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B. Traven - Die Rebellion der Gehenkten (1936)
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ERSTES KAPITEL

Nahe dem Orte Chalchihuistan, in einer Siedlung kleiner, unabhängiger indianischer Bauern, die den Namen Cuishin hatte, lebte auf seinem Ranchito der Tsotsil-Indianer Candido Castro mit seiner Frau Marcelina de las Casas und seinen beiden Söhnchen Angelino und Pedrito. Der kleine Hof, den Candido bewirtschaftete, besaß etwa zwei und ein halbes Hektar Land, das trocken, dürr und steinig war und mit viel Mühe und viel Fleiß bebaut werden musste, sollte er die Familie ernähren.
Große Domänenbesitzer, Finqueros, der beiden Distrikte Jovel und Chiilum, versuchten häufig mit verlockenden Versprechungen, Candido zu veranlassen, sich mit seiner ganzen Familie als Peon auf einer der Fincas anzusiedeln und seinen ärmlichen und verelendeten Ranchito als nutzloses Gut aufzugeben.
Die Finqueros, ständig auf der Suche nach neuen Familien, die unentbehrlich als Arbeitskräfte auf den Fincas sind, waren nicht immer sehr wählerisch hinsichtlich der Mittel, die angewendet wurden, um indianische Familien aus unabhängigen Dörfern und Siedlungen zu ködern. Nicht selten geschah es, dass Finqueros um den Besitz solcher Familien stritten, als wären sie unmarkierte entlaufene Kälber, auf die ein jeder Finquero der Region Anspruch zu haben glaubte.
Die Jefes Politicos, politische Oberhäupter und Vertreter des Diktators in den Distrikten, sowie alle übrigen Behörden waren dabei stets auf Seiten der mächtigen und reichen Finqueros. Natürlich. Gelang es den Behörden, eine unabhängige indianische Familie ihres Bodens zu enteignen, sei es durch Ungültigkeitserklärung ihrer Besitzrechte, oder sei es durch Mittel, die in jeder Hinsicht Verbrechen gleichkamen, so wurde die entrechtete Familie einem Finquero als Eigentum übergeben. Der Finquero übernahm die Schulden jener Familie und bezahlte die hohen Geldstrafen, die einem oder mehreren Mitgliedern der Familie auferlegt worden waren für irgendwelche Vergehen, die sie wirklich begangen hatten oder deren man sie ungerechterweise anschuldigte. Geldstrafen, die zu keinem andern Zweck auferlegt wurden, als die Familie so zu verschulden, dass irgendein Finquero, der sich bereit erklärte, die Schulden zu übernehmen, die Familie als Leibeigene seiner Finca erwerben konnte.
Durch eine angeborene Bauernklugheit, durch Nüchternheit und dadurch, dass er sich um nichts anderes kümmerte als um seine Arbeit, sein Land und um das Wohlergehen seiner Familie, hatte Candido vermocht seine Unabhängigkeit als freier Campesino aufrechtzuerhalten.
Die indianische Siedlung, Rancheria, bestand aus nur fünf Familien, alle der Tsotsil-Nation zugehörend. Obgleich das Land der übrigen Familien um nichts besser war als das des Candido Castro, obgleich alle in sehr ärmlichen Palmhütten, spärlich mit Lehm beworfen, wohnten und ein Leben führten so schlicht, einfach und dürftig, wie es auf dem amerikanischen Kontinent nur indianische kleine Bauern vermögen, so war es nicht nur gegenüber Candido, sondern auch gegenüber allen anderen Familien nie geglückt, eine von ihnen nach einer Finca als Peones hinwegzulocken. Sie hungerten lieber in Unabhängigkeit und Freiheit, als sich anzufetten auf Befehl eines Regenten. Würde man sie gefragt haben, warum sie dies Leben dem der Peones vorzogen, so würden sie vielleicht eine ähnliche Antwort gegeben haben, wie sie eine uralte Negerin in Louisiana aussprach. In ihrer Jugend, vor dem Bürgerkrieg, war sie noch Sklavin gewesen. Alle Sorgen um ihr Wohlergehen hatte damals ihr Herr und Meister; sie arbeitete als Dienstmädchen im Hause ihrer Herrschaft und durfte essen von allem, was die Küche bot. Jetzt lebte sie in einer zusammenbrechenden Hütte, wusch für die Nachbarschaft und wusste nie, ob sie am folgenden Tage etwas zu essen haben würde, ohne stehlen zu müssen und dafür ins Gefängnis zu gehen.
Sie wurde eines Tages gefragt: »Höre, Tantchen, hattest du es nicht viel besser, als du noch Sklavin warst?« »Yassuh«, antwortete sie, »damals hatte ich es gewiss viel besser, aber heute bin ich viel glücklicher; denn sehen Sie, Sir, es ist das Gefühl und nicht der Magen, was die Menschen glücklich macht.«
Und sicher sprach auch hier in Cuishin bei allen den Familien mehr das Gefühl mit als der Magen.
Andernfalls hätte man es sich nicht erklären können, warum die Leute es ertrugen, so dürftig und so mühevoll zu leben, anstatt alle Sorgen um ihr Dasein einem Finquero aufzubürden für die Gegenleistung, zu tun, was ihnen der Finquero zu befehlen geruhen würde.
Der Indianer, in der Tiefe seiner Seele, glaubt mehr an die Macht seines Schicksals als an die Macht irgendeines Gottes oder Herrn. Seinem Schicksal kann er nicht entrinnen, was immer er auch tut. Fühlt er sein Schicksal ihm nahe kommen, dann kämpft er gleich allen menschlichen Lebewesen aus reinem biologischen Selbsterhaltungstrieb gegen das Schicksal mit allen Waffen und Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen oder von denen er glaubt, dass sie ihm von Vorteil sein möchten in dieser oder jener Weise, eingeschlossen die Fürbitten eines Heiligen, der mit dem lieben Gott in telefonischer Verbindung steht.
Aber er fühlt, dass er sich auf verlorenem Posten befindet, und sich dem Schicksal nur darum widersetzt, um dessen Wirkung zu verzögern.
Und als Marcelina, die Frau des Candido, unerwartet heftig erkrankte und keines der Mittel, die bei den Familien in Gebrauch waren, ihr Linderung verschaffte, wusste Candido, aus Instinkt heraus, dass er an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens angelangt war.
