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Hans O. Pjatnizki - Aufzeichnungen eines Bolschewiks (1925)
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Der Beginn meiner revolutionären Tätigkeit (1896-1902)

Als ich im Jahre 1896 als Lehrling in einer Schneiderwerkstatt arbeitete, hörte ich oft die Arbeiter und Arbeiterinnen über die Sozialisten sprechen, die aus verschiedenen Städten Russlands in unsere Stadt (ihren Heimatort) abgeschoben worden waren. Aus flüchtigen Gesprächen erfuhr ich, dass diese Verbannten mit Vertretern der ortsansässigen Intelligenz und mit den Arbeitern zusammenkamen, dass sie den Arbeitern Unterricht im Lesen und Schreiben erteilten, ihnen Broschüren zu lesen gaben usw. Außerdem wurde in der Werkstatt oft von geheimen Versammlungen gesprochen, die in den Gouvernement-Hauptstädten Wilna, Kowno und Warschau abgehalten wurden, und von Verhaftungen, die bei diesen Gelegenheiten stattfanden. Das alles interessierte mich sehr, aber es gelang mir nicht, etwas Genaueres darüber zu erfahren.
Ende 1896 kamen zu den Feiertagen meine beiden Brüder nach Hause. Meine Verwunderung war groß, als ich in unserem Hause plötzlich Verbannte und Vertreter der städtischen Intelligenz sah, ferner Arbeiter und sogar Arbeiterinnen, mit denen ich in derselben Werkstatt zusammen arbeitete. Es stellte sich heraus, dass meine beiden Brüder mit den Pionieren der Arbeiterbewegung in Verbindung standen, die entweder in die Heimatstadt abgeschoben worden oder zu den Feiertagen nach Hause gekommen waren.
Meine Geburtsstadt — Wilkomir — zählte 14 000 Einwohner. Außer zahllosen Werkstätten der Handwerker gab es dort zwei oder drei kleinere Gerbereien, einige kleine Borstenfabriken und eine große Schlosserwerkstatt. Unter den Arbeitern dieser industriellen Betriebe gab es auch solche, die bereits in großen Städten gelebt hatten.
An den großen Feiertagen pflegten die Arbeiter, die in Kowno, Wilna, Dünaburg und Warschau beschäftigt waren, zu ihren Angehörigen zu Besuch zu kommen. In dem Städtchen ging es an solchen Feiertagen sehr lebhaft zu. Die Gäste veranstalteten zusammen mit den Klassenbewussten Arbeitern Wilkomirs in den Wäldern oder in Wohnungen, die außerhalb der Stadt gelegen waren, Theatervorstellungen, Versammlungen oder gesellige Abende mit Reden, Ansprachen, revolutionären Liedern usw. Genau so war es im Jahre 1906, als ich nach langer Abwesenheit für einige Wochen in die Heimatstadt geriet. Eine Ortsgruppe des „Bund" hatte es in Wilkomir wohl schon seit 1900—1901 gegeben, im Sommer 1906 aber bestand dort bereits eine große Organisation der RSDAP (Anm.: RSDAP — Russische Sozialdemokratische Arbeiter-Partei.), zu deren Mitgliedern russische, jüdische, litauische, polnische Arbeiter sowie Landarbeiter der nahe gelegenen großen Güter zählten.
Ich hatte den Wunsch, möglichst rasch selbständig zu werden. Zu der Zeit wurde mir in der Kreisstadt Ponewjesch, im Gouvernement Kowno, zu günstigen Bedingungen eine Arbeit angeboten. Ich klammerte mich an diese Möglichkeit und fuhr hin, obgleich meine Angehörigen ihre Einwilligung dazu nicht gegeben hatten.
In Ponewjesch arbeiteten in der Werkstatt, in die ich kam, etwa 15 bis 17 Menschen. Der Arbeitstag dauerte 15—18 Stunden. Die Unwissenheit der Arbeiter und Arbeiterinnen war unglaublich. Die Löhne waren niedrig, aber die Arbeiter nahmen das hin, ohne zu mucken. Meine Lage war noch schlimmer, denn ich hatte keine Wohnung und musste in der Werkstatt auf dem Tisch schlafen. Trotzdem der Arbeitstag sehr lang war, konnte ich nicht einmal dann ausruhen, wenn alle in der Werkstatt Beschäftigten schon nach Hause gegangen waren, denn dann begann der Werkstattbesitzer auf demselben Tische zuzuschneiden, auf dem ich schlafen sollte. Eine ähnliche Ausbeutung habe ich später nie wieder gesehen. Nicht von einer solchen Arbeit und nicht von solchen Arbeitern hatte ich vor meiner Abreise aus der Heimatstadt geträumt. Ich suchte nach einer Arbeiterorganisation, nach Leseabenden und Versammlungen, fand aber nichts. Außerdem hatte ich große Sehnsucht nach meiner Heimatstadt. All das veranlasste mich, wieder heimzukehren, als meine Angehörigen mich dazu aufforderten. Aber mein Aufenthalt zu Hause war nur von kurzer Dauer. Ende 1897 war ich bereits in Kowno. Dort arbeitete ich in einer Werkstatt, in der ich 3 Rubel Wochenlohn erhielt, und wohnte bei einem meiner Brüder, bei dem sehr oft Versammlungen, Vorträge, Diskussionsabende und dergleichen stattfanden. Anfangs jagte man mich bei solchen Anlässen aus dem Zimmer, dann aber wurde ich als „gleichberechtigter", schweigsamer Teilnehmer zu all diesen Versammlungen zugelassen. Zu der Zeit setzten Haussuchungen und Verhaftungen ein. Die aktiven Mitglieder des Selbstbildungszirkels des illegalen Tischlerverbandes, die sich bei meinem Bruder zu versammeln pflegten, fingen an, mich mit geheimen und verantwortungsvollen Aufträgen zu betrauen, wie z. B. Literatur von Kowno nach Wilna zu schaffen, verschiedene Pakete zu übermitteln usw.
Meine beiden Brüder waren von Beruf Tischler, darum verkehrte ich viel mehr mit Tischlern, als mit meinen damaligen Berufskollegen. Das kam daher, weil die Tischler mich stillschweigend in ihren Kreis aufgenommen hatten, während meine Arbeitskollegen mich noch für zu jung hielten, um mich als ihresgleichen anzuerkennen. Und ich selbst zog es vor, — so lange ich nur Zuschauer war — mehr unter den Tischlern zu verkehren, denn das waren gesetzte, erwachsene Arbeiter; außerdem waren sie im Vergleich zu den Arbeitern anderer Berufe viel zahlreicher.
