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William Dudley Haywood - Unter Cowboys und Kumpels (1930)
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Dreiundzwanzigstes Kapitel
Mit Blut geschrieben

Für alle, die in Chicago verurteilt worden waren, wurde ein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens beim Appellationsgerichtshof der Vereinigten Staaten, Gerichtsbezirk sieben, eingereicht. Dieser Antrag war mit umfangreichen Rechtsausführungen und Argumenten seitens Vanderveers und Christensens unterstützt. Inzwischen stattete Richter Landis dem Zuchthaus von Leavenworth einen Besuch ab. Wir konnten niemals genau erfahren, warum er das tat, es sei denn, dass er sich am Anblick seiner Opfer weiden wollte. Der IWW-Prozess war der letzte größere Prozess, in dem Landis den Vorsitz führte, da er bald nachher das Richteramt niederlegte, um eine Stelle als Baseballkommissionär für fünfundvierzigtausend Dollar jährlich zu übernehmen, ein Gehalt, das inzwischen auf sechzigtausend Dollar jährlich erhöht worden ist.
Unser Prozess war für Landis eine schwere Last, da er während dieser vielbeschäftigten Zeit nicht an so vielen Spielen teilnehmen konnte, als er sonst gewohnt war. Bei seinem Besuch in Leavenworth nahm Landis nicht auf der Galerie über dem Musikpodium Platz, wo die Besucher gewöhnlich saßen, sondern er steckte seinen Kopf zur Türe herein und musterte verstohlen alle Gefangenen. Er wollte wahrscheinlich die Genugtuung haben, mit eigenen Augen zu sehen, dass wir wirklich alle da waren.
Von Landis' Gericht waren auch fünf Sozialisten verurteilt worden, nämlich Berger, Germer, Tucker, Engdahl und Kruse. Jeder von ihnen war zu zwanzig Jahren in Leavenworth verurteilt worden. Aber der Richter hatte sich nur zum Schein geweigert, die Proteste der Angeklagten, die sich gegen die Zuständigkeit seines Gerichts richteten, zu beachten. Sein Urteil wurde vom Appellationsgericht verworfen, und der Prozess gegen die fünf wurde niemals wieder aufgenommen. Es wäre eine Ironie des Schicksals gewesen, wenn Berger mit einer Strafe von zwanzig Jahren im Zuchthaus von Leavenworth gelandet und dort mit den IWW zusammengeraten wäre, die er so brutal während seines Prozesses angegriffen hatte, um einer Verurteilung zu entgehen.
Die Monotonie des Gefängnislebens lastete schwer auf mir. Ich begann zu verstehen, was mit dem „Gefängnisjammer" gemeint war. In mir wurde diese Stimmung zum großen Teil durch den Mangel an befriedigenden Nachrichten aus der Zentrale hervorgerufen. Ich empfing nur wenig Besuche, und wir durften nur einen Brief in der Woche schreiben. Außerdem ging ich am Sonntagmorgen niemals zur Kirche und besuchte auch nicht während der Wintermonate die Schule. Die Baseballspiele am Sonnabendnachmittag und der Spaziergang in dem Gefängnishof am Sonntag waren für mich von keinem besonderen Interesse, nur boten sie mir schon eher eine Gelegenheit, mich mit einigen anderen Mitgliedern über die Lage zu unterhalten. Die Gefängnispsychose brachte manchen Menschen um den Verstand. Bei jedem Anzeichen von Geistesgestörtheit wurde man in besondere Quartiere gesteckt, in dazu bestimmte Zellen im Parterre des Zellenhauses „B". Für schwere Fälle waren Zellen für Geisteskranke im Lazarett reserviert. Wenn sich keine Besserung zeigte, wurde der Gefangene in eine Irrenanstalt in die Bundeshauptstadt Washington geschickt.
Die Monotonie wurde eine Zeitlang unterbrochen, als die Kameraden aus Sacramento, Kalifornien, ankamen und ich Gelegenheit hatte, mit ihnen über die sensationelle Art und Weise zu sprechen, in der sie durch hartnäckiges Schweigen ihren Prozess geführt hatten. Diese Gruppe war noch nicht lange in Leavenworth, als bereits einer von ihnen, Connors, einen Fluchtversuch machte. Sein zeitweiliges Fehlen genügte, um die „Wildkatze" ertönen zu lassen, aber man fand Connors bald in einem Gerätekasten auf dem Baseballplatz, von wo aus er in der Dunkelheit der Nacht versuchen wollte, über die Mauer zu gelangen.
