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Jack London - Die eiserne Ferse (1906)
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Die Chicagoer Kommune

Als Agents provocateurs waren wir nicht nur in der Lage, viel zu reisen, unser eigenes Werk brachte uns auch in stete Berührung mit dem Proletariat, mit unseren Genossen, den Revolutionären. So standen wir gleichzeitig in beiden Lagern, scheinbar im Dienst der Eisernen Ferse, heimlich aber mit aller Macht an der Arbeit für unsere Sache. Viele der Unseren waren in den verschiedenen Abteilungen des Geheimdienstes der Oligarchie tätig, und trotz aller Siebungen und Neuorganisationen, denen der Geheimdienst ständig unterlag, war es nie möglich, uns gänzlich auszurotten. Ernst hatte die erste Revolution in allen Einzelheiten durchdacht und als Zeitpunkt den Anfang des Frühlings 1918 festgesetzt. Im Herbst 1917 waren wir noch nicht bereit. Es blieb noch viel zu tun, und wenn die Revolution überstürzt wurde, war sie natürlich von vornherein zum Misslingen verurteilt. Die Verschwörung war unendlich kompliziert, und jede Übereilung musste sie bestimmt vernichten Das sah die Eiserne Ferse voraus und machte dementsprechend ihre Pläne. Wir gedachten unseren ersten Stoß gegen das Nervensystem der Oligarchie zu richten. In der Erinnerung an den großen Generalstreik hatte die Oligarchie sich durch Errichtung drahtloser Stationen, die unter der Aufsicht der Söldner standen, gegen den Abfall der Telegraphisten gesichert. Aber wir hatten diese Maßnahmen in Rechnung gezogen. Auf das vereinbarte Signal sollten ergebene Genossen aus allen Verstecken des ganzen Landes, Städten, Dörfern und Baracken, ausziehen und die drahtlosen Stationen in die Luft sprengen. Dann war die Eiserne Faust beim ersten Stoß zur Strecke gebracht und lag tatsächlich zerschmettert da.
Im selben Augenblick sollten andere Genossen Brücken und Tunnels in die Luft sprengen und das ganze Eisenbahnnetz zerstören. Wieder andere Gruppen von Genossen sollten auf das vereinbarte Signal die Offiziere der Söldner und der Polizei sowie alle Oligarchen von ungewöhnlichen Fähigkeiten oder in hervorragenden Stellungen festnehmen. Dadurch wurden die gegnerischen Führer von den örtlichen Schlachten ferngehalten, die unweigerlich im ganzen Lande ausgefochten wurden.
Auf das gegebene Signal sollte vieles gleichzeitig geschehen. Die kanadischen und mexikanischen Patrioten, die viel stärker waren, als die Eiserne Ferse sich träumen ließ, sollten dieselbe Taktik wie wir befolgen. Andere Genossen wieder (in diesem Falle Frauen, denn die Männer hatten andere Arbeit zu tun) sollten für schnelle Verbreitung der in unseren geheimen Druckereien hergestellten Kundgebungen sorgen. Wer von uns im höheren Dienst der Eisernen Ferse stand, sollte sofort versuchen, in allen Bezirken Verwirrung und Anarchie hervorzurufen. Unter den Söldnern waren Tausende von Genossen. Ihre Aufgabe bestand darin, die Magazine in die Luft zu sprengen und das feine Getriebe des Kriegsmechanismus zu zerstören. In den Städten der Söldner und Arbeiterkasten sollten die gleichen Zerstörungspläne zur Ausführung gebracht werden.