Als ich nach Kowno kam, fiel mir auf, dass zu meinem Zweitältesten Bruder, bei dem ich wohnte, sehr oft Kollegen kamen, dass ihnen irgendjemand vorlas und das Gelesene erklärte. Oft dauerte so ein Leseabend bis in die Mitternacht hinein. Manchmal kamen diese Kollegen und diskutierten so laut, so heftig und aufgeregt, dass es mir schien, sie hätten Streit miteinander. Später begriff ich natürlich, dass es sich im ersten Falle um die Zusammenkünfte eines Selbstbildungszirkels oder eines Zirkels für politischen Elementarunterricht handelte, im zweiten Falle — um Versammlungen des Tischlerverbandes, in denen Fragen organisatorischen Charakters besprochen wurden. Wie sehr ich mein Gedächtnis auch anstrenge, so kann ich mich doch nicht entsinnen, bei diesen Zusammenkünften jemals Arbeiter anderer Berufe gesehen zu haben. In den Organisationsversammlungen wurde für die verschiedenen Kategorien der Tischler der Mindestlohn pro Tag oder pro Woche festgesetzt, unter dem niemand arbeiten durfte. Die Tischler hatten eine Arbeitsbörse (auf der Straße: denn es war Sommer), wohin die Unternehmer und Vermittler kamen, um Arbeiter zu suchen. Soweit ich mich erinnern kann, gab es in jenem Sommer keine größeren Streiks der Tischler, während in anderen Berufen (in den Zigarettenhülsen-Fabriken, bei den Schneidern usw.) Lohnkämpfe stattfanden. Allgemeinen Tischlerversammlungen habe ich nie beigewohnt und weiß nicht einmal, ob es solche gegeben hat. Dagegen kamen die Tischler auf der gemeinsamen „Arbeitsbörse" aller Arbeiter (als ich nach Kowno kam, befand sie sich an der Alexotski-Brücke, wurde dann aber in die Gegend des Gouverneurpalais verlegt) oder in der Teestube des Vereins zur Bekämpfung des Alkohols zusammen, wo sich ebenfalls Arbeiter aller Berufe einfanden — und ich war stets unter ihnen zu finden. Natürlich waren das keine Versammlungen, wie wir sie jetzt gewohnt sind: mit einer Tagesordnung, einem Vorsitzenden und Schriftführer. Es war nur ein kurzer Meinungsaustausch über verschiedene Fragen.
Die aktiveren unter den Tischlern veranstalteten oft gesellige Abende. Da wurden dann kurze Reden gehalten und ein jeder Teilnehmer musste der Reihe nach Aussprüche tun, wie z. B. „Nieder mit dem Kapitalismus!", „Es lebe der Sozialismus!" usw. Ich erinnere mich an zwei Tischler, die sich dabei besonders hervortaten: der eine von ihnen war jung, etwa 20 oder 21 Jahre alt, der andere ein alter Mann. Der erste war sehr energisch, erfasste stets rasch den Kern der Fragen, außerdem verstand er es, gut und schön zu sprechen. Die Arbeiter liebten und schätzten ihn. Sein Name war Sundel. Als er zur Musterung ging, da warteten viele seiner Freunde den ganzen Tag über vor der Kommandantur, um zu erfahren, ob er Soldat werden sollte oder nicht. Im Jahre 1905 begegnete ich ihm in Berlin. Er war Anhänger der Mehrheit der RSDAP. und gerade im Begriff, im Auftrage der Redaktion des „Wperiod" nach Russland zu reisen. Der zweite war aus England oder Amerika gekommen, wo er in einem Parteiklub oder einer Bibliothek angestellt gewesen war. Er erzählte viel von Versammlungen im Auslande, und da er sehr belesen war, auch von Büchern. Man schätzte ihn und hörte ihm mit Aufmerksamkeit zu. Leider ist mir sein Name entfallen.
Die Solidarität unter den Arbeitern der verschiedenen Berufszweige war sehr stark. Während der Streiks in anderen Berufen unterstützten die Tischler die Streikenden nicht nur mit Geld und Ratschlägen, sondern trieben auch Agitation unter den streikenden Arbeitern und Arbeiterinnen, hielten Streikbrecher an den Eingängen zu den Fabriken und Werkstätten fest und ließen sie nicht hinein. Sehr oft kam es dabei zu Zusammenstößen zwischen Streikbrechern und Streikposten, was zur Folge hatte, dass unter den letzten Verhaftungen vorgenommen wurden. Hier muss ich hervorheben, dass die Arbeiter sich den Verhafteten gegenüber prachtvoll benahmen und sie, beinahe könnte man sagen, mit Ehrfurcht behandelten. Ich entsinne mich noch, wie im Jahre 1899, gleich nach meiner Ankunft in Wilna, die Arbeiter verschiedener Werkstätten erfuhren, dass ein Schuster Mendel Garb und noch andere Genossen nach Sibirien verschickt werden sollten. Die Arbeiter ließen die Arbeit liegen, eilten zur Strecke bei dem Bahnhof, den der Zug passieren musste, und als der Gefangenenwagen ankam, wurde er mit Hochrufen auf die Verbannten und mit Flüchen gegen das zaristische Regime begrüßt. Soweit ich jetzt diese bunt zusammengewürfelte Demonstration beurteilen kann, war sie ganz spontan zustande gekommen.
Da die Verhafteten auf den Polizeiwachen geschlagen wurden, so bestand die Befürchtung, dass sie beim Verhör unwillkürlich und unbewusst die Namen ihrer Genossen preisgeben könnten. Darum führten die aktiven und Klassenbewussten Genossen eine energische Aufklärungsarbeit durch über die Frage, wie man sich bei Verhören und Verhaftungen zu verhalten habe (Anm.: Im Jahre 1900 wurde vom Auslandsverband der russischen Sozialdemokraten eine Broschüre von Bacharew (W. Akimow-Machnowez) herausgegeben unter dem Titel: „Wie hat man sich bei Verhören zu verhalten."). Wer sich bei Vernehmungen schlecht benahm, wurde aus dem Kreis der Arbeiter verstoßen, man ging ihm wie einem Aussätzigen aus dem Wege. Wer aber bewusst Verrat übte, mit dem wurde erbarmungslos abgerechnet. (Ich erinnere mich sogar eines Falles, wo sich auf der „Arbeitsbörse" in Wilna das Gerücht verbreitete, ein Verräter aus Riga sei angekommen. Er wurde ausfindig gemacht, in eine stille Gasse in der Nähe der Arbeitsbörse gelockt und dort zu Tode geprügelt.) Da in der Wohnung des Bruders, bei dem ich wohnte, bei jedem beliebigen Anlass Haussuchungen stattfanden, so hatte ich mir gründlich die Wissenschaft zu eigen gemacht, wie man sich bei Verhaftungen zu verhalten habe, noch lange bevor ich wegen meiner eigenen Tätigkeit verhaftet werden konnte.
Mitte 1898 wurde ich vollberechtigtes und aktives Mitglied des illegalen Schneiderverbandes, und zwar gegen den Willen meines älteren Bruders, der wünschte, dass ich vor dem Eintritt in die revolutionäre Bewegung erst noch lernen sollte.
Die Arbeiter, mit denen ich zu jener Zeit in Kowno zusammenkam, waren zum größten Teil Handwerker. Sie waren in illegalen Gewerkschaften nach Berufen organisiert. Der Hauptkampf ging um die Verkürzung des Arbeitstages auf 12 Stunden und die Erhöhung der Löhne. Die Kampfmethoden waren: Einzel- und Gruppenagitation für diese Forderungen, Streiks und Einschüchterung der Arbeiter und Arbeiterinnen, die gewillt waren, mehr als 12 Stunden täglich zu arbeiten. In den Arbeiterversammlungen wurden die Broschüren — Dikstein: „Wovon lebt ein jeder?" und Lafargue: „Das Recht auf Faulheit" vorgelesen. Die erste Broschüre wurde von den Arbeitern schnell verstanden, mit der zweiten war es bedeutend schwieriger. Gegen Streikbrecher wurde außer der mündlichen Beeinflussung auch Gewalt angewandt; bei den Unternehmern aber, in deren Betrieben man infolge der Indifferenz der Arbeiter keinen Streik organisieren konnte, wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Das hatte eine starke Wirkung. Zu den gleichen Methoden griff auch der Verband, dem ich als Mitglied angehörte.