Marcelina hatte unerträgliche Schmerzen an der rechten Seite ihres Unterleibes. Sie behauptete, fühlen zu können, wie ihr Leib innen anschwelle und sicher aufplatzen werde. Die alte Partera der Familien, die Hebamme, sagte, die Därme hätten sich verwickelt und verknotet und müssten wieder aufgeknotet werden. Sie half diesem Aufknoten mit starken Abführmitteln nach, geeignet für hartleibige Elefanten. Jedoch Marcelina ächzte und stöhnte nur um so mehr und behauptete, dass ihre Eingeweide hin- und hergezerrt würden und nahe daran wären, völlig zu zerreißen. Die Partera sagte, dass dies ein sicheres Zeichen der ersten Todeswehen sei, und dass es nun an der Zeit wäre, Don Mateo zu melden, er möge doch eine Caja, eine Kiste, aus Jovelto mitbringen, um Marcelina auf fromme christliche Weise zu beerdigen.
Mit dieser Entscheidung war Candido nicht zufrieden. Er liebte seine Frau, dachte nicht daran, sie so leicht aufzugeben und beschloss, sie auf ein Mule zu laden und nach Jovel zu einem richtigen Doktor zu bringen. Alles Geld, das er in seiner Behausung hatte, kratzte er zusammen, und als er es überzählte, fand er, dass es achtzehn Pesos seien. Dass die Doktoren ebenso wenig etwas umsonst taten wie die geistlichen Herren, das wusste er; und dass diese Krankheit von einer Art war, für die ein Doktor sich nicht mit dem üblichen Peso begnügen würde, das wusste er auch.
Jeder Tritt, den das Mule tat, verursachte der Frau solche Schmerzen und löste ein solches Wimmern aus, dass Candido, sobald der Weg zu schlecht und holperig wurde, seine Frau auf den Rücken nahm und das Mule an der Leine führte. Aber es tat der Frau wenig gut, weil nun ihr schmerzender Unterleib sich mit der vollen Last ihres Körpers gegen den Rücken ihres Mannes presste. Dadurch wurden ihre Qualen so vergrößert, dass sie ihren Mann bat, sie doch wieder auf das Mule zu setzen, wo sie weniger Schmerzen fühle. Endlich aber vermochte die Frau weder auf dem Mule zu sitzen, noch sich überhaupt zu bewegen.
Sie ersuchte ihren Mann, sie am Wege niederzusetzen und sie in Ruhe sterben zu lassen; denn sie fühle, dass sie dem Tode nahe sei und ihm nicht entrinnen könne.
Als die beiden dort nun wohl eine halbe Stunde gerastet hatten, die Frau ausgestreckt am Boden, ihr Mann verzweifelt neben ihr sitzend, ihr zuweilen Wasser von einem trüben lauwarmen Bach bringend, der an der gegenüberliegenden Seite der Straße traurig seines armseligen Weges sickerte, kam eine Gruppe von indianischen Familien daher, die in Jovel zu Markte gewesen waren und nun in ihr Dorf zurückkehrten. Sie gehörten zum gleichen Stamme und zur selben Parochia, der Kirchgemeinde, der auch die Siedlung angegliedert war.
Alle setzten sich zur Rast nieder, um am Bach zu trinken. »Wo gehst du hin, Candido?« fragte einer der Männer. »Der Markt ist längst vorüber.«
»Marcelina ist so krank im Unterleib, dass sie wohl bald sterben wird. Ich wollte sie zu einem Doktor nach Jovel bringen, der ihr vielleicht die Därme auseinanderknüpfen kann, die sich alle verwickelt haben. Aber ich kann sie nicht auf dem Rücken tragen, dann schreit sie, und auf der Bestia kann sie auch nicht mehr sitzen, so weh tut es ihr im Leib. Sie ist schon halb tot, und ich warte nun hier, bis sie gestorben ist. Dann kann ich sie wieder auf das Mule laden und heimbringen. Es ist schade, sie ist so jung, so sehr gut, eine so tüchtige Arbeiterin im Haus und im Felde, und die beiden Kinder werden keine Mutter mehr haben.«
Darauf sagte einer: »Du musst sie nicht so leicht aufgeben, Candido. Freilich, wenn Marcelina sterben soll, dann stirbt sie. Aber vielleicht soll sie noch nicht sterben, und wir können dir helfen. Warte einen Augenblick.«
Er rief mehrere Männer beiseite und redete mit ihnen. Dann kam er zurück zu Candido. »Wir tragen deine Frau Marcelina auf unsern Schultern nach Jovel zum Doktor, und wir werden so leicht gehen und so weich, dass sie gar nicht fühlen soll, dass sie überhaupt getragen wird.«
Candido nickte, ohne ein Wort zu sagen.
Die Männer krochen in das Gehölz und schnitten Stämme ab, mit deren Hilfe sie eine einfache Tragbahre fertigten. Zwischen den Stämmen spannten sie ihre entleerten Tragnetze aus, und auf dieses Lager betteten sie Marcelina.
Ihre eingekauften Waren verteilten sie auf die Frauen und Burschen, die nach Hause wanderten.
Marcelina, vor Schmerzen bewusstlos geworden, wurde nicht gewahr, was mit ihr geschah.
Spät am Abend langten sie in Jovel an. Sie brachten die Erkrankte zu einem Doktor. Der Doktor fühlte die Stelle am Unterleib der Frau ab und sagte dann: »Sie muss operiert werden und gleich jetzt.
Ich muss ihr den Bauch aufschneiden und ein Stück Darm herausnehmen, der vereitert ist und in zwölf Stunden ihren Tod verursacht, wenn ich ihn nicht herausschneide. Was kannst du denn bezahlen, Chamulito?«
»Achtzehn Pesos, Doctorcito Patroncito, mein Herrchen und Doktorchen.«
»Was denkst du dir denn, Chamulito, was das kostet? Achtzehn Pesos kostet mich ja schon die Watte allein, der Alkohol, die Jodoform-Gaze. Was kann ich denn mit achtzehn Pesos tun? Chloroform kostet mich zehn Pesos.«
»Pero, por el amor de Dios, um der Liebe Gottes willen, Doctorcito Jefecito, ich kann doch meine Frau nicht sterben lassen wie einen Hund.«
»Ich will dir etwas erzählen, Chamulito. Siehst du, wenn mir die Liebe Gottes meine rückständige Miete bezahlt, meine Lichtrechnung, meine Schulden beim Krämer, beim Bäcker, beim Fleischhacker, beim Schneider, dann kann ich deine Frau wohl recht gut auch um der Liebe Gottes willen operieren.
