Nemesis-Archiv   WWW    

Willkommen bei Nemesis - Sozialistisches Archiv für Belletristik

Nemesisarchiv
Karl Grünberg - Brennende Ruhr (1928)
http://nemesis.marxists.org

19. KAPITEL

In Swertrup hatte man seit langer Zeit mal wieder ruhig geschlafen. Der in später Abendstunde von der Front zurückkehrende Ruckers hatte noch im Volkshaus Bericht vom begonnenen Rückmarsch der roten Truppen erstattet, worauf der Vollzugsrat sich gemäß der Regierungsforderung endgültig auflöste.
Eine tiefe Resignation war auch über die Radikalisten gekommen. Die Bewegung war verpatzt, jetzt kam es nur noch darauf an, keinerlei Vorwand zum Einmarsch des racheschnaubenden Militärs zu geben.
Die am Vortage in Essen zustande gekommenen Lohnvereinbarungen zwischen Zechenverband und Gewerkschaften schienen geeignet, die Enttäuschung schneller überwinden zu lassen. Unter Tage sollte es pro Schicht 5,50 Mark mehr geben. Das war doch endlich mal ein annehmbares Angebot, das sicher auf den Schreck zurückzuführen war, den die Kumpels den Herren eingejagt hatten. Die vielgeplagten Bergarbeiterfrauen, die in den letzten schweren Wochen noch spitzere, gramverzerrtere Gesichter bekommen hatten, überschlugen bereits, wie sie mit dem Mehrverdienst die entstandenen Lücken wieder ausstopfen würden.
Auch im Hause Schapulla wurde gerechnet. Schapullas waren immer für Ruhe und Ordnung gewesen, deshalb konnte im ganzen Ruhrgebiet niemand froher über die endliche Beendung des Bürgerkrieges sein.
Ihre Bilanz sah trostlos genug aus. Frau Schapulla hatte zwar ihre Süppchen von Tag zu Tag wässeriger gestaltet, und im Übrigen gab es selten mehr was anderes als Kohlrübenkaffee und dünne Marmeladeschnitten.
„Kinder, ist das 'ne Zeit; das ist ja man grad sowie im richtigen Krieg; sollen sie doch endlich Schluss machen", pflegte Herr Schapulla zu sagen, der es nie versäumte, seinen Gästen mittags die Zeitungsberichte über die Lebensmittelschwierigkeiten vorzulesen.
Alle saßen bei ihm mehr oder minder dick in der Kreide, da Mutter Schapulla - gewissenhaft, wie sie war -die Beträge in alter Höhe anrechnete. Das konnte man ja auch gar nicht anders bei diesen teuren Zeiten, und wo außerdem noch das halbe Haus leer stand. Acht Kostgäste, darunter auch der ,möblierte Doktor', waren au der Front.
Mutter Schapulla seufzte, wenn sie an all das frische junge Blut dachte, das so plötzlich hinaus in den Krieg gezogen war.
Um den Doktor hatte sie die wenigste Angst. Mit dem konnte nichts Schlimmes passieren! Seine große Bücherkiste deckte wohl allein schon die aufgesummte Miete. Aber bei den Kumpels?
Die meisten hatten ihre einzig brauchbaren Anzüge und Stiefel auf dem Leibe. Was ihre Kasten an zerfetzten Hemden und Papierkragen enthielt, war gar nicht der Rede wert.
Die neue Zulage eröffnete da einige Lichtblicke. Oh, man gönnte den armen Teufeln den höheren Lohn! Auch eine kleine Steigerung des Kostgeldes ließ sich nicht umgehen, zumal ja auch eine neue Kohlenpreiserhöhung eintrat.
Herr Schapulla war eben damit beschäftigt, auf dem Hofe einige Körbe fauler Kartoffeln auszulesen, als plötzlich die Alarmsirenen zu heulen begannen.
„Was ist denn nun schon wieder los?" Schapulla hatte diese Alarmsirenen, die allemal nur Böses ankündigten, ebenso fürchten wie hassen gelernt. Sie sollten doch nun endlich einmal Ruhe geben und die Leute arbeiten lassen. Als aber die Sirenen unablässig weiterlärmten, wischte er sich doch die Hände an Seiner Schürze ab, zog die Jacke über und ging auf die Straße.
Die Leute standen in Gruppen vor den Häusern und machten ängstliche Gesichter. Mehrere, die er fragte, zuckten mit den Achseln, bis irgendwer die Kunde brachte: „Die Noskes kommen!"
„Das ist doch man bloß ein fieser Aprilscherz", sagte Schapulla, aber er fühlte doch, wie er blass wurde. Wenn das wahr wäre, dann gab es neue Streiks mit Lohnausfall und Straßenkämpfen, und die Schuldenlatte seiner Kostgänger konnte er endgültig in den Rauch schreiben.
Von Angst und Neugier getrieben, ging er nach dem Rathaus zu; aber je weiter er kam, umso erregter wurden die Menschen. Versprengte berichteten von dem heimtückischen Überfall bei Buldingrath. Zugleich kamen telefonische Meldungen von überall, dass die Reichswehr nirgends die Bestimmungen innehielt, sondern auf der ganzen Front vordringe und die Rückzugsstraßen der Roten Armee mit Sperrfeuer belege.
„Wir sind verraten! Die Regierung, der Zentralrat und der Vollzugsrat - alle sind Verräter und müssen aufgehängt werden!"
Man sah Männer mit wutverzerrten Gesichtern und nach Waffen schreiend vor Rathaus und Volkshaus ziehen. Am Bahnübergang wurde planlos mit dem Bau einer Barrikade begonnen. Vor Aufregung halb wahnsinnige Frauen, die um ihre Männer und Söhne bangten, warfen an der Wohnung des Bürgermeisters Livenkuhl alle Fenster ein. Die Wohnung des Gewerkschaftssekretärs Reese entging dem gleichen Schicksal nur dadurch, weil bei der Entwaffnung eines Sicherheitswehrpostens ein Schuss in die Luft ging, der die Menge mit dem Schreckensruf: „Sie sind schon da!" sofort auseinanderstieben ließ.
Es zeigte sich nun, wie verhängnisvoll die vorzeitige Auflösung des Vollzugsrates war. Niemand war mehr da, der die Menge so oder so zu irgendwelchen Maßnahmen veranlassen konnte. Wenn jetzt schon die Truppen einmarschierten, musste es infolge des planlosen Widerstandes einzelner zu einem fürchterlichen Blutbad kommen. Flüchtlinge von der Front, die über das schonungslose Vorgehen der Soldateska zu berichten wussten, vermehrten noch die Panik. Der letzte Zug nach Duisburg war von Flüchtlingen überfüllt.