Es gab damals eine Zentralstelle, die aus dem Auslande, aus Petersburg und anderen russischen Städten Literatur beschaffte, Selbstbildungszirkel organisierte, den Analphabeten Lesen und Schreiben beibrachte und allgemeine Bildungskurse für diejenigen Arbeiter veranstaltete, die mit der Zentralstelle oder den Zentralstellen in Verbindung standen. Ab und zu veranstaltete die Zentrale Massenversammlungen, Maifeiern und einfache Feiern in den damals in der nächsten Nähe von Kowno gelegenen vielen Wäldern. Bei solchen Gelegenheiten kamen stets ziemlich viel Menschen zusammen. In diesen Versammlungen wurden Reden und Ansprachen gehalten, und manchmal wurde auch etwas vorgelesen. An den Inhalt der dort gehaltenen Reden kann ich mich nicht erinnern. Die Teilnehmer kamen einzeln zu den Versammlungen. Wenn man auf die Patrouille stieß, musste man eine vereinbarte Parole nennen, worauf die Patrouille den Versammlungsort angab. Nach der Versammlung aber verließ man zusammen den Wald und ging bis zur Stadt, meist mit roten Fahnen, revolutionäre Lieder singend. In der Stadt trennte man sich und ging wieder einzeln nach Hause. Durch die Arbeiter, die den Selbstbildungszirkeln angehörten, übte die Zentrale ihren Einfluss auf die illegalen Gewerkschaftsverbände aus.
Als aktives Mitglied meiner Gewerkschaft, als „Nihilist" und „Streikhetzer" konnte ich Ende 1898 bei keinem Damenschneider mehr Arbeit finden. Darum war ich gezwungen, nach Wilna zu reisen. Man gab mir Empfehlungen mit, und gleich nach meiner Ankunft bei den Wilnaer Genossen fand ich Arbeit und verdiente wöchentlich 5 Rubel. Ich trat sofort dem Verband der Damenschneider bei, sehr bald wurde ich zum Verbandssekretär und Kassierer gewählt; die Arbeit in der Werkstatt aber gab ich natürlich nicht auf.
Zu der Zeit hatten die Arbeiter aller Berufe bereits ihre Verbände: die Metallarbeiter, die Tischler, die Maler, die Herren- und Damenschneider, die Näherinnen usw. In Wilna waren die Gewerkschaften damals organisatorisch noch nicht mit einander verbunden. Doch wurden von Zeit zu Zeit Vertreter der verschiedenen Gewerkschaften anscheinend durch die Zentralstelle des „Bund" zu Besprechungen zusammengerufen, um Fragen, wie die Demonstration am 1. Mai oder das Programm irgend einer revolutionären Feier usw. zu beraten.
Aber das war gar nicht einmal notwendig, denn alle mehr oder weniger aktiven Genossen aus den Gewerkschaften trafen sich tagtäglich in der Sawalnaja auf der „Börse", die lange Zeit hindurch bestand, obwohl die Polizei wiederholt versucht hatte, sie zu sprengen. Gleich nach der Arbeit liefen die Arbeiter und Arbeiterinnen aus allen Straßen nach der Sawalnaja und erledigten dort im Spazierengehen ihre Angelegenheiten. Die „Börse" spielte zu jener Zeit eine große Rolle, was z. B. folgender Fall zeigt: Eines Tages wurden infolge einer Denunziation in einer Vorstadt Wilnas — in der Neustadt — unweit der „Börse" zwei Genossinnen und ein Genosse (E. Raizug, R. Sack und S. Leifer) mit Flugblättern verhaftet. Das erfuhr die „Börse". Ohne von irgend jemand dazu aufgefordert zu sein, stürzten die Arbeiter zum Polizeirevier. Den Arbeitern der „Börse" schlossen sich die Arbeiter der Vorstadt an. Die Menge forderte die Befreiung der Verhafteten, was aber von der Polizei abgelehnt wurde. Daraufhin wurden die Telefondrähte durchschnitten, nach einer regelrechten Schlacht das Revier gestürmt und die Genossinnen befreit. Beim Sturm auf das Polizeirevier waren einige Arbeiter durch Säbelhiebe verwundet worden.
Um die damalige Stimmung der Arbeiter zu kennzeichnen, will ich bei dem Sturm auf das Revier etwas verweilen. Die Verhafteten saßen im oberen Stockwerk. Deshalb mussten die Arbeiter, als sie das Erdgeschoß erstürmt hatten, die Treppe hinaufsteigen; oben aber standen die Polizisten und teilten Säbelhiebe nach links und rechts aus. Da kletterten die Arbeiter auf das Dach des Gebäudes, von dort auf den Dachboden und begannen von oben herab Steine auf die Polizisten zu werfen. Dadurch wurden diese gezwungen, die Treppe freizugeben, und die Menge konnte nach oben gelangen. Gegen Morgen nahmen die Arbeiter ihre Verwundeten mit sich und räumten die Vorstadt.
Als es zu tagen begann, wurden alle Wege nach der Vorstadt umzingelt und jeder verhaftet, den die Polizisten oder Spitzel bezeichneten. Obwohl die Zahl der Opfer die der Befreiten bei weitem überstieg, kann ich mich doch nicht entsinnen, dass irgend jemand von den Arbeitern, die an dem Überfall teilgenommen hatten, in der Werkstatt oder auf der „Börse" das Geschehene bedauert hätte. Zwei Wochen später wurde mir vorgeschlagen, erst die eine, dann die andere der befreiten Arbeiterinnen zur Grenze zu begleiten, womit ich mich natürlich sofort einverstanden erklärte. Wir verließen Wilna und gelangten wohlbehalten an den betreffenden Grenzort. All das geschah im Juni 1900. Ich war damals stolz darauf, dass man mir eine so verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut hatte.
Die klassenbewussteren und aktiveren Arbeiter wurden von Intellektuellen unterrichtet. Es bestanden im Verband der Damenschneider zwei Zirkel. An diesen Zirkeln nahm auch ich als Schüler teil. Ein Zirkel beschäftigte sich mit Nationalökonomie, der andere mit Fragen der Arbeiterparteien des Auslands, der Kolonialpolitik der Großmächte usw. Einige Zeit darauf wurden auch aus Wilna Truppen nach China entsandt und zwar, wie mir scheint, zur Unterdrückung des Boxeraufstandes. Die Soldaten wurden von ihren Vätern, Müttern, Frauen und Kindern unter lautem Wehklagen begleitet. Beim Anblick dieses Schauspiels war es mir, dank dem Unterricht im Zirkel, schon damals klar, dass man diese Soldaten nicht im Interesse der Völker Russlands und Chinas zur Schlachtbank schickte.
Die Zirkel erfreuten sich eines regelmäßigen Besuchs, und den Schülern wurden tatsächlich die ersten Grundlagen politischen Wissens vermittelt. Solche Zirkel bestanden in allen Gewerkschaften.
