Ernst Ottwalt – Ruhe und Ordnung (1922)
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Roman aus dem Leben der nationalgesinnten Jugend

Dieser Roman ist ein wahrheitsgetreues Protokoll eigener Erlebnisse; keine Seite beruht auf freier Erfindung. Die Form des Romans wurde lediglich gewählt, weil hier nicht Schuld oder Verhängnis bestimmter Einzelpersonen dargestellt werden soll, sondern das Bild jener Nachkriegsjugend, die sich die nationale nennt. Die Gefühle, Meinungen und Taten dieser Jugend sind weder an eine bestimmte deutsche Stadt, noch an ein bestimmtes jener Jahre gebunden, die uns vom Ende des Weltkriegs trennen. Nicht Einmaliges und Zufälliges wird in diesem Buch geschildert: Es läuft ein roter Faden von den Novemberkämpfen über München, Kapp, Mitteldeutschland und Oberschlesien bis zu den Bombenattentaten der jüngsten Vergangenheit. Ich half diesen Faden spinnen. Dieses Buch soll ihn zerreißen helfen.

 

DER NEUNTE NOVEMBER

Wir gehen nicht mehr in die Schule. Seit vierzehn Tagen schon arbeiten wir auf einem Rittergut unmittelbar an der Stadtgrenze. Wir ernten Kohlrüben ein, die unbedingt noch vor Eintritt der scharfen Fröste in den Keller gebracht werden müssen. „Im Interesse der Volksernährung", hat unser Direktor, Professor Schmidt, gesagt, als er seine Prima zu dieser Arbeit kommandierte.
Und wenn Professor Schmidt „Volksernährung" sagt, dann klingt das genau so, als ob er vom Vaterland spricht, vom Endsieg oder von der Erstürmung Kownos. Er hat nämlich das E. K. I., einen zerschossenen linken Arm, die Uniform eines Reservehauptmanns und ist nach seinen eigenen Angaben der erste deutsche Soldat gewesen, der seinen Fuß in jene feindliche Feste gesetzt hat.
Der Direktor spricht seit Jahr und Tag von Vaterland und Endsieg, und wir finden ihn furchtbar lächerlich, wenn er seinen halbsteifen Arm demonstrativ und ekstatisch in die Höhe reckt und mit krähender Fistelstimme von Deutschlands Zukunft redet, die angeblich auf unseren Schultern liegt. Sein Gesicht wird dabei immer ganz rot, und seine grauen Fischaugen, die ohnehin etwas hervorstehen, drohen aus dem Kopf herauszutreten. Es ist wirklich lächerlich. Seit vier Jahren immer dieselbe Leier!
Krieg, — du lieber Gott, das ist etwas, was immer war und immer sein wird. Er steht vor uns wie ein Unabänderliches, das hingenommen werden muss. Und nächstens werden wir auch eingezogen. Die Kameraden vom Jahrgang 00 sind schon im Feldrekrutendepot oder im Felde. Einer ist sogar schon gefallen.
Wir haben uns an den Krieg gewöhnt. Von Zeit zu Zeit kommt ein Klassenkamerad morgens mit einem Trauerflor um den Arm zum Unterricht. Dann wissen wir: sein Bruder ist gefallen oder sein Vater. Am Kemmel oder in Flandern. Wir kondolieren ihm korrekt und finden dies alles im Grunde höchst natürlich. Der umflorte Mitschüler hält sich ein paar Tage abseits von uns und zeigt „stolze Trauer", so, wie er und seine Verwandten es im Generalanzeiger angezeigt haben. Dann beteiligt er sich wieder an unseren Diskussionen und Schlägereien.
Das ist der Krieg. Und das Wichtigste ist für uns im Augenblick, dass wir uns um ein Regiment bemühen, bei dem wir als Fahnenjunker eintreten können. Denn wenn man auch nicht gerade „Berufsoffizier" werden will, hat man als Fahnenjunker doch mancherlei Vorteile. Wir bemitleiden taktvoll und heimlich die armen Kerle unter unseren Mitschülern, deren Väter Eisenbahnsekretäre oder kleine Kaufleute sind. Denn die wagen natürlich gar nicht, sich nach einem Regiment umzusehen: sie würden ja doch nicht angenommen werden und müssen den Krieg eben als Gemeine mitmachen.
Auch vier Jahre genügen schon, um eine Tradition entstehen zu lassen...
Die Tage sind kühl und regnerisch, und morgens sind die Äcker bereift. Wir frieren viel bei der Arbeit auf dem Felde; aber das macht nicht nur der feine, schneidende Sprühregen, sondern das Unheimliche, das uns in den Knochen liegt, und das wir in diesen Tagen überall um uns herum fühlen.
„Revolution," sagt jemand, und in unseren klassisch infizierten Gehirnen rollen sich altbekannte Gedankenreihen ab, die in dem Begriff „Ochlokratie — Pöbelherrschaft" ihren Endpunkt finden. Von „ochlos" — der Haufe.
Wir haben Angst Vielleicht nur vor der feindlichen Leere, die hinter dem Begriff Revolution droht. Dass wir z. B. in einigen Tagen vielleicht keinen Kaiser mehr haben werden, — das ist ein ganz merkwürdiger Gedanke. Es ist einem so, als bekäme man plötzlich keine Luft mehr.
Und dann sprechen wir auch von der allgemeinen Gleichheit. Ein beliebtes Thema seit den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk. Dort führten auf unserer Seite die Verhandlungen Generäle, Unterstaatssekretäre und Ministerialdirektoren, Leute, die studiert hatten und im Korps waren. Und drüben bei den Russen saß ein Herr Sowieso, dessen Namen man niemals gehört hatte, der ein ganz einfacher Arbeiter gewesen sein soll; und trotzdem wurde er von unseren Exzellenzen für voll genommen. Saß mit ihnen an einem Tisch! Damals haben wir das sehr komisch gefunden. Heute ist uns die Erinnerung daran unheimlich.
Denn vielleicht ist das in einigen Tagen bei uns genau so, und was soll dann aus uns werden? Was nützen uns dann unser Abitur und alle unsere Verbindungen, wenn jeder einfache Arbeiter genau dasselbe werden kann wie wir? Wir empfinden die Drohung der allgemeinen Gleichheit als eine große Ungerechtigkeit.
Unrecht und die Herrschaft der verhassten ,Latjer", — so steht die Revolution vor uns.
Latjer ist ein Lokalausdruck und ein Gattungsbegriff mit sehr verschwommenen Grenzen. Er umschließt ebenso den soliden Arbeiter mit Frau, Kind und Stube und Küche, der abends müde und dreckig aus den Leuna-Werken kommt, wie die unheimlichen Gestalten, die nachts im Marktviertel Betrunkene fleddern und die Straßenmädchen tyrannisieren. Latjer, das ist alles, was eine Ballonmütze und keinen Kragen trägt, jenes gestaltlose und vielgestaltige feindliche Etwas, das uns bösartig aus tausend Augen anstiert, wenn wir lärmend und lachend, die weiße Mütze auf dem Ohr und die Zigarette im Mund, bei Schichtwechsel durch die Straßen gehen.
Gewiss, — wir stehen in Opposition zu allem, was von Erwachsenen gemacht wird, und unsere boshafte Kritik macht selbst vor so ernsten Dingen wie Endsieg und Vaterland nicht halt. Denn es sind ja Eltern und Pauker, die uns die Hochachtung vor diesen Dingen eintrichtern wollen. Aber deshalb Revolution?
Die dumpfe Angst vor dem Haufen, der siedende Schreck vor der Ungewissheit unserer Zukunft und die selbstverständliche Sympathie für Bügelfalte und Oberhemd machen uns zu klassenbewussten Bürgern.
Freiheit? Wir denken nicht „Freiheit, die ich meine" sondern „Weh' denen, die den ewig Blinden des Lichtes Himmelsfackeln leihen." Wir sind die Feinde der Revolution, weil sie von Latjern gemacht wird.
Wir gehen durch den dunklen Abend des neunten November zur Stadt zurück. Schweigend, fröstelnd.
Plötzlich fängt jemand an zu singen. Das tun wir sonst nie. Wir sind viel zu erwachsen dazu, und wir genieren uns. Aber einer nach dem andern fällt ein, der Gesang wird lauter, wir schreien uns unsere Beklemmung von der Seele: „O Deutschland hoch in Ehren" und „Lieb' Vaterland magst ruhig sein".
Wir haben Angst vor den Latjern, und nun sagen wir Vaterland.
Wir sorgen uns um unsere Zukunft, und nun singen wir „Einigkeit und Recht und Freiheit".
Wir fahren mit der Straßenbahn durch die Stadt. Offiziere ohne Kokarden und Achselstücke drücken sich scheu an den Häuserwänden vorbei. Ein Schwarm Arbeiter brüllt die Internationale, die Augen des Straßenbahnschaffners leuchten irrsinnig, er nennt alle Menschen „Du". Wir stehen abseits und fühlen stolz unsere Abseitigkeit.
An diesem Abend tritt an die Stelle von Endsieg und Vaterland eine dritte Größe: „Ruhe und Ordnung".
Darauf eine Leere von acht Tagen. Dann fängt die Schule wieder an. Die erste Stunde ist Religion. Dr. Krüger kommt und ignoriert die Revolution: „Wir waren bei der Scholastik stehen geblieben."
Lange bekommt einen Anschnauzer, weil er immer noch nicht den ontologischen und den kosmologischen Gottesbeweis auseinander halten kann. Es ist alles wie sonst. Dr. Krüger ist uns nicht sympathisch, er ist ein kluger, kalter und boshafter Mensch. Aber heute sind wir ihm uneingestanden dankbar, denn er hat uns den Glauben an unsere Zukunft wiedergegeben.
Die Schule geht weiter, die Revolution ist also nicht das Chaos, wie uns immer gesagt worden ist. Es wird wohl alles nicht so schlimm werden.
Und es ist ja dann auch nicht so schlimm geworden.

 

„BÜRGER ERWACHE!"

In den nächsten Monaten ist immer etwas Neues los: ein Demonstrationszug löst den andern ab, Streiks, Krach in der Stadtverordnetenversammlung, Frauen schlagen sich vor den Bäckerläden um Brot, republikanische Soldatenformationen werden gebildet und gleich darauf wieder aufgelöst.
Hin und wieder wird geschossen. Die Gründe sind niemals so recht klar. Es fallen auch Opfer. Meist unschuldige. Unsere Waschfrau, eine Frau von über sechzig Jahren, gerät auf dem Bahnhofsplatz in die Garbe eines Maschinengewehrs, das dort die Gegend bestreicht. Sie wird wie ein Sieb durchlöchert, und ich nehme zur Kenntnis: die Revolution mordet alte Frauen.
Im übrigen hat der Latjer gesiegt; er beherrscht die Straße. Viel mehr aber auch nicht: Behörden und Gerichte arbeiten wieder, nachdem wegen der Besetzung des Polizeipräsidiums durch Truppen des Arbeiter- und Soldatenrats die Lebensmittelversorgung einige Tage geruht hat. Man spricht viel von Sozialisierung und Enteignung, doch wir Primaner lächeln überlegen dazu, denn die Revolution hat schon jetzt ihre Schrecken für uns verloren. Aber es ist ein ewiges Hin und Her, und man kommt nicht zur Ruhe.
In der Stadt Halle an der Saale haben sich schon von jeher alle sozialen und politischen Bewegungen besonders scharf ausgeprägt. Kaum in einer zweiten deutschen Stadt stoßen die gesellschaftlichen Extreme so unmittelbar auf einem engen Raum gegeneinander. Schon äußerlich: es gibt keine abgeschlossenen vornehmen Viertel. Der Weg zu den Villenstraßen führt durch ein Arbeiterviertel; der „Volkspark", das Zentrum der meisten proletarischen Organisationen, liegt nur wenige Schritte von einem Diakonissenhaus und den Häusern einiger vornehmer studentischer Korps entfernt.
Ein ungeheures Industrieproletariat ist rings um die Stadt angesiedelt: im Süden nebelt das Leuna-Werk mit seinen gelben Rauchschwaden. Die Schacht- und Fabrikanlagen des Geiseltals ziehen sich endlos und ohne
Unterbrechung durch eine verwüstete Landschaft. Zahlreiche Kalischächte, die Kupfergruben der Mansfeld A.-G., Zuckerfabriken, Maschinenindustrie, Papierfabriken geben einigen Hunderttausend Arbeitern Brot.
Und Halle ist gleichzeitig der Sitz vieler großer Konzernverwaltungen. Generaldirektoren und Bankiers haben hier ihre luxuriösen Villen, von deren Fenstern aus man wieder auf öde, graue Proletarierstraßen sieht. Behörden und Gerichte, Schulen und die Universität sorgen für ein ganzes Heer von Beamten. Die Universität wird im Frühjahr des Jahres 1919 von tausenden ehemaligen Offizieren besucht, die nun einen bürgerlichen Beruf ergreifen wollen.
Dies alles drängt sich auf einem schmalen Raum zusammen, der von der Saale und dem riesigen Bahnhofsgelände begrenzt wird, und der in seiner größten Ausdehnung nur etwa drei Kilometer breit ist.
In dies Gewirr von Hass, Unruhe, Verbitterung und wahnsinniger Hoffnung wird an einem Märztage des Jahres 1919 die Nachricht geschleudert, dass das Freiwillige Landesjägerkorps unter Führung des Generals Maerker
in einigen Stunden von Braunschweig aus heranrücken wird, um die Stadt zu besetzen. Ich höre dieses Gerücht an einem Nachmittag in der Stadt und fühle ein angenehm aufregendes Gruseln, denn ich weiß, das bedeutet Kampf und Blut. Und ich bin siebzehn Jahre alt und fühle nichts außer dieser nicht unangenehmen Erregung.
Aber ich frage mich doch, warum dieser Einmarsch notwendig ist. Wir haben einen Streik. Gut, aber den haben wir fast alle Tage. Der Latjer beherrscht die Straße. Aber das ist ja doch der Sinn der Revolution? Was heißt nun das: „Regierungstruppen"? Ich denke, „Regierung" und „Latjer" ist dasselbe? Ich verstehe nicht, was das Landesjägerkorps in Halle will, aber sein Führer ist ein General, der weiß, ob der eventuelle Erfolg dieser Besetzung den Einsatz lohnt. Und ich freue mich auf die Landesjäger.
Die Stadt ist nicht wieder zu kennen. Es regnet, aber die Straßen sind gedrängt voll. Jeder Torweg, jede Seitenstraße speit neue Menschenmengen aus. Und das drängt und presst sich in den Hauptstraßen zusammen, geht wie unter einem übermächtigen Zwang bald in diese, dann in jene Richtung. Bleibt stehen, drängt sich weiter.
Die Geschäftsleute schließen ihre Läden, der Verkehr ruht am frühen Nachmittag, und man hört nichts als das Schleifen und Stampfen der Schritte auf dem schwitzenden Pflaster. Und ein undeutliches, entsetzlich aufregendes Gemurmel. Hin und wieder steigt aus einer Ansammlung ein Fluch auf. Oder ein Schrei. Ich sehe drohend gereckte Fäuste, und das Herz klopft mir im Halse...
Durch diese unheimlich bewegten Straßen geht ein Herr. Hohe schwarze Lacklederstiefel, an denen Sporen klirren, ein feldgrauer Zivilrock, eine Reitpeitsche mit silbernem Griff in der Hand, das Einglas im Auge, und betrachtet interessiert die Menge.
„Um Gotteswillen!" Ich schreie es unwillkürlich laut, als ich diesen Wahnsinnigen bemerke, dessen Gesicht wie festgebügelt in den Falten verächtlicher Arroganz liegt.
Einer sieht ihn an, ein anderer, — und plötzlich stürzt sich eine Menschenmenge auf den Herrn mit der Reitpeitsche. Der stutzt einen Augenblick, zieht eine Pistole, ein Schuss knallt, und in langen Sätzen rast er die Straße hinunter auf die Anlagen am Saaleufer zu.
Ich sehe nicht, was aus ihm wird. Mir wird schwindlig. Ich höre aus der Ferne verworrenes Geschrei und gehe still und schnell nach Hause.
Es ist ein Oberstleutnant, den der General Maerker, offenbar in völliger Verkennung der Sachlage, in dieser Maskerade in die Stadt geschickt hat, um die „Stimmung zu sondieren". Man hat ihn auf der Saalebrücke eingeholt, wo er von zwei Kugeln getroffen niedergesunken ist. Man hat ihn in den Fluss geworfen und weiter nach ihm geschossen, bis er unterging.
Einige Monate später werden zwei Arbeiter wegen dieser Tat zum Tode verurteilt.
Die Landesjäger rücken ein. Man drängt sich um die Einziehenden. Johlen, gellendes Pfeifen, Steinwürfe und Schüsse.
Ein Proviantwagen hat sich verfahren. Plötzlich steht er mitten auf dem Marktplatz in einer tobenden Menge. Man stutzt einige Sekunden, — unter einem einzigen irrsinnigen Aufschrei schnellt die Menschenwoge über dem Wagen zusammen. Man schlägt die Bemannung tot wie räudige Hunde. Noch tagelang steht der zertrümmerte Wagen auf dem Markt. Einige große, dunkle Flecken auf dem Pflaster bleichen bald im Regen.
Blutgeruch umnebelt die Gehirne. Singende, johlende, pfeifende Menschen ziehen durch die Hauptgeschäftsstraße. Es sind Frauen darunter, denen sich der Zopf auf dem Kopf gelöst hat, und die mit fast rhythmischen, ekstatischen Sprüngen die Menge begleiten.
Plötzlich klirrt ein Fenster. Ein Delikatessengeschäft wird gestürmt. Schinken, Konserven, Wein- und Sektflaschen werden herausgereicht, ein wüstes Gebalge um die Trophäen beginnt. Mehl stäubt auf. Einige fallen, weil sie auf Speckseiten ausgeglitten sind, die im Rinnstein liegen. Man trinkt.
Der Laden ist leer. Zerbrochene Tische und Regale liegen in den Schaufenstern. Nebenan ein Hutladen. Es wird geplündert. Juwelengeschäfte, Restaurants, Teppichhandlungen. Haus bei Haus, Laden bei Laden. Die Glasscherben liegen zentimeterhoch auf dem Pflaster.
Dann schlagen aus einem Warenhaus Flammen hervor, Schüsse knallen irgendwo, und der Vernichtungsrausch dauert die ganze Nacht.
Die Landesjäger haben ihr Ziel erreicht: jeder weiß jetzt, dass ihr Erscheinen dringend nötig war, um das Chaos zu verhüten.
Ich kann in der Nacht nicht schlafen. Das scheppernde Gezänk der Maschinengewehre macht mich verrückt. Eine ungeheure, sinnlose Erregung überkommt mich. Ich schleiche mich heimlich aus dem Hause. Gehe an jungen Burschen vorbei, die das Gewehr an einem Bindfaden über der Schulter hängen haben.
Die Truppen haben sich in der Hauptpost verschanzt. Von dort kommt das Feuer, das von allen gegenüberliegenden Dächern erwidert wird. Ich unterscheide Pistolen- und Gewehrschüsse und den dumpfen Krach krepierender Handgranaten. Dann ein Donnerschlag, der die Straße zittern lässt: Aus der Hauptpost wird mit schweren Minen auf das Stadttheater geschossen, wo sich die Arbeiter festgesetzt haben.
Es sind viele Menschen auf den Straßen. Bürger wie ich. Sie drängen sich im trüben Licht der Straßenlaternen an den Ecken, halten die Ohren gierig in das Dunkel und lauschen auf den Lärm des Gefechts. Bewaffnete Arbeiter kommen an uns vorbei. Wir sind so viele, dass wir sie mit Leichtigkeit entwaffnen könnten, aber keine Hand rührt sich: der Bürger ist noch nicht erwacht.
In den frühen Morgenstunden gehe ich nach Hause, klettere über die Gartentür und bin mit einem Schwung in meinem Zimmer. Erschöpft, nicht von der Nachtwache sondern von dem Blutrausch der Stadt, schlafe ich bis in den hellen Morgen.
Es war wunderschön. Denn ich bin ein gebildeter Mensch und habe einen ästhetischen Genuss an der entfesselten Wildheit menschlicher Leidenschaften. Wie ich aufstehe, geht mir der Sophokles-Vers im Kopf herum: „Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch."
Die Straßen zeigen die lähmende Erschlaffung eines Neujahrsmorgens. Die wenigen Spaziergänger haben rote Augen und sind unrasiert. Alles ist ruhig, es fällt kein Schuss mehr. Abteilungen von Landesjägern ziehen demonstrierend durch die Straßen.
Die geplünderten Läden werden schon mit Brettern verschalt. Sie werden bald wieder aufgemacht werden.
An einen solchen Bretterverschlag kleben ein paar Soldaten ein buntes Plakat an: Ein idealisierter Kleinbürger mit achtundvierziger Schlapphut und edlen Zügen schleudert eine Handgranate gegen ein kriechendes rotes Untier, das sich über einen einstürzenden Häuserblock wälzt. Darunter steht mit grellroter Schrift: „Bürger erwache!" Und dann die Adresse eines neu gebildeten „Freikorps Halle" und einer Einwohnerwehr.

 

REVOLUTIONSSOLDATEN

Wie ich am nächsten Morgen zur Schule gehen will, treffe ich Döring. Er ist ganz aufgeregt: „Ich will nur noch zur Penne, um mich auf vier Wochen abzumelden. Ich gehe zum Freikorps."
Ich beneide ihn glühend: „Wirst du denn auch angenommen?" frage ich zweifelnd.
Döring lacht verächtlich: „Ein Kompanieführer ist ein Bundesbruder von mir aus dem Wandervogel. Willst du nicht auch mit?"
Ich werde ganz rot vor Erregung: „Meinst du, dass das geht?"
„Selbstverständlich, ich werde das schon machen."
In der Schule geht dann alles viel leichter, als wir es uns gedacht haben. Wir melden uns bei Professor Sorge. Er ist ein feiner Kerl, ein schwerfälliger Mensch, der zudem noch stark schwerhörig ist. Aber trotzdem machen wir in seinen Stunden keine Dummheiten, wir haben ihn gern, und er imponiert uns. Viel-
leicht deswegen, weil er im Feld Bataillonskommandeur war und den Hohenzollern hat, vielleicht auch nur deshalb, weil er jetzt schwer krank sein soll.
Er versteht nicht recht, was wir von ihm wollen. Dann starrt er eine Weile vor sich hin und sieht uns so merkwürdig an, dass uns etwas unbehaglich wird. Er zuckt seufzend die Achseln und wendet sich ab.
„Sprechen Sie mit dem Direktor!" brüllt er uns dann plötzlich an.
Der empfängt uns liebevoll, sieht uns mit seinem militärischsten Blick prüfend und ernst an, legt mir schwer die Hand auf die Schulter und kräht schneidig: „Machen Sie meiner Anstalt Ehre!"
Wir verbeugen uns höflich und gehen. Wir sind fünf Mann, die ins Freikorps eintreten wollen. Auch ein Jude ist dabei. Er hat rote Haare und schwarze Fingernägel und heißt Waldmann. Döring ist ganz erregt: „Das geht natürlich nicht. Juden können sie da nicht gebrauchen." Aber wir wissen nicht, wie wir Waldmann loswerden sollen.
Die Kompanie, bei der wir uns melden wollen, liegt draußen in einer Brotfabrik in der Nähe der Artilleriekaserne. Der Posten vorm Tor lässt uns passieren. Döring geht vor und kommt nach einer Weile wieder. „Leutnant Roth heißt er!" flüstert er wichtig. Und wir stehen bald darauf in einem kahlen Zimmer vor einem schlanken jungen Mann. Ein schmales energisches Gesicht. Er trägt keine Achselstücke.
Er wendet sich zuerst an Waldmann: „Sie wollen bei uns eintreten?"
Waldmann bejaht schüchtern.
„Sind Sie ausgebildet?"
Waldmann lächelt verlegen und wendet sich zu uns, aber wir können ihm auch nicht helfen. Also sagt Waldmann leise „Nein".
„Dann können wir Sie hier nicht brauchen," sagt Leutnant Roth kühl. „Da müssen Sie sich bei der Einwohnerwehr melden."
Waldmann dreht sich linkisch um und verschwindet. Wir anderen werden angenommen.
„Holen Sie sich Ihre Zahnbürsten von zu Hause und kommen Sie am Nachmittag wieder her."
Wir bekommen einen Ausweis, dass wir Angehörige des Freikorps Halle sind. Draußen auf der Straße schlagen wir uns gegenseitig auf die Schulter vor Freude und rennen den
langen Weg nach Hause, denn die Straßenbahnen fahren noch nicht wieder.
Zu Hause nimmt man meine Mitteilung mit gemischten Gefühlen auf. Mein Onkel, bei dem ich in Pension bin, fühlt sich eigentlich meinen Eltern gegenüber verantwortlich, aber er kann mich ja so gut verstehen. Er stellt mir sogar seine Reitstiefel zur Verfügung, die er im Felde als Divisionspfarrer getragen hat. Schon früh am Nachmittag bin ich wieder in der Fabrik.
Ich bekomme einen Stahlhelm, Uniform, Karabiner, Patronen, Handgranaten und ziehe mich langsam um. Ich weiß mit dem Karabiner nicht Bescheid und fingere verlegen am Schloss herum. Ein Kamerad beobachtet mich und zeigt mir gutmütig die nötigen Handgriffe. Zur Probe lade und sichere ich. Es gelingt mir auch, das Schloss auseinander zu nehmen, und ich fühle mich nun als kompletter Soldat. Von zehn bis zwölf soll ich sogar schon Posten stehen vorm Fabriktor.
Wir liegen auf Strohsäcken in einem Speicher über den Kontorräumen der Fabrik. Es ist furchtbar heiß, denn nebenan sind die Backöfen. Alles ist weiß von Mehlstaub, und überall stehen und liegen Waffen herum. Mein Strohsack liegt dicht neben einer Kiste mit Stielhandgranaten. Diese Nachbarschaft ist mir unheimlich, aber ich bezwinge meine Furcht, da ich sehe, wie sachlich und unbekümmert hier jeder mit den Waffen umgeht.
Mir gegenüber spielt ein junger Mensch in der Uniform eines Fähnrichs zur See mit einer riesigen Artilleriepistole. Er beugt seinen Kopf tief über die Waffe, die er anscheinend sehr interessant findet. Plötzlich geht der Schuss los. Die Kugel schlägt dicht heben der Handgranatenkiste in einen Mehlsack. Einige schimpfen, die meisten lachen. Ich bin blass vor Schreck geworden, schäme mich darüber und lache daher um so lauter mit.
Es ist ein ewiges Kommen und Gehen. Viele von den Leuten kenne ich von früher her, bevor sie eingezogen wurden oder als Fahnenjunker eingetreten sind. Es sind junge Kaufleute, Studenten, Schüler, die in einem Kriegsteilnehmerkursus das Abiturium erreichen wollen. Nur ganz vereinzelt ist ein älterer Mensch dazwischen. Meist ein ehemaliger aktiver Unteroffizier, der sich noch nicht an das bürgerliche Leben gewöhnen kann.
Offiziere werden in unserer Kompanie aus irgendwelchen Gründen nicht eingestellt. Die gehen alle zur ersten. Dort ist es, wie man Hinsagt, furchtbar fein. Die Leute nennen sich alle „Herr Kam'rad" und „Sie", und wer nicht mindestens das E. K. I hat, wird nicht für voll angesehen. Bei uns ist es viel gemütlicher.
Und schon aus den ersten Gesprächen erfahre ich zu meinem nicht geringen Stolz, dass unsere — die zweite — Kompanie sich als eine Herde entschlossener und verwegener Kämpen eines sehr guten Rufes erfreut.
Bei uns wird auch viel getrunken: zum Abendbrot bekommen wir außer einem halben Pfund Butter, das bis morgen reichen muss, und einem Pfund Wurstkonserven pro Mann einen viertel Liter Schnaps, der wie Feuer die Kehle hinunterläuft. Ich kann ihn nicht trinken und verschenke meinen Anteil.
Brot liegt überall herum. Aber wir essen nur ganz frisches, das wir uns immer direkt aus den Backstuben holen. Es wird nämlich sehr schnell hart in der Hitze unseres Speichers, und dann wirft man es fort. Auch Butter haben wir zuviel: mein Nebenmann schmiert aufmerksam sein Gewehrschloss damit.
Ich habe lange nicht so gut gegessen, denn zu Hause ist es immer noch knapp, und der gelbe amerikanische Speck ist ein seltener Leckerbissen.
Mit Webach zusammen, jenem jungen Menschen, der mir vorhin so liebenswürdig die Geheimnisse des Gewehrschlosses erklärt hat, beziehe ich den Posten vor dem Tor. Es ist totenstill auf der Straße. Nur dann und wann gellt in der Ferne ein Schuss. Weiße und grüne Leuchtraketen steigen und fallen. Die Straßen sind von acht Uhr an für Zivilpersonen gesperrt, und wir haben darauf zu achten, dass kein Unbefugter dieses Verbot überschreitet.
Es ist sehr langweilig, so sinnlos vor dem Tor zu stehen. Auch das beseligende Gefühl, eine richtige Uniform anzuhaben, kann darüber nicht weghelfen. Es sieht mich ja doch kein Mensch. Webach gähnt und legt sich im Torweg schlafen. Ich soll ihn wecken, wenn etwas passiert.
Ich fühle süß die Verantwortung für die Kameraden, die jetzt auf dem Speicher schlafen, und meine Hände krampfen sich um den Schaft des Karabiners.
Eine halbe Stunde vergeht, Abteilungen, die
zu irgendwelchen Unternehmungen in die Stadt marschieren, kommen vorbei. Ich beneide sie glühend. Sie dürfen etwas erleben, dürfen vielleicht sogar schießen! Aber ich gehöre doch zu ihnen, ich rufe ihnen mit möglichst tiefer Stimme „Viel Vergnügen" zu, wenn sie vorbeigehen, und mir wird freundlich geantwortet.
Die Zeit vergeht sehr langsam. Webach kann nicht schlafen, und wir unterhalten uns. Ich frage schüchtern nach dem Kompanieführer.
„Eine dolle Nummer," sagt Webach anerkennend, „er heißt eigentlich gar nicht Roth, sondern irgendwie anders. Studiert hier Jura. Aber er hat von Noske die Erlaubnis bekommen, sich Roth nennen zu dürfen, weil er damals Ferchland verhaftet hat."
Noske, — das ist für mich ein ferner Begriff, ein mächtiger Mann, der den Soldaten machen lässt, was er will, und wozu er gerade Lust hat. Noske ist ein feiner Kerl, wenn er auch nur einfacher Arbeiter gewesen ist. „Ein tüchtiger Mann," sagt Webach. Dann sprechen wir weiter über Roth.
Ich weiß nicht so genau Bescheid, aber ich hüte mich, etwas davon zu sagen. Ich weiß nur soviel, dass Ferchland in Halle Vorsitzender des
Arbeiter- und Soldatenrats gewesen ist, und in Webachs Erzählungen sieht er wie ein wahrer Satan aus. Das Tollste ist, dass er in der Uniform eines Felddivisionspfarrers nach Berlin gefahren ist, als man ihn hier verhaften wollte. Aber Roth hat ihn doch erkannt, und darum darf er sich jetzt Roth nennen. Mir ist das nicht recht klar, aber es muss wohl stimmen.
Während wir uns noch so unterhalten, geht plötzlich ein Höllenlärm los. Ich habe solch entsetzliches Krachen noch nie gehört. Ein Knattern und Prasseln, dass das Pflaster dröhnt. Es kommt aus der Richtung der Artilleriekaserne. Webach stürzt in den Torweg und schreit „Alarm!"
Nach wenigen Sekunden steht die Kompanie im Hof. Immer noch dieser wahnsinnige Lärm, der immer mehr anschwillt. Aus allen Richtungen krachen jetzt Schüsse. Die Kompanie rast im Laufschritt an uns vorbei. Wir hören die Nagelstiefel noch eine Weile klappern, dann sind unsere Leute im Dunkel verschwunden.
Plötzlich verstummt das Schießen und Krachen, aber irgendwo kommt immer wieder ein hastiges Gewehrfeuer auf. Webach und ich lauschen schweigend am Fabriktor. Es muss wohl ein Angriff auf die Kaserne gewesen sein.
Nach einer halben Stunde kommt die Kompanie zurück, und wir erfahren, was geschehen ist: morgen sollen zwanzig Unteroffiziere des Artillerieregiments, die seit der Revolution tatenlos in der Kaserne herumsitzen, entlassen werden. Sie haben eine große Abschiedsfeier veranstaltet, und als alle mehr oder weniger betrunken waren, fingen sie an, Dutzende von Handgranaten unter Gejohl und Gelächter auf den Kasernenhof zu werfen. Wir halten das für einen sehr guten Witz und freuen uns schon darauf, dass morgen oder übermorgen im Generalanzeiger etwas von einem wilden Handgranatenkampf in der Nähe der Artilleriekaserne zu lesen sein wird...
Ich kann in dieser ersten Nacht nicht schlafen. Fortwährend schnallen sich Leute die Koppel um, stoßen an polternd umfallende Karabiner und gehen fort. Andere kommen wieder. Die Zurückbleibenden lärmen und lachen. Einige sind auch betrunken. Es werden Zoten von so ekelhafter Gemeinheit gerissen, dass ich mir am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Und ich bin doch Mann und Soldat und kann etwas vertragen!
Die Betrunkenen fangen an zu singen. Das
Lied vom kleinen Schornsteinfeger, dessen Refrain johlend mitgesungen wird. Dann den kleinen Kesselflicker. Sie kommen mit den Strophen durcheinander, werden von schweinischen Zurufen unterbrochen, schimpfen, fangen wieder von vorne an...
Endlich sinke ich in einen unruhigen Halbschlummer, aus dem mich schon nach kurzer Zeit das stampfende Dröhnen der Knetmaschinen aufweckt, die nebenan in Gang gebracht werden.
Wir trinken Kaffee, und dann gibt es so eine Art Appell, zu dem viele verspätet oder überhaupt nicht antreten. Der Unteroffizier, der die Kompaniegeschäfte besorgt, liest langweilige Sachen vor, auf die niemand hört. Dann wird die Parole ausgegeben, die für den Tag und die kommende Nacht gelten soll. Der Unteroffizier liest geschäftsmäßig:
„Parole Noske — Antwort Scheißkerl!"
Die Kompanie wiehert vor Entzücken, und ich geniere mich, weil ich bisher eine Paroleausgabe für eine ernste und feierliche Sache gehalten habe.

 

„STRASSE FREI!"

Nach vierundzwanzig Stunden sind wir Pennäler akklimatisiert. Wir sind Revolutionssoldaten, die sich in nichts mehr von den anderen unterscheiden.
Da ist Scheele. Er ist fast ein Jahr älter als ich. Sein Vater ist Universitätsprofessor. Ich habe ihn immer mit einer gewissen Scheu betrachtet, denn er ist der eleganteste Mensch aus dem ganzen Gymnasium. Sein Benehmen ist stets von einer selbstverständlichen Vornehmheit gewesen, einer Sicherheit und Ruhe, die mir imponiert. Darum erschüttert es mich geradezu, zu sehen, wie Scheele, auf seinem Strohsack sitzend, schlürfend und schmatzend den Griessbrei löffelt, den es zu Mittag gibt. Zu allem Überfluss, rülpst er dröhnend, als er fertig ist, und gießt den Rest seines Napfes ins Klosett.
Ein anderer sitzt auf einem Mehlsack und bohrt sich in der Nase, dann spuckt er kräftig auf den Fußboden. Gestern hat er sich mir mit den Worten vorgestellt: „Von der Osten, — Kadett jewesen."
Ich habe mir nie etwas aus dem Kartenspielen gemacht, aber als mich ein älterer Kamerad — Ritter heißt er und ist Student — zum Skat auffordert, sitze ich den ganzen Nachmittag und spiele Skat. Wären nicht die Stunden am Tage, wo ich mit entschlossenem Gesicht und drei Handgranaten am Koppel vorm Tor Posten stehe, dann wäre mir die Soldatenspielerei schon langweilig geworden. So aber fühle ich die bewundernden und ängstlich-respektvollen Blicke der Vorübergehenden und genieße den Triumph, etwas zu sein. Schade nur, dass die Fabrik soweit außerhalb der Stadt liegt. In diese Vorstadtstraßen verirrt sich keiner meiner Bekannten, denen ich mich gern in meiner neuen Würde gezeigt hätte.
Dafür gibt es aber andere Genüsse. Gegenüber der Fabrik liegt ein riesiger Häuserblock mit Arbeiterwohnungen. Eins der grausigsten und lähmendsten Stadtbilder, die man sich denken kann. Es kommen viele Latjer vorbei, und es ist ein unerhörter Genuss, wenn man ihnen näselnd und ganz wie nebenbei zurufen kann: „Weitergehen! Nicht stehen bleiben!"
Sie sehen einen dann hasserfüllt von der Seite an; man fühlt, sie möchten sich widersetzen, aber ein zögernder Schritt auf sie zu, — und sie weichen zurück.
Diese Augenblicke entschädigen für manche Demütigungen, die man auf der Schule erfahren hat, und für die trostlose Langeweile, die sich oben auf unserem Mehlspeicher ausbreitet,
Noch schöner ist es, wenn man in geschlossener Truppe durch die Straßen geht. Man fühlt seine Beine gar nicht, man sieht starr durch die armen Menschen hindurch, die sich auf dem Bürgersteig drängen und krampfhaft ein unschuldiges Gesicht machen, wenn sie unsere Waffen sehen. Wir sind eben wer. Und wenn wir auch scheue und schwächliche Gymnasiasten sind, junge Kaufleute, die von einem schmierigen Chef angeschnauzt werden, arme Studenten, die oft hungern müssen, lächerliche Kleinbürger, die Desperado spielen, — die Uniform deckt alle unsere Schwächen zu, und der Nebenmann gibt einem das Gefühl von Grö­ße und unüberwindlicher Stärke.
In solchen Momenten wachse ich über mich hinaus, lege mein Gesicht in energische Falten und bin stolz und wunschlos glücklich.
Es ist nicht zu leugnen: es gibt wenig oder nichts für uns zu tun. Die revolutionären Energien des Proletariats haben sich mit jenen ersten Schüssen auf die Landesjäger, mit der sinnlosen Nacht der Zerstörung erschöpft. Wir sprechen nicht darüber, aber vor uns allen steht wie ein Gespenst die Aussicht, dass dies nun eines Tages vorbei sein wird, dass wir wieder als Primaner ins Gymnasium gehen und uns über Dr. Krügers Malicen ärgern müssen.
Deshalb suchen wir krampfhaft nach Gelegenheiten, bei denen wir uns selbst bestätigen können. Besonders am Abend wächst unsere Unternehmungslust. Dann wird z. B. ein Maschinengewehr auf dem Dach des Speichers eingeschossen. Der Lauf ist dorthin gerichtet, wo keine Häuser stehen sollen. Genau weiß man zwar nicht, ob es dort nicht doch Häuser gibt, aber das ist gleichgültig: auf alle Fälle hört es sich schauerlich an, wenn die engen Straßen das Dröhnen des M.G.s verhundertfacht wiedergeben.
Oder es werden Patrouillen gegangen. Zehn oder sechzehn Leute machen sich marschfertig, dem Rangeltesten wird das Kommando übertragen, und sie marschieren los. Irgendwohin
in die Stadt. Aufträge gibt es nicht zu erfüllen, und so lautet die Weisung meist nur dahin, sie sollten sehen, wo etwas los ist.
Wir marschieren durch öde Straßen, treffen auf Patrouillen von Landesjägern, mit denen wir uns etwas erzählen, gehen in eine Kneipe, deren Wirt wir aus dem Bett trommeln, und zechen. Oft enden diese Patrouillen auch im Schlamm, wie die Bordellstraße Halles heißt. Das ist zwar streng verboten, denn — so ist uns gesagt worden — dort wurde neulich ein Oberjäger des Korps Maerker mit durchschnittener Kehle auf der Straße gefunden. Aber gerade diese unheimliche Aussicht reizt zu einem Besuch.
Manchmal suchen wir auch nachts nach Waffen. Da kommt ein Posten angstbleich und empört auf den Speicher gestürmt und berichtet, auf ihn sei eben aus einem Fenster der Schmiedstraße geschossen worden. Alarm. Im grellen Schein einer elektrischen Bogenlampe tritt die Kompanie auf dem Fabrikhof an. Alles ist erregt und fiebert in der Hoffnung auf ein Nachtgefecht. Gewehrschlösser schnappen bedrohlich auf und zu. Dann geht es hinüber in den Häuserblock der Schmied- und Schlosserstraße.
Es ist erst elf Uhr, aber da die Straßen um acht Uhr gesperrt werden, ist nur noch in wenigen Fenstern Licht. Wir schreien trotzdem: „Straße frei! Fenster zu! Vom Fenster weg!" Und das Licht geht aus.
Der Mann, der vor mir geht, hebt plötzlich ohne ersichtlichen Grund sein Gewehr und schießt zu einem Haus hinauf.
Ein anderer schreit: „Da, da ist geschossen worden!" Und deutet auf ein geschlossenes Fenster im zweiten Stock. Er hat einen Feuerschein gesehen. Ich habe ihn auch bemerkt: die Funken hat die Kugel verursacht, die unser Kamerad da hinauffeuerte. Ich rufe es erregt den anderen zu, aber niemand hört auf mich. Das betreffende Haus wird umstellt, der Hausmeister wachgetrommelt.
„Aus Ihrem Haus ist eben geschossen worden!"
Der Alte, angstbleich, mit hängenden Hosen und schlappenden Filzpantoffeln, leuchtet uns die zwei Treppen hinauf. Wir gehen nicht leise, aber als wir oben angekommen sind, müssen wir doch erst lange an die Türen klopfen, ehe uns aufgemacht wird.
„Aufmachen! Regierungstruppen!"
In der einen Wohnung öffnet eine alte Frau,
die mit einem Schrei das Licht fallen lässt, wie sie uns erblickt. Sie ist allein in der Wohnung, ihr Mann ist tot. Wir glauben ihr, dass sie nicht geschossen hat. Ihr Kopf wackelt vor lauter Erregung hin und her.
Die andere Wohnungstür öffnet ein alter Arbeiter, gebückt, müde und schwach. Er leuchtet uns vorauf. Wir prallen vor einem entsetzlichen Stickgeruch zurück. In dem Zimmer nach der Straße zu schlafen acht Menschen, Frauen, Mädchen, ein paar Kinder und ein junger idiotischer Mann, dem der Speichel aus dem Mund läuft, und der höchst vergnügt lacht, wie er uns bemerkt. Einige Kinder beginnen zu weinen, die Frauen beruhigen sie und starren uns ängstlich an. Der Alte steht mit der Petroleumlampe in der Hand demütig neben uns.
„Hier schießt niemand," lächelt er müde.
Die dritte Wohnung wird von einem stämmigen jungen Mann geöffnet, der im Bewusstsein seiner Unschuld mit jovialer Freundlichkeit uns in seine Stube sehen lässt. Er öffnet sogar Schränke und Kommoden.
„Sie müssen sich irren, meine Herren!" sagt er weltmännisch.
Aber wir sind trotz unserer Misserfolge noch nicht überzeugt. Die anderen suchen weiter. Ich gehe die Treppen hinunter und gelange statt auf die Straße auf den Hof. Wie ich durch den Torweg hinausgehen will, stoße ich an eine Tür. Ein schwacher Schrei, und die Tür wird aufgerissen.
Ein phantastischer Anblick: der Raum ist fast kahl. In der einen Ecke ein unbestimmbares Lager, ein Tisch mit einer Karbidlampe, zwei Stühle, ein Herd.
Und mitten im Zimmer eine junge Frau. Ihre langen schwarzen Haare hängen offen über ihren Rücken herab. Ihre Augen weiten sich vor Entsetzen, wie sie meinen Helm und meinen Karabiner sieht. Sie hebt in einer fast irren Gebärde der Verzweiflung — so wie man sie manchmal auf primitiven Holzschnitten sieht — ihre Arme und stöhnt, stöhnt so entsetzlich, dass es mir heiß und kalt über den Rücken läuft. Dann springt sie mich an:
„Wo habt Ihr ihn? Wo habt Ihr ihn? Ihr Mörder!"
Ich pralle in einer unwillkürlichen Bewegung der Abwehr zurück.
Hinten im Zimmer fangen zwei Kinder an zu weinen: „Vater! Vater!"
Ich bin maßlos erschüttert. „Das kann doch nicht wahr sein!" — dieser bittende Gedanke ist alles, was mir zum Bewusstsein kommt. Aber es ist kein Traumbild; die Frau stürzt mit einem Aufschrei an das Bett zu ihren Kindern und weint sinnlose Liebkosungen.
Ich stehe mit leerem Kopf noch den Bruchteil einer Sekunde, dann ziehe ich die Tür langsam hinter mir zu und stürze auf die Straße.
Morgen werden wir hier wieder nach Waffen suchen. Aber ich gehe nicht mit. Während wir zur Kaserne zurückmarschieren, will ich Webach von der Frau erzählen. Aber ich bringe kein Wort über die Lippen. Ich merke, mein Bericht würde zu verworren und zu unwirklich klingen.
Und lange noch sehe ich die junge Frau, die in starrer, betender Verzweiflung die Arme hebt, da sie einen Mörder ihres Mannes zu erblicken glaubt...

