werden?"
„Nein, wie sollte ich? Ich hielt die Flucht für ziemlich sinnlos. Man konnte ja auch hier arbeiten."
„So, Sie waren doch damals noch nicht Kommunist? Nun, dann ist alles klar."
„Was ist klar? Was meinen Sie mit Ihrem ,klar'?"
„Genosse, ich bin nicht verpflichtet, auf Fragen zu antworten. Wir veranstalten keine Diskussion. Sie können gehen."
Sergej setzte sich nicht wieder auf seinen Platz, sondern ging zwischen den Reihen der Arbeiter durch nach hinten; mit ihm gingen noch andere Sergejs, die ihn mit weit aufgerissenen Augen aus roten, geschwollenen Lidern anstarrten. Ihm war, als ginge er nicht auf dem Fußboden, sondern auf einem schwankenden, schmalen Brett hinab — immer abwärts, abwärts. Er konnte seine Beine nicht zum Stehen bringen. Die Beine schienen ihn auch gar nicht zu tragen, sondern das Brett, das unter ihm fortglitt und dem er kaum folgen konnte. Hunderte, unzählige Gesichter, borstige Köpfe schwammen in Rauch und feurigem Nebel an ihm vorbei, umdrängten ihn von allen Seiten.
Und dann verschwand plötzlich alles wie ein Spuk. Der Korridor war leer. Nur in der Ferne tönten junge Stimmen.
Ü berprüfungskommission. Der Knochige mit seinem ruhigen Gesicht und seinen ruhigen Bewegungen, mit undurchdringlichen Gedanken, ohne Lächeln, ohne Schmerz (er hat wohl nicht einmal Falten im Gesicht). Alle sind in seine Macht gegeben: Gromada, Sawtschuk und er, Sergej, aber auch Polja, Gleb und Dascha — alle.
Hinter der Tür tönten Stimmen, und es dröhnte sein Kopf.
Als er die Tür öffnete, war er wie geblendet von den roten Fahnen und Transparenten. Die Wände glühten, Inschriften flatterten wie weiße Vögel. Überall, auf den Fensterbrettern, in den Ecken, standen Sträuße von Bergblumen.
Und Jugend in Turnsachen, mit nackten Armen und Beinen. Die Mädchen erkannte man an dem roten Kopftuch und der gewölbten Brust.
Reihen, Figuren, rhythmische Bewegungen ... „Eins — zwei — drei — vier..." Schlingen, Pirouetten, komplizierte Ketten.
„Eins — zwei — drei — vier..." Sergej betrachtete diese Musik der Bewegungen, und sein Herz pochte. „Eins — zwei — drei — vier ..."
Sergej ging zurück in den Theatersaal. Er blieb an der Tür stehen, lehnte sich gegen den Pfosten. Er konnte nicht weiter. Der kleine Tisch hinter den unzähligen Köpfen und Schultern und die vier Köpfe über dem Tisch erschienen unerreichbar fern; und all die Köpfe in den Spiegeln und die vervielfachten Kronleuchter waren unerträglich grell und unheimlich.
Polja stand vor dem Tisch, klein wie ein Schulmädchen, ohne das gewohnte Kopftuch. Ihre Stimme überschlug sich, zitterte und schrie vor Schmerz:
„... ich kann nicht darüber hinwegkommen, weil ich das nicht verstehe, weil ich keine Rechtfertigung dafür finde. Wir haben gekämpft, wir haben gelitten. Ein Meer von Blut, Hunger ... Und auf einmal... ist das auferstanden und nimmt den Mund wieder voll. Ich weiß nicht, was ist eigentlich der Alpdruck: die Jahre des Kampfes, der Leiden, des Bluts und der Opfer oder diese Orgie protzender Auslagen und Saufrestaurants? Wozu dann Berge von Leichen? Doch nicht dazu, dass Gauner und Schmeißfliegen sich wieder an allen Gütern des Lebens ergötzen — dass sie fressen, rauben und jubeln können? Damit kann ich mich nicht abfinden, so kann ich nicht leben. Wir haben uns geopfert, haben unser Leben hingegeben, um uns nun selber schmählich ans Kreuz zu nageln. Wofür?"
