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Klaus Neukrantz - Barrikaden am Wedding (1931)
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IV. „Zur Roten Nachtigall"

„He... , Fritze, pack sie doch!"
„Da . . halt die Tür zu... !"
„Hahaha... schau, der Strumpf hat ein Loch... "
„Jetzt krieg' ich sie... A u ! das Aas kratzt ja... hol dich der Teufel!"
Wütend sah der Junge auf seine Hand mit einer roten Schmarre... so ein Biest . . , kratzt wie eine Katze! Die anderen jungen Arbeiter standen um ihn herum und lachten.
Gemein seid ihr alle miteinander!" schrie empört das Mädchen, außer Atem von der Herumhetzerei in dem kleinen Zimmer. Man sah ihr an, dass ihre Wut auf die Jungens echt war.
„Na, tu' nich so... , Grete, wird dir nicht gleich der Lack abgehen von deiner Schönheit ..,!" rief ihr ein junger, stupsnäsiger Mensch mit offenem Hemd zu und schmiss ärgerlich seinen Zigarettenstummel auf den Boden, Wenn man mal ein bisschen Spaß mit den Weibern macht, geh'n sie gleich hoch."
Erregt fuhr ihn das Mädchen an: „Ihr denkt, det ihr mit uns Meechen bloß Quatsch und Blödsinn machen könnt... sowie der Otto nich da is, seid ihr rein verrückt! Nischt wie Poussieren habt ihr in Kopp . , . — Warum war denn det früher anders in der Weddinger Jugend... ? — weil wir da politisch gearbeitet haben; und wer bloß knutschen wollte, wurde solange an de frische Luft gesetzt, bis er wieder bei Verstand war... !" Sie holte tief Luft und strich mit einer raschen Bewegung das zersauste Haar glatt."
„Kiek doch die Kleene... wie die angibt?!"
„Du . Jrete... ?"
„Fass mich nich an... oder... "
„Nich doch, Jrete... Ick wollte ja bloß sagen, det de janz recht hast, wir haben doch nur Quatsch gemacht... ", sagte Fritz, der seine Schmarre schon längst vergessen hatte. Es tat ihm wirklich leid, dass er sie so hart angefasst hatte. Die anderen Jungens brummten und machten verlegene Gesichter,
Fast jeden Abend traf sich die Jugend des Kösliner Viertels in dem Lokal „Zur Roten Nachtigall" Auch heute war in den verqualmten, dicht mit Menschen gefüllten Räumen Hochbetrieb. Die Arbeiter der Gasse gaben der „Roten Nachtigall" eine bestimmte politische Atmosphäre, die sonst in den Berliner Kneipen nicht zu finden war. Es sah alles eigentlich mehr nach einem roten Arbeiter-Klub aus. Alles kannte sich untereinander und fremde Gesichter tauchten hier nur selten auf. Gegen Fremde war man misstrauisch.
Einmal hatten Kriminalbeamte der IA versucht, sich hier an einen Tisch zu setzen und gewissermaßen als Legitimation eine „Rote Fahne" aus der Tasche gezogen. Persönlich kannte man sie in dem Kösliner Viertel nicht. Aber die Arbeiter brauchten nur zu sehen, wie sie sich setzten, wie sie das Glas Bier in die Hand nahmen... , das rochen sie schon, wenn sie nur hereinkamen und so bieder „Guten Abend" sagten Diese Tölpel, die glaubten, sie können sich so recht ruhig in die Rote Nachtigall" setzen und herumspionieren. Sie waren wieder an der frischen Luft, ehe sie auf ihren Stühlen warm wurden. Seitdem hatten sie vor den „Bullen" Ruhe Wer nicht hergehörte, sollte draußen bleiben! —
An den Wänden hingen, ordentlich auf Bügel gespannt, verschiedene kommunistische Zeitungen und illustrierte Blätter Darüber große, mit Fotografien geschmückte Tafeln von den Arbeitersportvereinen, die hier tagten An der Seite des Vorderraumes befand sich eine Theke mit dem Glasschrank für Wurstwaren, dahinter der große Spiegelschrank mit Biergläsern, Zigaretten, Schnapsflaschen usw. Auf einem viereckigen Pappschild stand:
Hier gibt es gute alkoholfreie Getränke Glas 10 und 20 Pfennig.
Hinter der Theke hantierte der Besitzer der „Roten Nachtigall", der schwarze Willi. Ein stiller, gutmütiger Mensch, der den vielen Arbeitslosen, die herkamen, in seinem schwarzen, fettigen Buch manchmal einen ziemlich hohen Kredit anschrieb. Nein — ein Sauflokal war die „Rote Nachtigall" nicht! Wer kein Geld oder keine Lust hatte, saß eben auch so da, diskutierte, spielte Schach oder Karten usw. Schließlich war man nicht bei Aschinger, sondern in dem Arbeiterlokal der roten Gasse.
Das Durchgangszimmer, das zu dem kleinen, nach hinten gelegenen Saal führte, war der Aufenthaltsraum der Jugend, fast alle in der grauen Uniform des Roten Frontkämpferbundes und des Jungsturms. Die Diskussion war schon wieder in vollem Gange. Otto, der Leiter der Jungsturmabteilung, war gekommen.
