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Elfriede Brüning - ... damit du weiterlebst (1949)
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XVII.

Die Sintflut war vorüber...
Es war im Herbst 1945, als Lotte Burkhardt durch das Portal des Städtischen Krankenhauses Moabit wieder auf die Straße trat. Draußen blieb sie einen Augenblick stehen und wischte sich mit einer raschen Bewegung das Haar aus der Stirn. Schon wieder Schweiß. Die geringste Anstrengung - und wenn es nur der kurze Weg von der Poliklinik bis hierher zum Ausgang war - trieb ihr den Schweiß in die Poren. „Schwäche" - meinte der Arzt, und er sagte ihr damit nichts Neues. Er bestätigte nur, was sie im Grunde längst gefühlt, aber immer wieder wie etwas Lästiges von sich geschoben hatte: dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Es ging Lotte wie diesen Arbeitsmenschen, die zeit ihres Lebens, solange sie schaffen, gesund sind, die aber in dem Augenblick, in dem sie sich zur Ruhe setzen, zu kränkeln anfangen und sich nicht wieder erholen können. Auch Lotte hatte alle Gemütsbewegungen und körperlichen Strapazen der letzten Jahre scheinbar spielend überwunden. In Wirklichkeit aber hatte jede ausgestandene Angst, jede obdachlos verbrachte Nacht ihre Spuren hinterlassen; und in dem Augenblick, als mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches die Gefahr gebannt schien, war auch Lottes Widerstandskraft aufgebraucht. Seit Monaten fühlte sie sich matt und elend; sie war immer müde und litt unter ständigen Herzbeschwerden. Heute hatte sie endlich den Arzt konsultiert. Sie kannte nun den lateinischen Namen ihrer Krankheit, und als Schwester wusste sie, dass sie diese nicht leicht nehmen durfte. Sie hatte daher eingewilligt, morgen zur Operation zu erscheinen.
Langsam ging sie weiter, in Richtung Norden. Es war noch früh, ein blanker, blauer Oktobertag. Der plötzlich einmal aufwallende scharfe Wind trieb den Trümmerstaub vor sich her. Der Staub biss in die Augen und setzte sich in jeder Falte des Gesichts fest. Lotte hatte nach wenigen Schritten das Gefühl, kohlschwarz auszusehen - wie etwa in jenen schrecklichen Bombennächten, wenn sie, von doppelter Angst getrieben - Angst vor Bomben und Angst vor Entdeckung ihrer illegalen Existenz -, durch die brennende Stadt gelaufen war. Lotte hatte diese Bombennächte unzählige Male erlebt. Zuerst in Berlin, wo sie sich nach ihrer abenteuerlichen Flucht aus dem Judenlager bis Anfang 1944 verborgen hielt. Zu dieser Flucht hatte sie sich ganz plötzlich entschließen müssen, nachdem ihr Scharnke eines Tages zynisch mitgeteilt hatte, dass ihre Akten wieder aufgetaucht seien und beim Volksgericht lägen. Zwei Tage später saß sie bei einer alten Pianistin, deren Adresse sie einem Lagerinsassen verdankte, in dem stockfinsteren Hinterstübchen, dessen Tür stets verschlossen blieb und dessen Fenster niemals geöffnet wurden, wie lebendig begraben. Der Schalter war plombiert, die Birne zur Vorsicht herausgeschraubt. „Es ist besser so", sagte die alte Frau. Und: „Lange kann es ja nun nicht mehr dauern. Der Krieg ist bald aus."
Aber der Krieg in Berlin fing erst richtig an. Als die Pianistin schließlich vor den Bomben floh, musste sich Lotte wieder eine andere Unterkunft suchen. Erst jetzt erinnerte sie sich an die Adresse in Anklam, die ihr Hilde Steffen einmal gegeben hatte. Sie fuhr hin, eine junge Arbeiterfrau mit zwei Kindern nahm sie freundlich auf. Zwei Stunden später konnte Lotte ihre Habseligkeiten mit knapper Not wieder ins Freie retten, ein Phosphorkanister hatte das Haus an allen Ecken in Brand gesetzt. Lotte war zum zweiten Mal obdachlos. Diesmal hatte sie keine neue Adresse. Ohne Verbindungen, ohne Papiere stand sie da, ganz auf sich gestellt, in einer fremden, feindlichen Stadt. Eine Woche lang lebte sie wie ein Landstreicher: tagsüber bettelnd auf der Straße, nachts in überfüllten Wartesälen, dabei immer auf dem Sprung vor der Polizei, ständig in Angst, selbst im Schlaf in gespannter Erwartung des endgültig über sie hereinbrechenden Verhängnisses. Bis eines Tages ihre Nerven versagten. Sie vertraute sich einem französischen Fremdarbeiter an; vorbehaltlos erzählte sie ihm ihr Schicksal, damit alles auf eine Karte setzend: er konnte sie an den erstbesten Polizisten ausliefern. Er tat es nicht.
