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Walter Schönstedt - Kämpfende Jugend (1932)
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I.

Ein junger Köter kläffte unaufhörlich. Auf dem Hof, in der Ecke, spielte ein dürres Kind. Es schob geduldig Murmeln zwischen den Kopfsteinreihen und nahm ab und zu eine in den Mund.
Plötzlich brüllte es los, keine Worte, sondern ein furchtbares, stickendes Gebrüll. Im zweiten Stock schob sich ein wuschliger Frauenkopf durch das Fenster.
„Frau Danna! Frau Danna! sehn Se doch mal rasch! Der kleene Kerl hat ne Murmel verschluckt! — Nee, sowas! Immer den Jungen alleene lassen... "
Vom Vorderaufgang kam eine Frau heruntergerannt. Sie trug eine schmutzigfeuchte Schürze. Ihre Kleidärmel waren hochgekrempelt, das Gesicht rot und aufgeregt. Alle Frauen, die zuhause waren, sahen jetzt aus den Fenstern. Die von vorhin brüllte wieder: „Rasch doch! Der wird ja schon janz blau!" Frau Danna handelte schnell, sie schien noch einige Übung in solchen Dingen zu besitzen: Karlchen wurde auf den Kopf gestellt und hin und her geschleudert. Er gluckste nur noch und hatte einen feuerroten Kopf. Dann spuckte er eine blaue, verschleimte Murmel aus.
„So, Du Lausejunge! Warum nimmst Du die in den Mund?! He?! Warum nimmst Du immer die Murmeln in den Mund?!" Klatsch, klatsch, hatte er ein paar saftige Ohrfeigen. Von neuem ging das Gebrüll los, und Karlchen kroch auf allen Vieren zwischen die beiden Müllkästen. Frau Danna musste wieder zum Vorderaufgang zurück und nahm sich einen Eimer Wasser von unten mit.
Im zweiten Stock des Quergebäudes standen vier Frauen und schimpften. Eine fünfte kam gerade mit einer Tasche voll Kohlen, sie wurde aufgehalten: „Schade, dass Sie nicht hier waren. Eben hätten Sie wieder was erleben können. Der kleene Karl wäre bald erstickt!"
„So? — Na, det kommt ja bei den öfter vor."
„Na ja. Aber wenn nu wirklich mal wat passiert?"
„Denn hat die olle Danna ooch keene Schuld. Sechs Kinder und drei Aufgänge, det is doch ein bisschen happig", sagte die Frau mit der Kahlentasche und ging weiter.
Die Frau mit dem Wuschelkopf rief ihr hinterher: „Sie müssen die ooch immer noch in Schutz nehmen. Warum hat se denn so ville Kinder? Wat?"
„Die is eben noch nich so schlau wie Sie. Sie passen eben besser uff, vastehn se!"
„Ach, wern se man wieder frech, Sie! Wat hat denn det damit zu tun?" -
Oben klappte eine Tür. Frau Schade konnte nicht mehr hören, dass sie eine „alte Knüppeltülle" sei.
Solche Vorgänge konnte man in der Nostizstraße täglich erleben. Immer war Krach. Sinnlos beschimpften sich die Leute. Ständig kamen traurige Leierkastenmänner und spielten immer ein und dieselben Lieder. Lumpenhändler brüllten, und morgens kam ein alter Mann,
der Brennholz gegen Kartoffelschalen eintauschen wollte. Auf einigen Höfen waren Kuhställe. Dort lagerte furchtbarer Gestank bis unter die Dächer und drang in die Wohnungen. Bunte, giftige Fliegen schwirrten durch die Fenster, setzten sich auf Speisereste und quälten rachitische Säuglinge. Das waren die Brummer. Dann gab es noch die kleine gewöhnliche Mistfliege. Und wo keine geflügelten Insekten waren, tummelten sich Wanzen. Man konnte machen, was man wollte, sie waren nicht wegzubringen. Vor einiger Zeit hatte eine Frau die Wohnung geschwefelt, ihr acht Monate altes Kind war im Schwefelqualm erstickt, jedoch die Wanzen wurden fetter und aufdringlicher. Sie hausten hinter Tapeten, hinter dem brüchigen Stuck an der Decke, sie kamen sogar an der Hauswand hoch durch die Fenster geklettert. Wanzen waren die Plage der saubersten Frauen, auch derer, die in den Vorderhäusern wohnten. Aber dort wussten die Leute, wo die Millionen Wanzen herkamen: aus den Hinterhäusern.
Im ersten Stock eines Hauses an der Gneisenaustraße wohnte nach vorn heraus die Frau des Krankenkassenangestellten Mädicke, Sie war eine stolze Person mit wippenden, festen Brüsten. Trotz zehnjähriger Ehe hatte sie, weiß der Teufel, keine Kinder. Eigentlich passte sie nicht in die Nostizstraße. Sie hatte einen anderen Gang als die übrigen Frauen, trug den Kopf hoch und hatte soviel Kraft und Zeit übrig, dass sie mit dem Hintern wackeln konnte. Das sah ja nun wirklich nicht schön aus, aber es war so doch wenigstens ein Unterschied vorhanden. Sie war die einzige, die keine Wanzen hatte, jedenfalls behauptete sie das immer. Und ihr Mann musste den Mund halten. Ihr Wanzenpulver kaufte sie nämlich nicht im nächsten Farbwarengeschäft, sondern Emil musste bis zum Farben-Neumann in der Markgrafenstraße gehen.
„Die Leute sind ja bloß neidisch auf uns, Emil!" sagte sie oft. „Sieh bloß bald zu, dass wir eine andere Wohnung bekommen, oder ich rück Dir doch noch aus ... .'
„Aber ja doch, Marta, unser Neubau ist ja bald fertig, da gibt es Dienstwohnungen. Und ich bin nicht schlecht angeschrieben. Werde nur nicht ungeduldig."
„Ach, werde nur nicht ungeduldig!" ereiferte sie sich, „der Dreck, der Dreck hier! Und die verfluchten Wanzen! Und dann die Kinder!"