Kurz, es sollte ein mächtiger, plötzlicher, betäubender Stoß geführt werden. Ehe die gelähmte Oligarchie sich erheben konnte, war ihr Ende gekommen. Es musste schreckliche Zeiten und große Verluste an Menschenleben geben, aber an derlei stößt sich kein Revolutionär. Deshalb waren wir in vieler Beziehung auf das nicht organisierte Volk des Abgrunds angewiesen. Das sollte auf die Paläste und Städte seiner Unterdrücker losgelassen werden, ungeachtet der Zerstörung von Leben und Eigentum. Mochte die Bestie des Abgrunds brüllen und Polizei und Söldner erschlagen. Die Bestie des Abgrunds brüllte ja doch, und Polizei und Söldner würden ja doch töten. Für uns wurde die Gefahr ja nur geringer, wenn sie sich gegenseitig vernichteten. Unterdessen konnten wir viel ungehinderter unser Werk fortsetzen und die Kontrolle über den ganzen Mechanismus des Staates an uns reißen.
Das war unser Plan. Jede Einzelheit musste heimlich ausgearbeitet und mit dem Näher kommen des Zeitpunktes immer mehr Genossen mitgeteilt werden. Das war der gefährliche Punkt: die Ausbreitung der Verschwörung. Aber so weit kam es gar nicht. Durch ihr Spionagesystem hatte die Eiserne Ferse Wind von der Revolution bekommen und ging daran, uns wieder eine ihrer blutigen Lehren zu erteilen. Chikago war die Stadt, die für diese Lehre ausgewählt wurde, und die Lektion, die wir dort erhielten, war gut. Chikago(1) war von allen Städten am reifsten dafür — Chikago, das von alters her die Stadt des Blutes war, und das sich seinen Namen nun aufs neue verdienen sollte. Es herrschte dort ein starker, revolutionärer Geist. In den Tagen des Kapitalismus waren zu viele Arbeiterstreiks niedergeschlagen worden, als dass der Arbeiter hätte vergessen und vergeben können. Sogar die Arbeiterkasten dieser Stadt waren für den Revolutionsgedanken empfänglich. Zu viele Schädel waren in den früheren Streiks eingeschlagen worden. Trotz ihrer veränderten und begünstigten Lebensverhältnisse war der Hass der Arbeiter gegen ihre Herren nicht erloschen. Dieser Geist hatte sogar die Söldner ergriffen, von denen drei Regimenter bereit waren, geschlossen zu uns überzutreten.
Chikago war stets das Sturmzentrum des Konflikts zwischen Arbeiterschaft und Kapital gewesen, eine Stadt des Straßenkampfes und des gewaltsamen Todes, mit einer klassenbewussten Kapitalisten und einer ebenso klassenbewußten Arbeiterorganisation. In früheren Zeiten hatten hier sogar die Schullehrer Gewerkschaften gebildet, die den Maurerverbänden angegliedert wurden. Und Chikago wurde nun das Sturmzentrum der übereilten ersten Revolution.
Die Unruhen waren durch die Eiserne Ferse beschleunigt worden. Sie hatte das geschickt gemacht. Die ganze Bevölkerung, einschließlich der Arbeiterkasten, wurde aufs schändlichste behandelt. Versprechungen und Zugeständnisse wurden gebrochen, und die schärfsten Strafen erwarteten selbst den geringsten Missetäter. Das Volk des Abgrunds wurde aus seiner Antipathie herausgefoltert. Die Eiserne Ferse bemühte sich, die Bestie des Abgrunds zum Brüllen zu bringen. Und Hand in Hand damit hatte die Eiserne Ferse in allen Vorsichtsmaßregeln in Chikago absichtlich eine unbegreifliche Fahrlässigkeit gezeigt. Unter den bleibenden Söldnern war die Disziplin gelockert, während viele Regimenter herausgezogen und nach den verschiedensten Landesteilen geschickt waren.
Die Ausführung dieses Programms dauerte nicht lange — nur wenige Wochen. Wir Revolutionäre hörten nur unbestimmte Gerüchte über den Stand der Dinge, erfuhren aber nichts Genaues, das hingereicht hätte, um die Lage richtig zu erkennen. Wir hielten alles wirklich für eine freiwillige revolutionäre Lebensäußerung, die wir unsererseits sorgsam schüren mussten, und ließen uns nicht träumen, dass es mit aller Sorgfalt in Szene gesetzt war — und zwar von dem engsten Kreise der Eisernen Ferse und so geheim, dass wir keine Ahnung davon hatten. Das Gegenkomplott war eine geschickt erdachte und geschickt ausgeführte Arbeit.