Er schmuggelte sie statt dessen als Arbeiterin in seine Kolonne. Hier lebte sie, unter lauter Ausländern, bis zum Zusammenbruch, und niemand fragte nach ihr. Sie galt als Französin. Aber ihr Französisch war mangelhaft, und sie wagte die ganze Zeit nicht, den Mund aufzutun. Sie hatte nicht nur die Entdeckung durch die Deutschen zu fürchten, sondern auch durch die Franzosen selbst, die in jedem, der deutsch sprach, den Faschisten sahen. Der Kolonnenführer war als_ einziger eingeweiht.
Wenn sich Lotte diese Monate ins Gedächtnis zurückrief, erschien es ihr heute beinahe unfassbar, dass sie das alles überstanden hatte. Später der Rückwanderertreck nach Berlin, vorbei an Dutzenden ausgestorbener Dörfer, in denen nur der Tanzsaal mit aneinander gekauerten, verängstigten Flüchtlingen angefüllt war. In einem dieser Säle, inmitten einer Gruppe von Männern, die alle noch die weißblaue Häftlingskluft trugen, hatte sie Rudolf wiedergetroffen. Er hatte sich vom Konzentrationslager aus bis in dieses Dorf geschleppt und war hier liegen geblieben. Reglos, mit unruhig flackerndem Blick, mit hohlen Wangen, auf denen das Fieber brannte, sah er Lotte entgegen; sie war sich nicht sicher, ob er sie erkannte. Sie blieb bei ihm bis zu seinem letzten Atemzug. Sie drückte ihm die Augen zu, aber sie nahm sich nicht mehr die Zeit, bis zu seinem Begräbnis zu warten. Weiter! Weiter! Damals spürte sie zum ersten Mal, dass auch ihre Kräfte nachließen. Ihr Herz schlug unregelmäßig, und sie verfiel grundlos in tiefe Melancholie, die mit Perioden heftiger Erregbarkeit abwechselten. Mangelhaftes Funktionieren der Drüsen, stellte sie sachlich fest. Aber damals ließ sie den Gedanken an Krankheit gar nicht erst aufkommen, unterdrückte gewaltsam jedes Schwächegefühl. Eine einzige Vorstellung beherrschte sie, peitschte sie unaufhaltsam vorwärts: zurück nach Berlin, zurück zu Eva - endlich wieder mit ihrem Kinde vereint sein!
Lotte blieb stehen. Sie war langsam die Perleberger Straße heraufgekommen, plötzlich stockte vor ihr der Verkehr. Die Fennbrücke war zerstört, ein Fährboot brachte die Fußgänger auf die andere Seite des Nordhafens hinüber. Lotte wartete geduldig, bis sie an der Reihe war. Erst beim fünften Schub stieg sie mit ein. Sie hatte gar keine Eile. Zwar wollte sie heute gleichfalls zu Eva - aber welch ein Unterschied in den Gefühlen, die sie heute bewegten, zu der stürmischen Ungeduld in ihrem Herzen, die sie damals vorwärtsgetrieben hatte. Ein knappes halbes Jahr war seitdem vergangen, aber in der Zwischenzeit hatte sie viele bittere Erfahrungen einstecken müssen. Sie hatte Eva erst wieder gesehen, als sie der alten Frau Burkhardt die Nachricht von Rudolfs Tod überbrachte. Versteint blickte die Alte sie an. Versteint und unbeteiligt starrte auch Eva; sie war nicht einmal dazu zu bewegen, ihrer Mutter die Hand zu geben. Lotte ging schließlich wieder, verlegen und schuldbewusst und mit dem peinlichen Bewusstsein, lästig gefallen zu
sein. Von einem Augenblick zum anderen war ihr Leben sinnlos geworden. Ihr zähes Bemühen der vergangenen Jahre, stärker zu sein als die Gestapo, war gescheitert. Die Gestapo hatte ihr zwar nicht ans Leben gekonnt, hatte ihr aber alles genommen, was ihr Leben ausfüllen sollte. Die drei Jahre gewaltsamer Trennung hatten sie für immer von Eva geschieden. Die Mauer von Kälte und Fremdheit, die sich zwischen ihnen erhob, schien unüberwindlich, und Lotte fühlte sich nicht mehr stark genug, sie durch immer gleich bleibende Geduld schließlich doch zu durchbrechen.