Zum Lesen blieb mir sehr wenig Zeit übrig. Das konnte ich nur nachts tun. Es war damals sehr schwierig, gute Bücher zu bekommen, denn mein Verdienst war so gering, dass ich mir keine kaufen konnte. Bibliotheken waren entweder noch nicht organisiert oder aber wir wussten nichts von ihrer Existenz. Die Bibliotheken der Gewerkschaften waren keineswegs auf der Höhe. Gelang es mir, gute legale oder illegale Bücher zu erwischen, so las ich sie in einem Zuge durch. (Einen gewaltigen Eindruck machte auf mich „Andrej Koschuchow" von Krawtschinski und ein Büchlein über die Pariser Kommune, dessen Titel ich vergessen habe.) Mit Ungeduld wartete ich auf die folgende Nacht, um weiterlesen zu können.
Eines Tages — Ende Februar 1899 oder Anfang 1900 — wurde mir auf der „Börse" mitgeteilt, dass ich in einer Wohnung an der Peripherie der Stadt erwartet werde. Ich ging sofort hin. Wie es sich herausstellte, tagte dort eine Versammlung der Gewerkschaftsvertreter, an der auch ein Genosse von den Intellektuellen teilnahm. Man erörterte die Frage der Maifeier. Es handelte sich darum, ob man den 1. Mai in Wohnungen, im Walde oder auf der Straße feiern sollte. Nach langen Debatten wurde beschlossen, eine Demonstration in der Hauptstraße der Stadt zu veranstalten. Jeder Verband sollte noch vor dem 1. Mai eine Mitgliederversammlung einberufen und dort die Frage der Demonstration erörtern. Jeder dieser Versammlungen sollte ein „Intellektueller" beiwohnen. Ich berief eine große Mitgliederversammlung ein. Wir warteten lange auf den Intellektuellen, der sprechen sollte, aber er kam nicht. Nun war ich gezwungen, auseinanderzusetzen, welche Bedeutung der 1. Mai habe und warum man auf der Straße demonstrieren müsse (bis dahin wurde der 1. Mai entweder in Wohnungen oder im Walde gefeiert). Das war nicht leicht, denn die ganze Arbeit bestand damals im wirtschaftlichen Kampf gegen die Unternehmer, auf deren Seite die Polizei stand. Das war alles, was die Mitglieder der damaligen Gewerkschaften wussten. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich damals die Notwendigkeit einer Straßendemonstration damit begründet, dass die Streiks uns Arbeitern in den letzten zwei Jahren nichts Positives gebracht hätten und dass man dem höchsten Beamten in der Stadt — dem Gouverneur — zeigen müsste, dass die Arbeiter mit ihrer Lage unzufrieden seien und dagegen protestieren. Die Versammlung beschloss einstimmig, an der Demonstration teilzunehmen. Sofort wurden auch Zehnerführer bestimmt, die am Abend des 1. Mai gleich nach der Arbeit in eine kleine Gasse, in der Nähe der Hauptstraße Wilnas, auf der die Demonstration stattfinden sollte, zu kommen und je neun Demonstranten, für die sie verantwortlich waren, mitzubringen hatten.
Zur festgesetzten Stunde kam ich mit 9 Genossen. Als wir die Hauptstraße erreichten, waren alle bereits vollzählig versammelt. Im Nu war die Straße überfüllt von Arbeitern und Arbeiterinnen, die sich unter die bürgerlichen Spaziergänger mischten. Berittene Kosaken und Polizei merkten bald, dass ein außergewöhnliches Publikum in großer Menge die Straße füllte und waren darum auf der Hut. Plötzlich wurde eine rote Fahne entrollt. Hier und da begann man zu singen. Es entstand ein Tumult. Die Läden wurden eiligst geschlossen und die Spaziergänger machten sich aus dem Staube. Polizei und Kosaken stürzten sich auf die Demonstranten und hieben mit den Nagaikas nach rechts und links. Das ist wohl für die Arbeiterschaft Wilnas die Feuertaufe gewesen.
Ein Jahr darauf fand die Maidemonstration an einem Feiertage statt. Zum Sammelpunkt wurde der Garten am Ende der Hauptstraße bestimmt. Beim Verlassen des Gartens wurden die Demonstranten von Kosaken überfallen, wobei viele Arbeiter durch Hiebe verwundet und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen wurden.
Das Jahr zwischen der ersten und zweiten Demonstration war nicht spurlos vorübergegangen. Man diskutierte nicht mehr darüber, ob der 1. Mai in Wohnungen, im Walde oder auf der Straße gefeiert werden sollte. In allen Gewerkschaften wurde einfach mitgeteilt, dass eine Demonstration stattfinden werde, und für jeden Verband wurden Zeit- und Sammelpunkte festgesetzt. Weiter nichts! Aber auch ohne die Maßnahmen, die man im vorhergehenden Jahre angewandt hatte, erschienen die Arbeiter sehr zahlreich zur Demonstration. Hätte man mich gefragt, welcher Organisation ich damals angehört habe, so hätte ich darauf nicht mit der Bestimmtheit antworten können, mit der heutzutage jeder eine solche Frage zu beantworten imstande ist.
Die Arbeit in den Gewerkschaften bestand damals hauptsächlich im Werben immer größerer Massen von Arbeitern und Arbeiterinnen für den Verband, im Kampf für die Verkürzung des Arbeitstages und für höhere Löhne. Irgendwelche Organisationen schickten uns Leiter für die Selbstbildungszirkel. Zweifellos hat es auch irgendeine Organisation gegeben, die vor den Demonstrationen die Vertreter der Gewerkschaften zu Beratungen zusammenberief, aber — soweit ich mich entsinnen kann — interessierte uns diese Frage gar nicht.
In meiner Wohnung lag zusammengepackt die Handdruckerei der Zeitung „Rabotschoje Snamja" („Das Banner des Arbeiters"; diese Druckerei übernahm dann von mir Lurje, einer der Gründer der Gruppe „Rabotschoje Snamja", die die gleichnamige illegale Zeitung herausgab). Dank den persönlichen Beziehungen, die mir noch von den Kownoer Zirkeln her geblieben waren, reiste ich zu jener Zeit regelmäßig nach Kowno, um von dort revolutionäre Literatur für die Wilnaer Ortsgruppe des „Bund" zu holen.
Schließlich, im Sommer des Jahres 1901 — ich war damals schon fest mit der Organisation der „Iskra" verbunden — machten mir die Mitglieder der Kownoer Ortsgruppe des „Bund" gelegentlich eines Aufenthaltes in Sachen der „Iskra" in Kowno den Vorschlag, an der Organisierung und Führung eines Streiks der Arbeiter mitzuwirken, die auf dem Njemen Nutzholz nach Deutschland flößten. Das nahm ich natürlich an (Anm.: An diesem Streik nahmen erwachsene, solide, aber unaufgeklärte Arbeiter teil. Sie wurden zum ersten Male durch meinen ältesten Bruder organisiert. Sie hielten sich sehr gut, obwohl der Streik einige Wochen lang dauerte. Ich kann nicht umhin, die Sympathie, die den Streikenden von den anderen Arbeitern Kownos bewiesen wurde, zu erwähnen. Wir wussten, dass wir den Streik gewinnen werden, da die Unternehmer die Saison nicht unausgenutzt vorübergehen lassen konnten, aber man musste den Streikenden materiell zu Hilfe kommen, und wir hatten selbstverständlich kein Geld. Da forderten wir auf der „Börse" die Arbeiter auf, uns ihre Uhren, Ringe usw. zum Versetzen in die Pfandleihe zu überlassen, um das auf diese Weise gewonnene Geld den Streikenden zu geben. Man leistete unserem Rufe Folge, und der Streik wurde gewonnen, worauf die Teilnehmer am Streik das ihnen geborgte Geld zurückgaben. Unter den Streikenden wurden Verhaftungen vorgenommen, aber die Menge stürmte die Polizeiwache der Vorstadt und befreite die Verhafteten.).