Ja, die Kinder. Sie kamen aus der Schule, lärmten und warfen sich mit Dreck,
Keines von ihnen war kräftig. Alle hatten den gleichen stumpfen Blick. Nur wenige waren lebendiger, die waren bei allen Gelegenheiten die Führer. Wenn sie zum Tempelhofer Feld zogen, eine Schlacht mit Kuhmistkügelchen schlugen oder sonst wie auf der Straße tobten. In der Nostizstraße war das nicht so leicht. Oft saßen sie stumpfsinnig auf den Treppen, ohne Leben und Fröhlichkeit. Alles war so tot und langweilig. Träumerisch trugen die Mädels Puppen herum, wurden von den Jungens aus irgendeinem Anlass gestoßen, und dann ging die Heulerei los. Sie stellten sich auf den Hof und schrieen ihr Elend weinerlich gegen die abgeplatzten Wände. „Mutta! Mutta! Der Atze hat mir jehaun!"
„Wollt ihr mal vom Hof runter! Verfluchte Jöhren! Immer der Krach, der verdammte!... "
An der Ecke Mariendorfer Straße, vorn vier Treppen, wohnte die Familie Rhoden. Kurz nach dem Krieg war sie aus Westdeutschland gekommen. Jeden Morgen um fünf Uhr ging der Vater mit seinen siebzehn- und achtzehnjährigen Jungen zur Zentralmarkthalle. Er betrieb Gemüsehandel en gros. Die Jungen waren kräftige Burschen. Groß, hohe Stirnen und Hände wie Maurerkellen. Abends saßen die drei mit Mutter und Schwester am Tisch und sangen sämtliche Lieder, die den deutschen Rhein preisen. Ein Plüschsofa stand an der Wand und darüber hingen uralte Bilder von längst verfaulten Menschen.
Neben ihnen wohnte der Sozialdemokrat Langscheidt. Er war Portier auf einem Arbeitsnachweis, recht dick und behäbig, manchmal kam er mit einem blauen Auge nach Hause. Und an einem Morgen klebte ein großes Plakat an der Haustür:
„Arbeiter der Nostizstraße! Der Schuft Langscheidt, Mitglied der SPD., denunziert hungernde Erwerbslose an Polizeibeamte. Haltet ihm sein schändliches Verhalten unter die Nase, zeigt ihm, dass er ein Achtgroschenjunge ist! Mehrere Erwerbslose."
Seit diesem Tage sprach niemand mehr mit ihm. „Achtgroschenjunge", das war eins der gemeinsten Schimpfworte der Nostizstraße. Das war ein Aussätziger, ein Schuft, vor dem man nicht einmal ausspuckt.
Langscheidt war das gleichgültig. Er war ja auch schon sehr alt; fünfzehn Jahre in der SPD. und zwanzig Jahre in der Gewerkschaft. Da gibt es so etwas wie Tradition. Eilig und kläglich schlich er an den Häusern entlang, wenn er vom Nachweis kam. Sein Sohn hatte auch etwas von der Tradition, aber von der alten, echten. Er war ohne Wissen seines Vaters in die Gruppe Nostizstraße des Kommunistischen Jugendverbandes gegangen. Heute war er der politische Leiter der Gruppe. Er ist bei der ersten Panzerkreuzerabstimmung mit vier anderen jungen Arbeitern aus der Sozialistischen Arbeiterjugend ausgetreten.
Wenn er sich seinen Stempel vom Nachweis holte, musste er an seinem Vater vorbei. Der grüßte ihn freundlich und rückte ab und zu auch eine Zigarette heraus. Aber eines Tages war’s aus damit: Vor dem Nachweis wurde Karl von einem Roten-Jungfront-Manm gegrüßt. „Rot Front! Karl!" „Rot Front! Theo!" erwiderte der Sohn des Portiers. Und am Abend war der Krach da. Aufgeregt lief der Vater im Zimmer hin und her. „Der Lümmel! Nee, sowat! Das hätte ich mir nicht träumen lassen. — Was sagst Du nun dazu, was?!" fauchte er seine Frau an.
„Was soll ich denn dazu sagen? Das ist doch auch Dein Sohn. Du hast ihn Dir doch erzogen. Jetzt sieh zu, wie Du mit ihm fertig wirst! Ich will mit Politik nichts zu tun haben."
„So! Du machst Dir ja die Sache recht einfach. Natürlich habe ich ihn erzogen. Aber so nicht! So nicht, sag ich Dir. Stell Dir vor, auf. dem Nachweis ist Krach, und ich muss mich mit meinem eigenen Sohn herumschlagen! Stell Dir das einmal vor. Plötzlich ist Krach, und der Karl ist dabei! Mein Gott, so ein Lausejunge! Und wie
schön könnte er es haben. Wäre der bei uns geblieben, hätte er längst Arbeit. Nee, nee, das hätte ich mir nicht träumen lassen...." Es klopfte, Frau Langscheidt öffnete die Tür. Karl trat herein. Er grüßte knapp wie immer. Die Mutter sah ihn mit stillen Augen an. Sie wollte ihm rasch etwas zuflüstern, doch da kam schon der Vater wuchtig und schwer heran.
„Komm mal her, Bursche! — Na, wird's bald?!" Karl ging auf ihn zu und sagte ruhig: „Was ist das für ein Ton, Vater?"
„Da hört doch alles auf! Was das für ein Ton ist? Ein anderer wie Deiner, Du — Du — Vaterschänder!"
Der alte Langscheidt brüllte und spritzte weißen Schaum vor Wut. Er holte tief Luft und legte von neuem los, keifend und heiser:
„Warst wohl dabei, als das Plakat angeklebt wurde, wat? Da haste wohl noch mitgemacht — Du — Du Kommuniste, Du! Ich weiß jetzt alles. Mir haben sie alles erzählt. Du beteiligst Dich an verbotenen Demonstrationen und bist sogar Funktionär. He, wie denkst Du Dir denn das alles?"