Um so überraschter war sie, als Eva eines Tages aus freiem Entschluss zu ihr kam. Sie war heimlich gekommen, und nach einer knappen Stunde ging sie wieder fort. Lotte war ihrem Herzen in der kurzen Zeit nicht näher gekommen. Aber die ganze Zeit über ließ sie keinen Blick von Eva, die stumm, mit gesenktem Kopf am Küchentisch ihr gegenübersaß. Eva war kein Kind mehr mit ihren dreizehn Jahren. Diese Erkenntnis, die plötzlich in Lotte aufschoss, erschreckte sie mehr als der Panzer von Eis, den Eva um sich errichtet hatte. Das Eis konnte sie schmelzen, mit Liebe und Geduld - doch dem verzerrten Spiegelbild einer Erwachsenenwelt, das sich dem Kindergemüt eingeprägt hatte - ein Bild, das Eva zu abrupten Aussprüchen wie „alle Menschen sind schlecht" oder „alle Menschen lügen" veranlasste -, stand sie hilflos gegen­über. Hier mit behutsamer Hand einzugreifen und
verbogene Vorstellungen geradezubiegen, dazu bedurfte es einer tieferen Kenntnis der kindlichen Seele, als sie Lotte besaß. Dazu brauchte sie vor allem Evas Vertrauen, und gerade das besaß sie nicht.
Dennoch siedelte Eva bald danach ganz zu ihr über. Sie stellte einen Pappkarton mit ihren Kleidern bei Lotte ab und erklärte mit abgewandtem Gesicht, sie wolle jetzt immer bei ihr bleiben. Lottes Herz klopfte stärker vor freudigem Schreck. Aber die Freude war verfrüht, wie sich bald zeigte. Nach wenigen Wochen gestand sich Lotte ein, dass sie zu schwach war, um ihr Kind zu erziehen. Eva weigerte sich, zur Schule zu gehen. Sie wollte nicht mit denselben Kindern auf der Schulbank sitzen, die sie, das Judenkind, noch vor kurzem angespuckt hätten, erklärte sie. Lotte fand kein Wort der Erwiderung. Mit Vernunftgründen, das spürte sie, konnte sie Eva nicht beikommen. Wie aber sollte sie den Weg zu Evas Innerem finden? Das Kind verschloss sich vor ihr genauso wie vor jedem anderen Erwachsenen. Es log - aber mit welchem Recht konnte Lotte das Kind bestrafen? In der Illegalität hatte sie Eva unzählige Male zum Lügen veranlassen müssen. Und wenn Lotte daran dachte, was Eva vielleicht in der Schulstraße erlebt hatte - ein Komplex, über den sie noch nie miteinander gesprochen hatten -, erstarrte ihr das Blut in den Adern. Die Schuld der Erwachsenen stieg riesengroß vor ihr auf. Die Schuld der Umwelt gegenüber Eva, die Schuld gegenüber allen Kindern, deren Schicksal es in
den vergangenen Jahren gewesen war, Kinder von Verfolgten zu sein.
In dieser Zeit, als Lotte nicht mehr ein noch aus wusste, erinnerte sie sich an Karl Röttgers. Karl saß mit einigen fünfzig Schülern in einem Vorort Berlins und bemühte sich, die dortige Schule nach dem Muster der früheren Freien Schulgemeinde wieder aufzubauen. Das war eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack, und Lotte, die sich seine Arbeit ansah, bewunderte den Elan, mit dem er alle Schwierigkeiten, die sich vor ihm auftürmten, zuletzt überwand. Sie sprachen lange und gründlich miteinander, und die Folge ihres Gespräches war, dass Lotte ihr Kind gleich bei ihm ließ. Das war jetzt fast drei Monate her. In der Zwischenzeit hatte Eva nur selten geschrieben -kurze, inhaltslose Briefe, die gar nichts besagten; und auch Karls Berichte an Lotte klangen alles andere als hoffnungsvoll. In ihrem letzten Brief hatte Eva vermerkt, flüchtig und gleichsam am Rande, dass sie in ein anderes Haus übergesiedelt sei, denn die Baracke, in der sie solange gewohnt habe, sei abgebrannt... Lotte wurde ein unheimliches Gefühl nicht los. Sie kam innerlich nicht zur Ruhe, ehe sie nicht wusste, was hier geschehen war. Und obgleich Karl sie gebeten hatte, sich fernzuhalten, damit das Kind sich ganz ungestört entfalten konnte, befand sie sich heute auf dem Weg zu Eva. Die Zeit drängte. Schließlich ging sie morgen ins Krankenhaus. Und Lotte zweifelte daran, dass sie das Krankenhaus jemals wieder ver-
lassen würde. Sie wusste nicht einmal sicher, ob sie es wirklich wünschte.