Der Verteidigungsausschuss war nach Kräften bemüht, Kautionen zu sammeln, und viele meiner persönlichen Freunde versuchten alles, um meine Freilassung auf ihre Bürgschaft hin durchzusetzen. Das gelang auch schließlich, und ich wurde bis zur Entscheidung des Appellationsgerichtshofes über die Wiederaufnahme des Prozesses freigelassen.
Am 28. Juli 1919, am Jahrestag meiner Freisprechung in Idaho, verließ ich das Zuchthaus von Leavenworth. Ich konnte mich nicht von vielen meiner Genossen verabschieden, aber ich hatte mir vorgenommen, während der Zeit, da ich durch die Bürgschaft auf freiem Fuß war, mich mit allen Kräften für sie einzusetzen. Zur Zeit meiner Freilassung waren große Umwälzungen in der Arbeiterbewegung im Gange. Die Spaltung der Sozialistischen Partei in einen rechten und einen linken Flügel reifte nach der im März 1919 erfolgten Gründung der Kommunistischen (Dritten) Internationale heran. Im September sollte es in Chicago zur Entscheidung kommen. Im gleichen Monat begann der große Streik in der Stahlindustrie. Bergarbeiterstreiks lagen in der Luft. Und während dieser ganzen Zeit wurden wir IWW von allen Seiten heftig angegriffen.
Bei meiner Ankunft in Chicago fand ich in der Zentrale vieles verändert. Das Hauptbüro war nicht nur in den obersten Stock geschafft, sondern alles schien vollkommen verwirrt und auf den Kopf gestellt zu sein. Ich berief sofort eine Konferenz der Sekretäre der Industrieverbände ein, an der außerdem der Leiter der Druckerei, der Generalsekretär und Hauptkassierer Tom Whitehead aus Seattle und die Redakteure der verschiedenen Zeitungen teilnahmen. Auf dieser Konferenz erörterte ich die Notwendigkeit der Reorganisierung des Verteidigungskomitees, denn während des Jahres unserer Haft waren nur etwas über siebentausend Dollar für die Verteidigung aufgebracht worden. Ich erklärte den Konferenzteilnehmern, dass ich überzeugt sei, ich könne durch eine Vortragstournee selbst in wenigen Monaten eine größere Summe aufbringen. Die Konferenz beschloss, mich zum Sekretär und Hauptkassierer des Verteidigungskomitees zu wählen.
Ich machte mich ohne Verzug an die Arbeit: brachte das Adressenmaterial in Ordnung, stöberte einen der Vervielfältigungsapparate, rostig und schmutzbedeckt, im Keller auf, ließ ihn reinigen und herrichten; dann sandte ich einen Brief an die gesamte Mitgliedschaft mit der Bitte, mich bei der Wiederbelebung der Arbeit unseres Verteidigungsausschusses zu unterstützen. Mein erster öffentlicher Aufruf war ein Brief: „In Memoriam", der mit breitem schwarzem Rand erschien:
„Arbeitskameraden und Freunde!
Dieser Brief gilt dem Andenken R. J. Blaines, Ed Bums', H. C. Evans', James Nolans und Frank Travis', die alle während der Untersuchungshaft im Gefängnis von Sacramento, Kalifornien, starben... sowie dem Andenken James Gossards, der im Gefängnis von Newton, Kansas, in der Untersuchungshaft... starb. Gleichzeitig soll Euch dieser Brief daran erinnern, dass Hunderte von Mitgliedern der IWW in den Zuchthäusern und Gefängnissen schmachten, von denen ein Teil lange Strafen abzusitzen hat, während andere noch ihre Verurteilung erwarten. Im Staate Kansas befinden sich dreiunddreißig Männer seit fast zwei Jahren in einem der zweifellos übelsten Gefängnisse der Vereinigten Staaten in Haft. Schon zweimal wurden gegen diese Männer Anklagen erhoben, die sich als unhaltbar erwiesen. Auch die dritte Anklageschrift wurde zurückgeschickt. Der Prozess ist für kommenden September anberaumt worden..."