„Finden Sie nicht, Genossin, dass Ihre lyrischen Ergüsse jener linken Kinderei ähnlich sehen, von der Genosse Lenin kürzlich gesprochen hat?"
Die Stimme des Knochigen war unbewegt, streng und tonlos, und Poljas Aufschreie hörten sich daneben wie Schluchzen an. Die Menge gekrümmter Rücken und staubiger Nacken schob sich ächzend und erregt vor.
„Sie sind Vorsitzende des Frauenausschusses, Sie leiten die Frauenorganisation und reden vor Arbeitern und diesen Ihren Frauen so ungereimte Dinge. Das ist nicht gut, Genossin."
Man sah von weitem, dass Poljas Lippen zitterten und Tränen in ihren Augen glänzten. Als sie dann wie betrunken durch die Reihen taumelte, sahen die Leute, gebannt von ihrem Anblick, sie düster an und begleiteten sie lange mit den Augen.
„Wer hat etwas über die Genossin Mechowa zu sagen?"
Da stöhnte die Menge plötzlich auf, alles schrie durcheinander und fuchtelte mit den Armen: „Wozu, zum Teufel! Was denn noch? Sie hat recht!"
„Und ich möchte betonen, Genossen Kommission, dass der Lockenkopf ein Grünschnabel ist... und da wir alle noch nicht ausgewachsen sind in Bezug auf Kommunismus ... muss man vor allem das Weibsvolk davonjagen ... und Fräuleins auch."
Als der Lärm abgeflaut war und die Rücken und Nacken ihre frühere Haltung angenommen hatten, erblickte Sergej Gleb, der hinter dem Tisch stand und den Knochigen anstarrte. Er bemühte sich, etwas zu sagen, bewegte Lippen und Kinnlade, doch der andere hob nicht den Kopf und saß unbeweglich.
Dascha stand vor dem Tisch und sah Polja mit gespanntem, aufmerksamem, gequältem Blick nach. Dann streckte sie Gleb die Hand hin und begegnete seinem hilfesuchenden Blick. „Genossen — ein Wort. So geht das nicht."
Sergej folgte Polja in den Korridor und hörte nicht, was Dascha sagte. Polja ging mit raschen, unsicheren Schritten auf den Ausgang zu; ihr zurückgeworfener Kopf schwankte auf den Schultern wie bei einer Blinden. Er rief sie schüchtern an, seine Stimme hallte dumpf in der nächtlichen Leere des Ganges. Sie sah sich nicht um und warf sich mit Wucht gegen die schwere Tür.
Als Sergej wieder in den Saal trat, hörte er den Knochigen zum ersten Male laut, mit junger Stimme rufen: „Das lasse ich mir gefallen! Das ist ein Parteimitglied! Das ist eine Funktionärin, wie sie sein soll. Unsere Partei kann stolz auf solche Genossen sein. Gehen Sie, Genossin Tschumalowa. Ich wünsche Ihnen alles Gute."
Und Sergej sah, wie der Knochige sich vom Stuhl erhob und Dascha die Hand schüttelte.
Ein geringfügiges Element der Allgemeinheit
In seinem Zimmerchen im Haus der Sowjets saß Sergej und las vor seinem Lämpchen Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus". Sorgfältig strich er ganze Absätze an und machte unleserliche Randbemerkungen. Hin und wieder stand er auf und ging, tief in Gedanken versponnen, im Zimmer umher: vom Tisch über einen abgetretenen, verstaubten Läufer in die Ecke zum Waschständer. Er dachte nach und konnte seinen Gedanken keine Form geben. Das Herz brannte ihm vor qualvollem Schmerz. Der Kopf aber war kühl, als streiften ihn fremde Gedanken nur von der Seite her.