Aber weißt du, Chamulito, ich habe mehr Vertrauen zu deinem Geld und zu guten Bürgen, die du mir bringst, denn zur Liebe Gottes. Gott kümmert sich um ein Spätzlein, das von einem Aste herunterfällt, aber nicht um einen Doktor, der in seinen Schulden ersäuft. Und alles sind Schulden von meinem Studieren her und von Rechnungen, die ich nicht bezahlen konnte, weil hier so viele Doktoren sind und zu wenig Kranke, die Geld haben.«
»Aber meine Frau stirbt, wenn Sie sie nicht operieren.«
»Auch ich sterbe Hungers, weißt du, wenn ich umsonst operiere. Gut alles, was ich dir sagen kann, ist, dass die Operation dreihundert Pesos kostet. Aber damit du einsiehst dass ich kein Heide bin und niemand, nicht einmal die Frau eines unwissenden Indianers, herzlos sterben lasse, wenn ich etwas für sie tun kann: ich werde die Operation für zweihundert Pesos vornehmen. Es ist eine Schande, und ich kann aus der Ärzteorganisation wegen Preisverlumpung schmachvoll ausgestoßen werden. Also zweihundert Pesos. Und du bringst die zweihundert Pesos in weniger als drei Stunden oder die Operation hat keinen Zweck mehr.«
Während dieser Unterredung lag Marcelina auf einem Petate auf dem Ziegelfussboden im Portico des Doktorhauses. Die Männer, die sie hergebracht hatten, hockten in der Nähe, halblaut schwatzend und Zigarren rauchend.
Was hätten sie auch sonst tun können? Alles Geld, das sie in ihren Heimen besaßen, zusammengeworfen, brachte keine zweihundert Pesos. Sie hätten auch noch ihre Schafe dazu verkaufen können und wahrscheinlich wäre der Ertrag noch immer nicht auf zweihundert Pesos gekommen.
Wie und wo Candido gedachte, zweihundert Pesos zu erlangen, wusste er nicht. Und dass ihm zweihundert Pesos in dieser Not in der er sich befand, vom Himmel regnen könnten, daran glaubte er nicht.
Nachdem der Medico den Preis festgesetzt hatte und keinen Patienten in seinem Consultorio warten sah, stülpte er sich einen alten Hut auf und ging hinaus auf die Straße. Er musste doch wieder einmal sehen, ob die Häuser noch alle auf ihrem alten Platze standen oder ob sich während der letzten drei Stunden etwas in der Stadt ereignet habe, das würdig sei, darüber in der Cantina zu schwatzen.
Vielleicht hatte Dona Adelina es doch endlich erfahren, dass ihr Gespons Don Pablo jeden zweiten Abend eine Stunde oder eine und eine halbe Stunde bei der appetitlichen Witwe Dona Pilar verbrachte, deren Mann nur gerade vier Monate unter der Erde lag. Das war eine Schande. Nicht, dass Dona Pilar sich mit dem verheirateten Don Pablo vergnügte, sondern dass Dona Pilar nicht soviel christlichen Anstand zeigte, wenigstens ein volles Trauerjahr abzuwarten, ehe sie sich weltlichen und anderen Belustigungen hingab. Die ganze Stadt, mit der einzigen Ausnahme von Dona Adelina, wusste von den abendlichen Besuchen. Und da die Stadt sonst nichts an Neuigkeiten besaß, Straßenunfälle nie vorkamen und nur gelegentlich ein Hauseinsturz, so wartete die ganze Stadt auf das große Ereignis, da Dona Adelina erfahren würde, dass sie nicht die Einzige und Bevorzugte sei, die das Recht und das Vergnügen habe, Erleichterung aus mancherlei irdischen Nöten zu finden. Und ganz gleich, ob sich zwei Männer in einer Cantina trafen oder zwei Frauen auf dem Markte oder vor der Haustüre, sobald das Wetter mit einigen Worten erwähnt war, fiel die Frage: »Weiß Dona Adelina noch immer nichts von dieser Schande?« Niemand betrachtete es als Schande oder sah etwas Unmoralisches in jenen abendlichen Besuchen. Jeder war gesund und normal genug, um einzusehen, dass Dona Pilar zu ihren natürlichen Rechten kommen musste, und die Nachbarn wünschten nicht die Entdeckung an sich. Das kümmerte sie wenig. Was die Leute allein wünschten, war, den Skandal genießen zu können, den Dona Adelina aus Selbstachtung heraus anzustellen gezwungen war. Es bestand nur eine Sorge in der Stadt, die, dass Dona Adelina vielleicht schon von der Sache wusste, aber absichtlich keinen Skandal machte und so jegliche Hoffnung auf eine gesunde dramatische Komödie zerstörte.
Ehe der Doktor seinen Rundgang um die Plaza machte, dann in die Cantina ging zu sehen, wer da wäre, und so einen Grund zu haben, zwei Comitecos statt einen zu trinken, wanderte er zuerst in die Botica, die Apotheke, um seinem besten Freund und Geschäftsgenossen, Don Luis, dem Boticario >Buenas Noches< zu wünschen. Wo Doktor und Boticario gute Freunde sind, blüht das Geschäft für beide; wo jedoch die beiden in bitterer Feindschaft leben, werden Kranke fett und alt, und die deutschen Farben-Werke müssen Arbeiter entlassen.