Ich befand mich in New York, als ich den Befehl erhielt, nach Chikago zu kommen. Der Mann, der mir den Befehl brachte, war einer der Oligarchen, das konnte ich aus seiner Sprache entnehmen; seinen Namen kannte ich nicht, und sein Gesicht konnte ich nicht sehen. Seine Vorschriften waren zu klar, als dass ich mich hätte irren können. Ich las deutlich zwischen den Zeilen, dass unsere Verschwörung entdeckt und eine Gegenmine gelegt worden war. Die Explosion war zum Losbrennen bereit, und zahllose Agenten der Eisernen Ferse, darunter auch ich, die entweder in Chikago wohnten oder hingesandt wurden, sollten beim Losbrennen helfen. Ich schmeichle mir, dass ich unter den scharfen Augen des Oligarchen meine Fassung behielt, aber mein Herz schlug wahnsinnig. Ich hätte ihm schreiend mit meinen bloßen Händen an den Hals springen können, ehe er mit seinen kaltblütigen Anweisungen fertig war.
Als er mich verlassen hatte, berechnete ich die Zeit. Ich musste jeden Augenblick benutzen, um, wenn ich Glück hatte, vor Abgang des Zuges noch einen unserer am Orte befindlichen Führer zu sprechen. Ich raste nach dem Emergency Hospital. Ich hatte Glück und wurde sofort bei unserem Genossen Galvin, dem Chefarzt der inneren Station, vorgelassen. Ich schickte mich an, ihm keuchend, was ich wusste, mitzuteilen, aber er hielt mich zurück.
»Ich weiß schon«, sagte er gelassen, aber seine frischen Augen blitzten. »Ich wusste schon, weshalb Sie kamen. Ich erfuhr es vor fünfzehn Minuten und habe die Nachricht schon weitergegeben. Hier wird alles geschehen, um die Genossen zur Ruhe anzuhalten. Chikago muss geopfert werden, aber auch nur Chikago.«
»Haben Sie versucht, Nachricht nach Chikago zu geben?« fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
»Keine telegraphische Verbindung. Chikago ist abgeschnitten. Dort wird die Hölle los sein.«
Er hielt einen Augenblick inne, und ich sah, wie seine weißen Hände sich zusammenkrampften, dann brach er los:
»Weiß Gott, ich wollte, ich könnte hingehen!«
»Es gibt eine Möglichkeit, das Schlimmste zu verhindern«, sagte ich, »wenn im Zuge nichts passiert, und ich zeitig genug hinkomme. Oder wenn ein anderer Genösse, der die Wahrheit kennt, früh genug hinkommt.«
»Ihr vom Innendienst habt euch diesmal schön überrumpeln lassen«, sagte er.
Ich nickte kleinmütig.
»Es ging sehr geheim zu«, antwortete ich. »Nur die Chefs des Innendienstes haben bis heute etwas gewusst. Wir haben es nicht durchschaut und tappten deshalb im Dunkeln. Wenn Ernst nur hier wäre! Aber vielleicht ist er in Chikago, und alles geht gut.«
Doktor Galvin schüttelte den Kopf. »Den letzten Nachrichten zufolge ist er nach Boston und New Haven geschickt worden. Dieser Geheimdienst für den Feind hemmt ihn sehr, aber es ist doch immer noch besser, als tatenlos im Versteck zu bleiben.«
Ich schickte mich zum Gehen an, und Doktor Galvin drückte mir die Hand.