Ich sandte diesen Brief in schwarzumrandeten Briefumschlägen. Als ich jedoch erfuhr, dass unsere Post in Chicago zurückgehalten wurde, schickte ich einige riesige
Koffer voller Briefe nach Minneapolis, Milwaukee, Detroit, Cleveland und andere Städte, von wo aus sie aufgegeben wurden. Der Eingang des ersten Monats machte über neuntausend Dollar aus. In weiteren Briefen bat ich die Mitgliedschaft um ihre Hilfe für die Opfer der Prozesse von Wichita, Chicago und Sacramento und vieler anderer Prozesse, die noch in allen Teilen des Landes liefen.
Der Prozess von Wichita, der mit einem Schuldspruch endete, fand im Dezember 1919 statt. Ich hatte die Dienste eines erstklassigen Rechtsanwaltes in Kansas City gesichert, der zusammen mit Fred Moore arbeiten sollte. Dieser Anwalt fuhr mit Fred Moore nach New York. Von dort reiste er in Verbindung mit dem Prozess nach Washington. Während seines Aufenthaltes in New York verschwand Fred Moore für einige Tage. Man fand sein Gepäck, seine Aktentasche und alle Dokumente auf seinem Zimmer im Hotel. Der Anwalt von Kansas City ließ den Prozess nach seinem Besuch in Washington fallen.
Wir entwarfen einen Antrag auf Wiederaufnahme des Prozesses der in Wichita verurteilten Männer. Aber aus irgendeinem Grunde versäumte es Moore, das Gesuch rechtzeitig einzureichen.
Dieser Vorfall veranlasste mich, wieder eine Konferenz nach der Zentrale einzuberufen. Ich forderte Moore auf, vor derselben dieses offensichtliche Versäumnis zu erklären, und verlangte von ihm, dass er in einem Briefe an den Richter den Grund dafür angebe, warum er als der verantwortliche Rechtsbeistand den Antrag auf Wiederaufnahme des Prozesses nicht innerhalb der geforderten Frist eingereicht habe. Moore weigerte sich und wandte ein, dass ein solcher Schritt seinerseits einem Selbstmord gleichkäme. Daraufhin machte ich den auf der Konferenz Versammelten Mitteilung von anderen Fehlschritten Moores, die er während des Prozesses gegen Ettor und Giovannitti in Salem und in Verbindung mit dem Everett-Prozess in Seattle begangen hatte; wenn diese auch nicht so ernst gewesen seien, wie der zur Debatte stehende Fall, so müsse sich die Organisation doch dagegen schützen.
Moore fungierte damals auch als Rechtsanwalt für die Verteidigung von Charles Kreiger in Tulsa, Oklahoma. Kreiger forderte, dass er weiter sein Anwalt bleiben solle. Moore führte den Kreiger-Prozess auch mit Erfolg durch, aber damit endeten seine Beziehungen zu den IWW. Er wurde später vom Arbeitsverteidigungskomitee für die Verteidigung Saccos und Vanzettis herangezogen.
Ich fuhr nach New York City, wo ich in mehreren Solidaritätskundgebungen sprach, und von dort nach Philadelphia, wo ich am Tage nach meiner Ankunft in der Arbeiterversammlungshalle das Wort nahm. Schon am nächsten Nachmittag fuhr ich weiter. Vor dem Besteigen des Zuges besorgte ich mir die Zeitungen von Philadelphia und New York und las die ersten Nachrichten von der furchtbaren Explosion, die sich in der Wallstreet von New York zugetragen hatte. Neunundzwanzig Personen waren getötet und zweihundert verletzt worden. Ohne den geringsten Beweis wurde in bewusst tendenziöser Form die Beschuldigung erhoben, dass Kommunisten oder andere Radikale geplant hätten, einige der größten Kapitalisten Amerikas zu töten. Unterwegs gelang es mir, eine Chicagoer Zeitung zu kaufen, in der ich in großen Lettern die Nachricht fand, dass Haywood im Zusammenhang mit der Explosion in der Wallstreet von den Behörden gesucht werde. Ich beschloss, mich in diesem Falle nicht zu stellen, sondern einer Verhaftung so lange wie möglich aus dem Wege zu gehen.