Als der Doktor das Haus verlassen hatte, wusste Candido nicht, was er noch weiter hier tun sollte. Er beschloss, auf die Straße zu gehen und zu sehen, wohin der Doktor gegangen sei. Einen andern Doktor aufzusuchen, daran dachte er nicht. Denn er wusste recht gut, dass alle Doktoren gleich seien, wenn der Preis in Frage kam. Zu Doktor Pablo war er gekommen, weil alle seine Nachbarn in der Siedlung und in dem nächsten Dorfe zu ihm gingen, wenn sie einen Doktor benötigten. Sie wechselten diesen Doktor erst dann, wenn er einen ihrer Sippe zu Tode kuriert hatte. Dann versuchten sie es mit einem andern, solange, bis auch der an dem Tode eines Stammesgenossen schuldig gesprochen wurde. Nach Monaten freilich war die Reihe der Doktoren erschöpft, und der ganze Stamm kehrte nach und nach zu dem ersten zurück, bis sich sein Schicksal abermals erfüllte. Die Doktoren der Stadt sahen die Indianer nicht ungern als Patienten; denn es waren die Patienten, die jede Behandlung sofort bezahlten, und darum gleich bezahlten, weil ihnen nicht geborgt wurde. Sobald ein Indianer in den Consultorio trat, und ehe der Doktor ihn fragte, was er habe und wo es ihm fehle, musste er seinen Peso oder, wenn ihm Preisermäßigung bewilligt wurde, einen halben Peso oder seine sechs Reales, dreiviertel Peso, auf den Tisch abladen. Ein Doktor, der viele Indianer als Patienten hatte, war in materieller Hinsicht bei weitem besser gestellt als der, der nur Ladinos, die mexikanische Bevölkerung, empfing. Die Ladinos bezahlten besser, aber sie bezahlten selten, ehe drei volle Jahre vergangen waren, und dann murrten sie noch, dass der Doktor sie ewig mit seinen Rechnungen belästigt habe. Das nächste Mal würden sie einen anderen nehmen.
Candido hatte seine Frau in der Obhut seiner Freunde im Portico des Hauses des Doktors zurückgelassen.
Auf der Straße stehend, wusste er nicht, wohin er sich wenden sollte. Aber da er keinen anderen Gedanken hatte als seine todkranke Frau, ging er auf die nächste Botica los mit der Absicht, den Boticario zu fragen, was für eine Medizin er ihm für seine Frau empfehlen könne. Die unbestimmte Hoffnung, es möchte vielleicht ein wirksames Mittel geben, das er mit seinen achtzehn Pesos kaufen könne, führte ihn zu der Apotheke.
»Was willst du haben, Chamula?« fragte ihn Don Luis. »Ammoniaco oder Camphor?« »Das wird mir nicht viel helfen, meine Frau hat es hier an dieser Seite im Unterleib.« Er erklärte die Krankheitsgeschichte.
Als er damit durch war, sagte der Boticario, ein ehrlicher Mann, er habe für diesen Fall keine Medizin, und nur eine Operation könne helfen.
»Sprich mit dem Doktor hier«, riet er Candido. In diesem Augenblick war der Arzt in den Laden gekommen, um von Don Luis zu hören, welche Neuigkeiten sich in der Stadt innerhalb der letzten vier Stunden ereignet hatten.
»Ich kenne den Chamula«, sagte der Medico. »Seine Frau liegt bei mir im Portico. Sie hat Blinddarmentzündung. Ich habe ihr Eis aufgelegt. Hilft nicht viel. Wenn ich nicht operiere, geht sie drauf. Aber wie kann ich denn operieren, er hat nur achtzehn Pesos.«
»Dafür kann Sie es freilich nicht machen«, lachte der Boticario. »Für die Watte allein, die Gaze und Chloroform muss ich Ihnen ja schon mehr berechnen als achtzehn Pesos.«
»Das habe ich dem Chamula bereits klargemacht.« Nun wandte er sich an Candido: »Hast du denn niemand hier, der dir vielleicht die zweihundert Pesos borgt, damit du deine Frau retten kannst?«
»Wer wird mir denn zweihundert Pesos borgen?« Candido sagte das weder hoffnungslos noch verzweifelt, sondern ebenso schlicht, als ob er sagen würde: »So ist es und daran kann ich nichts ändern.«
»Könntest vielleicht einen Kontrakt als Kaffeepflücker nach Soconusco annehmen. Der Enganchador würde dir sicher zweihundert Pesos Vorschuss geben«, schlug der Boticario vor.
Candido schüttelte den Kopf. Nach Soconusco gehe ich nicht. Da sind die Alemanes. Die haben alle Cafetales. Sie sind grausam und behandeln einen Indianer, als wäre er weniger als ein Hund. Nein, dorthin gehe ich nicht.«
»Dann wird dir kaum zu helfen sein, Chamula, und deine Frau wird wohl sterben.«
»Das wird sie wohl, Patroncito«, meinte Candido in einem Tone, als spräche man von einer Frau, die er nicht kenne. Er schabte sich den Rücken gegen den Türpfosten, kraulte sich im Haar herum und spuckte aus auf die Straße, die von einigen traurig glimmenden Glühbirnen mager beleuchtet war.
Der Boticario, beide Arme faul auf die Ladenplatte gestützt und eine Zigarette im Munde herumquirlend, blickte gleichfalls auf die Straße hinaus, die hier in die nordöstliche Ecke der Plaza einmündete. Während der Doktor mit seinem Rücken an der Ladenplatte lehnte, um sich nach den Anstrengungen eines völlig arbeitslosen Tages so faul und bequem wie möglich auszuruhen, hatte er rückwärts beide Ellenbogen auf die Ladenplatte gelümmelt und seinen rechten Fuß auf eine Kiste gesetzt, die schon seit dem Morgen unausgepackt hier im Laden stand.
»Wann wird denn nun endlich die alte Schraube, Dona Amalia, abnibbeln?« fragte der Boticario gelangweilt. »Dona Amalia? Welche meinen Sie denn?« fragte der Arzt. »Die mit dem Uterus-Krebs.«
»Nach allen medizinischen Weissagungen und nach den allerbesten Prophezeiungen Äskulaps ist Dona Amalia seit mehr als zehn Jahren tot und begraben. Da sie aber immer noch herumhüpft und ihre Tage damit verbringt, über ihre Leiden zu klagen und über den unnützen Saufbold zu schimpfen, den ihre Tochter geheiratet hat, scheint das ein neues Beispiel zu sein für die laienhafte Behauptung, dass die medizinische Wissenschaft auf derselben Stufe sich befinde, wo sie vor dreitausend Jahren war. Und das ist auch meine ehrliche Meinung.« Er wollte noch etwas hinzufügen, wurde aber in seiner philosophischen Abhandlung unterbrochen durch das Auftauchen eines Mannes, der plötzlich im Lichtkreis der gutbeleuchteten Botica erschien.