„Kameraden . , wenn ihr so schreit, versteht doch kein Mensch wat!" rief ein junger, großer Mensch, der noch in Arbeitskleidung war, dazwischen. Fritz drehte sich zu dem Großen um:
„Na, Otto... , stimmt det nich... wie kann er denn den 1. Mai verbieten wollen, wenn die Verkehrsarbeiter zweimal einstimmig beschlossen haben, det se am 1. Mai feiern? Und wenn keene Bahn fährt, is doch aus in Berlin mit de Arbeit!" Wütend sah er sich um, als die Kameraden in ein schallendes Gelächter ausbrachen,
„Hahaha... ha, Fritze, du bist een ganz Schlauer!"
„Fritze... , vielleicht weeß det der Polizeipräsident noch nich?"
„Haha... haha... !"
Ruhe, Jungs", rief Otto energisch dazwischen, „lacht doch Fritzen nich so dumm aus. Zum Teil hat er doch recht. Wenn Mittwoch de Bahn nich fährt, is det ein halber Sieg für uns. Das sieht schon in der Stadt ganz anders aus und die Spießer merken schon früh morgens, wat los is. Natürlich wird davon nich das Demonstrationsverbot abhängen. Aber ick werde euch zeigen, dass selbst viele sozialdemokratische Arbeiter noch die Illusion haben, det der „Genosse" Polizeipräsident sich das „noch überlegen wird". Hört mal her... !"
Er zog eine Zeitung aus der Tasche und legte sie auseinander.
Also: Ist sich Genosse Zörgiebel gar nicht bewusst, dass am 1. Mai zweifellos nicht nur Kommunisten demonstrieren werden, sondern auch gute, treue alte Parteigenossen von uns, die sich von niemand das Recht zur Maidemonstration nehmen lassen wollen? Ist er sich nicht bewusst, dass er mit seinem Verhalten der vierzigjährigen Maitradition unserer Partei einen schweren Stoß versetzt? Ist es dem Genossen nicht ein wenig peinlich, ausgerechnet in der Gesellschaft Bulgariens und Jugoslawiens zu erscheinen, der politisch rückständigsten Länder Europas, in denen der weiße Terror umgeht? Sieht Genosse Zörgiebel keinen anderen Weg, als den des Obrigkeitsstaates?"
Das ganze Lokal war still geworden und hatte zugehört. Aus dem Vorderraum kamen Arbeiter und stellten sich in die Tür. Otto hielt das Blatt jetzt hoch, dass es jeder sehen konnte.
„Und wer schreibt det?... Die sozialdemokratische Zeitung in Plauen!"
Fritz sah sich strahlend um. „Na also... wat habe ick gesagt?!" Otto lachte gutmütig: „Sachte, sachte Fritze... , gewiss denken viele anständigen Arbeiter, die immer noch in der SPD sind, so Aber wir dürfen uns nich einbilden, det der „Genosse" Polizeipräsident sich darum kümmern wird. Einen Dreck wird er! Diese „linken" SPD.-Zeitungen schreiben das, weil eine große Zahl ihrer Leser det Verbot für ne Schweinerei halten. Richtig! Aber damit fangen se die Opposition in ihrer eigenen Partei ab. Det is die Aufgabe der „linken" SPD. Wir werden ja sehen, wat die „Linken" am Mittwoch machen werden, ob sie sich als „gute Parteigenossen" das Recht auf die Maidemonstration von ihren eijenen Genossen „nehmen lassen werden" oder nich."
„Künstler werden wa in de Mitte nehmen... ", rief ein Arbeiter lachend.
„Kameraden'', fuhr Otto fort, „weder die SPD. noch die Regierung kann jetzt uff der Straße eene Massendemonstration die ein kommunistisches revolutionäres Gesicht haben würde, gebrauchen.
Det ist der Grund für das Verbot, das bestimmt nicht aufgehoben werden wird! —"
Nur Fritz war mit der allgemeinen Zustimmung durchaus nicht einverstanden Wenn doch selbst eine SPD.-Zeitung so was schreibt?! Er war innerlich fest davon überzeugt, dass das Demonstrationsverbot noch vor dem 1. Mai aufgehoben werden würde. Er nahm sich vor, nachher mit dem, Genossen Hermann, dem politischen Leiter der Parteizelle, darüber zu sprechen. Die Straßenzelle hatte heute in der „Roten Nachtigall" Sitzung. Vielleicht würde er von Hermann auch noch andere Neuigkeiten erfahren.
Im Vorderraum wurde plötzlich die Tür aufgerissen, ein Mädchen drängte sich atemlos durch die Leute vor der Theke und stürzte in den Durchgangsraum. Auf ihrem dunklen Mantelaulschlag trug 6ie das Abzeichen des Kommunistischen Jugendverbandes.
„Otto... ", schrie sie schon in der Tür, „... in der Badstraße überfallen die Nazis... drei von uns!" Die Gesichter unter den Schirmmützen flogen herum.
„Los raus!"
Solche Alarmierungen kamen in letzter Zeit häufig vor. Anscheinend handelte es sich um ein planmäßiges Vorgehen der Nationalsozialisten, die versuchten, mit Überfällen auf einzelne Arbeiter in dem roten Wedding festen Fuß zu fassen.