In Chicago suchte ich Otto Christensen, einen von den IWW beschäftigten Anwalt, in seinem Büro auf und fuhr mit ihm zusammen nach Grace Bay, einem Sommerkurort, wo ich die Gastfreundschaft des Verwalters eines Sommerhauses, das einem Chicagoer Kapitalisten gehörte, genoss.
Man kann sich leicht vorstellen, welchen Einfluss die Explosion in der Wallstreet auf die Einstellung der Richter des Appellationsgerichtshofes hatte, der gerichtlichen Instanz, bei der unser Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens schwebte.
Nach der Rückkehr in die Zentrale beschloss ich, einen neuen Aufruf zu entwerfen. Maurice Becker, einen Zeichner, der für die Organisation arbeitete, bat ich, mir einen Blutstropfen zu malen. Was er dann aufs Papier brachte, sah mehr einer Perle oder einer Weinbeere ähnlich. Darauf nahm ich eine Feder, tauchte sie in das Tintenfass und hielt sie in die Höhe, bis ein Tropfen aufs Papier fiel. „So was wollte ich haben!" sagte ich. Becker erwiderte: „Nun, warum wollen wir nicht gleich davon ein Klischee machen lassen?" Dies geschah, und ich verwendete es zu dem von mir entworfenen Aufruf mit der Überschrift: „Mit Blutstropfen ist die Geschichte der Industriearbeiter der Welt geschrieben worden." Die ersten Worte waren in roten Lettern gedruckt, und von der ersten und vierten Seite leuchtete der Blutstropfen. Der Appell wiederholte im einzelnen die Verfolgung der IWW, die Verhaftungen und Morde, die Überfälle auf unsere Lokale und die Verweigerung des Rechts, als Organisation der Arbeiter zu existieren und zu wirken.
Dieser Aufruf hatte eine große Wirkung. Im Laufe des
Monats November gingen über zweiundzwanzigtausend Dollar für die Verteidigung ein. Liberty Bonds und Bargeldbeträge wurden zur Verwendung als Kautionen eingesandt. Während der Prozesse erhielten wir insgesamt vierhunderttausend Dollar für die Verteidigung und eine halbe Million Dollar für Kautionen. Die schwarz umrandeten Briefe, deren Expedition die Post verweigert hatte, wurden in Straßenbahnwagen, Theatern und Restaurants verteilt und hier und dort in den Straßen fallen gelassen. Es war sicher, dass neugierige Leute einen Brief mit einem schwarzen Rand auf jeden Fall untersuchen würden, um festzustellen, wer da wohl gestorben sei.
Das Rundschreiben mit den Blutstropfen bewirkte eine ausgesprochene Sensation. Es wurde in England, Sowjetrussland und in anderen Ländern abgedruckt. Viele bekannte Personen traten in Artikeln für die Organisation und die inhaftierten Männer ein. Die Amerikanische Vereinigung für bürgerliche Freiheiten nahm unseren Fall auf und gab mehrere Broschüren für uns heraus, oder vielmehr, wie sich die Mitglieder dieser Organisation ausdrückten, „für Gerechtigkeit und bürgerliche Freiheit".
Im September 1919 versammelten sich in Chicago der ausgeschlossene linke Flügel der Sozialisten und andere Klassenkämpfer zur Gründung der Kommunistischen Partei. Bedauerlicherweise traten jedoch Meinungsverschiedenheiten in dieser Gruppe auf; ein Teil sonderte sich ab, so dass sich zwei Parteien bildeten: die Kommunistische Partei und die Kommunistische Arbeiterpartei. Die letztgenannte Organisation hielt ihre Tagung in den Räumen der IWW unter dem Vorsitz John Reeds ab. Ich wurde aufgefordert, vor den dort versammelten Kommunisten zu sprechen. Ich schrieb ihnen, dass ich beabsichtigte, auf eine Vortragstournee zu gehen, dass ich jedoch hoffte, sie auf den Versammlungen zu sehen, die ich abhalten würde.