 

PLÜNDERER

Bald kommt etwas Abwechslung in unser eintöniges Leben, denn wir beteiligen uns an der Suche nach Plünderungsgut, das den Geschädigten wieder zugestellt werden soll.
Die kleinbürgerliche Bosheit feiert Orgien: fast jeder dritte Einwohner der Stadt wird von einem guten Nachbarn durch eine anonyme Anzeige bei der Polizei denunziert, er habe sich an den Plünderungen beteiligt. Die Polizisten, brave und etwas ängstliche Leute trotz ihren Feldwebelschnurrbärten, finden nicht mehr durch. Vielleicht haben sie auch Angst vor Unannehmlichkeiten und übertragen uns darum diese Arbeit. Als nämlich die geplünderten Waren stapelweise auf den Straßen lagen, hat auch manch unbescholtener Bürger die Hand nach fremdem Eigentum ausgestreckt. Und man will doch schließlich einen sympathischen Mitbürger, vollberechtigtes Mitglied ehrenwerter Stammtische, nicht gern auf Jahre ins Gefängnis bringen. Darum wird also nun die Suche
nach Plünderungsgut unsere Hauptaufgabe, und wir freuen uns sehr darüber.
Denn nun steht unsere Daseinsberechtigung ganz außer Zweifel. Wir ziehen in Gruppen von sechs und acht Mann durch die Stadt, hochachtungsvoll und wohlwollend von der Menge der misera plebs bestaunt, und fühlen uns sehr wohl dabei.
Auch die Haussuchungen selbst empfinden wir als sehr angenehm: ernst und energisch wühlen wir in Kisten und Kommoden herum und wärmen uns an dem ängstlichen Blick der Hausbewohner. Meist finden wir allerdings nichts. Aber allmählich sammeln sich die beschlagnahmten Sachen in unserem Quartier doch an.
Das war natürlich so gedacht, dass wir das Plünderungsgut in einem besonderen Magazin und die „Plünderer" im Hauptpostgebäude abliefern, wo man große Keller hat freimachen müssen, um die Menge der Eingelieferten unterbringen au können. Aber es ist ja eine Anzahl von Delikatessenhandlungen ausgeraubt worden, eine Schokoladenfabrik und große Weinkellereien. Und da ist es doch ganz natürlich, dass wir unsere Provision für die wieder gefundenen Waren gleich einbehalten.
So essen wir z. B. neuerdings kein Brot mehr. Wir haben drei große Kisten mit Zwieback aufgestöbert, die wir für eigenen Gebrauch behalten. Butter und Wurst auf Zwieback gestrichen ist ein sehr gutes Essen. Auch Schnaps bekommen wir jetzt jeden Tag. Einige Zehnliterballons, die aus einer Brennerei stammen, haben wir nämlich bisher noch nicht abliefern können. Sekt bleibt für den Herrn Kompanieführer und besonders auserwählte Leute reserviert. Uns gelingt es nur dann und wann, ein paar Flaschen aus dem Geschäftszimmer zu stehlen. Schokolade, Zigaretten, — wir können es uns nicht besser wünschen.
Dazu kommt jeden Mittag ein großer Kessel voll Essen, das uns allmählich langweilt: Erbsen mit Speck, Griess, Klippfisch. Die Klosetts sind verstopft. Ein See von faulendem Essen steht zentimeterhoch in den Räumen. Wir gießen das Essen jetzt schon in einen Gully, dessen Deckel wir eigens zu diesem Zweck entfernt haben.
In der Stadt soll es zur selben Zeit wieder einen Krawall gegeben haben, weil ein Kaufmann Margarine, die er erhalten hatte, nicht sofort verkaufen wollte. In der Stadtverordnetenversammlung wird ein Antrag auf unentgeltliche Kinderspeisung aus Mangel an Mitteln und Vorräten abgelehnt...
Wir gehen auf Haussuchung. Vier Mann unter der Führung eines Unteroffiziers. Ein stiller Mensch mit einer Hornbrille, der im dritten Semester Theologie studiert, und der deshalb in der Kompanie weidlich aufgezogen wird. Er spricht wenig, und man weiß niemals so recht, was er eigentlich denkt. Korbmacher heißt er, und wir mögen ihn nicht.
In der Wohnung einer alten Frau, die hoch in den Siebzigern sein muss, kehren wir das Unterste zu oberst. Es riecht unerträglich nach Mottenpulver und Armut. Ein riesiger Haufe schmutziger Wäsche, der in einer Ecke des Zimmers liegt, wird mit dem Seitengewehr durchstochert. Wir finden nichts. Korbmacher drängt zum Aufbruch, aber da haben wir einen kleinen pfiffigen Kerl bei uns, der sich bei Haussuchungen immer sehr hervortut. Vöge findet immer etwas. Wie er das macht, ist uns ein Rätsel.
Der kommt plötzlich, als wir schon auf dem Korridor stehen, aus der Küche gelaufen und zeigt triumphierend ein Samttablett mit Brillantringen. Das alte Lied: die Greisin jammert, das Tablett habe auf der Straße gelegen, Menschen wären darüber hinweggetreten, und da habe sie es nur aufgehoben, wir sollten ihr doch um Gottes willen nichts tun, und ihr Mann wäre Oberjäger bei den Naumburger Jägern gewesen und habe den Krieg siebzig mitgemacht.
Korbmacher ist die Sache peinlich. Der kleine Vöge unterbricht das Gewimmer: „Das hilft jetzt alles nichts, kommen Sie man mit..."
„Half die Fresse!" brüllt ihn Korbmacher an. „Du hast hier überhaupt nichts zu sagen, verstehst du?"
Vöge sieht aus, als ob er dem Theologen an den Hals gehen will, aber etwas in dessen Miene muss ihn wohl zurückhalten, er murmelt Unverständliches und verzieht sich in das Treppenhaus.
Korbmacher fingert nervös an seinem Koppel, sieht mich zögernd an, geht noch einmal ins Zimmer zurück und kommt dann gestrafft und entschlossen wieder auf den Korridor.
„Machen Sie doch nicht solche Dummheiten," sagt er leise und mit niedergeschlagenen Augen. „Das ist doch Diebstahl."
Dann dreht er sich um, und wir gehen die Treppen hinunter. Die alte Frau schreit schluchzend Dankesworte hinter uns her.
Korbmacher imponiert mir. Das Tablett mit den Ringen hat er in Packpapier eingeschlagen und trägt es unter dem Arm. Unten stehen Vöge und Schmidt. Wir gehen weiter in eine Nachbarstraße, um dort eine andere Haussuchung vorzunehmen. Vöge brummt mir unterwegs zu: „Schlapper Hund, der Korbmacher. Blöder Pfaffe! Das ist doch kein Soldat."
Ich schweige. Was soll ich auch sagen? Ich bin allerdings der Ansicht, Korbmacher hat sich anständig benommen. Aber man muss ja wohl Soldat sein. Das ist im Augenblick sicher wichtiger. Ich weiß nicht, ob Vöge recht hat, und ich wage nicht, darüber nachzudenken, weil ich Angst vor dem Resultat meiner Überlegungen habe.
Außerdem habe ich auch keine Zeit dazu, denn wir stehen vor dem Hause, in dem wir bei dem Schneider Wiemann „haussuchen" sollen. Unten vor der Tür bleibt Korbmacher stehen. Er reicht Vöge die Ringe hin und sagt: „Geh doch bitte zum Magazin und liefere da die Ringe ab. Es ist schon spät, und ich möchte die Dinger gerne heute noch loswerden. Nimm dir den Schmidt mit, damit dir unterwegs nichts passiert."
Vöge nimmt das Tablett. Es ist ein kleines Vermögen, das er in der Hand hält. Er hat einen unsicheren Blick. Am liebsten möchte er vielleicht Korbmacher die Ringe zurückgeben, sie sind ihm unheimlich. Schmidt sieht mit gespielter Gleichgültigkeit die Straße hinunter.
„Also schön!" sagte Vöge abschließend und geht mit Schmidt davon. Korbmacher und ich steigen die Treppe hinauf.
Die beiden anderen kommen erst spät in der Nacht auf den Speicher zurück...
Wir finden bei dem Schneider Wiemann nach langem Suchen einen großen, schweren Teppich, über dessen Erwerb er keine glaubwürdigen Angaben machen kann. Korbmacher führt das Verhör mit kalter Überlegenheit.
Der Schneider ist ein kleiner, ärmlicher Mann, der uns ängstlich betrachtet. Er muss gewarnt worden sein, denn er hat den Teppich unter die Matratze des einzigen Bettes versteckt, das in der Stube ist. Seine Frau sitzt in der Küche am Tisch und weint. Wir verhaften den Schnei
der, und er gibt sein Portemonnaie seiner Frau, die es achtlos auf den Tisch wirft. Dann legt er sich den Teppich auf die Schulter, und wir gehen zum Magazin in der Moritzburg.
Der Schneider stöhnt. Er ist ein schwächlicher Mensch, der viel hustet, und der Weg ist weit. Wir machen unterwegs öfter halt, denn der Teppich ist schwer.
Endlich kommen wir am Magazin an; es ist geschlossen. Wir müssen also den Schneider zur Hauptpost bringen. Rechts und links von uns beiden flankiert, die wir mit unbewegter Miene geradeaus sehen, wankt der Schneider hustend und schwitzend unter seiner Last dahin. Ich streife ihn einmal mit einem Seitenblick und wende mich gleich wieder erschreckt ab. Denn ich habe gesehen: über sein kümmerliches kleines Gesicht laufen die hellen Tränen. Dieser Weg zur Hauptpost, der für den Schneider vielleicht auf Jahre hinaus der letzte Gang durch die Stadt sein wird, reißt an meinen Nerven.
Aber ich bin doch Soldat, und die Plünderung war eine unglaubliche Schweinerei, und man muss es den Latjern zeigen, dass so etwas nicht sein darf, und der Schneider weint vielleicht nur, um unser Mitleid zu erregen, und man darf nicht schlapp sein...
Wir sind in der Hauptpost. Ein Wachtmeister läuft aufgeregt in einem Zimmer auf und ab.
„Herrgott, wo sollen wir denn mit dem Mann hin? Bei uns liegen die Leute schon übereinander, heute allein sind dreiundachtzig Plünderer eingeliefert worden. Bei uns ist Schluss, wir haben keinen Platz mehr. Nehmt den Mann mit zu euch, dann könnt ihr ihn morgen direkt im Gefängnis abliefern."
Unsere Fabrik liegt sehr weit draußen. Wir müssen wohl eine Stunde laufen. Korbmacher schweigt. Ich helfe dem Schneider den Teppich wieder auf die Schulter nehmen, und wir machen uns auf den Weg zu unserm Quartier.
Der Schneider bleibt plötzlich unter einem neuen Hustenanfall stehen. Er schwankt und flüstert: „Ich kann nicht mehr."
Wir stehen gerade an einem kleinen Grünplatz. Kein Mensch ist mehr auf der Straße. Der Schneider weint hilflos wie ein Kind vor sich hin. Ich kann auch nicht mehr.
„Korbmacher," sage ich leise und bittend.
Der schweigt und sieht starr vor sich hin.
Dann schreit er plötzlich den Häftling an: „Machen Sie, dass Sie wegkommen, Sie Scheißkerl!"
Der Schneider versteht nicht. „Und der Teppich?" fragt er schüchtern.
„Das geht Sie einen Dreck an! Machen Sie, dass Sie wegkommen, verstehen Sie mich?"
Der Schneider verschwindet mit einem hastigen Satz in der Dunkelheit. Der Teppich liegt zwischen Korbmacher und mir auf der Erde. Wir schweigen. Ich wage nicht, meinen Kameraden anzusehen. Die Situation wird peinlich. Endlich sagt Korbmacher verlegen: „Kommen Sie, den Teppich kann von mir aus finden, wer Lust hat. Ich bin kein Polizeihund, ich mache diesen Mist nicht mit."
Sonst sagen wir in der Kompanie „Du" zueinander, und ich kann mir nicht erklären, warum ich mich über Korbmachers „Sie" freue. Ich werfe noch einen flüchtigen Blick auf den Teppich, der halb über einer Raseneinfassung hängt; morgen wird ihn irgend jemand finden. Aber der kleine Schneider mit der Schwindsucht braucht wenigstens nicht ins Gefängnis. Ich habe die Empfindung, als hätte ich eine gute Tat getan, aber ganz wohl ist mir doch nicht zumute. Korbmacher schweigt immer noch.
„Sie sind Pennäler?" fragt er mich endlich freundlich.
Ich bejahe und überhöre den herabsetzenden Ausdruck.
„Wie sind Sie denn eigentlich auf den Gedanken gekommen, ins Freikorps einzutreten?" forscht Korbmacher weiter.
Ich schweige verwirrt. Kann ich denn auf diese einfache Frage keine Antwort finden? Soll ich wirklich sagen: „Ich weiß es nicht?" Soll ich vielleicht diesem ruhigen und reifen Menschen etwas von Vaterland und Ruhe und Ordnung erzählen?
Ich weiß ja noch nicht, dass ich ein Bürger bin und nach dunklen Gesetzen handle, die ihren Ursprung nicht in klaren Überlegungen, sondern in Bindungen und Verkettungen haben, in die ich seit Generationen verstrickt bin. Und so bleibt mir nichts, als verlegen mit den Achseln zu zucken.
„Hab' ich mir gedacht," knurrt Korbmacher. „Aber ich mach' es ja schließlich auch nicht anders, wenn ich als einigermaßen anständiger Mensch mich zwischen diesen Banditen bewege,
die sich Soldaten nennen. Es ist zum Kotzen!" flucht er grimmig.
Dann schweigen wir wieder eine Zeitlang. Es scheint, als wäre ich für den Theologen überhaupt nicht vorhanden, als spräche er mit sich selbst: „Ich denke, man kommt unter entschlossene Leute, die wissen, um was es geht, und die wissen, was sie wollen. Und ich komme unter eine Horde von Strolchen, die nichts als saufen und fressen und huren wollen, und die sich noch einen Spaß daraus machen, die armen Teufel von der Straße zu quälen und zu schinden."
Ich verstehe Korbmacher nicht, aber ich wage nicht, seinen Gedankengang zu unterbrechen.
„Sehen Sie, die Revolution ist eine Schande und ein Unglück, aber um sie wirksam zu bekämpfen, muss man reine Hände und — entschuldigen Sie schon den harten Ausdruck — reine Herzen haben. Und ich sehe unter unseren so genannten Kameraden nur Dummheit und Gemeinheit. Wenn das die Leute sind, von denen Deutschlands Wiedergeburt ausgehen soll, dann will ich nie wieder einen Stahlhelm aufsetzen und nie wieder Soldat sein."
Und dann entrollt er vor mir in leidenschaftlichem Ausbruch ein Bild von des kommenden Reiches Größe, von einer Volksgemeinschaft todbereiter, reiner Männer, die aufgebaut ist auf Gleichheit und Freiheit aller ihrer Glieder: ein Gottesstaat der germanischen Rasse von großartiger Zeitferne.
Ich höre schweigend zu. Mir ist diese Rede peinlich. Ich weiß nicht, ob Korbmacher recht oder unrecht hat, aber irgend etwas in seinen Worten klingt ungehörig. Ich wittere in ihm einen Menschen, der sich nicht mit der Wiederherstellung der früheren Zustände begnügen will, sondern der aus dem Chaos ein neues, fremdes und feindliches Leben erwecken möchte. Manche seiner Forderungen klingen geradezu nach Sozialismus. Ich ziehe mich vorsichtig zurück.
Dass er den Schneider und die alte Frau hat laufen lassen, das hat mir imponiert, aber dass er von unseren Kameraden, diesen wilden, trunkfesten, großmäuligen und prächtigen Burschen so schlecht spricht, das gefällt mir nicht. Und ich beschließe: Korbmacher ist einfach komisch; er weiß nicht, was er will. Und bei diesem abschließenden Urteil bleibt es, solange ich Korbmacher kenne.
Wie wir in unsere Fabrik zurückkommen, findet gerade der Abendappell statt. Vor der Front steht ein junger Mensch in Zivil. Ich höre flüchtig, dass er Kampf heißt und unsern Kompanieführer wegen irgendeiner vaterländischen Tat bei der Kriminalpolizei angezeigt hat. Er soll Student sein, und einige Leute unserer Kompanie, die von jener Anzeige wissen, haben ihn auf der Straße verhaftet. Man sagt mir, er soll vernommen werden.
Leutnant Roth blättert in seinem Notizbuch und tut, als wolle er den Appell gerade beginnen. Da wird er von draußen abgerufen. Ein Leutnant Keller möchte ihn sprechen. Roth verlässt den Raum.
In diesem Augenblick gehen ein paar Mann aus der Front heraus, packen Kampf bei den Armen, werfen ihn über einen Mehlsack und beginnen mit zwei Stöcken auf ihn einzuschlagen. Das alles ist das Werk weniger Sekunden.
Kampf schreit entsetzlich. Die meisten von uns johlen und lachen. Dann singen sie, um das grässliche Gebrüll des Geschlagenen zu übertönen.
Mir wird schlecht. Mir ist, als müsste ich mich übergeben. Ich sehe undeutlich, wie ein paar
Leute Korbmacher zurückhalten, der auf sie einschimpft und mit Händen und Füßen gegen sie angeht. Seine erregten Worte gehen unter in dem johlenden Gesang:
„Argonnerwald um Mitternacht, ein Pionier stand auf der Wacht, ein Sternlein hoch am Himmel stand, bringt ihm einen Gruß vom fernen Heimatland."
Ich möchte Korbmacher beistehen, der augenscheinlich dieser wüsten Szene ein Ende machen will. Aber ich bleibe doch auf meinem Platz. Trägheit des Herzens...
Endlich lässt man von Kampf ab. Er bleibt regungslos auf seinem Mehlsack liegen. Dann kollert er seitlich herab. Korbmacher kniet neben ihm und bettet ihn auf einen Strohsack. Die Kompanie betrachtet ihn mit hasserfüllten Blicken.
Leutnant Roth kommt zurück. Ein kaltes Lächeln spielt um seine dünnen Lippen: „Antreten zum Appell!"
Kampf liegt die ganze Nacht wie ein sterbendes Tier auf dem Strohsack. Am nächsten Morgen ist er nicht mehr da...

 

„AUFOPFERUNGSVOLLE TÄTIGKEIT"

Das Leben in der Stadt geht seinen alten Gang. In allen Betrieben wird wieder gearbeitet. Man hat sich an die Anwesenheit der Landesjäger und an die Existenz des Freikorps gewöhnt.
Nachts sind die Straßen aber noch für das Publikum gesperrt, und fast in jeder Nacht fallen Schüsse. In den bürgerlichen Blättern kann man lesen, dass die aufopferungsvolle Tätigkeit unserer braven Truppen immer noch nicht den gewünschten Erfolg gehabt habe. Immer noch gäbe es Nester eines versteckten Widerstandes, immer noch würde von dunklen Elementen auf die tapferen Soldaten geschossen.
Die „Nachrichten" stellen fest, dass es „ordentliche Arbeiter" gibt, die mit diesen dunklen Elementen nichts zu tun haben. Das sei Mob und Lumpenproletariat. Ein anständiger Arbeiter rücke weit von diesen Radaubrüdern ab.
Wir wissen, wie es um die Existenz dieser Radaubrüder steht. Aber wir haben kein Interesse daran, die Bürgerschaft aufzuklären, sonst wäre unser Nimbus schnell dahin. Wir wollen nicht einmal vor uns selbst zugeben, dass unsere Aufgabe eigentlich erledigt ist. Denn wir fürchten uns davor, wieder in die absolute Bedeutungslosigkeit von Pennälern, Studenten und kaufmännischen Angestellten zurückzusinken.
Siegmann ist sogar bloß Friseur, — und heute geht er stolz in der Uniform eines Husarenunteroffiziers herum.
Die Suche nach Plünderungsgut verläuft bald im Sande. Man liest jetzt öfters von einem Tumultschädengesetz, das die Kommunen für die erlittenen Schäden haftbar macht. Wir hören, dass die Geschädigten bei diesem Gesetz viel Geld verdienen können, und es hat infolgedessen niemand mehr ein rechtes Interesse an der Herbeischaffung der geraubten Waren.
Jetzt bemühen wir uns gar nicht mehr, unsere Unterschlagungen von Spirituosen und Lebensmitteln zu verheimlichen. Wenn wir an einem Nachmittag etwa zu Hause einen Besuch machen und von unserem Schlemmerleben erzählen, dann lachen unsere Verwandten darüber und finden es vernünftig von uns, dass wir uns für unsere aufopferungsvolle Tätigkeit schadlos halten.
Zu derselben Zeit richtet das Amtsgericht eine Sonderabteilung ein, die sich ausschließlich der Aburteilung von Plünderern widmet. Die Zeitungen melden Gefängnisstrafen von einem bis zu vier Jahren, und zwanzig solcher Urteile an einem einzigen Sitzungstag sind keine Seltenheit.
Da es nun mit den Haussuchungen nichts mehr ist, haben wir ein anderes Betätigungsfeld gefunden: wir suchen nach Waffen.
Die bedauerlichen Ausschreitungen, die den Einmarsch der Landesjäger begleiteten, haben nämlich bewiesen, dass es in der Arbeiterschaft noch Unmengen von Waffen geben muss. Es tauchen Gerüchte von riesigen Waffenlagern auf, die da und dort in der Umgebung der Stadt liegen sollen.
Tag und Nacht sind wir unterwegs. Einmal heißt es, dass Hunderte von Gewehren und Maschinengewehren auf den Schiessständen der ehemaligen Garnison vergraben sind. Wir suchen einen ganzen Tag danach und finden nichts. Wir bleiben sogar die Nacht über draußen, weil wir damit rechnen, die Latjer würden auf die Nachricht von unserer Waffensuche in der Nacht kommen und die Lager umpacken wollen. Aber sie kommen nicht, obwohl wir die ganze Nacht mit Schussfertigen Karabinern in die Dunkelheit hineinlauschen.
Dann gehen wir wieder unter der Führung eines mysteriösen Marinefeldwebels in die Dölauer Heide. Der Feldwebel weiß, wo die versteckten Waffen lagern. Wir laufen einen ganzen Vormittag in den Kiefernschonungen herum und finden nicht das Geringste.
Eines Abends aber wird es ernst. Leutnant Roth macht beim Abendappell sein offiziellstes Gesicht und teilt mit, dass es endlich gelungen sei, die Waffenlager der Spartakisten zu entdecken. Die Waffen — es soll die Ausrüstung etwa eines kriegsstarken Infanterieregiments sein — seien sämtlich im Dorf Dölau versteckt.
„Ich habe — wie ich weiß: mit Eurem Einverständnis — darum gebeten, dass die zweite Kompanie diese Waffenlager ausheben darf. Die Sache ist natürlich nicht ganz ungefährlich, und es wird dabei sicher noch einmal zu Kämpfen kommen. Auf alle Fälle gebe ich den strikten Befehl: Jeder Mensch, der morgen mit der Waffe in der Hand angetroffen wird, ist ohne Gnade sofort und unbedingt umzulegen!"
Roth schnarrt vor Schneidigkeit, und wir erschauern unter der Feierlichkeit dieses Augenblicks und versprechen, unser Bestes zu tun.
Am nächsten Morgen marschieren wir zum Dorf Dölau und umstellen es. Dann durchwühlen wir Scheunen, Ställe und Heuschober mit den Bajonetten, stochern in Kartoffelmieten herum, durchsuchen Gärten, — aber nach vierstündiger Arbeit ist immer noch nichts weiter gefunden worden als ein verrostetes französisches Infanterieseitengewehr und eine ausgeblasene Eierhandgranate, die sich ein Arbeiter als Andenken aus dem Krieg mitgebracht hat.
Es wird langweilig. Nur um überhaupt etwas zu tun, klettert einer von uns auf das Dach des Gemeindehauses, von dem eine rote Fahne flattert. Sie wird unter Gejohl in lauter kleine Fetzen zerrissen. Wir raufen uns um die Stücke und protzen noch lange mit der roten Fahne, die wir vom Dach des Dölauer Rathauses heruntergeholt haben.
Gegen Mittag treten wir dann einen blamablen Rückzug an. Die Dölauer betrachten unsern Abmarsch schweigend. Wir können nichts machen gegen diesen stummen Hohn und ärgern uns sehr darüber.
Auf unserm Rückweg — nur noch einige hundert Meter von unsrer Fabrik entfernt — stoßen wir plötzlich auf eine Menschenansammlung. Wir glauben, in ihrer Mitte einen Stahlhelm zu sehen, und eilen im Laufschritt auf die Menge zu, die sich bei unserem Herannahen teilt.
Auf dem Pflaster liegt ein Angehöriger unserer Kompanie. Vor ihm steht ein anderer, Schiebel mit Namen, und fuchtelt aufgeregt mit einer Handgranate in der Luft herum. Er unterbricht sein wütendes Schimpfen, wie er uns sieht, und torkelt johlend vor Freude auf uns zu.
Er ist, ebenso wie der Matrose Sonnemann, der sich auf dem Pflaster wälzt, total betrunken. Wir stellen Sonnemann auf die Beine und nehmen die beiden, die unausgesetzt singen und lärmen, unter die Arme.
Aus der Menge steigt Gelächter auf, das aber im Keim erstickt, als Roth drohend die Faust hebt.
Vor dem Tor steht kein Posten. Oben auf dem Speicher herrscht ein wüstes Durcheinander: überall liegen Gewehre und Karabiner herum, die Tür zum Geschäftszimmer ist zu Splittern zerschlagen, Mehlsäcke sind umgeworfen, die Strohsäcke mit Mehl bestäubt, und mitten in diesem Chaos liegen die zehn Mann, die als Wache zurückgelassen worden sind, grölend, manche wie tot schlafend, andere leise vor sich hin stöhnend. Einige haben sich auf Tische und Strohsäcke erbrochen.
Der Wachthabende ist nüchtern. Er ist ein Fahnenjunkerunteroffizier, der fast weinend vor Erregung erzählt, dass die Wache über eine Kiste Weinflaschen und über einen Ballon Schnaps geraten sei, die noch von den Haussuchungen her bei uns stehen. Er hat die Leute nicht zurückhalten können, sie haben geschossen, Fensterscheiben eingeschlagen, ihn bedroht, und schließlich sind Schiebel und Sonnemann schwer bewaffnet in die Stadt spazieren gegangen.
Wir packen die Betrunkenen in einer Ecke auf die Strohsäcke und machen notdürftig Ordnung. Schiebel will immer noch nicht Ruhe geben. Er ist wie wahnsinnig und fängt mit jedermann Streit an.
Wir treten auf dem Speicher noch einmal an, und Roth verkündet mit schneidiger Stimme: „Der Musketier Schiebel ist aus der Kompanie ausgestoßen!"
Schiebel torkelt dabei vor der Front herum. Er ist Jurist wie Roth und kennt ihn schon von früher.
„Ausgestoßen, ausgestoßen!" äfft er dem Kompanieführer nach.
„Pust' dich man nicht so auf, du Arschloch!"
Schiebel fällt schließlich auch auf einen Strohsack. Am nächsten Morgen ist seine Ausstoßung vergessen. Er tut, als wäre nichts gewesen.
An diesem Abend fragt Roth wie beiläufig: „Wer meldet sich freiwillig, um eine Verhaftung ohne Haftbefehl vorzunehmen?"
Ich habe nicht genau verstanden, worum es sich handelt, aber ich trete trotzdem mit der Mehrzahl der Kompanie vor. Roth sucht sich fünf Leute aus. Ich bin nicht darunter und vergesse den Vorfall bald.
Denn ich soll nachher mit Ritter auf eine „Unternehmung" gehen. Das ist eine große Ehre für mich, und ich freue mich sehr dar-
über. Ritter ist ein schlanker Mensch mit einem kühnen und schönen Gesicht, den ich aus der Ferne heimlich bewundere und verehre. Er studiert Jura und zeichnet sich in der Kompanie dadurch aus, dass ihm das Schießen Spaß macht. Ritter schießt bei den unmöglichsten Gelegenheiten, und wenn seine Schüsse große Aufregung hervorrufen, dann freut er sich wie ein Kind. Alle haben ihn gern.
Wenn Ritter auf Patrouille geht, dann passiert immer etwas, und wenn es auch nichts weiter ist, als dass die Patrouille im Puff endet.
An diesem Abend liegt eine ganz eigenartige Stimmung über dem Appell. Roth geht frühzeitig fort. Ein Unteroffizier verliest eine Mitteilung, dass der General Maerker morgen eine Ansprache an das versammelte Freikorps halten will. Morgen soll auch endlich die Straßensperre aufgehoben werden.
Hier und da stehen zwei Leute zusammen und unterhalten sich flüsternd. Trete ich hinzu, schweigen sie oder reden von gleichgültigen Dingen. Es liegt etwas in der Luft. Eine Stimmung wie vor einem schweren Gewitter.
Um neun Uhr brechen wir auf. Ritter, der „ausgestoßene" Schiebel, der inzwischen wieder nüchtern geworden ist, Schmidt und ich. Auf der Straße eine kurze Beratung, wohin wir eigentlich gehen wollen. Wir marschieren schließlich zum Marktplatz. Als wir gerade auf den Platz einbiegen, fallen Schüsse.
Wir sehen im Schein einer Straßenlaterne einige Landesjäger, die eng an die Mauer eines Hauses gepresst zu dem gegenüberliegenden Haus hinaufschießen. Wir laufen zu ihnen und fragen nach der Ursache der Schüsse. Die Landesjäger wollen vom Dach dieses Hauses beschossen worden sein. Getroffen ist keiner.
Wir stürmen die Treppen des Hauses hinauf. Die Hausbewohner kommen bei dem Lärm ängstlich aus ihren Wohnungen heraus. Es sind alles feine Leute. Auch ein Professor meiner Schule wohnt hier.
Aus dem höchsten Flurfenster spähen wir auf die Dächer hinaus. Es ist natürlich nichts zu sehen. Schmidt hat ein Fernglas.
„Da drüben bewegt sich etwas!" ruft er plötzlich.
Wir sehen zwar auch ohne Glas ganz deutlich, dass sich dort drüben der Windschutz eines Schornsteins im Wind dreht Aber Ritter macht
nun einmal das Schießen Spaß. Trotz des ängstlichen Protests der Hausbewohner, die einen ernsthaften Kampf mit Dachschützen befürchten, legen wir auf Ritters Kommando an und schießen zu dem Schornstein hinüber.
Fensterscheiben klirren. Einige von uns müssen wohl etwas zu tief gehalten haben...
Da sich auf unsere Schüsse hin drüben nichts regt, und nachdem wir mit den Landesjägern die Sache ausreichend besprochen haben, steigen wir wieder die Treppen hinunter. Was nun?
Die paar Schüsse haben unsere Nerven erregt, und Ritter will jetzt in den Puff.
Als wir gerade in die Straße „Schlamm" einbiegen, wendet sich Ritter gutmütig lächelnd zu mir: „Na Kleiner, du hast doch auch Lust, mitzugehen?" Ich lache laut und gequält und lärme: „Aber selbstverständlich!" Denn ich darf doch nicht sagen, dass ich noch nie bei einer Frau war!
Die Straße „Schlamm" liegt leer. Vor den meisten Häusern brennen nicht einmal die roten Lampen. Es hat ja doch keinen Zweck. Die Mädchen haben jetzt schlechte Zeit, denn nach acht Uhr kommen keine Besucher mehr.
Höchstens einmal ein paar Soldaten. Oder ein Polizist, aber der findet seinen Weg auch so.
Unsere Nagelstiefel klappern auf dein Pflaster, da öffnen sich ein paar Fenster:
„Hallo, ihr kleinen Noske, hierher!"
Schmidt winkt ab: „Das ist die dicke Frieda aus Eisleben, bloß da nicht hin!"
Wir betreten dann ein anderes Haus. Ein niedriger, kleiner Raum, verqualmt, verschmutzt und vom Geruch billigen Parfüms durchweht. Auf einem Sessel in der Mitte des Zimmers sitzt ein alter Mann und schläft. Sein Mund steht halboffen und lässt ein paar schwarzgelbe Zahnstummel sehen. Er schläft noch, wie wir später das Haus wieder verlassen.
In einer Ecke flegelt sich auf einem Stuhl ein junger bleicher Mensch, der bei unserm lärmenden Eintritt mürrisch den Kopf hebt. Vier Flauen begrüßen uns mit lautem Hallo.
Wir stellen unsere Karabiner in die Ecken, setzen uns und bestellen Wein. Unter Zoten und Gelächter werden meine drei Kameraden mit den Frauen handelseinig.
Ritter weist ungeniert auf den jungen Mann in der Ecke.
„Ist das euer Louis?" fragt er harmlos.
„Das ist mein Freund," berichtigt eins der Mädchen hastig.
Der junge Mensch erhebt sich und geht einen Fluch murmelnd aus dem Zimmer. Ritter lacht herzlich. Er bindet sein Koppel ab und hängt es an den Garderobenständer. Die Handgranaten klappern baumelnd an das Eisen des Hakens.
Als die drei mit ihren Frauen gerade das Zimmer verlassen wollen, zieht Ritter mich in eine Ecke.
„Hör' mal," flüstert er leise, „willst du auch mit einer von den Säuen schlafen gehen?"
Ich werde rot vor Verlegenheit. Was muss ich jetzt tun, um mich vor Ritter nicht zu blamieren?
„Nicht so gern," sage ich verlegen und fürchte, nun sein spöttisches Gelächter hören zu müssen.
Aber zu meiner großen Erleichterung sagt er freundlich: „Das ist ja fein! Weißt du, ich traue dem Louis nicht. Bleib du doch hier unten im Hausflur stehen, bis wir oben fertig sind. Und bei dem geringsten verdächtigen Geräusch kommst du rauf und knallst dazwischen, verstanden?"
Dann stehe ich allein im Flur. Ich glühe vor Begeisterung. Von oben her tönt das Lachen und Kichern der Mädchen, Witzworte und Stöhnen.
Ich wünsche, der Zuhälter möchte jetzt kommen, damit ich eine Heldentat vollbringen kann. Ich will schießen, will irgend etwas Unerhörtes tun, was dieser unglaublichen, dieser fabelhaften Situation angemessen ist. Dem einen Mädchen, das noch im Zimmer ist, ins Gesicht schlagen, aus dem Fenster schießen oder etwas Ähnliches.
Diese Situation! Ich stehe in dem dunklen Hausflur eines Puffs, und der Tod kann hinter jeder Türe lauern. Huren sind um mich herum, ich habe Wein getrunken, und nun stehe ich hier mit dem Karabiner im Arm und bewache meine Kameraden.
Antikisches Heldentum glänzt mir über dieser Szene, blühende Romantik des Landsknechtlebens, ferner Schimmer wilder und heroischer Zeiten!
Ich bin siebzehn Jahre vier Monate alt und bewache den Beischlaf meiner Kameraden. „Zwischen Lipp und Kelchesrand," — diese Stunde kann meinen Tod bedeuten. Vor ein Paar Tagen hat man hier einem Landesjäger
die Kehle durchgeschnitten. Vielleicht ist es in diesem Hause geschehen. Vielleicht hat es der bleiche Zuhälter getan.
Ich bin ganz erfüllt von dem beseligenden Gefühl der Kameradschaft. Volker hält Wacht! Nibelungentreue! Blutsbrüder! Todgenossen!
Nach einer Weile kommen die drei die Treppe herunter. Müde und mürrisch. Sie zahlen. Die Mädchen sagen artig adieu.
„Danke schön!" nickt mir Ritter zu.
„O bitte," sage ich höflich und abwehrend.
Dann stehen wir auf der Straße.
„Saukalt!" schimpft Schmidt und gähnt. Und nun wollen wir nach Hause gehen. Unsere Tätigkeit ist für heute zu Ende.

 

MORD

Wenige hundert Schritte abseits von unserem Rückweg zur Kaserne führt eine eiserne Brücke über einen Nebenarm der Saale. Wir hören aus jener Richtung zwei kurz aufeinander folgende, peitschende Schüsse. Aber wir sind müde und faul und achten nicht darauf...
Dort führten soeben ein Leutnant und drei Mann den Kommunisten Meseberg in die dunkle Nacht.
Sie haben ihn bei Einbruch der Dunkelheit verhaftet und auf dem Speicher einer Brotfabrik im Süden der Stadt einige Stunden festgehalten. Ohne Angabe von Gründen. Waffen und Uniformen der Leute und das Einglas des Führers waren Legitimation genug.
Mitten in der Nacht hat man ihn dann hinausgeführt. Am Fabriktor stehen zwei zuverlässige Leute als Posten. Die wissen von nichts und haben niemanden gesehen.
Gegen den ahnungslos vor den Soldaten über die Brücke Gehenden hebt sich langsam ein
Pistolenlauf. Zwei Schüsse krachen, und der Kommunist sinkt um. Der leblose Körper wird über das Geländer gehoben und klatscht schwer auf das schwarze Wasser.
Zwei Tage später findet man die Leiche des Kommunisten Meseberg an einem Schleusentor hängend. Zwei Schusslöcher am Hinterkopf...
Wir kommen am Hotel „Zur goldenen Kugel" vorbei. Es ist eins der feinsten Häuser der Stadt und dient den Landesjägern als Stabsquartier. Die Wache wird von unserer Kompanie gestellt.
Es ist noch Licht in den Restaurationsräumen. Wir sind müde und haben noch eine halbe Stunde bis zur Kaserne zu gehen. Darum begrüßen wir den Posten und treten ein.
An zwei zusammengeschobenen Tischen sitzt eine Gesellschaft von Offizieren und zecht. Man winkt uns heran, und wir dürfen mittrinken.
Der Mittelpunkt der Tafelrunde ist ein großer schwerer Mann in der Uniform eines Kürassierrittmeisters. Er ist völlig betrunken. Sein Gesicht ist aufgedunsen und rot, und seine kalten grauen Augen irren blöde umher.
Es ist der Rittmeister Schlosser, persönlicher Adjutant des Generals Maerker. Er soll ein
schwerreicher rheinischer Industrieller sein. Jedenfalls beteiligt er sich an dem Feldzug des Landesjägerkorps mit zwei eigenen Automobilen.
Den Vorsitz führt ein dicker junger Mann mit Schmissen im Gesicht. Man spielt Studentenkneipe. Der Rittmeister kann sich als Rangeltester nicht daran gewöhnen, dass ein junger Leutnant mehr zu sagen haben soll als er.
„Herr Rittmeister hatten die Güte, mir schon wieder dazwischen zu quatschen!" näselt der Präside. „In die Kanne!"
Der Rittmeister lächelt irre und gießt ein großes Glas voll schwerem Burgunder hinunter. Sein Chauffeur steht hinter ihm und füllt es wieder.
Dann fängt er — diesmal mit Genehmigung des Kneipwarts — an zu singen. Wirtinverse, die wir noch nicht kennen. Dann nach der Melodie von „Befiehl Du Deine Wege" ein Lied von abenteuerlicher Unanständigkeit, das grölend angehört wird.
Ich trinke. Ich sitze mit einem Rittmeister und mehreren Offizieren als gleichberechtigtes Glied an einem Tisch. Man prostet mir zu. Ich springe auf, vorschriftsmäßig das Glas am zweiten Waffenrockknopf, und ernte deswegen ein Lob des Rittmeisters.
Ein Kellner bedient uns respektvoll. Ich reiche ihm mein leeres Glas über die Schulter. Er füllt es mit einer Verbeugung.
Das bin ich! Siebzehn Jahre und vier Monate alt! Ein fabelhafter Kerl, der mit Offizieren zecht und schweinigelt. Zu dem man „Herr Kam'rad" sagt, dem man auf die Schulter klopft! Mit dem Rittmeister Schlosser zwischen zwei Zoten Brüderschaft trinkt! Mann! Soldat!
Vor mir verschwimmt bald alles in einem wirren Nebel von Begeisterung und Betrunkenheit. Ein unerhörtes Hochgefühl meiner eigenen Bedeutung durchströmt mich. Der kleine Pennäler, der ich früher einmal war, liegt irgendwo begraben. Ihn hat es nie gegeben.
Die Offiziere stehen auf. Wir singen „Deutschland, Deutschland über alles!" Alle drei Verse. Ich stehe stramm. Ich fühle meine Augen feucht werden.
Mein Nebenmann sinkt auf seinen Stuhl nieder, schlägt mit dem Kopf auf den Tisch und erbricht sich auf den Teppich. Der Rittmeister hat den Arm um die Schulter seines Chauffeurs geschlungen und stützt sich auf ihn.
Dabei grölt er mit Riesenstimme: „Deutsche Frauen, deutsche Treue!" und schwenkt mit weit ausholender Bewegung sein Glas durch die Luft.
Dann stehe ich einen Augenblick im Waschraum. Schlosser stützt sich mit beiden Händen gegen die Wand. Sein Chauffeur kniet vor ihm, und knöpft ihm die Hosen auf, dann erleichtert sich sein Herr...
Irgendwann in der Nacht bekommen wir Zuzug. Ich sehe undeutlich Leutnant Roth, der mir auf die Schulter schlägt, und drei Kameraden aus der Kompanie.
Einer von ihnen, namens Fischer, setzt sich neben mich. Ein noch sehr junger Mensch in der Uniform eines Jägerbataillons. Er ist totenblass. Seine schmalen Finger drehen wie irrsinnig den Fuß seines Weinglases unausgesetzt hin und her, so dass mir schwindlig wird.
Die Uhr zeigt halb drei.
„Wo kommt ihr denn jetzt noch her?" frage ich ihn erstaunt.
„Eine Verhaftung," verstehe ich undeutlich.
„Was? So spät noch?" frage ich wieder.
„Lassen Sie gefälligst den Fischer zufrieden, ja?" knallt da plötzlich die Stimme des Kompanieführers, und ich wundere mich über diese ungewohnte und hier doch ganz unangebrachte dienstliche Schärfe. Aber ich bin zu glücklich, um mir Gedanken darüber zu machen.
Rittmeister Schlosser rezitiert jetzt das goldene Alphabet. Sein Chauffeur begleitet ihn melodramatisch auf einer Laute, die plötzlich da ist.
Irgend jemand hält eine Rede. Ich verstehe nicht genau, was er sagt. Denn Fischer fängt sinnlos an zu weinen und muss hinaufgeführt werden, wo man ihn in einem Hotelzimmer zu Bett bringt. Er muss wohl sehr betrunken sein.
Die Rede geht ihrem Ende zu. Ich höre „echte deutsche Soldaten", „Männer, die das Vaterland braucht." Und dann wird Hoch gerufen, und man stößt mit Leutnant Roth und den beiden anderen Kameraden an, die außer Fischer mit ihm gekommen sind...
Es ist heller Morgen, wie wir zu unserer Fabrik zurückwanken.
Leute, die zur Arbeit gehen, sehen uns hassvoll und verächtlich nach. Wir schreien ihnen Drohungen zu, und sie gehen schweigend weiter.
Endlich sinke ich völlig zerschlagen auf meinen Strohsack. Das Letzte, was ich — schon im
Halbschlaf - höre, ist Ritters Gesang. Ich weiß nicht genau, was er singt. Es hört sich so an, als ob es Wirtinverse seien. Aber dann ist plötzlich immer wieder der Refrain da: „...über alles auf der Welt".
Mir ist schlecht, aber ich schlafe mit glücklichem Lächeln ein: ich habe mit Rittmeister Schlosser Brüderschaft getrunken!