Sie erreichte den Vorort noch vor Mittag. Das weite Gelände mit seinen zwischen Kiefern verstreuten Gebäuden lag scheinbar ausgestorben. Karl saß in seinem Arbeitszimmer, buchstäblich hinter Büchern vergraben. Als Lotte eintrat, sah er auf - mit einem verlorenen Blick, dem man es anmerkte, dass er ihn von weit her in die Gegenwart zwingen musste. Dann aber sprang er auf, lief mit ausgebreiteten Armen auf Lotte zu und schüttelte ihr beide Hände.
Dann erst fiel ihm auf, wie ernst sie aussah. Das Gesicht, von vielen sorgenvollen Falten durchzogen, ließ sie älter erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Sie ist doch noch lange nicht vierzig, dachte er flüchtig. Lottes Stimme klang nicht ganz fest, als sie jetzt sofort auf ihr Thema zuging:
„Was ist los bei euch, Karl - sag mir die Wahrheit!" Er tat, als merke er ihre Erregung gar nicht. „Gar nichts ist los, Lotte", sagte er heiter. „Das heißt, wir fangen langsam an, eine richtige Schule zu werden. Ich habe endlich einen jungen Physiker für die Oberklassen. Das ist wirklich das Hauptproblem für uns: Lehrkräfte! Wer vergräbt sich schon hier in der Einsamkeit. Und Maria kann schließlich nicht alles machen..."
Er stockte. Lotte machte eine ungeduldige Handbewegung. „Ich muss wissen, was Eva angestellt hat, Karl. Ich mache mir Sorgen... Wie war das mit dem
Brand?" Sie setzte sich nun doch, lehnte sich im Stuhl zurück wie jemand, der die Absicht hat, auf jeden Fall zu seinem Ziel zu kommen. Karl setzte sich ihr gegenüber. Er beugte sich vor, faltete die Hände zwischen den gespreizten Knien und schwieg eine Weile, wie in Gedanken. Als er wieder aufsah, war sein Lächeln verschwunden.
„Müssen wir wirklich darüber reden - Lotte? Du hast ganz recht. Eva und ich hatten Schwierigkeiten. Aber ich habe ihr zugesichert, dass ich mit niemandem darüber spreche. Nicht einmal mit dir..."
Lotte strich eine Haarsträhne, die ihr immer wieder ins Gesicht fiel, mit einer heftigen Bewegung hinters Ohr zurück. „Ich lasse mich morgen operieren", sagte sie. „Schilddrüse - du weißt, was das heißt. Vorher möchte ich alles in Ordnung bringen."
Karl musste unwillkürlich wieder lächeln.
„Das klingt ja, als ob du dich für immer davonmachen willst. So schlimm wird es doch wohl nicht werden, Lotte..."
Sie hob zur Antwort nur stumm die Schultern.
Karl sah sie an, mit einem langen, prüfenden Blick. Dann griff er impulsiv nach ihrer Hand: „Ich glaube, wir stecken dich erst mal ins Sanatorium, Lotte. Du bist völlig am Ende - kein Wunder nach allem, was du durchgemacht hast. Du brauchst Ruhe, viel frische Luft, gute Ernährung - dann wirst du auch wieder neuen Lebensmut schöpfen..." Er sah sie immer noch sorgenvoll an. Lotte schüttelte den Kopf.
„Lebensmut?" wiederholte sie. „Wozu denn..."
Karl ließ ihre Hand ebenso heftig los, wie er sie vorher ergriffen hatte. Er stand auf.