Zwölf bekannte Rechtsgelehrte, einige von ihnen Mitglieder der juristischen Fakultät der Harvard-Universität, veröffentlichten einen Bericht, in dem sie das Justizministerium wegen der von ihm angewandten hinterhältigen Methoden und wegen der Beschäftigung von Agents provocateurs für die Regierung heftig verurteilten. Sie wandten sich mit einer Erklärung an das amerikanische Volk, in der sie nach einer Schilderung der Sachlage ausführten:
„Die Handlungen lassen sich in folgende Gruppen zusammenfassen:
1. Grausame und ungewöhnliche Strafen.
2. Verhaftungen ohne Haftbefehl.
3. Ungerechtfertigte Haussuchungen und Beschlagnahmen.
4. Agents provocateurs.
5. Nötigung von Personen, gegen sich selbst auszusagen.
6. Propaganda durch das Justizministerium... "
Dann kamen die so genannten Palmer-Überfälle. Wieder hatte die Regierung ihre Netze gelegt, um Radikale zu fangen. Die neuen Opfer, die in die Tausende gingen, waren Mitglieder der beiden Kommunistischen Parteien und mehrere hundert IWW, darunter auch ich. Hier als ein Beispiel eine der von den Behörden erlassenen Geheimverordnungen:
„An alle Spezialagenten und Beamten: Ich habe Ihnen bereits zwei in dieser Abteilung zusammengestellte Übersichten über die Kommunistische Partei Amerikas und die Kommunistische Arbeiterpartei gesandt, mit der Anweisung, diese genau zu studieren,
damit Sie und die Ihnen unterstehenden Agenten sich mit den Prinzipien und der Taktik dieser beiden Organisationen vertraut machen.
Sie haben mir mehrere eidesstattliche Erklärungen über verschiedene mit diesen Organisationen im Zusammenhang stehende Individuen geschickt und mitgeteilt, dass diese Personen Ausländer und Mitglieder besagter Organisationen sind. Ich habe dem Generalkommissar für Einwanderungsfragen die von Ihnen gelieferten Erklärungen mit der Aufforderung übermittelt, sofort Haftbefehle zu erlassen. Diese Maßnahme wird jetzt vom Einwanderungsbüro getroffen, es werden Haftbefehle vorbereitet und binnen kurzem dem Einwanderungsinspektor Ihres Bezirks zugehen.
Die Abmachungen, die getroffen wurden, sind, kurz gesagt, folgende: Die Haftbefehle werden an den Einwanderungsinspektor weitergeleitet, der sich sofort mit Ihnen in Verbindung setzt und Ihnen die Namen der Personen bekannt gibt, für die er Haftbefehle erhalten hat. Sie werden dann die betreffenden Personen, sofern dies möglich ist, beobachten lassen; zur gegebenen Zeit werden Sie von mir telegrafisch verständigt, wann alle Personen, für die Haftbefehle erlassen wurden, festzunehmen sind.
Bis zur Festnahme dieser Personen müssen Sie alle Anstrengungen machen, um einwandfrei beweisen zu können, dass die Verhafteten Mitglieder der Kommunistischen Partei Amerikas oder der Kommunistischen Arbeiterpartei sind. Von zuverlässiger Seite habe ich erfahren, dass die Zentralen dieser Organisationen ihren Mitgliedern Anweisungen gegeben haben, auf jede von einem Bundesbeamten gestellte Frage die Antwort zu verweigern und alles Beweismaterial für die Mitgliedschaft oder Zugehörigkeit zu den betreffenden Organisationen zu vernichten. Es ist daher von allergrößter Wichtigkeit, dass Sie sofort den Aufbewahrungsort aller Bücher und Akten dieser Organisationen in Ihrem Gebiete feststellen und dass diese im Augenblick der Verhaftungen sichergestellt werden. Sobald die betreffenden Personen festgenommen sind, werden Sie sich bemühen, von ihnen, wenn möglich, Eingeständnisse zu erlangen, dass sie Mitglieder einer dieser Parteien sind, sowie Erklärungen über ihre Staatsangehörigkeit. Ich kann nicht stark genug betonen, wie wichtig die Erlangung dokumentarischer Beweise für die Mitgliedschaft der Verhafteten ist.