Gegen ein Uhr mittags verließ ein Personenauto mit weißer Parlamentärflagge Swertrup in nördlicher Richtung. Mit vieler Mühe war es dem unabhängigen Stadtrat Jeitner gelungen, eine Parlamentärkommission zusammenzubringen. Außer ihm fuhren Frau Kabitzki und ein alter, als Menschenfreund und Pazifist stadtbekannter Arzt, Dr. Krausnik, mit. Der vierte im Bunde war... Martin Schapulla, Kost- und Logierwirt, Vorstandsmitglied der St.-Rochus-Brüderschaft und anderes mehr.
Eben darum, weil er als christlicher und ordnungsliebender Bürger bekannt war, legte man so großen Wert darauf, ihn mitzubekommen. Martin Schapulla wusste selber nicht recht, wie er zu dieser Ehre gekommen war, und kam erst wieder richtig zu sich, als man Könkern passierte.
Wenn das man gut auslief? Aber warum musste er denn auch - anstatt ruhig und gottergeben zu Hause abzuwarten - sich so lange vor dem Rathaus herumdrücken, bis ihn Dr. Krausnik am Kragen hatte. Er hatte vor dem Doktor, der ihn vor zwei Jahren von einer schweren Fleischvergiftung heilte, einen mächtigen Respekt. Vor einem solchen Herrn durfte er sich doch nicht blamieren, und so hatte er, als man an seine Bürgerpflicht und seine stadtbekannte Gesinnung appellierte, sich breitschlagen
lassen.
Wenige Kilometer hinter Könkern stießen sie schon auf die ersten Vorposten, die ihnen hinter den die Straße sperrenden spanischen Reitern drohend die Gewehrmündungen entgegenstreckten.
„Was, verhandeln wollt ihr? - Da kommt ihr einen Posttag zu spät! Wir verhandeln nur noch hiermit!" riefen die Soldaten und klopften auf ihre Stielhandgranaten.
„Sie haben kein Recht, uns den Weg zu versperren, wir verlangen, dass Sie uns unverzüglich zum Kommandierenden General durchlassen, sonst tragen Sie alle Verantwortung", fuhr der Stadtrat, alle Kraft zusammennehmend, die Soldaten an, was auf die das Anschnauzen gewöhnten Leute sichtbaren Eindruck machte. Sie öffneten im Drahtverhau eine Gasse, und mit je einem Mann auf Führersitz und den Trittbrettern fuhr man auf einen in der Nähe gelegenen Hof.
Während einer der Leute Meldung machen ging, sammelte sich um das Fahrzeug ein Haufen aufgeregter Soldaten, die gegen die Insassen die schrecklichsten Drohungen ausstießen.
„Mein Gott, sind das Menschen, hier kommen wir ja lebend nicht wieder weg", stöhnte Frau Kabitzki, auf die die gemeinsten Schimpfworte niederprasselten. Schapulla, der vergeblich seinen dicken Korpus unsichtbar zu machen versuchte, gelobte eine Wallfahrt nach Kevelar, wenn er hier wieder glücklich herauskam.
Aus dem Hause kam ein Oberleutnant, der - obwohl die bedrohliche Lage der Parlamentäre erkennend - sich nicht im geringsten beeilte.
„Herr Oberleutnant", rief ihm Jeitner entgegen, „wir sind Parlamentäre und ersuchen um Ihren Schutz." —
„Was suchen Sie?" fragte der Offizier mit höhnischem Tonfall, indem er seine Hände tief in den Taschen seiner Litewka vergrub.
Jeitner schlug das Bajonett, das ihm vor dem Gesicht fuchtelte, mit der Hand beiseite und schrie: „Ich verlange, dass Sie uns als Parlamentäre behandeln, ziehen Sie sofort Ihre Leute zurück!"
„Das klingt ja gerade, als ob Sie hier zu kommandieren haben. Wer sind Sie denn eigentlich, dass Sie sich solchen Ton erdreisten?" krähte der Offizier.
„Mein Name ist Jeitner, Stadtrat in Swertrup; das hier sind Bürger der Stadt. Doktor Krausnik, Gastwirt Schapulla, Frau Stadtverordnete Kabitzki."
„Von was für einer Partei?" fragte der Offizier lauernd.
„Wir kommen nicht im Auftrage einer Partei, sondern im Auftrag der gesamten friedliebenden Einwohner", fiel Dr. Krausnik ein und sah den Offizier durch seine scharfgeschliffenen Brillengläser fest an.
Der fletschte die Zähne und grinste: „Nicht mehr nötig, dass Sie sich bemühen, wir sind schon unterwegs, um mit den Herrschaften in Swertrup persönlich zu verhandeln."
„Das ist es ja, wogegen wir protestieren. Sie haben kein Recht, weiter zu marschieren. Die Vereinbarungen von Bielefeld und Münster..."
Die Soldaten brachen wie auf Kommando in ein wieherndes Gelächter aus. Jeitner ließ sich nicht beirren. „Die Arbeitertruppen befinden sich auf dem Rückmarsch, die Waffenabgabe ist eingeleitet, der Vollzugsrat aufgelöst, in Swertrup selbst herrscht Ruhe und Ordnung. Sie durften überhaupt auf keinen Fall vor morgen mittag zwölf Uhr die Linien überschreiten."
„Sehr verbunden für Ihre gütige Belehrung, Herr Rat", sagte der Oberleutnant, sich höhnisch verbeugend. „Aber wir kennen keinerlei Abmachungen und Vereinbarungen! Wir sind Soldaten und haben nur die Befehle unserer Vorgesetzten auszuführen."
„Sie können sich doch nicht über die Beschlüsse der Regierung hinwegsetzen; außerdem hat sie auch das Wehrkommando mit unterschrieben", rief Frau Kabitzki mit weinerlicher Stimme.
„Tut mir leid, gnädige Frau, davon ist in meinem Befehl nichts bekannt, da müssen Sie sich in Münster beschweren", antwortete der Offizier hämisch.
Jeitner sah ein, dass hier nicht weiterzukommen sei, und verlangte mit Bestimmtheit, zum General geführt
zu werden.
„Haben Sie hier zu bestimmen oder ich?" brüllte jetzt plötzlich der Offizier los, dass Schapulla fast vom Sitz herunterrutschte. „Aber das Kommandieren gewöhnen wir euch ab! Wir sorgen für Ruhe und Ordnung, das lasst euch gesagt sein. Frechheit sondergleichen!... Eigentlich müsste ich Sie sofort an die Wand stellen lassen."
„Los, an die Wand", brüllten die Soldaten, und einer versuchte die Autotür aufzureißen.
„Wir sind in Ihrer Gewalt, tun Sie, was Sie verantworten können, aber es dürfte Ihnen teuer zu stehen kommen. Wir kamen freiwillig als Parlamentäre, Sie haben keinerlei Recht, uns derartig zu behandeln", sagte der Arzt, seine ehrwürdige Gestalt aufrichtend.
Der Oberleutnant gab seinen Leuten ein Zeichen. „Was habe ich nötig, mich mit Ihnen abzugeben? Mag Exzellenz selber entscheiden. Verbindet ihnen die Augen und bringt sie zum Stab", sagte er, sich umdrehend, in verändertem Ton.
