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Jack London - Die eiserne Ferse (1906)
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Alpdrücken

Seit der Nacht, in der ich von New York nach Chikago gereist war, hatte ich die Augen nicht mehr geschlossen. Und daher sowohl wie infolge meiner Erschöpfung fiel ich in einen tiefen Schlaf. Garthwaite war nicht zurückgekehrt. Ich hatte meine Uhr verloren und wusste nicht, wie spät es war. Wie ich noch mit geschlossenen Augen dalag, hörte ich wieder denselben dumpfen Ton entfernter Explosionen. Die Hölle war immer noch los. Ich kroch durch den Laden nach vorn. Der Widerschein der ungeheuren Brände machte die Straße fast taghell. Man hätte die feinste Schrift mit Leichtigkeit lesen können. Einige Straßen weiter ertönte das Krachen von Handgranaten und das Rattern der Maschinengewehre, und aus der Ferne hörte man eine lange Reihe schwerer Explosionen. Ich kroch wieder auf meine Pferdedecken und schlief weiter.
Als ich das nächste Mal erwachte, fiel ein schwacher, gelblicher Schimmer herein. Es war die Dämmerung des zweiten Tages. Ich kroch nach vorn, ein rauchiger, von bleichen Strahlen durchschossener Dunst erfüllte die Luft. Auf der anderen Seite der Straße wankte ein unglücklicher Sklave. Die eine Hand drückte er gegen die Seite, und hinter ihm sah ich eine Blutspur. Seine Augen wanderten argwöhnisch und furchtsam umher. Einmal blickte er gerade zu mir herüber, und ich sah auf seinem Gesicht den stumpfen Ausdruck des verwundeten und gehetzten Tieres. Er sah mich, aber zwischen uns gab es keine Verwandtschaft, keinerlei Verständnis; so kauerte er sich denn nieder und schleppte sich weiter. Er erwartete keine Hilfe mehr in Gottes Welt. Er war ein Sklave in dem großen Sklaventreiben, das die Herren veranstalteten. Alles, was er erhoffte, wonach er ausschaute, war eine Höhle, um hineinzukriechen und sich wie ein Tier zu verstecken. Das scharfe Rasseln eines vorbeifahrenden Krankenwagens an der Ecke gab ihm einen Ruck. Aber für seinesgleichen waren die Krankenwagen nicht da. Mit schmerzlichem Stöhnen warf er sich in einen Torweg. Eine Minute später kam er wieder heraus und wankte verzweifelt weiter.
Ich legte mich wieder auf meine Pferdedecken und wartete eine Stunde auf Garthwaite. Meine Kopfschmerzen waren nicht vergangen. Im Gegenteil, sie wurden immer schlimmer. Nur mit größter Anstrengung war ich imstande, die Augen zu öffnen und mich umzusehen. Und das Öffnen der Augen und das Umschauen verursachte mir einen unerträglichen Schmerz. Dazu klopfte das Blut heftig in meinem Hirn. Krank und schwindlig kroch ich durch das zersplitterte Fenster und suchte instinktiv und tappend einen Ausweg aus dem schrecklichen Schlachthaus. Und dann hatte ich einen Alp. Meine Erinnerung an das, was in den folgenden Stunden vorging, ist wie die Erinnerung an schwere, von Alpdrücken begleitete Träume. Viele Ereignisse haben sich meinem Gehirn scharf eingeprägt. Aber zwischen diesen unauslöschlichen Bildern liegen Zwischenräume, die mir völlig aus dem Bewusstsein entschwunden sind. Was in ihnen geschah, weiß ich nicht und werde es auch nie wissen.