Das Prinzip der Energetik widerspricht dem dialektischen Materialismus durchaus nicht, denn Materie und Energie sind verschiedene Formen desselben kosmischen Werdeprozesses. In der Methode liegt alles — nicht in den Worten. Die Dialektik ist energetisch. Die Formen der Wechselbeziehungen zwischen den Elementen der Weltmaterie sind gesetzmäßig und unendlich. In der Formel „Materie und Energie" ist nur das Wörtchen „und" Streitobjekt. Die Formel ist statisch und verlangt eine dialektische Umsetzung. Übrigens, man muss darüber nachdenken, muss sich zurechtfinden... Welch ein Wirrwarr.
Er setzte sich wieder, nahm das Buch und fuhr fort, Absätze anzustreichen und unleserliche Randbemerkungen zu machen.
Im Nebenzimmer, bei Polja, war alles ruhig. Polja war zu Hause. Als er vorhin durch den Korridor kam, war die Milchglasscheibe in ihrer Tür von innen erleuchtet gewesen und hatte wie Raureif geglitzert, und er hatte einen Augenblick lang einen lockenköpfigen, verschwommenen Schatten gesehen. Schon hatte er die Hand auf der Klinke, da war der Schatten ins Wanken geraten, von der Scheibe gerutscht und verschwunden. Er war nicht zu ihr gegangen. Wenn sie ihn braucht, wird sie an seine Tür klopfen oder zu ihm kommen, wie schon so oft.
Mit dem Buch in der Hand näherte er sich auf Zehenspitzen der Tür und lauschte. Stille — keine Schritte, kein Rascheln. Wahrscheinlich liegt sie im Bett, mit Augen, wie sie sie beim Verlassen der Versammlung gehabt hat; vielleicht schläft sie auch, erschöpft von den Aufregungen der letzten Tage. Wenn sie schliefe — das wäre gut; dann könnte sie morgen wieder fest auf den Beinen stehen. Sie ist nur etwas müde geworden (es gibt so viele müde Menschen jetzt); sie braucht nur ein wenig Ruhe. Sie hat den Krieg mitgemacht — und ist glücklich gewesen, hat dort laut lachen gelernt. Sie hat im Frauenausschuss gearbeitet, angestrengt gearbeitet — und hat auch da gelacht. Nun hat ein neuer Abschnitt begonnen, hat einen Rückschlag gebracht — und unter dessen Wucht ist sie plötzlich zusammengesackt. Sie muss nur ein wenig ausruhen und verstehen lernen. Er wird noch nicht schlafen gehen: sie muss ihn zu sich rufen können, wenn sie ihn braucht.
Die Überprüfung. Das alles liegt so fern. Das alles ist so nichtig: Kann denn diese winzige Episode von irgendwelcher Bedeutung sein im allgemeinen Werdeprozess?
Zum offenen Fenster flogen goldene und silberne Nachtfalter in flauschigen Pelzchen herein, flatterten um die Lampe, flogen in die Tiefe des Zimmers und brummten wie eine schwachgespannte Saite. Das Zimmer wirkte dadurch riesengroß, und Sergej musste daran denken, dass er allein war und dass viele ungeahnte Veränderungen in der Zukunft auf ihn warteten. Er ging zum Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. Trotz des Oktobers war es warm, doch spürte man in dieser warmen, dunklen Nacht schon die süßlichen, eigenartigen Gerüche herbstlichen Verwesens; es roch nach Sumpf und nach abgefallenen Blättern. Auch in der steinernen Finsternis der Stadt (es gab noch keine Straßenlaternen) herrschte Stille; nur fern auf dem Bahnhof schrillten Lokomotivpfeifen, rasselten Waggons.
Jenseits der Bucht, unterhalb der Berge, leuchteten verworrene Girlanden elektrischer Sterne. Das war das wiedererwachende Werk. Einzelne Lichttropfen zitterten im Hafen, auf den Landungsbrücken und den Dampfern und warfen ihre feurigen Strahlen auf die Bucht.