„Aber nicht ohne Wache, Herr Oberleutnant, Ihre Leute sind zu aufgeregt", rief der Stadtrat, dem die Erschießungen auf der Flucht einfielen. Vier Soldaten luden ihre Gewehre, pflanzten die Bajonette auf und verbanden ihnen die Augen.
„Nicht so viele auf die Trittbretter, meine Herren, das hält ja der Wagen nicht aus", hörten sie den Chauffeur rufen. An dem Geschrei und am schweren Arbeiten des Motors merkten sie, dass mehr als vier Mann das Geleit gaben. Keiner gab mehr einen Pfennig für sein Leben. Als der Wagen wieder hielt und man ihnen für einen Augenblick die Binden von den Augen nahm, befand man sich an der Rückseite einer Scheune.
„Seht euch das mal an, da kommt ihr nachher auch noch hin", rief einer der Soldaten, nach der Wand deutend, wo sechs oder acht regungslose Gestalten in rotglänzenden Pfützen lagen. Frau Kabitzki schrie laut auf, dann schwanden ihr die Sinne, und auch die drei Männer waren keines Wortes mehr mächtig.
Nach zehn Minuten Weiterfahrt kündete großes Geschrei eine neue Leidensstation an. Man nahm ihnen diesmal nicht die Binden ab, aber sie hörten, wie einer der Posten Meldung machen ging. Währenddem standen sie Höllenqualen aus, denn ihre geschärften Gehörsinne nahmen deutlich wahr, wie die Soldaten sich berieten, die vier „Spartakisten" einfach aus dem Wagen zu ziehen und totzuschießen. Der Oberleutnant musste den Posten aber doch scharfe Instruktionen mitgegeben haben. Ein doppelter Aufschrei zeigte an, dass sie zwei der Zudringlichsten sogar mit dem Bajonett verwundeten, worauf etwas Luft wurde.
Sie wussten nicht, ob sie Minuten oder Stunden in dieser furchtbaren Lage zugebracht hatten, als sie wie aus unendlicher Ferne eine Stimme in ostpreußischer Mundart sagen hörten: „Der Herr Jeneralmajor lehnt ab, Sie zu empfangen oder weiterzujelaiten, da er seine Befehle direkt von Exzellenz von Kabisch erhält. Ich muss Sie jlaich zurückbringen!"
Martin Schapulla verstand nur den Sinn des letzten Wortes: „Zurück". Also würde man sie nicht erschießen! Er würde Swertrup wieder sehen! Dieser Gedanke machte ihn so froh, dass er trotz seiner zitternden Füße am liebsten gehüpft wäre. In seiner Freude gelobte er sogar eine Wallfahrt nach Vierzehnheiligen!
Nur eins fiel ihm jetzt noch schwer auf die Seele, dass er nämlich damals die rote Fahne zum Fenster hinausgehängt hatte. Wenn die Reichswehr nach Swertrup kam, und ihn ein guter Nachbar denunzierte, konnte das noch üble Folgen haben.
Als er mit Einbruch der Dämmerung wieder glücklich in seinen vier Pfählen ankam, musste er sich vor Erschöpfung gleich zu Bett legen. Frau Schapulla aber wusste Rat und setzte sich sofort an die Nähmaschine. Im Kaschott unterm Dach aber heulte Tönnies, den seine Mutter mit dem väterlichen Leibriemen grün und blau geschlagen hatte, weil er den Streifen weißer Leinwand von der alten Fahne zur Fabrikation eines Riesenflugzeuges verwendet hatte. Nun musste sie eines ihrer guten Betttücher zerschneiden.
In Swertrup schwirrten unterdessen die wildesten Gerüchte. Neben solchen von blutigen Überfällen, Kämpfen und grausamen Hinrichtungen auch solche, dass eine Division Engländer im Anmarsch sei, um die Neutralität der Fünfzigkilometerzone, in der auch die Stadt lag, zu schützen. So unwahrscheinlich das auch klang, es wurde doch geglaubt, wobei natürlich der Wunsch der Vater des Gedankens war.
Auf Meirings Betreiben hin hatten sich Sprengkolonnen gebildet, um die Schachtanlagen bei Annäherung der Truppen in die Luft zu sprengen. Gegen abend aber kam vom Essener Zentralrat der telefonische Befehl, Widerstand und Sabotageakte unter allen Umständen zu verhindern, um nicht noch nachträglich eine Rechtfertigung des Einmarsches zu geben. Daraufhin machte sich Meiring in einem Auto mit sechs Mann auf den Weg nach Essen, um den „verräterischen Zentralrat" zu verhaften. Niemand hörte je wieder etwas von ihm.
Küpper, der Führer der durch den Regierungserlass begründeten Arbeitersicherheitswehr, lief inzwischen von Haus zu Haus, um seine Leute zur Besetzung aller durch Sabotageakte bedrohten Punkte zu veranlassen. Als die sechs mit weißen Armbinden und Gewehren ausgerüsteten Arbeiter auf „Beate" erschienen, fanden sie die Zechentore schon von Bergarbeiterfrauen besetzt.
„Geht man woanders hin", riefen sie ihnen zu, „wir passen hier schon selber auf. Wovon sollen wir denn leben, wenn die Jungs uns unsere Zechen kaputt machen?"
Peter Ruckers hatte von all den Ereignissen nur wenig gehört und noch weniger gesehen. Schon während der Rückfahrt von der Front fühlte er eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern. Mit Mühe hatte er noch im Volkshaus Bericht erstattet. Frau Ruckers, die in Sorge um den Mann und ihre beiden Kinder noch bis ein Uhr nachts aufgeblieben war, war erschrocken über das Aussehen ihres Lebensgefährten. Müde und gebrochen, das Gesicht verfallen, die Augen fieberhaft glänzend, war er hereingewankt. „Es sind wohl bloß die verdammten Nerven, die spielen mir jetzt öfters einen Streich", beruhigte er seine Frau, die ihm beim Ausziehen behilflich war. Das Essen hatte er nach wenigen Löffeln beiseite geschoben.
Aber es schienen nicht nur die Nerven zu sein. Im Bett begann er zu husten und über Schwere und Schmerzen in allen Gliedern zu klagen. Anscheinend hatte er sich bei der nächtlichen Fahrt in dem offenen Auto erkältet.
Frau Ruckers stand wieder auf, kochte Tee und machte ihm eine Brustpackung. Der Freischwinger zeigte die zweite Nachtstunde. Draußen fauchte der Sturm wütend durch die Straßen. Bald stöhnte und winselte es wie hilflose kleine Kinder, dann dröhnte es wieder wie ein Kanonenschuss, wenn der Wind eine lose Hoftür gegen die Mauer schlug.