 

DER GENERAL

Ich schlafe bis zum Mittag. Wie ich aufwache bin ich sehr traurig. Der Tag ist trübe und unfreundlich. Ich will nicht entscheiden, ob meine Traurigkeit vom Alkoholgenuss der Nacht herrührt, davon, dass mir plötzlich diese ganze Soldatenspielerei sinnlos vorkommt, oder weil morgen nun wieder der Alltag anfangen soll.
Denn es ist ein Artillerieleutnant bei uns aufgetaucht, der uns mitteilt, dass die Kompanie heute Abend aufgelöst werden muss. Wir fragen uns, warum, und verstehen es nicht.
Leutnant Roth ist nicht da. Man erzählt, er sei gestern Nacht nach Berlin zur Gardekavallerieschützendivision abgereist. Mit ihm die drei Kameraden, die ich in der Nacht noch gesehen habe. Sie haben sich von niemand verabschiedet.
Der neue Führer ist ein junger Mensch mit einem hübschen und nichts sagenden Gesicht. Er lächelt auf alle unsere Fragen geheimnisvoll.
Dunkle Gerüchte kommen auf: Der bekannte Kommunist Meseberg soll ohne Haftbefehl von Leuten unserer Kompanie verhaftet worden sein. Mit schmerzendem Kopf versuche ich, mir die Zusammenhänge zwischen diesem Vorfall, der nächtlichen Zecherei in der „Goldenen Kugel" und der plötzlichen Abreise der vier Leute klarzumachen. Es gelingt mir nicht.
Wir putzen unsere Waffen und schmieren die Stiefel. Das tun wir heute zum ersten Mal seit vier Wochen. Wir sehen demgemäß sehr schmutzig aus. Es hat manche Tage gegeben, an denen ich mich nicht gewaschen habe. Für wen auch.
Aber heute will der General Maerker zu uns sprechen. Das ganze Freikorps wird versammelt sein, und da muss die zweite Kompanie einen guten Eindruck machen.
Nach dem Mittagessen marschieren wir auf den Hof der Artilleriekaserne. In weitem Viereck stehen da schon die beiden anderen Kompanien des Freikorps.
Wir blamieren uns, denn der Artillerieleutnant, der uns führt, kann keine Infanteriekommandos. Statt „Abteilung Halt" hebt er den rechten Arm und kommandiert „Haaalt!" Die anderen Kompanien johlen.
Dann kommt der General. Ein kleiner, beweglicher Mann mit eisgrauem Schnurrbart. Ein mächtiger Mann. Die Arbeiterschaft vieler deutscher Städte kann etwas von seinem Schneid und seiner Energie erzählen. Ein Mann, der das Chaos hasst. Der Erste, der aus einer Horde verloderter Rückkehrer eine fest organisierte Truppe gemacht hat. Der in Berlin, in Braunschweig, in Erfurt und in Halle mit eiserner Hand Ruhe und Ordnung wiederherstellte.
Wir betrachten ihn ehrfurchtsvoll.
Die Exzellenz beginnt zu sprechen: vom Dank aller gutgesinnten Elemente, den wir uns durch unser aufopferungsvolles Eintreten für Ruhe und Ordnung verdient haben. Dass wir unbekümmert unsere berufliche Arbeit aufgegeben haben, um noch einmal zur Waffe zu greifen und mit blitzendem Schwert die Schatten der Finsternis zu bekämpfen. Von Deutschlands Zukunft, und dass es nicht untergehen kann, solange es noch deutsche Männer wie uns gibt.
Und wir glauben es ihm. Denn er ist ein General.
Dann redet er von der Technik des Straßenkampfes. Seine Stimme, die bisher den Stahlklang militärischer Kommandos gehabt hat, wird gewissermaßen gemütlich. Seine Rede wird von kleinen Scherzen unterbrochen, die wir belachen dürfen. Er sagt zu uns „Meine Herren!"
Wir lauschen aufmerksam seinen Worten.
„Die größte Kunst ist die, den Gegner eklatant ins Unrecht zu setzen, ohne deshalb schlapp zu sein," sagt er mit Nachdruck und erläutert uns ohne jede Beschönigung, dass es ja hier in Halle auch so war. — Ich muss an den erschlagenen Oberstleutnant denken. — Marschiere man aber in eine unruhige Stadt, dann müsse man von vornherein energisch auftreten.
„Meine Herren, ich halte gar nichts von so genannten Schreckschüssen, die in die Luft abgegeben werden. Wenn der Führer zum Kampf entschlossen ist, muss er auch die Verantwortung für die Folgen auf sich nehmen. Wenn Sie sich beim Einmarsch in eine Stadt einer feindlichen Menschenmenge gegenüber sehen, dann nur nicht rücksichtsvoll sein! Schreckschüsse gehen in die Luft und erschrecken niemand außer den, der sie abgibt. Ich will Ihnen ein anderes Mittel sagen, meine Herren."
Der General schmunzelt und streicht sich mit martialischer Bewegung den Bart.
„Es ist ja eine altbekannte Tatsache, dass bei solchen Aufläufen immer die Weiber vorneweg sind. Und wenn ein Führer schießen lässt, und es gehen ein paar olle Weiber dabei drauf, dann schreit gleich die ganze Welt über die blutgierige Soldateska, die unschuldige Frauen und Kinder erschießt. Frauen sind überhaupt immer unschuldig."
Wir lachen.
„Meine Herren, in solchen Fällen hilft nur eins: schießen sie den Weibern ein paar Leuchtraketen unter die Röcke, und dann sollen Sie sehen, wie sie davonlaufen. Dabei kann nicht viel passieren, das Magnesium der Raketen wird ihnen die Waden oder den Hintern versengen, und die Stichflamme brennt vielleicht ein paar Röcke an. Das harmloseste Mittel, was man sich denken kann! Also, meine Herren: keine Schreckschüsse! Leuchtraketen zwischen die Beene sind das beste Mittel."
Exzellenz spricht noch über den Einsatz von Panzerwagen und ihre hervorragende moralische Wirkung, von der zweckmäßigen Durchführung von Haussuchungen und dergleichen.
Dann ein dreifaches Hoch auf das Vaterland, und wir dürfen wieder gehen.
Drüben in unserm Quartier herrscht die Auflösung. Wir geben die Waffen ab und packen unsere Sachen zusammen. Es hat angefangen zu regnen. Wir haben keine Zivilsachen hier und gehen in Uniform nach Hause. In meiner Brieftasche bauscht sich der eben empfangene Sold: fünfzehn Mark täglich inklusive Kampfzulage. Ich habe noch nie soviel Geld besessen.
Aber das ist auch der einzige Lichtblick, sonst bin ich erfüllt von Niedergeschlagenheit und Trauer. Nun geht die Schule wieder an, man muss sich von unsympathischen Lehrern anfahren lassen und ist nichts als ein kleiner Pennäler. Noch dazu einer, der als unbequemer Schüler verrufen ist, und auf den scharf aufgepasst wird. Der Soldat wird mit der Uniform in den Schrank gehängt.
Auch über die Zeit, die hinter mir liegt, bin ich traurig. Ich kann es mir selbst nicht erklären, woher plötzlich diese Stimmung kommt.
Vielleicht, weil ich mir auf dem Nachhauseweg überlege, was ich nun meinen Verwandten und Freunden von meiner Soldatenzeit eigentlich erzählen soll. Ich merke erschreckt, dass ich nichts erzählen kann. Von Kampf und Sieg weiß ich nichts. Ich habe nur zweimal geschossen,
und beide Schüsse galten einem Windschutz, der sich auf einem Schornstein drehte. Ich wollte kämpfen und Heldentaten verrichten, und ich habe gefaulenzt, Karten gespielt und getrunken. Das war alles.
Mir ist eine altgewohnte Vorstellung abhanden gekommen. Ich weiß nun, dass die Soldaten, die für Ruhe und Ordnung kämpfen, keineswegs die Helden sind, als die ich sie bis zu meinem Eintritt ins Freikorps anzusehen gewohnt war. Und da ich meine Gedanken nicht im Zaum halten kann, kommt mir plötzlich die Verlogenheit des Begriffs Heldentum an sich leise zu Bewusstsein.
Vielleicht hat der Krieg so ähnlich ausgesehen? Vielleicht sind all die großen Worte von Aufopferung und Todesmut nichts als Schall und Rauch? Ich wehre mich verzweifelt gegen diese unziemlichen Überlegungen, von denen ich zu wissen glaube, dass sie falsch sind.
Ich habe vier Wochen lang den Militarismus ohne Maske gesehen und bin ein Junge, dem der Anblick eines überfahrenen Hundes oder auch nur eines verbrennenden Nachtfalters körperlich schmerzendes Mitleid erregt.
Ich habe vier Wochen lang Rohheiten gehört und gesehen und fand bei niemand und nirgends auch nur den Schatten einer Idee, die solche Rohheiten als Notwendigkeiten rechtfertigte.
Ich schäme mich meiner selbst, aber mir ist furchtbar unbehaglich zu Mut, denn ich weiß nicht, wozu dies alles nötig gewesen ist.
Mich selbst überraschend steigt der Gedanke in mir auf, dass vielleicht der Latjer gar nicht so schlimm ist, wie ich immer geglaubt habe. Mir hat doch nicht einer etwas getan.
Und dann, — es sitzen jetzt Dutzende und Hunderte von Menschen im Gefängnis, die wegen „Plünderung" verurteilt worden sind. Sie haben Sachen an sich genommen, die herrenlos auf der Straße lagen. Was haben wir denn getan, wenn wir die beschlagnahmten Waren nicht abgeliefert, sondern für uns verbraucht haben?
Die bürgerlichen Zeitungen können sich immer noch nicht über die verbrecherische Gesinnung der Plünderer beruhigen und reden von ekelhaften Verbrechern. Aber wir, — wir sind Helden, die sich für Ruhe und Ordnung aufopferten.
Ich werde damit nicht fertig. Irgendwo muss hier doch ein Fehler stecken.
Und dann fällt mir noch der General ein, der kaltblütig davon sprach, man müsse den Gegner eklatant ins Unrecht setzen. Warum? Wenn er doch nicht Unrecht hat?
Aber das war ein General, und ich bin Primaner, bin unmännlich und schlapp und darf um Gotteswillen niemand etwas von meinen Bedenken verraten. Ich würde mich lächerlich machen.
Zu Hause esse ich schweigend Abendbrot und nehme endlich wieder ein Bad. Ich poliere mir sogar die Nägel und wundere mich dabei über mich selbst.
Und dann ist es sehr schön, in einem frischbezogenen Bett zu liegen und die Stiefel zum Putzen vor die Tür zu stellen...
Am nächsten Morgen sind die Zeitungen voll von dem Mord an Meseberg. Bevor ich zur Schule gehe, lese ich, dass man die mutmaßlichen Täter in Berlin bereits verhaftet hat.
Ich weiß nun alles und ziehe hilflos die Schultern hoch. Da habe ich also vier Wochen lang mit Menschen zusammengelebt, die imstande sind, mit kaltem Blut einen Menschen zu töten. Mörder.
Es sind junge Leute wie ich. Fischer ist sogar ein freundlicher und stiller Mensch, den ich gern habe. Und nun ist er ein Mörder. Ich kann das nicht verstehen.
Ich weiß nichts von Meseberg, ich weiß nicht, warum man ihn erschlagen hat. Er war Bolschewist. Gut, aber deshalb darf man ihn doch nicht töten? Feige, aus dem Hinterhalt? Vier gegen Einen?
Die Offiziere in der „Goldenen Kugel" haben gesagt, Deutschland könne nicht untergehen, solange es solche Männer hat.
Mir sitzt vor lauter Hilflosigkeit und Erstaunen ein Weinen in der Kehle...
In der Schule kommen mir Döring und Scheele schon auf dem Korridor entgegen.
„Hast Du schon gelesen?"
Ich nicke müde.
„Das muss einer verpfiffen haben," sagt Scheele aufgeregt, und Döring will bestimmt wissen, dass es Siegmann, der Friseur, gewesen ist.
„Na ja, ein Friseur," sagt Scheele wegwerfend, als ob damit alles gesagt wäre.
„Man müsste das Aas totschlagen," knurrt Döring.
Ich will sagen: „Mord ist Mord", aber das kann wohl nicht stimmen. Döring und Scheele
finden es doch durchaus in der Ordnung, dass man Meseberg totgeschlagen hat. Also muss es wohl an mir liegen, wenn ich es nicht verstehe.
Sagen kann ich noch nichts, aber ich nicke stumm mit dem Kopf und schäme mich schon wieder.
Von den Mitschülern werden wir vier Freikorpsleute mit heimlicher Bewunderung betrachtet. Sie waren meist bei der Einwohnerwehr. Da trug man keine Uniformen. Da ist auch kein Mord passiert.
Wir vier begegnen ihnen mit stolzem, entschlossenem Ernst.

 

SPITZEL

Mai 1919.
Manchmal vergesse ich überhaupt schon, dass ich noch vor einem Monat Soldat gewesen bin. Die Schule langweilt mich, aber das Wetter ist schön. Ich liege den ganzen Tag im Ruderboot auf der Saale. Außerdem habe ich eine neue Freundin. Da habe ich nicht viel Zeit für andere Gedanken.
Aber ein Stachel bleibt: die Einwohnerwehr hat nach endgültiger Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung plötzlich Mut bekommen und einen sehr sorgfältigen Wachdienst organisiert. Einige Mitschüler von mir, die Mitglieder der Einwohnerwehr sind, dürfen jedes Mal zwei Stunden später zum Unterricht kommen, wenn sie am Abend vorher Wachdienst getan haben.
Sie sind nur bei der Einwohnerwehr, aber sie sind etwas Besonderes. Und ich, der ich regulärer Soldat gewesen bin, betrachte sie mit verächtlichem Neid. Ich muss jeden Morgen um acht Uhr in der Schule sein. Das schmerzt.
Manchmal fühlt man sich noch etwas wichtig. So z. B., wie die drei verhafteten Kameraden die man des Mordes an Meseberg verdächtigt, nach Halle überführt werden. Ich höre, dass Leutnant Roth nicht gefasst worden ist.
Die drei Anderen werden nach einiger Zeit wieder aus der Untersuchungshaft entlassen: sie haben nur den Befehl eines Vorgesetzten ausgeführt und konnten nicht wissen, dass dieser Befehl zur Verhaftung ungesetzlich war. Meseberg hat auf der Brücke einen Fluchtversuch gemacht und ist dabei erschossen worden. Der Gerechtigkeit ist mit diesem Untersuchungsergebnis Genüge getan.
Ich sehe die Drei dann und wann. Fischer besucht mich sogar regelmäßig. Es geht ihm sehr schlecht. Er hat oft Herzbeschwerden und leidet an Schlaflosigkeit. Er sieht aus wie der Tod.
Eines Tages kommt er zu mir und erzählt, dass er „dienstlich" nach Hamburg bestellt worden sei. Er leiht sich von mir eine Pistole, da er sich auf der Reise unsicher fühlt. Er leidet überhaupt häufig an Verfolgungsvorstellungen. So sagt er auch jetzt, er wisse nicht, ob ihm auf dieser Reise nicht etwas passieren könne.
Manchmal lacht er auch ganz ohne Grund,
raucht unausgesetzt Zigaretten, und seine Finger spielen immer mit einem Streichholz oder einem Stück Papier. Fischer ist sehr nervös.
Von dieser Reise nach Hamburg kommt er nicht wieder zurück. Nach einiger Zeit erkundige ich mich bei seinen Eltern nach ihm, und da höre ich, dass er Selbstmord verübt hat.
Man hat ihn in einer norddeutschen Stadt tot aufgefunden. Die Einschussöffnung saß merkwürdigerweise am Hinterkopf. Genau so, wie bei dem Kommunisten Meseberg. Aber die Polizei meinte ja, es liege hier Selbstmord vor...
Leutnant Roth soll Offizier im finnischen Generalstab geworden sein. In Norddeutschland wurde er von Zeit zu Zeit noch einmal gesehen...
Aber diese unheimlichen und erregenden Dinge liegen doch nur an der Peripherie meines Lebens. Ich bin und bleibe Oberprimaner des Hallischen Gymnasiums und soll mich nun bald aufs Abitur vorbereiten.
Ich kann mich an die Schule nicht gewöhnen. Irgendetwas in mir ist in den Märztagen dieses Jahres zerbrochen. Ich weiß nicht was. Aber ich fühle, dass ich nicht mehr derselbe bin, der ich war. Ich leide nun fast körperlich an meiner Bedeutungslosigkeit.
Am zweiten September wurde sonst immer der Sieg bei Sedan gefeiert. In diesem Jahr ist von der Schulbehörde im Auftrage des Staatsministeriums jede offizielle Schulfeier verboten. Wir sind darüber empört und sehen dieses Verbot als eine Verbeugung vor den Franzosen an.
Es wird beschlossen, eine Feier zu improvisieren, und in der großen Pause besteige ich auf dem Schulhof einen Müllkasten und halte eine zündende Ansprache, die nach der Versicherung, dass ein neues Sedan einst kommen werde, mit dem Deutschlandlied endet
In der nächsten Stunde haben wir Geschichte bei einem Lehrer, der bei uns im Verdacht demokratischer Gesinnung steht.
Mit leichtem Lächeln fragt er, ob wir etwas über die strategische und politische Bedeutung der Schlacht bei Sedan wüssten. Betretenes Schweigen. Keiner von uns hat auch nur eine leise Ahnung davon. Und wir schämen uns furchtbar, wie nun gerade dieser wilde Demokrat uns eine Stunde lang von der Schlacht bei Sedan erzählt.
Wenn wir nachher darüber sprechen, klingt durch alle unsere Unterhaltungen die Überraschung darüber, dass auch Demokraten anständige Menschen sein können, und ich bin ratloser als je zuvor.
Darüber hilft mir auch nicht die Tatsache hinweg, dass ich Nietzsche lese und Schopenhauer. Nachts sitze ich manchmal und schreibe Hymnen in Zarathustras Melodie. Aber am nächsten Morgen bin ich müde und traurig. Dann pöbele ich in der Schule einen Lehrer an, und mir wird besser.
Eines Tages bekomme ich einen Brief. Leutnant Walter, der Artillerieleutnant, der damals unsere Kompanie aufgelöst hat, bestellt mich zu einer Besprechung in seine Wohnung. Ich frage Döring, Scheele und Müller, ob sie auch hinkommen sollen. Aber sie wissen von nichts. Meine offenbare Bevorzugung beunruhigt mich und macht mich gleichzeitig stolz.
Bei Walter finde ich zur verabredeten Zeit etwa zehn ehemalige Angehörige meiner Kompanie. Bis auf Webach nur solche Leute, mit denen ich wenig zusammengekommen bin. Es sind alles ältere Menschen, Studenten, Kaufleute, Bankbeamte. Alle sind sie im Felde gewesen. In der Kompanie bildeten sie eine eigene Clique, in die sie niemand aufnahmen. Schon die Wahrnehmung, dass es die tonangebenden Leute der Kompanie sind, mit denen ich hier zusammentreffe, macht mich stolz und zu allem bereit, was Walter vielleicht von mir will.
Es werden Zigaretten und Schnaps angeboten, und wir tauschen Erinnerungen aus. Der Mord an Meseberg ist das Hauptgesprächsthema. Tatsächlich ist es also der Friseur Siegmann gewesen, der die Sache der Kriminalpolizei verraten hat. Alle sind empört über ihn, und meine Begriffe geraten ins Schwanken.
Ich verabscheue den Mord schon aus dem Grunde, weil ich niemals die zu einer solchen Tat nötige Entschlusskraft aufbringen würde. Aber ich habe viel zu wenig Gleichgewicht, um mich nicht sofort zu fragen, ob das nicht gerade ein Manko von mir ist, und ob ich nicht vielleicht nur meine innere Feigheit moralisch verbräme, um mich ihrer nicht schämen zu müssen.
Emstweilen schweige ich, denn ich habe in dieser Gesellschaft nichts zu sagen. Ich bin gerade noch geduldet. Alle sind sie mir überlegen. An Alter, an militärischer und menschlicher Erfahrung, an Kraft, an Männlichkeit.
Leutnant Walter duzt uns plötzlich. Dann setzt er uns in einem langen Vortrag auseinander, dass für die nächste Zeit mit kommunistischen Unruhen nicht zu rechnen sei. Dass wir also kaum in den nächsten Monaten wieder mit der Waffe in der Hand kämpfen werden. Aber natürlich würden solche Unruhen im Geheimen vorbereitet, und man müsse davon rechtzeitig wissen, um Gegenmaßnahmen treffen zu können.
Seine Rede endet damit, dass er uns Mitteilung von der Gründung einer Nachrichtenabteilung macht, die unter seiner Leitung stehen soll.
„Ich habe mich dabei an Leute gewandt, die mir aus der Kompanie als entschlossene und gewandte Kerle bekannt sind. Ich frage euch also, ob ihr Lust habt, diese Nachrichtenarbeit mitzumachen."
Zunächst ein peinliches Schweigen. Dann fragt Hiller ruhig: „Es handelt sich also, wenn ich dich recht verstehe, um ein Angebot, als Spitzel zu arbeiten?"
Walter macht eine verlegene Handbewegung: „Was heißt Spitzel? Ihr seid doch alle vernünftige Leute und wisst, dass man ohne Spione nicht auskommen kann. Ein Spitzel ist ein sehr ehrenwerter und durchaus notwendiger Mann, und ich garantiere euch, dass ihr bei mir und dem Garnisonkommando jede erdenkliche moralische Unterstützung finden werdet."
Wieder Schweigen. Dann macht Webach die Bewegung des Geldzählens: „Wie ist's denn mit der Marie?"
Es ergibt sich, dass wir genau soviel Geld bekommen sollen wie in der Kompanie. Außerdem Verpflegungsgeld und natürlich vollständigen Ersatz aller Spesen.
Die anderen schmunzeln. Mir ist noch einen Augenblick unbehaglich. Aber ich sehe, dass ich allein stehe, und darum schlage auch ich ein, wie Walter mir die Hand hinstreckt.
Dann gehe ich nach Hause. Ich bin also ein Spitzel. Ich verband bisher mit diesem Begriff die Vorstellung eines unsauberen Menschen, der für Geld seine Freunde verrät. Aber das kann ja nicht stimmen. Die Latjer, die ich bespitzeln soll, sind ja nicht meine Freunde. Und Webach, Hiller und auch Walter sind doch keine unsauberen Menschen. Im Gegenteil: Walter und Hiller sind Offiziere, Webach ist Student und verkehrt in sehr guten Familien der Stadt.
Es ist ein sehr ehrenwertes, aber sehr gefährliches Handwerk, und darum kann man zu
Spitzeln nur tadellose Leute gebrauchen. Und ich bin auch einer, sonst hätte man mich ja nicht aufgefordert mitzumachen. Ich gelte also etwas. Und das genügt mir.
Zunächst verpflichten wir uns durch Handschlag, mit keiner dritten Person über Angelegenheiten der Nachrichtenabteilung zu sprechen. Und wir halten diese Abmachung genau ein, nicht einmal unsere Familien sind über unser Tun und Treiben orientiert. Das ist Ehrensache. Bei mir führt das allerdings im Anfang manchmal zu Schwierigkeiten, wenn ich einen nächtlichen Ausgang mit dem Zauberwort „Dienst" begründe. Aber auf die Dauer können sich meine Verwandten dem Gewicht dieses Begriffs nicht verschließen, und ich kann unbehelligt von Fragen oder Vorwürfen gehen und kommen, wann ich will.
Ich bin mit Leib und Seele Spitzel. Mein Leben hat wieder einen Inhalt. Ich bin nur nach außen hin ein kleiner Pennäler. In Wirklichkeit bin ich ein „entschlossener und gewandter Kerl", der im Geheimen eine höchst wichtige Arbeit leistet. Den das Garnisonkommando moralisch unterstützt, der viel Geld verdient, ungefähr soviel, wie ein Akademiker mit Frau und Kind. Und dabei bin ich erst siebzehn und ein halbes Jahr alt.
Es ist eine fabelhafte Zeit, in der ich lebe: aus halben Kindern werden über Nacht Männer, die ihren Platz im Leben ausfüllen. Ich habe unbegrenzte Hochachtung vor mir, weil ich ein Spitzel bin.
Niemand sagt uns, wie die Spitzelarbeit anzugreifen ist, und anfangs ist das Ganze mehr eine Spielerei. Ich halte es vor Eifer nicht aus, und bereits am ersten Abend nach unserer Besprechung bei Walter gehe ich, in einen alten Militärmantel gehüllt, der mich völlig unkenntlich macht, in die verrufensten Viertel der Stadt.
Ich weiß nicht recht, was ich da will. Ich habe eine dunkle Vorstellung, als ob in irgendeiner obskuren Kneipe einige Kommunisten beisammen säßen und die Umsturzpläne der nächsten Zeit besprächen. Von meiner Umsicht und Gewandtheit wird es abhängen, ob ich solche Gespräche belauschen kann.
Ich gehe durch menschenleere Straßen, trete in kleine Kneipen, wo ein paar Männer schläfrig oder halbbetrunken Karten spielen, bohre mich in fremde Gespräche ein und höre, dass es sich immer um Dinge handelt, die für mich keinerlei Interesse haben: Weibergeschichten, Witze und hier und da Erinnerungen an den
Weltkrieg.
Ich weiß nicht, ob diese Männer, die ich belausche, nun gerade Kommunisten sind. Aber ich kann mir nichts anderes vorstellen, als dass die roten Verschwörer in den schlechten Vierteln der Stadt zu finden seien. Wenn ich nicht gleich am ersten Abend in den Puff gehe, so liegt es nur daran, dass ich kein Geld habe; im übrigen sind die Begriffe Puff, Kneipe, Verbrecher, Kommunisten bei mir unlösbar und unentwirrbar mit einander verknüpft.
Bald aber kommt System in die Arbeit: man findet einen Brief in seiner Wohnung, auf dem nichts weiter steht als Ort und Zeit einer Versammlung. Man geht hin und liefert möglichst noch am gleichen Abend einen Bericht bei Leutnant Walter ab.
Mein Arbeitsgebiet sind die öffentlichen Versammlungen der Kommunistischen und der Unabhängigen Partei. Ich bin fast jeden zweiten Abend im Volkspark. Die Referate der Redner kann man zwar am nächsten Tag in der Zeitung lesen, und darum brauche ich mich um sie nicht sonderlich zu kümmern. In der Hauptsache soll ich mich unter den Versammlungsteilnehmern herumtreiben, Gespräche belauschen und versuchen, dabei „Wichtiges" zu erfahren. Die Entscheidung darüber, was wichtig ist und was nicht, bleibt mir überlassen.
Wie ich zum ersten Mal als Spitzel eine Versammlung besuche, schlägt mir das Herz im Halse. Der große Saal ist gedrängt voll, es mögen an die tausend Menschen sein, die da dem Redner lauschen.
Ich bleibe dicht neben der Tür stehen. Erst nach einer Weile kann ich den Redner verstehen. Es handelt sich um die Taten der Ordnungstruppen während der Kampftage. Der Redner berichtet von haarsträubenden Gefangenenmisshandlungen, die in der Hauptpost dem Quartier der Landjäger, vorgefallen sein sollen.
Die Menge brüllt alle Augenblicke wild auf: „Nieder mit den Bluthunden! Totschlagen muss man die Bande!"
Ich habe Angst: Hier mitten unter diesen wütenden Menschen steht einer von diesen „Bluthunden". Wenn mich jetzt jemand stellt? Die Folgen wären nicht auszudenken. Meine Hand umkrampft in der Manteltasche den Griff der Pistole, der schon ganz schweißig ist. Aber was hilft das? Was kann im Ernstfall ein einziger Revolver gegen eine Menge von tausend aufgeregten Menschen ausrichten?
Ich bin immer weiter vom Eingang weggedrängt worden und stehe plötzlich mitten im Saal. Wieder überfällt mich diese unheimliche Angst, deren ich mich schäme. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich bin diesem lähmenden Entsetzen hilflos ausgeliefert und versuche, mich unauffällig wieder dem Ausgang zu nähern, den ich endlich auch erreiche.
Dort bleibe ich stehen. Kein Gedanke daran, irgendwelche Gespräche zu belauschen. Ich bin froh, dass ich hier unbeobachtet in meiner Ecke stehen darf. Mein Ehrgeiz, einen fabelhaften Bericht mit nach Hause zu bringen, ist plötzlich ganz und gar verflogen.
Bei einem neuen Wutausbruch der Menge will ich mich wieder durch einen Griff zur Pistole beruhigen, da rutscht sie mir aus der Tasche. Den Bruchteil einer Sekunde stehe ich starr. Der Saal kreist um mich. Ich fühle, wie ich bleich werde.
Dann bücke ich mich hastig, stecke die Pistole wieder ein und sehe mich unauffällig um. Neben mir steht ein alter Arbeiter, gebückt, das faltige und ausgemergelte Gesicht von einem schütteren Vollbart umrahmt. Ich fühle, wie sein Blick prüfend auf mir ruht, und wieder stockt mir der Herzschlag.
Der Alte schüttelt missbilligend den Kopf und sagt im schauerlichsten höllischen Sächsisch: „Du, Gleener, mach dadermit bloß geene Zikken!"
Ich beruhige ihn errötend und schäme mich furchtbar. Denn eben noch zuckte mir einen Augenblick der wahnwitzige Gedanke durchs Gehirn, auf meinen „Entlarver" zu schießen und darauf das Weite zu suchen.
Bald gehe ich dann still und mit zitternden Beinen nach Hause, und die Nachwehen des ausgestandenen Schreckens und meiner Beschämung verdichten sich zu dem Vorsatz: „Nie wieder Spitzel!" Mein Bericht fällt an diesem Abend sehr kläglich aus.
Aber am nächsten Tag ist alles so ganz anders. Gestern Abend habe ich meine Empörung über die Gefangenenmisshandlungen, von denen der Redner sprach, damit niederhalten können, dass ich mir sagte: es werden wohl alles Lügen sein. Nun frage ich einen Kameraden:
„Nicht wahr, das mit dem Verprügeln von Gefangenen in der Hauptpost ist doch sicher Schwindel?"
Aber mein Kamerad, es ist der dicke Berger, sagt gemütlich und gelangweilt: „Nee, nee, in der Hauptpost sollen schon dolle Dinger vorgekommen sein."
„Aber das ist doch eine Gemeinheit!" entrüste ich mich. „Wehrlose Gefangene zu schlagen!"
Berger wird ordentlich wütend: „Red' doch keenen Stuss, Mensch! Wie haben es denn die Anderen gemacht, was?"
Ich werde unsicher, davon weiß ich nichts. Ich könnte wohl noch Vieles dazu sagen. So z. B., dass es mir schon im Krieg immer nicht eingeleuchtet hat, warum bei uns „Repressalien" ergriffen werden mussten, wenn in England oder Frankreich einmal deutsche Gefangene misshandelt worden waren. Die Gefangenen bei uns konnten doch gar nichts dafür?
Aber wenn Berger sich so aufregt, dann muss das wohl nicht ganz stimmen.
Und auf einmal habe ich Angst vor meinen Kameraden. Wenn ich nicht weiter mitmache, halten sie mich vielleicht für feige und un-
männlich. Das geht natürlich nicht. Ein Grund mehr, um weiter Spitzel zu bleiben.
Allmählich gewöhne ich mich an den Versammlungsdienst. Ich fürchte mich nicht mehr so sehr, seit ich weiß, dass mir nichts passiert, wenn ich mich still und bescheiden benehme. Ich kann manchmal sogar ganz interessante Sachen melden, die ich in zufälligem Gespräch erlauscht habe. Staatsgeheimnisse sind es gerade nicht. Aber es ist schon sehr wichtig, zu erfahren, dass es neulich in der Bezirksleitung der K. P. einen großen Krach gegeben hat, oder dass die Maßnahmen des Genossen X. in der Partei scharf kritisiert werden.
Die bespitzelten Organisationen sind gewerkschaftliche Verbände, die Kommunistische und die Unabhängige Partei. Auch Versammlungen der S. P. D. werden von Zeit zu Zeit besucht.
Dann ist da plötzlich ein Herr Kurz, der die Geschäfte der Abteilung übernimmt und den Sold auszahlt. Man weiß nichts von ihm, als dass er aus Mecklenburg stammt. Niemand hat ihn vorher gekannt. Im Freikorps war er nicht. Er ist etwas beschränkt, Typ pommerscher Gutsbeamter, aber er hat im Spitzelhandwerk einige Erfahrung und unterstützt Walter in der
Ausbildung unserer detektivistischen Fähigkeiten.
Nur ist mir oft nicht klar, was meine Berichte für einen Wert haben sollen. Ich bin der Ansicht, dass es meine Aufgabe ist, von Plänen zu berichten, die direkt die Vorbereitung eines offenen Aufruhrs bezwecken. Aber ich muss zu den harmlosesten Versammlungen gehen und Berichte schreiben über die nebensächlichsten Dinge.
So fahre ich eines Tages zum Kreistag der U. S. P. in Delitzsch. Zweiter Klasse natürlich. Erst esse ich sehr gut zu Abend, die Spesen werden ja ersetzt. Dann spricht in einem Saal, in dem kleinbürgerliches Publikum an langen Tischen sitzt und Bier trinkt, ein weißbärtiger alter Herr über die Kommunalpolitik der U. S. P. Der Bau einer Chaussee nach irgendwohin und die Tarifpolitik der Halle-Delitzscher Elektrischen sind wichtige Punkte seines Referats.
Spät abends bin ich wieder in Halle und schreibe sorgfältig einen Bericht.
Oder ich fahre mit der Straßenbahn nach einer Papierfabrik, weit außerhalb der Stadt. In der Nähe liegt ein Gartenlokal, in dem eine Betriebsversammlung stattfindet. Es muss irgendetwas sehr Wichtiges vorgehen, denn ich höre schon von weitem erregtes Geschrei. Die Gegend ringsum ist menschenleer. Es ist stockdunkel. Einen Augenblick kommt mir der Gedanke: wenn mich hier jemand totschlägt, kräht nicht Huhn, nicht Hahn danach. Ich schleiche mich vorsichtig in den Garten.
Anscheinend hat man in der Papierfabrik den Betriebsrat entlassen. Ich verstehe die Zusammenhänge nicht, und es interessiert mich auch nicht: Lohnfragen, Materialbereitstellung, Akkorde, Werkmeister Wittig...
Ich habe einen Weg von zwei Stunden gemacht, um mir diesen Unsinn anzuhören. Ich ärgere mich, also schreibe ich in meinem Bericht, es hätte sich nur um nebensächliche wirtschaftliche Fragen gehandelt.
Das trägt mir am nächsten Tag einen Rüffel ein. Denn gerade über diese Dinge wollte man etwas von mir hören. Ich verstehe nicht, wie sich ein Mensch ernsthaft um die Lohnstreitigkeiten in einer Papierfabrik kümmern kann.
Aber bald bekomme ich Aufklärung. Durch einen Zufall stellt sich heraus, dass wir nicht nur vom Garnisonkommando bezahlt werden, sondern auch von einer geheimnisvollen Berliner Organisation, die sich „Deutsche Wirtschaftshilfe" nennt. Einer von uns hat zufällig Walters Bankbuch gesehen, in dem ständig recht erhebliche Eingänge von dieser Vereinigung verbucht worden sind.
Es gibt eine Palastrevolution, erregte Auseinandersetzungen, die damit enden, dass wir für unsere Tätigkeit, soweit sie lediglich der Information von Arbeitgeberverbänden dient, eine besondere Zuwendung erhalten.
Mir ist das alles trotzdem noch schleierhaft. Ich habe mich bisher niemals um Streiks und Tarifkämpfe bekümmert. Ich verstehe davon nichts und halte sie für durchaus nebensächlich. Wirtschaft, — das ist etwas, was mit Politik überhaupt nichts zu tun hat. Und Wirtschaftskämpfe interessieren mich nur deshalb, weil aus ihnen sich manchmal innenpolitische Schwierigkeiten und Unruhen entwickeln können.
Ein Kamerad, der Volkswirtschaft studiert, hält mir einen langen Vortrag. An die Stelle der dynastischen Interessen, auf die sich früher alle politischen Verwicklungen bezogen, seien heute Wirtschaftsinteressen getreten. Aber er überzeugt mich nicht ganz.
Gewiss, ich weiß aus meinem Elternhause, dass wirtschaftliche Sorgen unangenehm und drückend sein können. Aber ich bin der Ansicht, ein tüchtiger Kerl findet immer genug Verdienstmöglichkeiten, wenn er nur etwas leistet und „entschlossen und gewandt" ist.
Ich bin doch noch ein ganz junger Mensch. Und verdiene ich nicht sehr anständig? Lohnforderungen und Tarif kämpfe sind sicher nichts als Äußerungen plebejischer Unzufriedenheit und Habgier, für die kein anständiger Mensch Verständnis haben kann.
Natürlich verstehe ich sehr gut, dass man gern besser leben möchte. Ich ärgere mich selbst jeden Tag über die eleganten Anzüge und die vornehme Wäsche meines Schulkameraden Lange. Aber dagegen ist doch nichts zu machen, Langes Vater hat eben mehr Geld als meiner. Da muss man selbst zusehen, dass man ordentlich verdient.
Und außerdem ist das doch nicht das Wichtigste. Die Hauptsache ist, dass man aus guter Familie stammt und sich ordentlich benehmen kann. Wenn man dazu noch etwas gelernt hat, dann wird es einem an nichts fehlen.
Ich bin erst in den Vorhof der unterirdischen Politik eingedrungen und glaube immer noch an politische Ziele und Ideale, die gewissermaßen im luftleeren Raum der Idee schweben und nur an Weltanschauung und Charakter gebunden sind.
Wir sind eben für Ruhe und Ordnung und weiter nichts. Wir haben die Aufgabe, Unruhen zu verhüten und merken es zunächst nicht, dass wir die Unruhe brauchen, um überhaupt leben zu können.
Die Aufregung der Kampftage muss sterilisiert, die Unruhe der Arbeiterschaft sorgfältig auf Eis gelegt werden, damit Freikorps und Kampfverbände ihre Existenzberechtigung nicht verlieren.
Niemand sagt uns das so klar, aber es dauert doch nur einige Wochen, bis ich diese Klarheit über Ziel und Zweck unserer Arbeit gewonnen habe.