Es müssen besondere Anstrengungen gemacht werden, alle Funktionäre dieser beiden Parteien, soweit sie Ausländer sind, festzunehmen; die Wohnungen dieser Funktionäre sind in jedem Falle nach Literatur, Mitgliedskarten, Akten und Korrespondenz zu durchsuchen. Die Versammlungsräume sind eingehend zu durchsuchen, und es sind alle Anstrengungen zu machen, das Statut der Kommunistischen Partei Amerikas oder der Kommunistischen Arbeiterpartei, nach dem die betreffende Ortsgruppe arbeitet, ausfindig zu machen, desgleichen die Mitgliederlisten und Kassenberichte, die, falls sie nicht im Versammlungslokal der Organisation gefunden werden, wahrscheinlich in der Wohnung der Schriftführer und Kassierer zu finden sein werden. Alle Literatur, Bücher, Papiere, alles was an den Wänden hängt, muss gesammelt werden; Fußböden, Wandtäfelungen und Nischen sind nach Verstecken zu durchsuchen. Das aufgefundene dokumentarische Beweismaterial ist zu verpacken, und auf jedem Paket ist der Fundort, der Name der Personen, die das Material fanden, und der Inhalt zu vermerken. Gewaltsames Vorgehen gegen Ausländer soll aufs peinlichste vermieden werden. Sofort nach der Festnahme ist jeder Ausländer eingehend zu durchsuchen... Unter keinen Umständen dürfen Sie die örtlichen Polizeibehörden oder die bundesstaatlichen Behörden vor der Durchführung der Verhaftungen ins Vertrauen ziehen. Es ist gegenwärtig nicht die Absicht dieses Amtes, amerikanische Bürger, die Mitglieder der beiden Organisationen sind, zu verhaften. Falls jedoch irrtümlicherweise amerikanische Staatsbürger in Gewahrsam genommen werden, die Mitglieder der Kommunistischen Partei Amerikas oder der Kommunistischen Arbeiterpartei sind, so sind sie sofort den lokalen Behörden zu übergeben.
Zwecks erfolgreicher Durchführung der Verhaftungen kann es notwendig werden, die Mithilfe der örtlichen Behörden im Augenblick der Verhaftungen zu sichern. Dieser Schritt soll nicht unternommen werden, falls er nicht absolut notwendig ist... Eine solche Mithilfe soll jedoch erst einige Stunden vor der für die Verhaftungen festgesetzten Zeit angefordert werden, damit nichts ,durchsickert'. Es ist deutlich zu verstehen zu geben, dass die vorzunehmenden Verhaftungen unter der Leitung und Überwachung des Justizministeriums durchgeführt werden.
Zu Ihrer eigenen Information habe ich Ihnen mitzuteilen, dass der Tag für die Verhaftungen der Kommunisten vorläufig auf Freitagabend, den 2. Januar 1920, festgelegt ist. Dieser Termin kann noch geändert werden, wenn bis zu diesem Zeitpunkt nicht alle Haftbefehle für Einwanderer ausgefertigt sind. Sie werden jedoch noch telegrafisch über das genaue Datum und die Stunde, in der die Verhaftungen zu erfolgen haben, in Kenntnis gesetzt.
Wenn möglich, sollten Sie mit Ihren innerhalb der Organisationen arbeitenden Gewährsleuten Maßnahmen treffen, damit an dem Abend des festgesetzten Datums Versammlungen der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Arbeiterpartei stattfinden. Ich habe von einigen der Beamten des Büros erfahren, dass solche Veranstaltungen veranlasst werden. Dies würde natürlich die Durchführung der Verhaftungen erleichtern. An dem für die Verhaftungen festgesetzten Abend wird dieses Amt die ganze Nacht geöffnet sein, und ich wünsche, dass Sie telefonisch Mr. Hoover alle Dinge von Bedeutung oder von Interesse mitteilen, die sich im Verlaufe der Verhaftungen ergeben können... Ich wünsche, dass Sie am Morgen nach den Verhaftungen ,zu Händen von Mr. Hoover' durch Eilboten eine vollständige Liste der Namen der verhafteten Personen senden, mit Angabe des Wohnorts oder der Organisation, zu der sie gehören, und einem Hinweis, ob sie in der ursprünglichen Liste der Haftbefehle aufgeführt waren oder nicht. In Fällen, wo Verhaftungen ohne Haftbefehle vorgenommen wurden, sind sofort von den örtlichen Einwanderungsbehörden Haftbefehle zu verlangen. Gleichzeitig ist auch dieses Amt zu verständigen. Ich wünsche auch, dass Sie am Morgen nach den Verhaftungen durch ausführliches Telegramm ,zu Händen von Mr. Hoover' die Ergebnisse der durchgeführten Verhaftungen mitteilen und die Gesamtzahl der von jeder Organisation in Gewahrsam genommenen Personen sowie einen Bericht über etwaiges interessantes Beweismaterial geben.