Ein Grauen übermannte die einsame Frau. Wo mochten die Kinder weilen? Nebenan röchelte der Krüppel, und vor ihr wälzte sich der kranke Mann in unruhigem Halbschlummer hin und her. Sie hing ein Zeitungsblatt vor die Lampenglocke, damit ihn das grelle Licht nicht störe. Erst gegen Morgen fiel er in einen unruhigen Schlaf.
Das Fieberthermometer, das sie von der Nachbarin lieh, zeigte 39,8 Grad. Sie wollte zum Arzt schicken, aber Ruckers lehnte hartnäckig ab. „Es ist nur die Aufregung der letzten Tage, das kommt jetzt, wenn man in Ruhe ist, alles nach, lass mich nur eine Weile schlafen", sagte er beruhigend.
Frau Ruckers hatte den Krüppel in die Küche gesetzt, um den Schlaf des Kranken nicht zu stören. Vergeblich zermarterte sie sich den schmerzenden Kopf, wie sie ihm etwas Stärkendes kochen könne; außer Gerstenflocken hatte sie nichts im Hause.
Als gegen Mittag die Sirene zu heulen begann, fuhr Ruckers hoch und verlangte die Ursache zu wissen. Da redete sie ihm vor, dass es ein letztes Signal zur Waffenabgabe sei, aber ihr Herz krampfte sich bei der Lüge zusammen, denn sie ahnte etwas Unaussprechliches, Schreckliches. Wider Erwarten drehte sich der Kranke nach der Wand herum und begann wieder zu schlafen. Da schlich sie auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und lief in Pantoffeln und Umschlagetuch bis zum Zechenportal, wo sie die Hiobsbotschaft vom Anmarsch der Reichswehr erfuhr.
Das Herz stockte ihr, wenn sie an ihre Kinder dachte, und in diese mütterliche Sorge mengte sich die um den kranken Mann und um seine Sicherheit. Zwar hatte er, um sie nicht vorzeitig zu beunruhigen, nie über diese Möglichkeit gesprochen, jedoch ihr Instinkt sagte ihr, dass er fliehen müsse. Aber krank und fliehen?
Einer plötzlichen Eingebung folgend, ging sie zum Verwaltungsgebäude mit heran, um gleich einen Krankenschein mitzunehmen, aber die Schalter waren bereits geschlossen, da auch die Beamten erneut im Ausstand waren.
Was sollte sie tun?...
Einen Augenblick stand sie ratlos, dann hetzte sie, von Sorge beflügelt, um den Arzt ohne Schein zu holen. Sie hatte zwar kein Geld mehr im Hause, aber sie würde später den Schein bringen oder auch bezahlen. Wenn der Arzt nichts Ernsthaftes fand, musste Peter fort, das stand bombenfest.
Auf halbem Wege kehrte sie um, erst nochmals nach dem Kranken zu sehen. Der lag noch immer der Wand zugewendet und brummte unverständliches Zeug vor sich hin. Als sie ihm prüfend ihre kühle Hand auf die heiße Stirn legte, fuhr er erschrocken hoch.
„Sind Hannes und Mary schon nach Hause gekommen?" fragte er mit belegter Stimme. Da sie verneinte, wandte er ihr wieder den Rücken zu und brummelte weiter.
Frau Ruckers bat die Nachbarin, ab und zu mal nach ihrem Mann zu sehen, schärfte ihr ein, ja nichts verlauten zu lassen, und flog mehr als sie lief zum Zechenarzt. Der junge Doktor hörte sich zwischen Tür und Angel ihre atemlosen Erklärungen an, fragte, ob sie Geld habe, ließ sich Namen und Adresse sagen... und erklärte schließlich, nicht kommen zu können, da ja alle wieder streiken!
Schwapp war die Tür wieder geschlossen.
Die Nachbarin empfahl, zu dem entfernt wohnenden Dr. Krausnik zu gehen, der sie bei der letzten Fehlgeburt sogar ganz umsonst behandelt habe. Der würde bestimmt kommen. Um eine Hoffnung gestärkt, machte sich die geängstigte Frau nach der Ratinger Straße auf, wo sie erfuhr, dass Dr. Krausnik mit einer Verhandlungskommission zum General unterwegs sei und schwerlich vor spätnachmittags wieder zurück sein werde. Man notierte sich die Adresse und versprach ihr das Beste.
Etwas beruhigter kehrte sie nach der Zechenkolonie zurück. Eine Verhandlungskommission war unterwegs, da konnte die Gefahr ja nicht so groß sein. Vielleicht waren die ganzen Gerüchte, die sie im Vorbeigehen von den Leuten aufgeschnappt hatte, eben nur Redereien, entstanden durch die aufgeregte Atmosphäre. Vielleicht rückte die Reichswehr gar nicht vor, die roten Truppen kehrten friedlich mit ihren beiden Jüngsten heim, und zum Schluss würde noch alles wieder gut.
Ruckers trank am Abend ein großes Glas Grog und schwitzte mächtig, worauf er nach seiner verweigerten Suppe verlangte und dann fest und ruhig die Nacht durchschlief. Die Frau fand auch diese Nacht wenig Ruhe. Bei dem geringsten Geräusch fuhr sie empor. Al8 sie in der sechsten Morgenstunde aus unruhigem Halbschlummer aufwachte, war ihr erster Blick nach dem Bett in der Kammer. Die Kinder waren wieder nicht heimgekommen.
Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel sie. Lange netzte sie die Kissen mit ihren Tränen. Was sollte das werden, welche Schreckensbotschaft wartete noch auf sie? Dass Hannes und Mâry etwas zugestoßen sein musste, das unterlag für sie jetzt keinem Zweifel mehr.
Die Scheiben begannen plötzlich zu klirren, und durch die Luft zitterte ein dumpfes Rollen.
Kanonen?
Sie hörte von ihrem Sofalager aus, wie ihr Mann sich im Bett aufrichtete und lauschte.
Da... schon wieder zweimal der bekannte, knurrende Donnerlaut.
„Meta, bist du wach?... Sind die Kinder noch nicht
da?"
Sie brach in fassungsloses Schluchzen aus. Er antwortete nicht, aber sie empfand beim Dunkel der geschlossenen Fensterläden förmlich, wie seine Gedanken arbeiteten. Und immer wieder und wieder die fernen Geschützeinschläge.
Plötzlich fiel ihr wieder ein: „Herrgott, ja, die Noskes kommen."
Sie zog sich schnell an, öffnete einen Fensterladen und fiel ihrem Mann weinend um den Hals. „Peter, die Kinder!"...
Seine rauen Hände tasteten zärtlich über ihren Scheitel. „Die werden doch wiederkommen, beruhige dich nur, Meta, sie sind ja Sanitäter." Er schien wieder ganz bei Sinnen zu sein.
Sie schluchzte wild auf. „Aber du, Mann? Du musst fort! Wenn sie kommen und dich finden, schießen sie dich tot. Wenn es nicht vielleicht schon zu spät ist? O Gott, Peter, Peter!"