Ich erinnere mich, dass ich an der Straßenecke über die Beine eines Menschen stolperte. Es war der arme gehetzte Unglückliche, der sich an meinem Versteck vorbeigeschlichen hatte. Wie deutlich sehe ich noch seine armen, jämmerlichen, knorrigen Hände, die auf dem Pflaster lagen — Hände, die eher Hufen und Klauen als Händen glichen, die ganz verzerrt und entstellt waren durch die Arbeit eines Lebens, und die auf der Innenseite eine schwielige, wohl einen halben Zoll dicke Hornhaut hatten. Und als ich mich aufraffte und weiterging, blickte ich dem Unglücklichen in das Gesicht und sah, dass er noch lebte, denn seine Augen sahen mich stumpf an, und sie sahen mich wirklich.
Dann kam ein freundliches Nichts. Ich wusste und sah nichts, ich humpelte nur weiter, ohne Rettung zu finden. Meine nächste traumhafte Erscheinung war eine stille Totenstraße. Ich stand plötzlich in ihr, so wie ein durchs Land streichender Wanderer auf ein fließendes Gewässer stoßen mag. Nur dass der Fluss, den ich anstarrte, nicht weiter floss. Er war im Tode erstarrt. Von Bürgersteig zu Bürgersteig lag er ganz eben da, nur hier und da ragte ein Klumpen oder ein Hügel von Körpern über die Oberfläche heraus. Das arme gehetzte Volk des Abgrunds, diese gejagten Sklaven — sie lagen da wie die Hasen in Kalifornien nach einer Treibjagd(1). Ich sah die Straße hinauf und hinab. Nichts regte sich. Die stillen Häuser schauten aus ihren vielen Fenstern auf das Bild herab. Nur einmal sah ich einen Arm sich in dem Totenfluß bewegen. Ich schwöre, dass ich ihn sich bewegen, sich wie in heftigstem Schmerz winden und gleichzeitig einen Kopf sich heben sah, der blutbefleckt in namenlosem Schrecken unverständliche Laute sprach, dann wieder zurücksank und sich nicht mehr regte.
Ich erinnere mich einer anderen Straße mit stillen Häusern zu beiden Seiten und eines Schreckens, der mir zum Bewusstsein kam, als ich wieder das Volk des Abgrunds sah. Diesmal jedoch in einem Strom, der floss und näher kam. Aber ich merkte, dass man ihn nicht zu fürchten brauchte. Der Strom bewegte sich langsam, und ihm entstiegen Seufzer und Klagen, Flüche und greisenhaftes, hysterisches, wahnsinniges Schwatzen, denn es waren die ganz Alten und die ganz Jungen, die Schwachen, Kranken und Hilflosen, die Überreste des Arbeiterviertels. Der Brand ihrer Wohnstätten im Süden hatte sie in die Hölle der Straßenkämpfe getrieben, und wohin sie sich wandten und was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht und habe ich nie erfahren(2).
Ich habe eine dunkle Erinnerung, dass ich ein Schaufenster einschlug und mich in einem Laden versteckte, um dem von Soldaten verfolgten Mob zu entrinnen. Einmal krepierte dicht neben mir eine Bombe. Wohin ich aber auch sah, nirgends konnte ich ein menschliches Wesen erblicken. Meine nächste deutliche Erinnerung setzt ein beim Krachen eines Gewehrschusses und der plötzlichen Wahrnehmung, dass ein Soldat von einem Automobil auf mich schoss. Die Kugel ging fehl, und im nächsten Augenblick rief ich die Parole und gab die Zeichen. Meine Erinnerung an die Fahrt in dem Automobil ist sehr getrübt, wenn auch durch ein lebendiges Bild unterbrochen. Das Krachen des Gewehrs des neben mir sitzenden Soldaten zwang mich, die Augen zu öffnen, und ich sah, wie George Milford, den ich von der Pell-Street kannte, langsam auf den Bürgersteig niedersank. In diesem Augenblick schoss der Soldat noch einmal, und Milford brach zusammen. Sein Körper überschlug sich und fiel zuckend zu Boden. Der Soldat lachte, und das Automobil fuhr weiter.