„Was soll ich mir denken? Ich bin überzeugt davon, dass ich meine Kraft dem Proletariat zur Verfügung stellen muss, sei es nun bei einer verbotenen Demonstration oder sonst wo. Ihr habt ja früher auch trotz Verbot demonstriert. Dein Vater... "
„Ach Du! Was weißt Du denn davon? Nichts! Neunzehn Jahre alt und denn da schon mitreden! Früher, ja, da war es auch was anderes. Heute haben wir zu bestimmen, und nicht mehr der Kaiser. Ich bin zwanzig Jahre in der Gewerkschaft, fünfzehn Jahre in der SPD, mir kannst Du nichts erzählen, mein Junge. Also, dass Du Bescheid weißt: ab heute bist Du um acht Uhr abends oben, verstanden?!"
„Warum soll ich nicht verstehen? Du hast ja so gebrüllt, dass es das ganze Haus verstehen muss."
„Wer man noch frech, Du Dickkopp!"
Der Alte schob los und knallte die Stubentür hinter sich zu. Karl setzte sich.
„Was wirst Du nun machen?" fragte ihn die Mutter. Ängstlich sah sie ihn an, als ob sie sagen wollte; ich verstehe dich ja. Lass doch den Alten meckern! Aber sei vernünftig, mir zuliebe...
Karl dachte nicht daran, so „vernünftig" zu sein, dazu war er zu selbständig. Er verkrampfte die Finger ineinander, schluckte ein paar Mal und sah starr vor sich hin. Hart und knochig war sein Gesicht. Eine Haarsträhne fiel ihm wie ein Streifen Licht über die Stirn, Seine Mundwinkel hingen schlaff nach unten. Aber traurig war er nicht.
„Nachgeben kann ich nicht, Mutter. Das tue ich nicht, Du weißt es ja. Das Plakat habe ich nicht angeklebt; aber hätte ich den Auftrag dazu bekommen, nun, dann hätte ich ihn ohne weiteres ausgeführt. Ich werde abwarten, was Vater macht. Meine politische Betätigung lasse ich mir jedenfalls nicht verbieten. Sonst gehe ich lieber . . ."
„Junge, bist Du verrückt? Wo willst Du hin? Bist arbeitslos, hast keine vernünftigen Sachen, Du kommst doch gleich unter den Schlitten, Junge,"
„Also, ich muss jetzt gehen. Sag Vater, ich bin zum Gruppenabend. Warum denn das verheimlichen? Auf Wiedersehen, Mutter!"
Karl lief die Treppen hinunter. Seine Mutter weinte, als er fort war, sie hatte gewusst, dass es einmal so kommen musste.
Es war kurz vor sieben Uhr, Im Erdgeschoß plärrte Radiomusik. Aus einem Fenster drangen kreischende, schimpfende Stimmen, zerflatterten zwischen den Wänden ohne Widerhall.
„Pack doch mal det Kind ins Bett! Mensch, der verfluchte Spektakel! Immer Jebrüll, nie hat man mal Ruhe! Verdammte Scheiße!"
Im Treppenhaus bogen sich unter Karls Tritten die knarrenden, halbverfaulten Dielen. Unten hing das Treppengeländer lose, nur mit Draht notdürftig zusammengeflickt. Von den Wänden war der Kalk abgeplatzt, man sah die gelbroten Mauersteine. An einigen Stellen grinsten mit Kreide oder Buntstift gemalte Figuren oder Inschriften, etwa: „Die Lisbeth Schunkel ist eine alte Nutte." Unter den hölzernen Fenstersimsen wucherten Schimmelpilze. Komisch: gerade heute fiel das Karl auf. Sonst hatte er nie darauf geachtet. Im Hausflur klebte ein mit Schreibmaschine geschriebener Zettel:
„Alle Mieter, die vom letzten Monat die Miete noch nicht bezahlt haben, fordere ich auf, dieses sofort nachzuholen. Im anderen Falle werde ich meine Maßnahmen ergreifen. Ebenso ist die fällige Miete abends ab 5 Uhr bei mir abzuliefern.
Der Wirt, Bartenstein."
An der abgeplatzten Decke baumelte die Gaslampe langsam hin und her, ihr Licht flackerte zischend, der Glühstrumpf lag durchlöchert im Zylinder. Das ausströmende Gas roch schwer und süßlich.

Am Abend beherrschte die Jugend die Nostizstraße. Rohe Burschen, kümmerliche Burschen, standen mit sanftmütigen und frischen Mädeln vor den Haustüren. Trübe Gasfunzeln beleuchteten den Bürgersteig. Boshaft hüpfende Schatten versuchten, die Eintönigkeit der Straße zu beleben. Graue Regenwolken hingen am Himmel, an den Rändern mit mattem Rosa gefärbt. Eine Schupopatrouille lief langsam auf und ab. An den Ecken standen einige Prostituierte in schlechten Kleidern und mit verschmierten Gesichtern. Jeden Mann, der vorbeikam, redeten sie an.
„Na, Süßer, willst Du ein bisschen mitkommen?"
Die meisten gingen achtlos vorbei. Einige blieben stehen, kniffen die Augen zusammen und sprachen leise über den Preis und anderes. Manche wurden frech und gemein. Sie wollten sich dann halbtot lachen, wenn die Mädels ärgerlich wurden und sich zierten. Die Jugendlichen der Nostizstraße achteten nicht darauf, so etwas sahen sie alle Tage.
Vor dem Lokal in der Mitte des Bürgersteiges hockte eine ganze Bande auf den Steinplatten. Die meisten wurden mit ihren Spitznamen angeredet. Die kleinsten, Kater und Spinne, schnorrten dauernd Zigaretten: „Peikbeen, lass mir mitrauchen."
„Geht nich mehr. Meine Kumille kriegt Erich. Und denn is meine Zijarette ooch keene Hure, vastehste?"
„Hab Dir man nich so, bei mir kommste dauernd schlauchen," knurrte Kater,
Erich Schmidt saß etwas abseits. Er war in sich zusammengesunken und hatte schwarze, traurige Augen. Müde erhob er sich, reckte seinen kümmerlichen Körper und sagte langsam: „Keen Mensch hat wat zu roochen. Keen Aas hat Jeld. Kinder, wo soll det bloß noch hin... .. ?!"