Er löste sanft ihre Arme von seinem Hals, schaute ihr in das tränennasse Gesicht. „Du siehst Hirngespinste, Meta. Ich brauche doch nicht zu fliehen! Ich habe nur meine Pflicht getan und bin mir keiner Schuld bewusst. Und was ich getan habe, verantworte ich auch jederzeit."
Auf der Straße wurden Stimmen laut, Frau Ruckers öffnete eilig das Fenster. „Die Noskes sind schon da und sperren alle Stadtausgänge mit Drahtverhauen ab", wurde gerufen.
Und immer wieder donnerten gegen Könkern die Kanonen, Zechen und Arbeiterhäuser in Schutt und Asche legend. Niemand wusste warum. Widerstand war nicht geleistet worden, die Könkener Kumpels hatten noch am Abend vorher ihre Waffen im Swertruper Rathaus abgeliefert.
Während die Marinebrigade Löwenfeld die Stadt in großem Umkreis abriegelte und auf der Ratinger Straße, am Rathaus und vor den in feindlichem Schweigen liegenden Zechentoren Geschütze auffuhr, nahm die Säuberungsaktion blockweise ihren Anfang. Nach einem bestimmten Plan wurden Haussuchungen und Fahndungen vorgenommen. Wo sich noch irgendwelche Waffen und Munitionsteile vorfanden, wurden alle männlichen Personen, die über vierzehn Jahre alt zu sein schienen, mit fortgeschleppt. Wo man die Gesuchten nicht antraf, nahm man ohne viel Federlesens Familienangehörige mit.
„Alle werden erschossen", antworteten die Soldaten auf die besorgten Fragen der Zurückgebliebenen. Die Verhafteten wurden unter Kolbenstößen nach der Stadtbrauerei getrieben, und bald lief durch die Stadt die Schreckenskunde: „Die Marinebrigade hält Standgericht und nimmt Massenerschießungen vor!"
Nach Ankunft der Truppen atmeten die so lange ängstlich verkrochenen Swertruper Reaktionäre wieder erleichtert auf. In kurzer Zeit bedeckten sich die Fassaden der Bürger- und Geschäftshäuser mit schwarzweiß-roten Fahnen und Marinekriegsflaggen. Der plötzlich wie aus einer Versenkung wieder aufgetauchte Bürgermeister Dr. Livenkuhl brachte in unglaublicher Schnelle einen „Bürgerausschuß zum Empfang der Befreier" zusammen. Die Bürger griffen nach dem ausgestandenen Schrecken tief in Brieftaschen und geheime Hamster- Vorräte. Und da auch von der Geschäftswelt sich niemand auszuschließen wagte, kamen große Geldbeträge und Liebesgaben aller Art zusammen. Gymnasiasten und Lyzeumsschülerinnen wetteiferten mit Damen und Herren der Gesellschaft, die „tapferen Krieger" mit Blumen, Zigarren, Schokolade, Kognak und Lebensmitteln jeder Art zu überschütten.
Besonders lebhaft ging es im Hotel „Maxloher Hof" zu, wo eine Offizierskompanie ihr Standquartier aufgeschlagen hatte. Bürgertöchter, zu Ehren des Tages im besten Feststaat, drängten sich herzu, um die Helden aus der Nähe zu bewundern, ihnen die Hände zu drücken und sich wonnebebend die „furchtbaren Gräueltaten der Roten" noch einmal haargenau erzählen zu lassen.
Der Wirt hatte den Weinkeller geöffnet, die Befreiung vom roten Terror musste doch gebührend gefeiert werden. Brausend erklang unter Klaviergehämmer aus markigen Kehlen „Ein Ruf wie Donnerhall" - „Deutschland, Deutschland über alles" - das Lied von der „Wonnegans" und schließlich
„Hakenkreuz am Stahlhelm, Schwarzweißrotes Band, Die Brigade Ehrhard Werden wir genannt."
Durch Fenster und Türen, die bei dem warmen Aprilwetter weit geöffnet waren, drang das Gesinge und Getobe bis in die dunklen Ställe und Keller der benachbarten Brauerei, wo mehr als dreihundert Menschen, Männer, Frauen und halbwüchsige Kinder, angstvoll auf ihr Schicksal warteten.
„Was wollen sie denn mir, ich habe doch nur im Auftrage der Regierung und des Bürgermeisters die Arbeitersicherheitswehr organisiert. Drei Mann auf tausend Einwohner, wie es vorgeschrieben ist. Dafür kann man mich doch nicht bestrafen! Wer weiß, ob sonst die Schachtanlagen und der Bahnhof noch stehen würden, und ob die Waffen alle im Rathaus verblieben wären?" So sagte der Bergarbeiter Küpper wohl schon zum zwanzigsten Male zu seinen Leidensgefährten, ohne indessen damit seine innere Unruhe zu beschwichtigen.
„Auf einem Hof in der Lichstraße haben sie gleich heute früh vier Mann von der Sicherheitswehr erschossen", erzählte ein Bergmann von „Zeche Beate", dem das Nasenbein eingeschlagen war.
„Das ist unmöglich, das ist ungesetzlich, das ist gegen die Zusicherungen der Regierung, die überhaupt keine Standgerichte will", rief Küpper aufgeregt.
„Die machten das auch ohne Standgerichte und ohne Apparat. Die vier wurden einfach bei der Stadtsparkasse, wo sie Posten standen, nach dem Hof geführt und ohne weiteres an die Wand gestellt. Ich wohne in dem Hause und protestierte dagegen. Da wurde auch ich verhaftet und kann meinem Schöpfer danken, dass sie mich nicht auch gleich niederknallten", erklärte der Arbeiter.
Soeben öffnete sich die Stalltür, und zwei neue Ankömmlinge flogen mit Fußtritten und Schimpfworten herein.
„Ich protestiere, ich bin zu Unrecht verhaftet, ich verlange, sofort dem Gerichtsoffizier vorgeführt zu werden", rief der Gestürzte, sich erhebend und trotz der vorgehaltenen Seitengewehre gegen die Tür angehend.
„Wirst schon noch früh genug das Vergnügen haben; augenblicklich musst du dich noch etwas gedulden, die Herren speisen zu Mittag", lachte eine rohe Stimme.
„Verzeihen Sie", sagte ein junger, gutgekleideter Mann mit einem Kneifer, „ich bin heute früh aus dem Bett heraus verhaftet worden, weiß aber immer noch nicht, warum. Könnte ich nicht wenigstens eine Kleinigkeit zu essen bekommen, ich will es ja gern bezahlen."
„Essen?" - Der Feldwebel, der hier den Oberschließer vorzustellen schien, machte ein beleidigtes Gesicht. „Ja, wozu denn noch essen? So dick haben wir es doch nicht, um euch unnütz zu füttern. Die eine Stunde, die ihr noch zu leben habt, werdet ihr schon noch aushalten."