»He, Don Gabriel«, rief der Doktor, »wo kommen Sie denn her? Auf Vergnügungsabstecher?«
Don Gabriel blieb stehen, als überlege er, ob er eintreten solle oder nicht. Er entschied sich endlich, hereinzukommen und den unnützen Schwatz, der hier geführt wurde, noch weiter zu verblöden. Er stolperte die drei Steinstufen hinauf, trat über die Schwelle und sagte: »Buenas Noches, Caballeros!« stülpte dabei mit lang ausgestrecktem Zeigefinger seinen Basthut in den Nacken und stöhnte:
»Verfluchtes Zeug. Bin hier, die Schecks von den Monterias einzulösen. Und nun hat Don Manuel nicht genügend Bargeld zur Hand.«
»Er kann Ihnen doch einen Scheck auf seine Bank geben«, sagte der Boticario.
»Freilich kann er das und will es auch. Aber was ich brauche, ist dinero en effectivo, bares Geld. In sechs Tagen hat er es hier. Solange muss ich nun warten. Und, verdammt noch mal, das ist alles verlorene Zeit.«
»Um uns allen die Laune aufzufrischen, werde ich erst einmal einen unverfälschten Apothekercocktail zurechtschütteln, damit wir wieder auf die Füße kommen«, sagte der Boticario und ging in die Abteilung für Rezepte, das Sanctum, wie er es nannte, wo er seine Giftpillen drehte und die verschriebenen Zaubertränke mischte.
»Worauf wartet der Chamula hier?« fragte Don Gabriel, eine Zigarette annehmend, die ihm der Doktor hinreichte.
»Seine Frau hat akute Blinddarmentzündung und muss operiert werden. Ich habe mich erboten, sie für lumpige zweihundert Duros von dem Stück Darm zu erlösen. Sie ist geliefert, wenn sie nicht operiert wird. Aber wo, zu allen höllischen Teufeln, kann denn der Muchacho zweihundert Pesos herkriegen?«
Don Gabriels Interesse an diesem Falle wuchs. »Hast du hier niemand in der Ciudad, der dir die zweihundert Pesos borgt?« fragte er.
»No, Jefecito, nada«, erwiderte Candido und spuckte in einem weiten Bogen auf die Straße. Dann sog er tief an seiner rohen Zigarre und sah den Vorfall als erledigt an.
»Ich würde dir wohl die 200 Pesos borgen, Chamula, sogar noch 50 Pesos mehr; ja, als Zugabe kriegst du zwei Flaschen Aguardiente für deine Freunde, die sich so abgemüht haben, deine arme kranke Frau hier herzuschleppen. Die kannst du doch nicht einfach so gehen lassen, ohne deine Dankbarkeit zu bezeigen.« Don Gabriel sagte das in einem Tone, als ob er einen Kontinent zu verschenken habe, den niemand haben wolle, und er nun sehr glücklich sei, einen armen Indianer getroffen zu haben,  der wenigstens  ein  Stückchen  dieses Kontinents annehmen würde.
Candido konnte weder lesen noch schreiben. Auch sonst machte er nicht den Eindruck, als besäße er irgendwelche besondere Intelligenz, die ihn unter seinen Stammesgenossen ausgezeichnet hätte. Aber er besaß eine Gabe, die für das gewöhnliche Leben wertvoller ist als alle erlernten Wissenschaften: die natürliche Gabe, wohl zu verstehen, was zwischen den Worten eines Sprechenden verborgen ist. Dazu kam Erfahrung, gesammelt im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit Ladinos. Wenn ihm ein Ladino einen Peso anbot, so war er sicher, dass ihn der Peso leicht zehn Pesos kosten konnte, wenn er ihn annehmen würde.
Er versuchte nicht lange, um die Sache herumzureden, sondern ging geradezu auf den Punkt los:
»Nach Soconusco zu den Alemanes gehe ich nicht, Patroncito, auch nicht für fünfhundert Duros.«
In diesem Augenblick drehte sich der Boticario aus dem Allerheiligsten heraus, in einem großen Glase das mysteriöse Gebräu schüttelnd und schwenkend. Er zwinkerte mit den Augen wie eine verliebte Krähe und sagte: »Caballeros, das ist ein Cocktailchen, das Sie für eine Woche nicht vergessen sollen. Mein Wort darauf. Und nicht für fünfundzwanzig Pesos verkaufe ich Ihnen das Rezept. Es ist sogar Rosenwasser und ein winziges Tröpfchen Benzoe mit darin - nur um Sie wissen zu lassen, wie kompliziert diese Bebida beschaffen ist.«
Don Gabriel war jetzt mitten in Geschäften, und auch der geheimnisvollste Cocktail hätte ihn nicht verführen können, einen fetten Profit, der ihm so ungerufen entgegenkam, zu verachten.
Geheimnisvolle Getränke sind ein Vergnügen des Magens, aber ein fetter Profit ist ein Labsal des Gemüts.
»Zu den Alemanes nach Soconusco, Kaffee zu pflücken?« Don Gabriel machte ein erstauntes Gesicht. »Aber, Muchacho, manito mio, mein Brüderchen, ich habe gar nicht von Cafetales gesprochen. Dort wird ja nichts verdient, Muchacho, und die Alemanes sind grausame Leute, stets mit der Peitsche hinter den armen Muchachos her, die sich die Seele aus den Därmen schuften müssen, um ein paar traurige Reales zu verdienen.«
»Richtig, Patroncito«, sagte Candido. »Aber wie käme ich denn zu zweihundertfünfzig Pesos, wenn nicht in den Kaffeepflanzungen?«
»Ich werde dir einen Kontrakt für die Monterias geben, Muchacho.« Don Gabriel drehte sich langsam eine Zigarette. »Du bringst mit einen Confiador, einen Bürgen. Einer deiner Freunde, die deine Frau hierhergetragen haben, wird sicher gut zu dir sein und den Bürgen für dich machen. Du sagst mir deinen Namen und den Ort, wo du wohnst, ich schreibe dir den Kontrakt aus, und dann gebe ich dir sofort die zweihundertfünfzig Pesos, hier gleich in die Hand.«
»Besser, du beeilst dich unterbrach ihn der Boticario, Der Doctorcito hat dir ja bereits gesagt, wenn deine Frau nicht innerhalb zweier Stunden den bösen Darm herausgeschnitten bekommt, dann kannst du sie beim ersten Grauen des Morgens in die Erde eingraben, und du bist ohne Frau.«
»Und deine Kinder haben keine Mutter mehr«, fügte der Doktor hinzu. Warum sollte er nicht gleichfalls auf sein Geschäft bedacht sein?