 

UNRUHE AUF EIS

Ich bin ein tüchtiger Spitzel. Ich besuche eifrig die Versammlungen, und es gelingt mir manchmal, sogar in Funktionärsitzungen der Kommunisten hineinzukommen. Ich liefere meine Berichte pünktlich ab und befleißige mich in ihnen eines gepflegten Stils.
Für die übrigen Aufgaben der Abteilung sind andere Leute da. Ich werde aus dem Ganzen nicht recht klug, denn es gehört zum guten Ton, über dienstliche Angelegenheiten nicht unnötig zu sprechen. Allmählich lerne ich meine Kameraden und ihre Tätigkeit aber doch kennen.
Am undurchsichtigsten ist Hiller. Tagsüber ist er ein kleiner kaufmännischer Angestellter, nach keiner Richtung hin bemerkenswert. Aber er ist Sozialdemokrat, und diese Parteizugehörigkeit ist eine mysteriöse Sache. Man hat uns gebeten, in unseren Äußerungen über die S. P. D. etwas zurückhaltend zu sein, solange Hiller in der Nähe ist, und daraus schließen wir, dass er wirklich Sozialist ist. Aber warum ist er dann in der Nachrichtenabteilung? Das geht doch gar nicht.
Von einem anderen Kameraden höre ich, dass Hiller verschiedene kleine Parteipöstchen hat und in der S. P. D. Halle ein angesehener Mann ist. Über die Frage, ob er nur Parteimitglied ist, um desto ungestörter als Spitzel arbeiten zu können, oder ob er von Hause aus Sozialdemokrat ist und an seiner Partei zum Verräter wurde, diskutiere ich oft mit Webach. Ich mache mir noch lange Gedanken über diesen merkwürdigen Menschen, bis ich schließlich einsehe, dass es im Spitzelhandwerk eine aussichtslose Sache ist, zu entscheiden, ob jemand ein Schwein oder ein „entschlossener und gewandter Kerl" und guter Spitzel ist.
Die Arbeit der Abteilung leidet unter organisatorischen Mängeln. Man stellt mir oft die Anfertigung gefälschter Ausweispapiere in Aussicht, aber im letzten Augenblick kommt immer wieder etwas dazwischen, und darum ist die Spitzelei nicht ganz ungefährlich.
Ich kenne zwar allmählich diesen oder jenen Genossen, und es fällt nicht auf, dass ich mich intensiv um alle möglichen Parteiangelegenheiten kümmere. Aber in jedem Augenblick kann ich doch nach meinem Mitgliedsbuch gefragt werden. Das wäre peinlich.
Ich muss mir jedes Mal erst einen gehörigen inneren Ruck geben, ehe ich es wage, in eine Versammlung zu gehen, zu der nur Parteifunktionäre zugelassen sind. Aber ich habe Glück: hin und wieder werde ich wohl einmal aus einem Zimmer des Volksparks hinausgeworfen, aber in ernsthafte Schwierigkeiten komme ich nie, und oft gelingt es mir sogar, von Anfang bis zu Ende an solchen Sitzungen als unbeteiligter und unbeachteter Zuhörer teilzunehmen. Am nächsten Tag wird man dann für einen guten Bericht belobt. Daher gewöhne ich mich allmählich daran, offiziell die wildesten Geschichten in meinen Berichten zu erzählen, wie ich mir unter unglaublicher Gefahr und mit den kühnsten Mitteln Zugang zu dieser oder jener Versammlung verschafft habe.
Einen wesentlich schwereren Stand haben die Mitglieder der Abteilung, die offiziell Gewerkschafts- oder Parteimitglieder sind und daher unter größerer Kontrolle stehen. Es ist sehr spaßig, einen dieser Kameraden auf der Straße im Gespräch mit anderen „Genossen" stehen zu sehen und fremd an ihm vorbeizugehen.
So ein verkappter Kommunist, Künzel, wird einmal entlarvt und entsetzlich zugerichtet. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt tritt er aus der Abteilung aus und geht mitten im Semester an eine andere Universität.
Eines Abends entschuldige ich mich bei Webach, der mich zum Billardspielen abholen will damit, dass ich Dienst habe.
„Ja, gehst du denn da immer hin?" fragt Webach erstaunt.
„Natürlich," sage ich verständnislos.
Webach lacht herzlich: „Für so dumm hätte ich dich wirklich nicht gehalten."
Und dann erfahre ich, dass man sich die Sache viel bequemer machen kann. Die Berichte prüft nämlich kein Mensch nach. Die Hauptsache ist, dass überhaupt welche da sind. Man kann auch einen Bericht über Dinge schreiben, die niemals geschehen sind, und die tüchtigsten Spitzel verlassen sich ganz und gar auf ihre Phantasie.
Ich probiere es einige Male. Ich gehe nicht zu Versammlungen und schreibe trotzdem einen Bericht, nachdem ich mir die nötige Terminologie der Versammlungsredner aus dem „Klassenkampf' angeeignet habe. Es geht sehr gut,
und von nun ab wird der Dienst bedeutend bequemer. Er nimmt fast gar keine Zeit mehr in Anspruch, und Sold und Spesen gibt es trotzdem.
Die Hauptsache ist, dass immer etwas los ist, damit das Garnisonkommando nicht zur Ruhe kommt und von der treuen und fleißigen Arbeit seiner Spitzel überzeugt ist.
Da ist z. B. in unserer Abteilung ein gewisser Werner. Er ist wahrscheinlich nicht ganz zurechnungsfähig. Ein schwerer Psychopath. Ein langer, dürrer und schwächlicher Mensch mit einem Kindergesicht, über den wir uns alle lustig machen, weil ihm bei der geringsten Kleinigkeit die Tränen in die Augen kommen. Er ist so feige, dass er sich von einigen unserer Leute schlagen und stoßen lässt, ohne auch nur den Versuch zu machen, sich zu wehren.
Aber Werner hat bei den maßgebenden Stellen einen sehr guten Ruf. Er bringt fabelhafte Berichte, an denen nach unserer Ansicht, die wir den Betrieb doch kennen, kein wahres Wort sein kann. Werner leidet an Beziehungswahn. Seine gigantische Feigheit lässt ihn in jeder Lächerlichkeit Gefahren wittern. Die belanglosesten Gespräche, deren Zeuge er zufällig wird, verbinden sich bei ihm mit den Angstvorstellungen, um die sein kümmerlichen Gedanken kreisen, und es entsteht eine fulminante Meldung von irgendwelchen Umsturzplänen, die unmittelbar vor ihrer Ausführung stehen.
Werner weiß vermutlich gar nicht, dass er lügt. Aber Walter weiß es und freut sich darüber, denn ihm ist die Aufregung, die Werners Tatarennachrichten vielleicht hervorrufen, sehr angenehm. Das Garnisonkommando hält es nämlich für gut, dass es über so wichtige Dinge rechtzeitig informiert wird. Und wenn nachher gar nichts passiert, dann liegt das natürlich daran, dass das Kommando rechtzeitig seine Gegenmaßnahmen getroffen hat und die Latjer infolgedessen Angst bekommen haben.
Werners Spezialität sind Waffenlager. Er hat einmal in einem unbewachten Augenblick ein Bündel mit Karabinern gestohlen, das, flüchtig in Packpapier eingeschlagen, bei der Gepäckaufbewahrungsstelle des Hettstedter Bahnhofs abgegeben worden war. Seit dieser Zeit steht sein Ruf als Waffenspezialist fest. Im übrigen ist er eifrig bemüht, sich auf einer Presse die Berechtigung zum Einjährigen zu erwerben, dabei ist er schon dreiundzwanzig Jahre alt.
Da ist Hoffmann. Kein Mensch weiß etwas von ihm. Er selbst sagt, er sei Leutnant bei den Karlsruher Dragonern gewesen, aber niemand glaubt es ihm. Hoffmann überwacht gefährliche Kommunisten. Er weiß immer ganz genau, wo sich der oder jener zu einer bestimmten Tageszeit aufzuhalten pflegt. Auch das glaubt ihm kein Mensch, weil er furchtbar faul und dauernd betrunken ist. Aber er lebt von seinen Nachrichten, und er lebt sehr gut davon.
Da ist Kurz, der auch plötzlich von irgendwoher auftauchte, und der eine Weile die Geschäfte der Abteilung und die Auszahlung der Besoldung besorgte. Eines Tages ist er mitsamt der Kasse verschwunden. Er wird nicht verfolgt, weil die Polizei von der Existenz einer Nachrichtenabteilung nichts wissen darf.
Bevor er verschwindet, versucht Kurz aber noch, den Verdacht von sich abzulenken und sich gleichzeitig eines unbequemen Nebenbuhlers zu entledigen.
Eines Tages komme ich in einer nebensächlichen Angelegenheit in seine Wohnung, die der Abteilung als Geschäftsstelle dient. Außer
Kurz treffe ich da drei andere ältere Kameraden, die mein Eintreten augenscheinlich als sehr störend empfinden. Sie begrüßen mich kurz und unwillig, und da ich ihren Wunsch, mich bald wieder loszuwerden, merke, will ich gleich wieder gehen.
Plötzlich aber kommt noch Werner, jener hysterische Schwächling und Waffenspezialist, der uns allen ein Dorn im Auge ist. Nachdem wir ihn kurz begrüßt haben, tritt Kurz nahe an ihn heran und sagt laut und ruhig: „Du Lump hast mich bestohlen."
Werner hält diese Beschuldigung für einen guten Witz und lacht unmäßig. Aber nach einem prüfenden Blick auf die ernsten und abweisenden Gesichter der drei Kameraden wird er verwirrt und fängt an, sich aufgeregt zu verteidigen.
Kurz hält ihm alle Verdachtsmomente vor, die dafür sprechen sollen, dass er eines Tages in einem unbewachten Augenblick in das Geschäftszimmer gekommen, einen Schrank erbrochen und die Kasse ausgeraubt habe.
Werner weint fast vor Erregung. Mir kommt die ganze Sache reichlich sinnlos vor; ich habe das unheimliche Gefühl, dass hier etwas Schlimmes geschehen soll. Außerdem tut mir Werner leid, denn sein ganzes Benehmen zeigt ganz unverkennbar, dass an der Beschuldigung kein wahres Wort ist.
Da sagt plötzlich einer der Drei, die bisher schweigend dagesessen haben, zu Werner: „Du hör' mal, du kannst dir doch das nicht so einfach gefallen lassen, dass dir Kurz einen Diebstahl vorwirft. Wenn du ein anständiger Kerl bist, dann weißt du, was du jetzt zu tun hast."
„Was denn?" fragt Werner unsicher und verwirrt.
„Es bleibt dir nichts anderes übrig, als Kurz zu fordern. Die Sache kann gleich abgemacht werden: wir gehen in die Heide, du als Beleidigter hast den ersten Schuss, und für einen Unparteiischen und für Sekundanten ist ja auch gesorgt", schließt er mit einer Handbewegung auf uns.
Ich merke, dass die Sache ernst wird. Jeder von uns weiß, dass Kurz ein ungewöhnlich guter Pistolenschütze ist, und dass Werner bei seiner Aufgeregtheit und seiner kindischen Angst todsicher vorbeischießen wird. Dies fragwürdige Duell, dass sich die vier Leute ausgedacht haben, würde ein glatter Mord werden.
Werner schreit erregt: „Ich denke gar nicht daran, mich mit Kurz zu schießen. Das ist ja alles Unsinn!"
Berger, ein Mediziner im vierten Semester, sagt kühl: „Wenn du feige bist, dann können wir dich in der Abteilung nicht gebrauchen. Wenn du Kurz jetzt nicht sofort auf Pistolen forderst, dann werden wir dich schon aus der Abteilung herausbesorgen. Diese Kneiferei ist ja geradezu ekelhaft!"
Die anderen brummen zustimmend. Werner weint nun wirklich und sieht sich hilfeflehend nach mir um. Ich mische mich in die Unterhaltung, und da die Verdachtsmomente gegen ihn so weit hergeholt sind, dass sie auch der oberflächlichsten Untersuchung nicht standhalten können, gelingt es mir, Werners Unschuld soweit darzulegen, dass man ihn — wenn auch widerwillig — gehen lässt.
Ich schließe mich ihm an. Mein Abschiedsgruß wird nicht erwidert, und Berger zischt mir leise zu: „Du hättest wirklich was Gescheiteres tun können, als diesem Idioten beistehen."
Ich zucke die Achseln. Auf der Straße wartet Werner auf mich. Er ist immer noch ganz aufgeregt: „Die wollten mich um die Ecke bringen!", stammelt er fassungslos.
Mir kam es zwar auch so vor, aber diese Verdächtigung scheint mir so ungeheuerlich, dass ich unwirsch abwehre: „Ach, quatsch' doch nicht!"
Die große Nummer der Abteilung ist Kunze. Er ist Mitglied der K. P. und hat dort mit behördlicher Genehmigung erzählt, dass er auch Mitglied der Nachrichtenabteilung des Garnisonkommandos ist. Er liefert von der Parteileitung frisierte Berichte an das Kommando und empfängt von dort frisierte Berichte für die K. P. Außerdem soll er die K. P. auch noch regulär bespitzeln. Aber er ist viel zu dumm, als dass er sich durch dieses Tohuwabohu durchfinden könnte. Er kassiert die Gelder von beiden Seiten ein, tauscht die Berichte aus und lügt einiges dazu. Im übrigen ist er Stammgast im Puff und liegt andauernd mit einem frischen Tripper zu Bett, der bei ihm immer sehr bedrohliche Formen anzunehmen pflegt.
Dann taucht eines Tages Herr Hartung bei uns auf. Wir kennen seinen Namen, denn Hartung ist ein Spitzel von ungewöhnlichem Format. Ein großer, stattlicher Mensch in den
Dreißigern, nicht ohne Bildung und Benehmen und von großer Körperkraft. Er trägt eine undefinierbare Phantasieuniform. In Berlin und in München soll er die fabelhaftesten Sachen geleistet haben. In Halle hat er einige Zeit gewirkt, bis ihm auch hier der Boden zu heiß wurde.
Jetzt besucht er uns und erzählt uns kleineren Geistern seine Heldentaten. Ich gehe mit Hartung zum Kaffeetrinken. Wir kommen am Gewerkschaftshaus vorbei. Einige Leute, die aus einem Fenster sehen, erkennen Hartung und rufen Schimpfworte hinter ihm her.
Hartung bleibt stehen, greift in die Tasche, zieht eine Pistole und schießt lächelnd das Oberlicht des Fensters entzwei, aus dem die Gewerkschaftsleute gesehen haben.
Das ist Hartung. Zwei Monate später ist er tot. Er ist in München von Spitzeln der eigenen Couleur erschossen und in die Isar geworfen worden.
Dann gibt es bei uns noch den Beamten einer Gewerkschaft, der von Zeit zu Zeit in unseren Zusammenkünften erscheint und uns Informationen für ein paar Groschen verkaufen will.
Das sind unsere Kameraden. Wir — d. h. Webach, Zarnke, Hennig und ich — betrachten
sie mit Geringschätzung und Misstrauen. Die Drei sind Studenten und von Hause aus anständige Menschen, deren Moralbegriffe in dieser Gesellschaft aber auch schon zu leiden anfangen. Wir halten uns etwas abseits, aber fingierte Berichte und erfundene Meldungen liefern auch wir schon ganz bedenkenlos. Wir entschuldigen uns bei jedem neuen Auftrag mit Arbeitsüberlastung und tun bald überhaupt nichts weiter, als dass wir uns von Wolter unser Geld abholen und uns danach erkundigen, wann es endlich losginge.
Denn es ist uns zur fixen Idee geworden, dass sich über kurz oder lang irgendeine große Aktion ereignen müsse. Von rechts kann sie nicht kommen, — wir wissen Bescheid, dass es da traurig aussieht: Eifersüchteleien unter den Führern, Demoralisation unter der Mannschaft, kein Geld, keine Disziplin. Aber der Bolschewismus will ja Deutschland erobern, und darauf warten wir.
Ich lebe wie in einem Rausch. Es ist immer etwas los. Ich habe zwar ein dunkles Gefühl, als ob diese ganze gespannte Erwartung vor der nächsten Zukunft Unsinn sei. Ich kenne nun genug proletarische Organisationen, immer habe ich nur von dem endlichen Sieg der Weltrevolution reden hören und habe nirgendwo Anzeichen gesehen, die daraufhindeuten, dass man für die nächste Zeit eine gewaltsame Aktion vorbereitet.
Aber die sterile Aufgeregtheit um uns herum umnebelt mir den klaren Blick. Und außerdem verdiene ich so viel Geld, dass ich keine Zeit habe, mich um diese ganzen Fragen ernsthaft zu bekümmern.
Zu Hause schmeckt mir das Essen nicht mehr. Ich esse hinterher immer noch einmal in einem anständigen Restaurant. Dazu kommen Konditorei und Kinobesuche mit meinen Freunden aus der Abteilung, die viel Zeit wegnehmen.
Ich verheimliche meinen großen Verdienst vor meinen Verwandten. Anschaffungen mache ich nicht, sie würden auffallen. Und außerdem hätte es keinen Zweck: es muss ja doch bald losgehen.

 

SKRUPEL

Aber es geht nicht los.
Das Jahr 1919 nähert sich seinem Ende, und immer noch gehe ich morgens ins Gymnasium, nachmittags in den Ruderklub oder mit Kameraden in Konzertcafes und führe weiter ein phantastisches Doppelleben, von dem nur meine nächsten Freunde wissen.
Abends mache ich dann manchmal Dienst. Immer öfter wird mir mein Leben zum Ekel. Aber ich finde keine Kraft zu einer wirklichen Änderung. Einmal versuche ich es. Ich gehe einfach nicht mehr aufs Garnisonkommando und zur Geschäftsstelle der Abteilung. Mir ist alles über.
Aber dann wird mir das Geld knapp. Ich muss billige Zigaretten rauchen und kann mit meiner Freundin nicht ins Kino gehen. Ihre Eltern sind zwar schwerreiche Leute, aber sie wird sehr knapp gehalten. Es bleibt mir also nichts weiter übrig, als wieder Berichte zu schreiben. Und auch das geht nicht ohne Erschütterungen ab.
So muss ich einmal zu einer Versammlung einer kommunistischen Jugendgruppe gehen. Es wird wohl nicht viel los sein, aber ich soll in Gesprächen die Stimmung unter den Jungens und Mädels sondieren.
Ich finde den Saal, in dem sie tagen, nicht gleich. Nachdem ich durch alle Räume des „Volksparks" gegangen bin, entdecke ich sie schließlich in einem Gartenzimmer. Es ist schwer, sofort zu übersehen, worum es sich handelt. Überall ein heimliches Gekicher und Gemurmel, das von der Stimme des Vortragenden nur schwer übertönt wird. Man versteht ihn schlecht, es ist zu laut im Saal, und außerdem stößt er noch mit der Zunge an.
Ich rücke näher heran und betrachte ihn. Es ist ein Mensch etwa in meinem Alter. Er hat ein paar Bücher vor sich liegen und ein Blatt Papier, von dem er seinen Vortrag abliest. Er spricht über Heinrich Heine. Nicht gut, denn was er sagt, klingt trocken und hat kein Leben. Er erläutert Heines Bedeutung für die deutsche Literatur und bleibt dabei im Unwesentlichen stecken.
Ich will mich zuerst über ihn amüsieren, denn es ist ein Bild von rührender Komik, wie sich dieser junge Fanatiker die Kehle ausschreit, während kein Mensch ihm zuhört. In einer verschwiegenen Ecke haben zwei junge Leute ein hübsches Mädchen mit frechem Gesicht auf ihren Schoß gezogen und knuffen und patschen auf ihr herum, während sie sich mit unterdrücktem Quieken wehrt.
Dann tut mir aber der arme Kerl leid. Seine Augen brennen, seine Lippen zittern vor Erregung, und plötzlich bricht er seinen Vortrag ab.
„Genossen!" schreit er mit fistelnder Stimme. „Es ist traurig, dass Ihr nichts lernen wollt. Ihr habt andauernd die Weltrevolution und die Diktatur des Proletariats in der Schnauze und tut nichts dafür. Ihr seid dumm! Herrgott noch mal, begreift doch endlich: Wissen ist Macht!" Dann packt er seine Bücher zusammen und geht an den betreten Schweigenden vorbei aus dem Saal.
Du armer Kerl! Wissen ist Macht! Er schreit diese Lüge wie ein Evangelium heraus und glaubt daran als an eine letzte Wahrheit. Ich möchte ihm nachrufen: Das ist Schwindel! Ich weiß so viel, viel mehr als mir lieb ist, ich kann dir von mystischen Zahlen erzählen, von der Entwicklung Englands zur Kolonialmacht oder von der Wirkung der Romantik auf die katholische Weltanschauung, — ich weiß so viel, und bin doch ein armer Hund, genau wie du.
Ich möchte ihm so Vieles sagen. Aber er ist ja ein Kommunist, und ich bin ein Spitzel...
Ich gehe. Draußen an der Haltestelle der Straßenbahn treffe ich ihn wieder. Er sieht mich unsicher an. Dann scheint er mich zu erkennen. Er sagt höflich:
„Entschuldigen Sie, waren Sie nicht eben auch im Volkspark?"
Ich zögere einen Moment. Vielleicht weiß er, dass ich ein Spitzel bin? „Jawohl, ich habe Ihren Vortrag über Heine mit angehört," sage ich dann entschlossen.
Wir kommen ins Gespräch. Der junge Kommunist sagt „Genosse" zu mir und redet sich seinen Jammer von der Seele. Er spricht von der Weltrevolution, entwickelt die Theorien des Marxismus, erzählt Einzelheiten aus dem Leben im neuen Russland. Und immer wieder bricht die Enttäuschung darüber durch, dass die „Jugendgenossen" nicht reif sind für die Diktatur des Proletariats, dass sie nichts lernen wollen, dass sie nicht begreifen, in welch furchtbar ernster Zeit das Proletariat lebt.
Und dann redet er wieder von der Freiheit des Willens, von der kommunistischen Idee im Urchristentum, und ich muss plötzlich an den komischen Theologen Korbmacher denken. Der sagte schließlich so ungefähr dasselbe. Der verlangte von seinen Kampfgenossen auch reine Herzen und reine Hände.
Aber der hatte ein Gewehr in der Hand und wollte auf die Kommunisten schießen, weil die Revolution eine Schande und ein Unglück sei. Und der junge Genosse neben mir hat ebenso wenig zu essen und ist von seiner Sache ebenso überzeugt wie Korbmacher.
Und beide sind sie anständige und ehrliche Menschen, die sich für ihre Idee in Stücke hauen lassen und jedes Opfer bringen werden. Und beide werden sie eines Tages aufeinander losgehen und sich das Messer in den Bauch rennen.
Wollen sie nicht schließlich dasselbe? Haben sie nicht beide recht? Können sie denn nicht sehr gut friedlich neben einander leben, ohne sich weh zu tun? frage ich mich.
Hastig und verlegen verabschiede ich mich von dem Kommunisten, gehe still nach Hause und komme mit meinen Gedanken nicht zurecht...
Einmal höre ich das Referat eines kommunistischen Reichstagsabgeordneten über das Betriebsrätegesetz mit an und erschrecke sehr, wie ich mich darauf ertappe, dass mich fast alle Argumente des Redners überzeugen. Ich empfinde peinlich scharf das Ungehörige meiner Regung und zwinge mich, nicht mehr hinzuhören.
Manchmal, wenn die Versammlung sich zum Schluss erhebt und die Internationale anstimmt fühle ich etwas von der ungeheuren Suggestion des Solidaritätsgedankens. Ich schauere zusammen und fürchte die Frage, ob diese fröstelnde Ergriffenheit Angst ist oder Ansteckung.
Und immer muss ich mich nachher mit Selbstvorwürfen quälen, denn es geht doch nicht an, dass mir die Arbeiter manchmal sympathisch sind!
Ein älterer Arbeiter, den ich nur unter dem Namen Robert kenne, imponiert mir geradezu. Ich treffe ihn fast auf jeder Versammlung und höre zu, wenn er — was häufig geschieht — mit jüngeren Genossen über politische Tagesereignisse diskutiert. Ich höre, dass er ein sehr tüchtiger Arbeiter ist, der in seiner Fabrik so-
gar Meister werden sollte. Robert hat aber diese Beförderung, die für ihn eine recht erhebliche Verbesserung seiner Lebensführung bedeutet hätte, abgelehnt aus Furcht, er könnte eines Tages als Werkmeister mit den Interessen seiner Genossen in Konflikt geraten.
Robert spricht manchmal auch mich an. Beschämt lüge ich ihm vor, ich sei Schreiber bei einem Rechtsanwalt. Er hat mich augenscheinlich gern, denn oft kommt er nach einem Vortrag zu mir und fragt mich, ob ich auch alles verstanden habe. Hin und wieder frage ich ihn dann wohl auch, und er gibt mir freundlich Bescheid.
Oft spricht Robert von Karl Marxens „Kapital". Ich habe schon viel von diesem Buch gehört als von einem Schand- und Schmutzwerk, das an der ganzen Aufsässigkeit und Anmaßung der Arbeiter schuld ist. Es selber zu lesen, kam mir noch nie in den Sinn. Die Feststellung meiner Verwandtemund Lehrer, wonach die von Marx propagierte Gemeinwirtschaft Verbrechen, Unfug, Utopie bedeute, genügte mir.
Weil nun aber Robert immer wieder auf das „Kapital" zurückkommt, und ich mich bei ihm wegen meiner völligen Unkenntnis nicht verdächtig machen will, leihe ich mir das Buch von einem Bekannten aus und bin maßlos enttäuscht. Zunächst einmal langweilen mich die trockenen ökonomischen Auseinandersetzungen erheblich. Dann sage ich mir, dass diese Behauptungen wissenschaftliche Thesen sind, die falsch sein mögen, die aber doch immerhin diskutiert werden könnten. Nur weil vor siebzig Jahren einmal ein gewisser Karl Marx ein Buch geschrieben hat, deshalb braucht man doch nicht gleich zu prügeln und zu schießen?
Und doch wird diese Lektüre für mich zu einer schweren und nachhaltigen Erschütterung. Ich habe mir bis jetzt immer eingebildet, sehr klug zu sein, während der Arbeiter ein absolut ungebildeter Mensch sei, der zu keinerlei wissenschaftlicher Arbeit fähig ist. Aber ganze Kapitel dieses Buches verstehe ich einfach nicht, über die Robert und seine Freunde ohne Schwierigkeit diskutieren. Offenbar ist ein langwieriges Spezialstudium dazu nötig, die Marxschen Thesen auf ihre Stichhaltigkeit hin zu untersuchen. Man darf doch nicht einfach über eine Sache urteilen, von der man nichts versteht? Haben denn wirklich alle meine älteren Bekannten, die auf Marx und den Sozialismus schimpfen, dies Buch gelesen? Ich komme mir dumm und unreif vor, dass ich eine so einfache Sache nicht begreifen kann, und lese das „Kapital" immer wieder, mache mir Auszüge daraus und versuche, mit Freunden darüber zu sprechen.
Aber ich habe kein Glück damit. Immer, wenn ich von Marx und seinem Werk zu reden anfange, sagt mir jemand: „Lass doch den Unsinn!" Oder er hört gar nicht zu und spricht von etwas anderem.
Einmal trifft mich auch mein Onkel über der Lektüre. Er sieht sich den Titel an und lächelt nachsichtig: „Warum liest du solch Zeug?" fragt er mehr belustigt als neugierig.
„Man muss sich doch ein Urteil bilden," antworte ich verlegen. Und dann erzählt er mir, dass das gar nicht nötig ist. Über Marx und seine blödsinnigen Theorien seien schon von „verständigen" Leuten so viele Bücher geschrieben worden, dass ich mein Urteil ruhig von denen übernehmen könne. Er will mir mal so ein Buch besorgen. Aber daraus wird nie etwas. Er vergisst es, hält es anscheinend nicht für so wichtig...
Ich lerne viel. Ich habe immer geglaubt, die Latjer seien eine kompakte Masse, in der sich der Eine in nichts vom Andern unterscheidet Und nun weiß ich, dass es Sozialdemokraten gibt und Unabhängige und Kommunisten, und dass sie alle etwas verschiedenes wollen. Einer hält den Andern für einen Verräter.
Und dann höre ich immer und immer wieder, wie sie von den Menschen meiner Klasse wie von ekelhaften und bösartigen Tieren sprechen. Genau so, wie meine Verwandten und Bekannten von den Spartakisten.
Ganz allmählich, und ohne dass ich mir darüber klar bin, fange ich an zu vergleichen, halte die Augen offen und sehe vieles, was mir altgewohnt ist und mir plötzlich doch ganz neu erscheint. Anderes, worüber ich mir niemals Gedanken gemacht habe, gewinnt auf einmal fremde und überraschende Bedeutung.
Ich habe zuviel gesehen und weiß nicht mehr, wer recht und wer unrecht hat. Ich habe zuviel gesehen und weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.
Lehrer und Verwandte reden von einem Leben, in dem alles gut und schön ist. Ich habe den Glauben an dieses Leben verloren. Sie sehen eine Bühne, auf der sich große und edle Gefühle zu heroischen Taten ballen. Und ich
stehe hinter den Kulissen und sehe die nackte graue Rückseite, sehe mit erschreckender Deutlichkeit den ganzen theatralischen Apparat, der dieses falsche Pathos erst ermöglicht.
Ich weiß mehr als sie alle.
Ich weiß von Lohntarifen und von Akkordarbeit, von Spitzeln und Mördern, von Huren und Säufern, von geldgierigen Offizieren, von fetten Bürgern, die den Hunger nicht kennen und nichts als fressen wollen, von Pastoren, die Demut predigen, und die in frömmelndem Hochmut ersticken, von Lehrern, denen das Gesicht im Genick sitzt, die nur rückwärts sehen können und sich begeistern an Dingen, die nicht mehr da sind, — und über diesem allem steht in fetten Lettern „Vaterland", und ich soll es lieben und verehren und soll mich in dieses Gewirr und Geschiebe einfügen und nicht nach rechts oder links sehen.
Und soll glauben, dass Kommunisten wilde Tiere sind, die stehlen und morden, die „panem et circenses" schreien, die nicht an Gott glauben, die platte Dummköpfe und widerwärtige Materialisten sind und meine Feinde — die mich wie einen tollen Hund totschlügen, wenn ich ihnen in die Hände fiele —, verkommene
Menschen, die aus dem Munde riechen und vor Schweiß und Schmutz starren.
Ich weiß plötzlich, dass das Leben ganz anders ist, als man mir immer erzählt. Ich bin klüger als meine Eltern und Lehrer, ich kenne das Leben besser als sie, die sich immer nur in der eng vorgezeichneten Bahn von Klasse und Beruf bewegen.
Ich bin ein Außenseiter und weiß, dass die Reinheit des Wollens und der Segen Gottes nicht einzig gebunden sind an jene Gedanken und Gefühle, die auf der bürgerlichen Ideologie beruhen. Ich sage mir, dass es Märtyrer und Propheten auf beiden Seiten gibt, ebenso wie kalte Rechner und brutale Idioten.
Und ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt und finde durch meine Gedanken nicht hindurch; denn es ist niemand da, der mir hilft, und der mir klar machen kann, warum diese ungeheure Spannung von Wut und Abscheu, dieser riesenhafte Vorrat von Erregung und Kampfgier sein muss.
Ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt und weiß, dass meine Lehrer lügen, wenn sie mich ein Leben von Opferwillen und Gottesfurcht lehren.
Es ist überall dasselbe. Und ich habe Angst vor mir selbst, wage keine Entscheidungen und laufe weiter den gewohnten Weg. Müde und traurig.
Dann sagen Erwachsene, ich sei sentimental, ich leide an Weltschmerz, ich sei ein unbequemer Schüler, und reden viele Worte, die mir lächerlich erscheinen...
Manchmal denke ich noch an den jungen Kommunisten, aber das Erlebnis kommt mir schon fern und unwirklich vor. Ich weiß, dass ich ihn bald vergessen werde.
Es ist ein Notwehrakt, wenn ich mir den Gedanken an ihn aus dem Kopf schlage. Ich wäre verraten und verkauft, wenn ich die Konsequenzen aus jenen Überlegungen zöge, die mich in den letzten Wochen und besonders an jenem Abend überfallen haben. Ich habe übrigens auch keine Zeit dazu:
Webach besucht mich und bringt mir mein Geld von der Abteilung mit. Er erinnert mich daran, dass wir uns am Abend mit Freiherrn von Vogel verabredet haben. Das ist ein neuer Mann in unserer Abteilung, der Nachrichten über Rechtsverbände herbeischafft.
Die schießen jetzt nämlich wie Pilze aus der
Erde: Stahlhelm, Deutschnationaler Jugendbund, die Kriegervereine rühren sich, die Einwohnerwehr bildet übergeordnete Verbände, und alle wollen etwas anderes. Vogel ist der richtige Mann dafür. Ein gewandter, sehr vornehmer Herr, der sich überall der größten Beliebtheit erfreut.
Nachmittags muss ich in den Deutschnationalen Jugendbund. Ich habe versprochen, zur Weihnachtsfeier einen gemischten Chor einzustudieren. Außerdem will ich da den Geschäftsführer der Partei treffen, der mir ein paar Bücher versprochen hat.
Dann ruft Walter mich noch an und bestellt mich „in dringlichster Angelegenheit" zu sich.
Ich vergesse den Kommunisten schneller als ich gedacht habe. Bei Walter erinnere ich mich noch einmal schmerzhaft an ihn. Ich habe nämlich neulich einen Bericht geliefert über eine Rede, die der Kommunist Lemck gehalten hat. Walter fragt mich, ob dabei nicht vielleicht der Ausdruck „Auf die Barrikaden!" gefallen sei.
Ich weiß genau, dass das nicht der Fall ist. Walter ist sehr ungehalten über meine Halsstarrigkeit. Lemck ist nämlich ein „gefährlicher
Mann". Man hält ihn aus irgendwelchen Gründen für den militärischen Leiter der K. P. Halle.
Walter lässt durchblicken, dass man Lemck an diesem Ausspruch aufhängen kann. Wenn ich bezeugte, dass er „Auf die Barrikaden!" gesagt hat, könnte man ihn verhaften und ihn unter Anklage stellen. Dem Garnisonkommando wäre das sehr erwünscht.
Walter gibt mir zwei Minuten Zeit. Ich soll es mir noch einmal genau überlegen.
Dann fragt er mit ernstem Blick: „Kannst du nun auf deinen Eid nehmen, dass Lemck den Ausspruch getan hat?"
Ich grinse ihm höhnisch in die Zähne: „Nee, mein Lieber!"
Wir scheiden nicht eben freundlich von einander.
Am Abend spendiert von Vogel Sekt, den wir mit Schwedenpunsch mischen. Der Freiherr ist strahlender Laune und erzählt unausgesetzt die haarsträubendsten Geschichten von dem Straßburger Kavallerieregiment, bei dem er aktiv war.
Er ist bald vollständig betrunken. Für die Nacht hat er noch einen Hauptspass vor: neulich hat ihn ein — wie er sagt — jüdischer
Zigarettenhändler aus seinem Laden hinausgeworfen, weil er da monarchistische Brandreden gehalten hat.
Auf dem Nachhauseweg, es ist gegen drei Uhr nachts, schneidet er mit seinem Taschenmesser ein großes Viereck aus den Plakaten einer Litfasssäule. Dann zieht er sich zurück und erleichtert sich auf das Papier.
Nach einer Weile kommt er wieder, die Plakate sorgfältig zusammengefaltet. Er klatscht das besudelte Papier an die Schaufensterscheibe des betreffenden Ladens und beschmiert das ganze Fenster unter wieherndem Gelächter mit Kot.
Sein Vater war im Kriege der Führer einer Heeresgruppe im Osten...
Den Kommunisten habe ich bald wirklich vergessen.
So vergeht das Jahr 1919. Im Februar 1920 falle ich durchs Abitur. Es macht keinen sehr großen Eindruck auf mich. Nur habe ich bisher die Absicht gehabt, Theologie und Philosophie zu studieren, und dazu habe ich nun keine Lust mehr, wo ich noch ein halbes Jahr auf der Schulbank sitzen soll.
Aber es ist mir auch gleichgültig, was ich werde. Geld verdiene ich jetzt so viel, wie als Akademiker noch nicht in vier Jahren.
Ich gleite langsam aus der mir vorgezeichneten Bahn. Der Bazillus „Ruhe und Ordnung" hat mich infiziert.
Meine Mitschüler diskutieren Platon. Ich mache manchmal mit, aber im Grunde amüsiere ich mich darüber. Was haben wir heute mit Platon zu tun?
Ich bemitleide die Jungen, die sich jetzt überlegen, wie sie am schnellsten zu ihrem Lebensziel kommen können. Assessor oder Assistenzarzt. Wichtigkeit! Ich fühle mich lebenskräftig und verwegen. Irgendwie werde ich schon durchkommen. Wenn sich mit der Spitzelei so viel Geld verdienen lässt, dann bleibe ich eben dabei. Vielleicht werde ich auch Reichswehroffizier, das sind heute die angesehensten Leute.
Ich bin jetzt achtzehn Jahre alt und fülle einen Platz im Leben aus, der allen Menschen Respekt einflößt. Ich bin achtzehn Jahre alt und habe immer Geld in der Tasche. Ich rauche anständige Zigaretten, und wenn ich will, kann ich mir Sekt mit Schwedenpunsch leisten.
Wie kann mir da mein Direktor imponieren, wenn er mich „aus pädagogischen Gründen" durchs Abitur fallen lässt? Ein armer Mensch, ein seltsames Gemisch von preußischem Hauptmann und alexandrinischem Bücherwurm. Ein kalter Bürger, ein hellenistischer Irrer, der sich als Grieche fühlt, wenn er sich die Hosen auszieht.
Ich fühle mich turmhoch über ihn erhaben und widme mich eifriger als in den letzten Wochen der Spitzelarbeit. Das ist eben mein Beruf, in dem ich etwas Tüchtiges leiste. Ich komme mir sehr heldenhaft vor, weil ich alle meine Skrupel unterdrücke und mich in die Rolle eines wilden Landsknechts hineinsteigere, indes mir der Ekel und ein kindhaftes Weinen im Halse würgt.
Ich bin achtzehn Jahre alt und weiß, die Macht und das Geld entscheiden. Es gibt keine anderen Götter.
Also arbeite ich weiter für Ruhe und Ordnung...

 

KAPP-LÜTTWITZ

Meine Tage sind ausgehöhlt und leer. Ich erlebe alles gedämpft und betrachte mein Leben und mein Tun wie das eines fremden Menschen. Ich bin mir gleichgültig.
Und dann ist der 13. März 1920.
An diesem Sonnabend sitze ich beim Friseur und höre aus verworrenem Gespräch von einem Staatsstreich, der in der Nacht in Berlin geschehen sein soll. Was ist es? Man weiß nichts Genaues. Nur, dass es sich um einen Putsch von rechts handelt, kann man mir sagen.
Die Nachricht elektrisiert mich. Endlich geht es los. Es wird etwas zu tun geben, man kann sich nützlich machen, man braucht nicht mehr als durchgefallener Abiturient durch die Straßen zu laufen. Man wird wieder Soldat sein, von jedermann freundlich und respektvoll betrachtet, man wird wieder Achtung vor der eigenen Brauchbarkeit und Stärke bekommen.
Draußen verteilen Zeitungsjungen der „Nachrichten" Extrablätter.  Ich lese von einer Besetzung des Regierungsviertels, von der Flucht der verfassungsmäßigen Regierung. Dann eine Proklamation „An Alle", unter der zwei Namen stehen: „Kapp-Lüttwitz".
Den General kenne ich. Den Namen Kapp habe ich nie gehört.
Das Manifest enttäuscht mich, ohne dass ich sagen kann, warum. Reichspräsidentenwahl, Fachminister. Dürre und trockene Worte. Darlegungen, die den Stempel der Nüchternheit tragen. Kein Schwung, keine hallenden Worte, kein Pathos, keine Ekstase, nicht einmal die schneidende Sachlichkeit des Soldaten.
Kein Wort vom Kampf gegen die Republik, gegen die Herrschaft der Straße, für Deutschlands Zukunft.
Auf dem Garnisonkommando wird man Näheres wissen. Ich gehe sofort mit Webach zusammen hin. Aber auf der Kommandantur herrscht große Aufregung. Der Garnisonälteste, ein alter Oberst, rennt mit hochrotem Kopf im Korridor an uns vorbei. Überall stehen Offiziere und Mannschaften in eifrige Diskussion vertieft. Die Stimmung ist trotz aller Verwirrung heiter, fast ausgelassen. Es steht natürlich ganz außer Frage, dass sich die Garnison den neuen Machthabern anschließen wird. Der Sieg ist heute schon so gut wie sicher. Die Folgen dieses Staatsstreichs sind noch gar nicht abzusehen, aber sie werden unsere kühnsten Erwartungen übertreffen.
Endlich finden wir Walter. Er tut zwar auch sehr vergnügt, aber wir merken ihm an, dass er schwere Sorgen hat. Auf unsere vorsichtigen Fragen beginnt er zu erzählen.
„Das ist ja alles ganz schön und gut," sagt er zweifelnd, „aber es ist sehr schlimm, dass wir mit den zuständigen Reichswehrstellen in Berlin keine Verbindung bekommen können. Wir wissen noch gar nicht, ob die Reichswehr sich auf die Seite von Kapp stellen wird. Außerdem ist hier in der Provinz nichts vorbereitet, kein Mensch weiß, wie er sich zu verhalten hat. Und das ist sehr bedauerlich, denn man kann einen Umsturz nicht damit siegreich durchführen, dass man in Berlin ein paar Häuser besetzt. Man braucht das Hinterland dazu, und da geht einstweilen alles drunter und drüber."
Wir hören von Walter und von anderen Herren des Kommandos noch Näheres: der Garnisonälteste kann sich nicht entschließen, auf eigene Verantwortung zu handeln.  Er möchte an sich natürlich gern auf die Seite der Rebellen treten, aber er weiß nicht, wie der General Seeckt darüber denkt. Vom Reichswehrministerium ist überhaupt nicht die Rede. Der Minister heißt Noske und ist nach Stuttgart geflohen.
Der Kommandant ist für Abwarten, bis sich die Verhältnisse etwas geklärt haben.
Die maßgebenden Offiziere der Garnison machen keinen Hehl daraus, dass sie diese Ansicht des Obersten für Feigheit halten. Widerwillig stellen sie telefonische Verbindungen mit der Garnison Leipzig her.
Verantwortliche Herren sind nicht an den Apparat zu bekommen. Als Einziges erfährt man, dass dort die Garnison genau so wenig entschlossen ist wie bei uns.
In Dresden ist es dasselbe. Der Kommandeur des Reichswehrkreises IV, der General Maerker, ist merkwürdigerweise gerade heute telefonisch nicht zu erreichen. Man muss also auf eigene Faust Entschlüsse fassen.
Kein Mensch kann uns sagen, wie wir unsere Nachrichtenarbeit den veränderten Verhältnissen anpassen sollen. Wir gehen in den Volkspark, ins Gewerkschaftshaus, — überall
große Aufregung und Empörung über den Berliner Putsch. Aber es ist heute fast unmöglich, Klarheit über die Stimmung in der Arbeiterschaft zu gewinnen. Ein Gerücht widerspricht dem andern, und am Abend des 13. März wissen wir überhaupt nicht mehr, woran wir sind. Der Generalstreikparole der geflohenen Regierung Ebert-Noske legen wir keinerlei Bedeutung bei. Es scheint, als ob niemand recht Lust hätte, sie zu befolgen.
Das einzige positive Ergebnis dieses Tages ist meine Meldung, dass die Arbeiterschaft keinen Augenblick daran zweifelt, dass die Garnison auf Seiten von Kapp-Lüttwitz steht.
Am Sonntag bin ich schon früh auf den Beinen.
Im Garnisonkommando sollen Nachrichten aus Berlin eingetroffen sein. Der Funker hat es erzählt.
Jetzt will er aber von nichts wissen. Also sollen jene Meldungen unterdrückt werden, und wir erfahren nicht, was sie enthalten haben.
Ich treffe meinen Bekannten, den Kommunisten Robert. Er winkt mir zu und lacht über das ganze Gesicht: „Na, was sagst du nun?" fragt er vergnügt.
,Ich finde das gar nicht zum Lachen," sage ich verlegen.
„Mensch, das ist doch ein großartiger Witz, dass die Ebert-Noske ausgerechnet von ihren geliebten Soldaten zum Teufel gejagt worden sind. Das haben die Schweine redlich verdient. Jetzt sitzen sie in Stuttgart und heulen, wir sollen ihre Republik retten. Pfeifen werden wir ihnen was!"
Ich stelle vorsichtig Fragen und erfahre, dass die Kommunisten den Staatsstreich tatsächlich mit mehr Schadenfreude über Noskes Sturz als mit Empörung über die Errichtung der Militärdiktatur betrachten. Für einen Kampf gegen die Regierung Kapp besteht keine Stimmung. Robert meint, später wäre immer noch Zeit dazu, den Kapp-Putsch zu einer Aktion für kommunistische Ziele auszunützen. Nach einiger Zeit, wenn nämlich die Militärs ihre ersten Dummheiten gemacht hätten, würden auch die Arbeiter Lust zum Kämpfen bekommen.
„Also wenn das Garnisonkommando keine Dummheiten macht, dann wird es hier in Halle demnach überhaupt nicht zu Unruhen kommen?" fragte ich zur Sicherheit noch einmal zurück.
Robert lacht aufrichtig erheitert: „Du bist gut! Die und keine Dummheiten machen! Lieber Junge, spätestens morgen fangen die Offiziere an, verrückt zu spielen, und ruhen nicht eher, als bis sie sich die ganze Arbeiterschaft auf den Hals gehetzt haben. Das ist immer so."
Nach zwei Stunden ist mein Bericht bei Walter. Er kennt Robert und weiß von der Gewichtigkeit seiner Meinungen. Ich habe das Gefühl, jetzt vielleicht mein kleines Teil dazu beigetragen zu haben, dass der Kapp-Putsch ohne besondere Erschütterungen in Halle abgehen wird.
Es steht sehr schlecht mit der Aussicht, dass die nächsten Tage Kämpfe bringen werden. Wir können nun also ohne große Gefahr für die neuen Herren in Berlin Stimmung machen.
Allmählich aber beginnt die Stadt zu fiebern.
Die Straßen voll sonntäglich geputzter Menschen hallen wider von erregtem Gemurmel. Ich habe keine anderen Gedanken mehr, als auf dies unheimliche Brodeln zwischen den Häuserwänden zu lauschen.
In den Augen der Menge glimmt und glüht jenes unsinnige und aufregende Flackern, das ich kenne, Gerüchte schwirren hin und her, widersprechen sich, werden widerlegt, neue Gerüchte kommen auf, und alles wird geglaubt.
Ich sehe an einer Straßenecke einen demokratischen Stadtverordneten, der zu einigen Passanten spricht. Es sind Arbeiter darunter, auch Kommunisten. Der Stadtverordnete redet mit glühendem Pathos von der jungen Republik, die gegen ihre Feinde geschützt werden muss. Sein Schnurrbart sträubt sich, seine Stimme psalmodiert sakral.
Und keiner seiner Zuhörer lacht. Auch die Kommunisten nicht. Es scheint mit einem Schlage plötzlich keine Gegensätze in der Arbeiterschaft mehr zu geben.
Jeder scheint entschlossen, die Republik gegen den Feind zu verteidigen.
Es ist aber kein Feind da. Die Soldaten sitzen unruhig und ein wenig ängstlich in den Kasernen und wagen sich nicht auf die Straße. Außerdem sind es nur ein paar hundert Mann, die der Republik im Ernstfall nichts tun können, wenn sie es auch wirklich wollten.
Eine ungeheure Erregung ballt sich sinnlos in der Luft zusammen und sucht nach Angriffspunkten. Dass morgen der Generalstreik einsetzen wird, gilt heute schon als beschlossene Sache.
Und der Feind? Man wird den Feind nötigenfalls erfinden, wenn nur erst der Wille zum Kampf da ist.
Ich unterdrücke ein Lächeln. Ist das nicht geradezu komisch? Die Truppen warten ab. Die Kommunisten warten ab. Sozialdemokraten und Unabhängige wollen streiken. Die Bürger aller Schattierungen haben nichts als Angst und trauen der Berliner Bewegung nicht viel zu. Und trotzdem redet man von Feinden und glüht vor Kampflust.
Blödsinn! Ich komme mir sehr überlegen vor. Die ganze Aktion wird ausgehen wie das Hornberger Schießen, wenn die Garnison keine Dummheiten macht. Und das Kommando wird bestimmt keine machen. Schon aus dem Grunde, weil viel zu wenig Soldaten in der Stadt sind.
Am späten Nachmittag läuft plötzlich ein Schrei durch die Straßen: Das Garnisonkommando hat das Freikorps alarmiert! Die Zeitfreiwilligen sammeln sich bereits in den Kasernen. Die Oberrealschule ist schon von ihnen besetzt. Die Einwohnerwehr ist einberufen worden.
Ich kann diesem Gerücht nicht glauben. Zu dieser Alarmierung liegt doch gar kein Grund vor, denn in der Stadt ist es bisher nirgendwo zu Ausschreitungen gekommen.
Gegen wen sollen die Zeitfreiwilligen also kämpfen? Diese Alarmnachricht kann doch nur bedeuten, dass sich das Garnisonkommando entschlossen hat, offen auf die Seite der Rebellen zu treten?
Ich laufe zum Garnisonkommando. Aus dem Kasernentor kommen mir Soldaten entgegen, die in die gegenüberliegende Oberrealschule gehen, hochbepackt mit Decken, Strohsäcken und Waffen. Ich erkenne verschiedene Bekannte. Es sind Zeitfreiwillige.
Wer den Befehl zur Alarmierung gegeben hat, kann ich nicht in Erfahrung bringen. Walter sagt, es kann gar keine Rede davon sein, dass sie für Kapp kämpfen sollen. Es handelt sich nur um eine vorbeugende Maßnahme für den Fall, dass in der Stadt Unruhen entstehen sollen. Und dabei lächelt er ironisch.
Ich gehe nach Hause und weiß nun, dass die Unruhen nicht mehr lange auf sich warten lassen werden.
Ich denke an Robert. Er hat wirklich Recht
gehabt: die erste Dummheit ist geschehen. Weitere werden bald folgen...
Am nächsten Morgen schließen alle Betriebe. Versammlungen überall. Der Generalstreik beginnt.
Sozialdemokraten und Unabhängige wollen sich mit der ordnungsmäßigen Durchführung des Streiks begnügen, die Kommunisten verlangen bereits Bewaffnung der Arbeiterschaft.
Ich gebe telefonisch einen Bericht über eine solche Versammlung an das Kommando. Am Apparat meldet sich Hauptmann Ultz, ein korrekter und nicht übermäßig intelligenter Herr.
Ich höre förmlich sein ungläubiges Lächeln. Hoffnungslos!
Kurz darauf treffe ich Webach und Walter, der uns befiehlt, mit ihm zum Kommando zu kommen.
Wir versuchen, im Gewerkschaftshaus noch etwas über die Pläne für die nächste Zukunft zu hören.
Walter geht mit uns. Walter tut auf dem Garnisonkommando in Uniform Dienst. Er hat oft mit den Einberufern politischer Versammlungen zu verhandeln, und viele Gewerkschaftler kennen ihn. Es ist schon Unfug, dass Webach und ich uns mit ihm zusammen auf der Straße sehen lassen. Wenn uns zufällig jemand mit Walter sieht, dann sind wir als Spitzel erkannt. Abgesehen davon ist Walters Unternehmen, mit uns in das Gewerkschaftshaus zu gehen, völliger Unsinn. Aber was sollen wir machen? Wenn Walter uns zu dieser zwecklosen Tollkühnheit kommandiert, dürfen wir uns nicht weigern, ihm zu folgen.
In der Vorhalle des Hauses dreht er sich dann auch plötzlich um: „Zurück!" flüstert er hastig.
Wir gehen langsam die Straße hinunter. Walter ist sehr bleich: „Habt ihr Eure Pistolen da?" fragt er leise. Wir bejahen.
Ich drehe mich um und sehe, dass uns ein Menschenhaufe folgt. Flüche steigen auf, immer mehr Menschen schließen sich an.
Die Menge fängt an zu laufen. Wir rasen im Galopp die Straße hinab, eine Tordurchfahrt eine neue Straße, und immer noch hinter uns das Gelärme der uns verfolgenden Meute.
Walter keucht und stöhnt. Er kann nicht mehr.
„Stehen bleiben!" ruft er uns zu.
Wir hätten noch lange so weiter laufen können. Zögernd werfe ich einen scheuen Blick. zurück, dann aber siegt die Überlegung, da wir Walter nicht im Stich lassen können. Wir bleiben stehen, pressen uns an die Häuserwand der gegenüberliegenden Straßenseite und entsichern die Pistolen in der Manteltasche.
Mir wird schwindlig. Die Verfolger stellen sich in einem großen Halbkreis um uns. Das letzte Bild, das ich noch deutlich wahrnehme ist ein großer Mensch, der ganz vorn steht und sich seine Fausthandschuhe von den Händen streift.
Es ist also aus. Wir werden zertrampelt werden. Keine Möglichkeit zu entkommen. Ein paar Schüsse, bis das Magazin leer ist, und dann kommt das Ende. Ich empfinde nicht einmal Furcht. Es ist wie im Traum.
Da — noch ehe unsere Verfolger sich zum Angriff entschließen — klingelt plötzlich eine Straßenbahn heran.
Wir springen in langen Sätzen auf die fahrende Bahn.
Geschrei steigt hinter uns auf. Der Fahrer will halten. Ich presse ihm zitternd in wilder Erregung die Pistole ins Genick. Von der Hinterplattform, auf die Webach und Walter gesprungen sind, knallen Schüsse, die sie auf ihre Verfolger abgeben.
Die Bahn rast an mehreren Haltestellen vorüber. Dann erst wagt der Führer zu halten. Wir sind nur wenige Schritte von der Kommandantur entfernt. Das Kasernentor schlägt hinter uns zu.
Aufatmend lassen wir uns auf ein paar Stühle fallen: Gerettet. Aber die ersten Schüsse sind gefallen...
Während Walter in das Dienstzimmer des wachhabenden Offiziers hineingeht, spricht Webach und mich ein Offizier in elegantem Pelz an, der im Wartezimmer auf und ab geht. Er trägt die Friedensuniform eines Ulanenregiments. Vor der Tür steht sein über und über mit Schmutz bedeckter Wagen. Er ist sehr aufgeregt und hat anscheinend große Eile. In der Hand hält er ein Schreiben, mit dem er dann und wann nervös in der Luft herumfuchtelt.
„Herrgott, ich habe keine Zeit!" schimpft er plötzlich vor sich hin. „Ich muss gleich weiter nach Leipzig."
Wir sehen ihn an und er stellt sich vor: „Freiherr von Liechtenstein vom Divisionskommando IV."
Dann erzählt er eine phantastische Geschichte: er sei ein Kurier des Generals Maerker, der den Garnisonen Halle und Leipzig Mitteilung davon machen soll, dass der General sich mit allen ihm unterstellten Reichswehrtruppen der Regierung Kapp zur Verfügung hält. Ein Schreiben, das tatsächlich die Unterschrift des Generals Maerker trägt, soll seine Angaben bestätigen.
Der Wirrwarr im Offizierkorps nimmt unwahrscheinliche Formen an; die Mitteilung des mysteriösen Ulanenoffiziers wird allgemein für Schwindel gehalten. Aber immerhin bietet doch die Unterschrift Maerkers willkommenen Vorwand, das Eintreten für Kapp als die Befolgung eines dienstlichen Befehls hinzustellen.
Noch ehe man ihn nach seiner Legitimation fragen kann, ist der Freiherr mitsamt dem Brief des Generals verschwunden.
Das Ergebnis einer stundenlangen Offiziersbesprechung ist zunächst eine lahme öffentliche Erklärung, dass die Truppen der Garnison Halle ausschließlich für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und die Sicherung von Leben und Eigentum der Einwohner sorgen würden. Von einer Beteiligung an dem Putschunternehmen könne keine Rede sein.
Dann sickert langsam die Nachricht durch, dass der Garnisonälteste plötzlich erkrankt sei und seine Dienstgeschäfte vom ältesten Stabsoffizier des Garnisonkommandos übernommen worden sind.
Das ist der Major Nagel, der spätere Generalsekretär des Reichslandbundes und Geschäftsführer des Deutschnationalen Bismarckbundes.
Wie ich von der Kommandantur nach Hause komme, bemerke ich einige Leute, die scheinbar zwecklos vor der Gartenpforte unseres Hauses herumstehen. Meine Wohnung wird bewacht, man hat mich als Spitzel erkannt. Bei Webach ist es ebenso.
Wir rufen noch einmal Walter an. Der rät uns, schnell in die zweite Zeitfreiwilligenkompanie wieder einzutreten. Da würden wir während der kommenden Unruhen am sichersten sein.
Ich habe nicht die geringste Lust, den öden Dienst in der Kompanie wieder mitzumachen. Es ist jetzt gerade ein Jahr her, dass ich das Leben eines Revolutionssoldaten kennen gelernt habe.
Aber was hilft alles Räsonnieren? Walter hat recht: in meiner Wohnung würde ich bei der nächstbesten Gelegenheit totgeschlagen werden. Also lassen wir uns auf der Kammer der Reilkaserne Uniformen verpassen und sind schon am Spätnachmittag in der Oberrealschule, von zahlreichen Bekannten freudig begrüßt.
Einige unserer Freunde sind in der M.G.-Abteilung; der Führer, ein ehemals aktiver Oberleutnant, ist ein Kamerad aus meinem Ruderklub. Wir werden der M.G.-Gruppe zugeteilt. Webach war im Feld Maschinengewehrscharfschütze.
Ich verstehe nichts von einem Maschinengewehr, aber Webach meint, das sei nicht so schhmm...