„Passt ma off, Jungs, jetz fängt der an zu heuln. Da jeh ick lieber."
„Hau ab, Du alter Seechsack!"
Ein blasses Mädel mischte sich dazwischen: „Kinder, seid doch bloß nicht immer gleich so gemein."
„Wat heißt hier gemein. Gemein ist, wenn der Hund vor de Türe scheißt. Wir sind nich gemein, vastehste! Und wenn du nicht ein Mädel wärst, würde ich Dir vort Maul haun, alte Henne."
„Hält de Fresse, Franz!" beruhigte ihn Spinne.
Die Lokaltür ging auf, und der Wirt schob seinen massiven Körper durch die Tür.
„Tach, Othello!" begrüßten ihn die Jungens. Weiß der Himmel, aber Othellos Gestalt passte nicht zu dem Wirt, er sah eher wie Cäsar aus. Er war nicht in guter Laune und schnauzte die Jungens an: „Runter von die Treppe! Wenn Ihr hier seid, traut sich kein Gast her. Los, los! Verschwinden, oder es kommt ein Topp Wasser."
Othello sprach ruhig, er war ein Gemütsmensch. Am Tage sagte er schon gar nichts, wenn die Burschen auf der Steintreppe saßen, da kamen ja sowieso fast gar keine Gäste.
„Los, Jungens, jehn wir doch nach'n Rummel, da is ne neue Bude!" schlug jemand vor. „Dufte. Los, ick mache mit." Spinne wollte unbedingt etwas zu rauchen haben. Er ging zu Othello in den Laden und legte fünf Pfennig auf den Tisch. „Jib mir doch mal ne Zijarette vor een Sechsa... "
„Jibts nich. Notverordnung. Kann nur zehn Stück verkaufen, mein Lieber."
„Ach, mach doch, Othello. Mensch, ick würde Dir ja gerne zehne abkoofen, aber ... "
„Na, hier nimm schon... ." Zufrieden trottete Spinne hinter den anderen her. Er wusste genau, dass es einzelne Zigaretten nicht mehr zu kaufen gab. Nicht mal bezahlen brauchte er sie, sonst machte sich der Wirt strafbar. Othello war gar nicht so. Manch einem Arbeitslosen, der mit knurrendem Magen zu ihm kam, wurde eine Boulette zugesteckt.
In der Nostizstraße wurde es ruhiger, wenn die Jungens fort waren. Dann kamen schüchterne Mädels hervor, stellten sich vor die Haustüren und plauderten. Der Eierjude holte eine Bank und stellte sie vor seinen Ladenkeller. Mütter, armselige Mütter mit müden, gleichgültigen Augen kamen mit ihren Kindern vom nahen Kreuzberg zurück. Sie schleppten die Kleinsten auf Rücken und Armen, die größeren liefen nebenher.
In Othellos Kneipe räkelten sich träge die wenigen Gäste. Im Vorderraum saßen nur mürrische, alte Herren mit langweiligen Gesichtern. Die Wirtin, eine frische, lebenslustige Person, brachte aus der Küche einen Teller frischer Bouletten. Prüfend überflog ihr Auge die Kundschaft, dann schüttelte sie verständnislos den Kopf und lief hastend davon.
Die Schwüle der Sommerabende schien in dieser Straße am schwersten, drückendsten zu sein. Überall offene Fenster. Die Männer schoben das Hemd zurück und streichelten ihre behaarte Brust. Die Frauen hatten es leichter: ein loses und durchsichtiges Kleid, darunter irgendeine weiße Hose, Schlüpfer oder Unterrock.
„Da wird man janz marode, bei die Hitze."
„Na, Du brauchst doch nicht zu schimpfen. Ihr habt ja nischt an, verdammtet Weibervolk!"
„Wat solln wir denn oooh anhaben, Mensch? Denkste denn, die Wohlfahrt gibt uns Bemberg-Seide. Det is die reenste Sackleinewand. Und denn erzählten sie uns: ,werdende Mütter, tragt hygienische Unterwäsche!'... ."
Eine junge Frau war wütend und prügelte ihren Sohn. Der stand bockig da und machte keine Miene zum Heulen. Immer und immer wieder bekam er einen Puff auf den Hinterkopf.
„Du Lausebengel! Wo haste die Strümpfe jelassen? Wo haste die Strümpfe? Willste jetzt Dein Maul aufmachen! Jehn offs Tempelhofer Feld, ziehn sich die Strümpfe aus und lassen se sich klauen."
„Ach, mit die Strümpfe is det nicht schlimm, Frau Körner, meiner is mal ohne Hose nachhause jekommen, einfach mit einer Decke um den Bauch jewickelt."
An der nächsten Ecke standen die Freunde des verprügelten Knaben und grienten. Einer rief der Frau Körner zu:
„Los, jib ihm eene! Immer noch eene. Mensch, nimm doch den Holzhammer! Los doch, hau doch, Dein Junge wird ja doch een Raubmörder!"
„Halts Maul, Lausekopp!"
Allmählich verschwand einer nach dem andern. Othellos Kneipe bekam neue Gäste. Mütter riefen ihre Kinder zum Schlafengehen, und in den Wohnungen nahmen viele die Petroleumlampen und leuchteten die Tapeten ab.

Der Rummel nannte sich stolz „Fortuna-Park". Er lag gegenüber dem alten Steuerhäuschen am Tempelhofer Feld, in einer vornehmen Gegend, die die Jungens aus der Nostizstraße das „Topplappenviertel" nannten. Hier sah man abends viele höhere Schüler mit Hakenkreuzen und Dienstmädchen. Die Hakenkreuze verschwanden, wenn das Anrücken des Nostizkietzes gemeldet wurde.