Obgleich Candido schwerfällig genug in seinem Kopfe arbeitete, um das Für und Gegen des Vorschlages abzuwägen, so vergaß er doch nicht, dass er nicht die einzige Person war, die er in Betracht ziehen musste. Die Bemerkung des Doktors lenkte seine langsam sich bewegenden Gedanken auf die Kinder und auf sein Land. Für sein Stückchen Land fühlte er sich ebenso verantwortlich wie für seine Kinder.
»Was tut meine Frau und was tun meine Kinder, wenn ich in die Monteria ziehe und sie allein lassen muss?« fragte er. Seine
Kinder nicht allein zu lassen, darin hoffte er eine Rechtfertigung zu finden, den Kontrakt abzulehnen, den Tod seiner Frau der Fügung Gottes und dem Wunsche der Heiligen aufzubürden und sich von jeglicher Verantwortung am Tode seiner Frau freizusprechen.
Aber Candido rechnete nicht mit der Geschäftstüchtigkeit Don Gabriels. Don Gabriel sah das Loch im Netz, durch das Candido zu entschlüpfen versuchte, ebenso gut wie Candido.
»Wer hat denn hier etwas davon gesagt, dass du deine Frau und deine Kinder allein lassen sollst, Chamula?« Don Gabriel zog seine Augenbrauen in erstaunter Gebärde hoch. »Ich habe sicher nichts davon gesagt.«
Candido öffnete den Mund und sah Don Gabriel fragend an. Wenngleich er nicht an Wunder solcher Art glaubte, so mochte es vielleicht doch sein, dass hier, im Hinblick auf seine bedrängte Lage, ein Ausweg gefunden würde, der ihm erlaubte, das Geld für die Operation zu erhalten und dennoch auf seinem Lande zu bleiben und seine Familie um sich zu haben. Wie das zu ermöglichen war, das in wenigen Sekunden auszudenken, war freilich zu schwierig für ihn. Und ehe er auch nur Zeit hatte zu fragen, kam schon die Antwort Gabriels: »Das ist sehr einfach, Chamulito. Du nimmst deine Frau und deine Kinder mit dir in die Monteria.«
An eine solche Lösung hatte Candido nie gedacht. Sie kam ihm überraschend. Er sah sofort, dass er sie nicht ablehnen konnte. Sie überwältigte mit einem Schlage alle seine Einwendungen, die er vielleicht noch hätte aufbringen können. Das letzte Loch im Netz war zugezogen.
Don Gabriel gönnte ihm auch keine Sekunde Zeit mehr, das Geschäft zu verzögern. Er fragte ihn nach seinem Namen und Wohnort, fragte ihn nach Namen und Wohnort eines Stammesgenossen, der er als Bürgen nannte. Don Gabriel schrieb den Namen in sein Büchelchen. Als er das getan hatte, schnallte er einen Lederriemen unter dem Hemd auf und zerrte ihn heraus. Dieser Lederriemen war ein lederner Schlauch, in dem Don Gabriel, wie alle Handelsleute, Viehkäufer und Farmer, die weite Reisen zu Pferde machen mussten, ihr Geld verwahrten. Sie trugen diesen Schlauch auf den nackten Leib geschnallt, den sie selbst nachts nicht lösten, sondern so drehten, dass sie auf der Schnalle schliefen.
Don Gabriel schüttelte fünfzig Silber-Pesos aus dem Schlauch hervor, zählte sie in Häufchen auf der Ladentischplatte auf und sagte: »Hier hast du fünfzig Peses Vorschuss. Für die zweihundert Pesos, die noch fehlen, stehe ich dem Doktor gut, dem ich die zweihundert Pesos morgen geben werde.
Angenommen, Doktor?«
»Aceptado«, erwiderte der Arzt, der sich nun an den Apotheker wandte. »Machen Sie mir hier das Rezept und gleich, Don Luis.« Er kritzelte rasch einige Hieroglyphen auf ein Stück Papier und reichte es dem Apotheker hin.
»In zehn Minuten schicke ich Ihnen die Ladung rüber. Aber nun könnten wir erst doch endlich mal den Cocktail einatmen, von mir mit so vieler Mühe und Talent erzeugt, Caballeros.«
»Nicht schlecht«, sagte Don Gabriel schmatzend, das Glas auf einen Ruck hinuntergießend.
»Ehre, dem Ehre gebühret«, lachte der Doktor, streckte dann seine Zunge heraus und leckte in dem leeren Glas herum.
»Einer ist noch drin für jeden von uns«, sagte der Boticario und zog die leeren Gläser zu sich heran, um sie aufs neue zu füllen.
Während die Caballeros Loblieder zum Ruhm des Cocktails sangen und die Talente dessen priesen, der ihn gebraut und gestiftet hatte, war Candido emsig gewesen, das Geld in seinen rotwollenen Leibgurt zu drehen. Als er es sicher verwahrt hatte, machte er, ohne sich zu verabschieden, einen Satz zur Tür hinaus und verschwand in der Dunkelheit.
Im Hause des Doktors fand Candido seine Freunde, die im Portico des Patio hockten und seine Frau bewachten, so schweigsam, dass er glaubte, sie seien eingeschlafen. Denn es war nicht die Gewohnheit seiner Freunde, wie es nicht die Gewohnheit der Männer seines Volkes war, in einer Gruppe zusammenzuhocken und sich dumm anzusehen. Wo immer die südlichen Indianer in einer Gruppe beieinander sind, schwatzen sie unaufhörlich. Sie schwatzen bis spät in die Nacht hinein, und wenn sie endlich schlafen, so wachen sie alle halbe Stunden auf und reden auf ihre Nachbarn, die ihnen zur Seite ruhen, ein. Und am Morgen, sobald sie die Augen öffnen, beginnt auch gleich wieder das Schnattern. Candido also näherte sich der schweigenden Gruppe. Er konnte sie nur undeutlich erkennen, denn der Patio war nur von einer kleinen Petroleumlampe erleuchtet, die hinter einem Fenster in einem Raum auf der gegenüberliegenden Seite des Patio zu sehen war.
Er trat dicht auf die Männer zu und fand, dass sie alle in einem Kreise um seine Frau herum hockten.