 

FÜR ODER GEGEN WEN?

Ich bin also wieder Soldat. Es ist nicht so stumpfsinnig wie im vorigen Jahr, denn in dem weitläufigen Gebäude der Oberrealschule liegen etwa vierhundert Menschen: unsere Kompanie, eine Wachkompanie der Einwohnerwehr und eine Abteilung von Schülern, die in aller Eile für den Straßenkampf ausgebildet werden sollen. Sie wollen auch durchaus für Kapp-Lüttwitz kämpfen, und man konnte ihnen ihren Wunsch nicht abschlagen.
Wenn wir nicht in unserem ausgeräumten Klassenzimmer auf den Strohsäcken hocken, unzählige Zigaretten rauchen, Skat spielen oder an unseren Maschinengewehren herumbasteln, gehen wir im Hause spazieren. Es gibt viel zu sehen.
Da ist zunächst unsere Kompanie. Sie besteht fast ausschließlich aus studentischen Korporationen: vier Korps, eine Landsmannschaft, eme Turnerschaft und eine agronomische Verbindung bilden ihr Hauptkontingent. Unter den Studenten sind viele ehemalige Offiziere, und infolgedessen ist der Ton akademischkorrekt. Man nennt sich „Herr Kam'rad" oder „Herr Kommilitone" und ist sehr höflich zu einander. Die einzelnen feindlichen Verbände haben Bmgfrieden geschlossen.
Allerdings haben die vier Korps die Turnhalle, wo zugleich der Kompanieappell stattfindet, für sich reserviert. Nur die Agronomen dürfen auch dort schlafen. Aber die haben immer schon sehr freundschaftlich mit den Korps gestanden.
Der Burgfrieden hat auch seine Nachteile. Da ist z. B. eine farbentragende katholische Verbindung in der Kompanie. Man kann den Leuten nichts nachsagen: sie haben sich gleich bei dem ersten Aufruf zur Verfügung gestellt, und ihr militärischer Führer hat sogar viele hohe Orden. Aber wir empfinden sie als einen Fremdkörper. Katholisch, — das ist für uns so ungefähr gleichbedeutend mit unzuverlässig oder falsch oder republikanisch. Die Koalition zwischen Zentrum und Sozialdemokraten macht uns die braven Katholiken verdächtig, und wir passen scharf auf sie auf.
Wir kämpfen ja für Kapp-Lüttwitz, und die Katholiken sollen doch eigentlich Republikaner sein. Über diesen Widerspruch kommen wir nicht hinweg, und schon am ersten Tag ereignet sich ein peinlicher Zwischenfall: ein betrunkener Korpsstudent rempelt einen Katholiken mit der Frage an, ob er nicht lieber auf der anderen Seite kämpfen wolle. Die kleine Kontroverse wird damit beigelegt, dass der Korpsier vom Kompanieführer gerüffelt wird.
Aber was heißt kämpfen? Und was heißt Kapp-Lüttwitz? Wir liegen in der Kaserne und warten auf die Dinge, die da kommen sollen. Wir können gar nicht kämpfen, weil kein Feind da ist. Die Zivilbehörden arbeiten ruhig weiter, kein Mensch greift uns an, und wir wissen überhaupt nicht, woran wir sind.
Einmal wird des Abends beim Appell eine kurze Mitteilung verlesen, dass in Berlin schwere Kämpfe zwischen den Truppen und der Arbeiterschaft im Gange seien, und wir beneiden die Kameraden in Berlin glühend um ihre Tätigkeit. Die Chancen, dass es bei uns zum Kampf kommen wird, sind gleich Null.
Es passiert überhaupt nichts, und wir werden langsam nervös, denn dazu sind wir ja schließlich nicht hierher gekommen, um Karten zu spielen und uns faule Witze zu erzählen.
Der Kompanieführer hat gegenüber unseren ungeduldigen Fragen keinen leichten Stand. Es ist ein älterer Herr, der im Zivilberuf Ordinarius für alte Sprachen an der Universität ist. In grauer Vorzeit war er einmal Hauptmann der Reserve oder der Landwehr. Er ist von einer militärischen Unbeholfenheit, die uns viel Spaß bereitet.
Jeden Abend ist Appell. Da steht dann Hauptmann Leuze vor der Front der Kompanie und kann sich kein Gehör verschaffen. Nachdem er einigemale „Stillgestanden" kommandiert hat und das allgemeine Gespräch trotzdem ruhig weiter geht, klatscht er schließlich erregt in die Hände und ruft: „Nu seien Sie doch endlich mal ein bisschen stille, meine Herren Kommilitonen!"
Die Verlesung der Mitteilungen des Garnisonkommandos wird übrigens mit akademischen Beifalls- und Missfallensäußerungen entgegen genommen. Einige Zeit haben der Professor und der Hauptmann Leuze wegen dieser Frage in schwerem Kampf mit einander gelegen, ob diese Kundgebungen statthaft seien oder nicht. Der Professor hat endlich gesiegt: wir dürfen in der Kompaniefront trampeln und scharren.
Es bildet sich allmählich eine Tradition heraus: jedes Mal, wenn die Regierung Ebert-Noske erwähnt wird, scharrt man lang anhaltend. Der Name Kapp ist das Signal zu einem minutenlangen Beifallsgetrampel, das vielfach auch durch Aufstoßen des Gewehrkolbens auf den Boden wirksam unterstützt wird.
Eigentlich wäre das Soldatenspielen ganz amüsant, wenn nur nicht diese unerträgliche Ungewissheit wäre! Wir wissen bald überhaupt nichts mehr von dem, was außerhalb der Stacheldrahtverhaue vorgeht, die die Reilkaserne und die Oberrealschule zu einer kleinen Festung machen.
Wir erfahren, dass die Moritzburg, der Bahnhof, die Frankeschen Stiftungen und die Artilleriekaserne ebenfalls von Zeitfreiwilligen, Reichswehrtruppen und Einwohnerwehr besetzt und stark befestigt worden sind. Das ist alles. Von Kämpfen, auf die wir sehnlich warten, hören wir nichts.
Die zahllosen Diskussionen auf den Korridoren und in den Klassenzimmern bleiben gegenstandslos. Wir wissen nicht, gegen wen wir
kämpfen sollen. Die Regierung Kapp sitzt in Berlin, und wenn wir sie unterstützen wollen, dann müssen wir ihre Gegner aus dem Felde schlagen. Aber die rechtmäßige Regierung ist in Stuttgart, und hier in Halle gibt es nur eine große Menge Unzufriedener, und niemand, der gegen uns die Waffen erhebt.
Endlich geschieht doch etwas. In der Stadt ist zwar immer noch alles völlig ruhig, aber eines Abends werden wir alarmiert.
Das geht nicht ohne Schwierigkeiten vor sich, denn die einzelnen studentischen Korporationen wollen unbedingt auch in derselben militärischen Formation zusammenbleiben, und es gibt ein großes Protestgeschrei, wenn ein Korpsstudent einem Zug oder einer Gruppe zugeteilt wird, in der nur Landsmannschafter oder gar Katholiken sind.
Große Aufregung verursacht der Türke Ismael. Er kann kaum Deutsch sprechen, aber er ist Mitglied des hochfeudalen Korps Guestphalia und hat sich mit seinen sechs Korpsbrüdern bereitwillig der Regierung Kapp zur Verfügung gestellt.
Der Alarm hat ihn völlig außer sich gebracht. Er ist etwas angezecht, hat sich wie ein kurdischer Viehtreiber das Koppel mit unzähligen Handgranaten von rechts nach links über die Schulter gehängt und fuchtelt mit seinem Karabiner wie mit einem Kloben Holz in der Luft herum. Er tobt auf dem halbdunklen Schulhof umher und stößt von Zeit zu Zeit ein misstönendes Gebrüll aus, das er augenscheinlich für dieser Situation angemessen hält. Seine Korpsbrüder bringen ihn schließlich zur Ruhe.
„Türke, du Rindvieh! Du bist hier nicht im Kaukasus!" schreit ihn der erste Chargierte seines Korps an.
„Ich schießen! Immerzu schießen!" versichert Ismael kampfwütig.
Ismael aus Kleinasien kämpft für Ruhe und Ordnung. Der Teufel mag wissen, was er sich darunter vorstellt...
Aber wir wissen es ja schließlich alle nicht viel besser. Erst auf dem Marsch erfahren wir, wohin es geht. Wir sollen den Volkspark besetzen.
Warum? Keiner weiß es. Wir fragen auch nicht mehr. Uns ist alles recht. Wenn nur überhaupt etwas geschieht.
Wir umzingeln das Gebäude, lösen einige Funktionärversammlungen auf, räumen das Restaurant und bringen unsere M.G.s in Stellung. Die paar harmlosen Arbeiter, die wir aus ihrem Stammlokal vertrieben haben, leisten keinerlei Widerstand. Es ist ein billiger Sieg.
Ich liege im großen Versammlungssaal unmittelbar unter einem umflorten Wandbild, das den im vorigen Jahr ermordeten Meseberg darstellt. Ein gutmütiges Gesicht, dem auch ein martialisch aufgedrehter Schnurrbart keinen anderen, kriegerischen Ausdruck geben kann, ein rührend unmoderner Kragen, ein kleiner schwarzer Schlips. Das ist also der Verbrecher, der für Ruhe und Ordnung umgebracht werden musste. Jetzt sieht er leer und fremd lächelnd auf seine Mörder herab, und ich schäme mich, dass ich überhaupt an den Toten denken muss.
Posten kommen und gehen. Man erwartet einen Angriff. Die Arbeiter können es sich doch nicht so ohne weiteres gefallen lassen, dass man ihr Versammlungslokal besetzt? Ohne jeden Grund!
„Schließlich werden sich die Brüder mal zu irgendwas entschließen müssen," knarrt neben mir die Stimme eines Kameraden. „Wenn sie den Volkspark stürmen wollen, dann können wir ihnen endlich mal zeigen, was 'ne Harke ist."
Aber sie lassen es sich gefallen. Wir warten die ganze Nacht. Niemand wagt zu schlafen: sie müssen nun doch bald kommen. Die Maschinengewehre starren drohend aus den Fenstern. Auf den Treppen und im Flur stehen die Posten, schwerbewaffnet. Aber es wird immer später, und sie kommen nicht.
Die Stimmung verschlechtert sich von Minute zu Minute.
Ein Landsmannschafter hält Vortrag über die politische Lage. Nur wenige hören ihm zu, denn was ist da viel zu sagen? Einer weiß ebenso wenig wie der andere, und ob wir hier überhaupt noch einmal etwas zu tun bekommen werden, wissen der Himmel und die Parteileitung der K.P. Dass die Sozialdemokraten sich zu keiner Kampfhandlung aufraffen werden, gilt bei uns als ausgemacht.
In das gelangweilte Schweigen, das sich im Laufe der Nacht in dem Saal ausbreitet, tröpfelt plötzlich eine müde Stimme: „Das Beste wäre es, wir gingen alle nach Hause."
Ein Augenblick höchster Verblüffung.
Dann knallt aus dem Hintergrund eine schneidige Frage: „Wer spricht denn da überhaupt, wie?"
Die gelangweilte Stimme antwortet noch um eine Nuance gleichgültiger: „Regen Sie sich nicht auf, Herr Kamerad."
Der Angeredete springt auf, ein sehr junger Korpsstudent: „Ich muss Sie dringend um Aufklärung bitten, Herr Kommilitone. Was haben Sie vorhin mit Ihrer — äh — sagen wir — höchst eigentümlichen Bemerkung sagen wollen?"
Michael, ein Zugführer, der das goldene Verwundetenabzeichen auf dem Waffenrock trägt, und der im Zivilberuf Elementarlehrer ist, wendet sich seinem Angreifer zu.
„Und ich möchte Sie, zwar etwas höflicher aber ebenso dringend, um Aufklärung bitten, was Sie mit Ihrem inquisitorischen Ton bezwecken. Wollen Sie sich vielleicht an mir reiben, junger Herr?"
Der Student Fischer verliert die Nerven: „Der Teufel ist Ihr junger Herr, verstehen Sie mich! Ich wollte mit meinem Ton Ihnen zum Bewusstsein bringen, dass ich es außerordentlich merkwürdig finde, wenn einer fünf Minuten vorm Kampf plötzlich Lust zum Nachhausegehen bekommt. Nichts weiter."
Wir lauschen atemlos vor Spannung. Michael ist ein älterer, sehr ruhiger Mensch, der eigentliche Führer der Kompanie, der uneingestanden jedem von uns wegen seiner Gelassenheit und seiner Orden imponiert. Wie wird er sich benehmen?
Er steht nicht einmal auf. „Sie wollen also gewissermaßen Ihre persönliche Meinung dahin zum Ausdruck bringen, dass Sie mich für feige halten, nicht wahr?" fragt er beinahe gemütlich.
Fischer stottert in sinnloser Wut: „Das ist allerdings meine Meinung."
„Glaub', was du lustig bist, mein Junge!" sägt Michael ganz nebenbei und dreht sich auf die andere Seite.
Fischer kreischt, weint fast vor Erregung: „Sie werden mir Satisfaktion geben, Sie — Sie..."
Andere mischen sich ein und bringen Fischer zur Ruhe. Michael hat bedeutend bei uns an Terrain verloren.
Zu unserer aller Überraschung steht er plötzlich auf und geht auf Fischer zu: „Entschuldigen Sie, Herr Kamerad, wenn ich Sie beleidigt habe. Meine Bemerkung war vielleicht etwas missverständlich, und ich hätte sie besser unterlassen. Aber es hat doch keinen Zweck, dass
wir uns hier untereinander noch in die Haare geraten."
Er streckt Fischer die Hand hin. Der zögert einen Augenblick, sieht sich wie hilfesuchend nach uns um und schlägt schließlich halb unwillig ein.
Dann spricht Michael langsam in die Stille: „Wir sollten nach Hause gehen, sagte ich. Denn ganz offenbar haben die Arbeiter doch keine Lust, mit uns anzubinden. Außerdem halte ich die Besetzung des Volksparks für einen taktischen Fehler, weil wir damit der Gegenseite einen Grund zum Kampf geben. Das war meine Ansicht."
Wieder schweigen alle betreten.
„Aber das ist doch die Hauptsache, dass wir die Leute endlich zum Kampf herauslocken," sagt schließlich jemand zögernd. Ein zweiter fällt ein, ein dritter, und plötzlich ist eine erregte Diskussion im Gange.
„Natürlich, die Hauptsache ist, dass es endlich zum Kampf kommt."
„Nur so können wir die Regierung Kapp-Lüttwitz unterstützen."
„Lächerlich, wozu wären wir denn sonst überhaupt hier?"
Ich verfolge die Auseinandersetzung mit höchster Spannung. Michael lächelt ganz merkwürdig. Dann fragt er einen neben ihm sitzenden Studenten: „Wofür kämpfen Sie eigentlich?"
Der sieht sich verlegen im Kreise nach Unterstützung um und murmelt unsicher: „Für Kapp natürlich."
„Und Sie?" wendet sich Michael an einen anderen.
„Für Ruhe und Ordnung," antwortet der prompt. „Und Sie?"
Der Führer der katholischen Verbindung gibt klar und bestimmt zurück: „Für die rechtmä­ßige Regierung Ebert-Noske."
Ein Irrtum ist nicht möglich: Jeder hat die Antwort klar und deutlich verstanden, und jeder sieht sich verlegen nach seinem Nebenmann um, was der wohl für ein Gesicht dazu macht.
Aber nur im Hintergrund brummt einer halblaut: „Schöne Sauerei!" Im Ernst wagt niemand etwas zu sagen. Denn der Führer der Katholiken ist ein älterer Oberleutnant, der den Hohenzollern hat. Und gegen einen solchen Mann kann man doch nichts unternehmen!
Außerdem stellt die katholische Verbindung immerhin einen sehr beträchtlichen Teil der gesamten Kompanie dar.
Michael lächelt immer noch. Die Situation wird unendlich peinlich: jeder von uns fühlt das Beschämende, dass wir im Grunde nicht einmal wissen, wofür wir kämpfen wollen. Aber statt irgendeines Entschlusses ist das Resultat unserer Gefühle eine dumpfe Wut auf Michael, der uns in diese bedrückende und unangenehme Lage gebracht hat.
Wir atmen alle erleichtert auf, als draußen plötzlich in großer Nähe ein paar Schüsse fallen.
Ein kurzes Kommando Michaels, und wir stürzen zu den Plätzen, die uns vorher zugewiesen wurden.
Wie ich mit Webach hinter unserm M. G. hocke, kommt mir wohl noch einmal der Gedanke an die eben erlebte Szene. Aber er wird schnell erstickt von der ungeheuren Gespanntheit, mit der ich den Patronengurt in das Schloss des Gewehrs einziehe.
Wir warten vergebens. Die Schüsse wiederholen sich nicht. Müde, verärgert und übernächtig erwarten wir den Morgen. Da kommt dann der Befehl, dass wir den Volkspark wieder räumen sollen.
Wir fragen uns, was denn die Besetzung überhaupt für einen Zweck gehabt hat, wenn wir sie doch gleich wieder aufgeben müssen. Ich wage nicht, mir eine Antwort darauf zu geben, und tue so, als hätte ich es nicht gehört, wie jemand in meiner Nähe mit hämischen Lächeln sagt:
„Da haben sich die Herren vom Garnisonkommando wieder einmal geschnitten. So dumm sind die Latjer denn doch nicht, dass sie blindlings in ihr Verderben rennen. Wir werden doch wohl den Angreifer spielen müssen."
Im Quartier legen wir uns dann schlafen.
Nirgends in der Stadt ist es bisher zu Kämpfen gekommen.

 

MITTELDEUTSCHLAND BRENNT!

Immer noch quälendste Ungewissheit. Aus Berlin hören wir überhaupt nichts mehr. Tatenlos liegen wir herum und wissen im Grunde nicht, wozu wir auf der Welt sind. Wir kommen uns bald lächerlich vor. Etwas muss doch nun endlich geschehen!
Zeitungen gibt es nicht mehr. Hin und wieder erscheint noch einmal ein kurzes Nachrichtenblatt, das einige Streikbrecher im Betrieb einer bürgerlichen Zeitung gedruckt haben. Aber diese spärlichen Extrablätter enthalten nur dürre Nachrichten, die uns wenig sagen.
Einmal zirkuliert bei uns eine solche Ersatz-Zeitung. „Mitteldeutschland brennt!" heißt eine fette Schlagzeile. Und dann lesen wir von grauenhaften Szenen, die sich allenthalben in der Provinz Sachsen und in Thüringen in diesen Tagen abgespielt haben.
In Bitterfeld, Golpa, Wolfen und Zschornewitz blutige Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Mitgliedern der Technischen Nothilfe, die die großen Werke, die Berlin mit elektrischem Licht versorgen, wieder in Gang bringen wollten. Mehrere Tote und viele Verwundete. Man hat Nothelfer gefunden, denen die Geschlechtsteile abgeschnitten und in den Mund gesteckt worden sind! Wir glauben alles!
In Naumburg und Weißenfels sind die Garnisonen nach schweren Verlusten in ihren Kasernen eingeschlossen worden; das Reichswehrbataillon Merseburg liegt seit Tagen in schwerstem Kampf mit „Aufständischen". In Sangerhausen hat man sinnlos einen Pfarrer ermordet. In Eisleben wollten einige Rote bei dem Generaldirektor der Mansfeld A. G. ein Automobil beschlagnahmen. Als die Herausgabe verweigert wurde, hat man den Direktor Vogelsang und seinen Chauffeur einfach totgeschlagen. Die Schupo ist in einer Schule eingeschlossen, die Arbeiterschaft des Mansfelder Seekreises hat sich bewaffnet...
Alles, um die Militärdiktatur zu bekämpfen.
Und nicht die geringste Nachricht aus Berlin!
Diese hilflose, trostlose, lähmende Abgeschlossenheit, in der wir uns seit Tagen befinden, ist auf die Dauer unerträglich.
Wir glauben alles, was uns erzählt wird. Ein Besonnener weiß zwar zu bemerken, dass die Geschichte mit den in den Mund gesteckten Geschlechtsteilen eine sehr beliebte Gräuelnachricht ist, die aus dem ersten Balkankrieg stammt. Wir sind zu erregt und zu besorgt, um auf seine Worte zu hören.
Uns überfällt plötzlich die fröstelnde Erkenntnis, dass es dieses Mal blutiger Ernst werden wird. Ganz schüchtern denke ich auch daran, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wäre ich still und bescheiden zu Hause geblieben und hätte den Kriegsruhm anderen überlassen. Aber es ging ja leider nicht. Auch habe ich keine Zeit, mir dies alles klar zu machen. Plötzlich werden wir alarmiert. Im fahlen Morgengrauen ziehen wir durch die schlafende Stadt zum Hauptbahnhof. Niemand weiß, wohin es geht.
Abenteuerliche Gerüchte kommen auf und werden geglaubt. Wir sollen nach Berlin, alle Truppen aus Mitteldeutschland sollen Berlin einschließen, um den Widerstand der Roten gegen die neue Regierung endgültig zu brechen. Wir sollen nach Leipzig fahren, um die dortige Garnison aus einer verzweifelten Lage herauszuhauen. Im Süden Halles sind schwere Kämpfe mit einer Roten Armee im Gange, bei denen man uns braucht...Wir glauben alles.
Der Hauptbahnhof ist von Zeitfreiwilligen besetzt. Das stärkste Kontingent der Besatzung wird hier von der theologischen Verbindung Warteburgia gestellt. Ein älterer Herr, der über der Uniform eines Felddivisionspfarrers das bunte Band dieser Verbindung trägt, beglückwünscht uns ironisch: wir sollen nach Eisleben. Ordnung schaffen.
Leutnant Michael, der uns führt — der Professor ist zu Hause geblieben —, sagt gleichmütig: „Na schön!" Seine Ruhe steckt an. Ich fühle mich sicher, ich habe die Gewissheit, dass mir nichts passieren kann, solange Michael uns führt. Ich weiß: das ist sinnlos, aber ich glaube doch daran.
Auf dem Bahnsteig hält ein Panzerzug. Die Lokomotive ist bereits unter Dampf. Wir steigen ein.
Die Waggons reichen nicht aus, und das bisschen Platz, das für uns übrig ist, wird zudem noch von Maschinengewehren und einer Unmenge von Handgranaten verengert, die überall herumliegen.
Webach und ich kommen mit unserm Gewehr in einen Waggon, der früher einmal als Viehwagen gedient hat, dann aber notdürftig mit Panzerplatten ausgeschlagen worden ist. Die Sehschlitze sind viel zu klein.
Die schweren Eisentüren schlagen hinter uns zu, und ich fühle die beklemmende, die würgende Drohung des Eingeschlossenseins wie einen körperlichen Schmerz und wie eine unmittelbare Gefahr.
Es ist fürchterlich heiß. Bei der Abfahrt fühlen wir jeden Schienenstoß als dumpfe Erschütterung im Gehirn, denn die Wagen haben keine Federung.
Wir fahren sehr langsam. Fortwährend werden wir aufgehalten, weil eine Weiche mit der Hand gestellt werden muss, oder weil sich das Lokomotivpersonal über den richtigen Weg nicht einig werden kann.
Bald bekommen wir — Truppen, die die Militärdiktatur aufrichten wollen — auch Feuer. Wir merken es daran, dass aus dem Nachbarwagen plötzlich ein M. G. zu belfern beginnt.
Dann höre ich das ominöse Pfeifen einer Kugel, die durch einen Sehschlitz gedrungen ist. Kein Mensch wagt, das Feuer zu erwidern, denn solange man sich nicht an den Schiessscharten zeigt, ist man einigermaßen sicher.
Die größten Schreier, die vorher immer mit Wonne sich die kommenden Kämpfe ausgemalt haben, werden langsam still. Es sind nur ganz wenige, die sich auf die alten Feldsoldaten ausspielen, denen nichts mehr imponieren kann, und die jede neue Kugel mit einem „Hoppla!" oder einem dummen Witz begrüßen.
Auch sie verstummen bald. Sie merken, dass sie kein Publikum haben. Es ist auch zu unheimlich, so zwischen Stahlwänden eingeschlossen zu sein, keinen Feind zu sehen, und sich wie ein Stück Vieh irgendwohin fahren zu lassen.
Webach stößt mich ironisch lächelnd an:
„Mensch, ich komme mir vor wie so'n Ochse, den se hier früher mal in dem Wagen in die Knochenmühle gefahren haben."
„Nur, dass der Ochse hier hereingetrieben wurde, während wir freiwillig hineingegangen sind," sage ich, ohne zu wissen, was ich sage.
Webach schimpft: „Red' doch keinen Stuss! Was sollen wir denn sonst machen, was?"
Ja, was sollen wir sonst machen? Ich weiß es auch nicht, und es ist höchst töricht von mir, dass ich plötzlich an eine Ruderfahrt denken muss: faulendes Wasser, das in der Sonne glitzert, grünende Büsche und Bäume mit herabhängenden Zweigen.
Und an mein Elternhaus. An die Blütensträucher und den Rasen, ein Hahn kräht, und unser Hund liegt schläfrig auf der Veranda und blinzelt träge in die Sonne...
Was soll das jetzt hier? Hier wird etwas anderes gespielt:
Jemand erzählt nüchtern, dass man Panzerzüge am besten bekämpft, indem man eine geballte Ladung Handgranaten auf die Schienen legt. Und ein anderer sekundiert ihm brummend
„Hier im Bergwerksrevier gibt es doch genug: hochbrisante Sprengstoffe..."
Wer weiß, ob wir überhaupt unser Ziel erreichen werden.
Dann wieder ein Aufenthalt. In der plötzlichen Stille hören wir heftiges Schießen. Ein Kommando:
„Aussteigen!"
Wir drängen uns vorsichtig durch die Türen auf den Bahndamm hinaus. Ein freundliches Gelände: Täler, sanfte Höhen, Wiesen, keimende Blätter an Büschen und Bäumen. Im Tal ein Dorf.
Wir werden stark beschossen, aber wir sehen niemanden.
Ich ziehe immer noch den Kopf ein, wenn ich eine Kugel pfeifen höre. Aber Michael steht mitten auf dem Bahndamm und gibt in aller Ruhe seine Kommandos. Ich muss doch wohl sehr feige sein. Ich beiße die Zähne zusammen und sage zu Reicke, der neben mir steht, mit möglichst gleichgültiger Stimme:
„Schießen nicht gut, die Strolche, wie?"
Reicke spuckt kräftig aus und stimmt mir bei: „Alles zu hoch!"
Ich bewundere ihn und beschließe, keine Angst mehr zu haben.
Wie wir dann unser M. G. Schussfertig machen und zwei Gurte auf die gegenüberliegenden Höhen abfeuern, bin ich auch wirklich ganz ruhig und freue mich sachlich darüber, wie gut mir die kleinen Handgriffe an der Waffe gelingen.
Die Schienen sind wenige Meter vor unserem Zuge aufgerissen, wir haben noch vier Kilometer bis Eisleben zu gehen. Nur noch vereinzelt beschossen, machen wir uns auf den Weg.
Die Straße ist ziemlich dicht bebaut Überall sehen uns Menschen nach, sie kommen uns entgegen, folgen uns in einiger Entfernung, gehen
vor uns her, weichen nur langsam und widerwillig zurück. Es werden immer mehr. Sie betrachten uns mit höhnischen Blicken, stoßen sich an, lachen, spucken aus.
Endlich stehen wir auf dem Marktplatz. Die Eingänge der Straßen, die auf den Platz münden, sind im Nu von wimmelnden Menschenhaufen verstopft. Dann stehen wir und warten, denn Michael ist mit einigen Leuten ins Rathaus gegangen.
Es werden nicht einmal mehr Witze gemacht. Wir haben seit dem frühen Morgen nichts gegessen, aber jetzt hat niemand Lust dazu.
Aus den Straßen dringt drohendes, verworrenes Gemurmel. Hin und wieder gellt ein Pfiff, dem johlendes Gelächter folgt.
Endlich kommt Michael wieder heraus. Sein Gesicht ist noch immer unbewegt, er gibt seine Anordnungen mit schwerfälligen, gelassenen Handbewegungen: „Zurück!"
Ein irrsinniges Hohngeschrei schrillt hinter uns her, wie die letzte Gruppe den Platz verlässt. Die Menge folgt uns, drängend und stoßend. Dann fliegen ein paar Steine.
Wir halten und machen ein M. G. Schussfertig. Die Menschen stehen und starren. Webach zieht so ruhig den Patronengurt durch das Schloss, als wäre er auf dem Truppenübungsplatz. Dann dreht er den Kopf zu Michael: „Soll ich?" fragt er lächelnd.
...Ich habe Angst vor meinem Freund Webach: da vor uns, kaum zwanzig Meter entfernt' stehen Menschen...
Michael nickt: „Auf das Kirchdach halten."
Wir schießen, eine Serie von fünfzig Schuss knattert, die Menschen laufen entsetzt davon. Dann können wir weitergehen.
Als wir uns dem Halteplatz unseres Zuges nähern, bekommen wir Feuer, plötzlich und überraschend. Aus den Häusern vor uns, aus den Gebüschen an der Straße, aus Gärten, hinter Mauern hervor.
Im Laufschritt suchen wir Schutz hinter den Häusern, die am Fuß des Bahndamms stehen. Eins unserer M.G.s rattert blind in die Gegend. Wieder ist kein Mensch zu sehen.
Einzelne Schreie steigen auf. Flüche. Verwundete. Ein dicker Student — Blut sickert ihm aus dem Ärmel — schüttelt seine Faust und brüllt mit wutverzerrtem Gesicht in den Höllenlärm: „Ihr Lausejungens! Ihr Scheißkerle! Ihr..." Dann wird er ohnmächtig.
Atemlos keuchend bringen wir unser Gerät an einer Gartenmauer in Stellung. Neben uns steht ein junger Mensch, den ich noch vom Gymnasium her kenne. Schenk, ein Jurist.
Plötzlich knickt er in den Knien zusammen und sinkt plump und schwer auf Webachs Körper, der ihn unwillig abschüttelt: der Tote stört ihn beim Schießen. Ich friere, und gleichzeitig ist mir unerträglich heiß.
Das Schießen lässt nach. Wir klettern die Böschung des Bahndamms hinauf und sitzen endlich im Zug. Zwei Mann schieben den toten Schenk in unseren Wagen. Ein älterer Offizier drückt ihm die Augen zu und faltet seine schon erstarrenden Hände über dem Leib zusammen. „So, mein Junge," sagt er dabei wie tröstend.
Dann fahren wir. Der Tote liegt unmittelbar neben mir. Dann und wann sehe ich ihn scheu an. Einmal bei einer Kurve rüttelt der Wagen stark, ich stütze mich mit einer Hand auf und fasse dabei an Schenks Bein. Ich ziehe meine Hand zurück, als hätte ich in Feuer gegriffen
Zigaretten glimmen auf. Gesprächsfetzen wirbeln durch den Wagen. Irgendwo klirrt bereits ein Lachen. Ein Verwundeter stöhnt und wird von seinen Nachbarn herzhaft und ermutigend bedauert.
Webach schläft neben mir. Wie kann man nur jetzt schlafen!
Ich höre und sehe alles wie im Traum. Es ist, als hätte sich zwischen mich und meine Umgebung eine dicke Glaswand geschoben. Die Dinge sind mir fremd und unwirklich, sie schmerzen nicht, sind nur erstaunlich und unheimlich neu und sonderbar.
„Wenn die Fettköppe ihre Arbeiter besser behandeln würden, dann brauchten wir uns jetzt hier nicht krumm schießen zu lassen. Kein Aas hätte den Direktor totgeschlagen, wenn er nicht ein schlechter Hund gewesen wäre."
Der so spricht, ist ein verwundeter Korpsstudent. Ich wundere mich über ihn. Noch mehr darüber, dass viele ihm recht geben.
Manchmal kommt einer zu dem toten Schenk herangekrochen, fragt mich nach seinem Namen, sagt „Armer Kerl!" und geht wieder zurück
Einige erzählen ihre Heldentaten: „Kann dir sagen, Mensch, grade wie das Aas da über den Zaun sah, pautz,—hatte er ein Ding in der Fresse. Bestimmt, quatsch' doch nicht, ich hab' genau gesehen, dass ich getroffen habe."
„Verfluchter Kram, das Ganze, ich hab' einen saumäßigen Durst."
„Da fällt mir übrigens ein, ich glaube, es war am Kemmel..."
„Mach' ich nie. Wenn man sich richtig ausgekotzt hat, braucht man keinen sauren Hering. Ich mache das immer ganz anders..."
„Spiel doch das As aus, du Idiot! Verschenkt der Dussel glattweg achtzehn Augen."
Wie der Zug eine jähe Biegung nimmt, kollert Schenks Kopf schwer von rechts nach links. Es hat keiner außer mir darauf geachtet.
Bei der Ankunft auf dem Bahnhof in Halle erzählt jemand gerade von einem fabelhaften Mädchen, das er neulich in der „Fledermaus" kennen gelernt hat.
Wir helfen den Verwundeten aus den Wagen, dann heben wir Schenk heraus.
Die Theologen, die noch immer den Bahnhof bewachen, fragen uns aus. Wir spielen die Gleichgültigen:
„Schöne Scheiße, kann ich Ihnen versichern, verehrter Herr!"
Ein Offizier spricht mich wegen Schenk an, und ich höre mich mit merkwürdig fremder Stimme antworten:
„Kopfschuss! War gleich tot."
Dann fahren wir auf einigen Lastwagen zur Kaserne zurück. Dort werden wir bestaunt und hoch aufgenommen. Die Zurückgebliebenen beneiden uns um unsere Erlebnisse, und wir fragen uns dabei, was wir eigentlich in Eisleben zu suchen hatten.
Aber wir wissen es ja doch nicht, und darum fragen wir bald nicht mehr danach.