„Wozu?" fragte er, während er mit langen Schritten auf und ab ging. „Beispielsweise dafür, Lotte, dass du mithilfst, hier ein wenig Ordnung zu schaffen." Er wischte mit einer Handbewegung über die Schreibtischfläche, auf der sich die Bücher zu Bergen häuften. „Aber es gibt auch woanders genug zu tun, in den Straßen beim Aufräumen, in Schulen, in Kliniken, in den Fürsorgeämtern... Überall fehlt es an unseren Leuten... Mein Gott, das weißt du doch alles selbst", unterbrach er sich. „Du weißt, dass wir viel zu wenige sind. Jetzt fehlen uns Menschen wie Herbert Busch, wie Hilde und Hans - unsere Besten, die sie umgebracht haben."
Er blieb vor Lotte stehen, blickte auf ihren glatten Scheitel hinunter, in dessen Schwarz sich schon graue Fäden mischten. Ruhiger, eindringlich fuhr er fort: „Um so größer ist unsere Verpflichtung, Lotte. Es ist kein Zufall, dass wir übrig geblieben sind." Er löste langsam den Blick von ihr und nahm seinen Gang durch den Raum wieder auf. „Wir haben doch diese Zeit herbeigewünscht", sagte er leiser, als spräche er nur noch zu sich selbst. „Nur so haben wir alles heil überstanden. Wir haben uns danach gesehnt, endlich einmal richtig arbeiten zu können. Endlich einmal klar zu beweisen, dass wir fähig sind, eine neue Ordnung aufzurichten. Du hast doch auch davon geträumt,
Lotte. Jetzt ist es soweit. Jetzt darfst du dir nicht selber untreu werden."
Er blieb wieder vor ihr stehen und sah sie an -und Lotte blickte in seine Augen, die hell und stark wie zwei Feuer brannten. Dieses Feuer, musste sie denken, war niemals in Karls Augen erloschen. Immer, all die aussichtslosen Jahre hindurch, hatte man sich daran erwärmen können. War sie selbst jemals entmutigt gewesen - Karl hatte sie wieder aufgerichtet. Wenn ihre Widerstandskraft erlahmte - Karl hatte sie von neuem gestärkt. Aber heute wartete sie vergeblich darauf, dass ein Funke von ihm auf sie übersprang, dass sie sich an seinem Feuer entzündete. Ihr Herz war nicht nur krank, es war auch träge geworden.
„Was sind Ideen, Karl", sagte sie endlich, „auf die praktische Arbeit kommt es an. Aber wer soll sie leisten? Wir ,Übriggebliebenen'? Wir sind müde, abgekämpft, vor der Zeit verbraucht. - Und die Jugend ist verdorben."
„Das glaube ich nicht", widersprach er heftig. „Allein hier in meiner Schule sind fünfzig junge Menschen, die mit anpacken wollen."
„Außer Eva -", sagte sie bitter.
„Nein, mit Eva", entgegnete Karl und lächelte plötzlich. „Ich glaube, Lotte, du bist ungerecht. Du verlangst, Eva soll unbeschwert und ausgeglichen sein wie ihre glücklicheren Altersgefährten. Aber sieh dich doch selber an. Auch du bist krank, mutlos, entkräftet - ein Ergebnis der Erlebnisse, die hinter dir liegen. Aber an dem Kind soll alles spurlos abgleiten? Auch Eva hat mit eigenen Augen angesehen, wie man unschuldige Menschen zu Tode gequält hat. Sie hat am eigenen Leibe gespürt, was es heißt, ,ausgestoßen' zu sein. Gerade neulich hatte ich mit ihr eine Unterhaltung darüber. Eva trägt viel schwerer an ihren Erlebnissen als wir - weil sie noch in der Entwicklung ist. Sie hat ja noch kein Weltbild, das ihr über alle Schwierigkeiten hinweghelfen könnte. Sie ist ganz auf unsere Hilfe angewiesen. Vor allem auf deine, Lotte!"
„Ich habe alles versucht, Karl. Eva braucht mich nicht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt."
„Und wer sagt dir, dass sie sich darin glücklich fühlt? Vielleicht wartet sie nur darauf, dass wir sie zu uns herüberholen?"