Dies sind die allgemeinen Richtlinien, die bei diesen Verhaftungen zu befolgen sind; sie werden zur gegebenen Zeit durch telegrafische Anweisungen ergänzt." Diesen allgemeinen Richtlinien waren noch „Anweisungen an die Agenten" beigegeben, die die schmutzige
Arbeit zu verrichten hatten. Dass mit diesen in Washington erlassenen Anweisungen ganz offiziell die verfassungsmäßigen Rechte verletzt wurden, beweist besonders eindeutig der hier beigegebene Absatz 5 derselben: „Den festgenommenen Personen wird nicht gestattet, mit außenstehenden Personen in Verbindung zu treten, solange nicht die Untersuchung durch dieses Amt abgeschlossen ist und dieses Amt die Erlaubnis dazu erteilt hat."
Ich war zum Neujahrsessen bei Ben Schrager eingeladen gewesen und war dann nach dem Norden zum schwedischen IWW-Lokal gefahren. Kaum hatte ich den Hinterraum betreten, als einer der Genossen hereinkam und mir berichtete, dass vorne am Buffet zwei Detektive seien.
Ich sagte: „Dann will ich lieber verschwinden", denn die Kameraden hatten mir schon eine der Abendzeitungen mit der flammenden Überschrift: „Wieder polizeiliche Haussuchungen bei den IWW" gezeigt. Ich fuhr in die Wohnung von Bekannten, wo ich die Nacht über blieb. Am folgenden Abend sandte mir Jack Johnstone, der damals Organisator der Schlachthofarbeiter war, seinen Wagen mit der Aufforderung, ein Quartier aufzusuchen, das sie auf der Ontario Street in der Nähe des Michigan Boulevard für mich ausgesucht hatten. Dort blieb ich einige Tage. Als ich dann plötzlich in Christensens Büro erschien, waren alle erstaunt, mich zu sehen und fragten: „Hat die Polizei Sie denn noch nicht erwischt?" „Noch nicht", erwiderte ich.
Hier wurde mir dann auch mitgeteilt, dass alle in der Zentrale beschäftigten Kameraden, mit Ausnahme der Stenotypistinnen, verhaftet seien. Noch am gleichen Nachmittag ging ich mit William Bross Lloyd zum Gericht des Richters Pam. Dort erlegte Lloyd für mich eine
Kaution von zehntausend Dollar. Im Gerichtssaal traf ich auf Ed Nockles, Sekretär der AFL in Chicago. Ich sagte ihm: „Es soll doch der Teufel holen, Ed, dass die IWW immer für das dran glauben müssen, was die AFL ausgefressen hat." Er lächelte verständnisvoll und sagte: „Es ist schon etwas Wahres dran." Von den Tausenden, die in diesen „Razzien auf die Roten" zusammengetrieben wurden, wurden viele hundert in ihre Heimatländer zurückbefördert. Eine ganze Schiffsladung voll verließ das „Land der Freiheit" mit dem Dampfer „Buford".
Achtundzwanzig Kommunisten, die bei der polizeilichen Razzia in Chicago verhaftet worden waren, wurden schuldig gesprochen und in das Zuchthaus von Joliet im Staate Illinois geschickt, wo sie zehn Tage verbrachten und dann begnadigt wurden.
Die Ortsgruppe Seattle des Verteidigungsausschusses leistete gute Arbeit bei der Sammlung von Kautions- und Unterstützungsgeldern. Als sie die ersten zehntausend Dollar beisammen hatte, veranstaltete sie eine Verlosung. Manuel Rey war der erste, dessen Name aus dem Sack gezogen wurde; aber da die für ihn geforderte Kaution höher als die vorhandene Summe war, kam es zu einer zweiten Ziehung, bei der Red Doran ausgelost wurde.

 

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