»Bewahren Sie Ihre Ruhe«, lauteten seine Worte zum Abschied. »Was macht es, wenn wir die erste Revolution verlieren sollten? Wir werden eine zweite machen und dann klüger sein. Leben Sie wohl und viel Glück! Ich weiß nicht, ob ich Sie je wieder sehen werde. Dort wird die Hölle los sein, aber ich gäbe zehn Jahre meines Lebens, um statt Ihrer dabei sein zu können.«
Der Atlantikblitz(2) verließ New York um sechs Uhr abends und sollte am nächsten Morgen um sieben Uhr in Chikago sein. Aber in dieser Nacht verspätete er sich. Wir fuhren hinter einem anderen Zuge her. Unter den Reisenden befand sich Genösse Hartmann, der wie ich im Geheimdienst der Eisernen Ferse stand. Er erzählte mir von dem Zuge, der unmittelbar vor uns fuhr. Er war genau wie der unsere, hatte jedoch keine Reisenden. Der Leerzug sollte das Unheil abfangen, falls der Versuch gemacht würde, den Atlantikblitz in die Luft zu sprengen. Es befanden sich übrigens nur sehr wenige Leute im Zuge — in unserem Wagen nur etwa ein Dutzend.
»Es müssen einige prominente Leute im Zuge sein«, erklärte Hartmann. »Ich sah am Ende einen Extrawagen.« Es war Nacht, als der erste Maschinenwechsel stattfand, und ich ging auf den Bahnsteig, um frische Luft zu schöpfen und zu sehen, was ich sehen konnte. Durch das Fenster des Extrawagens sah ich flüchtig drei Männer, die ich kannte.
Hartmann hatte recht. Der eine war General Altendorff und die beiden anderen waren Mason und Vanderbood, die Häupter des inneren Geheimdienstes der Oligarchie.
Es war eine ruhige Mondnacht, aber ich warf mich unruhig hin und her und konnte nicht schlafen Um fünf Uhr morgens stand ich auf und kleidete mich an. Ich fragte die Wärterin im Ankleideraum, wie viel Verspätung der Zug hätte, und sie sagte: zwei Stunden. Sie war eine Mulattin, und ich sah, dass ihr Gesicht abgehärmt war, dass sie tiefe Ringe unter den Augen hatte, während die Augen selbst wie in qualvoller Angst weit geöffnet waren.
»Was ist Ihnen?« fragte ich.
»Nichts, gnädiges Fräulein; ich habe wohl schlecht geschlafen«, lautete die Antwort.
Ich betrachtete sie näher und stellte sie mit einem unserer Zeichen auf die Probe. Sie antwortete, und ich versicherte mich ihrer.
»In Chikago bereitet sich etwas Schreckliches vor«, sagte sie. »Vor uns läuft ein blinder Zug. Der und die Truppenzüge haben unsere Verspätung veranlasst.«
»Truppenzüge?« forschte ich.
Sie nickte. »Die Strecke ist voll davon. Wir haben sie während der ganzen Nacht passiert, und alle gehen nach Chikago. Das hat etwas zu bedeuten.«
»Ich habe einen Freund in Chikago«, fügte sie, wie um sich zu entschuldigen, hinzu. »Er ist einer der Unsrigen, er ist bei den Söldnern, und ich habe Angst um ihn.«
Armes Mädchen. Ihr Freund stand in einem der drei meuternden Regimenter.
Hartmann und ich frühstückten zusammen im Speisewagen, aber ich musste mich zum Essen zwingen. Der Himmel hatte sich bewölkt, und der Zug raste wie ein Unheil verkündender Blitz durch die graue Blässe des anbrechenden Tages. Die uns bedienenden Neger wussten, dass etwas Schreckliches drohte. Sie waren sehr niedergeschlagen, ihre natürliche Gewandtheit hatte sie verlassen, sie waren schlaff und zerstreut in ihrem Dienst und flüsterten trübselig miteinander hinter der Küche, am Ende des Wagens. Hartmann sah die Lage als hoffnungslos an.