Er trat an den Schreibtisch und griff wahllos ein Buch aus dem Stapel, in dem er zerstreut zu blättern anfing. Aber man sah ihm an, dass seine Gedanken ganz woanders waren. „Du sprachst vorhin von dem Brand", sagte er und legte das Buch wieder sorgfältig an seinen Platz zurück. „Nun - dein Gefühl hat dich richtig geleitet. Eva hat durch Unachtsamkeit das Feuer verursacht. Sie war an der Reihe, den Ofen zu säubern. In ihrer Trägheit hat sie die heiße Asche gleich aus dem Fenster vors Haus geschüttet. Fünf Minuten später stand die ganze Baracke in Flammen - den Schaden für die Schule in heutiger Zeit, wo wir überhaupt nicht daran denken können, das
Haus neu aufzubauen, kannst du dir an den Fingern ausrechnen. Aber was weiter? Ein Grund für mich, Eva hinauszuwerfen, sie zu verstoßen, sie ,abzuschreiben'? Überflüssig - inzwischen geschah nämlich etwas ganz anderes. Eva erhielt die empfindlichste Strafe von den Mitschülern selbst. Sie wurde von allen geschnitten, keiner sprach mit ihr, keiner wollte sie, die ja nun obdachlos geworden war, in seine Stube aufnehmen. Du kannst mir glauben, Lotte, das war eine harte Lehre für Eva. Bisher hatte sie nur erlebt, dass sie ohne eigene Schuld aus der Gemeinschaft ausgestoßen worden war. Diesmal hatte sie sich alles selbst zuzuschreiben. Und sie verstand, dass jeder sein Teil dazu beitragen muss, wenn wir in Frieden miteinander auskommen wollen."
Lotte sah ihn an, immer noch Zweifel im Blick. „Und du glaubst, dass sie die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zieht - und sich wirklich ändert?"
Karl kam vom Schreibtisch aus auf sie zu und fasste sie um die Schultern. „Komm, sieh sie dir an, sie ist auf dem Feld. Es ist sowieso Mittagszeit."
Draußen empfing sie die klare Oktobersonne. Eine wunderbar staubfreie Luft, die erquickend um Stirn und Augen strich. Lotte legte den Kopf weit in den Nacken. Hier muss man ja gesunden, dachte sie und bemühte sich, kräftiger auszuschreiten. Der Weg führte zuerst an den Häusern vorbei, dann entlang dem Nutzgarten, der sich bis zu den Wiesen hinzog. Am Waldrand standen die Buchen mit tief roten Blättern,
die wie große reife Äpfel in den Zweigen hingen. Rechts und links vom Weg schimmerte die blaue Fläche des Sees.
Plötzlich entdeckte Lotte weit hinten, auf der Spitze der Insel, ein scheinbar regellos durcheinander wimmelndes Menschenknäuel. Sie sah Karl fragend an. Er nickte ihr zu.
„Sie sind beim Kartoffelbuddeln - den ganzen Tag. Maria bringt ihnen sogar die Suppe aufs Feld hinaus."
Doch im Näher kommen sahen sie, dass die Gruppe gerade eine Pause machte. Alle standen im Kreis um Maria herum, die etwas zu verlesen schien. Als sie Karl und Lotte erblickte, steckte sie den Zettel fast verlegen in ihre Tasche zurück. Karl bahnte sich zwischen den Jungen und Mädeln hindurch einen Weg zu Maria.
„Was treibt ihr denn?" fragte er. „Ich denke, ihr grabt fleißig Kartoffeln, und du hältst hier Kolleg? Worum geht es denn? Wie heißt euer Thema?"
Maria ging auf seinen scherzhaften Ton nicht ein. Aufrecht und ruhig, die Hände auf dem Rücken verschränkt, stand sie ihrem Mann gegenüber. „Frieda Steffen war bei mir", berichtete sie. „Nächste Woche bringt sie uns den kleinen Hans."
„Und du willst ihn wirklich behalten? Er ist doch noch so klein..."
Maria lachte. „In die Schule kannst du ihn allerdings noch nicht stecken. Er wird ja erst drei, nächsten Monat. Aber seine Großmutter will ihn an-
scheinend unbedingt los sein..." Sie wurde wieder ernst. „Frieda ist der Ansicht, ein Kind muss unter jungen Menschen aufwachsen. Großmütter sind zum Verwöhnen da, meint sie, aber nicht zum Erziehen. Und Hans soll sowenig wie möglich spüren, dass er keine Eltern mehr hat."
Eine Minute lang schwiegen alle. Dann fragte Lotte: „Ist sie noch sehr niedergedrückt?"