Sergej döste für einen Augenblick ein; der Vater tauchte vor ihm auf, trippelte mit bloßen Füßen umher und lachte fröhlich. Er hielt einen Stuhl in den Händen, trat von einem Fuß auf den anderen und sprudelte wirres Zeug hervor. Und weil er nichts von diesem komischen Geschwätz verstehen konnte, packte Sergej das Grauen. Er saß wie gelähmt, wollte aufstehen und konnte es nicht. Der Vater drohte ihm mit dem Finger, zupfte an seinem Bart und lachte fröhlich.
Ein Traum. Das Herz schlug dumpf und langsam. Hinter der Tür, in Poljas Zimmer, brummte die Bassstimme Badjins. Das Eisenbett knarrte und ächzte. Poljas Stimme klang abgerissen — es war nicht zu unterscheiden, ob sie weinte oder lachte.
Das Herz schlug dumpf und langsam. Geduckt, die Adern auf Glatze und Schläfen geschwollen, ging Sergej zur Tür. Stand und lauschte mit erhobener, schlagbereiter Faust. Ein Krampf verzerrte sein Gesicht, die Faust sank langsam herab und löste sich schlaff. Zitternd vor Schüttelfrost, schleppte er sich zum Bett. Blieb stehen und horchte wieder. Dann entkleidete er sich langsam, löschte das Licht und zog sich die Decke über den Kopf.

Wo gehobelt wird, fallen Späne

Am nächsten Morgen wachte Sergej zur gewohnten Stunde auf und sprang rasch aus dem Bett. Er ging sofort zum Waschständer und wusch sich — nicht lange, aber gründlich. Dann stellte er sich mit dem Handtuch vors Fenster (es hatte die ganze Nacht offen gestanden). Im Zimmer war es kalt, und er fühlte sich frisch und elastisch.
Der Himmel war hoch wie im Sommer, die Luft klar und in der Ferne golden. Auf den Bürgersteigen unten brannte die Sonne, die taufeuchten Dächer glänzten und spiegelten das Blau des Himmels. Der Schnee, der wie Wolkenballen auf dem Gipfel über dem Werk lag, leuchtete blendend hell. Ganz fern, in einer Mulde, kroch über Steinhalden und durch junges Waldgestrüpp ein Güterzug wie eine rote Raupe den Hang hinauf; deutlich sah man die kleinen Wagen mit den schwarzen Türvierecken, sah das Spiel der Radspeichen. In feurigen Klumpen flog der Dampf aus dem Schornstein, verbreitete sich in rosa Wolken und leuchtete noch lange. Der Herbstgeruch — dieser süßliche, kühle, metallische Geruch nach Gärung und Verwesung — strömte in würzigen Wellen zum Fenster herein.
Die Überprüfung. Die vielfach widergespiegelten Menschenmassen und Kronleuchter. Seine verlegenen, naiven Antworten. Ach, das lag so weit zurück und war so nichtig! Sein Körper strotzte vor Gesundheit und lechzte nach schwerer Muskelarbeit. Er stand am Fenster und reckte die Arme, die nach Bewegung verlangten — hoch, zur Seite: eins — zwei — drei — vier ... Polja. Ein dumpfer Schmerz zog durch seine Brust. Sie ist nicht zu ihm gekommen, sie hat seine Freundschaft nicht gebraucht. Was in der Nacht geschehen ist, will sie diesmal für sich behalten. Sein Schmerz gehört nur ihm. Ihr Schmerz aber bringt sie ihm noch näher. Er sagt ihr nichts von seinem Schmerz, und sie wird nie etwas davon erfahren. Sie ist stark, sie versteht zu lachen, sie wird ihm, dem Freund, heute mit einem guten Lächeln begegnen. Liebe, liebe Polja!
Er nahm seine Aktentasche und ging auf den Korridor. Poljas Tür war fest verschlossen, aus ihrem Zimmer drang kein Laut. Sie schlief. Sollte sie ruhig schlafen: sie musste ausruhen und sich beruhigen.
Im Parteikomitee ging er in das Zimmer der Überprüfungskommission.