Befriedigt seinen Schnauzbart streichend, beobachtete der Büttel die Wirkung seiner Worte, die in lauten Unschuldsbeteuerungen, Weinen und Wehklagen bestand.
„Wir sind doch noch gar nicht verurteilt", rief eine
alte Frau verzweifelt.
Der Feldwebel zog die Stirn in ernste Falten. „Das ist ja man auch nur Formsache, das geht bei uns alles sehr schnell. Die hier drin sind, werden allesamt erschossen." Krachend schlug das Tor wieder zu.
Küpper lehnte einen Augenblick wie betäubt an der Futterraufe, als sein Blick auf den einen der Neueingelieferten, der so dringend nach dem Gerichtsoffizier verlangte, fiel.
„Mein Gott, Sie auch hier, Herr Oversath", rief er
entsetzt.
„Ein Missverständnis, da« sich aufklären wird", versuchte dieser sorglos zu lächeln, aber sein verstörtes Gesicht strafte seine Absicht Lügen.
„Mir scheint viel eher, dass das Missverständnis auf deiner Seite liegt, und ich Heuochse bin dir Schafskopf richtig mit ins Garn gegangen", sagte eine andere bekannte Stimme.
„Und du auch, Ruckers, wie kommst du denn hierher, ich dachte, du seiest über alle Berge?" fragte Küpper erstaunt.
„Ja, wie komme ich hier wohl her?" knurrte Ruckers, Oversath einen verächtlichen Blick zuwerfend, „weil ich dämlich war! Seit vorgestern liege ich krank zu Hause, so 'ne Art Grippe, vielleicht ist es die Kopfgrippe, denn mit normalem Verstand wäre ich wohl nicht selber in die Höhle des Löwen gerannt."
Und dann erzählte er, wie er gerade im Begriff war, sich anzuziehen, als Oversath mit einigen Arbeitern hereingestürzt kam. „Jetzt wird sich zeigen, ob Ruckers auch solch feiges Luder ist wie die anderen, die bloß immer die Klappe aufreißen und sich, wenn es sengrig wird, verduften", schleuderte ihm der eine, dessen Sohn man verhaftet hatte, aufgeregt entgegen. Seit einer Stunde waren sie schon umhergelaufen, um einige führende Persönlichkeiten zusammenzutrommeln, die beim General wegen der Besetzung und der Willkürherrschaft der Soldateska Protest erheben sollten. Jeitner war nicht zu finden, und auch von den wenigen anderen, die man noch zu Hause antraf, hatte sich keiner bereit gefunden.
„Geh nicht mit, Peter. Du kommst da nicht wieder frei, verstecke dich Heber", hatte Meta Ruckers gefleht und damit unwillkürlich das Schicksal ihres Mannes besiegelt. Die Männer hatten höhnisch aufgelacht, und Oversath sagte verächtlich: „Nun ja, so seid ihr Hyperradikale alle, große Schnauze und nichts dahinter! Wenn es drauf ankommt, versteckt ihr euch unter die Röcke eurer Weiber. Nachher schimpft ihr uns Sozialdemokraten wieder Feiglinge. Aber dann gehe ich eben alleine."
Da hatte Peter Ruckers, noch um einen Schein blasser geworden, seinen Filz vom Haken genommen, sein weinendes Weib geküsst und war mitgegangen. Am Eingang zum „Maxloher Hof" hatte man sie mit dem erfreuten Ausruf: „Auf euch warten wir ja gerade", verhaftet.
Oversath stampfte zornig mit dem Fuß: „Lasst doch das blöde Gequassel sein, uns tut keiner was. Das Ganze ist nur eine Angstmacherei, weiter nichts, verstanden? Lasst mich nur mal erst mit den Maßgebenden reden!"
Küpper hörte solche zuversichtlichen Worte nicht ungern, und auch die anderen drängten herzu, um zu erfahren, was der bekannte Sozialistenführer vorhabe.
„Ich werde mit den Herren einmal ein ernstes Wort reden, sie auf das Ungesetzliche ihres Vorgehens aufmerksam machen. Ich habe den genauen Wortlaut der Vereinbarungen von Bielefeld und Münster sowie die betreffenden Kommentierungen durch Severing, Mehlich und Bauer bei mir", fuhr er mit gesteigerter Zuversicht fort. „Das sind doch keine bloßen Papierfetzen, Genossen ! Wollen wir doch mal sehen, ob diese Herren sich über das klare Recht hinwegzusetzen wagen? Ob Gewalt wirklich vor Recht geht? Ich sage euch, Genossen, sie werden es nicht wagen!"
Nach Verlauf einer guten halben Stunde wurde die Tür geöffnet und Küpper, Oversath und Ruckers herausgeholt. Unter Eskorte von sechs Mann mit aufgepflanztem Bajonett ging es zum „Maxloher Hof", wo sie am Eingang von dem gutgekleideten Pöbel mit lautem Geschrei begrüßt wurden. Rufe wie: „Das sind ja gerade die Richtigen, stellt sie nur gleich an die Wand!" erschallten. Die Soldaten mussten ihre Gewehre wie ein Gitter vorstrecken, um mit ihren Gefangenen überhaupt hindurchzukommen, konnten es aber nicht verhindern, dass ein besonders erboster Speckbürger dem als letzten gehenden Oversath den Nachgeschmack seines Mittagessens ins Gesicht spie.
Im Hintergrund des Vestibüls mußten sie einige Minuten warten, während der Offizier Meldung erstattete. Unterdessen gingen eine Menge Personen: Offiziere, Soldaten und Zivilisten, vorüber, darunter eine Anzahl gut bekannter Gesichter. Aber aus keinem war etwas anderes als hämische Neugierde, Hohn oder Schadenfreude herauszulesen.
Plötzlich schrie Oversath halblaut auf. Diesen grauen Gehrock, der dort in Begleitung eines höheren Offiziers die Treppe herunterkam, kannte er doch? Herrgott noch einmal, das war ja Reese, den ein guter Stern hierher führte.
„Reese - Emil! - Gott sei Dank, dass du hier gerade vorbeikommst!"
„Oversath?... Ja, was gibt es denn, ich habe gerade eine eilige Besprechung", antwortete der Gerufene mit einem scheuen Seitenblick auf die blanken Bajonette.
Na, siehst du denn nicht, Emil? Wir sind verhaftet, ohne jeden Grund hat man uns verhaftet und mit uns Hunderte, die drüben in der Brauerei sitzen! Man will uns allesamt erschießen", keuchte Oversath.
„Ach, Unsinn, lasst euch doch nicht bange machen, die erschießen keinen", lächelte Reese überlegen.
„Doch, doch", fiel Küpper ein, „erst hieß es, Standgerichte finden überhaupt nicht statt, und dabei haben sie von unserer rechtmäßigen Ortswehr heute früh in der Lichstraße vier Mann ohne jedes Verhör erschossen." —
„Davon hörte ich auch schon, das war aber auch kein Standgericht, sondern ein Missverständnis der Soldaten, die die Leute für Rotarmisten gehalten haben. Es wird dieserhalb eine Untersuchung stattfinden", erklärte Reese.