Das nächste, dessen ich mich entsinne, ist, dass ein Mann, der dicht neben mir auf und ab ging, mich aus tiefem Schlummer weckte. Sein Ausdruck war abgehetzt und gespannt, und von seiner Stirn tropfte der Schweiß auf die Nase. Die eine Hand presste er fest an die Brust, und während er ging, tropfte Blut auf den Fußboden. Er trug Söldneruniform. Von draußen klang, wie durch dicke Mauern, das gedämpfte Donnern platzender Bomben. Ich befand mich in einem Hause, von dem aus mit einem anderen gekämpft wurde.
Ein Arzt kam herein, um den Verwundeten zu verbinden, und ich hörte, dass es zwei Uhr nachmittags war. Meine Kopfschmerzen hatten sich nicht gebessert, und der Arzt gab mir ein Pulver, das mein Herz beruhigen und mir Erleichterung bringen sollte. Ich schlief wieder, und das nächste, was ich von mir wusste, war, dass ich mich auf dem Dache des Hauses befand. Der Kampf hatte aufgehört, und ich beobachtete den Ballonangriff auf die Festungswerke. Jemand hatte seinen Arm um mich gelegt, und ich lehnte mich fest an ihn. Es erschien mir als eine unzweifelhafte Tatsache, dass Ernst es war, der mich im Arm hielt, und ich wunderte mich, dass sein Haar und seine Augenbrauen so arg versengt waren.
Es war der reine Zufall, dass wir uns in dieser schrecklichen Stadt gefunden hatten. Er ahnte nicht, dass ich New York verlassen hatte, und als er durch das Zimmer kam, in dem ich schlief, glaubte er zuerst nicht, dass ich es war. Dann sah ich nicht mehr viel von der Chicagoer Kommune. Nachdem wir den Ballonangriff beobachtet hatten, führte Ernst mich in das Haus hinein, wo ich den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht schlief. Noch einen dritten Tag blieben wir in dem Hause, am vierten aber verließen wir Chikago mit Erlaubnis der Behörden, die Ernst ein Automobil gestellt hatten.
Meine Kopfschmerzen waren fort, aber ich war müde an Leib und Seele. Im Automobil lehnte ich mich gegen Ernst und sah mit teilnahmslosen Augen zu, wie die Soldaten versuchten, den Wagen zur Stadt hinauszuschaffen. Der Kampf tobte noch, wenn auch nur an vereinzelten Stellen. Hier und dort befanden sich noch ganze Distrikte im Besitz unserer Genossen, aber sie waren von starken Truppenmassen umzingelt und bewacht. So wurden die Genossen in hundert Einzelschlingen festgehalten, während ihre Unterwerfung weiter ging. Und Unterwerfung bedeutete Tod, denn es gab keinen Pardon, und die Genossen kämpften heldenhaft bis zum letzten Mann(3).
Jedes Mal, wenn wir uns einer solchen Gegend näherten, schickten uns die Wachen zurück und wiesen uns einen Umweg. Einmal führte der einzige uns offene Weg durch einen brennenden Abschnitt zwischen zwei starken Stellungen der Genossen. Von beiden Seiten hörten wir das Knattern der Gewehre und das Brüllen des Kampfes, während das Automobil sich seinen Weg durch rauchende Trümmerhaufen suchte. Oft waren die Straßen durch Berge von Trümmern gesperrt, und wir wurden zu Umwegen gezwungen. Wir steckten in einem Labyrinth von Trümmern und kamen nur langsam vorwärts.
Die Viehhöfe (das Arbeiterviertel, die Schlachtereien und alles sonstige) waren rauchende Ruinen. Zur Rechten verdunkelte eine Rauchwolke weithin den Himmel — dort gab es nichts als Zerstörung, wie der Soldat uns sagte. Er hatte am Nachmittag des dritten Tages ein Automobil mit Depeschen von dort herein gefahren. Einer der furchtbarsten Kämpfe, sagte er, hätte dort stattgefunden, und viele Straßen seien unpassierbar, weil sich die Gefallenen dort zu Bergen angehäuft hätten.