In den Zirkeln wurden wir im Geiste des Internationalismus erzogen. Man erzählte uns auch von den Arbeiterorganisationen des Auslandes. Ich glaubte damals, dass es den russischen Arbeitern sehr schwer fallen würde, sich solche Freiheiten zu erobern, wie sie die ausländischen Arbeiter bereits besaßen; ich glaubte, diese würden uns zu Hilfe kommen, und uns gemeinsam würde es gelingen, eine Staatsordnung einzuführen, unter der man alles, was man will, lesen kann, unter der man für die Aufbewahrung von revolutionärer Literatur nicht verhaftet wird, eine Ordnung, die keine Einmischung der Polizei bei Streiks und keine Misshandlungen von Verhafteten auf den Polizeiwachen kennt. Es kam gerade umgekehrt: nach Verlauf von 18—20 Jahren ist die Arbeiterklasse in keinem Lande mehr im Besitz des Wenigen, wovon ich damals geträumt hatte, die Arbeiterklasse Russlands hat dagegen mit dem kapitalistischen Regime ein Ende gemacht und hilft nun mit allen Kräften dem Proletariat der ganzen Welt.
Ich erinnere mich nicht, dass zu jener Zeit in den Zirkeln vom „Bund" oder von der PPS (Anm.: Polnische Sozialdemokratische Partei.) gesprochen wurde, obwohl diese Organisationen nach kurzer Zeit in der Öffentlichkeit auftauchten. Ich weiß nur noch, dass nicht selten Flugblätter erschienen, die ich ebenso wie andere aktive Gewerkschaftsmitglieder nach einem von vornherein festgelegten Plan verbreitete. Um die Organisation der Literaturverbreitung war es damals besser bestellt als bei den illegalen Parteien des Auslandes in der heutigen Zeit. Eine Gruppe von Genossen erschien an einem bestimmten Ort. Dort erhielt jeder von ihnen ein Päckchen Flugblätter zur Verbreitung in einer oder mehreren Straßen. Nach der Erledigung des Auftrages musste jeder an einen vorher vereinbarten Ort kommen und über die verrichtete Arbeit Meldung erstatten. Auf diese Weise bekam die Zentralstelle ein klares Bild und wusste immer, wo etwas geschehen war, wo die Verbreitung der Drucksachen klappte und wo nicht.
Wer die Flugblätter herausgab und welche Organisation sie zeichnete, interessierte mich damals nicht. Für mich war die Hauptsache, dass dies für das Proletariat notwendig war. Infolgedessen musste man Verhaftungen, Misshandlungen, kurz alles riskieren — wenn es nur der Sache Nutzen brachte.
In den Jahren 1899—1900 fanden die Diskussionen zwischen den Vertretern des „Bund" und der PPS statt. Der „Bund" bemächtigte sich der illegalen Gewerkschaftsverbände der jüdischen Arbeiter (vielleicht hatte er sie auch organisiert). Die PPS begann mit dem „Bund" zu konkurrieren. — Die Taktik der Gewerkschaften machte bankrott, denn trotz jahrelanger Kämpfe hatten die Arbeiter bei ihren Unternehmern nichts erreicht. Das erklärte sich dadurch, dass die Unternehmer in der Saison zwar nachgaben, dafür aber bei Eintritt der „stillen Zeit" alles sofort rückgängig machten. Damit waren die Klassenbewussten Arbeiter natürlich unzufrieden.
Aber schon vor meiner ersten Verhaftung im März 1902 hatte ich begriffen, dass nicht allein die Saisonarbeit die Ursache dafür war, dass die Gewerkschaften nicht vom Fleck kamen. Die Gründe lagen tiefer. Die jüdischen Arbeiter hatten sich früher organisiert, und die Arbeit unter ihnen war leichter als unter den Litauern, den Polen und Russen. Die leitende Zentrale der jüdischen Arbeiter entfaltete keine Tätigkeit unter den Nichtjuden und wollte das auch gar nicht. Ein Beispiel: nach meiner Flucht aus dem Gefängnis 1902 hielt ich mich eine Zeitlang in Schitomir bei einem führenden Genossen vom „Bund" verborgen, sein Deckname war Urtschik. Ich wohnte einer Versammlung der Ortsleitung des „Bund" bei, in der darüber diskutiert wurde, dass die russischen Arbeiter in Schitomir infolge ihrer Unaufgeklärtheit den wirtschaftlichen Kampf der jüdischen Arbeiter lähmten, weil sie bei Streiks als Streikbrecher auftraten. Dazu wurde nun der salomonische Beschluss gefasst: einige Russen agitatorisch zu bearbeiten, damit diese dann selbst unter ihren Kollegen weiterarbeiten. Damals gab es weder in Wilna noch in anderen Städten des westlichen Gebiets irgendeinen Verband, der alle Arbeiter eines Berufs — ohne Unterschied der Nationalität — erfasste. Das war natürlich im Kampf gegen die Unternehmer nur hinderlich. Fast alle politischen Organisationen — die litauischen SD, die polnischen SD und die PPS — hatten ihre eigenen Gewerkschaften. Sogar die Maidemonstrationen wurden von den verschiedenen Organisationen an verschiedenen Tagen veranstaltet. Nicht wenig schuld daran war auch der „Bund". Zu der Zeit, als er entstand, war es sehr leicht, eine einheitliche Tätigkeit unter sämtlichen Arbeitern des Westgebiets zu entfalten. Später, im Jahre 1903 begegnete ich in Berlin dem Leiter eines Wilnaer Zirkels, zu dessen Schülern ich gezählt hatte. Ich fragte ihn, warum der „Bund" sich von den Arbeitern der anderen Nationalitäten absondere, die jüdischen Arbeiter seien doch dagegen. Darauf erwiderte er: „Die „Iskra" fragt auch nicht danach, was die Arbeiter wollen, sondern geht unbeirrt den Weg, den sie — die „Iskra" — als richtig und notwendig für die Arbeiter erachtet. Das Gleiche tut der „Bund".
Auf der politischen Bühne erschien nun die PPS mit ihrem Programm des politischen Kampfes gegen Russland, der Abtrennung Polens von Russland usw. Einigen von uns imponierte das sehr, aber da wir bereits in den Zirkeln im Geiste des Internationalismus erzogen worden waren, konnte uns die PPS nicht mehr anziehen. Zu jener Zeit erschien in Wilna ein Schlosser namens Faiwtschik, sein Familienname — auch der verschiedener anderer Genossen — war und blieb mir unbekannt. Er kam aus Paris, wo er Mitglied der Gruppe der „Befreiung der Arbeit" gewesen war. Nachdem mir Genosse Faiwtschik das Programm dieser Gruppe auseinandergesetzt hatte, wurde ich einer ihrer eifrigsten Anhänger. Ende 1900 oder Anfang 1901 machte mich Faiwtschik mit Martows Bruder Sergeij Zederbaum (Jeschow) bekannt. Dieser war Bevollmächtigter der Gruppe „Iskra", mit der die Gruppe der „Befreiung der Arbeit" sich vereinigt hatte. Auf diese Weise wurde ich Anhänger der „Iskra".