»Was können wir tun?« fragte er zum zwanzigsten Male mit hilflosem Achselzucken.
Er zeigte zum Fenster hinaus. »Sehen Sie, alles ist bereit. Sie können sich darauf verlassen, dass man sie alle, wie diese hier, dreißig bis vierzig Meilen vor der Stadt auf den Strecken festhält.«
Er wies auf die Truppentransporte auf den Nebengleisen. Die Soldaten kochten ihr Frühstück auf Feuern ab, die sie auf der Erde neben dem Gleis angezündet hatten, und sahen uns neugierig nach, als wir vorbeidonnerten, ohne unser rasendes Tempo zu verlangsamen.
Als wir in Chikago einfuhren, war alles ruhig. Offenbar war bis jetzt nichts geschehen. In den Vorstädten wurden uns die Zeitungen in den Zug gereicht. Es stand nichts darin, aber doch für den, der zwischen den Zeilen zu lesen verstand, sehr vieles, das absichtlich so geschrieben war, dass der gewöhnliche Leser es übersehen musste. Aus jeder Zeile sah die feine Hand der Eisernen Ferse heraus. Es wurden Andeutungen über ungenügende Rüstungen der Oligarchie gemacht. Etwas Bestimmtes wurde natürlich nicht gesagt. Der Leser musste aus diesen Andeutungen seine Schlüsse ziehen. Es war äußerst geschickt gemacht. Die Morgenzeitungen vom 27. Oktober waren journalistische Meisterwerke.
Die lokalen Nachrichten fehlten. Das war an und für sich schon ein Meisterstreich. Man umhüllte Chikago mit einem Mantel des Geheimnisses und gab den Durchschnittslesern zu verstehen, dass die Oligarchie nicht wagte, die Lokalnachrichten zu veröffentlichen. Natürlich wurden unwahre Andeutungen von Aufständen im ganzen Lande gemacht, die plump in selbstgefällige Hinweise auf die zu ergreifenden Strafmaßnahmen gehüllt waren. Es wurde berichtet, dass zahlreiche drahtlose Stationen in die Luft gesprengt wären, und auf die Entdeckung der Anstifter wurden hohe Belohnungen ausgesetzt. Natürlich waren gar keine Funkstationen in die Luft geflogen. Viele ähnliche, in die revolutionäre Verschwörung hineinpassende Gewalttaten wurden berichtet. Bei den Genossen in Chikago sollte eben der Eindruck erweckt werden, dass die allgemeine Revolution begonnen hätte. Einem nicht Eingeweihten war es unmöglich, das unklare, aber bestimmte Gefühl loszuwerden, dass das ganze Land reif für die soeben begonnene Revolution sei.
Es wurde berichtet, die Meuterei der Söldner in Kalifornien sei so ernst geworden, dass ein halbes Dutzend Regimenter aufgelöst und ihre Mitglieder nebst Familien aus ihren eigenen Städten nach den Arbeitervierteln vertrieben worden seien. Dabei waren die kalifornischen Söldner tatsächlich die pflichttreuesten von allen. Aber wie sollte das von der Welt abgeschnittene Chikago das wissen? Ferner meldete ein Telegramm aus New York den Aufruhr des dortigen Pöbels, mit dem sich die Arbeiterkasten vereinigt hätten, und schloss mit der Versicherung (mit der Absicht, als Bluff aufgenommen zu werden), dass die Truppen Herren der Lage seien.
Und wie mit den Morgenzeitungen, so hatten es die Oligarchen mit tausend ändern Dingen gemacht. Das erfuhren wir später, als zum Beispiel die geheimen Mitteilungen zum ausdrücklichen Zweck verschickt wurden, um das, was der Draht während der ersten Hälfte der Nacht gemeldet hatte, den Revolutionären zu Ohren gelangen zu lassen.