Trotz der frühen Stunde stank das dunkle Zimmer mit dem vergitterten Fenster schon stark nach Machorka. Mehrere Männer standen vor dem Tisch, ihre Gesichter waren zerknittert wie nach schwerer Krankheit. Zwei Angestellte der Abteilung Volksbildung rannten Sergej fast um, schlichen dann schweigend mit dem Lächeln von Geprügelten wie Blinde an ihm vorbei und stießen in der Tür zusammen. Sergej hörte nur, wie Shuk zänkisch schrie: „Prügeln muss man euch, über den Haufen knallen, liebe Genossen. Euch selbst mit Knüppeln aus der KPR rausjagen ... Was versteht ihr vom Arbeiter? Ihr pflegt nur euren Bauch und euer Fell, und die Arbeiterklasse ist euch scheißegal. Wie kannst du mich überprüfen, du Galgenvogel, wenn meine Fresse für dich ein Buch mit sieben Siegeln ist? Hast du mit mir aus einer Schüssel gelöffelt, wie? Mir willst du was vormachen, wo du doch selbst nur ein alter Stinkstiefel bist."
Der Knochige saß taub und verschlossen am Tisch und blätterte teilnahmslos in einem dicken Aktendeckel voll beschriebener Papiere. Als Shuk die letzten Worte herausgeschrieen hatte, hob er den Kopf und sah ihn an.
„Genosse, wenn Sie ein Kommunist sind, wie Sie sich einbilden, warum fehlt Ihnen dann die nötige Selbstbeherrschung? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ..."
Shuk stürzte mit verzerrtem Gesicht auf ihn zu und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Wenn du mich zur Sau machst, du elendes Gerippe, dann soll ich wohl noch danke schön sagen, was? Wartet nur! Ich werde euch schon zeigen, was eine Harke ist."
Der Knochige sagte nachlässig zu dem Kommissionsmitglied mit den breiten Backenknochen und dem dunklen Gesicht: „Genosse Natschkassow, such die Akte Shuk heraus und leg sie für die heutige Kommissionssitzung zurecht."
Dann warf er einen gleichgültigen Blick auf Shuk. „Sie haben sich jetzt endgültig jeden Weg zur Wiederaufnahme in die Partei vermauert, Genosse Shuk. Sie haben zur Genüge bewiesen, dass Sie ein schädliches, zersetzendes Element sind. Ich werde beantragen, Sie unwiderruflich auszuschließen. Und wenn Sie jetzt nicht aufhören zu krakeelen, lasse ich Sie vom Diensthabenden der Tscheka mit Gewalt hinausführen. Verlassen Sie das Zimmer!"
Er fuhr fort, teilnahmslos in der Akte zu blättern.
Shuk knirschte mit den Zähnen, erblickte Sergej und trat aufgeregt zu ihm, als suche er Schutz.
„Siehst du, was hier vorgeht, Serjosha, lieber Genosse! Stellen wir uns her, damit wir lernen, wie man's machen muss." Er winkte ab und ging vernichtet beiseite.
An der Wand gegenüber dem Tisch stand Zcheladse. Er rollte seine großen, blutunterlaufenen Augen und blickte starr auf einen Punkt zwischen den Papieren. Sergej hatte ihn immer nur stumm gesehen; bei der Arbeit fiel er nie auf, und doch hatte er einst eine Gruppe roter Partisanen kommandiert und war mit ihr in die Stadt eingedrungen. Zcheladses Augen stießen auf etwas, er zuckte zusammen und schritt auf den Knochigen zu.
„Ghenosse... Wharum du mhachst Spaß? Lass sehen mit meine Augen! Wharum Worte — lass sehen!"
Die Augen des Knochigen hellten sich vor Verwunderung auf.
„Ich habe Ihnen schon gesagt, Genosse: Sie sind ausgeschlossen wegen Intrigantentums. Ich habe keine Zeit zum Scherzen. Legen Sie Berufung ein!"
Zcheladse erstarrte in seiner früheren Pose, und seine Kiefer arbeiteten wieder.
„Ha, so macht man's also, Serjosha, lieber Genosse! Schau hin, lerne!"