Ohne der Werkstatt den Rücken zu kehren, und unter Ausnutzung aller Beziehungen, die ich aus meiner Tätigkeit in den Zirkeln und im „Bund" besaß, half ich anfangs der „Iskra" bei der Herstellung eines geregelten Literaturtransportes aus dem Ausland nach Russland und bei der Beförderung von Genossen ins Ausland. Der Transport von Literatur und die Schaffung von Verbindungen mit Russland waren für die „Iskra", die im Auslande erschien, Aufgaben von größter Bedeutung.
Als Jeschow bald darauf aus dem Auslande Nachrichten über den Bestimmungsort der Literatursendungen erhielt und auch erfuhr, wohin man reisen musste, um diese Sendungen abzuholen, fing er an, mich zu diesem Zweck an die Grenze zu senden, was mich stets zwang, meine Arbeit in der Werkstatt für längere Zeit aufzugeben. Da diese Unterbrechungen aber fast immer mit der Saison zusammenfielen, so verlor ich meine Arbeit und musste Not leiden und hungern.
Nach meiner Rückkehr aus Kowno verpflichtete ich mich bei einem Unternehmer für ein Jahr, bei einem Lohne von fünf Rubel wöchentlich. Gegen Weihnachten entließ der Arbeitgeber einen Arbeiter. Darauf traten wir alle in den Streik. Diese Zeit war für den Unternehmer Hochsaison. Den Streik gewannen wir, als aber die „stille Zeit" begann, wartete er nur auf eine Gelegenheit, um mit mir, dem „Leiter" des Streiks, abzurechnen. In diesem Sommer (es war entweder 1899 oder 1900) wurde ich alle Augenblicke nach Kowno geschickt: bald um Literatur zu holen, bald um aus der Polizeihaft befreite Genossen dorthin zu bringen. Mein Unternehmer nutzte eines Tages mein Wegbleiben aus und entließ mich zu einer Zeit, als es unmöglich war, Arbeit zu finden. Ich war lange arbeitslos und war gezwungen, sowohl auf Mittagbrot als auf Wohnung zu verzichten, d. h. man hatte mir die Wohnung gekündigt und gab mir kein Mittagessen mehr. Die Lage war keineswegs sehr angenehm. Dafür hatte ich im Verband beide Hände voll zu tun. Als Schriftführer unserer Gewerkschaft musste ich den neueintretenden Mitgliedern die Statuten vorlesen und erläutern, den Kampf gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den Werkstätten führen und war noch mit verschiedenen anderen Arbeiten belastet. Da aber geschah etwas, was meine Lage noch verschlimmerte. Einmal kamen die Genossen aus dem „Bund" auf den Gedanken, den Geburtstag Gutenbergs oder den Tag, an dem er die Druckerpresse erfunden hatte, zu feiern. Sie bedienten sich häufig dieser Methoden, denn es wurden dadurch gute Erfolge erzielt und diese Feiern brachten die Teilnehmer einander näher. Die Vertreter einiger Verbände, darunter auch ich, begaben sich mit der Romno-Libauischen Eisenbahn in eine Sommerfrische in der Nähe des Ortes, in dem die Feier stattfinden sollte. In einer der Sommerwohnungen blieben wir über Nacht, um bereits ganz früh am Morgen im Wald zu sein und dort alles für die Feier bereit zu machen. Mit uns war auch eine Frau. Wir überließen ihr das Zimmer in der Sommerwohnung, zogen uns selbst im Vorzimmer aus und legten uns auf der Veranda schlafen. Wir erwachten alle sehr zeitig, konnten uns aber — o, verdammt — nicht vom Platze rühren, denn Spitzbuben hatten sich mit uns einen bösen Spaß geleistet und alle unsere Sachen, von den Stiefeln bis zu den Hüten, gestohlen. Unsere Lage war schlimm. Wir hatten nicht einmal die Möglichkeit, in die Nachbarwohnungen zu gehen und um Hilfe zu bitten. Wie zum Possen kam niemand in unsere Sommerwohnung, denn alle waren mit der Feier beschäftigt. In dieser Lage befanden wir uns bis zum Mittag, als endlich eine bekannte Arbeiterin nach uns zu sehen kam. Als sie erfuhr, was los sei, entfernte sie sich sofort, um in den benachbarten Sommerwohnungen für uns die notwendigsten Kleidungsstücke zusammenzubekommen. Ich erhielt einen Anzug, in dem ich mich am Tage unmöglich auf der Straße hätte zeigen können. Zu einem Rock, der noch einigermaßen anging, bekam ich die Arbeitshose eines Malermeisters. Von den Schuhen war der eine ein Herren- und der andere ein Damenstiefel. Die Ausstattung der anderen Genossen war nicht besser. Mir wurden zusammen mit dem Anzug auch mein Pass und die mit großer Mühe leihweise erworbenen 50 Kopeken gestohlen (wir durften aber keine Anzeige erstatten, da fast jeder von uns Flugblätter, illegale Broschüren und andere verbotene Sachen bei sich gehabt hatte). Für mich war diese Geschichte ein harter Schlag und verschlimmerte meine materielle Lage erheblich. Ich geriet in Schulden, die ich erst gegen Ende des Winters los zu werden vermochte. — Aber Not und Entbehrungen konnten mich nicht dazu bewegen, die Arbeit für die Partei und die Revolution aufzugeben. Im Herbst gelang es mir, Arbeit zu finden. Im März sandte mich der Vertreter der „Iskra" an die Grenze. Ich hatte den Auftrag, einen Genossen — ich glaube, es war Genosse Kopp — zu begleiten und zugleich den Boden für die Beschaffung der Literatur der „Iskra" zu sondieren. Als ich bereits in Wilkowischki (dicht an der Grenze) war, wandten sich einige mir persönlich bekannte Genossen vom „Bund" an mich, mit der Bitte, ihnen beim Abtransport einer größeren Literatursendung nach Wilna und Dünaburg behilflich zu sein. Ich sagte zu, denn ich wollte nicht mit leeren Händen zurückfahren. Aber die Sendung verzögerte sich irgendwo ziemlich lange, und wir waren gezwungen, 2—3 Wochen in dem Städtchen Mariampol zu warten. Endlich war alles so weit, und wir reisten mit der Eisenbahn in der Richtung nach Wilna ab. Auf der Station Pilwischki sollte man uns die Literatur in den Eisenbahnwagen bringen. Trotzdem wir aber dort auf dem Bahnsteig sowohl die Koffer mit der Literatur als auch den Genossen gesehen hatten, der sie uns hineinbringen sollte, ging der Zug ab, ohne dass es geschah. Die Koffer blieben in Pilwischki. Später erfuhren wir, dass dieser Transport aufgeflogen war und dass die Gendarmen nur darauf gewartet hatten, dass jemand die Koffer berühre.
Nach meiner Rückkehr nach Wilna wurde ich wieder arbeitslos und geriet von neuem in Not.