Sofort wurde ihm bewusst was geschehen war. Er hockte sich nieder, nahe dem nächsten, bei dem er stand, tippte ihn leicht an die Schulter und sagte müde: »Wann verließ sie mich?«
»Vor einer halben Stunde oder so. Sie wachte auf und stöhnte. Dann sagte sie: Oh, Candido, mein Mann, wo bist du? Darauf streckte sie sich lang und war tot.«
Da kam der Doktor durch die schwere Holztür in den Hausgang. Er pfiff vor sich hin und rief hinüber zu dem Winkel des Porticos, wo er die Indianer wusste: Bringt sie in mein Consultorio. Ich werde jetzt operieren.«
Ohne auf seinem Wege anzuhalten, ging er mit langen Schritten auf die Tür seines Sprechzimmers zu. Er öffnete die Tür und rief dann über den Patio hinweg: »Oye, Rodolfa, du verdammte Kröte von einem verschlafenen Mädchen, bring mir sechs Kerzen in leeren Flaschen zum Aufstellen. Ich habe eine
Operation. Und heißes Wasser. Einen Eimer voll. Y algo prontito, etwas mit Eile.«
»Vuelo, Doctorcito, ich fliege«, rief das Mädchen aus einer Ecke heraus.
Der Doktor ließ die Tür seines Consultorio weit offen. Er zündete eine Kerze an, die dort in einem hässlichen abgeknabberten Emaille-Leuchter auf dem Tisch stand. In einem kleinen Wandschränkchen mit Glasscheiben hatte er einige braune Fläschchen mit Etiketten, die einen Totenkopf zeigten. Diese Flaschen machten auf seine Kundschaft einen tiefen Eindruck, darum stellte er sie in dem Schränkchen stets in den Vordergrund. In dem unteren Fach des Schränkchens, gleichfalls für die Besucher sichtbar, hatte er seine Instrumente. Sie glichen mehr den Zangen, Zwickern und Pinzetten eines billigen Dentisten als den Instrumenten eines Chirurgen.
Betrachtete man die Instrumente näher, dann fand man, dass sich an allen die Vernickelung abzupellen begann, und mehrere der Instrumente zeigten reichlich Rost. Auf einem kleinen, weiß angestrichenen Tischchen, auf dem eine verstaubte und befleckte weiße Windel als Tischdecke gebreitet war, lagen noch einige Instrumente, die kräftiger aussahen und recht gut für Werkzeuge gehalten werden konnten, wie sie ein Hufschmied gebraucht. Dass sie die Werkzeuge eines Arztes waren, erkannte man nur daran, dass sie einmal recht schön vernickelt gewesen sein mussten. Jetzt freilich war von dem Nickel nicht mehr viel zu sehen. Da sie den irdischen Einflüssen der Regenperioden mehr ausgesetzt waren als die kleineren Instrumente, die im Schränkchen aufbewahrt wurden, trugen diese Werkzeuge den Rost so dick, von dem übrigen Staub, Fliegendreck und Spritzern der Scheuerlappen nicht zu reden, dass grobes Sandpapier nötig gewesen wäre, um den Rost abzuschmirgeln.
Der Doktor zündete sich eine Zigarette an. Dann ging er zu dem Schränkchen, nahm eine gewaltige Medizinflasche heraus, auf deren Etikett in großen Lettern >Hennessy< stand. Er hielt sie gegen das Licht der Kerze, um die Menge des Inhalts zu prüfen, griff dann nach einem Wasserglas und füllte es halb voll. Mit zwei guten Zügen goss er die Medizin über seine Zunge hinweg. Er schmatzte, krächzte einige Male in seiner Kehle und sagte halblaut: Verflucht, ich muss doch morgen eine neue Flasche kaufen. Das Zeug geht weg wie warmes Olivenöl. Oder vielleicht nippt mir die Kröte von einer Muchacha zuweilen an der Flasche herum, wenn sie hier ausfegt. Ich werde ein Giftetikett aufkleben. Ist sicherer.« Er räusperte sich nun heftig und ging zu dem Tisch, auf dem die Zangen, Hämmer, Bohrer, Messer und Feilen des Hufschmiedes lagen, nahm einige auf und begann, sie mit einem schmutzigen Tuche abzureiben.
Halb war er damit fertig, als er sich plötzlich umdrehte und an seine Patientin dachte. Er ging zur Tür und rief: »Ja, zur Hölle noch mal, bringt ihr sie nun oder bringt ihr sie nicht? Was ist denn da los?«
Keine Antwort kam. Er nahm die Kerze, ging den Portico entlang, bis er zu dem Platz kam, wo die Indianer schweigend um die Frau hockten.
Die Männer sahen ihn an, ohne etwas zu sagen. Er beugte sich nieder, leuchtete der Frau ins Gesicht, betastete ihre Wangen, hob ein Augenlid auf und sagte. »He, hei! Was wäre mir denn das?«
Sein Gesicht zeigte Enttäuschung. Er fühlte sich von der Frau betrogen. In der Hoffnung, dass er vielleicht doch noch an ihr arbeiten könnte, steckte er eine Hand unter den Latz ihres Jorongo und fühlte ihre Brust. Aber rasch zog er seine Hand wieder zurück. Er rückte die Kerze näher heran und zwickte die Frau heftig in die Backe.
Es zeigte sich keine auch noch so leichte Färbung.
»Warum bist du denn nicht früher gekommen?« sagte er rau zu Candido, während er sich aufrichtete und den Leuchter aufnahm.
»Ich war frühzeitig genug hier, Doktorchen«, verteidigte sich Candido mit leiser Stimme.
»Verflucht, zum Teufel, halt's Maul. Schafft sie hier heraus aus meinem Hause.«
»Con su permiso, Doctorcito! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis werden wir sie nun heimtragen.« Candido streichelte das Gesicht seiner Frau und deckte es mit dem Latz ihres wollenen Überwurfs zu, so dass die nackten Brüste sichtbar wurden. Seine Freunde zogen eine der beiden Bastmatten, auf denen die Frau ruhte, hervor; deckten diese Matte über ihren Körper; und mit der anderen Matte rollten sie den Leichnam ein, als wäre er ein Stamm. Dann rollten sie die obere Matte gleichfalls herum, und verschnürten das Ganze gleich einem Bündel. Darauf nahmen sie den Leichnam auf und legten ihn auf das schlichte Traggestell, auf dem sie die Frau hergebracht hatten.
Candido ging voran und öffnete die Haustür.