 

SPARR WILL NICHT STERBEN

Mit dem gemütlichen Leben ist es nun vorbei: es hat in der Stadt die ersten Toten gegeben.
Die Stuttgarter Regierung hat einen Zivilkommissar ernannt. Wir hören davon beim Abendappell und nehmen die Nachricht mit wütendem Gescharre auf. Es ist ein Rechtsanwalt, der bei uns sehr unbeliebt ist. Ein gebildeter Mensch, der trotzdem mit den Arbeitern paktiert! Auf verschiedenen Gesellschaften hat er unliebsames Aufsehen dadurch erregt, dass er die Republik wortreich verteidigte! (Später wurde dieser Rechtsanwalt — Dr. Schreiber — preußischer Handelsminister.)
Wir wissen nicht, welche Machtbefugnisse der Kommissar hat. Uns erscheint die Tatsache, dass in einer schwerbewaffneten Stadt, in der keinerlei Sympathien für die rechtmäßige Regierung vorhanden sind, eben diese Regierung einen Bevollmächtigten ernennt, im höchsten Grade lächerlich. Und wie das Gerücht aufkommt, Schreiber sei vom Garnisonkommando verhaftet worden und sitze im Untersuchungsgefängnis, da freuen wir uns alle herzlichst.
Während wir in Eisleben waren, hat Schreiber eine Versammlung genehmigt, in der Sozialdemokraten und Gewerkschaftler gegen die Kapp-Regierung protestieren wollen. Tausende von Arbeitern ziehen aus der Stadt auf die Saalewiesen, Reden werden gehalten, in denen zum Kampf gegen die Militärdiktatur aufgefordert wird, da die Waffe des Generalstreiks offenbar nicht wirksam genug sei.
Die Versammlungsteilnehmer müssen auf ihrem Weg nach der Stadt zurück am Hettstedter Bahnhof vorbei, der seit einigen Tagen von Zeitfreiwilligen besetzt ist. Es ist eine akademische Sängerschaft, die hier den Wachtdienst versieht.
Ein Doppelposten steht vor der Bahnhofstür. Passanten geraten mit den beiden in ein Wortgefecht, das schließlich in Handgreiflichkeiten übergeht. Immer mehr Arbeiter mischen sich ein. Ein verwirrter Student, der seine Kameraden in Not sieht, gibt einen Schuss ab.
Ein vieltausendstimmiger Aufschrei. Eine schwarze Menschenwoge schlägt über dem Bahnhofsgebäude zusammen. In wenigen Sekunden sind die Posten niedergeschlagen, die Besatzung entwaffnet.
Dreißig Studenten werden als Gefangene nach Merseburg abtransportiert, wo die Arbeiterschaft schon seit Tagen die tatsächliche Gewalt in Händen hat.
Kurz vor der Brücke, die in der Nähe des Bahnhofs über die Saale führt, versuchen zwei Studenten, die von der bestialischen Ermordung von Soldaten durch Spartakisten gehört haben, zu fliehen.
Es ist dieselbe Brücke, auf der vor nicht ganz einem Jahr der Kommunist Meseberg erschossen wurde. Dutzende von gefangenen Arbeitern sind in den letzten anderthalb Jahren von Regierungstruppen „auf der Flucht erschossen" worden. Die Erinnerung an den toten Meseberg ist noch wach, und die verhängnisvolle Identität des Schauplatzes tut ein Übriges:
Den einen der Studenten schießt man tot.
„Rache für Meseberg!" Man wirft den Leichnam in den Fluss.
Der andere ist nur leicht verwundet, er springt über das Geländer der Kaimauer in die Saale und versucht, sich schwimmend in Sicherheit zu bringen. Man schießt hinter ihm her. Er geht plötzlich unter und ertrinkt.
Die Nachricht vom Tode der beiden Studenten — Büsch und May heißen sie — schlägt bei uns ein wie der Blitz ins Pulverfass.
Es gibt jetzt keine Diskussionen mehr über Ziel und Zweck unseres Kampfes. Was alle politischen Argumente nicht erreicht haben, — die Ermordung unserer Kameraden schließt uns zu einer einheitlichen Masse zusammen. Wir müssen Rache nehmen für einen feigen Mord.
Am Abend dieses Tages sitzen wir auf unserer Stube und lauschen atemlos dem Schall der Schüsse, die jetzt überall fallen. Die Arbeiter haben in den Außenbezirken die Wachen der Einwohnerwehr entwaffnet. Es müssen ihnen dabei große Vorräte an Waffen und Munition in die Hände gefallen sein.
Während wir über alle diese Dinge sprechen, macht sich Sparr langsam und umständlich zum Ausgehen fertig. Das ist ein sehr riskantes Unternehmen, denn schon gestern soll man einen Zeitfreiwilligen, der sich in Uniform auf der Straße gezeigt hat, in der Innenstadt buchstäblich zertrampelt haben.
Sparr gilt bei uns als Außenseiter. Er passt eigentlich gar nicht in unsere Gruppe. Er ist bedeutend älter als wir alle, sehr still und verschlossen und außerdem fast taub. Seine Schwerhörigkeit gibt oft zu den peinlichsten Szenen Anlass. Zudem gehört er der katholischen Verbindung an. Wir lassen ihn neben uns herlaufen und kümmern uns nicht viel um ihn.
Reicke schreit ihn an: „Wo wollen Sie denn hin?"
„Meine Eltern besuchen," antwortet Sparr verlegen.
Alle schreien wir durcheinander: „Lassen Sie doch den Unfug sein, Sie werden ja totgeschlagen."
Aber Sparr lächelt still und höflich, antwortet uns nicht und geht schließlich, nachdem er uns allen eine korrekte Verbeugung gemacht hat.
Wir besprechen den Fall. Einige von uns halten Sparr für mutig, weil er sich in diese Gefahr begibt. Andere sagen, er wäre ganz einfach dumm.
„Das kommt nur von seiner Schwerhörigkeit," sagt Guhre abfällig, „der kriegt immer bloß die Hälfte mit und weiß gar nicht, was gespielt wird."
Wie wir uns schlafen legen, ist Sparr noch nicht wieder da.
„Entweder ist er getürmt, oder er ist tot," stellt Webach abschließend fest. Und dann schlafen wir.
Wir schrecken aus dem ersten Schlaf auf. Ein Karabiner fällt polternd um. Jemand schreit auf: „Mensch, sieh' dich doch vor! Du trittst mir ja auf die Mauken!"
Guhre schimpft über diese Rücksichtslosigkeit. Wir sind alle sehr ungehalten. Berg, unser Führer, dreht das elektrische Licht an.
Mitten im Zimmer steht Sparr. Er ist totenbleich und lächelt blöde.
„Der ist ja besoffen," knurrt Webach.
„Was ist denn los?" rufen wir ihn an.
Sparr fuchtelt erregt mit den Händen. Er ist in sinnloser Verwirrung: „Meine Herren," schreit er, und seine Stimme fistelt, „meine Herren, das ist eine Gemeinheit, das habe ich nicht gewusst! Meine Herren, ich bitte Sie, Sie müssen mir Aufklärung geben! Sie sehen, verzeihen Sie bitte, aber ich bin sehr erregt. Das habe ich wirklich nicht gewusst. Ich bitte, also verstehen Sie mich bitte richtig."
Er schweigt hilflos. Berg steht auf und klopft
ihm auf die Schulter: „Beruhigen Sie sich doch, Mann, was ist denn los?"
„Danke sehr, vielen Dank auch," stottert Sparr. „Es ist nur, — also in der Stadt sagt man ganz allgemein, wir stehen auf Seite von Kapp-Lüttwitz. Das ist doch nicht wahr! Meine Herren, ich bitte Sie, sagen Sie mir ehrlich: kämpfen wir wirklich für Kapp?"
Ein kurzer Augenblickbetretenen Schweigens. Dann bricht ein aufgeregter Stimmwirrwarr los. Gelächter, Schimpfworte, Erklärungen und Beruhigungen.
„Selbstverständlich kämpfen wir für Kapp."
„Kommen Sie ooch schon aus dem Mustopf?"
„Idiot!"
„Dussliger Hund!"
„Natürlich ein Kathole!"
Sparr lächelt noch immer. Er versteht uns nicht. Mir tut der arme Kerl leid, wie er — den Kopf angestrengt lauschend geneigt, die Hände nervös krampfend und spreizend — da im Zimmer steht. Eine armselige, lächerliche Erscheinung.
Dann herrscht wieder Schweigen. Jeder scheut sich offenbar, Sparr die Wahrheit zu sagen. Sparr scheint langsam zu begreifen: „Meine
Herren, das ist eine Gemeinheit: man hat mich betrogen! Ich will nicht für Kapp sterben. Ich kämpfe für Ruhe und Ordnung, ich will das Chaos verhüten. Ich kämpfe für die Republik!"
„Gehen Sie doch nach Hause, Sie Rindvieh, wenn Sie Schiss haben!" brüllt ihm Reicke zu.
Er muss es noch einmal sagen, denn Sparr hat ihn nicht verstanden. Der wird rot und sagt leise: „Herr Kommilitone, das ist nicht wahr Ich bin nicht feige. Aber wenn ich schon sterben soll, dann will ich wenigstens wissen, wofür."
Berg unterbricht ihn: „Sparr, jetzt legen Sie sich schlafen! Was ist denn das für ein Unsinn! Wer redet denn hier von Sterben müssen? Sie sind doch ein alter Soldat und ein geschmackvoller Mensch, dann lassen Sie doch diese großen Worte. Im übrigen hat das alles jetzt keinen Zweck mehr. Verlassen Sie sich darauf, in ein paar Tagen weiß niemand mehr, wofür wir kämpfen. Dann werden wir uns nur noch wehren, und Sie haben Gelegenheit genug, das Chaos zu verhüten. Und nun schlafen Sie sich aus."
Sparr gibt noch nicht Ruhe: „Aber wenn das wahr ist, ich meine, wenn wir uns nur noch gegen die Roten wehren müssen, dann haben wir doch eigentlich angefangen, nicht wahr? Oder irre ich mich da? Ich meine, — dann haben doch die anderen recht, wenn wir wirklich auf der Seite von Kapp stehen?"
„Ick hab' den Kriech nich jewollt!" witzelt Guhre weinerlich aus dem Hintergrund.
Einige lachen. Berg wird jetzt energisch: „Nun halten Sie bitte endlich den Mund, ja? Zu spitzfindigen Erörterungen haben wir jetzt wirklich keine Zeit. Außerdem können Sie morgen tun, was Sie wollen. Meinetwegen können Sie nach Hause gehen."
Das Licht wird ausgedreht, und wir legen uns wieder hin. Ich bin merkwürdig erregt. Sparr ist doch sicher ein ganz dummer Kerl, warum erschüttert mich seine Hilflosigkeit so? Und warum kann ich nicht einstimmen, wie Webach neben mir, schon halb im Schlaf brummt: „Schiss hat der Kerl, und nichts weiter."?
Das schwarze Fensterviereck füllt sich manchmal mit dem grellerr Schein von Leuchtraketen. Hin und wieder knallen Schüsse. Aber bald schlafe ich auch.
Früh am nächsten Morgen wieder Alarm.
Wir werden auf zwei Lastautos verladen und fahren zur Artilleriekaserne: die Merseburger
Garnison muss Merseburg verlassen. Der Arbeiterrat hat den Truppen freien Abzug zugesichert. Wir sollen zu ihrem Schutz eine Aufnahmestellung für sie bilden.
Wie wir auf dem Kasernenhof ausgeladen werden, pfeifen Kugeln. Die Kaserne wird fortwährend aus größerer Entfernung beschossen, aber die Kugeln gehen alle zu hoch.
Ich ducke mich jetzt nicht mehr, wenn ich das Pfeifen höre. Manchmal wundre ich mich selbst darüber. Ich muss doch wohl ein ganz tüchtiger Soldat sein.
Wie wir dann unsere Stellung beziehen wollen, kommen uns ein paar Leute entgegen, die einen Toten tragen. Ich kenne ihn. Es ist ein Turnerschafter, mit dem ich öfter zusammen gewesen bin. Sein Gesicht ist ganz blau.
Wir fragen die Träger, was mit ihm geschehen ist. Verwundet ist er nicht. Als die Stellung eben schweres Maschinengewehrfeuer bekam, hat sich der Student, der nicht im Felde war, so aufgeregt, dass er anscheinend einen Herzschlag bekommen hat.
Wir besetzen den Straßengraben längs der Chaussee, auf der die Merseburger kommen müssen.
Es ist ein wunderschöner, klarer Frühlingsmorgen.
Sparr geht neben mir. Er trägt ein leichtes M. G. und sieht ruhig und gleichmütig aus. Ich sehe ihn verstohlen von der Seite an. Der Spuk von heute Nacht ist verschwunden. Sparr ist ein Soldat wie alle anderen. Aus irgendeinem Grunde freue ich mich darüber.
Wir bringen unsere M.G.s in Stellung und bestreichen einen Bahndamm, von dem aus wir manchmal beschossen werden. Dann ist alles ruhig.
Nach zwei Stunden sehen wir in der Ferne die Merseburger ankommen. Leute von uns gehen auf die Chaussee und winken ihnen zu.
An der Spitze fahren einige Wagen. Unter dem Zeltdach des ersten sehen wir ein Bein herausragen, eine Hand: Tote.
Dann folgt die Infanterie — etwa ein Bataillon — im Laufschritt. Alle sehr erschöpft, mit unruhigen Augen, in denen die Angst sitzt.
Plötzlich knattert ein irrsinniges Maschinengewehrfeuer los. Die Kugeln pfeifen dicht über unsere Köpfe hin, wir werfen uns in den Graben und suchen vergebens, den Feind zu entdecken.
Sparr steht immer noch auf der Chaussee. Er kann das Pfeifen der Kugeln nicht hören, und wir sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um ihn warnen zu können.
In einer kurzen Feuerpause hebe ich den Kopf. Sparr hüpft mit an den Leib gepressten Armen auf der Chaussee hin und her. Unter seinen verkrampften Händen sickert Blut hervor. Das Geräusch der Schüsse verstummt, einige Verwundete wimmern und stöhnen leise.
Sparr schreit entsetzlich.
Zwei, drei springen auf und zerren ihn in die Deckung des Grabens. Er hegt dicht neben mir.
Ich kann dieses dumpfe, klagende, fast tierische Gebrüll nicht ertragen. Ich presse mir die Hände vor die Ohren. Ich kämpfe mit dem Erbrechen.
Das Feuer beginnt von neuem. Ich werfe mich neben Sparr, reiße wie die Anderen mein Verbandspäckchen heraus.
„Halt' ihm doch die Hände fest!" schreit mich mein Nebenmann an, der sich vergebens bemüht, Sparrs Wunde zu verbinden.
Ich packe ihn bei den Armen. Er schreit noch immer. Sinnlos vor Entsetzen und Mitleid rufe ich ihm zu: „Sparr! Es wird ja gleich gut!"
Sparrs Augen verdrehen sich. Man sieht nur
noch das Weiße. Ein Zittern durchläuft seinen Körper. Endlich, endlich ist er besinnungslos.
Der Kamerad, der ihn verbindet, schüttelt den Kopf: „Wenn er heute morgen gut gefrühstückt hat, ist er erledigt. Immer so bei Bauchschüssen."
Das Verbinden hat keinen Zweck. Unaufhaltsam dringt das Blut unter dem Verband hervor.
Ich krieche vorsichtig zurück, laufe zur Kaserne und schleppe eine Tragbahre herbei. Bei meiner Rückkehr höre ich schon von weitem Sparrs Schreien. Er ist wieder zu Bewusstsein gekommen.
Die Chaussee wird immer noch beschossen. Mehrere Verwundete kriechen mühsam den Graben entlang zur Kaserne.
Wir heben Sparr auf die Bahre. Er ist plötzlich ganz ruhig geworden, schlägt die Augen auf und versucht ein freundliches Lächeln.
„Ich danke Ihnen," flüstert er kaum hörbar. Dann sagt er nichts mehr.
Wir tragen ihn vorsichtig zurück. Gegenüber der Kaserne liegt das Krankenhaus „Bergmannstrost". Wir liefern ihn dort ab.
Dann gehen wir schweigend zurück.
Webach sieht mich an: „Mensch, du bist ja ganz blass. Daran wirst du dich wohl noch gewöhnen. Geht jedem zuerst so, wenn er einen Menschen sterben sieht. Komm, wir wollen in der Kantine erst einen Schnaps trinken, ehe wir wieder nach vorne gehen."
Ich gieße mit zitternder Hand ein paar Gläser Cognac hinunter. Halb betrunken gehen wir zu unserer Kompanie zurück.
Das Feuer ist verstummt. Dafür fängt jetzt im Nebenabschnitt ein Feldgeschütz an zu schießen.
Ich liege dumpf, halb ohne Bewusstsein bis zum späten Nachmittag hinter unserm M. G. Manchmal schießen wir auch. Mir ist alles gleichgültig.
Bei Einbruch der Dunkelheit werden wir abgelöst. Ich trage Sparrs M. G.
Am Abend sind wir wieder in unserem Quartier. Von einer später eintreffenden Abteilung hören wir, dass Sparr kurz nach der Einlieferung im Krankenhaus gestorben ist.
Ich stehe am Fenster und sehe auf den dunklen Schulhof. Die Fensterscheiben sind schön kühl.
Sparr ist tot.
Sparr, der nicht für Kapp sterben wollte...Beim Appell hören wir am gleichen Abend, dass die Regierung Kapp zurückgetreten ist.

 

DIE HAND AN DER GURGEL

Was nun?
In der Kaserne herrscht tiefste Niedergeschlagenheit. Kapp ist zurückgetreten, der Putsch missglückt. Also können wir jetzt nach Hause gehen? Also sind unsere Kameraden „umsonst gefallen"?
Wir sind blamiert bis auf die Knochen. Alle hochfliegenden Pläne, die einige Enthusiasten unter uns in leidenschaftlichen Diskussionen immer wieder auseinandergesetzt haben, sind sinnlos gewesen.
Die Republik hat gesiegt.
Wir sind wie vor den Kopf geschlagen. Was sollen wir jetzt noch unter Waffen? Einige Hitzköpfe propagieren einen Putsch, den wir höchst selbständig unternehmen sollen. Aber kein Mensch hat Lust dazu. Nicht etwa, weil wir die Aussichtslosigkeit eines solchen Unternehmens einsehen, sondern einfach deshalb, weil wir zu verwirrt und zu enttäuscht sind, um überhaupt etwas zu tun.
Der Krieg ist zu Ende. Das ist der Drehpunkt aller Gespräche an diesem Tage.
Aber man schickt uns nicht nach Hause. Es scheint, als ob mit dem Rücktritt der Rebellenregierung die Kämpfe erst richtig beginnen sollten. Fortwährend wird geschossen, und wir wissen nicht, warum.
Plötzlich tauchen bei der Kompanie der Einwohnerwehr einige Leute auf, die sich stolz als Demokraten und sogar als Sozialdemokraten bezeichnen. Was wollen sie bei uns? Die allgemeine Ratlosigkeit und Verwirrung wächst von Stunde zu Stunde.
Über Nacht hat sich unsere Stellung in so groteskem Maße gewandelt, dass wir immer noch nicht daran glauben können: Wir, die wir gestern noch mehr oder weniger offen auf der Seite der Republikgegner standen, sind heute plötzlich die berufenen Hüter und Beschützer der rechtmäßigen Regierung, von der wir nichts wissen wollen. Und die Anderen, die gestern noch mit dem Schein des Rechts die Truppen der Militärdiktatur bekämpften, sind nun die Feinde der Republik, „Aufständische", „Verbrecher", die den Frieden stören, die wir mit vollster Billigung aller Gesetze und in Erfüllung
einer hohen sittlichen Pflicht totschlagen dürfen und müssen.
Beim Kompanieappell wird uns die Lage klargemacht: Jetzt handelt es sich eben nicht mehr um Kapp-Lüttwitz, jetzt ist die deutsche Republik in schwerster Gefahr, und man muss sie gegen die Angriffe der Bolschewisten verteidigen, die einen Rätestaat Deutschland errichten wollen.
Und plötzlich sind sie alle wieder da: der Befehlshaber der Reichswehr, der General Seeckt, von dessen Existenz wir seit vierzehn Tagen überhaupt nichts mehr gehört haben, erlässt Aufrufe an seine Truppen, die Regierung in Stuttgart telegraphiert Dank und Ermahnung...
Der Teufel soll sich darin zurecht finden! Wir bemühen uns nicht mehr darum. Wir sind Landsknechte geworden. Wir werden von der Republik bezahlt, also beschützen wir sie. Die Bürger der Stadt schicken uns Zigaretten und Schokolade in die Kaserne, also passen wir auf, dass die Spartakisten ihr Eigentum nicht zerstören. Und im Grunde haben wir mit alledem so gut wie nichts zu tun.
Wir sind betrogene Betrüger. Wir tragen unsere Haut zu Markte und wissen nicht, warum und wozu. Dann sagt man uns, dass die heiligsten Güter der Nation — Privateigentum und Kultur — gegen eine wilde Meute blutgieriger Strolche verteidigt werden müssen. Wir verteidigen sie.
Das Geknatter der Schüsse, der dumpfe Krach explodierender Handgranaten, das dröhnende Stoßen schwerer Minen und das Donnern der Geschütze erfüllt ohne Unterbrechung die nächsten Tage und Nächte.
Fortwährend werden wir an den Stadtgrenzen eingesetzt, um den Ansturm der „Roten Armee" abzuschlagen.
Wohin wir auch bei diesen Unternehmungen kommen, überall — im Osten, Süden, Norden und Westen der Stadt — sehen wir uns dem Feind gegenüber.
Die Stadt ist eingeschlossen.
Wo kommen diese Menschen alle her? Es müssen Tausende sein, entschlossen, gut bewaffnet und noch besser geführt.
In den kleineren Städten der Provinz sind die Schupoabteilungen und die Einwohnerwehren entwaffnet. Aus dem Mansfelder Seekreis, aus Merseburg, aus dem Geiseltal, aus Leuna, —
von allen Seiten strömen die bewaffneten Arbeiter auf Halle zu.
Wir werden unruhig. Wir fühlen, dass sich uns eine eiserne Hand um die Gurgel legt. Von Tag zu Tag wird ihr Griff würgender.
Wir rechnen unsere Chancen aus. Sie stehen nicht gut. In der ganzen Stadt liegen vielleicht zweieinhalb Tausend bewaffneter Truppen. Gut die Hälfte davon ist für Kampfhandlungen unbrauchbar. Schon mehren sich die Fälle, dass die älteren Herren der Einwohnerwehr — gutgestellte Bürger, die aus irgendeiner romantischen Regung heraus, oder weil sie zu Hause Angst hatten, sich in die Truppe einreihen ließen — sich weigern, „an die Front" zu gehen.
Wir sind andauernd auf den Beinen. Tag und Nacht. Bald hier, bald da werden wir eingesetzt. Immer kommt es zu heftigen Schiessereien. Immer gibt es Verwundete, fast nie geht es ohne einen oder mehrere Tote ab.
Zudem wird bei uns die Stimmung schlecht. Wir haben die Empfindung, als ob die Zeitfreiwilligen-Formationen über Gebühr in Anspruch genommen werden. Aktive Reichswehrtruppen sehen wir kaum einmal im Gefecht. Immer nur
Studenten und die eine Hundertschaft Sipo, die seit einiger Zeit in der Stadt liegt.
Eines Abends spät werden wir wieder auf einigen Lastautos zur Artilleriekaserne gefahren, die sehr bedroht ist. Sie liegt im Süden, nur wenige Kilometer von der Arbeiterstadt Ammendorf entfernt, wo sich die Arbeiter der Leunawerke und des Geiseltals sammeln. Keinen Augenblick haben die dort liegenden Truppen Ruhe. Fortwährend wird die Kaserne beschossen. Es ist schon lebensgefährlich, nur einmal über den Kasernenhof zu gehen.
In der Dunkelheit kommen wir an. Während wir die Wagen verlassen, bekommen wir schon Feuer. Dazu hören wir von einem großen Angriff der Arbeiter, der in dieser Nacht vor sich gehen soll.
In der Reithalle werden wir eingeteilt. Es ereignet sich dabei ein peinlicher Zwischenfall, der für unsere Lage sehr bezeichnend ist:
Da sind einige Studenten. Sie gehören irgendeiner kleineren Korporation an, junge Leute mit riesigen Schmissen auf der Backe. Bei den ersten M. G.-Garben, die über den Kasernenhof fegen, verlieren sie die Nerven. Wie sie eingeteilt werden sollen, tritt ihr Führer vor und weigert sich, mit seinen Leuten nach vorn zu gehen. Die Korporation habe bereits während der letzten Tage zwei Tote und vier Verwundete zu beklagen gehabt, es befänden sich unter ihnen mehrere unausgebildete Leute, und er könne die Verantwortung dafür nicht übernehmen, seine Leute in den sicheren Tod zu schicken.
Wir schämen uns für den Studenten. Seine Verbindungsbrüder stehen mit niedergeschlagenen Augen um ihn.
Michael, der uns heute wieder führt, bleibt ganz ruhig. Er winkt einen Reichswehrunteroffizier heran: „Lassen Sie für die Herren ein Zimmer reservieren. Aber bitte eins, das nicht in der Feuerlinie liegt."
Der Unteroffizier salutiert, und die Studenten gehen mit ihm.
Webach und ich kommen mit einem schweren M. G. zu einer Gruppe von etwa zwanzig Korpsstudenten, die einen Sonderauftrag bekommen.
Wir besteigen wieder ein Lastauto und fahren nach Westen. Dort sollen wir eine Eisenbahnbrücke bewachen, über die heute Nacht eine Abteilung Eislebener Arbeiter kommen wird.
Auf schmalen Feldwegen fahren wir, bis das Auto plötzlich hält.
Der Chauffeur, ein Reichswehrmann, markiert Panne. Er bastelt umständlich am Motor herum und sagt dann, dass er den Wagen nicht wieder in Gang bringen könne.
Wir steigen ab und gehen zu Fuß weiter. Kaum sind wir einige Meter entfernt, da wendet das Auto plötzlich und fährt in rasendem Tempo zur Kaserne zurück.
Flüche fliegen hinter dem Chauffeur her. Einer hebt langsam den Karabiner und versucht, dem Feigling die Pneus zu zerschießen, aber es ist schon zu dunkel, er verfehlt sein Ziel.
Es hat geregnet, die Wege sind lehmig und aufgeweicht. Das schwere M. G., das ich mit Webach trage, wird zu einer fast unerträglichen Belastung. Immer wieder rutschen wir aus. Dazu knallen fortgesetzt Schüsse.
Endlich liegt die Brücke vor uns. Eine Bahnwärterbude steht davor. „Nr. 38" leuchtet es von einem weißen Kalkviereck. Die Tür splittert unter einigen eingeklemmten Seitengewehren auf. Der einzige Raum ist leer. Nur ein Telefon hängt an der Wand.
Der Führer, der Student Kluge, macht uns die
Situation klar. Sie ist verzweifelt: der Bahndamm, auf dem wir liegen, ist in etwa achthundert Meter Entfernung nach links und nach rechts von den Arbeitern besetzt. Wir müssen uns nach zwei Seiten wehren, wenn wir angegriffen werden.
Posten werden ausgestellt. Wir anderen hocken uns auf den Fußboden der Bude nieder. Es regnet in Strömen. Draußen klappern die Schritte der Posten.
Zigaretten glimmen auf, aber ein ruhiges Gespräch will nicht in Gang kommen. Immer wieder geraten sich zwei Leute in die Haare. Um Nichtigkeiten. Trotzdem nehmen wir alle leidenschaftlich Stellung und freuen uns, etwas zu haben, was unsere Gedanken von unserer gefährlichen Lage ablenkt.
Zwei Feldflaschen mit Schnaps kreisen. Dann erzählt jemand Wirtinverse. Niemand hört zu. Draußen verstärkt sich der Lärm der Schüsse.
Einige Male dröhnt die Erde unter einem furchtbaren Krach. Ein Artillerist unter uns erläutert sachverständig, dass das eine 21-cm-Feldhaubitze war. Wir nehmen es zur Kenntnis und frösteln.
Die Tür geht auf, und ein Posten erscheint, triefend und sich schüttelnd.
„Sie, Kluge," sagt er in das Dunkel der Hütte, „man hört in diesem verfluchten Regen überhaupt nichts. Wenn das so weiter geht, merken wir von den Eislebenern nicht eher etwas, als bis sie uns mit 'nem Latschen übern Kopp hauen."
Ein anderer stichelt: „Sie haben wohl Angst vor dem Latschen, wie?"
Der Posten schimpft zurück: „Das waren Sie wohl, Kühn? Also ich sage Ihnen, wenn wir uns nach dieser schönen Sommernacht noch mal irgendwo treffen sollten, dann poliere ich Ihnen die Fresse, Sie eigentümlicher Mensch, Sie!"
Kluge bringt die beiden auseinander: „Seid ihr denn verrückt geworden? Es ist doch heller Wahnsinn, wenn wir uns jetzt hier noch gegenseitig auffressen wollen. Augenblicklich gebt ihr Ruhe! Sie, Fischer, gehen wieder an Ihren Posten, ja?"
Der Posten entfernt sich brummend.
Kluge sitzt neben mir.
„Es ist doch merkwürdig," sagt er leise. „Kameradschaftlichkeit ist eine schöne Sache. Aber solange nicht eine unmittelbare gemeinsame
Gefahr vorhanden ist, gehen die angeblichen Kameraden aufeinander los und würden sich am liebsten den Hals umdrehen."
Ein anderer mischt sich ein:
„Man müsste das mal untersuchen," sagt er ironisch. „Thema zu meiner Doktorarbeit: Die soziologischen Grundlagen des Zusammengehörigkeitsgefühls oder Zufall als Motor gesellschaftsbildenden Wollens. Denke mir das sehr interessant."
Das Gespräch wird allgemeiner. Feldzugserinnerungen zu diesem Thema werden ausgetauscht, und es dauert nicht lange, bis jemand unsicher sagt:
„...vor zwei Jahren waren die da drüben auch unsere Kameraden, und jetzt..."
Schweigen.
Dann sagt Kluge bedächtig: „Ja, es ist im Grunde genommen zum Kotzen. Wir könnten uns doch schließlich miteinander vertragen. Ich persönlich hätte gar nichts dagegen."
„Lieber Freund, das würde dir verdammt schlecht bekommen. Wenn man den Brüdern den kleinen Finger gibt, nehmen sie die ganze Hand. Das ist eine Essensfrage: die anderen wollen fressen, und du hinderst sie daran. Und ich will am Fressnapf bleiben und lasse mich da nicht wegdrängen. Ich weiß also nicht, wie wir uns vertragen können."
„Und außerdem vergessen Sie den Rätestaat, verehrter Herr," sagt ein Dritter.
„Ich denke mir, auch in einem Rätestaat braucht man Menschen, die etwas gelernt haben, und die eine Sache verstehen. Theoretisch könnte ich mir vorstellen, dass ich auch in einem Rätestaat arbeiten und zufrieden sein könnte," verteidigt sich Kluge.
„Theoretisch ist gut," höhnt jemand. „Praktisch würden dich die Latjer jedenfalls bei der ersten besten Gelegenheit totschlagen, mein Lieber."
„Das ist es ja gerade, was so zum Kotzen ist," gibt Kluge bedauernd zu.
„Also sind wir uns wieder einmal allesamt einig," stellt Kracht abschließend fest, und das Gespräch wendet sich unverfänglicheren Themen zu: Mensuren, Bonifazius Kiesewetter, Kneipe und Weibern.
Da schrillt plötzlich das Telefon. Kluge springt heran, nimmt den Hörer vorsichtig ab und lauscht. Wir anderen halten den Atem an.
Eine helle Stimme berichtet etwas, eine dunklere spricht dagegen, dann klingen beide zusammen. Kluge hängt ab.
„So, meine Herren," sagt er sachlich, „jetzt ist es soweit. Ich habe eben ein Gespräch zwischen den Buden 39 und 37 mitgehört. In einer halben Stunde etwa werden von drüben einige zweihundert Arbeiter über die Brücke kommen. Das heißt, sie werden es versuchen. Dass es ihnen nicht gelingen wird, das wissen wir ja."
Wir treten in den Regen hinaus. Kluge gibt seine Befehle. Wenn er eine grüne Rakete abschießt, sollen wir das Feuer auf die Brücke eröffnen. Nicht eine Sekunde eher.
Wir legen uns eng nebeneinander auf die Schienen. Es regnet immer noch. Ich hege mit Webach an unserem M. G. und presse die Zähne zusammen. Ich fürchte, man könnte hören, dass sie in irrsinnigem Rhythmus aufeinander schlagen.
Ich habe nicht gewusst, dass das Klopfen eines Herzens und das leise pfeifende Geräusch des Atems stärker und wilder sein kann als das Rauschen des Regens, das Surren des Windes und der Lärm fallender Schüsse.
Wir starren in das Dunkel jenseits der Brücke. Nur wenige Minuten noch, dann werden drüben
Menschen auftauchen und blindlings in die Feuergarbe unseres Maschinengewehrs hineinlaufen. Niemand wird sich retten können.
Wir fiebern dem Augenblick entgegen, wo uns die grüne Rakete den Befehl zum Feuern geben wird.
Warum? Es ist nicht Blutgier, ist nicht einmal das Gefühl, für eine gerechte Sache zu kämpfen, was uns so zum Morden drängt. Es ist nichts als die zitternde, verzweifelnde, fast betende Sehnsucht nach Erlösung aus dieser unerträglichen Spannung, die in unseren Herzen und Hirnen reißt und wühlt.
Die Minuten dehnen sich zu Stunden, zu Ewigkeiten.
Fern zuckt hin und wieder ein greller Schein auf und lässt das schwarze Wasser, das sich gurgelnd an den Brückenpfeilern bricht, aufglänzen. Dann sieht man auch seinen Nebenmann: eine graue Gestalt, kaum zu unterscheiden von dem Schotter der Geleise und dem Gemäuer des Brückenkopfes.
Niemand wagt, auch nur zu flüstern.
Plötzlich drängt uns der Wind seltsame Geräusche zu. Fetzen eines Liedes. Ich habe es oft singen hören, wenn junge Arbeiter durch
die Straßen zogen. Ein kurzer, hackender Takt, eine fast triviale Melodie. Aber jetzt erschüttert sie mich. Ich bin diesen schwachen, fernen Klängen rettungslos preisgegeben, ich sauge sie gierig und unwillig zugleich in mich auf:
„...mit uns zieht die neue Zeit,
mit uns zieht die neue Zeit..."
„Sie kommen!"
Einer flüstert es dem andern zu und zischt sofort seinen Nebenmann zur Ruhe, denn das scharfe Flüstern dröhnt in unseren Ohren wie Donner.
Noch fünf Minuten, vier...
Das Knattern eines Motors zerreißt die Stille. Nagelstiefel klappern auf dem Schotter. Keuchen, Rufen.
Schmutzig und durchnässt taucht ein Motorradfahrer hinter uns auf. Er fragt nach dem Führer.
„Zurück, so schnell wie möglich!"
Wir atmen erleichtert auf. Im Nu sind unsere Waffen zusammengepackt,und wir kriechen vorsichtig neben dem Meldegänger den Bahndamm hinunter.
Wie wir gerade die erste schützende Bretterwand des Schrebergartengeländes erreichen, das zwischen uns und der Kaserne liegt, hören wir auf der Brücke das taktmäßige Stampfen vieler Schritte.
Erst nach Minuten wagen wir zu sprechen.
Jetzt sagen alle: „Schade, dass man uns nicht da gelassen hat. Kein Mensch wäre über die Brücke gekommen."
Ich stimme in das allgemeine Bedauern mit ein, aber innerlich bin ich wie erlöst. Wie eine Vision sah ich eben vor mir taumelnde, zuckende, fallende Körper und hörte wahnwitziges Geschrei. So, wie Sparr damals schrie...
Die Führung des Gefechtsabschnitts Süd hatte nachträglich Bedenken bekommen. Von uns wäre kaum einer übrig geblieben, wenn es zum Kampf gekommen wäre. Eine vielfache Überzahl wäre gegen uns vorgegangen. Deshalb rief man uns zurück.
Kurz bevor wir wieder in unser Quartier abtransportiert werden, entsteht eine kleinere Schiesserei. Dabei stellt sich heraus, dass unser schweres Maschinengewehr, mit dem wir vorhin den Anmarsch der Arbeiter aufhalten sollten, völlig unbrauchbar ist. Nach jedem Schuss gibt es eine umständliche Ladehemmung.

 

„VATER UNSER..."