Es war mir gelungen, verschiedene Genossen über die Grenze zu bringen und außerdem persönlich aus dem Ausland zwei Sendungen mit Literatur der „Iskra"- Gruppe zu erhalten, von denen die eine 3 und die andere sogar 10 Pud (Anm.: 1 Pud = 16,38 kg) schwer war.
Es dürfte nicht überflüssig sein, auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die damals mit der Erlangung von Literatur verbunden waren. Im Herbst 1901 erhielt ich die erste 3 Pud schwere Sendung „Iskra"-Literatur im Örtchen Kibarty — an der deutschen Grenze. Dort hatte ich Genossen aus dem Verband der Borstenmacher, die Literatur aus Deutschland herüberbrachten. Von Kibarty konnte ich die Literatur nicht mit der Eisenbahn weiter befördern, weil das Gepäck auf den nahe an der Grenze gelegenen Stationen sorgfältig untersucht wurde. Ich musste daher die Mietskutschen benutzen, die regelmäßig zwischen Kibarty—Mariampol und Kowno verkehrten. Die Fuhrleute, die es irgendwie merkten, dass wir „Schmuggelware" mit uns führten, blieben jedesmal stehen, nachdem sie ein paar Werst gefahren waren, und erhöhten den Fahrpreis. Schließlich erreichten wir Kowno. Auf der Brücke, die nach der Stadt führte, standen Zollbeamte. Mit mir zusammen begleitete die Literatursendung noch ein Genosse, mit dem ich ausmachte, dass ich, wenn die Sendung angehalten werden sollte, mich für den Eigentümer ausgeben würde, während er so zu tun hätte, als ob er mich gar nicht kenne. Auf der Brücke wurden wir angehalten. Der Wagen fuhr mit dem Genossen davon, und ich blieb allein mit der Literatursendung zurück. Beim Öffnen des Korbes fand man dort die Zeitung „Iskra" (bis zur Nr. 7) und verschiedene Broschüren, darunter auch „Die Klassenkämpfe in Frankreich" von Karl Marx. Der Beamte ahnte nicht, auf was für „Schmuggelware" er gestoßen war, denn bisher hatte er stets nur mit Stoffen, Tee und ähnlichen Dingen zu tun gehabt. Deshalb wusste er nicht, was er mit solcher „Ware" anfangen sollte. Aber er ließ mich trotzdem nicht fort. Er versuchte, die Titel der Zeitungen und Broschüren zu lesen und zündete zu diesem Zweck Streichhölzer an (ich wurde nämlich nachts angehalten), aber der Wind, der vom Njemen her blies, machte ihm das Lesen unmöglich. Schließlich bekam ich diese Prozedur satt. Ich steckte ihm mein letztes Geld (eine goldene 5-Rubelmünze) zu und forderte ihn auf, mich sofort mit meinen Sachen gehen zu lassen, da die Zeitungen morgen früh in den Kownoer Zeitungsständen verkauft werden müssten und ich ihn sonst schadenersatzpflichtig machen würde. Der Beamte, der zum ersten Male im Leben solche Zeitungen sah, wollte mich bis zum Morgen dabehalten und sich dann die Zeitungen näher ansehen. Ich forderte ihn aber auf, mir schleunigst beim Aufladen des Korbes auf meinen Rücken behilflich zu sein. Das tat er denn auch, nachdem er mich vorher ersucht hatte, ihm eine Zeitungsnummer und eine Broschüre zu überlassen. Eine Broschüre gab ich ihm, eine Zeitung bekam er aber von mir nicht, da ich vermeiden musste, dass bekannt wurde, auf welchem Wege die „Iskra" befördert werde. Die Last war schwer, eine Droschke war in der Nähe nicht zu sehen, und außerdem besaß ich ja auch kein Geld, da ich alles, was ich bei mir hatte, dem Fuhrmann und dem Zollbeamten gegeben hatte. Ich brach unter der Last zusammen. Schließlich gelang es mir unter großen Anstrengungen, indem ich den Korb wie ein Fass vor mir herrollte, die Straßen am Ufer zu erreichen, wo ich für 15 Kopeken (ich hatte sie zufällig in der Tasche gefunden) — mein ganzes Kapital — eine Droschke nahm und so die Wohnung erreichte. Vor dem Haustor traf ich den Genossen, von dem ich mich auf der Brücke getrennt hatte. Wir beide waren durch das Vorgefallene so aufgeregt, dass wir natürlich nicht einschlafen konnten. Plötzlich hörten wir ein Klopfen an der Haustür. Wir erstarrten beide vor Schreck. Hatte man mich wirklich entdeckt? Aber das war ja beinahe unmöglich! Ich hatte mich ja anfangs zu einem kleinen Hotel fahren lassen, erst als auf mein Klopfen kein Mensch öffnete, befahl ich dem Kutscher, — nachdem ich mich vorher vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war — mich zum verabredeten Hause zu bringen. Während es klopfte, verlebte ich ein paar qualvolle Minuten, denn es war klar, dass, wenn ich aufflog, mit mir zusammen der Genosse und auch die Inhaber der Wohnung, die nicht einmal wussten, dass ich Literatur gebracht hatte, verhaftet werden würden. Wir waren bei den Leuten einfach als bei guten Bekannten meiner Verwandten abgestiegen. Zum Glück für uns alle rührte das Klopfen von den Tagelöhnerinnen her, die gekommen waren, um die Wohnung vor dem Feiertag zu reinigen.
In der Stadt zu bleiben oder mich auf den Straßen zu zeigen, hatte ich Angst: wie, wenn der Beamte meine „Ware" — „Die Klassenkämpfe in Frankreich" von K. Marx, die er hatte passieren lassen, seinem Vorgesetzten zeigen würde? Indessen hatte ich aber keine Kopeke mehr für den weiteren Weg von Kowno nach Wilkomir. Schließlich half mir aus meiner verzwickten Lage die Konkurrenz der Fuhrleute, die mit ihren Wagen Reisende zwischen den erwähnten Städten beförderten. Ich verlangte von ihnen ein Pfand dafür, dass sie uns gute Plätze reservieren würden. Mit dem Geld, das wir so erhielten, konnten wir sogar noch einige Einkäufe machen. So gelangten wir unbehelligt nach Wilkomir und von da nach Wilna, von wo aus die Literatur über ganz Russland versandt wurde. Das war im August oder September 1901.
Nach Wilna zurückgekehrt, fand ich wieder Arbeit in einer Werkstatt. Jeschow machte mich mit vielen Intellektuellen bekannt, die sich um den Vertreter der „Iskra" sammelten. Bei der Gelegenheit lernte ich damals auch Genossen A. Solz kennen, den ich einige Male in seiner Wohnung besuchte.
Es war mir jedoch nicht vergönnt, längere Zeit in der Werkstatt zu bleiben; ich bekam den Auftrag, mit Jeschow nach Kowno zu gehen und dort einen Schlupfwinkel zum Empfang einer großen Literatursendung vorzubereiten. Auch Jeschow nahm in Kowno Wohnung. Bald darauf kamen Bauern, die uns mitteilten, dass sie Literatur für uns hätten. Ich reiste mit ihnen ab, um die Sendung zu holen. Das war im Dezember 1901.