Als die Männer auf halbem Wege waren, rief der Doktor: »Oye, Muchacho, du willst doch hier nicht etwa gehen, ohne deine Schulden zu bezahlen?« Candido kam zurück. »Ich vergaß das, Doctorcito. Vergeben Sie mir. Cuanto debo? Wie viel ist es, das ich schulde?«
»Fünf Peso für die Voruntersuchung, und fünf Peso für die Untersuchung post mortem, ich meine, für die Untersuchung, ob sie tot ist.«
»Vergeben Sie mir, Doktorchen, aber Sie haben sie doch nicht kuriert? Sie haben doch nichts getan, ihr zu helfen.«
»Habe ich sie denn nicht gut untersucht und dir gesagt, dass sie operiert werden muss?«
»Si, Jefecito, das haben Sie wohl getan.« »Ist das Arbeit oder ist es nicht?«
»Freilich ist das Arbeit, Doctorcito. Aber die Arbeit hat doch keinen Wert gehabt. Meine Frau ist tot. Das können Sie doch sehen. Das kann doch ein jeder Mensch sehen.«
»Ich habe keine Zeit, mit dir zu verhandeln. Ich habe anderes zu tun. Entweder du bezahlst die zehn Pesos, die du mir schuldest, oder ich lasse dich einsperren.«
Der Doktor streckte Candido die offene Hand hin, um anzudeuten, dass die letzten Worte in dieser Angelegenheit gesprochen seien, und dass die Hand nun gefüllt werden müsse.
Candido hatte bereits begonnen, seinen wollenen Leibgürtel aufzuwickeln. Er schälte die zehn Pesos hervor und zählte sie dem Doktor in die Hand.
Während er zahlte, Peso für Peso, jeden Peso einzeln in seiner Hand erst wiegend und sich dabei erinnernd, wie viel harte Arbeit es für ihn kostete, einen Peso bares Geld auf dem Markt, wo er die Produkte seines armseligen Feldes verkaufte, einzunehmen, trugen seine Freunde das Bündel zur Tür hinaus.
Auf der Straße warteten sie auf Candido.
Die Beerdigungsgeschäfte sind Tag und Nacht ununterbrochen geöffnet, weil, des Klimas wegen, die Beerdigung innerhalb zwölf Stunden nach dem Tode erfolgt. Häufig in noch kürzerer Zeit. Darum war es nur natürlich, dass Candido ein Geschäft offen fand, wo er einen Sarg kaufen konnte. Der billigste Sarg war eine viereckige ungehobelte Kiste. Diese Kiste war schwarz angestrichen. Aber weil das Inhumacion-Geschäft dem Sargmacher, der ein unabhängiger Handwerker war, so wenig zahlte, dass dem Handwerker kaum sechzig Centavos für seine Arbeit an jeder Kiste blieben, hatte er an der Farbe sparen müssen, und der Anstrich war so dünn, dass überall das nackte Holz hindurchschimmerte. Der Boden der Kiste trug überhaupt keine Farbe.
»Dieser Sarg kostet vier Pesos«, sagte der Händler zu Candido.
»Gut den nehme ich.«
»Aber ich glaube, er wird zu kurz sein für deine Frau«, meinte darauf der Händler, der, als er bemerkte, dass Candido Geld habe, ihm einen teureren Sarg zu verkaufen gedachte.
Einer der Freunde maß mit seinen Armen die Länge des eingewickelten Leichnams und dann die Länge des Sarges. »Die Kiste ist reichlich lang genug«, sagte er zu Candido.
Als der Händler merkte, dass ihm eine bessere Einnahme verloren gehen könnte, klopfte er Candido freundschaftlich auf die Schulter und sagte mit trauriger Stimme: »Nun höre einmal, Chamulito, du wirst doch deine Frau, die dir deine Kinder gegeben hat, nicht in einer so armseligen Kiste begraben wollen. Was wird denn die Heilige Jungfrau von dir denken, wenn sie deine Frau in einer so schäbigen Kiste findet. Sie geht vielleicht gar an deiner Frau vorüber und nimmt sie nicht auf in den Himmel. Du willst ganz gewiss nicht dass deine gute Frau draußen vor dem Tor des Himmels stehen bleiben muss wie die bösen Sünder, Spitzbuben und Mörder. Diese Kiste, die du kaufen willst, ist nur eine Kiste für die Verlorenen, die tot auf der Straße oder auf den Wegen aufgelesen werden, und die niemand kennt und die keine Angehörigen haben. Sieh dir einmal diesen schönen Sarg hier an. Brauchst ihn nicht zu kaufen. Sieh ihn dir nur an. Wie schön und sanft deine gute Frau in diesem prachtvollen Sarge ruhen würde! Wenn diesen Sarg die Heilige Jungfrau sieht dann kommt sie gleich mit Singen und Läuten darauf zu, gibt deiner Frau die Hand und nimmt sie mit sich hinauf in den Himmel; denn sie sieht, dass deine Frau keine verlorene Sünderin ist, sondern eine Gesegnete, die getauft wurde. Deine Frau ist doch getauft?«
»Si, Patroncito. Sie wurde getauft, als sie noch klein war.«
»Dann kannst du sie nicht in einer so billigen Kiste begraben lassen. Dieser Sarg hier ist fein gehobelt und gut gestrichen, außen schwarz und innen weiß und mit einem Goldstreifen, wie du sehen kannst.«
»Wie viel kostet er?« fragte Candido. »Zwanzig Pesos, Chamulito.«
Der Händler sah das erschreckte Gesicht des Candido, änderte sofort den geschäftsmäßigen Ton und sagte nun teilnehmend: Es ist bitter, die Frau zu verlieren, mein Bruder, ich weiß das; ich habe zwei verloren. Es ist das letzte, das du für deine gute Frau tun kannst. Und angesichts der traurigen Lage und des Schmerzes, in dem du jetzt bist, will ich dir den Sarg für siebzehn Pesos lassen. Dabei verdiene ich nichts; ich schwöre dir, bei der Heiligen Jungfrau, dass mich der Sarg selbst sechzehn Pesos und fünfzig kostet.«
Nun begann das eigentliche Handeln.
Als Candido seine Frau endlich in den Sarg einbetten konnte, hatte er dafür dreizehn Pesos bezahlt.
Er kaufte geweihte Kerzen; dann Aguardiente, um die Leidtragenden nicht trocken gehen zu lassen.

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