Reger Betrieb herrschte auf dem Rummel. Lampen in allen Farben beleuchteten verlockend die armseligen Rummelschönheiten. Eine große Drehorgel überdröhnte jeden anderen Lärm. Alles lief im Kreise: die Lichter, die Karussells, die Glücksräder und die Besucher. Unendlich viele Sehnsüchte brodelten versteckt in dem gleichmäßigen Rummeltrott. Junge Mädels kicherten, sie liefen zwischen rohen Burschen oder glotzenden Gymnasiasten von Bude zu Bude.
Vor einem breiten, grünen Zelt schrie ein Mann mit heiserer, knabenhafter Stimme: .
„Hier kann man sehen, wie Kinkerling, das Affenweib, mit Sägespänen gefüttert wird! Halb Mensch, halb Affe, fristet Kinkerling ihr kümmerliches Leben: sie lebt nur von Sägespänen, andere Speisen weist sie zurück. Ihr Vater war der Häuptling eines Negerstammes
Im Innern Afrikas. Er wurde von einem Gorillaweibchen angefallen, das er schließlich gefangennahm und zähmte. Eines Nachts spürte er heißen Atem an seinem Ohr... "
„... und wenn dein kleines Herz noch frei ist, dann komm zu mir... " orgelte es dazwischen.
Franz musste natürlich wieder einen Witz reißen: „Du, lass Dir mal von Dein Affenweibchen Pfötchen jeben! Wat machste denn, wenn sie Dir mal nachts anfällt?"
„Tatü! Tata!" brüllte es von der anderen Seite her, „Ringkampf! Boxkampf! Wollen Sie ringen, wollen Sie boxen? Dann kommen Sie herauf und kämpfen Sie mit meinem Bären. Ich mache aber die Herrschaften von vornherein aufmerksam, dass ich für keinerlei Schaden aufkomme."
Die Burschen verstellten den Mädels den Weg und versuchten anzubändeln.
„Verzeihung, Fräulein, dürft ich Sie einladen für diese Bude hier... ?"
Kater stellte sich plumper an und wurde grob; „Klopp Dir mal det Mehl von de Backe, siehst ja wie ein Mülleimer aus."
Peikbeen hatte ein langes Mädel beim Wickel, das sich wehrte und ihn anschnauzte:
„Lassen Sie mich endlich zufrieden! Fassen Sie mich nicht dauernd an... Sie, ick sahre et Ihnen jetzt zum letzten Mal, ick hole meinen Freund, der is bloß een Topp Bier trinken."
„Wat is denn mit Dein Freund schon los, Du olle Kuh. Sei froh, dass Dir mal eener da anpackt, wo bei andere Frauen die Titte sitzt."
Eine Gruppe lustiger Mädels kicherte in einer Luftschaukel. Immer wilder und höher stemmten sie mit kräftigen Bewegungen die verzierten Holzkähne. Wupp! Wupp! Wupp! Wupp!
Ein Mann mit spitzer Nase und eckigen Bewegungen schrie in die Luft: „Nicht so hoch! Das ist verboten!"
Die Jungens kannten den Mann, sie wollten, ohne zu bezahlen, Luftschaukel fahren,
„Jeht nich, Jungs. Ich bin doch nur Angestellter." Der letzte Satz klang etwas stolz. Der Mann erzählte, wie er trotz der schlechten Bezahlung doch zu einem ganz guten Verdienst kam:
„. . , denn zähl ick det Jeld in meine Hand vor. Dann schütt ichs in seine, und bei mir bleibt immer een Groschen kleben. Nachzählen tut der nich."
„Du alter Gauner, Mit mir mach mal sowas. Dir nehm ick mang die..."
„Na, hör ma zu, das sind doch aber meistens Arbeiter oder Arbeitslose," sagte vorwurfsvoll Erich. „Ach ja, recht haste. Aber ick muss doch auf meine Kosten kommen."
„Du Schwein. Det werden wir Dir mal austreiben." Auf dem Podest vor der Sporthalle standen Ringer und Boxer. Etliche mit runden, fetten Leibern, andere wieder schlank und sehnig. Hier staute sich die Menge, und auch die Nostizgilde blieb lange stehen. Der Ausrufer hetzte die Kämpfer aufeinander, einige Stammkunden und Anreißer hetzten feste mit.
„Kommt näher ran, Herrschaften! Heute ist mal was ganz Besonderes los: Tedje, der Kölner Meister, ist von dem ehemaligen Landesmeister Badens herausgefordert worden. Der Kampf geht bis zur Entscheidung. Als Preis sind fünfzig Mark ausgesetzt worden."
Herr Tedje fuhr erregt auf: „Ja, aber bitte, wenn er heute wieder aufgeben sollte, dann schmeiße ich den ganzen Laden hin... "
„Na, wer will hier noch mal mitmachen? Dreimal wird gedreht, dreimal wird gewonnen! Das letzte Los hier! Zehn Pfennig! Hallo, bleiben Sie mal stehen! — Hier, die Wurst können Sie für zehn Pfennig gewinnen, da brauchen Sie nich mehr mit die... "
Die Glücksräder drehten sich. Spinne wagte einen Groschen. Seine Nummer war elf, und auf zwölf blieb der Zeiger stehen.
„Verfluchter Mist! Det is ja Schiebung!"
In einer Ecke, neben dem Sportzelt, standen Apparate mit lebenden Bildern. „Die sinnliche Frau" stand auf einem dieser Apparate. Dorthin schlich Erich, steckte einen Groschen in den Schlitz und kurbelte...
Enttäuscht schlich er davon, wie ein Hund, der ohne Grund fürchterlich geprügelt wurde. Die anderen hatten ihn beobachtet, spöttisch lächelnd kamen sie näher: „Na, wat haste denn nu jesehn? War sie nackend?"
Erich knirschte mit den Zähnen, böse sah er seine Freunde an. Die wieherten vor Freude wie satte Pferde.
„Rutscht mir mal den Buckel runter, ihr Arschlöcher!"
Die anderen lachten nur. Franz legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte freundschaftlich: „Lass man, bleib bei die Handarbeit. Is das Beste. Hast ja eben ne schöne Vorlage gehabt."
Erich dachte resigniert: Affe! Dann wurde er wieder traurig. Wieder nichts. Immer wieder wird man verkohlt. Immer wieder derselbe Schwindel...