„Unterhaltungen mit den Gefangenen sind verboten", sagte jetzt ein Soldat, den Gewerkschaftsführer zurückdrängend.
„Bleibe bei uns, Emil, sie stellen uns sonst wirklich vors Standgericht. Du siehst ja doch, man hat uns schon widerrechtlich festgenommen", flehte der Genosse, als Reese sich zum Gehen wendete.
„Beruhige dich nur, das Standgericht besteht nach einer neuerlichen Regierungsverfügung aus einem Offizier, einem Juristen und einem Arbeitervertreter. Als solcher für Swertrup bin ich bestallt worden, wir wollen uns eben konstituieren. Also brauchst du keine Angst zu haben. Eure Verhaftung ist nichts weiter als ein Übergriff, erklärlich durch die ganze Atmosphäre, das ist doch zu begreifen. Ich werde veranlassen, dass ihr alsbald freikommt. Aber jetzt muss ich gehen." Damit eilte er seinem Begleiter nach.
Der Offizier kam zurück, und man führte die drei Arbeiter in ein am Gangende liegendes Vereinszimmer. Die Soldaten stellten sich Gewehr bei Fuß an Fenster und Tür auf, während der Offizier meldete: „Die drei Arrestanten zur Stelle!"
Am Tisch saß ein hochgewachsener älterer Offizier mit kurzgeschnittenem, grauem Haar. Goldenes Eichenlaub am Kragen deutete auf einen hohen Rang. Das Unheimlichste an dem Mann war das Gesicht, das in einer glattrasierten Unbeweglichkeit den Eindruck einer geschnitzten Fratze - der man über den Augenhöhlen graue Borsten angeklebt hatte - machte. Hinter ihm stand ein monokelbewaffneter Leutnant mit einer Mappe, anscheinend der Adjutant, der in jeder Hinsicht bestrebt schien, wie ein erstarrtes Anhängsel seines Gebieters zu erscheinen.
Drei Paar flackernde Augen forschten in diesen harten Gesichtern vergeblich nach einer Spur menschlicher Regung. Dennoch sah das Ganze wirklich nicht nach einem Standgericht aus, jedenfalls wollte man nur ein Verhör anstellen.
„Wer ist Küpper?" kam eine tote Stimme hinter dem Tisch hervor. Der Gefragte trat zwei Schritte näher. „Küpper, Herr General, Johannes Küpper!"
„Sind Sie der Obermacher von den bewaffneten Arbeitern?" fragte der Unheimliche, ohne sich im geringsten zu bewegen.
„Nein, Herr General, ich habe nur im Hinblick auf die Regierungsverordnung und unter besonderem Auftrag des Herrn Bürgermeisters die örtliche Arbeitersicherheitswehr, drei Mann pro tausend Einwohner, gebildet. Als die Meiringleute die Zechen sprengen wollten, haben wir..."
„Antworten Sie nur, was ich Sie frage! Sie waren doch auch mit im Vollzugsrat? - Nun!" - Messerscharf klang dieses „Nun", als Küpper, ganz verdattert, nicht gleich antwortete.
„Und Sie haben auch Waffen ausgegeben, stimmt das?"
„Ja, aber doch nur im Auftrage des Herrn Bürgermeisters Livenkuhl. - Ich will es aber ganz gewiss nicht mehr wieder tun, Herr General", wimmerte er los, als er den kalten Blick aus dem toten Gesicht auffing.
„Dazu geben wir Ihnen auch keine Gelegenheit mehr. Der nächste - wie beißt er doch - Oversath!" Der Adjutant suchte in seiner Liste und machte einen Vermerk.
Oversath nahm alle Kraft zusammen und trat bis dicht an den Tisch heran.
Bevor ich auf eine Frage antworte, möchte ich fragen, mit welchem Recht Sie uns verhaften, verhören und mit Ihren Drohungen einzuschüchtern versuchen? Sie haben kein Recht..."
„Das werden wir ja sehen! - Sie waren doch auch im Vollzugsrat?" - Oversath hatte sich fest vorgenommen, nicht zu antworten, jetzt tat er es wie unter einem unwiderstehlichen Zwange aber doch.
„Der Vollzugsrat wurde am 31. März aufgelöst." „Aber Sie waren doch heute früh erst mit einer Kommission hier?"
„Ja, aber doch nicht als Vollzugsrat; da kamen wir als Privatleute", stotterte Oversath. „Ich bin ja doch auch Stadtverordneter und erster Vorsitzender der Swertruper Ortsgruppe der Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands", setzte er hinzu, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.
Der General wechselte ein paar unverständliche Worte mit dem Adjutanten. „Dann hätten Sie auch was Gescheiteres tun können, als sich mit diesen Anführern einzulassen. Ich muss Sie auch erschießen lassen!"
Oversath versuchte eine lächerliche Grimasse zu ziehen, aber im Halse stieg ihm ein übler Geschmack auf. „Das sollen Sie mal versuchen, dazu haben Sie ja gar kein
Recht."
In dem Pagodengesicht zuckte keine Wimper, nur der Adjutant lächelte höhnisch, und mit einem Male kam auch dem Sozialdemokraten das Furchtbare seiner Lage zum Bewusstsein. Recht und Gesetz waren unstreitbar auf seiner Seite... aber jene da hatten die Macht, sie zu übertreten! Ein Blick in die versteinerten Gesiebter der Soldaten zeigte ihm, dass nur ein Wink des Generals genügte, um ihn zu erschießen. Aber Genosse Reese war ja Gott sei Dank im Hause!
Der General hatte sich dem dritten zugewandt: „Sie sind der berüchtigte Peter Ruckers?"
Furchtlos begegneten die Augen des alten Bergmannes denen des Generals. Wohl eine Minute lang starrten sich die beiden an, dann sagte der General langsam, jedes Wort durch die Zähne pressend: „Mit Ihnen haben wir ja den richtigen Fang gemacht, Sie sind ja einer der schlimmsten Hetzer!"
„Nun, was haben Sie zu sagen?" fragte er, als Ruckers ihn unverwandt weiter anstarrte.
„Wie, ich?" - Ruckers schreckte wie aus einem Traum auf. Ihm war, als ginge ihn das hier alles gar nichts an. „Jawohl, Sie! Sie werden natürlich auch erschossen!" Ruckers lachte verächtlich auf. „Was soll ich denn dazu sagen? - Mich verteidigen? - Was ich getan habe, verantworte ich voll und ganz, aber nur vor einem ordentlichen Gericht. Sind Sie denn ein Gericht? Sie können uns doch höchstens ermorden, dazu haben Sie ja die Gewalt. Aber verlassen Sie sich darauf, jeder Arbeiter, den Sie ermorden, wird tausendfach gerächt werden, an Ihnen und Ihrer Klasse!" „Sind Sie fertig?"