»Ich glaube, dass die Eiserne Ferse uns nicht mehr braucht«, meinte Hartmann, die Zeitung aus der Hand legend, als der Zug in den Hauptbahnhof einlief. »Sie hat ihre Zeit verschwendet, indem sie uns herschickte. Ihre Pläne sind ihr offenbar über Erwarten gut geglückt. Jede Sekunde muss die Hölle losbrechen.«
Er drehte sich um und sah, während wir ausstiegen, den Zug hinab.
»Ich dachte es mir«, murmelte er. »Als die Zeitungen kamen, haben sie den Wagen abgehängt.«
Hartmann war vollkommen niedergeschlagen. Ich gab mir Mühe, ihn aufzuheitern, aber er überhörte mich und fing plötzlich, während wir den Bahnhof durchschritten, sehr rasch und leise zu sprechen an. Zuerst konnte ich ihn nicht verstehen.
»Ich war meiner Sache nicht sicher«, sagte er, »und deshalb habe ich niemand etwas gesagt. Obgleich ich mich wochenlang damit beschäftigt habe, konnte ich nichts Bestimmtes herausbringen. Achten Sie auf Knowlton. Ich habe Verdacht auf ihn. Er kennt das Geheimnis einer ganzen Reihe unserer Zufluchtsstätten. Er hat das Leben von Hunderten der Unsrigen in der Hand, und ich halte ihn für einen Verräter. Es ist eigentlich mehr Gefühlssache, aber ich glaube seit einiger Zeit eine Veränderung an ihm bemerkt zu haben. Es besteht die Gefahr, dass er uns verkauft hat oder im Begriff ist, dies zu tun. Ich würde zu keiner Menschenseele von meinem Verdacht gesprochen haben, aber manchmal denke ich, dass ich Chikago nicht mehr lebend verlassen werde. Behalten Sie Knowlton im Auge. Legen Sie ihm Fallen. Decken Sie ihn auf. Ich weiß nichts Bestimmtes. Es ist nur ein Verdacht von mir, für den ich eigentlich nicht den leisesten Anhaltspunkt finden kann.« Wir betraten gerade den Bürgersteig. »Denken Sie daran«, schloss Hartmann ernst. »Behalten Sie Knowlton im Auge.«
Und Hartmann hatte recht. Noch ehe der Monat zu Ende ging, bezahlte Knowlton seinen Verrat mit dem Leben. Er wurde in aller Form von den Genossen in Milwaukee hingerichtet.
Auf den Straßen war alles ruhig — zu ruhig. Chikago lag wie ausgestorben da. Es gab kein Rasseln und Rollen des Geschäftsverkehrs, nicht einmal Droschken auf der Straße. Kein Wagen der Straßenbahn und der Hochbahn lief. Nur gelegentlich sah man auf den Bürgersteigen vereinzelte Fußgänger, und die schlenderten nicht dahin. Sie gingen in großer Eile und Entschiedenheit ihrer Wege, und doch lag eine seltsame Unentschlossenheit in ihren Bewegungen, als fürchteten sie, dass die Häuser umstürzten, die Bürgersteige unter ihnen versänken oder in die Luft flögen. Nur ein paar Straßenjungen waren sichtbar, und in ihren Augen lag eine unterdrückte Gier im Vorgenuss kommender, erregender Dinge.
Irgendwoher, weit im Süden, schlug der dumpfe Ton einer Explosion an unser Ohr. Das war alles. Dann war es wieder ruhig, wenn die Straßenjungen auch erschraken und wie junges Wild auf den Ton horchten. Die Torwege zu allen Häusern waren geschlossen, die Fensterläden geöffnet. Aber eine Menge Polizisten und Wächter waren sichtbar, und hin und wieder glitt eine Autopatrouille der Söldner rasch vorbei.