Die Umklammerung wird immer enger. An mehreren Stellen sind die Arbeiter bereits weit in die Stadt eingedrungen. Der Marktplatz ist in ihrem Besitz. Die Verbindung zwischen den Truppen in den Frankeschen Stiftungen und der Artilleriekaserne ist durch Barrikaden unterbrochen.
Im Norden ist die Umzingelung so weit vorgeschritten, dass wir die ersten Linien der Arbeiter schon von unserem Quartier aus erreichen können: auf dem Dach der Oberrealschule ist jetzt ein M. G. aufgestellt, das fast ständig in Tätigkeit ist.
Mitten auf der Straße steht vor der Kaserne ein Minenwerfer, und in Abständen von etwa zehn Minuten schießt man eine Mine über den nächsten Häuserblock hinweg auf das dahinterliegende unbebaute Feld ab.
Es fließt kein Wasser mehr in der Leitung. Wir müssen daher das Wasser eimerweise vom
Hof der Kaserne holen, wo ein Brunnen ist Man braucht nur über die Straße zu gehen. Aber auch da pfeifen schon die Kugeln.
Ich hole Wasser. Auf dem Kasernenhof ist eben ein Transport Gefangener eingebracht worden. Eine Abteilung Schupo hat sie auf einem Vorstoß nach scharfem Handgranatenkampf gefangen genommen. Es sind etwa acht Mann.
Keiner nimmt eigentlich viel Notiz von ihnen Man sieht sie sich flüchtig an: es sind Arbeiter, an denen nichts Bemerkenswertes ist.
Da kommt aus der Kaserne plötzlich ein Feldwebel. Ein dicker, aufgesoffener Kerl mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und hervorstehenden Augen. In der Hand hält er einen Karabiner.
Er begrüßt die Gefangenen mit Schimpfreden. Die paar Schupos unternehmen nichts dagegen.
Er lässt die Arbeiter stillstehen, dann kommandiert er:
„An die Hausmauer! Marsch! Marsch! Zurück, marsch, marsch!"
Die Gefangenen laufen. Ich sehe mehrere Kameraden, die sich angewidert abwenden.
Am andern Ende des Hofes liegen die Latrinen. Der Feldwebel zeigt dorthin und kommandiert:
„An die Latrine, marsch, marsch!" Die Gefangenen sind etwa zwanzig Meter gelaufen, da kracht ein Schuss.
Ich wende mich um. Der Feldwebel hat das Gewehr an der Backe. Einer der Gefangenen schreit laut auf und sinkt vornüber zusammen.
Im selben Augenblick sehe ich Leutnant Michael und einige Andere auf den Feldwebel zustürzen. Michael hat die Pistole in der Faust und schmettert dem Feldwebel den Kolben zwischen die Augen, dass der taumelt.  Der Karabiner entfällt ihm, ein Schuss geht los.
Michael ist unheimlich ruhig. Der Feldwebel blutet.  Michael steht mit der Pistole in der Hand vor ihm und winkt einigen Schupoleuten: „Verhaften, das Schwein!" Er reißt ihm das Koppel ab. Der Feldwebel! sieht sich mit blutenden Augen nach Hilfe um. J Er begegnet überall eisiger Ablehnung. Man führt ihn ab. Michael geht langsam hinterher.
Andere haben sich um den Getroffenen bemüht. Er ist tot. Die Kugel hat ihm die Niere zerfetzt und ist vorn wieder ausgetreten. Man trägt den Toten fort. In der allgemeinen!
Verwirrung kümmert sich niemand um die Gefangenen. Sie stehen eng aneinander gepresst und warten. Schließlich werden sie in den Exerzierschuppen gebracht...
Ein Angehöriger der Einwohnerwehr, ein fetter alter Mann mit einem schütteren Vollbart und mit dünnen Beinen, kritisiert Michaels Verhalten. Es kostet ihn einige Mühe, sich der drohend erhobenen Fäuste mehrerer Studenten zu erwehren.
Benommen und entsetzt gehe ich zu meiner Gruppe zurück und erzähle den Fall. Man findet, dass sich Michael richtig benommen hat, und ich atme erleichtert auf. Mir selbst unbewusst, habe ich eigentlich etwas Anderes befürchtet.
Es bleibt mir nicht viel Zeit, über diese grauenhafte Szene nachzudenken, denn gleich darauf werden wir schon wieder eingesetzt. Fast unmittelbar hinter der Kaserne, nur durch ein Villenviertel getrennt, dehnt sich unbebautes Feld bis zum Flugplatz hin. Die Straßen, die von dort zur Kaserne führen, hegen jetzt fast immer unter Feuer. Darum hat man dort ein Stacheldrahtverhau errichtet, das diese Zufahrtsstraßen absperrt
Die Wache liegt im Erdgeschoß eines Hauses.
Es ist dort ganz gemütlich. Wir spielen Klavier, erzählen uns etwas und sind vor den Schüssen sicher, wenn wir nicht gerade auf Posten sind.
Am Nachmittag ist alles ruhig. Zarnke, Webach und ich hocken draußen auf dem Kiesboden des kleinen Platzes, den wir bewachen, und spielen Skat. Fünf Straßen laufen hier zusammen. Man kann das ganze Gelände gut übersehen.
Plötzlich bekommen wir Feuer. Die Kugeln pfeifen so dicht an uns vorbei, dass wir nicht einmal mehr Zeit haben, zu unserm M. G. zu stürzen, das etwa zehn Meter von uns auf dem Platz eingegraben ist.
Es ist Maschinengewehrfeuer, und ganz offensichtlich gilt es nur uns. Beim ersten Schuss lasse ich mich nach hinten fallen und liege platt auf dem Rücken.
Instinktiv habe ich den Kopf aus der Feuerrichtung genommen und kann nun deutlich beobachten, wie die Kugeln wenige Schritte neben mir in den Boden fahren. Ganz sachlich überlege ich mir, dass über kurz oder lang eine mich treffen muss.
Es ist ein ganz merkwürdiges Gefühl: Ich habe keine Angst, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich jeden Augenblick getroffen werden kann.
Ich weiß genau: dies ist das Ende. Aber diese Gewissheit hat nichts Schreckliches für mich.
Ich wundere mich selbst darüber und versuche, alle meine Gedanken in den Begriff „tot" versinken zu lassen. Es gelingt mir nicht.
Ich werde also in einigen Sekunden oder Minuten sterben. Ich kann aber doch nicht einfach hier liegen und mich totschießen lassen!
Aufstehen und weglaufen kann ich nicht. Ich wäre sofort von vielen Kugeln durchbohrt. Aber ich muss doch sterben, ich werde tot sein!
Plötzlich fällt mir ein, dass man da wohl beten müsse. Ich bin mir nicht recht darüber klar, ob ich an Gott glaube oder nicht. Ich kann doch eigentlich gar nicht beten, wenn ich nicht weiß, ob Gott überhaupt existiert.
Ich überlege mir das alles ganz kalt Genau so, als ob ich mit einem Freunde über Gott diskutierte. Aber hier ist es doch etwas anderes. Ich rufe mir das immer wieder ins Gedächtnis. Ich hege hier auf freiem Platz ohne die geringste Deckung in einem wilden Maschinengewehrfeuer. Es ist überhaupt ein Zufall, dass ich noch nicht getroffen bin!
„Irgendetwas muss doch wohl daran sein," sage ich mir ruhig und versuche zu beten.
„Vater unser..." fällt mir ein, aber ich komme mit den einzelnen Bitten nicht zurecht, und außerdem hat es ja gar keinen Zweck.
Ich muss sogar über mich lächeln. Im selben Augenblick durchfährt mich aber ein entsetzlicher Schreck: Wenn Gott nun doch ist?
Plötzlich verstummt das Feuer. Ich bin mit meinen Gedanken zu weit fort. Ich bemerke es zunächst gar nicht. Dann denke ich: die da drüben werden jetzt einen neuen Gurt einziehen, habe ich noch soviel Zeit, mich in Sicherheit zu bringen?
Plötzlich ruft mich jemand an: „Mensch, biste dot?"'
„Nee," sage ich verwundert und springe auf. Da geht das Feuer wieder los, ich muss also wieder zweihundertfünfzig Schuss lang still hegen.
Wie ich mich niederwerfe, spüre ich einen kleinen Schmerz an meinem rechten Knie. Ich bin also verwundet. Es tut gar nicht so weh. Ich habe mir das immer viel schlimmer gedacht
Ich kann mich nicht aufrichten, um nachzusehen. Ob es wohl schlimm werden wird? Vielleicht das Kniegelenk?
Dann höre ich einen schwachen Schrei. Es muss Zarnke sein, der Stimme nach.
Endlich verstummt das Feuer; ich reiße mich zusammen und laufe in das Haus, wo unsere Kameraden sind. Die kommen uns schon an der Haustür entgegen, und wenige Sekunden später feuert unser Gewehr. Zarnke steht plötzlich neben mir. Er blutet an der Schulter.
Jetzt erst sehe ich, dass aus meiner Hose Blut läuft. Vorsichtig streife ich sie hoch. Am Knie eine kleine Fleischwunde. Es tut sehr weh, wenn ich das Bein bewege, aber es ist nur ein Streifschuss. Beinahe tut es mir leid, dass es weiter nichts ist.
Ich lege einen Notverband auf und helfe Zarnke, der sehr bleich ist und leise stöhnt Dann gehen wir beide humpelnd die wenigen hundert Meter zu unserem Quartier zurück.
Ein Sanitäter verbindet uns. Er ist ein alter Herr mit weißem Vollbart in der Uniform der freiwilligen Sanitätskolonne, der seine Sache sehr ernst nimmt. Mir legt er einen Verband an, dass ich kaum gehen kann. Zarnke wird mit einem Auto ins Krankenhaus gebracht.
Ich verabschiede mich von ihm und will ihn bedauern. Zarnke aber lächelt: „Bin froh, dass
ich aus dem Dreck raus komme," sagt er leise...
Am Abend bekomme ich Besuch. Mein Direktor, der unten bei der Einwohnerwehr ist, hat von meiner Verwundung gehört. Das nächste halbe Jahr werde ich ihn als Klassenlehrer haben; aber wie fern ist das jetzt alles!
Kaum, dass ich mich von meinem Strohsack erhebe, kommt er ins Zimmer. Ein Soldat wie hundert andere. Ich bin still und kühl. Der Direktor geht auch bald wieder...
In der Nacht verstärkt sich der Lärm der Schüsse noch. Jetzt knallen sie überall. Wir können kaum schlafen. Nicht wegen der vielfältigen Geräusche, sondern wegen der Unruhe in uns, gegen die wir uns immer wieder wehren müssen.
Wie lange soll das noch weiter gehen? Wie lange können wir uns noch halten? Was wird, wenn wir uns vielleicht doch entwaffnen lassen müssen?
Es ist noch, kein Ende abzusehen. Die Stimmung ist gedrückt und ernst.
Am Morgen hören wir, dass es in der Nacht wieder einen Toten bei unserer Kompanie gegeben hat. Wir zählen nicht mehr unsere Verluste, wie wir es in den ersten Tagen getan haben.
Ich darf im Quartier bleiben, weil mich mein Verband am Gehen hindert, die anderen werden wieder an derselben Stelle eingesetzt, wo wir gestern standen.
Nach einer Weile halte ich es nicht mehr aus, Es ist beängstigend still, trotz des Kampflärms, und ich bin allein mit meinen Gedanken. Sie kreisen mit schmerzender und wütender Hartnäckigkeit immer und immer um dieselbe Frage: „Warum muss das alles sein?"
Im Trubel der letzten Zeit hatte ich nicht mehr an die Nöte denken können, die mich oft während meiner Spitzeltätigkeit überfielen. Nun sind alle die alten Fragen wieder da und drücken und quälen doppelt schwer. Ich kämpfe gegen die Arbeiter. Aber was gehen mich die Arbeiter an? Ich habe doch in den letzten Monaten genug gesehen und erfahren, was mir ihren Kampf gegen die bestehende Gesellschaftsordnung gerechtfertigt erscheinen lassen könnte.
Und was geht mich die bestehende Gesellschaftsordnung an? Bin ich denn so sehr mit ihr verbunden, dass ich sie mit meinem Blut
Bei ihnen werde ich hoch aufgenommen Irgendeiner sagt mir sogar, es sei sehr anständig von mir, dass ich freiwillig mit nach vorne komme, obwohl ich es doch gar nicht nötig hätte.
Ich schäme mich. Ich gelte hier nun für einen tapferen Menschen. Ich sehe es an den kleinen Liebenswürdigkeiten, die man mir erweist, spüre es an dem leise respektvollen Ton, in dem man mit mir spricht...
Und ich bin doch nur mutig, weil ich feige bin, weil ich das Alleinsein fürchte, weil ich mich meiner Gedanken nicht erwehren kann, weil ich ganz einfach Angst habe: Angst vor dem wirren, unverständlichen und sinnlosen Leben, in das ich mich hineingestellt sehe.
Aber ich bin ein tapferer Soldat, wenn ich auch nur nach vorne geflohen bin.
Heute ist Sonntag. Wenige Schritte von unserer Wache entfernt liegt eine Kirche. Die Glocken läuten. Überall feiert man Einsegnung.
Männer mit Zylindern, Frauen in feierlichem Schwarz, Mädchen mit gebrannten Haaren, mit Blumensträußen und goldgeränderten Gesangbüchern in den Händen, Jungens, den Hals verteidigen muss? Ist es nicht eigentlich eine Gemeinheit von mir, wenn ich mich für eine Sache einsetze, an deren Gerechtigkeit ich immer wieder Zweifel habe?
Und meine Kameraden. Was zwingt sie dazu, ihr Leben an ein Unternehmen zu setzen, das ihnen im besten Fall nichts weiter zu bieten hat als das sinnlose Bewusstsein, revolutionäre Arbeiter besiegt zu haben? Und dafür Kampf und Blut? Wissen sie überhaupt, was sie tun?
Sie wissen ja nicht, was und wer sie von den Arbeitern trennt.   Sie sind junge Leute, die der Macht der Phrase erliegen. Und darum stehen sie hier unter Waffen, und merken nicht, dass sie die Waffen letzten Endes gegen sich selbst erheben...Ich halte es nicht aus, dieses Nachdenken! Ich gehe zum Verbandsraum hinunter und lasse mir von dem Sanitäter einen bequemeren Verband anlegen, der mich beim Gehen überhaupt nicht mehr stört. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Kameraden. Sie liegen nur ein paar hundert Meter von der Kaserne entfernt, und das ganze Gelände ist von Stacheldrahtzäunen umgeben, so dass der Weg nicht gefährlich ist.
in den ersten steifen Kragen eingezwängt und mit lächerlich ängstlichen und feierlichen Gesichtern.
Sie gehen zur Kirche. Manchmal fegen Kugeln die Straßen entlang. Dann presst sich die sonntäglich geputzte Familie in Hausflure und an Mauerwände. In langen Sätzen stürzen sie auf die rettende Kirchtür zu...
Ein groteskes Bild.
Nach einer Stunde wird der Platz vor der Kirche immer noch beschossen. Man kann nicht erkennen, von wo die Kugeln kommen. Vielleicht schießen die Arbeiter von den hinter der Kirche liegenden Feldern, vielleicht kommen die Schüsse auch aus der Kaserne.
Wir schleichen uns vorsichtig zur Kirche hin. Wir hoffen, von dort den Feind sehen zu können.
Vor einem neuen Kugelregen drücken wir uns in den Vorraum. Vorne am Altar steht der Geistliche. Vor ihm knien die jungen Menschen.
„Vater unser..." sagt der Pfarrer gerade. Einige Fensterscheiben splittern. Schreie steigen auf und werden noch im Entstehen unterdrückt.
Wir binden Taschentücher an unsere Karabiner und führen die Kirchgänger über den Platz, wobei wir fortwährend die weißen Fahnen schwenken...
Am Nachmittag wird es endlich etwas ruhiger. Wir werden abgelöst.
Ich gehe mit Webach noch einmal auf den Kasernenhof. Dort bringt man gerade einige Tote in einen Schuppen. Wir schließen uns an.
Etwa zehn Leichen liegen da auf flüchtigen Strohschütten. Ganz vorn ein Schupomann. Man hat ein weißes Tuch über sein Gesicht gedeckt und ihm die Hände gefaltet. Er hat keine Stiefel an. Augenscheinlich ist die Leiche beraubt worden, ehe man sie bergen konnte.
Neben mir steht ein Reichswehrmann. Seine Augen funkeln vor Hass und Abscheu.
„Nicht einmal Leichen sind vor der Bande sicher!" stößt er zwischen den Zähnen hervor und sieht uns an, als sollten wir ihm beistimmen.
Ich wende mich ab. Neben dem Schupomann liegt der gefangene Arbeiter, den gestern der Feldwebel auf dem Kasernenhof erschossen hat. Niemand hat ihm die Hände zusammengelegt, kein Tuch bedeckt sein Gesicht. Sein Kopf ist hintenübergesunken. Seine Augen stehen offen, die starren Hände sind gespreizt und verkrampft. Das Hemd hängt ihm aus der Hose, ein Gazebausch ist unordentlich in die Schussöffnung gestopft. Auf seiner Weste hat man mit einer Stecknadel einen Fetzen Papier befestigt: „Beschlagnahmt! Der Staatsanwalt". Darunter Stempel und Unterschrift.
Der Reichswehrmann schimpft immer noch über die vertierte Rohheit der Roten.
Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich zeige auf den Arbeiter:
„Sehen Sie sich mal das an!"
Der Soldat versteht mich nicht.
„Den hat gestern ein Kamerad von Ihnen auf dem Kasernenhof erschossen," sage ich. „Einen wehrlosen Gefangenen. Ohne Grund, bloß so, zum Spaß."
Webach zupft mich am Ärmel: „Lass doch!" sagt er hastig.
Der Reichswehrsoldat sieht uns verwundert nach. Er hält mich sicher für verrückt.

 

PEINLICHER SIEG

Am nächsten Tage werden wir plötzlich mit der Nachricht überrascht, dass der Generalstreik abgebrochen ist. Wir wundern uns sehr darüber, denn bei uns ist die Lage der Arbeiter denkbar günstig. Noch einige Tage, und die Truppen wären durch die ewigen Aufregungen so demoralisiert worden, dass sie einer Entwaffnung zugestimmt hätten.
Die Arbeiterschaft stand fünf Minuten vor dem Sieg, und nun wird der Streik als beendet erklärt. Alles wird wieder gut.
Einige unter uns, die mit den Verhältnissen näher Bescheid wissen, reden scherzhaft davon, wir müssten uns bei dem Gewerkschaftsvorsitzenden Legien bedanken. Denn er hat uns mit der Zurücknahme der Streikparole einen großen Liebesdienst erwiesen.
Heute ist auch endlich ein Reichswehrbattaillon aus Halberstadt angekommen, das uns unterstützen soll.
Aufatmen und Freude überall: endlich können wir zum „entscheidenden Schlage" ausholen.
Aber unser Stoß geht ins Leere.
Vor der Artilleriekaserne, an der wir eingesetzt werden, steht eine Feldhaubitze und feuert nach Ammendorf hinein. Dieses schwere Feuer ist völlig sinnlos, denn die feindlichen Linien liegen so nahe, dass das Steilfeuer der Haubitze über sie hinweggeht.
Dafür wird zwei Kilometer weiter rückwärts die Fassade eines Mietshauses in Ammendorf von einer 21er Granate glattweg abrasiert. Menschen kommen dabei merkwürdigerweise nicht zu Schaden.
Wie wir zum Sturm ansetzen, sind die Stellungen der Arbeiter verlassen. Erst später erfahren wir, dass sie der Abbruch des Generalstreiks entmutigt hat. Jetzt wundern wir uns höchlichst über den billigen Sieg, der uns in den Schoß gefallen ist, und verstehen die Zusammenhänge nicht.
Unsere Lage war doch noch bis gestern fast verzweifelt, und heute sind wir auf einmal die Sieger.
Wir gehen zur Kaserne zurück und hocken untätig noch einige Tage herum.
Die Stadt erwacht wieder zum Leben. Die bürgerlichen Zeitungen geben Extranummern heraus. Fette Überschriften: „Wie die revolutionären Arbeiter geschlagen wurden."
Wir haben davon nichts gemerkt. Der einzige unzweifelhafte Sieg der Ordnungstruppen war die Eroberung des Flugplatzes durch eine Hundertschaft Sipo. Die Arbeiter, die dort verschanzt lagen, hatten vom Abbruch des Streiks und der Einstellung der Feindseligkeiten noch nichts erfahren.
Mit behaglicher Breite wird in der Zeitung geschildert, wie die braven Schutzleute zuerst durch trefflich gezielte Handgranatenwürfe die Baracke, in der die Arbeiter lagen, in Brand gesteckt haben. Als sich dann die Besatzung aus der einzigen Tür ins Freie retten wollte, hat man einen nach dem andern abgeknallt.
Man spricht von 45 Toten.
Die Truppen sind also auf der ganzen Linie siegreich geblieben. Auf dem Papier haben sie sich fabelhaft geschlagen, und die Arbeiter sind, wo immer geschlossene Verbände eingesetzt wurden, Hals über Kopf davongelaufen.
Auch Verlustlisten werden veröffentlicht, nach denen die Truppen nur vier Tote zu beklagen haben. Dabei waren es allein in unserer Kompanie mehr.
Wir ärgern uns nicht einmal über diese Lügen. Wir sind noch nicht recht zur Besinnung gekommen. Der Sieg für die Republik, den uns die bürgerlichen Zeitungen in die Schuhe schieben, ist uns peinlich.
Wir wundern uns nur darüber, dass vom Kapp-Putsch überhaupt keine Rede mehr ist. Eigentlich sind wir ja doch die Besiegten, eigentlich wollten wir ja doch die Republik stürzen, und daran haben uns die „revolutionären Arbeiter" gehindert.
Jetzt sollen wir plötzlich umlernen, der Kapp-Putsch sei eine ganz harmlose Angelegenheit gewesen, und die ganzen Unruhen seien von Verbrechern, die in Moskaus Blutsold standen, angezettelt worden. Nun ist der Bolschewismus dank unserm Mut niedergeschlagen worden.
Peinlicher Sieg...
Die Polizeimannschaften haben jetzt ständig Festtage. Sipoleute fahren mit Lastautos in den Dörfern herum und verhaften Alles, was ihnen in die Hände läuft. Jeder Arbeiter ist vogelfrei.
Ob er die Truppen der Militärdiktatur niederwerfen oder den Bolschewismus verwirklichen wollte, — es ist jetzt alles ganz gleichgültig: wer in diesen Tagen angeblich eine Waffe in der Hand gehabt hat, wird verhaftet. Wer einen verwundeten Arbeiter verbunden, wer einen Toten aus der Feuerlinie getragen, wer kämpfenden Arbeitern Brot und Wasser gereicht, wer einen Ortsfremden bei sich beherbergt hat, —der wird verhaftet.
Die Gefängnisse füllen sich. Schon wird der Platz knapp; im Untersuchungsgefängnis am Kirchtor liegen die Leute übereinander, und auf je drei Gefangene kommt eine Pritsche.
Die Fechtsäle der Universität in der Moritzburg werden zu Gefangenenlagern umgewandelt. Dort liegen Dutzende und Hunderte von „Aufständischen". Wochen und Monate.
Hin und wieder wird auch mal ein Verhafteter freigesprochen. Dann zetert man über die unverantwortliche Schwäche der Justiz, obwohl wirklich alles getan wird, um auch den Harmlosesten zu einem blutgierigen Landfriedensbrecher zu stempeln...
Einen Kapp-Putsch, meuternde Truppen hat es nie gegeben.
Nur einmal merken wir doch noch etwas davon: Irgendjemand erinnert sich daran, dass die
jetzt aufgelöste Nachrichtenabteilung ja für Kapp Stimmung gemacht hat.
Eines Tages erscheint also Walter verlegen und sehr unsicher bei Webach und mir und erzählt eine lange Geschichte von der strafrechtlichen Verfolgung der Kapp-Verbrecher. Wir erfahren zu unserem nicht geringen Erstaunen, dass wir beide dazu gehören. Wir haben „Stimmung gemacht". Dem Garnisonkommando sei die Sache höchst peinlich. Wir täten jedermann einen großen Gefallen, wenn wir uns die nächste Zeit nicht in Halle sehen ließen.
Wir bekommen ein paar Hundert Mark in die Hand gedrückt und fahren seelenvergnügt nach Berlin.
Nach vier Wochen kommen wir wieder, kein Mensch kümmert sich mehr um uns...
Peinlicher Sieg: Wir haben die Republik nicht besiegt und die Arbeiter nicht geschlagen. Alles ist wie früher.
Wir wissen noch nicht, dass wir doch gesiegt haben, dass es sich von nun an auch in der Republik leben lässt, und dass man jetzt auch in der Republik Geld verdienen kann.

 

„FREIHEIT, EHRE, VATERLAND!"

Es ist schwer zu ertragen: das Leben geht seinen geregelten Gang, und ich bin wieder Pennäler. Noch dazu einer, der durchs Abitur gefallen ist. Nichts Geheimnisvolles und Erregendes gibt es, womit ich mich selbst über meine Bedeutungslosigkeit hinwegtäuschen könnte.
Fast jeden Tag treffe ich auf der Straße ehemalige Schulkameraden. Sie tragen stolz die bunte Mütze irgendeiner studentischen Verbindung, und immer glaube ich, aus ihren freundschaftlichen Gesprächen den Ton beleidigender Herablassung und versteckten Mitleids herauszuhören.
Mein Freund Webach trat im Sommer in eine Burschenschaft ein. Wir sehen uns jetzt seltener, denn er hat viel zu tun. Manchmal bringt er mich mit seinen Bundesbrüdern zusammen. Das sind fast alles ehemalige Offiziere, und sie imponieren mir sehr. Sie haben eine selbstverständliche Ruhe und Sicherheit und sprechen mit sonorer, männlicher Stimme.
Nachdem ich ohne besondere Schwierigkeiten das Abitur bestanden habe, werde ich von Webach zu einer Kneipe eingeladen. Ich betrete das Verbindungshaus der Burschenschaft mit der Gewissheit, dass ich es mit Band und Mütze verlassen werde.
In dem Kneipzimmer, dessen Wände mit den Bildern sämtlicher ehemaligen Aktiven geschmückt sind, sitzen nur ein paar Studenten. Die meisten „Bundesbrüder" sind in Ferien.
Wir trinken Bier und Schnaps. Die jungen Leute sind herzlich und höflich zu mir. Bald werde ich betrunken.
Mein Nebenmann, ein älterer Mediziner mit Namen Banse, spricht in einem fort. Ich höre ihm aufmerksam zu: er erzählt von Mensuren, von Kneipereien, die erst am Mittag des nächsten Tages endigten, von tollem Unsinn, den man getrieben hat, von Mädchen und romantischen nächtlichen Kahnfahrten auf der Saale.
Der Qualm unzähliger Zigaretten legt sich um die Lampe. Banse zeigt auf die Bilder an den Wänden und spricht in feierlichem Ton davon, wie sich jeder Bundesbruder einfüge in die fast ein Jahrhundert alte Tradition der Burschenschaft, wie jeder einzelne durchdrungen sei von den Idealen jener Männer, die einst Leben und Freiheit aufs Spiel setzten für die stolze Devise „Freiheit, Ehre, Vaterland!"
Das Kneipzimmer beginnt sich um mich zu drehen. Ein Lied wird angestimmt. Man drückt mir ein Kommersbuch in die Hand, und ich singe begeistert mit, während der Tabaksqualm immer dicker wird, und Brechreiz meinen Magen quält:
„Student sein, wenn die Veilchen blühen, ihr lockend Lied die Lerche singt, der Morgensonne junges Glühen triebweckend in die Erde dringt! Student sein, wenn die weißen Schleier am blauen Himmel grüßend wehn, das ist des Lebens schönste Feier, Herr, lass sie nie zu Ende gehn!"
Dann muss ich hinaus. Webach zeigt mir den Weg zur Toilette und erläutert mir den Zweck des Speibeckens, das in die Wand eingelassen ist: man legt die Stirn auf ein kleines Polster und hält sich an den Griffen fest.
Mit tränenden Augen und keuchender Lunge komme ich gerade noch zurecht, um den letzten Vers des Liedes mitzusingen. Dann höre ich
mich korrekt zu Banse sagen: „Ich möchte bei Ihnen aktiv werden."
Plötzlich habe ich eine Mütze auf, Banse schlingt mir liebevoll das Band um die Brust, alle kommen und gratulieren mir und nennen mich du. Banse hält eine kurze Rede. Er endet mit den Worten „Freiheit, Ehre, Vaterland", und ich fröstele vor Ergriffenheit.
In den frühen Morgenstunden wanke ich, von Webach und Banse gestützt, nach Hause, falle in einen tiefen Schlaf — und lächle beim Erwachen glückselig, da mein Blick auf Band und Mütze fällt, die am Bettpfosten hängen.
Ich bin aktiv! Ich bin wieder wer!
Und von nun an ist das Leben wunderschön! Welch ein Gefühl, mit seinen neuen Bundesbrüdern über die Straße zu gehen! Es ist fast so schön wie das Soldatsein. Von allen Vorübergehenden wird man respektvoll betrachtet, und man ist es seiner Couleur schuldig, durch alle diese armen Menschen hindurchzusehen, als wären sie Luft.
Meiner Bedeutung werde ich mir so ganz bewusst, wenn ich mir meinen Bundesbruder Lauritz ansehe. Der Mann ist fast dreißig Jahre alt und Rittmeister a. D. Er hat im Kriege ein Bein verloren und fängt jetzt gerade an, Medizin zu studieren. Und Lauritz — ein Rittmeister! — ist jetzt Fuchs wie ich und stolz darauf, das bunte Band tragen zu dürfen und von Freiheit, Ehre und Vaterland zu reden.
Dass mein Wert fast über Nacht so gestiegen sein soll, dass ich auf einer Stufe mit Lauritz stehe, ist etwas, was ich manchmal noch nicht begreifen kann. Besonders auf der Kneipe fällt es mir immer wieder auf.
Wir haben einen Bundesbruder, der namenlos unter dem Unglück leidet, Rosenberger zu heißen. Jeder verdächtigt ihn jüdischer Abstammung. Rosenberger ist sehr klein und sieht außerdem furchtbar jung aus. Er trägt darum ständig das schwarz-weiße Band des Eisernen Kreuzes im Knopfloch. Sonst glaubt ihm niemand, dass er im Felde gewesen ist.
Lauritz hat auf der Kneipe einen Witz gemacht, durch den sich Rosenberger aus unerfindlichen Gründen beleidigt fühlt. Jedenfalls wird er krebsrot im Gesicht und brüllt Lauritz an: „Rest weg!"
Nachdem Lauritz dem Befehl gehorcht hat, kommandiert Rosenberger noch ein zweites und drittes Mal: „Rest weg!"
Und Lauritz, der dreißigjährige einbeinige Rittmeister, erhebt sich jedes Mal sofort, nimmt seine Mütze ab und gießt gehorsam sein Seidel hinunter...
Mein Weltbild verschiebt sich. Alle bisherigen Begriffe von Lebenszweck und Menschenwert geraten ins Schwanken. Krone und Ziel aller menschlichen Entwicklung ist der Bursche, der drei Mensuren gefochten hat, auf der Kneipe seinen Mann steht und jederzeit bereit ist, für den Wahlspruch und die Farben seiner Verbindung Blut zu vergießen und zu verlieren.
Aber so ausschließlich ich wünsche, selbst bald so ein Bursch zu werden, und so sehr ich mein Benehmen nach den zahllosen Regeln und Gesetzen meiner Korporation einzurichten bemüht bin, — so schwer wird mir dieses Vorhaben gemacht.
Der Vater meines Bundesbruders Horn ist hoher Beamter in Halle. Ich verkehre oft in seinem Hause. Ich mag meinen Freund Horn gern, aber in der Hauptsache gehe ich so oft zu ihm, weil bei Horns eine Stütze tätig ist, in die ich verliebt bin.
„Fräulein Martha" ist ein blutjunges Ding mit einem hellblonden Wuschelkopf, sanften grauen Augen und einer biegsamen, schmalen Gestalt. Wenn sie durchs Zimmer geht, klopft mir jedes Mal das Herz stärker, und immer muss ich ihr nachsehen. Ihr enges Kleid spannt sich um ihre Hüften, und ihre Beine sind schlank und schön.
Horn hat nichts dagegen, dass ich mich um die Stütze bemühe. Für ihn kommt sie nicht in Frage, denn er hält auf Prinzipien. Und es ist ein Prinzip von ihm, seine amoureusen Angelegenheiten außerhalb seines Elternhauses zu erledigen. Das drückt er häufig durch die goldene Lebensregel aus: „Der kluge Hund scheißt nie zuhaus."
Es dauert lange, ehe sich Martha dazu entschließt, an ihrem freien Tag mit mir auszugehen. Endlich erlaubt sie es mir. Nun gehen wir oft in der Peißnitz spazieren oder rudern auf der Saale. Dabei erzählt Martha von zu Hause, und manchmal kommen ihr die Tränen in die Augen. Ihr Vater ist kleiner Beamter in Schlesien, und sie soll bei Horns „au pair" die feine Wirtschaft lernen.
Ich liebe sie. Oft stehe ich stundenlang vor Horns Haus und warte darauf, dass Martha einkaufen geht. Dann drücken wir uns scheu an
die Mauer eines Gartens, schweigen oder reden nebensächliche Dinge. Ich halte ihre Hand in der meinen und atme den Duft ihres Körpers, bis sie hastig und traurig sagt: „Nun muss ich wieder gehen." Wenn es keiner sieht, küssen wir uns dann, und ich bin stolz und glücklich.
Manchmal besuche ich auch meinen Freund Horn zu einer Zeit, wo ich Martha allein zu Hause weiß...
Es ist fast unwirklich schön. Weil Martha es nicht nett von mir findet, dass ich immerzu nur trinke und fechte, gehe ich sogar regelmäßig zur Universität.
Einmal, wie wir an einem kalten Wintertag wieder auf den Saalewiesen spazieren gehen, treffen wir meinen Bundesbruder Spiegel. Er grüßt korrekt und mit ernstem Gesicht.
Am nächsten Convent der Burschenschaft, der jede Woche stattfindet, erhebt sich Spiegel plötzlich und stellt Strafantrag gegen mich.
„Ich habe ihn am vorigen Donnerstag Arm in Arm mit dem Dienstmädchen unseres Bundesbruders Horn in der Peißnitz spazieren gehen sehen."
„In Couleur?" fragt unser Sprecher, der den Convent leitet, zurück.
Spiegel schreit es fast: „Jawohl, in Couleur! Am hellen lichten Nachmittag!"
Ich erhole mich langsam von meinem Erstaunen und begreife, dass man mich eines schweren Delikts beschuldigt, das bei uns „Couleur senken" heißt. In Couleur dürfen wir nämlich nur mit „Damen der Gesellschaft" verkehren, andere weibliche Wesen existieren für uns nur am Freitagabend, wo wir couleurfrei haben. Nach einer durch jahrzehntelanges Herkommen geheiligten Regel ist der Freitagabend für einen Besuch im Puff reserviert oder für eine Unternehmung mit einer der drei oder vier „Bundeshuren", die unter uns reihum gehen.
Spiegel sagt also, Martha sei keine Dame, und ich hätte meinen Verkehr mit ihr dem Convent bekanntgeben müssen, wozu ich auf Ehrenwort verpflichtet sei.
Mein erster Gedanke ist, Spiegel für seine Unverschämtheit ins Gesicht zu schlagen! Die kleine Martha auf eine Stufe mit den Mädchen zu stellen, mit denen wir uns Freitags zu amüsieren pflegen!
Zur Rede gestellt, verweigere ich über dieses Vorkommnis jede Aussage: Martha sei nicht
das Dienstmädchen, sondern die Stütze der Familie Horn, also fraglos eine Dame. Und über meine Erlebnisse mit Damen dürfe ich bekanntlich nicht sprechen.
Horn soll Auskunft geben, ob Martha eine Dame ist. Ich sehe ihm an, dass ihm die ganze Sache furchtbar unangenehm ist, und dass er eine Wut auf mich hat: „Ob die Stütze meiner Eltern eine Dame ist, weiß ich nicht. Jedenfalls benimmt sie sich tadellos."
Spiegel genügt das noch nicht: „Hat sie auch bei euch Familienanschluss?"
Horn bejaht.
„Isst sie mit an eurem Tisch?" fragt der Sprecher. Auch das bejaht Horn. Aber: er würde mit ihr nicht in Couleur in der Peißnitz spazieren gehen.
Ich werde abwechselnd rot und blass vor Verlegenheit und Zorn. Nachdem ich hinausgeschickt worden bin, weil die Burschen sich geheim über meine Straffälligkeit beraten wollen, setzte ich mich zu unserm Couleurdiener und trinke einen Cognac nach dem andern, um einen unangenehmen Geschmack im Munde loszuwerden.
Nach zweistündiger Beratung werde ich wieder in das Conventszimmer gerufen.
Der Sprecher steht steif und feierlich: „Ich habe dir aus dem Convent mitzuteilen, dass Bundesbruder Sponholz beauftragt worden ist, sich davon zu überzeugen, ob das junge Mädchen eine Dame ist. Bis dahin gibt dir der Convent auf, jeden näheren Verkehr mit der betreffenden weiblichen Person zu unterlassen."
Ich beschließe, dem Befehl des Convents nicht zu folgen. Aber ich warte die nächsten Tage vergebens auf Martha. Endlich treffe ich sie, wie sie einkaufen geht. Sie weint. Horns Vater hat ihr befohlen, nicht mehr mit mir auszugehen, sonst werde er ihrem Vater darüber schreiben, und überhaupt schicke es sich nicht für ein junges Mädchen, sich von einem Studenten auf der Peißnitz küssen zu lassen.
Sie sieht scheu zu mir auf. Mich erfüllt eine ungeheure Wut auf meine Bundesbrüder. Am liebsten möchte ich ihnen jetzt Band und Mütze vor die Füße werfen.
„Das kannst du doch nicht," weint Martha, „dann gehe ich aus Halle weg. Du sollst dir meinetwegen nicht solche Scherereien machen. Tu mir den Gefallen, ja?"
Martha wird ganz eifrig und stellt mir vor, wie viel für mich von meiner Zugehörigkeit zur
die Alten Herren des Bundes später viel leichter eine anständige Stellung bekommen. Und sie müsse bei Horns bleiben und wolle ihren Eltern keinen Kummer machen. Dann küsst sie mich zum Abschied.
Ich stehe mit leerem Kopf. Ich kann nicht mehr sehen, wie ihre schmale Gestalt am Ende der Straße verschwindet, denn mein Blick verschwimmt...
Einige Tage darauf wird mir — wieder nach zweistündiger Beratung — vom Sprecher mitgeteilt: „Der Convent bestraft dich wegen deines Verkehrs mit der Stütze des Bundesbruders Horn mit einem einfachen Verweis. Bundesbruder Sponholz ist zwar persönlich der Ansicht, dass die betreffende Dame keine Dame ist, aber er gibt zu, dass sie äußerlich durchaus den Eindruck einer solchen macht. Maßgebend für die Meinung des Convents war die Tatsache, dass sie in der Familie Horn nur einen beschränkten Familienanschluss genießt und nicht im vollen Maß als Dame gilt. Der Convent gibt dir auf, dich an nicht couleurfreien Tagen jeden Verkehrs mit dem jungen Mädchen zu enthalten."
Am nächsten Freitag, wo ich couleurfrei habe, gehe ich zum ersten Mal zum Tanz nach Büschdorf und komme die Nacht nicht nach Hause...
So oft ich in der nächsten Zeit an Martha denke, schäme ich mich. Allmählich aber komme ich mir doch sehr heldenhaft vor und rede mir ein, sie für die Devise meines Bundes geopfert zu haben.
Mit meinem Bundesbruder Spiegel rede ich noch lange Zeit kein Wort. Ich finde es gemein von ihm, dass er mich beim Convent angezeigt hat.
Während einer Kneipe treffen wir uns ein paar Wochen später auf der Toilette. Spiegel hat am Morgen dieses Tages gerade sein Physikum bestanden und ist sehr betrunken. Ich will ihm höflich Platz machen, aber er kommt auf mich zu, drückt mir die Hand und sagt warm und energisch: „Du bist mir böse, nicht wahr? Aber sieh mal, ich konnte doch gar nicht anders handeln. Wenn ich der Ansicht war, dass du mit diesem Mädel Couleur gesenkt hast, dann musste ich dich doch anzeigen. Und außerdem, — sei froh, dass du die Ziege los bist. Das sind gerade die schlimmsten, bei denen man nicht weiß, ob sie 'ne Hure oder 'ne Dame
sind. Nee, nee, das hat schon alles seine Gründe, dass wir so auf unsere Füchse aufpassen. Ich habe schon manchen gesehen, der durch solche Weibergeschichten vor die Hunde gegangen ist, davor hätte ich dich gern bewahrt. Komm, wollen uns wieder vertragen!"
Ich bin auch schon nicht mehr ganz nüchtern und schlage ein. Vielleicht ist Spiegel sogar im Recht. Vielleicht will er wirklich mein Bestes.
Am Schluss der Kneipe ist Spiegel so betrunken, dass er nicht mehr allein nach Hause gehen kann. Um unsere wiederhergestellte Freundschaft zu bekräftigen, bringe ich ihn gemeinsam mit Horn in seine Wohnung. Spiegel lohnt es uns nicht: er schimpft in einem fort und schlägt und stößt nach uns.
Wie wir oben in seiner Bude angekommen sind und Horn das Licht andreht, sehe ich, dass in Spiegels Bett ein Mädchen schläft. Horn scheint nicht weiter überrascht. Er packt das Mädel an der Schulter und schreit: „Mach' dass du raus kommst, Trude!"
Die Kleine springt auf und redet wütend auf Spiegel ein, der in der Sofaecke schon fast eingeschlafen ist: „Bist du schon wieder besoffen, du altes Schwein!"
Horn lacht aus vollem Halse. Spiegel versucht, das Mädchen auf seinen Schoß zu ziehen, und wimmert weinerlich: „Trudchen! Trudchen!'"
„Komm! Trude kann ihn ins Bett bringen," sagt Horn zu mir, und wir gehen die Treppen hinunter.
„Wer war denn das Mädchen?" frage ich auf der Straße.
„Wusstest du denn nicht, dass Spiegel ein Verhältnis mit seiner filia hospitalis hat?" fragt Horn ganz erstaunt.
„Nein, das wusste ich allerdings noch nicht," antworte ich bitter und verabschiede mich schnell.
Ich habe keine Zeit, mich über Spiegel und seine doppelte Moral zu ärgern, denn morgen ist Totensonntag, da muss ich wieder früh auf den Beinen sein.
In Halle liegt ein Bundesbruder begraben, der schon vor vierzig Jahren gestorben ist. Alljährlich am Totensonntag besucht die ganze Burschenschaft sein Grab und legt einen Kranz nieder. Unsere Ehrung des Toten ist zugleich als Ehrung aller im Krieg gefallenen Bundesbrüder gedacht
Keiner hat recht ausgeschlafen, wie wir uns am nächsten Morgen „auf dem Hause" versammeln. Man begrüßt sich missmutig. Aber ich finde die pietätvolle Anhänglichkeit meiner Bundesbrüder so schön, dass ich gerne einen Sonntagmorgenschlaf daran gebe.
Mit dem Couleurdiener, der den Kranz trägt, an der Spitze, gehen wir zwei und zwei zum Friedhof. Unterwegs schleppt sich das Gespräch mühsam hin. Fast jeder hat von der gestrigen schweren Kneipe einen Kater. Außerdem ist es kalt.
Wir finden das Grab unseres Bundesbruders nicht gleich, denn der Couleurdiener August ist trotz dem frühen Morgen schon wieder nicht ganz nüchtern.
Endlich können wir den Kranz niederlegen. Dann stehen wir eine Zeit lang stumm am Grabe und sehen uns verlegen an. Schließlich nimmt einer die Mütze ab, und wir markieren „stilles Gebet".
Schließlich rückt August den Kranz noch einmal zurecht und stellt fest: „So, da liejt er sehre scheen."
Und dann gehen wir zum Frühschoppen, der diesmal in einem uralten Lokal am Fuß der
Burg Gibichenstein stattfindet. Erst trinken wir Bier, dann die Spezialität der Kneipe, „Regenschirme". Das sind große offene Kelche, die mit acht verschiedenen Sorten Schnaps gefüllt werden.
Wir vergessen das Mittagessen. Nachmittags um vier singen wir stundenlang hintereinander immer den einen einzigen Vers des „Fürst von Thorn":
„Ich bin der Fürst von Thoren, Zum Saufen auserkoren. Wir alle sind erschienen, Eur Gnaden zu bedienen."
Um sechs gehen wir zu Wiedemann auf die Bude, der von seinem Vater einen Ballon Obstwein geschickt bekommen hat. Bald darauf schlafen die meisten auf Stühlen oder wälzen sich stöhnend auf dem Bett und auf dem Teppich. Wiedemann spielt Klavier, und Schön, unser erster Chargierter, schluchzt wie ein Kind vor sich hin.
Er sitzt neben mir. Er muss sehr betrunken sein; ausgerechnet mir, dem jüngsten Fuchs, klagt er sein Leid.
„Ich habe meinen Eltern versprochen, ich wollte mich in diesem Semester etwas mehr vom Bund zurückziehen und fürs Physikum arbeiten. Und nun habe ich mich sogar noch zum Sprecher wählen lassen."
„Ich bin ein Schwein! Ein Schwein bin ich, dass ich meinen Eltern mein Versprechen gebrochen habe!" brüllt er plötzlich.
Dann erläutert Schön mir die Seelenkämpfe, die er auszufechten hat: „Mein Lieber, das ist ein tragischer Konflikt. Griechische Tragödie und so. Konflikt der Pflichten in der Brust des Helden. Verstehst du? Hier meine Pflicht gegen die armen Eltern..."
Wiedemann brüllt vom Klavier aus dazwischen: „Die sitzen, ärmlich aber reinlich gekleidet, aufrecht im Bett und trinken gramzerfetzt kleine Helle."
„...und da die Burschenschaft. Tragischer Konflikt, mein Junge. Aber gibt es eine Wahl? Es gibt keine Wahl, sage ich dir. Hier: die Bitte meines Vaters, da: Freiheit, Ehre und Vaterland. Freiheit! Ehre! Vaterland!" johlt Schön und wirft sein Glas mit Erdbeerwein pathetisch an die Wand.
Ich bewundere die Seelengröße meines Bundesbruders Schön, und während Ringstedt sich aus dem Fenster erbricht, fallen alle, die überhaupt noch singen können, in das Lied ein, das Wiedemann am Klavier anstimmt: „Wo Mut und Kraft in deutscher Seele flammen..."
Und johlend vor Begeisterung und Betrunkenheit singe ich, während Wiedemanns Wirtsleute entsetzt an die Türe poltern, den Refrain mit: „Freiheit, Ehre, Vaterland!"