Stumpfsinnig lief er mit den andern weiter im Kreise, zwischen jungen Burschen und Mädels, die hier Abend für Abend ihr Elend zu vergessen suchten.
Eine Bude hatte gerade die Vorstellung beendet. Die Künstler traten auf die Rampe und lockten die Menge heran. „Internationale Schau" verkündeten große Buchstaben. Schilder mit geheimnisvollen Namen gaben der Sache einen sehr romantischen Anstrich.
„Hallo! Die große Abnormitätenschau! Alfons Bartelli, der Mann ohne Nerven! Otto Bonkulus, der Mann mit den tausend Köpfen! Daisy E. Opton, die große Musikvirtuosin! Sonja, die geniale Sensation... "
Als sich Daisy vorstellte, grienten sich die Jungens an, jemand sagte: „Mensch, die alte Zicke aus der Bergmannstraße." Aber die Jungens aus der Nostizstraße wissen, was Solidarität ist, sie verrieten ihre Entdeckung nicht. Daisy hatte eine bunte Pfauenfeder im Haar und wiegte sich hin und her. Ein etwas älterer Herr erzählte so ergreifend von der Seltenheit dieser internationalen Schau, dass die ganze Bande ihr letztes Geld zusammenkramte und in die Bude trat, bedächtig und würdevoll, als ob sie ein großes Theater besuchten. Der alte Herr erzählte draußen weiter:
„... nich etwa enthauptet. Er hat nur die Gabe, sich selbst an allen Körperstellen zu betrachten. Was doch sehr interessant ist, nicht wahr? Und dann ist da unsere Daisy. Sie spielt alles, was Sie wollen. Auf einem Banjo. Banjo sind doch jetzt sehr modern. Aber passen Sie gut auf, meine Herrschaften, Daisy hat die wunderbare
Gabe mit auf die Welt gebracht, genau zu wissen, welches Lied Sie gerne hören möchten. Sie kann nämlich Gedanken lesen! Ah, da staun Se, wat? Ich habe hier einen zugeklappten Umschlag. So, nun klappe ich ihn auf, sehn Sie? Hier sind zehn Zahlen, hinter jeder steht ein bekannter Schlager, und Sie brauchen nur darauf zu tippen, ohne dass es die große Künstlerin sieht, und gleich geht’s los: ,Weine nicht, Mütterlein, weine nicht'... na, und so weiter. Sie sehn also, meine Damen und Herren, Daisy ist schon eine Attraktion für sich. Dann ist aber noch Sonja da, die Sensation. Das genügt, mehr brauche ich Ihnen darüber nicht zu sagen. Ich werde versuchen, Sie auf eine ganz neuartige Weise zu unterhalten. Die Lieblinge des Volkes werde ich darstellen, die alten Sozialisten, angefangen vom ollen August Bebel. Meine Damen und Herrn! Das ist Volkseigentum, das geht uns alle an. Zögern Sie nicht! Zehn Pfennig ist der Eintritt. Gleich ist Anfang, gleich ist Beginn! Kommen Sie herein, draußen ist’s gefährlich, denn wir leben im Zeichen der Notverordnung!"
In der Bude war noch sehr viel Platz; höchstens 25 Zuschauer befanden sich drinnen. Erich musste neben einer dicken, aber sehr freundlichen Dame sitzen. Sie kuschelte sich dicht an ihn heran. Er konnte nicht wegrutschen, da ihn Franz immer wieder von der anderen Seite zurückdrückte.
Da ging der Vorhang hoch, und der Mann von vorhin bat um Applaus für den großen Künstler Bonkulus, der sofort auf die Bühne treten werde. Bonkulus war ein strammer Junge im Turnanzug, und er konnte auch was. Er gab gute artistische Leistungen, und jeder war begeistert. Er durfte dann in den Zuschauerraum gehen und Spenden sammeln. Die Pfennige flogen spärlich in die Mütze. Erich kramte eine Zigarette hervor und gab sie ihm. Spinne stieß ihn ärgerlich in den Rücken und flüsterte: „Gauner! For mir haste vorhin keene jehabt."
Dann kam wieder der Herr von vorhin und erklärte, wie schwer es sei, Gesichter anderer Menschen nachzuahmen. Jeder glaubte ihm das sehr gern. „Also, erst mal August Bebel." Er drehte sich zur Wand, klebte ein bisschen Putzwolle an, und als er sich wieder umdrehte, waren die Zuschauer sehr erstaunt; wie Bebel auf den bekannten Bildern sah jetzt der Direktor der „Internationalen Schau" aus. Dann kam Wilhelm Liebknecht an die Reihe, nach ihm Sacco und Vanzetti. Alles war gespannt auf das nächste Bild. „Und jetzt unser ermordeter Karl Liebknecht, der Führer der Jugend." Da pfiff plötzlich ein junger Mann in der hinteren Reihe. Franz sprang auf, schlug ihm unter das Kinn, packte ihn mit beiden Armen und trug ihn zum Ausgang. Ein Fußtritt, und der junge Mann lag draußen. „Bravo!" riefen einige Zuschauer. Franz setzte sich wieder, als ob nichts geschehen sei.
Daisy war ja nun wirklich keine Attraktion. „Die spielt aber mies," sagte jemand leise.
Und jetzt kam Sonja. Trocken und steif begann sie: „Ich komme jetzt zu Ihnen herunter. Ich habe hier Horoskope. Die Sterne lügen nicht. Sie brauchen mir nur Ihre Hand au zeigen, und ich gebe
Ihnen einen Zettel, auf dem alles draufsteht. Das ist doch sehr schön, wenn man alles vorher weiß. Preis nur zehn Pfennig."
Sonja kam herunter, eine Frau in der ersten Reihe hielt ihre Hand hin. „Ein M," stellte Sonja fest. Dann flüsterte sie mit der Frau und kramte umständlich ein grünes Kuvert hervor. Peikbeen räusperte sich.
„Wollen Sie auch einmal?"
„Nee, mit Dir nich, Du weeßt ja schon immer alles vorher, da macht det keenen Spaß."