Maria lächelte. „Frieda Steffen ist nicht der Mensch, der lange in seinen Kummer versunken bleibt. Sie vergräbt sich in Arbeit. ,Was hilft es denn?' hat sie uns eben erklärt. ,Wenn sie uns die Jungen genommen haben, müssen wir Alten herhalten. Heute wird jede Kraft gebraucht.' - Sie arbeitet, glaube ich, im Sozialausschuss. Nach dem Zusammenbruch hat man ihr den Eisladen zurückgeben wollen. Aber sie hat abgelehnt. Schlechtes Eis aus Aroma und Süßstoff sollen andere herstellen, sagt sie. Sie hilft lieber mit, eine schönere Welt aufzubauen. Und das tut sie wirklich. Das warnende Schicksal ihrer Kinder vor Augen, setzt sie sich mit ganzer Kraft dafür ein, ein Unglück, wie wir es gerade hinter uns haben, ein zweites Mal zu verhindern."
Maria hatte das letzte mehr zu den Jungen und Mädchen gesprochen, die sich immer noch dicht um sie scharten und mit andächtigen Mienen zugehört hatten. Jetzt wandte sich Maria wieder an Lotte und Karl: „Ich habe ihnen eben Hildes Abschiedsbrief vorgelesen", sagte sie. „Ich hielt das für wichtig. Sie sollen wissen, mit welchen Gefühlen sich die Mutter von ihrem kleinen Jungen getrennt hat - den sie jetzt in ihre Mitte aufnehmen sollen."
Karl drückte dankbar ihre Hand. Wie immer, hatte sie auch diesmal das Rechte getroffen. Er sah sich nach Lotte um - sie stand mit Eva etwas abseits. Eva war sofort, als sie ihre Mutter gesehen hatte, von ihren Gefährten weg zu ihr hingelaufen, und jetzt stand sie vor ihr: in ihrem schmutzigen Arbeitszeug, die Hände schwarz von Erde und selbst das Gesicht - das schmale, magere Nachkriegsgesicht - mit Spuren von Erde beschmiert. Aber die Wangen waren von der Luft gerötet, und ihre Augen warfen klar und ungetrübt alles zurück, was jetzt ihre Welt geworden war: das weite, fruchtbare Feld, die Jungen und Mädchen im Umkreis und dort im Hintergrund Maria und Karl. Und plötzlich erblickte Lotte sich selbst, denn Eva sah voll zu ihr auf.
„Hast du das alles auch erlebt, Mutter?" fragte sie beinahe ehrfürchtig.
Lotte lächelte beruhigend in die Augen des Kindes zurück. „Das Letzte ist mir erspart geblieben." „Aber du hast Hans und Hilde Steffen gekannt?" Lotte nickte. In diesem Augenblick zogen noch einmal alle Stationen des Weges, den sie gemeinsam mit den Gefährten zurückgelegt hatte, an ihr vorüber: der verzweifelte Kampf in der Illegalität, die Zeit der Verhaftungen und später die gemeinsame Gefängnishaft. Der Tag ihrer Einlieferung ins Polizeigefängnis
fiel ihr ein, als sie im Begriff gewesen war, sich das Leben zu nehmen - aber Hilde hatte sie daran gehindert. Hilde hatte ihr damals schon den Weg gezeigt, den sie gehen musste: den Weg zurück ins Leben, mit ihrem Kind - mit allen heranwachsenden jungen Menschen, die sie kraft ihrer Erfahrungen und Erlebnisse leiten musste. Und plötzlich erschien es ihr nicht mehr völlig sinnlos, dass Hans und Hilde gestorben waren. Erst die Geschichte ihres Sterbens rundete das Bild ihres Lebens ab, das allen, die nach ihnen kamen, zum Vorbild wurde.
Sie spürte, dass Eva sich enger an sie schmiegte. Als habe das Kind ihre Gedanken erraten, sagte es leise:
„Ich möchte mehr von ihnen wissen..."
Lotte beugte sich hinunter und küsste sie. „Eines Tages werde ich dir alles von ihnen erzählen", versprach sie. „Wenn ich aus dem Krankenhaus wiederkomme... "
Sie richtete sich langsam wieder auf. Und während sie Karls Blick, den sie forschend auf sich fühlte, ruhig und zuversichtlich zurückgab, fügte sie hinzu:
„Sie waren wirkliche Helden - aber sie wussten es nicht."

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