Als wir an den zertrümmerten Mauern eines Gebäudes in der Gegend der Viehhöfe vorbeifuhren, wurde das Automobil von einer Woge des Todes aufgehalten. Sie glich ganz einer von der See aufgetürmten Woge, und uns war klar, was sich hier ereignet hatte. Als der Mob an der Straßenecke anstürmte, war er von Maschinengewehren, die in der Seitenstraße aufgestellt waren, reihenweise niedergemäht worden. Aber auch die Soldaten hatte ihr Geschick ereilt. Eine glücklich geworfene Bombe musste unter ihnen explodiert sein, der Mob, aufgehalten, bis seine Toten zur Woge wurden, hatte seinen lebendigen Schaum, die kämpfenden Sklaven, vorwärtsgeschleudert. Soldaten und Sklaven lagen nun, zerfetzt und zerrissen, um und über den Trümmern der Maschinengewehre und Automobile.
Ernst sprang aus dem Wagen. Er hatte ein Paar Schultern und einen Kranz weißen Haares gesehen, deren Träger er kannte. Ich achtete nicht darauf, und erst, als er wieder neben mir im Wagen saß und der Wagen anfuhr, sagte er:
»Es war Bischof Morehouse.«
Wir gelangten nun bald ins Freie. Ich warf noch einen Blick auf den raucherfüllten Himmel zurück. Von weither kam der dumpfe Ton einer Explosion. Da presste ich mein Gesicht an Ernsts Brust und weinte leise um die verlorene Sache. Ernst legte zärtlich den Arm um mich.
»Für diesmal verloren, liebes Herz. Aber nicht für immer. Wir haben viel gelernt. Morgen wird unsere Sache, stark in Wissen und Zucht, neu erstehen.«
Das Automobil bog auf einen Bahnhof ein. Hier sollten wir einen Zug nach New York bekommen. Während wir noch auf dem Bahnsteig warteten, donnerten drei Züge in der Richtung nach Chikago vorbei. Sie waren voll gepfropft mit zerlumpten, ungelernten Arbeitern, Volk des Abgrunds.
»Sklavenaushebungen zum Wiederaufbau von Chikago«, sagte Ernst. »Du siehst, in Chikago sind alle Sklaven getötet.«

(1) In jenen Tagen war das Land so wenig bevölkert, dass wilde Tiere oft zur Plage wurden. In Kalifornien hielt sich lange der Brauch des Hasentreibens. An einem bestimmten Tage pflegten alle Landwirte einer Gegend sich zu versammeln und die Hasen zu Tausenden in eine dazu hergestellte Einfriedung zu treiben, wo sie dann von Männern und Knaben erschlagen wurden.
(2) Man hat lange Zeit darüber gestritten, ob der Brand des Arbeiterviertels im Süden zufällig erfolgte oder eine Tat der Söldner war; jetzt aber steht endgültig fest, dass das Feuer von den Söldnern auf Befehl ihrer Führer angelegt wurde.
(3) Zahlreiche Häuser hielten sich mehr als eine Woche, eines sogar über elf Tage. Jedes Haus musste wie eine Festung gestürmt werden, und die Söldner erkämpften sich ihren Weg von Stockwerk zu Stockwerk. Es waren Kämpfe auf Leben und Tod. Pardon wurde weder gegeben noch genommen, und bei diesen Kämpfen hatten die Revolutionäre den Vorteil, über den Angreifern zu sein. Wenn die Revolutionäre auch getötet wurden, so war der Verlust doch nicht einseitig. Das stolze Proletariat von Chikago machte seinem alten Ruhm Ehre. Denn so viele von den Seinen getötet wurden, so viele tötete es vom Feinde.

 

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