Sergej trat zum Tisch und erkundigte sich nach dem Beschluss der Kommission. Schon gestern war ihm klar geworden, dass er ausgeschlossen war. Er wusste nicht, wo-
für, und hätte er sich nach den Gründen gefragt, wäre ihm keine Antwort eingefallen; trotzdem war er fest überzeugt, dass er ausgeschlossen war.
„Ja, Sie sind ausgeschlossen."
„Die Gründe?"
„Ich kann Ihnen jetzt nicht das Protokoll vorlesen. Sie erhalten zur gegebenen Zeit einen Auszug und erfahren daraus alles. Wenn Sie nicht einverstanden sind, können Sie Berufung einlegen." Er sah Sergej nicht ein einziges Mal an. Sergej stockte das Herz, als er diese Worte hörte.
„Aber das ist doch politischer Tod für mich. Sind Sie sich darüber im klaren, Genosse?"
„Ja, ich bin mir darüber im klaren. Das ist Ihr politischer Tod."
„Aber wofür denn das?"
„Es haben wohl ernste Gründe vorgelegen." Sergej wollte gehen, konnte sich aber nicht vom Tisch fortbewegen — die Beine gehorchten ihm nicht, sie waren um vieles schwerer als er selbst. Vor dem Fenster war kein Sonnenschein, sondern der rote Schein einer Feuersbrunst. Sergej dachte nur, wie es wohl komme, dass die Sonne so durch schwülen Dunst scheine — dann sah er blauen Himmel und in der Nähe die riesigen, grauen Bahnspeicher. Wie er vom Tisch weggekommen ist, wusste er nicht mehr, wusste auch nicht, warum er überhaupt in diesem Zimmer stand. Shuk drückte ihm die Hand und lachte mit etwas heiserer Kehle.
„Das nenne ich eine großartige Arbeit, Serjosha. Hoch die Bürokratie! Aus eurer Parteizelle Sawtschuk rausgeschmissen, die Mechowa rausgeschmissen, du rausgeschmissen. Jetzt blüht ihr Weizen. Jetzt können sie schalten und walten. Na warte nur, ich werd ihnen schon die Flötentöne beibringen."
Zcheladse fuhr plötzlich zusammen und spreizte die Finger wie einen Fächer.
„Ghenosse ... Wharum du Spaß mhachst? Wharum leere Worte du sprichst, sag bitte! Lass sehen mit meine Augen, whas du hast geschrieben."
Wieder hellten sich die Augen des Knochigen erstaunt auf. Er beugte sich kurzsichtig über die Papiere und sagte müde durch die Zähne: „Genosse Natschkassow, zeig Zcheladse den Beschluss."
Zcheladse torkelte wie betrunken zu Natschkassow. Der Angehörige der Kommission mit dem dunklen Gesicht reichte ihm ein engbeschriebenes Blatt und tippte mit dem Finger auf die Mitte.
Außer sich vor Wut, ein irrsinniges Flackern in den Augen, kreischte Zcheladse: „Rraus, Schuft, Hundesohn!" Er sah das Papier nicht an, holte weit aus und schlug sich mit der Faust hinters Ohr.
„Du mhich überprüft... ihr mhich überprüft. Ich euch auch überprüft... Da!"
Ein Schuss krachte, das Zimmer füllte sich mit Rauch. Zcheladse lag auf dem Boden. Aus dem zerschmetterten Schädel sickerte eine blutige Brühe.
Der Knochige war blass geworden; er sprang vom Stuhl auf und sah mit blicklosen Augen erschrocken auf den toten Zcheladse.
Sergej erinnerte sich nicht, wie er aus dem Zimmer gelangt war. Als er zu sich kam, sah er Shidki neben sich stehen; der stieß ihm ein Glas Wasser zwischen die Zähne und brüllte: „Trink, hol dich der Teufel! Heul nicht wie ein Weib! Begreife doch: die Dinge werden nicht hier entschieden. Es gibt auch noch höhere Instanzen. Und wenn man mich rausschmeißt — solche Schweinereien nehme ich nicht stillschweigend hin."
Sergej saß auf dem Stuhl und schluchzte.

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