Hartmann und ich waren uns einig, dass es unnötig sei, sich beim lokalen Chef zu melden. Wir wussten, dass wir im Hinblick auf die kommenden Ereignisse entschuldigt waren. Deshalb schlugen wir den Weg nach dem großen Arbeiterviertel im Süden der Stadt ein, in der Hoffnung, mit einigen unserer Genossen Fühlung zu erhalten. Zu spät! Wir hatten es uns gedacht. Aber wir konnten doch nicht untätig in diesen grausig stillen Straßen dastehen. Wo war Ernst? Es war merkwürdig. Was war in den Städten der Arbeiterkasten und der Söldner geschehen? In den Festungen?
Wie als Antwort auf meine Fragen erhob sich plötzlich ein durch die Entfernung gedämpftes mächtiges Gebrüll, das von einer Detonation nach der ändern unterstrichen wurde.
»Die Festungen«, sagte Hartmann. »Gott sei den drei Regimentern gnädig.«
An einem Straßenübergang bemerkten wir in der Richtung des Viehhofes eine riesige Rauchsäule. Am nächsten Straßenübergang sahen wir im Westen mehrere solcher Rauchsäulen gen Himmel steigen, über der Söldnerstadt sahen wir einen großen Fesselballon, aber im selben Augenblick barst er und stürzte als brennendes Wrack herab. Wir konnten keine Lösung für diese Tragödie der Luft finden. Wir konnten nicht entscheiden, ob der Ballon von Genossen oder von Feinden bemannt gewesen war. Ein verworrenes Geräusch drang an unser Ohr wie das Brodeln eines riesigen Kessels in der Ferne. Hartmann sagte, dass es von Maschinengewehren herrühre.
Wo wir gingen, war es immer noch ruhig. Hier geschah nichts. Die Polizisten und Autopatrouillen zogen vorbei, und einmal auch ein halbes Dutzend Feuerspritzen, die offenbar von einer Brandstätte zurückkamen. Ein Offizier rief von einem Auto aus einem der Feuerwehrleute eine Frage zu, und wir hörten ihn die Antwort zurückrufen: »Kein Wasser. Sie haben die Hauptrohre gesprengt!«
»Wir haben die Wasserleitung zerstört«, rief Hartmann mir erregt zu. »Wenn wir das schon bei einem vorzeitigen, vereinzelten, unreifen Versuch fertig bringen, was können wir dann erst bei einer gemeinsamen allgemeinen Anstrengung im ganzen Lande erreichen!«
Das Automobil mit dem Offizier, der die Frage an den Feuerwehrmann gerichtet hatte, setzte sich in Bewegung. Plötzlich aber erhob sich ein betäubendes Gebrüll. Der Wagen flog mit seiner menschlichen Fracht krachend in die Luft und fiel als Trümmer- und Todesmasse wieder zu Boden.
Hartmann jubelte. »So war es recht, so war es recht!« wiederholte er immer wieder flüsternd. »Das Proletariat erhält heute seine Lehre, aber es erteilt auch eine.«
Polizisten eilten nach der Unglücksstätte. Ein zweites Patrouillenauto hatte ebenfalls Halt gemacht. Ich selbst war wie betäubt. Alles kam zu unerwartet. Wie war es vor sich gegangen? Ich wusste es nicht, obgleich ich gerade hingesehen hatte. In meiner Betäubung merkte ich kaum, dass die Polizisten uns anhielten. Plötzlich sah ich, dass ein Polizist im Begriff war, Hartmann niederzuschießen, aber Hartmann blieb ruhig und gab das richtige Losungswort. Der Polizist setzte zögernd den Revolver wieder ab, und ich hörte ihn schimpfen. Er war wütend und verfluchte den ganzen Geheimdienst. Er stände überall im Wege, behauptete er, während Hartmann ihm mit gutgespieltem Geheimdienststolz Ungeschicklichkeit der Polizei vorhielt.