 

AKADEMISCHE SCHUTZPOLIZEI

Im Schreibzimmer unseres Verbindungshauses hängen außer den „Burschenschaftlichen Blättern" die „Hallischen Nachrichten" und die „Deutsche Tageszeitung". Aus ihnen übernehmen wir unsere Urteile über die allgemeine Weltlage und die Not des Vaterlandes.
Die Zeitungen werden auch häufig gelesen, aber nicht so oft wie ein schmales, hektographiertes Heft, das unser ständiger Verkehrsgast, der Redakteur Dr. Hütten, der Burschenschaft dediziert hat, und das den Titel führt: „Des deutschen Knaben Zotenbüchlein". In diesem Buch hat der Verfasser mit fast wissenschaftlich zu nennender Akribie alle Zoten zusammengetragen, die jemals auf deutschen Hochschulen kolportiert worden sind. Bonifazius Kiesewetter und Frau Wirtin sind mit unzähligen Versen vertreten. Außerdem das „Goldene Alphabet" in vier verschiedenen Fassungen und die beliebtesten Schnapsgebete.
Dass dieses Buch bei uns begehrter und wichtiger ist als die Zeitungen, hat seinen guten Grund darin, dass wir uns um Politik überhaupt nicht kümmern. Viele meiner Bundesbrüder halten die Beschäftigung mit Politik sogar für ausgesprochen unfein. Um die politische Reife der deutschen Studentenschaft zu dokumentieren, dafür ist ja der „Hochschulring deutscher Art" da, dem alle farbentragenden Verbindungen angeschlossen sind.
Diese Organisation dient in der Hauptsache der Befriedigung des politischen Ehrgeizes einiger weniger Studenten, die man tun und treiben lässt, was sie wollen. Hin und wieder rufen sie die gesamte Studentenschaft zu einer machtvollen Kundgebung für oder gegen etwas zusammen. Dann trifft man sich auf dem Vorplatz der Universität, ein Vorstandsmitglied des Hochschulrings hält eine Rede, man singt das Deutschlandlied und geht dann wieder nach Hause, ohne recht zu überlegen, um was es sich eigentlich gehandelt hat.
Eine solcher politischen Kundgebungen hatte den Besuch des sozialdemokratischen Kultusministers Konrad Haenisch zum Anlass.
Der Rektor der Universität hat zu einer Versammlung in die Aula eingeladen, wo der Minister zu der Studentenschaft von der Kulturpolitik des preußischen Staates reden will. Der Hochschulring gibt die Weisung aus, dass wir uns alle daran beteiligen sollen. Aber um dem Minister unsere Verachtung zu zeigen, gehen wir nicht in Couleur hin.
Von zahlreichen humoristischen Zurufen unterbrochen, erzählt der Minister, dass die sozialdemokratische Regierung eminent studentenfreundlich sei. Nach einer halben Stunde ist er bei der Feststellung angelangt, dass die Reichsregierung für die Reichswehr leider immer noch mehr Geld ausgäbe als für kulturelle Zwecke, — da muss die Versammlung geschlossen werden, denn der Minister kann vor dem Protestgeschrei der Studenten nicht weitersprechen.
Er zieht sich dadurch aus der Affäre, dass er mit weitoffenem Munde in das Deutschlandlied einfällt, das plötzlich aus der Versammlung heraus angestimmt wird.
Unser Vertreter im Hochschulring ist der kleine Rosenberger. Er entwickelt viel Eifer und wird von uns wegen seiner politischen Tätigkeit oft gehänselt.
Im Januar des Jahres 1921 entdeckt er, dass vor fünfzig Jahren das Deutsche Reich gegründet worden ist. Da muss etwas geschehen. Er regt beim Hochschulring einen großen Kommers in der Saalschlossbrauerei an.
Wir treffen uns vorher auf dem Hause und gehen in geschlossenem Zuge zum Kommerslokal. Zahlreiche Tische sind in einem riesigen Saal aufgebaut. Ungefähr tausend Studenten aller farbentragenden Verbände wollen die fünfzigste Wiederkehr des Reichsgründungstages durch einen festlichen Trunk feiern.
Es ist furchtbar langweilig. Wir ärgern uns über den verfehlten Abend und trinken stumpfsinnig unser Bier. Dann liest ein Geschichtsprofessor eine lange Rede ab über „Bismarcks Weltanschauung". Wir singen vaterländische Lieder und kommen beim fünften Glas allmählich auch in vaterländische Stimmung. Die Trinksprüche werden immer kriegerischer und feuriger.
So trinken wir nach dem Liede „Sind wir vereint zur guten Stunde" darauf, dass der alte Gott bald wieder „unserer Feinde Trotz zerblitzen möge."
Bald aber vergessen wir den feierlichen Anlass, der uns heute zum Trinken vereint, und wir tausend Studenten singen zur Feier der Reichsgründung „Im Arm ein frisches ros'ges Kind" und „In jedem vollen Glase Wein".
Die Stimmung ist schon sehr weit vorgeschritten. Das Präsidium wird an den Vertreter einer theologischen Verbindung abgegeben, der immer noch vor vaterländischer Begeisterung glüht. Wir singen unter seinem Kommando das „Lied vom Rodenstein":
„Der Schmied von Kainsbach steht am Herd Rum, plum, plum.
Mein Schmied, putz blank mein scharfes  Schwert!
Rum, plum, plum."
Dann hebt der Theologe sein Glas und lässt uns darauf trinken, „dass der Schmied von Kainsbach bald wieder unsere Schwerter schärfen möge!"
Er ist immer noch bei der vaterländischen Begeisterung, die wir andern schon längst hinter uns haben. Darum donnert ihm ironisches Beifallsgeschrei entgegen.
Einige Minuten später bekommt mein Bundesbruder Körnig eine Kontrahage mit einem Korpsstudenten, der ihm in der Tür zur Toilette nicht ausgewichen ist...
Mit der Beteiligung an solchen politischen Kundgebungen ist unser Interesse an Dingen des öffentlichen Lebens restlos erschöpft. Alles andere versteht sich ja so sehr von selbst, dass wir kein Wort darüber zu verlieren brauchen.
Darum legen wir auch kein Gewicht auf Rosenbergers Mitteilung, dass sich der Hochschulring korporativ einer geheimnisvollen Organisation angeschlossen habe, die ein bayerischer Forstrat gründete, um Deutschland vor dem Bolschewismus zu bewahren. Wir wissen von der „Organisation Escherich", der nun jeder einzelne von uns angehört, nur soviel, dass es sich da um eine ordentliche nationale Sache handelt, an der man sich als anständiger Mensch beteiligen muss.
Während dieser Zeit besucht uns einmal auf unserem Verbindungshaus ein fast völlig idiotischer Straßenmusikant „Zither-Reinhold", mit dem wir von Zeit zu Zeit unseren Spaß treiben, und der uns dafür heiß liebt.
Ein Pfarrer hat ihm seine verbogene und verbeulte Zither weggenommen und ihm dafür einen Leierkasten gekauft, den er uns heute — wir sitzen gerade beim Mittagessen — zeigen will. Reinhold hat es gewissermaßen kontraktlich, dass er alle vierzehn Tage einmal uns zum Mittagessen Musik vormacht, dafür Essen bekommt und soviel Geld, wie er es oft in einer Woche nicht zusammen betteln kann.
Zither-Reinhold singt uns schöne alte Lieder vor, mit einer unsäglich albernen und zittrigen Kinderstimme, die zu seinem Vollbart in sonderbarem Kontrast steht: „Heinrich schläft bei seiner Neuvermählten" oder „Bei ihrem schwererkrankten Kinde, da sitzt die Mutter still und weint".
Heute ist er ganz aufgeregt: „Bei mir zu Hause, da sagen sie alle: die Studenten wollen wieder schießen. Ich hab' gleich jesagt: das jloob' ich nich. Meine Studenten machen da nich mit, die sin ja soo jut."
Meine Bundesbrüder schweigen plötzlich merkwürdig. Keiner wagt, einen der üblichen Scherze zu machen, mit denen Zither-Reinholds Aussprüche quittiert zu werden pflegen. Wie soll man es auch diesem armen Irrsinnigen klar machen, dass man einem Leierkastenmann Geld und Essen schenken und doch zu gegebener Zeit auf Arbeiter und Leierkastenmänner schießen kann?
Keiner antwortet. Keiner ist roh genug, einem
Kind seinen Glauben an die Güte der Menschen zu nehmen. Aber Zither-Reinhold gibt nicht Ruhe: „Nich wahr, das machen Sie ja nich. Sie sin ja soo jut, nich wahr?"
Das Schweigen wird peinlich. Reinhold sieht uns ängstlich an und wartet auf Antwort. Endlich brüllt ihn einer an: „Halt' die Schnauze, Reinhold! Sag' uns lieber noch ein Gedicht auf!"
Reinhold faltet gehorsam die Hände und leiert mit starrem Gesicht: „Wenn du noch eine Mutter hast..."
Dann packt er hastig seinen Leierkasten auf und stolpert aus dem Kneipzimmer. Sein Gehl müssen wir ihm förmlich aufdrängen. Er schüttelt fortwährend den Kopf und stammelt unverständliche Worte vor sich hin: „...nee, nee, die sin doch viel zu jut."
Es ist zuviel für sein kleines Hirn: wir sind so gut, wir schenken den Armen Geld, wir lachen wie die Kinder über die blödesten Witze, wir weinen manchmal vor allgemeiner Rührung, wenn wir betrunken sind, wir küssen unsere Mütter beim Gute-Nacht sagen, der eine oder der andere macht sogar lyrische Gedichte, und die drei Theologen unter uns beten des Abends, wenn sie schlafen gehen.
Und doch. Reinhold, und doch werden sie alle schießen, wenn es soweit ist.
Du kannst dich trösten, Zither-Reinhold, das sind Dinge, die nicht nur für einen infantilen Idioten zu schwer sind. Das sind Dinge, die wir alle nicht verstehen, weil wir nicht wissen, dass es auf unsere kleinen Gefühle nicht ankommt, und dass wir nach Gesetzen handeln, die außerhalb unserer Seele liegen. Nach Gesetzen, die uns unsere Zugehörigkeit zu einer Klasse von Bürgern und Herren vorschreibt, und die so stark sind, dass wir ihrem Zwang erliegen, ohne es auch nur zu wissen.
Du hast recht, Zither-Reinhold. Und darum muss ich mich nun betrinken und verschlafe am nächsten Morgen Paukboden und Kolleg und muss Strafe zahlen, und meine Bundesbrüder halten mich für einen liederlichen Strolch, weil ich ihnen doch nicht erzählen kann, dass Zither-Reinholds fassungsloses Erstaunen und sein angstvoller Blick schuld waren an dieser wüsten Nacht...
Kurz vor den Universitätsferien, im März 1921, wird uns von der „Orgesch" ein merkwürdiges Angebot gemacht. Man befürchtet, dass während der Ferien kommunistische Unruhen ausbrechen könnten. Und die versprächen, sehr gefährlich zu werden, falls sich die Studenten nicht als Zeitfreiwillige an der Niederwerfung des Aufstands beteiligen könnten. Darum macht man uns den Vorschlag, in Halle zu bleiben. Die Organisation will uns dafür ein Tagegeld von zwanzig Mark zahlen.
Fast alle meine Bundesbrüder lassen sich das Tagegeld der Orgesch auszahlen und fahren in den Ferien nicht nach Hause. Ein wüstes Leben beginnt: wir haben nichts zu tun und Geld genug, um den ganzen Tag in den Kneipen herumzuliegen. Manche von uns werden die nächsten Wochen eigentlich nie ganz nüchtern.
In der ersten Zeit geschieht nicht das Geringste. Wenigstens nicht von Seiten der Kommunisten. In der Orgesch dagegen ereignet sich eine Skandalaffäre, die uns ungeheuer peinlich ist: der Vorsitzende des Hochschulrings unterschlägt von den Tagegeldern der Orgesch eine große Summe. Leider ist er Burschenschafter, und darum bemühen wir uns, die Sache so still und unauffällig wie möglich zu erledigen.
Endlich hören wir, dass in Mitteldeutschland ein Aufstand ausgebrochen ist und bereits sehr gefährliche Formen annimmt. Der berüchtigte
„Mordbrenner" Max Hoelz soll wieder im Lande sein und die „rote Armee" organisieren.
Die Leitung der Orgesch wird nervös. Die Unruhen spielen sich zwar zunächst nur im Mansfelder Seekreis ab, und unmittelbare Gefahr für Ruhe und Ordnung in der Stadt Halle besteht nicht. Aber man befürchtet täglich ein Übergreifen der Bewegung.
Wir müssen Tag und Nacht auf unserem Verbindungshaus zum Abruf bereit sein. Dieses Warten ist entsetzlich langweilig und aufregend zugleich. Genaue Nachrichten über Art und Umfang der Unruhen bekommen wir nicht, aber dafür schwirren fortwährend die tollsten Gerüchte umher. So soll eine technische Hundertschaft der Schutzpolizei Halle von der Hoelzschen Bande unter unsagbaren Grausamkeiten zu Tode gemartert worden sein.
Ich bin zwar fest überzeugt, dass an diesen Gräuelnachrichten kein wahres Wort ist, aber in der trostlosen Unausgefülltheit dieser Tage begrüßen wir selbst eine Tatarennachricht freudig: man hat endlich wieder einen Diskussionsstoff.
Wir spielen Tag und Nacht Karten und trinken.
In einer solchen Nacht, in der uns ein strikter Befehl der Orgesch-Leitung daran hindert, in unseren Wohnungen ins Bett zu gehen, feiern Webach und ich ein wehmütiges Wiedersehen mit Leutnant Walter von der Nachrichtenabteilung.
Wir haben ihn monatelang nicht mehr gesehen, darum begrüßen wir sein plötzliches Auftauchen jetzt mit großem Hallo. Sein Apparatist aufgelöst worden, und seitdem hat Walter ein Pöstchen in der Orgesch.
Aber er lehnt unsere Zurufe mit ernstem Gesicht ab und ruft in den Lärm des Kneipzimmers, in dem wir auf Tischen und Bänken liegen und sitzen: „Ruhe!"
„Ich wollte Ihnen nur ausrichten, dass vor einer halben Stunde das Haus des Corps Borussia von einer Mine in die Luft gesprengt worden ist. Hoelz hat Sprengkommandos organisiert, die sämtliche Verbindungshäuser Halles niederlegen sollen. Ich würde Ihnen daher raten, Wachen auszustellen."
Webach lacht herzlich und rücksichtslos: „Du bist komplett verrückt! Ich denke gar nicht daran, wegen deiner Latrinenparolen vielleicht noch draußen Posten zu stehen."
Walter ist immer noch der Alte. Er kann gar nicht anders leben als in dem ewigen Hin und Her falscher Meldungen. Ich bin überzeugt, er ist jetzt sehr glücklich. Denn er kann sich überall wichtig machen und ist wieder der große Mann mit den dicken Informationen.
Aber trotz Webachs Protest werden Wachen ausgestellt. Ein paar Bundesbrüder wollen nun sogar die Detonation der Mine gehört haben. Sie sind erst von der Unwahrheit dieser Mitteilung überzeugt, wie sie am Morgen das Haus des Corps Borussia völlig unbeschädigt auf seiner alten Stelle stehen sehen.
Am nächsten Tag werden wir dann überraschend von der Orgesch angefordert. In der Rossplatzkaserne begrüßt uns ein Schupooffizier sehr höflich und fragt uns, ob wir bereit seien, für einige Zeit die Schutzpolizei zu unterstützen. Er gibt auch genau an, was wir dabei verdienen.
Selbstverständlich sind wir alle bereit. Aber der Offizier hat seine Bedenken: ein paar von uns, deren Gesichter allzu auffallend von Schmissen entstellt sind, werden wieder nach Hause geschickt. Wir anderen, die wir die Zeichen unserer akademischen Würde nur auf dem Schädel tragen, werden der Obhut eines Wachtmeisters übergeben und verwandeln uns auf der Kleiderkammer in Polizeibeamte.
Es gibt ein großes Hallo, wie man uns die Uniformen verpasst. Damit wir nicht alle gleich aussehen, bekommt einer die Uniform eines Hilfswachtmeisters, der andere darf als Oberwachtmeister herumgehen, und ein ganz besonders Bevorzugter erhält sogar die silberdurchwirkten Raupen eines Hauptwachtmeisters.
Aus irgend einem Grunde bestimmt der dicke Wachtmeister mich zum Vorgesetzten der zwanzig Mann, mit denen ich zusammen eingekleidet worden bin, und schickt mich zum Adjutanten des Schupokommandos, Polizeileutnant Rabe.
Dort melde ich vorschriftsmäßig: „Zwanzig Freiwillige der sechsten Kompanie Organisation Escherich Halle."
Rabe grüßt höflich und freundlich und dankt uns in kurzer Rede für unser aufopferungsvolles Eintreten für Ruhe und Ordnung. Er sagt mit todernstem Gesicht: „Ich weiß, wie hoch ich Ihnen die Bereitwilligkeit anzurechnen habe, mit der Sie Ihr Studium auf einige Wochen unterbrechen."
Wir lachen laut los, da sagt er gemütlich: „Na schön, dann will ich sagen: hoffentlich amüsieren Sie sich gut bei uns!"
Dann erläutert er uns die Kampflage. Die Abteilung Hoelz sei südwestlich von Halle aufgerieben worden, ein Trupp unbestimmter Stärke sei nach Osten ausgewichen. Wir sollten versuchen, den Verbleib dieser „Banditen" festzustellen.
Eine Radfahrpatrouille wird zusammengestellt. Rabe überträgt mir das Kommando, obgleich ich darauf hinweise, dass viele von den neu eingetretenen „Beamten" weit ältere Soldaten sind.
Es hilft nichts: ich bin der Führer einer Radfahrpatrouille von zehn Mann. Die Leute, mit denen ich fahren soll, kenne ich kaum, es ist keiner meiner Bundesbrüder darunter. Wie wir uns in einer Garage die Räder abholen, nähert sich mir unauffällig ein älterer Mensch: „Gestatten: Meyer. Verzeihen Sie, Herr Kommilitone, wissen Sie, wie eine Radfahrpatrouille fahren muss?"
„Keine Ahnung!" gebe ich hastig und leise zurück.
Meyer klärt mich auf: „Die eine Hälfte der Patrouille fährt auf der linken, die andere auf der rechten Straßenseite, der Führer in der Mitte."
Ich danke ihm herzlich und lasse vor unsrer Abfahrt meine Kameraden noch einmal antreten. Mit möglichst selbstverständlicher Stimme sage ich zu ihnen: „Meine Herren, ich nehme an, Sie wissen über eine Radfahrpatrouille Bescheid? Scheint nicht so. Also: die eine Hälfte der Abteilung fährt auf der rechten, die andere auf der linken Straßenseite. Verstanden?"
Dann fahren wir in die Nacht hinein. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wie wir an der letzten Straßenpatrouille der Schupo vorüberfahren und die beiden Leute vor mir stramm salutieren.
Von Hoelz sehen wir nichts. Wir fahren etwa zehn Kilometer nach Norden. Mir ist sehr unbehaglich zumute, und ich habe furchtbare Angst, mich zu blamieren.
Nachdem wir etwa eine Stunde auf der Chaussee gefahren sind, hören wir in einiger Entfernung Schüsse. Ich lasse halten. Die anderen „Beamten" zeigen nicht gerade übertriebene Lust, dem Schall der Schüsse nachzufahren. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Damit nur überhaupt etwas geschieht, lasse ich Meyer mit drei anderen Leuten in einen Seitenweg abbiegen, nachdem wir einen bestimmten Treffpunkt verabredet haben.
Dann besetzen wir den Bahnhof Teicha. Es macht mir großen Spaß, dem Stationsvorsteher meinen Ausweis zu zeigen und das Bahntelefon für unsere Zwecke zu beschlagnahmen. Der arme Kerl saß gerade bei seiner Monatsabrechnung, als wir ans Fenster klopften, und atmete erleichtert auf, als er statt Hoelz eine Schupopatrouille erblickte.
Ich telefoniere an Leutnant Rabe, dass wir Schießen hören, und bekomme den Befehl, weiterzufahren.
Wieder auf der dunklen Chaussee, überlege ich mir unsere Lage. Höchstens fünf Kilometer vor uns müssen sich Leute der Hoelzschen Truppe befinden. Ich weiß nicht, wie viele es sind. Kann ich meine sechs Kameraden in die Gefahr bringen, aufs Geratewohl eine überlegene Abteilung anzugreifen?
Wenn sie nur nicht dem Schall der Schüsse nachfahren und die Abteilung angreifen wollen! Ich darf mich doch nicht so blamieren!
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Da tritt ein Kommilitone namens Bauer an mich heran: „Sie, sagen Sie mal, sollen wir uns da wirklich in unangenehme Sachen einlassen? Ich habe offen gestanden nicht die geringste Lust, mir hier ein Ding vorn Brägen zu holen. Sie vielleicht? Für die paar Pfennige, die die Schupo uns zahlt?"
„Nee," sage ich ehrlich und erleichtert.
Es ergibt sich, dass die anderen meinen Entschluss, Hoelz Hoelz sein zu lassen und an dem verabredeten Treffpunkt auf Meyer und seine Leute zu warten, durchaus begrüßen. Wir fahren also zu der Chausseekreuzung zurück und warten.
Wir warten eine Stunde, zwei Stunden.
Ich mache mir entsetzliche Vorwürfe. Wie konnte ich die vier Mann auch einfach ins Ungewisse schicken? Gewiss, — Meyer ist ein alter Soldat. Aber wenn ihnen nun etwas passiert? Ich könnte mein Leben lang nicht wieder froh werden.
War es nicht überhaupt eine Gemeinheit von mir, aus purer Eitelkeit die Führung dieser Patrouille zu übernehmen?
Vom Bahnhof Teicha aus telefoniere ich mit Leutnant Rabe und erzähle ihm von dem Unglück. Er befiehlt mir, sofort zurückzukommen, und wir machen uns auf den traurigen Heimweg.
Hinter mir höre ich Bauer sagen: „Ich hatte gleich so ein dummes Gefühl, als ob wir heute Nacht noch Pech haben würden."
Vollkommen zerschlagen mache ich meine Meldung. Rabe tröstet mich: so etwas könne jedem mal passieren, und ich sollte mir keine Gedanken machen...
Aber was hilft das alles?
Wie ich mich schlafen lege, höre ich gerade die Lastautos abfahren, die die Hoelzsche Truppe abfangen wollen.
Nach zwei Stunden werde ich geweckt: Meyer und seine drei Leute hocken stumpfsinnig um einen Tisch. Sie sehen bleich und verstört aus.
„Um Gotteswillen, was ist geschehen?" rufe ich sie an.
Bauer lacht: „Besoffen sind sie, weiter nichts."
Die vier haben sich in einem Dorf, das auf ihrer Route lag, bei Grog und Schnaps festgetrunken und sind eben erst angekommen.
Ich sage Rabe sofort Bescheid. Aber trotzdem lese ich in der Abendzeitung, dass auf das Konto der Hoelzschen Bande wahrscheinlich auch noch vier Schupobeamte kommen, die von einer Patrouille nicht zurückgekehrt sind...
Der mitteldeutsche Aufstand des Jahres 1921 wird mit Hilfe von Reichswehrtruppen und Schutzpolizei niedergeworfen. Eine große Anzahl Arbeiter wird im Leuna-Werk gefangen genommen, nachdem man die Fabrik ausgiebig mit schwerer Artillerie beschossen hat.
Uns berührt das wenig: wir machen Straßendienst, freuen uns, wenn ein Bekannter uns in unsrer Schupouniform erkennt, bewachen Eisenbahnbrücken und Fabriken und langweilen uns schändlich.
Vierzehn Tage später werden wir entlassen. Ein Schupooffizier erscheint bei uns und dankt uns mit wohlgesetzten Worten für unsern Opfermut. Wir hören ihn gelangweilt an und streichen unsern Sold ein. Bald denkt keiner von uns ehemaligen Schupobeamten mehr an diese Zeit.
Aber in der Orgesch denkt man daran. Ich bekomme plötzlich die Aufforderung, einen Bericht über die Radfahrpatrouille zu schreiben, den ich persönlich dem Vorstand der Ortsgruppe Halle überreichen soll.
Ich verabrede mich mit meinen Kameraden und dichte einen hochdramatischen Bericht, der zugleich dem Mut der Mannschaft wie der Umsicht des Führers ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. Ich bekomme wegen dieses Berichts, an dem kaum ein wahres Wort ist, ein großes Lob des Orgesch-Vorsitzenden.
Das ist ein Oberstleutnant, der eben erst aus dem Dienst der Reichswehr ausgeschieden ist...
In den Ferien, die diesem Intermezzo bei der Schutzpolizei folgen, verreise ich. Halle kaum im Rücken, befällt es mich wie eine Krankheit: ich beginne über mich und mein Tun nachzudenken, über alles, was ich in den letzten drei Jahren erlebte. Dunkel und schmerzlich erkenne ich, dass ich die Brücken hinter mir zerstören muss, dass ich verloren bin für den Weg, der einem „jungen Mann aus gutem Hause" vorgezeichnet ist.
Warum kann ich diesen Weg nicht wie alle meine Freunde und Verwandten ruhig gehen? Warum muss ich überall nach Sinn und Ziel fragen? Warum fühle ich mich trostlos, fremd und verlassen unter diesen Menschen, die doch „meinesgleichen" sind? Zu denen ich doch gehöre?
Gehöre ich wirklich noch zu ihnen? Habe ich noch etwas mit ihnen gemein? Wecken die tönenden Worte, die mich mit ihnen verbinden, nicht schon seit Jahr und Tag ein stummes Echo des Zweifels in mir?
Ich habe zu früh und zu lange für Ruhe und Ordnung gekämpft, nun kann ich in dieser Ordnung — zwischen Saufgelagen, Weibern und Mensuren — nicht mehr leben...

 

RUHE UND ORDNUNG...

Im nächsten Semester gehe ich nicht wieder nach Halle zurück. Ich bitte von Jena aus meine Burschenschaft um meine Entlassung. Sie wird mir in Form des nicht eben ehrenvollen „Rats zum Austritt" gewährt.
Aber trotz meinem Ausscheiden aus der Korporation komme ich von meiner Vergangenheit nicht so schnell los. In jeder neuen Universitätsstadt, in die ich übersiedle, treffe ich alte Bekannte, die es mir einfach nicht glauben wollen, dass ich ein Andrer geworden bin...
In einem einfachen, billigen Restaurant in Jena werde ich beim Mittagessen auf einen Streit aufmerksam, der sich an einem Nebentisch erhebt. Der Kellner schimpft auf einen Herrn, der sein Essen nicht bezahlen kann. Der Gast kommt mir bekannt vor. Es ist Schiebel.
Ich helfe ihm aus der Verlegenheit, und er erzählt mir von seinem Schicksal. Er ist zum zweiten Mal durchs Referendarexamen gefallen; sein Vater hat ihm jede Unterstützung entzogen.
„Wovon lebst du denn?" frage ich ihn.
Schiebel lächelt: „Das wirst du gleich sehen," sagt er und geht in eine Buchhandlung. Nach einigen Minuten kommt er mit einem dicken wissenschaftlichen Werk unter dem Arm wieder heraus. Er hat es auf Kredit gekauft und verkauft es sofort beim nächsten Antiquar, an dem wir auf unserm Wege vorbeikommen.
„Lange kann ich das allerdings nicht mehr machen," sagt er besorgt. „Ich bin jetzt bald bei allen Buchhändlern in Jena bekannt."
Er sieht schlecht aus. Sein Anzug ist abgetragen und sein Gesicht mager und ungesund. Ich frage ihn vorsichtig:
„Das kann doch mit dir nicht so weiter gehen?"
„Gott sei Dank ist jetzt in Oberschlesien gerade wieder was los," sagt Schiebel erleichtert. „Ich habe mich schon als Freiwilliger gemeldet. Soll heute Bescheid bekommen. Willst du nicht mit?"
Ich schüttle den Kopf, aber Schiebel lässt nicht locker. Ich soll wenigstens mitkommen und mir anhören, was der Werbeoffizier sagt. Schiebel tut sehr geheimnisvoll. Es darf nämlich keiner wissen, dass überhaupt Freiwillige für Oberschlesien angeworben werden. Die
Regierung versichert bei jeder Gelegenheit, die Freiwilligen, die in Oberschlesien kämpfen, seien da beheimatet.
Wir halten vor dem Hause einer Verbindung. Der Portier öffnet uns und fragt nach unseren Wünschen. Schiebel legt die Hand an den Mund und flüstert: „O. S."
Wir werden eingelassen und gehen eine Treppe hinunter. In einem Kellerzimmer, das als Trinkstube ausgestattet ist, sitzen an langen Tischen etwa zwanzig Studenten. Bei unserm Eintritt erhebt sich ein Herr und stellt sich als „Oberleutnant Scholz" vor.
Wir nehmen Platz. Der Werbeoffizier erzählt weiter, und ich habe Muße genug, ihn mir zu betrachten. Ein noch sehr junger Mann mit frischem Gesicht, hoher Stirn und stechenden, kleinen Augen. Die Studenten — meist ungediente Leute — hängen wie gebannt an seinen Lippen.
„Es ist eine Freude, zu sehen, wie jeder einzelne von unseren Freiwilligen sich für die gute Sache einsetzt. Meine Herren, ich bin vier Jahre im Felde gewesen, aber solche Heldentaten wie in Oberschlesien habe ich selten zu Gesicht bekommen. Das liegt natürlich daran, dass wir uns unsere Leute ganz genau aussuchen. Wir können da selbstverständlich nur erstklassige Kerle gebrauchen, entschlossene und gewandte Leute, die wissen, was sie Deutschlands Ehre schuldig sind."
Und dann erzählt der Freikorpsoffizier von wütenden Kämpfen mit den Polacken; von Strolchen, die man einfach ohne Gnade an Chausseebäumen aufknüpft, oder denen man eine Kugel vor den Kopf schießt; von einem Vorgesetzten, der auf seinem Schimmel wie der Teufel durch wahnsinniges Feuer reitet, und den niemals eine Kugel trifft; von Polenmädchen, denen man den Hintern vollhaut und das Nötige besorgt.
„Also, meine Herren, wenn Sie uns helfen wollen, in Oberschlesien Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, dann sind Sie uns willkommen. Wir können jeden echten deutschen Mann gebrauchen."
Viele von den Studenten schlagen sofort in die Hand ein, die ihnen der Werber entgegenstreckt. Heute Abend schon soll ein Transport nach Oberschlesien abgehen. Schiebel will auch mit.
Wir bleiben bis zur Abfahrt des Zuges zusammen. Der Werber hat Schiebel ein paar Mark gegeben, die er jetzt vertrinkt. Er glüht vor Begeisterung:
„Mensch! Endlich mal wieder ein anständiges Leben! Ich verstehe gar nicht, warum du nicht auch mitkommst. Kannst du dir denn was Schöneres vorstellen, als so'n kleinen Krieg mit Zubehör? Denk' doch mal an unsere Zeit im Freikorps, war das nicht großartig?"
Schiebel redet sich in immer größere Begeisterung hinein und wird immer betrunkener. Ich fürchte, nach ein paar Minuten wird er anfangen, zu weinen und sein elendes Leben zu bejammern. Ich schleppe ihn in ein Kino, bis die Zeit zur Abfahrt gekommen ist.
Schiebel ist jetzt ganz still geworden: „Was soll ich denn sonst tun, was? Sag' mir einen Ausweg, und ich bleibe hier. Was soll ich denn sonst tun, wie?"
Ich weiß es nicht. Mir ist elend vor Mitleid. Schiebels Gepäck besteht aus einer Zahnbürste und einem Paar wollner Strümpfe, die er in der Manteltasche trägt.
Am Bahnhof trinken wir noch einige Gläser Bier. Endlich ist es soweit. Die fünfzehn Mann besteigen den Zug. Außer mir sind noch andere Studenten da, die ihre Freunde begleitet haben.
Der Zug setzt sich in Bewegung. Ein junger Kerl stimmt das Deutschlandlied an. Das letzte, was ich von den Freiwilligen sehe, ist dieses kinderjunge Gesicht, das sich in unheimlicher Begeisterung förmlich verzerrt:
„...von der Etsch bis an den Belt..."
Wenige Wochen später finde ich in den Hallischen Nachrichten, die ich aus alter Anhänglichkeit immer noch lese, eine Todesanzeige: „Unser hoffnungsvoller Sohn". „Im Kampf um Deutschlands Ehre". Darüber ein Eisernes Kreuz und der Bibelspruch: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde."
Schiebel ist bei der Erstürmung des Annabergs in der Nähe von Kandrzin gefallen.
Jahre später, zur Zeit der Ruhrbesetzung, treffe ich in München auf der Straße den Freiherrn von Vogel. Er erzählt mir, dass er in der Zwischenzeit in Oberschlesien gewesen ist und schwer verwundet wurde.
„Was machst du hier in München?" frage ich.
Vogel sieht scheu an mir vorbei: „Ich habe die unbedingte Gewissheit, dass von München noch einmal die Erneuerung Deutschlands aus-
gehen wird," sagt er. „Wir werden endlich mal in dem roten Berlin Ordnung schaffen. Es kann nicht mehr lange dauern. Hitler und Ludendorff werden es schon schaffen."
Ich äußere meinen Zweifel daran, dass sie es schaffen werden. Vogel sieht so maßlos erstaunt aus, dass ich fast lachen muss.
„Vollkommen irrsinnig!" stellt er fest. „Komm mal mit, sieh dir mal die Leute an, die für unsere gerechte Sache kämpfen wollen, und dann urteile!"
Wir gehen nach Schwabing. In einer obskuren Kneipe tagt da ein Stammtisch von etwa zwanzig Studenten, die sämtlich der Brigade Ehrhardt und den nationalsozialistischen Sturmabteilungen angehören. Fast alles Norddeutsche. Sie haben schon oft in Berlin, in München, Hamburg, Leipzig und in Oberschlesien für Ruhe und Ordnung gekämpft.
Da sitzen dreißigjährige Mediziner, die das Physikum noch nicht gemacht haben, ebenso alte Techniker, die sich auf das Vorexamen vorbereiten wollen, arme Kerle, die wegen einer Maß Bier, die sie nicht bezahlen können, sich mit der Kellnerin streiten...
Und alle reden sie mit funkelnden Augen von dem bevorstehenden Marsch nach Berlin, wo sie Ordnung schaffen wollen.
Später sprechen sie von militärischen Dingen. Ein, aufgesoffener Mecklenburger ist der Kommandant von Ehrhardts schwerer Artillerie. Er raucht eine halblange Pfeife und gibt sachverständige Auskünfte über die Schusswirkung seiner Mörser, die einstweilen von der Reichswehr in Ordnung gehalten werden.
Ein andrer junger Herr ist schon sehr betrunken. Er heißt von Brose und beschwert sich darüber, dass er immer noch nicht weiß, ob seine Minenwerfer Pferdebespannung bekommen, oder ob sie auf Autos gesetzt werden sollen.
Einen dritten redet man nur mit Spitznamen an. Er ist an dem Salzsäureattentat auf Scheidemann beteiligt gewesen, hält sich unter falschem Namen in München auf und ist im Büro der Reichswehrinfanterieschule angestellt.
Augenblicklich schimpft er auf den Senatspräsidenten Schmidt vom Reichsgericht. Der soll zu einem völkischen Angeklagten, der sich aus einer Sache herausschwindeln wollte, gesagt haben: „Lügen Sie nicht! Das mag völkisch sein, — deutsch ist es nicht." Der Scheidemann-Attentäter knurrt zwischen
Dann schlägt der Student Saiten mit seinem Spazierstock eine Gaslaterne ein...
Vogel besucht mich häufig und macht mich mit anderen seiner Kameraden bekannt. Jeden neuen Freund, den er mir vorstellt, kenne ich, obgleich ich ihn nie gesehen habe. Sie studieren, waren früher Offiziere, haben jetzt in irgendeiner nationalen Organisation eine meist kümmerlich bezahlte Stellung und warten auf das Wunderbare, das sie diesem kleinen Alltagsleben entreißen soll.
Ich kenne sie alle, denn sie sind sich alle gleich, und ich war selbst einst wie sie.
Einer dieser Bekannten Vogels, Schuster, kommt eines Tages in meine Wohnung gestürzt. Er hat einen funkelnagelneuen Sportanzug an. In der Hand schwenkt er triumphierend einen Fünfzigtausendmarkschein. Soviel Geld hat er eigentlich im ganzen Monat nicht zu verzehren.
„Wollen Sie mit?" fragt er drängend.
„Wohin?"
„Ins Ruhrgebiet, Brücken sprengen." Und dann erzählt mir Schuster freudestrahlend, er sei zu einem Kommando ausersehen worden, das im besetzten Gebiet Sabotageakte ausführen soll. Er ist ganz außer sich:
den Zähnen hervor: „Das Schwein ist der Nächste, der dran kommt!"
Redakteure vom „Völkischen Beobachter" erscheinen, schimpfen und trinken in einem fort. In Abständen von zehn Minuten sagt der eine von ihnen: „Der gehört geschächtet!" Das gilt jedes Mal einem Politiker, den man sich gerade durch die Zähne zieht.
Zwei Stunden später sind alle sinnlos betrunken. Ein sehr junger Student legt plötzlich seinen Kopf an meine Schulter und schluchzt: „Ahes, was mein lieber, lieber Führer von Brose befiehlt, das tue ich!"
Von Brose ist sehr aufgeregt: er soll kein Bier mehr bekommen, weil die Polizeistunde schon vorbei ist.
„Meine braven Minenwerfer werden schon noch eine Maß besorgen," brüllt er, un sofort springen zwei junge Leute auf und reden beschwörend auf die Kellnerin ein.
Freiherr von Vogel schläft, den Kopf auf di Tischplatte gelegt. Er wartet auf die Befreiung Deutschlands, die von München ausgehen wird.
Ich gehe. Noch auf der Straße höre ich durch die geschlossenen Fenster Broses Kreischen: „...endlich mal Ordnung schaffen..."
„Mensch, fein! Endlich mal wieder ein anständiges Leben! Endlich kann man sich mal wieder nützlich machen! Ich bekomme ein Motorrad und zwanzigtausend Mark täglich. Heute Abend fahre ich schon ab nach Karlsruhe, wo ich eingeteilt werden soll."
Gestern Abend hat draußen in Prinz-Lüdwigshöhe eine Besprechung stattgefunden. In der Villa eines berühmten Generals, der die Sache organisiert.
Ich frage Schuster nicht nach dem Namen. Ich weiß ja, dass es Ludendorff ist.
„Wie ist es, wollen Sie nicht mit?"
Ich schüttle schweigend den Kopf.
Schuster sieht mich ganz verständnislos an, aber er ist viel zu glücklich, um sich irgendwelche Gedanken über den Grund meiner Weigerung zu machen. Ich versuche auch gar nicht, ihn zum Bleiben zu bewegen. Ich weiß ja doch: ich würde Phrasen zu hören bekommen, gegen die es keine Argumente gibt, und würde ihm niemals die Überzeugung, dass durch solche Sabotageakte das Ruhrgebiet von den Franzosen befreit werden könne, ausreden.
Er braucht ja diesen Glauben. Sonst müsste er beschämt und entsetzt erkennen, dass hinter seinen Gefühlen, die er in jene Phrasen kleidet, ein Rest steht, den kein tönendes Pathos auflösen kann.
Und dieser Rest heißt: „Ein Motorrad und zwanzigtausend Mark täglich."

 

...UND KEIN ENDE

Jahre sind vergangen.
Ruhe und Ordnung sind zu historischen Begriffen geworden. Oberschlesien ist gerettet. Hitler und Ludendorff blieben Episoden. Das Ruhrgebiet ist lange schon von den Franzosen geräumt. Eine neue Generation wächst heran, die von jenen unruhigen Zeiten kaum noch etwas weiß...
An einem friedlichen Herbstsonntag, auf einem Ausflug, stoße ich am Rand eines Waldes auf etwa dreißig junge Leute mit Windjacken und Feldmützen. Ich bleibe stehen: sie haben eine Art Schützengraben aufgeworfen und starren gespannt nach vorne, wo über eine Wiese eine dünne Schwarmlinie näher kommt. Ich höre Kommandorufe:
„Sprung auf — Marsch, marsch!"
Dann bricht ein ohrenbetäubender Lärm im Graben los. Mit Trommelschlägen wird Maschinengewehrfeuer markiert.
Die Schwarmlinie geht zum Sturm vor. Die gleichen Uniformen, das gleiche Geschrei: „Hurra! Hurra!"
Dicht vor mir springt ein kleiner Kerl auf. Er reißt mit beiden Händen Grasbüschel aus dem Boden und wirft sie gegen die Stürmenden. Dazu schreit er mit heller, lustiger Kinderstimme:
„Handgranaten! Handgranaten!"
Die Trommeln rasseln immer noch.
Der Junge ruft seinen „Feinden" mit höhnendem Triumph zu:
„Ho! Ihr seid ja alle tot! Lauft direkt ins Maschinengewehr hinein!"
Neue Kommandos. Das Gefecht wird abgeblasen. Der Führer, ein großer Mann mit Schmissen im Gesicht, lässt die jungen Leute antreten und hält Kritik.
Ich trete näher. Ist das nicht...
Den breiten Durchzieher hat ihm doch Mirbach damals auf der schweren Säbelmensur geschlagen?
Es ist Webach, mein Freund, der dort den Jungens die Gefechtslage klar macht.
Jetzt lässt er die jungen Leute wegtreten und im Grase lagern. Ich gehe auf ihn zu.
Webach sieht mich unsicher an. Er erkennt mich, aber er weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll. Denn ich bin damals nicht eben im Guten von der Burschenschaft geschieden. Nach kurzem Zögern streckt er mir lächelnd die Hand hin:
„Lange nicht gesehen."
„Allerhand Jahre," sage ich nachdenklich.
Webach erzählt mir, dass er jetzt hier Gerichtsassessor sei.
„Und das da?" frage ich mit einer Handbewegung auf die jungen Leute in Uniform.
„Na ja," sagt er lächelnd, „irgendwie muss man sich doch noch ein bisschen betätigen. Soviel wie früher gibt es ja jetzt für uns nicht mehr zu tun. Waren doch schöne Zeiten damals im Freikorps und in der Nachrichtenabteilung, was?"
Er wartet meine Zustimmung gar nicht erst ab. „Na ja, und darum muss man doch wenigstens die jungen Leute erziehen, damit alles klappt, wenn's mal so weit ist."
Dieser Herr in der grauen Windjacke war einst mein Freund Webach, mit dem ich drei Jahre lang Tag für Tag zusammen gewesen bin...
Mein Schweigen fällt Webach auf: „Sagst ja gar nichts?"
Was soll ich auch sagen?
„Ich denke darüber schon lange ganz anders als du," antwortete ich schließlich lächelnd. „Wozu willst du denn die jungen Leute erziehen?"
„Dazu, dass sie ihre Pflicht tun und ihren Mann stehen, wenn es einmal so weit ist. Genau so wie wir damals unsern Mann gestanden haben."
„Und wofür haben wir eigentlich ,unsern Mann gestanden'?"
„Das weißt du nicht?" fragt Webach sehr erstaunt. „Für unser deutsches Vaterland und unsre Ehre! Dafür haben wir unser Leben aufs Spiel gesetzt und unser Blut vergossen."
„Ach Webach, wir haben getrunken, Karten gespielt und viel Geld verdient. Und manchmal haben wir auch auf die Arbeiter geschossen. Aber wozu, — heute weiß ich es, aber damals habe ich es nicht gewusst."
„Wir haben doch Ruhe und Ordnung erkämpft und Deutschland vor dem Chaos gerettet!"
„Wir haben die bestehende Gesellschaftsordnung vor dem Untergang geschützt und fühlten uns wohl in der Unruhe, die wir im Kampf für Ruhe und Ordnung hervorriefen."
„Bestehende Gesellschaftsordnung, — du redest ja wie die Latjer! Wir schützten unser Vaterland, das Deutschtum, Kultur..."
„...und das Privateigentum. Missbrauchen ließen wir uns. Wir haben für Ideale gehalten, was nichts als gefährliche Phrasen waren, die uns das wirkliche Leben versperrten und unsere Seelen vergifteten."
„Alles Unsinn! Man hat uns gelehrt, unsre Pflicht zu tun. Man hat uns zu Vaterlandsliebe, Tatkraft und Aufopferung erzogen, denn wir waren junge Leute und hatten keine Ahnung, worauf es im Leben ankommt."
„Ja: wir waren junge Leute und fragten nicht viel, was wir taten."
Webach unterdrückt seine Antwort, denn einer der jungen Menschen ist zu uns herangeschlendert und will unserm Gespräch zuhören. Webach wendet sich hastig an ihn: „Geht mal da drüben zu der Chausseekreuzung und schätzt Entfernungen! Wie weit es zum Beispiel von der Kreuzung bis zum Kirchturm ist oder bis zu dem gegenüberliegenden Seeufer."
Der Junge geht. Ich lächle: „Er darf wohl nicht hören, was wir hier sprechen?"
„Nein," sagt Webach sehr ruhig. „Das würde ihn nur auf unnütze Gedanken bringen."
„Unnütz? Für wen? Für die Jugend, oder für die Herren, in deren Hand ihr nichts als Schachfiguren seid, — du samt deinen Jungen? Wenn’s nach denen ginge, dürfte die Jugend überhaupt nicht denken."
„Wozu auch? Erst sollen die Kerlchen gehorchen lernen und sich sagen lassen, was ihre Pflicht ist. Man sieht es ja an dir, wohin man mit diesem selbständigen Denken kommt!"
„Und wohin seid ihr gekommen?"
„Wir? Zur Erkenntnis unserer Aufgabe: Widerstandsgeist und Wehrwillen zu wecken und so die Befreiung Deutschlands vorzubereiten." Webach lächelt bitter: „Es ist traurig, zu sehen, dass ein Mann wie du seiner Vergangenheit untreu geworden ist. Und jetzt hältst du mich vielleicht sogar für einen schlechten Kerl, weil ich nach wie vor zu unsrer Sache stehe?"
„Ach, wenn es so einfach wäre! Wenn es hier nur um gute oder schlechte Menschen ginge! Aber du willst nicht sehen, was du tust. Du bist verstrickt in Vorurteile, die dir Abstammung und Erziehung aufgezwungen haben."
„Hör' auf! Das kenne ich schon: an allem soll das System schuld sein. Dieser jüdische Schwindel zieht bei mir nicht! Du bist zum Verräter geworden, und nichts weiter."
„Wenn du es so nennst: ja. Ich bin zum Verräter geworden an einer Klasse von Menschen, deren Zeit bald vorbei ist. Und ich freue mich noch, dass ich den Mut dazu gefunden habe."
Webach will gehen. Er zögert, mir die Hand zu geben. „Ich darf wohl nicht sagen ,Auf Wiedersehen'?" Seine Stimme stockt. „Wenn wir uns wieder sehen, dann stehen wir alten Kameraden vielleicht auf verschiedenen Seiten und kämpfen gegeneinander?"
Ich zucke die Achseln.
Webach sieht mich ernst an. „Dann leb' wohl!" sagt er und wendet sich ab.
Er lässt seine Abteilung antreten. Ich höre seine Kommandos.
Aber noch einmal kommt er auf mich zu. Ich sehe ihm an: es fällt ihm schwer, so von mir zu gehen.
„Mensch!" flüstert er heiser und zeigt auf die Truppe. „Lacht dir denn nicht das Herz im Leibe, wenn du so etwas siehst? Willst du dich denn von dieser Jugend beschämen lassen?"
„Ich will!"
Webach salutiert militärisch. Seine Hacken knallen zusammen. Im Weggehen ruft er mir noch zu, — und es ist Drohung und Triumph zugleich: „Unsre Sache marschiert!"
Ich sehe ihm nach, wie er zu der Abteilung zurückspringt.
Gut sieht er aus in der enganliegenden Uniform mit dem blanken gelben Lederzeug, den Sturmriemen unterm Kinn. Die Jungen werden für ihn durchs Feuer gehen, denke ich mir.
„Still gestanden!" gellt sein Kommando.
Die Körper der jungen Leute straffen sich. Ihre Augen hängen wie gebannt an den Lippen des Führers. Ihre Gesichter sehen plötzlich alle gleich aus. Herzklopfende und atemraubende Gespanntheit liegt über der Kindertruppe...
Webach schnarrt: „Abteilung — marsch!!"