In dem verlassenen Raum ging der schwarze Willi mit schlürfenden Schritten nach hinten und öffnete das Fenster.
„Qualmen tun se wie die Pest", brummte er vor sich hin, und schüttete die Aschenbecher zusammen Dann rückte er noch ein paar Stühle zurecht und verschwand wieder hinter der Theke. — Vorn saßen einige ältere Arbeiter, darunter der alte Hühner, der noch mit 68 Jahren aktiver Funktionär in der Parteizelle war. Auf dem dünnen, schneeweißen Haar trug er eine blaue, saubere Schirmmütze. Wie oft bei alten Leuten, wurde die von unzähligen feinen Runzeln durchzogene Haut in seinem Gesicht von Tag zu Tag weißer und durchsichtiger. Vielleicht kam es auch davon, dass er immer weniger aß. Sein Junge, bei dem er wohnte, war seit einem Jahr arbeitslos. Der Alte schob das meiste den vier kleinen Würmern seines Sohnes zu. Kinder werden schwerer mit dem Hunger fertig als alte Leute. Er legte seine dünnen knöchernen Hände mit den knotigen blauen Aderlinien auf die Stockkrücke und sah zu dem Wirt herüber.
„Willi... , wat meinst d u denn dazu... ?" fragte er. Er hatte eine langsame, etwas brüchige Stimme. Der schwarze Willi wischte mit einem Lappen über den Ladentisch Er wartete noch ein wenig. Bei Vater Hübner wusste man nie genau, ob noch was hinterher kam.
„Tja... , Vater Hübner... ", antwortete er schließlich, „... is schwer zu sagen — bloß ick denke mir, wenn et am nächsten Mittwoch Blut gibt... denn werden det wohl die Herren da oben so gewollt haben . . sonst würden se et ja am Ende mit det Verbot nich so gemacht haben!"
Der Alte schüttelte leise den Kopf. „Nee... nee, Willi... , ick gloob es noch nich! So alt wie ick heute bin, habe ick jeden 1. Mai gefeiert und bin seit 40 Jahren, solange wie ick organisiert bin, uff de Straße gegangen. — Willi... , ick weeß et noch, als wir 1890 zum ersten Mal am 1. Mai mit rotem Schlips und de Nelke in Knopploch hier in Berlin demonstriert haben. Draußen an' Landsberger Tor. Da hab'n se vor Schreck gleich den „Verband Berliner Metall-industrieller" gegründet gegen die Maidemonstration... Der hat der Polizei nachher 3000 Mark vor „geleistete Dienste" gegeben, weil se so schön blank gezogen haben gegen uns. — Hat aber nischt geholfen... "
Einen Augenblick schwieg er, als wenn er angestrengt über etwas nachdachte. „Willi... , ob se... nach'en Mittwoch den Polizeipräsidenten von Berlin... ooch Geld dafür geben werden?!"
Und plötzlich spuckte Vater Hübner — was er sonst nie tun würde — er spuckte mitten in die Stube. Seine mageren, zitternden Finger pressten sich um den Stockgriff, dass die gichtigen Gelenke weiß wurden Ick aber nich . . „Willi ... , ick bleibe nich zu Hause", stieß er mit vollkommen veränderter, erregter Stimme hervor. — Dann erhob er sich schwerfällig, warf zwei Groschen auf den Tisch, schob ein wenig an der Mütze, und ging humpelnd und wortlos aus dem Lokal. —
„Dunnerlüttchen —!" Der Alte war ja auf einmal mächtig hoch. Der schwarze Willi sah ihm ganz verblüfft nach. So hatte er den Alten noch nie gesehen. Vater Hübner hatte sich erst 192! nach dei blutigen Niederschlagung des mitteldeutschen Aufstandes entschlossen, aus der SPD. auszutreten und sich in der Kommunistischen Partei zu organisieren. Schließlich war es keine Kleinigkeit, wenn man 30 Jahre einer Partei angehört hatte, die heute den Mann stellt, der den 1 Mai mit Polizeigewalt verbieten will... !
Wütend schmiss er den Wischlappen unter den Tisch. „Schweinebande, verfluchte ... ", knurrte er und ging schlürfend nach hinten, um den kleinen Saal für die Sitzung zurecht zu machen.

 

 

 

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