„Noch nicht", rief der Arbeiter, die Schwäche, die seine Beine überkam, gewaltsam niederkämpfend, „diesmal habt ihr es nochmals geschafft, aber nicht durch eure morschen Kräfte, sondern nur durch den Verrat und die Verbündeten, die ihr in unseren Reihen fandet. Aber die Arbeiterschaft wird daraus lernen, wird wachsen und wiederkommen! Jawohl, wir werden wiederkommen, darauf verlassen Sie sich, mein Herr General!"
„Jesus, Maria und Joseph, ich bin unschuldig", wimmerte Küpper auf und fiel auf die Knie.
„Das hier ist kein Standgericht, das ist glatter Mord", schrie jetzt auch Oversath, mit dessen Selbstbeherrschung es zu Ende war.
Der General erhob sich in seiner ganzen ungeheuren Länge. „Nach Recht und Gesetz habt ihr auch nicht gefragt und euch eure eigenen Gesetze gemacht, jetzt machen wir die unsrigen. Ordnung muss sein!"
Oversath stampfte mit dem Fuß. „Überlegen Sie es sich nochmals sehr genau, Herr General, es möchte Ihnen sonst leid tun. Ich stehe auf dem Boden der Regierung, bin auch nicht der erstbeste Parteigenosse! Ich habe Freunde; meine Parteigenossen in der Regierung würden genaue Rechenschaft von Ihnen fordern."
Der Lange zuckte geringschätzig die Achseln. „Beschweren können die sich, aber Ihnen wird es nichts mehr nützen. Wir müssen ein Exempel statuieren und uns dabei an die halten, die wir kriegen. Weg mit ihnen." Wie aus weiter Ferne hörten sie eine Tür zufallen und zwischendurch abgerissenen Gesangslärm. Küpper kniete noch immer auf der Erde und betete zu allen „vierzehn Nothelfern". Oversath lehnte blass und verstört gegen einen Tisch, und auch Ruckers musste sich setzen, seine Knie versagten den Dienst.
Er blickte den Genossen mit einem müden Lächeln an, das heißen sollte: Na, alter Junge, habe ich nicht doch recht gehabt, was sagst du nun?
Oversath zermarterte vergeblich sein Gehirn. Sein Selbsterhaltungstrieb erklärte das hier alles nach wie vor nur für einen grausamen Scherz, aber am besten wäre es doch, wenn jetzt Reese zur Tür hereinkäme und diese schlechte Komödie beendete.
Wenn er nun aber nicht kam? Wenn er sie vergaß? -Er musste noch im Hause sein, hatte eine Sitzung, während sie hier teuflische Todesängste ausstanden. Wenn man sich nur mit ihm in Verbindung setzen könnte? Ihm einen Zettel schicken? Aber die erstarrten Gesichter der Soldaten blickten unnahbar drein.
Hilfe rufen?... Wenn sie zu dreien riefen, musste es durch das ganze Haus dröhnen. Aber wenn es nun doch nur ein Scherz war? - Im Geiste sah er schon die hämisch grinsenden Gesichter der Offiziere. Nein, das war ja alles Unsinn, und zum soundsovielten Male hämmerte in seinem Gehirn der Satz: Sie werden es nicht wagen!... Aber sie wagten es doch! Ein stahlbehelmter Offizier öffnete die Tür, und man führte sie schnell über den teppichbelegten Gang zur Straße. Draußen knatterte schon der Lastkraftwagen, auf dessen Führerdach man soeben ein Maschinengewehr schussfertig machte. Hinter einem dichten Militärkordon wartete eine große Menschenmenge auf den Abtransport der drei Arbeiterführer, die vergeblich versuchten, jemand zu erkennen.
Den wie irrsinnig blickenden Küpper mussten die Soldaten hinaufheben. Oversath machte Umstände. „Wo soll das hingehen, ich protestiere!"
„Ja, nachher, Kamerad, jetzt haben wir keine Zeit, wir fahren ja nicht weit", antwortete einer, und Oversath schloss daraus, dass man sie nur woanders hinbringe. Die Fenster des Hotels waren von Zivil- und Militärpersonen besetzt, die den Vorgang wie ein Bühnenschauspiel durch Ferngläser betrachteten.
Dort im ersten Stock, waren das nicht der Spitzbart und die Glatze des Genossen? - Aber die soeben aufsteigenden Soldaten versperrten ihm die Aussicht; als er wieder hinsah, war der Platz leer.
Die Soldaten setzten sich mit schussfertigen Gewehren auf die Umrandung des Wagens, während die drei Arbeiter sich auf den Boden hocken mussten. Mit einem Ruck sprang der Wagen an.
Das also war das Ende?
Peter Ruckers kam das in Anbetracht der Umstände und der hellwarmen Frühlingssonne noch etwas unwahrscheinlich vor. Sein hartes Leben, voller Entbehrung, Sorge, Kampf und wiederum Kampf flimmerte an ihm vorüber. Wie seine Frau sich wohl drein schicken würde? - Und die Kinder? - Ob ihnen wirklich nichts passiert war?... Merkwürdig, dass er gerade jetzt daran denken musste, dass Hannes als kleiner Junge immer so gerne Schuster spielte.
Einer Eingebung folgend, zog er seine zerkaute Stummelpfeife und begann kalt zu rauchen. Die Kerle sollten sehen, dass er sich nicht fürchtete! Tausende waren vor ihm diesen qualvollen Weg gegangen. Tausende würden ihn noch gehen müssen, ehe die geeinte Kraft des Proletariats allem Morden und Standrechten ein Ende machen würde.
Sein Blick fiel auf den sozialdemokratischen Schicksalsgenossen, der dumpf ins Leere starrte. Beinahe hätte der die Märtyrerkrone allein getragen, und von Peter Ruckers und seinesgleichen hätte es geheißen: Sie haben sich gedrückt! Unter dieser geifernden Beschuldigung wären die ganzen Lehren der zwei Wochen Ruhrkampf erstickt. -
Ein entschlossener Zug kam um seinen Mund. Nein, er fiel hier nicht unnütz, wenn ihm auch der Tod auf der Barrikade zehnmal lieber gewesen wäre...
Ein Soldat sah die kalte Pfeife des Verurteilten und reichte ihm eine Zigarette. Ruckers blickte auf die Zigarette, auf den Spender, der ihm ein brennendes Streichholz entgegenhielt, dann siegte sein Wille über die Begierde, und in großem. Bogen flog sie auf die Straße. Jetzt werden sie mit uns links ab zum Gefängnis fahren und dann sagen: So, für diesmal habt ihr an dem Schreck genug, fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf — aber das Auto nahm den Weg rechts hinaus nach den Kiesgruben.

Sozialismus • Kommunismus • Sozialistische Belletristik • Kommunistische Unterhaltungsliteratur • Proletarisch-Revolutionäre Literatur • Utopische Klassiker • Arbeiterroman • Agitationsliteratur