„Na, denn nich."
Aber Erich wollte gern wissen, was mit ihm los war. Sonja nahm seine Hand: „Ein ganz großes A. Sie sind ein großes Glückskind und im Zeichen des Mars geboren."
Aber Erich widersprach: „Det is doch een M, Mensch. Det soll een A sin?"
„Doch, doch. Sehn Sie sich Ihre Hand mal durch ein Vergrößerungsglas an, mein Herr."
Dann bekam er den Zettel, wo alles draufsteht.
„Im Namen meiner Künstlerkollegen meinen herzlichsten Dank!" damit hatte Sonja die Vorstellung geschlossen.
Vor dem Rummel musste Erich sein Horoskop vorlesen, er war wütend:
„So ein Mist, wieder een Jroschen! Immer wieder fällt man off den Blödsinn rin — hört ma her: ,Eine fleißige Arbeit wird Sie vor den Gefahren des Leichtsinns retten. Die Liebe zur Arbeit wird Ihnen alle Gemütlichkeiten des Lebens verschaffen. Die Kinder, die Sie bekommen werden, folgen ihrem Beispiel und werden demnach Ihr größtes Vergnügen sein, — na, det kann ja dufte werden."
„Steht nich drauf, wie viel Kinder Du kriegen sollst?"
„Na, Erich, jetzt weeste ja Bescheid. Koof Dir man jetz immer Fromms Act."
„Ach ja, Jungs, ist schon alles Dreck. Los, jehn wa nach de Nostizritze, ick bin müde."
Die Rummelwächter räumten den Platz. Nur wenige Lampen brannten noch. Blauer Qualm spielte wie Nebelschwaden um die Laternen. Aus einem Tanzcafe gellten wilde Jazzmelodien. Schwere Lastautos donnerten in Richtung Tempelhof und schleuderten Anhänger hinter sich her. Am Flughafen blinzelten rote Signalzeichen. Der Asphalt der breiten Straße glänzte. Langsam schlenderte die Nostizgilde ihrer Straße zu.
Vor dem Lokal stand Karl Langscheidt mit seinen Genossen. Sie sprachen leise und überlegten.
„Ja, was machen wir denn da?" fragte Willi.
„Janischt. Karl jeht jetzt rauf, und wenn ihn der Alte rausschmeißt, pennt er bei mir ne Weile offs Sofa. Nachher werden wir denn schon sehen."
Die Jungens vom Rummel waren herangekommen.
„Rot Front! Ihr olln Leunakämpfer!"
„Rot Front! Ihr olln Rummelfritzen!"
„Oh, lass man, war janz nett, nich wahr, Erich? Der weeß nämlich jetz, wat mit ihm los is: acht Kinder soll er kriejen und die Gemütlichkeiten des Lebens. Dufte, wat?"
„Fängste schon wieder an? Dir hau ick heute noch in de Fresse."
„Mach doch, wenn de das Echo vertragen kannst. Immer los. Hol mal den Verbandskasten, Spinne!"
Die Jungens verstanden sich mit den jungen Kommunisten ganz gut. Nur mit Politik durfte man ihnen nicht kommen. Wenn es aber hieß: die Nazis kommen durch die Nostizstraße, dann waren die Jungens besser als viele der Organisierten,
„Sagt mal Jungens, was habt Ihr denn da vom Rummel? Jede Woche ziehen sie Euch etwas von der Unterstützung ab. Wird nicht lange mehr dauern, dann heißts: Ab über die Stoppeln, die Jugendlichen der Nostizstraße nach Pommern, Landarbeit fürs Essen, Arbeitsdienstpflicht gegen die Erwerbslosigkeit. Dann ist es zu spät, Herrschaften."
Theo war bei den Jungens beliebt, er konnte sich das erlauben. Aber sie lachten nur.
„So siehst Du aus, mein Lieber. Bei uns kommt gar nischt in Frage. Und wenn, dann gehen wir alle zusammen los und schlagen alles in Grund und Boden," sagte Franz.
„Na, und dann? Meint Ihr, die lassen Euch zusammen? Nee, mein Lieber... "
„Du willst woll schon wieder 'ne Rede halten, wat, Theo? Mensch, brauchst de nich. Du weest doch, wenn wat los is, sin wa wieder da, wir wissen, wat wir zu tun haben. Nur schlagen, mang schlagen, dass alles kracht!"
„Ja, natürlich, wenn Ihr man organisiert schlagen würdet. Aber so nützt Ihr der Arbeiterschaft verdammt wenig. Seht mal, Ihr habt doch so viel Zeit, seid erwerbslos, kümmert Euch doch mal ein bisschen um Eure Lage, macht doch mal was dagegen, alle zusammen. Zusammen mit uns. Zusammen mit der organisierten Arbeiterschaft ganz Deutschlands... "
„... Und der umliegenden Randstaaten", ergänzte Spinne. „Quatsch nich dämlich", fuhr ihn Erich an, „Du kannst doch bloß blöde Witze machen."
„Und Du jammerst über jeden Dreck, denkste denn, davon wird's besser alter Saftelkopp?"
Auf der anderen Straßenseite blieben die beiden Schupos stehen, die Jungens wurden ruhiger und gespannt. Der eine Grüne nestelte an seinem Koppel herum und sah seinen Kollegen fragend an. Doch der winkte ab: „Lassen wir sie stehen, ich meine, die sind doch ganz ruhig, warum sollen wir sie denn erst reizen."
„Ja, aber es sind mindestens 15 Mann, und es ist elf Uhr", sagte der andere zögernd. „Aber meinetwegen! Man weiß schon gar nicht mehr, was alles verboten ist."
Langsam gingen sie weiter, ab und zu sahen sie sich um. Nur Theo und Karl standen noch da und unterhielten sich.
„...Ja, und da muss etwas gemacht werden, die Jungens sind zu schade, um auf dem Rummel ganz versaut zu werden. Wir denken immer, die Nostizstraße ist schon rot, weil jeder Zweite Kommunisten gewählt hat. Aber das nützt uns einen Dreck. Mensch, was würden das für knorke Genossen werden .