Im nächsten Augenblick erfuhr ich, was geschehen war. Um die Trümmer stand nun eine Gruppe Menschen, und zwei Männer waren gerade dabei, den verwundeten Offizier aufzuheben und in das Auto zu legen. Plötzlich wurden alle von einer Panik ergriffen und stoben nach allen Seiten auseinander, rannten in blindem Schrecken fort, während der verwundete Offizier, achtlos auf das Plaster gelegt, allein zurückblieb. Auch der schimpfende Polizist neben mir lief fort, und Hartmann und ich rannten ebenfalls, ohne zu wissen, wohin und warum, von demselben blinden Schrecken gepackt und nur von dem Wunsche beseelt, fortzukommen.
Es geschah tatsächlich nichts, aber alles fand seine Erklärung. Die Fliehenden kamen verdutzt zurück, stets die Augen ängstlich zu den vielfenstrigen hohen Mauern erhoben, die wie die senkrechten Wände einer Schlucht zu beiden Seiten der Straße in die Höhe ragten. Aus einem dieser unzähligen Fenster war die Bombe geworfen worden. Aber aus welchem? Eine zweite war nicht gefolgt, es war nur der Schrecken vor ihr.
Später betrachteten wir forschend die Fenster. Hinter ihnen lauerte vielleicht der Tod. Jedes Haus konnte ein Hinterhalt sein. So wurde Krieg in dem modernen Dickicht der Großstadt geführt. Jede Straße war eine Schlucht, jedes Haus ein Berg. Trotz der vorbeigleitenden Automobile unterschieden wir uns nicht sehr von den Menschen der Vorzeit.
An einer Straßenecke stießen wir auf eine Frau. Sie lag in einer Blutlache auf dem Bürgersteig. Hartmann beugte sich über sie und untersuchte sie. Ich selbst wandte mich sterbenskrank ab. Ich sollte an diesem Tage noch viele Tote sehen, aber das ganze Gemetzel griff mich nicht so an wie dieser eine unglückliche Körper, der verlassen vor meinen Füßen auf der Straße lag. »Brustschuss«, lautete Hartmanns Befund. In ihrem Arm hielt sie ein Bündel Drucksachen, als wäre es ein Kind. Selbst im Tode schien sie sich nicht von dem trennen zu wollen, was die Ursache ihres Todes gewesen war. Denn als Hartmann endlich das Bündel herausgezogen hatte, sahen wir, dass es fettgedruckte Flugschriften, die Proklamationen der Revolutionäre, enthielt.
Aber Hartmann stieß nur einen Fluch auf die Eiserne Ferse aus, und wir gingen weiter. Wir wurden wohl hin und wieder von Polizisten und Patrouillen angehalten, aber unser Losungswort verschaffte uns freie Bahn. Aus den Fenstern fielen keine Bomben mehr, die letzten Fußgänger schienen von der Straße verschwunden, und in unserer unmittelbaren Nähe wurde es immer ruhiger; der riesige Kessel aber in der Ferne brodelte weiter; dumpfes Gebrüll und Explosionen trafen aus allen Richtungen unser Ohr, und die Rauchsäulen stiegen immer Unheil verkündender gen Himmel.

(1) Chikago war die Industriehölle des 19. Jahrhunderts. Eine eigenartige Anekdote von John Burns, einem großen Arbeiterführer und einstigem Mitglied des britischen Kabinetts, ist uns überliefert. Bei einem Besuch der Vereinigten Staaten wurde er in Chikago von einem Journalisten nach seiner Meinung über die Stadt gefragt. »Chikago«, antwortete er, »ist eine Taschenausgabe der Hölle.« Einige Zeit später, als er im Begriff war, sich an Bord eines Dampfers zu begeben, um nach England zurückzufahren, näherte sich ihm ein anderer Journalist, der wissen wollte, ob er seine über Chikago geändert hätte. »Ja, ich habe sie geändert«, sagte er. »Jetzt meine ich, dass die Hölle eine Taschenausgabe von Chikago ist.«
(2) Dieser Zug war damals als der schnellste der Welt bekannt, er war berühmt.

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