Es tobte ein starker Schneesturm. Unterwegs mussten wir bei Bauern übernachten. Wir fuhren einige Tage lang, wohin — das wusste ich selbst nicht, denn die Gegend war mir unbekannt, und die Bauern schwiegen. Erst als ich in die Nähe der Grenze kam, erkannte ich, dass ich mich an der deutsch-russischen Grenze — in Jurburg befand. Wir kamen nachts an und übernachteten in einer großen schmutzigen Bauernhütte, an deren Wänden ringsherum Bänke aufgestellt waren. In der Hütte befand sich auch das Vieh, die Menschen aber schliefen auf dem Ofen. Ich konnte keinen Schlaf finden. Mir war schrecklich zu Mute, und ich horchte mit scharfem Ohr auf alles, was in der Nähe geschah.
Gegen Morgen traten wir bereits — mit der Literatur — die Rückreise an. Und ohne Zwischenfälle — wenn man von dem ständigen Haltmachen vor jedem Monopolladen absieht, wo die Fuhrleute auf meine Kosten so viel tranken, wie sie nur irgend konnten, — erreichten wir Kowno.
Die Literatur wurde unversehrt in die vorgesehene Wohnung gebracht. Das war Freitag früh. Die Bauern hatte ich zu entlohnen. Da ich aber kein Geld mehr hatte, so lief ich ins Gasthaus, wo mich Jeschow erwarten sollte (zu jener Zeit nannte er sich Stupin). An dem Fenster seiner Wohnung erblickte ich das verabredete Zeichen und ich betrat ohne Furcht das Gasthaus — ein kleines, baufälliges Häuschen. Da wurde ich vom Hoteldiener angehalten, der mir entgegenschrie: „Was wollen Sie hier? Machen Sie, dass Sie sofort verschwinden. Man wartet ja schon auf Sie." Es stellte sich heraus, dass Jeschow verhaftet war und dass die Polizei in seinem Zimmer auf der Lauer lag. Ich verließ unbemerkt das Gasthaus, war aber nunmehr ohne Geld und ohne Verbindungen.
Die Literatur sollte von „Militärs"(Anm.: In Wilna existierte damals eine „Iskra"-Gruppe, die nur aus Angehörigen der Armee bestand und von dem Militärarzt, Genossen Gusarow, geleitet wurde. Die Genossen dieser Gruppe waren es, die unsere illegale Literatur nach allen Teilen Russlands brachten.) aus Wilna abgeholt werden. Das beunruhigte mich sehr, denn ich fürchtete, sie würden sich nach dem Gasthaus begeben und der Polizei in die Hände fallen. Sie zu warnen, war mir aber vollkommen unmöglich. Nachdem ich mir Geld geborgt hatte, bezahlte ich die Fuhrleute. Da ich nicht wusste, was alles aufgeflogen und was der Polizei bereits bekannt war, so holte ich zwei Landsleute von mir, — den Former Salomon R o g u t und den Borstenmacher Saul Katzenellenbogen — mit denen ich mich schon früher desöfteren auf der „Börse", in der Teestube des Vereins zur Bekämpfung des Alkohols in Kowno und während der größeren Feiertage in Wilkomir getroffen hatte, und ließ sie die Literatur noch am selben Tage nach dem Dorf Janowo bringen, damit die Sendung von dort zu meinen Verwandten nach Wilkomir weitergeleitet werde. Ich selbst aber musste in Kowno bleiben, um die infolge der Verhaftung Jeschows verlorenen Verbindungen mit der „Iskra"-Organisation wieder herzustellen. Meine Landsleute kamen unbehelligt bis Janowo. Als sie aber am Sonntag morgen in Wilkomir ankamen, trat gerade der Polizeichef mit den Honorationen Wilkomirs aus der Kirche. An dem Krummholz des Pferdes, das den Wagen mit meinen Freunden zog, war eine große Glocke befestigt, die sofort die Aufmerksamkeit des Polizeichefs auf sich lenkte. Er ließ den Fuhrmann festnehmen, da laut einem Erlass dieses Polizeichefs nur er selbst und die Feuerwehr mit Geläute fahren durften.
Einer der beiden Genossen — Katzenellenbogen — nahm ein Paket mit Literatur und entfernte sich. Rogut aber begab sich zusammen mit dem Fuhrmann zur Polizeiwache, wo die Pakete aufgemacht wurden und die illegale Literatur zutage kam. Die gesamte Polizei wurde auf die Beine gebracht und musste den anderen Genossen suchen.
Man schlug Salomon Rogut so lange, bis er das Bewusstsein verlor. Man schleppte ihn nackt von der Polizeiwache zum Polizeipräsidium und verlangte, er solle Angaben über die anderen beteiligten Genossen machen und sagen, wo er die Literatur her habe. Schließlich brachte man ihn nach Kowno. Als ich von der Verhaftung des Genossen Rogut mit der illegalen Literatur erfuhr, verfiel ich in eine entsetzliche Stimmung. Ich glaubte, die Verhaftung eines Genossen verschuldet zu haben, der nicht Anhänger der „Iskra"-Gruppe war und nicht zu ihrer Organisation gehörte. Mein Gefühl sagte mir, dass ich zur Polizei gehen und dort erklären müsste, dass ich es war, der Rogut den Auftrag gegeben hatte. Meinen Wunsch, mich freiwillig zu stellen, teilte ich einigen Genossen von der PPS mit. Ich kann mich an die Namen dieser Genossen nicht mehr erinnern und weiß nur noch soviel, dass eine Genossin Bluma hieß. Die Genossen erklärten sich einverstanden mit meinem Vorsatz, aber in mir selbst kämpfte dagegen das Bewusstsein, dass eine Selbstbezichtigung zwar zu meiner Verhaftung führen, aber dem Salomon Rogut nicht die Freiheit wieder verschaffen würde. Ich beschloss deshalb, die Genossen der „Iskra" aufzusuchen und meine Arbeit weiter fortzusetzen.
Der Fuhrmann war ebenfalls verhaftet und nach Petersburg gebracht worden, wo Jeschow und, wenn ich mich nicht irre, auch Genosse Solz bereits eingesperrt waren. Salomon Rogut aber wurde in das Kownoer Gefängnis gesteckt. Nach einem Monat erfuhren wir, dass er sich erhängt hatte. Es ist nicht gelungen, festzustellen, ob er selbst seinem Leben ein Ende gemacht hat oder zu Tode geprügelt worden ist. Im Jahre 1908 saß ich in demselben Gefängnis, und der Aufseher zeigte mir die Zelle Roguts. Die Aufseher erzählten mir, er sei nach jedem Verhör durch die Polizeiverwaltung in einem so entsetzlichen Zustand ins Gefängnis gebracht worden, dass es möglich ist, dass er sich erhängt habe, um den Qualen, die er ausstehen musste, zu entgehen. Der Tod dieses Genossen, den ich verschuldet zu haben glaubte, machte auf mich einen niederschmetternden Eindruck. Und ich fasste damals den festen Entschluss, mein Leben von nun an nur noch der Revolution zu weihen.
Jetzt, wo der Kampf des Proletariats gegen das Kapital so gewaltige Formen angenommen hat, wo die Arbeiterklasse so ungeheure Opfer gebracht hat, mag ein solches Reagieren auf den Tod eines Genossen sogar etwas seltsam erscheinen, aber damals hatte auf mich die Tatsache einen ungeheuren Eindruck gemacht: denn durch meine Schuld war ein Genosse zugrunde gegangen.

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