Karl zweifelte, er war immer sehr vorsichtig und bei den Jungens nicht gut angeschrieben. Sie waren schon wütend wegen seines Vaters, den sie gefressen hatten wie zehn Pfund schwarze Seife.
„Meinst Du denn, das ist so leicht, mit denen was zu machen? Da sind doch so viele Knallköppe drunter. Sieh sie Dir doch mal an: der Rummel und die Weiber — weiter sehen die doch nischt. Was soll man denn da machen-?"
„Persönlich an sie herantreten, mein Lieber, zeigen, dass wir für alle ihre Nöte Verständnis haben, zeigen, warum ihr Leben so jämmerlich ist und wie sie sich helfen können. Die Nostizstraße muss eine ganze Stoßbrigade des Jugendverbandes werden. Sieh Dir doch die soziale Zusammensetzung der Leute an: alles Proleten, wenig Kleinbürger. Die Straßenzelle der Partei ist vierzig Mann stark, und wir nur sechzehn. Dazu kommen noch zehn Jungfrontleute, die aber nicht bei uns organisiert sind, Das ist doch kein Verhältnis, Mensch. Wenn ich doch nur Zeit hatte!"
Theo hatte immer keine Zeit. Er war Führer der Roten Jungfront und aktives Mitglied im Jugendverband. Jeden Abend Sitzung, jeden Abend nicht vor zwölf Uhr ins Bett. Und dann noch dieser Karl„der noch so viele sozialdemokratische Hemmungen und Arbeitsmethoden hatte.
„Na, wem später noch mal darüber sprechen. Ich bin müde. Mal sehn, was der Alte sagt. Licht brennt ja nicht mehr, Machs gut, Theo!"
„Also, lieber Freund, morgen abend Sportpalast. Machs besser!"

Erich war auch noch nicht schlafen gegangen. Er sah das blasse Mädel vor ihrer Haustür stehen und auf jemanden warten, der einen Hausschlüssel hatte.
Sie konnte Erich gut leiden, er war nicht gleich so gemein wie die andern Jungens.
„Na, wat hat denn der doofe Franz noch gesagt? Der patzige Affe."
„Nischt, Frieda. Musst Dir nischt draus machen, der meints in Wirklichkeit ganz anders. Hast Du keinen Schlüssel?"
„Nee. Wir haben bloß zwee. Eenen hat meine Mutter, die rückt ihn nicht raus, und den andern hat mein Bruder, der hat Nachtschicht."
Dann schwiegen beide. Frieda sah zu Boden. Erich betrachtete sie furchtsam und hoffnungslos. Er war etwas aufgeregt. Seine Hände spielten. Langsam legte er den Kopf zur Seite und presste ein Auge zusammen. Er fürchtete sich vor einer Dummheit: jetzt auf sie zuspringen und drücken. Langsam ging er auf sie zu und nahm ihre Hand. Sie sah immer noch zu Boden. So etwas hatte sie erwartet.
„Frieda, komm, wir gehen noch ein Stück."
Wortlos ging sie mit. Der arme Bursche war ja nett, er kam ihr immer so verprügelt vor. Seine Mutter, Frau Schmidt, hatte ihr schon oft von Erich erzählt.
„Wo lang gehen wir?"
„Zum Kreuzberg."
„Meinetwegen, aber nur zur Unterhaltung, verstehst Du, Erich?"
Erich hatte wohl verstanden, konnte aber nicht recht begreifen: immer ich habe so ein Pech. Immer ich...
„Ja", sagte er leise, „nur zur Unterhaltung. Ich möchte gern mit Dir sprechen, ganz vernünftig sprechen."
Erich sah sie wie aus weiter Ferne an. In Gedanken versunken, presste er den Kopf an ihre Brust . , .
Ihre letzten Worte stimmten ihn noch trauriger. £r schob gedankenlos einen abgerissenen Knopf in den Mund. Grenzenlos erbärmlich fühlte er sich. Was sollte er denn dem Mädel jetzt sagen? Würde sie nicht wütend werden und ihm davonlaufen, wenn er ganz einfach sagen würde: Du, ich hab Dich gern?
Auf dem Kreuzberg blieb er vor einer schlecht beleuchteten, unbesetzten Bank stehen. Heiß stieg es in ihm hoch. Erregung tobte wild in ihm. Er setzte sich und zog das Mädchen auf seinen Schoß. Mit zitternden Händen strich er über ihren stillen Körper.
„Frieda — ich habe Dich lieb... "
Sie schwieg lange. Dann sagte sie: „So reden sie alle. Das wollt ihr ja nur. Aber richtige Liebe findet man ja nicht. Du — hör auf... "
Er spürte ihre wannen Schenkel. Wie Feuer rann es durch seinen Körper.
„Frieda, lass doch! — Helf mir doch! Du — Du — helf mir doch! Mensch, was ist denn bloß... ?"
„Lass los jetzt, verflucht noch mal! Wie denkste Dir denn det? Ich kann doch nicht, Erich. Wenn was passiert. — Geh weg, da kommt der Parkwächter."
Erich stöhnte. Dann fiel er in sich zusammen. Erbarmungslose Verzweiflung überfiel ihn. Plötzlich stand er ernüchtert auf und presste ihre Handgelenke. „Komm jetzt. Du verstehst mich ja auch nicht... "
Frieda stand auf und verteidigte sich ruhig:
„Doch, ich verstehe Dich. Aber so kannst Du mir Deine Freundschaft doch nicht klar machen. Meinst Du denn, ich seh' nicht, dass Du es gut meinst? Aber so nicht, Erich, so nicht. Komm jetzt!"
Wortlos liefen sie zurück. Beim Abschied sah sie ihn gütig an, aber er verstand nicht. Sinnlos erschien ihm das Leben...
Seine Mutter schlief schon, als er heimkam. Es war schon spät geworden Auf dem Herd lag die schwarze Katze und blinzelte ihn mit verschlafenen Augen an.
Mit leichtem Stöhnen warf er sich ins Bett.

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